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»Judenlümmel« (in der amerikanischen Originalfassung »Jew Boy«) ist die Geschichte eines Jungen, der in den Fünfzigerjahren als Sohn einer Holocaust-Überlebenden in der Bronx aufwächst und alles versucht, seiner Mutter und ihren Opfergeschichten aus dem Zweiten Weltkrieg zu entkommen. Er flüchtet aus dem familiären Wahnsinn, aber er kann den Dämonen seiner Kindheit nicht entfliehen. Seine Odyssee bringt ihn in den Westen der USA, in einen Kibbuz in Israel, dann als Kämpfer in die Israelische Armee und schließlich kehrt er schwer alkoholsüchtig in die Staaten zurück, wo er sich als Obdachloser in den Straßen von New York, rund um den Tompkins Square, wiederfindet. Die Rettung für ihn ist am Ende die Literatur. Alan Kaufman bezieht seine große literarische Kraft aus einer Fülle von Erlebniswelten, die nicht alltäglich sind. Er schreibt hart, direkt und ohne Schnörkel, aber auch mit einem bitteren, jüdischen Humor.
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Seitenzahl: 695
Veröffentlichungsjahr: 2014
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ist in der Bronx, NY aufgewachsen und lebt heute in San Francisco. In den Neunzigerjahren entstand in den USA eine neue literarische Bewegung: Fast über Nacht traten Spoken Word Poeten im ganzen Land an die Öffentlichkeit.
Begabte Autoren aus jenen Bevölkerungsschichten (Afro-Amerikaner, Obdachlose, Latinos, Juden, Asiaten, arbeitslose Weiße), die von der Härte der Reagan/Bush-Ära vor allem betroffen waren, artikulierten sich mit politisch engagierten Texten. In Lesungen und Auftritten im ganzen Land, in Underground-Auditorien, wie dem Wordland in San Francisco, der Green Mill Tavern in Chascago oder dem Nuyorican Poets Cafe in New York City berichtete diese neue Dichtergeneration von der Brutalität und Härte des Überlebenskampfes im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Ihre Botschaften wurden zum inoffiziellen Nachrichtendienst, zum CNN des Undergrounds, wie Alan Kaufman es einmal beschrieb.
Werke von Alan Kaufman in englischer Sprache:
Matches, a novel
Drunken Angel, a memoir
Jew Boy, a memoir
Who Are We?, poems
Straightjacket Elegies, poems
The Outlaw Bible of American Poetry, an anthology
The Outlaw Bible of American Literature, an anthology
The Outlaw Bible of American Essays, an anthology
The New Generation, an anthology
In der Edition BAES ist 2013 der Gedichtband Zwangsjackenelegien in der Übersetzung von Jürgen Schneider erschienen.
Jürgen Schneider lebt mal hier, mal dort auf dem Boden der Tatsachen. Er übersetzte für die Edition BAES bereits Gedichte von Alan Kaufman (Zwangsjackenelegien), von Jack Hirschman (Wer trägt Sorge) und ruth weiss (A Parallel Planet Of People And Places). Er wurde 2014 als Übersetzer mit dem Kathy Acker Award for the Achievement in the Avant Garde ausgezeichnet. Sein Roman RMX erschien 2011 im Karin Kramer Verlag, Berlin.
Kindheitsgeschichten
Das Vorsingen
Der purpurne Jude
Asthma
Der Tod von JFK
Textilwaren
Wichse
Bar Mitzwa
Narben
Es wird Blut fließen
Augen
Der Fluss
Die Unheilige Allianz
Das N-Wort
Der Kamm
Unschuldige Bürschchen
Footballkopf
Mr. Greenhouse
In den Güterzug klettern
Das Darlehen
Denver
Der Güterzug
Unter Dichtern und Dieben
Die Fischteiche
Einberufung
Der Magier
Durchsuchungsaktion
Die Zeit, in der ich Engel zeichnete
Die Dinge, die Carl Little Crow und ich zusammen unternahmen,um in San Francisco nüchtern zu bleiben
Auf der Autobahn
EPILOG: Dachau
Wer sind wir?
Es war 23 Uhr. Mein Vater hatte sich eine Stunde zuvor auf den Weg zur Nachtschicht bei der Post gemacht. Ich musste am nächsten Tag zur Schule und lag bereits im Bett. Doch sie weckte mich mit ihrem Schluchzen auf. Ich rieb mir die Augen, ging zu ihr und fragte: »Was ist denn los, Mami? Warum weinst du?«
Sie saß auf dem Bett, neben sich einen aufgeklappten Koffer. Ihr Gesicht war dunkelrot, ihr Haar ganz zerzaust und Tränen liefen ihr über die Wangen.
»Er war so jung, so jung, ein junger Mann noch, doch sie haben ihn umgebracht.«
»Mami, meinst du Mario?«
»Ja, Mario. Natürlich meine ich Mario. Ihr versteht nichts. Ihr wisst nicht einmal, wie schlecht es mir geht, du und dein Bruder und euer dummer Vater, verdammt noch mal!«
»Bitte, Mami«, sagte ich, während ich am Bein meiner Schlafanzughose herumfingerte, »weine nicht. Ich werde uns ein prächtiges Haus bauen! Du wirst sehen! Wie Eddie Fisher.« Ich wollte sie umarmen, doch sie schob mich weg.
»Aber sicher doch«, antwortete sie. Die Skepsis in ihrer Stimme tat mir in der Seele weh. Ich kam mir wie ein Narr vor, weil ich an ihren Traum glaubte, mich zu einem Gesangsstar zu machen.
Für mich war es eigentlich gar kein Traum mehr, sondern bereits Realität, und es würde nur noch eine Weile dauern, bis wir mit dem Bau des Pools würden beginnen können. Ich verstand nicht, warum der Pool so wichtig war, denn sie mochte den Strand nicht, und ich konnte nicht schwimmen. Er sollte aber gebaut werden. Bald würde ich wie die von ihr vergötterte Shirley Temple in Filmen mitwirken. Im wirklichen Leben waren sie und Shirley während des Krieges ungefähr im gleichen Alter. Beide hatten blondes Haar und blaue Augen. Doch während die eine vor der Kamera zur Leierkastenmusik Stepp tanzte, versteckte sich die andere, von schrecklicher Angst geplagt, in einem Hühnerstall, während sich SS-Männer auf der Suche nach Juden in der Nähe herumtrieben. Mario war ein italienischer Partisan und Tenor, der von den Deutschen ermordet wurde. In ihrem gemeinsamen Versteck sang er für meine Mutter ›Santa Lucia‹, sein Lieblingslied. Die Partisanen operierten in den Bergen des Nordens, wo sie einen Kleinkrieg gegen Heinrich Himmlers Totenkopfdivision führten, und wo sie, eine geflüchtete französische Jüdin, auf Dynamitkisten schlief. Einmal sah sie, wie einem Spitzel durch den Mund geschossen wurde, und als sie später an dieser Stelle vorbeikam, scharrte sie mit der Zehe im Gras, wodurch sein Haar zum Vorschein kam: er war aufrecht begraben worden. Diese Einheit war zwar kommunistisch, es gehörten aber auch katholische Kämpfer zu ihr. Da man dem Spitzel eine horizontale Beerdigung verweigert hatte, würde seine Seele nie in den Himmel kommen. Mario wurde wegen des Verrats dieses Spitzels umgebracht. Zunächst war er grausam gefoltert worden, dann hatte man ihn auf den Marktplatz geführt, ihm ein rotes Tuch umgehängt, um ihn als Kommunisten auszuweisen, und ihn dann öffentlich gehängt. Meine Mutter beobachtete dies durch ein Fernrohr von ihrem Versteck in den Bergen.
»Mario hatte eine so wunderbare Stimme! Ein zukünftiger Eddie Fisher, so gutaussehend.«
»Hast du ihn geliebt?«, fragte ich.
»Nein! Er war nicht mein Geliebter«, antwortete sie indigniert, »nein, ich habe ihn nicht geliebt, aber er war ein Freund.« Insgeheim vermutete ich jedoch, dass sie ihn doch geliebt hatte.
Ich saß auf ihrem Bett, zwischen uns der geöffnete Koffer – den sie valise nannte und in dem sich alte, vergilbte Fotografien befanden. Sie zog den Schnappschuss von dem grinsenden, jungen Mann mit den schwarzen Locken heraus, der lässig an einem Baum lehnte. Ich hatte das Foto bereits tausendmal gesehen.
»Das ist Mario«, sagte sie mit glänzenden Augen. Ist Mario der Grund, so fragte ich mich gequält, warum ich Tag und Nacht üben muss, damit ich ›Santa Lucia‹ meistere? Daran hatte ich noch nie gedacht. Weil ich die Antwort beinahe fürchtete, fragte ich mit zitternder Stimme: »Hat Mario dieses Lied gut gesungen?«
Sie antwortete: »Keiner hat es so gesungen wie er. Wenn du es doch auch nur so gut singen könntest. Aber das wird dir wohl nie gelingen.« Die unerwartete Geringschätzung glich einem überraschenden Messerstich in meinen Bauch. Mein Verständnis von meinem Leben, von ihrem Leben, der ganze Sinn des Lebens, meine ganze Hoffnung verflüchtigte sich, ohne dass ich etwas dagegen tun konnte. Wie würde ich ihre geraubte Kindheit aufwiegen? Wie würde ich der mir zugewiesenen Bestimmung als Erlöser nachkommen? Seit dem Tag meiner Geburt wurde mir glauben gemacht, ich sei das messianische Versprechen, das sich aus der Asche der Vernichtung erhoben hat. Hollywood würde für uns alle das Tor zu einem neuen Leben öffnen. Doch gerade eben war es ganz plötzlich zugeschlagen. Ich stand nackt davor und schämte mich, ein kleiner Junge, fett und nicht talentiert genug, um zum Vorsingen eingeladen zu werden und der Liebe seiner Mutter würdig zu sein.
Doch vielleicht sah selbst sie nun wie unhaltbar dies war, auch für sie selber. Niemand von uns beiden konnte es sich leisten, nicht zu träumen. Wir waren von Realität umgeben, einem unerträglichen Gefängnis. Die Dunkelheit der Bronx mit den heulenden Sirenen, dem Gekeife der Nachbarn, dem Bellen streunender Hunde, dies alles hing in der Luft, bedrohlich, bedrückend. Ihre Stimme drang durch, bebte voller Abscheu ob ihrer eigenen Lügen, während sie sich zwang, diese zu wiederholen, denn sie hatte der Wahrheit ins Gesicht geschaut, war aber davor zurückgeschreckt. »Du könntest es schaffen ... wenn du dich anstrengen würdest. Aber ... du willst ja nicht ... üben. Du willst nicht auf mich hören.«
»Ich werde auf dich hören, ich werde auf dich hören«, keuchte ich voller Dankbarkeit. »Doch, doch, ich werde auf dich hören, Mami, ich schwöre es bei allem, was mir heilig ist.« Ich war froh, dass ich mich wieder meines Vorhabens besann, wenn mein Selbstvertrauen auch von leichten Zweifeln erschüttert war. Ich machte weiter. Meine Psyche kannte keinen anderen Weg. Ich begann zu weinen, zu flehen: »Bitte, glaube an mich, oh, bitte, Mami. « Sie warf mir einen Blick zu wie noch nie zuvor, einen Blick, den ich nicht kennen konnte, da ich noch zu jung war, um ihn als Ausdruck des Wahnsinns zu deuten. Sie sagte mit vorwurfsvoller Stimme: »Er sang so wunderschön, und sie töteten ihn. Sie ermordeten ihn. Und du, du bereitest deiner armen Mutter, die durch die Hölle gegangen ist, Kummer.« Sie fing an zu jammern: »Ich hatte solche Hoffnungen in dich gesetzt. Doch du bist geworden wie dein Vater. Sieh ihn dir an! Was besitzen wir denn? Nichts!«
»Nein, Mami, nein, bitte. Sag das nicht! Bitte! O Gott! Bitte nein ...« Während meine Stimme versagte, wurde mit jedem Wort, das sie von sich gab, der Abgrund tiefer, und ich hatte das Gefühl, dass es daraus kein Entrinnen gibt. Wutentbrannt sagte sie: »Du wirst enden wie er! Dich zugrunde richten! Bei der Post, für nichts. Putz-Arbeit. Du wirst ein putz werden wie dein Vater! Du wirst sehen!«
»Nein, Mami!«, schrie ich. Daraufhin versetzte sie mir eine schallende Ohrfeige und dann noch eine zweite. Fassungslos hielt ich den Mund. Der Körper steif, die Schultern hochgezogen, die Fäuste geballt, den Schock in den weit geöffneten Augen, stöhnte ich gequält. Sie wiederum fing an, hin und her, vor und zurück zu gehen und mit gespenstischer Stimme vor sich hinzuschimpfen: »Das habe ich davon, dass ich deinen Vater geheiratet habe. Das habe ich davon. Hätte ich doch nur auf meine Eltern gehört, die zu mir gesagt haben: ›Mashala, heirate ihn nicht. Er kann dir nichts bieten. Du wirst arm bleiben. Er ist ein gewöhnlicher, armer Schlucker.‹ Und was habe ich jetzt? Einen Sohn, der Widerworte gibt.« Ich heulte, wie leid es mir täte, ach so leid, doch ich stieß auf taube Ohren. Sie verschwand, und ich hörte, wie sie im Schrank wühlte und sich dann in die Küche begab, wo sie eine Schublade aufzerrte und laut die Utensilien schepperten. Ich wagte mich jedoch nicht, mich zu rühren, und beschloss, dass es sicherer sei, im Wohnzimmer zu bleiben, die Augen fest zugekniffen, so dass ihre Suche von mir ungesehen vonstatten ginge, als würde Blindheit mich irgendwie schützen können. Ich wusste, dass ich im dicksten Schlamassel steckte. Mir war klar, es würde mehr setzen als nur die übliche Ohrfeige. Mein Instinkt sagte mir, es wäre das Beste, schnell eine Ecke zu finden und sich darin mit dem Gesicht zur Wand zu verkriechen. Als könne meine Weigerung, die Augen zu öffnen und das Ereignis zu ertragen, dieses irgendwie verhindern.
Ich rannte zur Wand, verbarg meine Augen in einem Arm und heulte mit all der Überzeugung, die ich aufbringen konnte: »Nein, nein, bitte nein.« Sachte und sanft, ein Appell an ein gütiges Universum. Sie packte mich am Arm und zog mich zu einem Stuhl, den sie mitten ins Zimmer gestellt hatte. Daneben auf dem Boden lagen ein Drahtkleiderbügel und ein Rollholz. Meine Augen wandten sich schnell davon ab. Ich wagte nicht hinzuschauen. Sie saß auf dem Stuhl und streckte mir ihre Hände hin. »Nimm sie«, befahl sie, »und sing ›Santa Lucia‹.« Ich sah, wie mein Bruder Howard aus dem Schlafzimmer das Geschehen ängstlich beobachtete. Meine Augen trafen mit einem stummen Appell auf die seinen. Doch was hätte er tun können? Seine aus Hilflosigkeit zusammengepressten Lippen waren die einzige Unterstützung, die er bieten konnte. Ich war allein. Das völlige Alleinsein in dieser misslichen Lage ließ mich verzweifeln. Ich verlor die Fassung und heulte los. Sie schnappte sich das Rollholz und schlug mir damit auf den Arm, der reflexartig nach oben schoss. Ein Schmerz durchzog meinen Ellbogen. Ich schrie und stürzte los. Sie nahm die Verfolgung auf, und es gelang ihr, erneut meinen Arm zu treffen. Dann ließ sie das Rollholz fallen und rannte, um den Drahtkleiderbügel zu holen. Dieser zischte wieder und wieder in aller Heftigkeit auf mich herab. Es überraschte mich, meine eigene Stimme zu vernehmen; es war, als hörte ich aus der Ferne ständig einen abgewürgten Schrei. Sie zerrte mich bei den Haaren zum Stuhl und bellte: »Sing!« Sie griff nach meinen Händen: »Schau mir in die Augen, wenn du singst.«
»San-ta«, hob ich an, kaum in der Lage, das Wort mit den Lippen zu formen. Sie verabreichte mir eine Ohrfeige. »›Santa Lucia‹. Sing schon!« Sie summte die Melodie als würde ich sie nicht kennen. Als hätte ich nicht tausendmal geübt, dieses Lied zu singen. Als sei mein ganzes Leben nicht darauf ausgerichtet gewesen, es so gut zu singen wie Eddie Fisher, damit ich ihr ein Haus mit einem großen Swimmingpool bauen konnte. Ich hatte immer gedacht, ich könnte es gut genug singen, um mich im Showbusiness durchzusetzen, nun aber musste ich es mindestens so gut singen wie Mario oder sogar besser als er.
Sie schlug mich, und ich sang. Und jedes Mal, wenn sie mich mit Schlägen traktierte, geschah dies, um meine Wiedergabe einer Phrase oder Strophe zu perfektionieren. Ich wurde buchstäblich gestimmt wie ein Instrument, doch mit Schmerzen, Schlägen, Hieben, damit ich so gut sang wie es einst ein Geist getan hatte. Ich weiß nicht, ob ich so gut gesungen habe, aber auf einmal sang ich, während sie ruhig zuhörte. Sie bestand nicht länger darauf, dass ich ihr in die Augen sah. Vielleicht ließ der Anblick meines Gesichtes die Illusion von meiner Darbietung erlöschen, denn, ob ich sang oder nicht, an Mario konnte ich beim besten Willen nicht heranreichen. Mit meiner Stimme konnte ich vielleicht aber eine Ahnung von ihm heraufbeschwören, und ich sang sehr schön. Ich sang mit Verständnis. Ich sang mit unerwarteter italienischer Empathie.
Ich sang besser als Shirley Temple, besser als Eddie Fisher und sogar besser als Mario, glaube ich.
In der Schule war er durchschnittlich, unauffällig, sein etwas dümmliches Gesicht versteckt hinter einer schwarzen Hornbrille mit dicken Korrekturlinsen, durch die er einen glasäugig anstierte wie ein bizarrer, nahezu blinder Höhlenfisch aus ozeanischen Tiefen. Doch wenn nach der achten Unterrichtsstunde die Schulglocke läutete, eilte Bruce Weiss mit dem Eifer eines durchgeknallten Kali-Verehrers aus unserer Welt auf die surrealen Seiten eines animierten Marvel-Comics. Hätte man ihm befohlen, im Namen seines Comicstrip-Paradigmas zu morden, hätte er es sicher getan. Er war ein Fan von Spiderman, lange bevor die meisten überhaupt von diesem mit Problemen kämpfenden Superhelden gehört hatten, und ahmte diesen Wandkletterer in jedem Detail nach, bis hin zu einer perfekten Imitation von Peter Parker, dem Alter Ego des Netzkopfes. Nach einer Weile wurde Bruce Weiss allerdings klar, dass es nur einen wahren Spiderman auf der Welt geben konnte, sodass er einen Helden erfand, in dessen Haut er schlüpfen konnte: Voodoo Kid. In einem brillant geschneiderten Superheld-Kostüm schlich er im Viertel herum, trieb Unfug und richtete Unheil an, und mein Bruder Howard nahm in seiner Rolle als Bruces persönlicher Kameramann alles mit einer 8mm-Kamera von Bell & Howell auf. Das Filmmaterial sollte für einen zukünftigen Voodoo-Kid-Streifen verwendet werden.
Bruce bewies eine große Vorliebe für Crosspromotion. Es gab auch einen mit Tusche zu Papier gebrachten Voodoo-Kid-Comic, der vervielfältigt und im Selbstverlag veröffentlicht wurde, sowie ein Plastikspielzeugmodell von Voodoo Kid, das Bob Weiss, der Vater von Bruce, gebastelt hatte, ein professioneller Illustrator, der nicht nur die Fantasiewelt seines Sohnes förderte, sondern auch Howie und mich dazu bewog, Comicbuchsammler zu werden.
Vater und Sohn bewohnten ein schäbiges Schlafzimmer, das zu einer Werkstatt für ihre kapriziösen Beschäftigungen umgebaut worden war und in dem sie laut über die Fantastic Four, den Incredible Hulk und Doctor Strange sprachen, als wären sie blutsverwandt mit ihnen. Angeblich gab es irgendwo auch eine Frau Weiss, die man jedoch nie sah: Howie und ich vermuteten, dass sie tot war, ermordet, weil sie nicht der Obsession von Bruce und Bob frönen konnte.
Auf jedem verfügbaren Quadratzentimeter der verstaubten Möbeloberfläche standen per Hand gefertigte Plastikmodelle von Superhelden, von diversen Spiderman-Figuren bis hin zu Daredevil. Auf einem Küchentisch mit Tintenfässern, Zeichenstiften und großen Panel-Blättern zeichnete Bob die Strips, die er in »Underground-Zines« von San Francisco veröffentlichte und die sich durch eine groteske Überfülle an tropfender Rotze, sabbernden Lippen und übertrieben großen Penissen mit Menschengesichtern auszeichneten. Mit den Raritäten seines Comic-Archivs, die an der Wand hingen, hätte man genug Schuhkartons füllen können, um damit einen ganzen Laden zuzustellen; diese rangen um Platz mit Stapeln an nicht abgeschickten Exemplaren seines persönlichen Newsletters, Bob’s Comix World, in dem er Tipps für rare Comicbuchausgaben gab, neben Preisangaben von zwei-bis dreihundert Dollar für ein »Sammlerstück«.
Bob, dessen massiger Leib auf einem knarrenden Stuhl ruhte, wischte sich mit einem schmutzigen Taschentuch den Schweiß vom Gesicht und sagte: »Wie ihr seht, lässt sich in diesem Geschäft des Comicsammelns reichlich Kohle machen.«
Um reich zu werden, so erklärte er, suchte man einfach in Secondhandläden oder in den Schränken der eigenen Freunde und Verwandten nach Erst-, Zweit- und Drittauflagen, klaute oder kaufte sie und bewahrte sie in Plastikhüllen auf, die er für fünf Cent das Stück im Bronx Hobby Shop, Jerome Avenue, gekauft hatte. Die Schätze wurden dann bei Raumtemperatur in Schuhkartons oder Aktenmappen gelagert, die mit dem Reihentitel und den Nummern versehen waren. Zum Beispiel: AVENGERS # 1–9 oder X-MEN # 6–15. Die teuersten Exemplare waren entweder Erstausgaben oder aber solche, in denen es um den Ursprung der Verwandlung des Superhelden von einem gewöhnlichen Sterblichen in einen kostümierten Rächer ging.
Ich liebte die Grandiosität des Wortes »Ursprung« und sehnte den Tag herbei, an dem ich so berühmt sein würde, dass Jungs an den seltsamsten Orten von meinen »Ursprüngen« als etwas exotisch weit Entferntem, etwas Fantastischem reden würden.
Manchmal tauchten die Ursprünge eines speziellen Superhelden nur zufällig in einer Publikationsreihe anderen Namens auf. So wurden zum Beispiel die Ursprünge von Spiderman erstmals in einer Geschichte dargestellt, die in Amazing Fantasy # 15 erschien, in einem Probelauf von nur einem Heft, bevor die Nachfrage der Fans zu seiner eigenen Reihe führte. Natürlich war der Besitz eines solchen Heftes gleichzusetzen mit dem der verschollenen Bundeslade.
Mein persönlicher Held war Captain America (Ursprung in AVENGERS # 4), dessen rot-weiß-blaue Strumpfhosen eine amerikanische Essentialität symbolisierten, die ich als Sohn einer französisch-jüdischen Holocaust-Überlebenden ersehnte. Da sie abgeschnitten war von der gewöhnlichen amerikanischen Lebenswelt, nicht nur durch ihren Akzent, sondern aufgrund ihres Überlebens eines historischen Ereignisses von solch extremer Grausamkeit und Größenordnung, dass sie die von Gewalt geprägte Bronx ziemlich unschuldig wirken ließ, fühlte ich mich dem Land meiner Geburt entfremdet, hatte ich ein ambivalentes Gefühl gegenüber meinen eigenen Ursprüngen. Doch Captain America, der nach einer früheren Karriere im Zweiten Weltkrieg als Kämpfer gegen die Nazis aus einem 21 Jahre währenden Schlaf im Eis erwacht, wusste – wie es mir schien – sehr gut Bescheid über die Gaskammern und Massengräber. Dies brachte ihn meinen Erfahrungen näher als andere Figuren.
Sein Kumpel Bucky hatte sich während des »Blitz« über London in die Luft gesprengt, als er versuchte, eine wegen ihres Knatterns buzz bomb genannte »V1« der Nazis zu entschärfen. Captain America fiel voller Verzweiflung in den Nordatlantik und erstarrte in einem Eisberg. Zwei Jahrzehnte später taute ihn ein Forscherteam auf; er trug immer noch seine rot-weiß-blauen Klamotten. Als er zu sich kam, wütete die alte Verzweiflung wieder so frisch, als sei nur eine Minute vergangen. Beduselt fand er sich gefangen zwischen Gegenwart und Vergangenheit, historisch gesprochen unsicher, in welchem Zeitalter oder an welchem Ort er sich befand – in exakt demselben Dilemma wie ich.
Bob versprach, wenn unsere Sammlung angewachsen sei, könnten wir sie zu einer Comicbuch-Börse karren, um dort zu tauschen oder zu verkaufen. Durch geschicktes Handeln könnten wir nicht nur viele Tausend Dollar einheimsen, sondern auch unsere Bestände konsolidieren und deren Wert vervielfachen.
»Wo finden denn diese Börsen statt?«, fragte ich erwartungsfroh.
»Überall im Land«, antwortete Bob, »in Boston, Miami ... es kommt auf die Sammlervereine an. Ihr müsst euch darüber keine Gedanken machen, ich vertrete euch gerne. Ich bin mir sicher, dass ich ein paar großartige Deals für euch machen kann.«
Dieses Thema war damit erledigt. Anschließend zeigte uns Bob, wie er Plastiksuperhelden modellierte, und das zehn Jahre bevor diese Dinger in Fabriken massenhaft von den Fließbändern rollten. Für die Grundform von Captain America benutzte er das existierende Modell eines römischen Gladiators, und mit einem Lötkolben und dem schmelzenden Draht eines Kleiderbügels, wie ihn meine Mutter benutzte, um mich zu schlagen, formte er langsam und geduldig Muskeln und Maske. Ich zitterte bei dem Anblick, wie mein Held aus dem Schlaginstrument entstand, mit dem mir Schmerzen bereitet wurden. Bob kam mir vor wie ein Gott. Langsam und geduldig malte er Caps Kleidung auf. Dann folgten, aus losen Plastikteilen geformt und mit matter Emailfarbe bemalt, kleine Maskenflügel und Caps Schild. Bob hatte Pinsel, die so fein waren, dass man damit Wimpern auf den Kopf einer winzigen Figurine malen konnte. Er zeigte uns einen Pinsel, der nur aus einem einzigen Haar bestand. »Seht euch den an«, sagte er und drehte ihn vor dem Licht, vor einem von einer nackten Birne an der Decke angestrahlten Seil, über das vor dem Hintergrund schmutziger Bronx-Küchenwände Träume und Helden spazierten.
Bruce, maskiert und mit Umhang, überredete uns, an Filmaufnahmen für einen Voodoo-Kid-Film teilzunehmen. Ich sollte einen FBI-Agenten spielen, der sich an Voodoo Kids Fersen heftet. Für die Rolle lieh mir Bruce ein Jackett, und Bob bändigte mein widerspenstiges Haar mit einer auffällig riechenden Pomade. Ich schreckte vor der Berührung mit seinen Wurstfingern zurück, hielt dann aber still, war er doch der Schlüssel zu meinen künftigen Comicbuchmillionen.
Wir schlüpften nach draußen auf die düsteren, fast völlig menschenleeren Straßen. Unser erster Halt: eine Gasse, in der ich meine Kamera erhob, während Howie und Bruce ihre Köpfe zusammensteckten, um sich zu besprechen. Dann trat Bruce zur Seite, wobei sich im Mundloch der Maske sein dämliches Grinsen zeigte.
»Okay«, beschied er mir, »was immer auch passiert, achte darauf, dass du alles filmst, und hör nicht auf damit, bevor ich es dir sage.«
Er zeigte mir, wie man die Kamera hält und welche Tasten zu bedienen sind. Dann sah er am Ende der Gasse nach rechts und nach links und sagte: »Alles klar! Action!«
Ich hob die Kamera.
Nun tauchte Howie auf, ein schurkischer Hindu-Mystiker, auf dem Kopf einen aus einem Strandtuch gefertigten Turban mit der Aufschrift: NATHAN’S ORIGINAL CONEY ISLAND HOT DOGS. Mit finsterem Blick stolzierte er zu einer Reihe von großen Alu-Abfallkübeln, schnappte sich einen, hob ihn über den Kopf und setzte für die Kamera ein wütendes Gesicht auf. Dann drehte er sich um und wuchtete den Abfallkübel durch das Fenster einer Parterrewohnung. Das Glas zersplitterte mit einem ohrenbetäubenden Lärm. Die Kamera wackelte in meinen Händen.
»Was sollte das denn?«, rief ich.
»Dreh weiter!«, befahl Bruce. Er richtete das Objektiv aus, sprang auf Howies Rücken und ritt auf ihm durch die Gasse. Howie markierte den Dicken und knurrte. Währenddessen schob eine schockierte und wütende alte Schrulle ihren Kopf durch die kaputte Scheibe und brüllte: »Was zum Teufel ist denn hier draußen los?! Polizei! Polizei!«
»Dreh weiter!«, fauchte Bruce.
»Nichts da!«, rief ich und rannte.
Bruce und Howie schlossen ungefähr sechs Blocks weiter zu mir auf, während Polizeisirenen an uns vorüberheulten.
»Du hast es vermasselt! Du hast es vermasselt!«, zeterte Bruce verzweifelt. »Schau dir das an! Wir hätten Polizeiwagen und Cops mit gezückten Knarren filmen können! Du hast es vermasselt!«
»Das tut mir leid«, erwiderte ich, »aber ich will keinen Ärger.«
Howie schüttelte den Kopf und lächelte traurig. »Weißt du, wie viel Kohle sie für eine solche Szene in Hollywood blechen müssten? Und wir hätten die reale Szene umsonst im Kasten haben können.«
»Sei’s drum«, sagte Bruce. »Lasst uns die nächste Szene drehen. Wir müssen zur Townsend Avenue.«
Wir liefen im Zickzack durch die Straßen und drückten uns an die Hauswände, um den Streifenwagen zu entgehen, die auf der Suche nach uns waren. In der Townsend Avenue machten wir Halt vor einem hohen Protzbau mit einer Gegensprechanlage. Bruce drückte alle Klingelknöpfe, und es ertönte eine Kakophonie von Stimmen: »Wer ist da? Ja?« Schließlich öffnete uns einer, der bescheuert genug war, die Tür.
Wir fuhren mit dem Fahrstuhl zum Dach hinauf und traten durch die Ausgangstür ins Freie. Vor uns erstreckte sich das hässliche Labyrinth der rußigen Bronx. Wir konnten das Yankee-Stadion sowie das nahe gelegene Gericht der Bronx sehen. Alles endete bei der Brücke an der 149ten Straße im Smog, aus dem der einzige Fluchtweg die Todesroute zu sein schien, hoch in den Himmel.
»Da ist sie«, sagte Bruce und ging auf eine Kiste zu. Er griff hinein und brachte eine Puppe aus zusammengenähten Kopfkissen zum Vorschein, die ein nachgemachtes Voodoo-Kid-Outfit trug. Die Puppe war genauso groß wie Bruce.
»Howie, schnapp dir die Kamera, und wenn ich dir ein Zeichen gebe, filmst du!«
Bruce hob die Puppe in die Höhe, legte sich deren »Hände« um den Hals und kommandierte: »Alan, binde sie fest!« Ich band die Puppenhände mit den angenähten Strippen fest und verknotete diese hinter Bruces Hals, der Kopf der Puppe auf seiner Brust.
Bruce rief: »Kamera ab!«
»Dies«, so sprach er in die Kamera, »ist mein finsteres Double, geschickt von meinem Erzfeind Krockton, um mich kaltzumachen.« Vor der dreckigen Stadtkulisse rangen Regisseur und Puppe wild miteinander. Bruce und sein Spiegelbild wälzten sich auf dem heißen Teer und knallten gegen Belüftungsöffnungen, Bruces Schädel nun nur noch wenige Zentimeter von den enthauptenden Ventilatorblättern entfernt. Einmal hing er so weit über den Rand des Daches, dass ich sein Bein packte, um ihn zu retten.
»Hör auf damit«, keuchte er, »und verschwinde aus dem Bild! Dreh weiter!«
Schließlich fand das Duell ein Ende, wenn auch ohne eindeutiges Ergebnis.
»Nun, wer hat gewonnen?«, fragte ich.
»Es ist noch nicht vorbei«, japste er unmaskiert. Er missbilligte meine Ungeduld. »Howie, nimm Alan mit. Du weißt ja, was zu tun ist.«
»Komm schon«, sagte Howie mit sanftem Nachdruck. Wir stürmten die Feuerleiter hinab, zehn Stockwerke mindestens, um keinen Hausbewohnern zu begegnen. Unten angekommen, überquerten wir die Straße, um möglichst das gesamte Gebäude im Blick zu haben. Howie richtete die Kamera nach oben. »Okay!«, rief er durch seine zu einem Trichter geformten Hände. Doch es passierte nichts. Der Ruf erreichte Bruce nicht. Ein technisches Problem. »Alan, du musst mit mir brüllen!«
»Okaaayyyy!«, jaulten wir gemeinsam.
In diesem Augenblick tauchten die Köpfe von Voodoo Kid und seinem tödlichen Double auf. Die beiden lieferten sich einen erbitterten Kampf, als plötzlich die Luft von einem entsetzlichen Schrei durchschnitten wurde. Die Voodoo-Kid-Puppe stürzte zur Erde, wo sie auf dem Kopf eines Jungen aufschlug, der unten zufällig sein Fahrrad entlangschob. Der Junge fiel zu Boden. Howie filmte mit einer Hartnäckigkeit weiter, die ich nur bewundern konnte. Ich hatte die Straße schon zur Hälfte überquert und rief: »Ist alles okay bei dir?«, während ich den langsam fahrenden Autos auswich. Ich half dem benommenen Jungen auf die Beine.
»Was zum Teufel ist das denn?«, zischte er und stieß die Voodoo-Kid-Imitation von sich.
»Wir drehen einen Film«, sagte ich. »Entschuldige bitte.«
»Ach ja? Na, wie find’ ich denn das, Mann?! Vollmeise, was?« Er hob sein Fahrrad auf, drehte das Hinterrad, stellte fest, dass die Gänge funktionierten, seufzte erleichtert, schaute die auf dem Boden liegende Puppe, mich und dann Howard an, der – es war kaum zu glauben – auf der anderen Straßenseite immer noch filmte, sagte »Blöder Scheiß, Mann! Blöder Scheiß!« und setzte seinen Weg fort.
Bruce kam mit ausgestreckten Armen und gespreizten Fingern aus dem Gebäude geeilt und gab bescheuerte Proklamationen und Anweisungen von sich: »Ruhe bewahren! Alle die Ruhe bewahren! Hilfe ist auf dem Weg! Dieser Mann braucht einen Krankenwagen. Ich habe alles gesehen!«
»Bruce«, sagte ich trocken, »der Kerl ist bereits weg. Vergiss es.«
Auf der anderen Straßenseite krümmte sich Howie vor Lachen und blökte: »Hast du Bruces Hände gesehen? Seine Finger? Wie Peter Parker, wie Spiderman! Bruce, du spinnst! Du bist Spiderman!«
Das Allererste, was ich als angehender Comicbuchsammler benötigte, war Investitionskapital. Ich besorgte mir also einen Job und arbeitete zwei Nachmittage die Woche im örtlichen Schreibwarenladen. Meine Mutter war völlig damit einverstanden, und selbst mein Vater nickte, gähnte am Abendessentisch und sagte: »Oh, ja? Das ist gut. Arbeiten ist gut.«
Bei der Arbeit fand ich es allerdings schwer, Instruktionen zu begreifen oder mich auf eine Aufgabe zu konzentrieren. Der Laden war eng, bis zur Decke mit billigen Spielsachen, Grußkarten, Notizbüchern usw. gefüllt, und man konnte sich nirgendwo hinsetzen. Der Besitzer war Mr. Shwab, ein rundlicher, glatzköpfiger Mann mit einem stark pinkfarbenen Gesicht, der tagaus, tagein das selbe kurzärmelige Hemd und die selbe Fliege trug – der Laden stank nach seinem Schweiß. Er erklärte mir lang und breit, wie ich in den Regalen und im Lager etwas finden würde. Ich nickte, als hätte ich es einigermaßen verstanden, doch sobald er sich entfernte, vergaß ich auf der Stelle alles. Folglich stand ich da wie angewurzelt, die Ohren knallrot vor Scham, das Herz pochend, als er voller Ungeduld rief: »Alan? Bringst du mir die Bleistifte Nummer Zwei, um die ich dich gebeten hatte. Unser Kunde wartet schon.« Ich eilte zu den Regalen, zog Krepppapierrollen heraus, wodurch Schachteln mit Gummiringen zu Boden fielen und zum lauten Pumpern meines Herzens die kostbare Zeit des Kunden verschwendet wurde. Schließlich stand der Schreibwarenhändler neben mir und flüsterte aufgebracht: »Hier! Die Stifte sind hier! Du musst nur dem Code folgen, wie ich es dir gezeigt habe.«
Durch die plötzliche Erleuchtung erleichtert, atmete ich auf: »Ohhhhhhhhh, da sind sie also.« Doch nur wenige Augenblicke später kam wieder Dunkelheit über mich und ich stand da, die Hände in den Hosentaschen, und fürchtete den nächsten Kunden.
Einmal kam meine Mutter herein, die zweifellos davon ausging, ihr Junggenie auf einem Hocker hinter der Kasse anzutreffen, wo es lächelnd die Preise eintippte und Höflichkeiten mit den Kunden austauschte und ein Bataillon von Verkäufern dirigierte, die mit Bleistiften der Nummer Zwei hinter dem Ohr herumeilten, während der Chef hinter der Ladentheke saß und zufrieden strahlte. Stattdessen fand sie mich im hintersten Winkel, ängstlich versteckt hinter einem sich drehenden Magic-Marker-Ständer.
»Was machst du denn hier hinten?«, fragte sie enttäuscht. »Warum bist du denn nicht vorne und hilfst Mr. Shwab?«
»Er will, dass ich hier bin«, log ich.
»Los«, sagte sie verärgert, »stell mich deinem Boss vor.«
Er hatte keine Zeit für Smalltalk, da er mit einem Kunden beschäftigt war, doch die Stimme meiner Mutter dröhnte weiter, während Shwab steif nickte. Ich hörte, wie sie die Worte sagte: »Er ist brillant.« Und: »Ein kleiner Einstein.« Shwab sah nicht sehr überzeugt aus, lächelte aber verkrampft. Sie murmelte ein überschwängliches Dankeschön. Er entschuldigte sich dafür, dass er so beschäftigt war. Eine Woche später wurde ich gefeuert.
Ich holte meine fünfzehn Dollar ab und arbeitete fortan in dem anderen Schreibwarenladen, der sich in der gleichen Straße befand. Der Ladenbesitzer zahlte mir die Hälfte meines früheren Lohns. Mir erging es bei ihm allerdings besser. Mr. Caspetti, ein schlanker Mann Ende dreißig, trug legere, sportliche Kleidung wie mein Vater und war nicht besonders an der Servicequalität interessiert, sondern an den Umsatzzahlen.
Im Lagerraum herrschte ein einziges Chaos: Gummiringe und Bleistiftspitzer türmten sich in einer Schachtel, Lineale verfingen sich in Drachenschnur, Loseblattordner lagen schon so lange herum, dass schwache Glühbirnen deren Silhouetten in das billige Papier gebrannt hatten, mit dem die Regalbretter kaschiert waren. Ich trat einer kleinen Armee inkompetenter Kobolde bei, die »schwarz« arbeiteten.
Die anderen Jungs in meiner Schicht waren Tony und Buzzy. Tony war ein schmächtiger Italienerjunge, der mit einem mit Farbe beklecksten schwarzen T-Shirt zur Arbeit erschien, das die verblasste Aufschrift TRIUMPH MOTORCYCLES trug. Ich hätte mein Leben geopfert, um ein solches Kleidungsstück mein Eigen nennen zu können. Buzzy war ein sommersprossiger, pummeliger irischer Junge mit einem Bürstenhaarschnitt und einer komisch vorstehenden Unterlippe. Natürlich war Tony unser Anführer.
Unsere Aufgabe bestand darin, ihm bewundernd bei der Arbeit zuzusehen und »Donnerwetter, Tony« zu sagen oder »Junge, Junge, hast du das prima hinbekommen.« Es spornte ihn an, dass wir ihn, inkompetent wie wir waren, in den höchsten Tönen lobten. Auf unsere ständigen und überschwänglichen Entschuldigungen reagierte er freundlich und besänftigte uns.
»Ach, das ist okay. Seht mal, so werdet ihr es finden ...« Wir hörten zu, nickten eifrig, doch sobald sein Vortrag beendet war, herrschte in unseren Oberstübchen wieder friedliche Leere. Warum sollten wir uns die Mühe machen, etwas zu lernen? Tony würde es schon erledigen.
Mr. Caspetti schien mit unserem Arrangement zufrieden zu sein. Er kam nicht ein einziges Mal nach hinten in den Laden, um nachzusehen, was wir trieben. Wurde etwas aus dem Lager benötigt, fand Tony es, und wir trugen es nach vorne.
»Wie läuft es hinten?«, fragte Mr. Caspetti mit einem kurzen, indifferenten Seitenblick, während ich ihm den gewünschten Stift oder die Schachtel mit den Büroklammern überreichte.
»Großartig!«, lautete meine knappe Antwort, und ich kehrte pflichtbewusst nach hinten zurück. Ich verdiente fünfzehn Dollar die Woche, ohne dass irgendwelche Fragen gestellt wurden. Tony hetzte durch den Schreibwarendschungel, und ich war baff erstaunt, wenn er fand, wonach ich gesucht hatte.
Mit Bargeld versehen, entdeckte ich mit Howie im Nu ein lokales Netzwerk von Secondhandbuchläden, in denen wir nach Sammlerstücken suchen konnten. Diese Läden stellten für mich eine neue und aufschlussreiche Welt für sich dar. Die alten Bücher umgab eine Aura des Aufgegebenseins. Die prominent ausgestellten Exemplare wurden nicht wegen ihrer heldenhaften Rarität als wertvoll erachtet, sondern wegen ihrer reißerischen Aufmachung, wie etwa Die Gesammelten Werke des Marquis de Sade oder Massenmörder in Amerika. Ich öffnete das de Sade-Buch einen Spalt weit, las ein, zwei Seiten über weiße Haut, die gepeitscht wird, über gefesselte Hände, kecke Brüste, das Flehen nach Gnade, Lustschreie, klappte es zu und machte beschämt eine rasche Tour durch die Welt der Massenmörder, gaffte Schwarzweißfotos von nackten Torsi an, die mit ins Fleisch schneidenden Schnüren und Isolierband zusammengezurrt und mit klaffenden Schnittwunden und schwarzem Schorf übersät waren. Blut ist auf solchen Fotos immer schwarz. Manchmal wurde das zerfurchte Gesicht eines Opfers gezeigt, die Augen geschlossen, auf den leblosen Lippen ein leichtes Lächeln. Die Gesichter der Massenmörder waren wegen ihrer Durchschnittlichkeit grauenhaft. Ich hätte ebensogut ein Album mit Fotos von Postbediensteten oder Schreibwarenladeninhabern durchblättern können. In der Regel waren es nur Männer.
Die Regale im hinteren Teil der Läden waren den Stag-Magazinen und Comicbüchern vorbehalten. Kein Archäologe, der Ruinen freilegte, geriet in einen solchen Rausch wie ich, wenn ich diese billigen Angebote prüfte. Fand ich eine begehrte Erstausgabe, zitterten meine Hände, und ich schaute verstohlen zu Boden, während ich dem unwissenden Eigentümer – gewöhnlich ein pickliger oder unrasierter, übergewichtiger Mann mit einem teilnahmslos-masturbatorischen Blick – die 10 oder 25 Cent gab, die sie kostete. Dann rannten mein Bruder und ich die Straße hinab, und wir kreischten ekstatisch und ungläubig, hatten wir doch tatsächlich Amazing Fantasy # 15 oder aber Avengers # 4 erworben, Hefte, die wir zuerst bei Vater und Sohn Weiss gesehen hatten.
Zuhause schoben wir den kostbaren Fund in eine Plastikhülle und lagerten diese in einem angemessen beschrifteten Manila-Umschlag. Wir hatten sogar eine Kartei, und jede Ausgabe war versehen mit einer Identifikationsnummer sowie dem Comicnamen, der Heftnummer, dem Erscheinungsdatum, den Namen des Autors und des Illustrators sowie einem Zustandsvermerk: Fantastic Four, Ausgabe # 7, geschrieben von Stan Lee und illustriert von Jack Kirby, in tadellosem Zustand.
Zu dieser Zeit begann ich damit, meinen eigenen Comicstrip zu zeichnen: Der purpurne Jude.
Eines Morgens holte ich Papier und Buntstifte hervor und skizzierte die Ursprünge meines persönlichen Helden, Sprechblasen inklusive. Laut meiner Geschichte war er ein armer Junge aus der Bronx, der den Grand Concourse entlangspazierte und sich um seinen eigenen verdammten Kram kümmerte, als er plötzlich völlig grundlos von einer Teenagerbande zu Brei gehauen wurde. Sie ließen ihn mit dem Tod ringend auf dem Bürgersteig liegen. Kein Mensch kam ihm zu Hilfe, obwohl sich um ihn herum Fußgänger tummelten und der Verkehr an ihm vorüberfloss. Als es dunkel wurde, lag er immer noch dort, dem Tode nah, als plötzlich Gottes Stimme die Stille durchdrang. »Jim! Jim! Steh auf!«, befahl die Stimme Gottes. Jim stand auf, wie durch ein Wunder unversehrt. »Ich habe dich für eine besondere Mission errettet«, fuhr Gott fort. »Du wirst das Böse bekämpfen! Du wirst mein Champion sein, ein moderner jüdischer Ritter mit der Stärke eines Löwen und der Wendigkeit einer Katze. Du wirst ein purpurnes Kampfgewand tragen, auf der Brust den Davidstern. Du wirst der purpurne Jude sein!«
Ich zeichnete den ganzen Morgen lang, während meine Mutter in der Küche schuftete, die Töpfe mit gekochten Kartoffeln, Mais und Broccoli dampften und im Ofen der Hackbraten garte. Trotz der starken Hitze zeichnete ich weiter, selbstvergessen.
»Was ist das denn, Abie? Ein Cartoon? Wenn du dich doch nur ebenso ausdauernd deinen Matheaufgaben widmen würdest. Seit vier Stunden hockst du da. Es reicht jetzt. Geh raus zum Spielen! Der Sommer hat nicht mehr viele Tage. Dann beginnt die Schule wieder, und glaub’ mir, dann wirst du für deine Cartoons keine Zeit mehr haben.«
»Ich bin okay, Mama«, sagte ich geistesabwesend. Meine Stimmung wurde besser. Ich war allen gegenüber freundlich gestimmt. Das angenehme Gefühl der Erleichterung machte sich in meinem Körper breit. Mein Lächeln war echt.
»Was ist denn das hier?«, fragte mein Vater, als er zum Mittagessen hereinschlurfte, bekleidet mit einem weißen T-Shirt und Boxershorts, in seinen Hauslatschen über den Fußboden schlappend. In seinen dicken Fingern hielt er ein einzelnes Panel, seine Stirn in Falten gelegt. Während er las, legte sich ein müdes, herablassendes Lächeln auf sein Gesicht. »Der purpurne Jude?«, gluckste er ungläubig. »Lese ich richtig? Der pur-pur-ne Ju-de?« Er betonte jede einzelne Silbe, um sich an dem absurden Ganzen zu erfreuen.
»Hast du ein Problem?«, fragte ich missmutig, meiner Vorstellungskraft beraubt. »Es ist ein Comic, und ich werde versuchen, ihn zu veröffentlichen.«
»Veröffentlichen. Hihihi! Der pur-pur-ne Ju-de! Hihihihi! Klar wirst du das veröffentlichen! Sicher. Hihihi! Sicher. Hihi! Der pur-pur-ne Ju-de!« Ich blieb regungslos und sagte: »Ja, richtig. Der purpurne Jude.«
Er las Comicbücher und war selbst ein früher Aficionado und mit Superman, Captain Marvel und Batman vertraut, was seiner sarkastischen Kritik ein niederschmetterndes Gewicht verlieh: hier war eine weitere Welt, wie die des Sports oder der Straßen, deren Natur ich seiner Meinung nach – im Gegensatz zu ihm – einfach nicht »kapierte«.
Dennoch hatte ich mit tödlichem Ernst weitergesammelt, inspiriert durch die Weiss’sche Überzeugung, dass es lukrativ sei, hatte hart gearbeitet, um sparen zu können, und war ganz der Überzeugung, dass ich festeren Boden denn je unter den Füßen hatte. Ich sagte also diesem Mann, der laut meiner Mutter nie etwas erreicht hatte: »Lach nur, aber ich werde mit den Comics viel Geld verdienen. Du wirst sehen!« Mein Vater bekam Lachkrämpfe, als sei dies alles zu viel für ihn, und als könne er es keine Minute länger ertragen. »Du wirst sehen!«, wiederholte ich mit wütender Stimme. Ich stand auf und sammelte meine Papiere ein, Tränen in den Augen. »Ich werde Comics sammeln, Millionär werden und meine eigenen Comicbücher zeichnen! Jawohl! Der purpurne Jude wird mich reich machen!«
Als ich das Zimmer verließ, war er kurz vor dem Ersticken.
Und so verging der Sommer. Ich sammelte, zeichnete den purpurnen Juden, drehte Filme und nahm die ständigen Spötteleien meines Vaters hin. Spott drohte auch aus anderen Kreisen. Wenn wir filmten, mieden wir den Schulhof, den potentiell schmerzhaften Kontakt mit Kids unseren Alters, die nichts kapieren würden. Je mehr der Herbst nahte, desto mehr kehrten aus den Sommerferien zurück.
Mein Leben wurde zu einem Abenteuer, wie es sich die Autoren und Künstler der Marvel Comics vorstellten. Jedes neu gekaufte Heft erklärte mich mir selbst. Ich lag im Bett auf der Seite, während die Fliegen in der Hochofenhitze des Zimmers umhersummten. Ich starrte auf ... nein, ich tauchte ein in jedes Panel einer Seite und erfuhr das Leben in der mit Tinte skizzierten Haut der Figuren, lebte intensiver als ich es jemals hätte für mich hoffen können. Wenn ich Captain America las, fühlte ich mich wie er. Unter anderen Menschen bewegte ich mich steif, unfähig zu entspannen, geplagt von dem schmerzlichen Gefühl eines besonderen Schicksals. Wie er, kämpfte ich gegen die Phantome der Nazivergangenheit, und wie bei ihm fand die Schlacht ausschließlich im Kopf statt. Beide hielten wir die Gegenwart für die Vergangenheit und die Vergangenheit für die Gegenwart. Wie er hatte ich einen geliebten Menschen verloren, als ich noch ein Kind war – sein Verlust war sein junger Kumpel Bucky, meiner meine eigene Mutter, die bereits vor meiner Geburt, als sie noch ein Kind war, mit ansehen musste, wie ihre eigene Kindheit und der Glauben an die Menschlichkeit zerstört wurden.
Mit dem September stellte sich die Aufregung eines neuen Schuljahres ein, und Kinder sowie Eltern drängten sich in den örtlichen Läden, um Schulsachen einzukaufen. Leider musste ich meinen Job aufgeben und war erneut blank.
Ich wurde in die Klasse für intellektuell begabte Kinder versetzt und somit Schüler von Mrs. Shwartz, der strengsten und am meisten engagierten Lehrerin der Schule. Wir waren zwar noch Kinder, wurden als ihre Schüler jedoch bereits auf Harvard vorbereitet. Wenn wir unsere Karten richtig spielten, uns beim Lernen hervortaten, jeden Penny ehrten und ihre Maßstäbe als Gesetz ansahen, würden wir es gewiss in die Efeuliga schaffen. So wurde es uns gesagt. Es hieß, die Efeuliga sei das akademische Äquivalent zum Profibaseball, ein Ort, an dem sie einen finanziell förderten, um an einem Programm teilnehmen zu können, in dem Reisen und aufregende Abenteuer kombiniert wären, und natürlich würde nach vier Jahren Efeuliga ein Job in dem gewünschten Bereich für einen gefunden werden. Gegenüber meinen Lehrern bekundete ich, ich wolle Schriftsteller werden, und als solcher, so hieß es, könne ich mit etwa 100.000 Dollar Vorschuss pro Buch rechnen. Ich würde in Westchester in einer Villa wohnen, bevor ich mir etwas Besseres würde leisten können. Würde mir der begehrte Nobelpreis für Literatur zuerkannt werden, lebte ich bestimmt in einem Schloss und verdiente im Jahr mehr als eine Million Dollar.
All dies hing jedoch davon ab, wie Mrs. Shwartz meine Chancen beurteilen würde, und von ihr Anerkennung zu bekommen war sehr schwer. Sie war, wie ich feststellte, bereits bestimmten Schülern gewogen. In der fünften Klasse war sie ständig in unserem Klassenzimmer aufgekreuzt, um mit Mrs. Adler zu plaudern, die den Schülern zunickte, die ebenso verwundert wie recht zufrieden dreinschauten; Mrs. Shwartz nahm mit ihren strengen grünblauen Augen sorgfältig Notiz davon. Besonders entzückt schien sie von Mark Steinberg zu sein, den sie sehr gut kannte. Steinbergs Eltern waren persönliche Freunde von Mrs. Shwartz. Ich beneidete Steinberg um seine Goldrandbrille, die ihm ein besonderes, weltgewandtes Aussehen verlieh, und sah in ihr eine Art Totem, der auf magische Weise die für eine zielstrebige Verfolgung akademischer Ziele notwendige Selbstdisziplin heraufbeschwor. Und vermutlich, so dachte ich, würde das Lernen dadurch mehr Spaß machen, weil man sich als intelligent ausgeben konnte! Die Welt durch ein Vergrößerungsglas betrachten – das war der Schlüssel! Dank eines Gegenstandes, der sich leicht zusammenklappen und in der Tasche verstauen ließ, so gediegen wie ein Arzt oder Lehrer zu wirken, war eine einfache Art, sich die schwer zu erreichende Anerkennung von Mrs. Shwartz zu sichern.
Ich beschloss, dass mit meinen Augen etwas nicht in Ordnung war. Die ständige Comiclektüre hatte sie geschwächt. Durch die viele Comiczeichnerei würde ich noch blind werden! Ich stellte mir vor, wie ich am ersten Schultag in der Klasse von Mrs. Shwartz erscheinen würde. Ich hätte die Drahtbrille auf der Nase, einen langen Gehstock in der Hand, und sie würde ein erstauntes Gesicht machen, wenn sie aufstünde, um mir zu meinem Sitzplatz zu helfen, den ich mit großer Würde einnähme, um dann meinen Gehstock zusammenzuklappen und leicht meine Brille anzutippen, was Mark Steinbergs Akademiker-Gehabe absolut in den Schatten stellen würde. Es war klar, was ich zu tun hatte.
Ich eröffnete meiner Mutter, ich würde schlecht sehen.
Sie lachte. »Sie haben dich doch in der Schule getestet. Du hast eine 100-prozentige Sehschärfe.«
»Aber Mama ...!«, stöhnte ich.
»Stell dich nicht so an! Du hast Augen wie ich! Perfekt! Dein armer Bruder muss eine Brille tragen, das ist schlimm genug. Du solltest dankbar sein, dass du dieses Problem nicht hast. Sieh doch, wie hässlich die Dinger sind. Willst du, dass dich die Leute Vierauge nennen? Du hast ein hübsches Gesicht. Warum willst du es hinter einer Brille verstecken? Stattdessen solltest du besser auf deine Haltung achten! Sieh nur, wie du die Schultern hängen lässt! In einer Zeitschrift habe ich eine Anzeige für eine Rückenstütze gesehen. Ich denke, so eine sollte ich dir besorgen.«
»Neiiiiiiiin!«, ächzte ich und ballte die Faust. Es gelang ihr stets, von der Diskussion meiner Anliegen auf ihre düsteren Gedanken abzulenken. »Ich brauche keine Rückenstütze. Niemand in der Schule trägt eine Rückenstütze!«
»Aber ja doch. Mein eigener Bruder hat eine Rückenstütze getragen, als er klein war.«
»Das war vor langer Zeit, in der Vergangenheit, und nicht heute! Dies hier ist Amerika und nicht Frankreich! Sechstklässler tragen keine Rückenstützen!«
»Du Lügenbold! Widersprich mir nicht! Ich habe die Anzeige im National Enquirer gesehen, einem amerikanischen Magazin.«
»Das ist die Zeitung für die Blöden«, schrie ich. »Mark Steinbergs Eltern lesen die New York Times! Sie wissen, wann er eine Brille braucht. Sie kaufen ihm H.I.S.-Hemden, Kordhosen und Pennyloafers. Und seine Eltern sind Lehrer, beide!«
»He!«, rief mein Vater aus dem Schlafzimmer, wo er den ganzen Tag schlief, um sich von der Nachtschicht bei der Post zu erholen. »Ruhe da draußen! Ich versuche zu schlafen!«
»Dein Sohn treibt mich in den Wahnsinn«, rief meine Mutter zurück. »Er hält uns vor, dass wir keine Lehrer sind wie dieser Mark Steinberg oder Steinway. Du meine Güte, ist mein Englisch schlecht. Immer noch. Und mein Erinnerungsvermögen ist wegen der vielen Pillen hin.«
Die letzten Kommentare galten mir. »Du solltest dich schämen«, fuhr sie fort. »Ich nehme Pillen gegen Bluthochdruck. Und dein armer Vater arbeitet hart, damit du etwas zu essen und zum Anziehen hast, dabei ist er nur vier Jahre zur Schule gegangen. Du kritisierst ihn aber wegen dieses Mark Steinway! Wen kümmert es denn, ob seine Eltern Lehrer sind? Wurden sie fünf Jahre lang von den Nazis gejagt, die sie in den Ofen stecken wollten, als sie in deinem Alter waren? Du solltest dich schämen! Was passt dir denn nicht an den Sachen, die du trägst? Ich wasche und bügele sie jeden Tag. Du hast jeden Tag eine saubere Unterhose. Alle sagen zu mir: ›Du kümmerst dich liebevoll um deine beiden Jungs, kämmst ihnen hübsch die Haare. Ihre Zähne sind perlweiß.‹ In den letzten zwei Jahren bist du bereits zweimal beim Zahnarzt gewesen. Dazu kamen die Besuche bei Siegal, damit du eine Spritze gegen dein Asthma bekommst – weißt du, was das kostet? Du glaubst wohl, das Geld wächst auf Bäumen.«
Sie verstand mich nicht. Ich wollte es noch einmal versuchen, doch meine Stimme versagte. Mir war schwindelig und mir kamen die Tränen, meine Lippen zitterten.
»Was stehst du hier rum und siehst mich so dämlich an? George! Du solltest deinen Sohn sehen! Du meine Güte, was für eine Heulsuse!«
Ich donnerte mit den Fäusten gegen meinen Kopf. Dann ein zweites Mal. »Arghhhhhhgh!«, entfuhr es mir. Eine Art Gluckergeräusch.
»Was machst du denn da?«, fragte sie aufgebracht. »Du benimmst dich wie eines dieser retardierten Babys, denen man Footballhelme aufsetzt, damit sie sich nicht selbst verletzen. Bist du ein retardierter Junge? Sollen wir dir einen Footballhelm aufsetzen? Eine Rückenstütze sollte ich dir anlegen! Buckelinski! Buckelinskiiiiiii!« Sie wiederholte das Wort dermaßen spöttisch, dass ich aufhörte zu heulen und sprachlos in mein Zimmer ging und mich aufs Bett warf.
Den Brillenkrieg würde ich nicht gewinnen, soviel war mir klar. Alle meine Bitten, meine Augen untersuchen lassen zu dürfen, wurden ignoriert. Gezwungen, ohne Brille großartige Romane zu lesen und zu schreiben und Hausaufgaben zu machen, erwachte ich eines Tages im Bett und sah nichts mehr. Meine Eltern glaubten mir zunächst nicht und versuchten mich zu zwingen, mich ohne Hilfe anzuziehen. Als ich jedoch gegen die Tischkante stolperte, hinfiel und mir eine tiefe Wunde am Kopf holte, wurde ihnen rasch klar, dass sie sich geirrt hatten. Als ich blutend dalag, den Kopf auf dem Schoss meiner Mutter, hörte ich sie sagen: »Du rufst besser in der Schule an und sagst, dass er heute nicht kommen wird. Und bitte Dr. Siegal, nach ihm zu sehen.«
Nachdem er mich genauestens untersucht hatte, ohne ein Wort zu sagen, setzte Siegal seine Brille ab, rieb sich erschöpft die Augen, rollte seine Hemdsärmel runter und sagte: »Es gibt keinen Zweifel. Er ist für immer völlig blind!« Ich wurde getröstet. Mrs. Shwartz und die Klasse wurden informiert. Meine Mitschülerinnen und Mitschüler beschlossen gemeinsam und aus freien Stücken, mir am Bett mit Schulbüchern und den Hausaufgaben einen Besuch abzustatten und mir zu helfen, die Schule zu meistern. Mark Steinberg wurde auserkoren, das Diktat aufzunehmen, wenn ich mich an einem Aufsatz versuchte. »Unglaublich«, keuchte er, während er die Wörter notierte, die über meine Lippen strömten. »Erstaunlich!« Zu Tränen gerührt, putzte er sich mit seinem Taschentuch mehrmals die Nase. Mrs. Shwartz gab mir persönlich die Arbeiten zurück, benotet mit A+ in einem fetten Blau. »Wir haben dich verkannt«, sagte sie, als sie mein letztes Werk auf der Heizkörperverkleidung ablegte, die mir als Nachttisch diente. »Du solltest uns unterrichten.« Ich lächelte ein wenig und streckte ihr meine Hand hin, die sie gegen ihre Lippen presste. »Und was ist mit den Steinbergs?«, frotzelte ich sanft. Sie errötete und sagte: »Bitte lass das, lass das!«
Ich griff unter mein Bett, zog den Schuhkarton hervor, der meine kostbarsten Comics enthielt. Ich sah sie mir an, wobei ich mit der Fingerspitze sanft auf die Plastikhülle drückte, ihren »tadellosen Zustand« bewunderte und über die Möglichkeit sinnierte, sie zu einem so hohen Preis zu verkaufen, dass ich mir eine Goldrandbrille würde kaufen können. Einhundert Dollar würde ich mindestens benötigen. Als ich mit Bruce darüber sprach, ob sein Vater eventuell einen raschen Verkauf ermöglichen könnte, wich er aus, richtete seine Hornbrille, und seine Höhlenfischaugen traten hervor und glotzten mich an, nur um sich gleich wieder in die Flaschenglaslinsen zurückzuziehen und dort regungslos wie in einem Fischglas zu verweilen. Er sagte, sein Vater würde frühestens in ein paar Monaten eine Comic-Börse besuchen. Er könne aber nicht sagen, ob sein Vater bei dieser Reise meine Sammlerstücke präsentieren wolle. Dies hinge von ihrer eigenen finanziellen Situation usw. ab. Mit anderen Worten: Vergiss es! Ich war angeschissen.
Diese Situation sollte durch einen Einkauf am folgenden Samstag noch beschissener werden. Den ganzen Sommer über hatte ich zur Erbauung meiner Mutter in Sachen Kleidung mal mehr, mal weniger mit bestimmten Modetrends geliebäugelt, die ich für meinen Erfolg in Mrs. Shwartz’ Klasse für wesentlich hielt: Levi’s, H.I.S.-Hemden, Pennyloafers aus dem Hause Thom McAn. Als jedoch die Stunde Null kam, ging sie mit uns in den Modell-Davega-Army-and-Navy-Surplus-Laden in der Fordham Road weil, wie sie sich ausdrückte, wir zweimal so viel äßen als die anderen Schüler. »Ihr seid kräftige Burschen! Ihr braucht Klamotten, die halten. Außerdem verdient euer Vater nicht genug. Er ist kein Lehrer. Er arbeitet bei der blöden Post. Eines Tages werdet ihr das College besuchen und viel Geld verdienen. Dann könnt ihr euch H.I.S.-Hemden kaufen. Verdammt, ihr solltet dankbar sein, dass ihr überhaupt etwas auf dem Leib tragt. Wisst ihr denn, wie ich der Kälte wegen in den Bergen gezittert habe, als ich mich vor den Nazis versteckte? Meine Zähne haben geklappert. Ich hätte meinen rechten Arm für einen Mantel hergegeben.« Es machte also Sinn, uns in Armee- oder Marinesachen zu stecken, uns zu uniformieren für einen Krieg, der nie beendet worden war.
Im Laden, unter grellem Neonlicht und eingeklemmt zwischen Tischen voller Militärkleidung, schlich ich herum wie ein Rekrut, der vor seiner Grundausbildung seine Ausrüstung erhält, den Mund verdrießlich verzogen, während sie uns mit den üblichen Arbeitshemden, Polyesterslacks und schwarzen Oxfordschuhen der Marine mit geriffelter Sohle für 4 Dollar 99 belud.
Dann ging sie mit uns in John’s Bargain Store, um uns Ringbücher und Stiftemäppchen zu kaufen, auf denen Bugs Bunny und Elmer Fudd abgebildet waren. Wegen der übrigen Sachen, die wir benötigten – Zirkel, Lineale (kalibriert nicht nur in Inches, sondern auch in Millimetern), besondere Laborhefte mit Millimeterpapier, farbige Plastikregisterblätter usw., usw. – brauchten wir sie eigentlich gar nicht erst zu fragen. Ich versuchte es dennoch und bekam zu hören: »Du meine Güte, jetzt willst du mich noch in einen anderen Laden zerren? Ich fühle mich nicht wohl. Mir geht es nicht gut. Abie, sag deiner Lehrerin, dass wir uns die Sachen, die ihr kaufen sollt, nicht leisten können. Sag ihr, dass sie doch mal versuchen soll, mit einem miesen Postlohn Zwillinge großzuziehen! Wer hat denn je von so etwas gehört?«
Am ersten Schultag erschien ich in quietschenden, steifen, schwarzen Tretern und knisterndem Polyester, mein blassblaues, langarmiges Hemd stank bereits nach Schweiß, und aus meiner altmodischen, schwarzen Hose stieg Stuhlgeruch auf. Ich, der ich den Sommer über in zwei Schreibwarenläden gearbeitet hatte, schleppte nun schrillen Beklopptenkram an – illustrierte PVC-Schulsachen. Schweren Schrittes und jeglicher Hoffnung beraubt, schleppte ich mich zu einem sicheren Platz ganz hinten im Klassenzimmer, um mich dort das ganze Jahr lang den Blicken zu entziehen.
Mrs. Shwartz hob nur kurz den Kopf, während wir in Reih und Glied den Raum betraten, zeigte mit ihrem Stift auf einen Schüler und versuchte dessen Namen zu erraten.
»Du bist ... Kaufman.«
»Ja«, antwortete ich in traurigem Ton, »ich bin Kaufman«, was sie zu irritieren schien.
Sie hatte sich sicher eine Meinung über mich gebildet, die auf früheren Diskussionen mit Mrs. Adler basierte. Doch sie ließ sich nichts anmerken, machte ein Häkchen auf dem vor ihr auf dem Pult liegenden Dokument und sagte: »Such dir einen Platz. Bedenke, dass du groß bist und die Person hinter dir eventuell Probleme hat, die Tafel sehen zu können.«
Ihre Augen folgten mir mit einer solchen Zustimmung zum letzten Platz in der allerletzten Reihe des Klassenzimmers, dass ich in einem plötzlichen Anfall von Stolz kehrtmachte, mich zwischen den Tischen in der mittleren Reihe hindurchquetschte, den zentralsten auswählte, den ich finden konnte, und mich auf den Stuhl plumpsen ließ. Ihre Gesichtszüge erstarrten, und an ihren plötzlich trüb gewordenen Augen konnte ich erkennen, dass sie sich eine geistige Notiz machte.
Minuten später kamen drei Mädchen hintereinander herein, die hübschesten der Klasse – Michelle Hyman, Vickie Cantor und Laura Winkler – und nahmen ein paar Stühle in meiner Nähe in Beschlag. Meine Körpergerüche schienen sich nun wellenartig auszubreiten. Ich war mir nicht sicher, dachte aber, dass Laura Winkler erst Vickie Cantor, dann mich und dann erneut Vickie anstarrte und die Nase rümpfte. Dann hielt sie sich die Hand vor den Mund, um ein Lachen zu unterdrücken, und Vickie Cantor tat es ihr nach.
Natürlich nahm Mark Steinberg seinen Thron in der ersten Reihe ein, direkt unter der Nase von Mrs. Shwartz. Er hatte den Vorteil, dass er nicht nur schwachsichtig, sondern auch sehr kurz geraten war. Mrs. Shwartz begrüßte diese Platzwahl natürlich mit einem Lächeln, das noch immer die Wärme des Dinners aufwies, zu dem sie kurz zuvor bei Marks Eltern eingeladen war. Sie wollte nicht parteiisch wirken und sammelte sich wieder, wodurch jedoch ihre Präferenz nur noch deutlicher wurde. Auch er lächelte geheimnisvoll: er konnte nicht viel falsch machen und wusste es.
Als alle Schülerinnen und Schüler als anwesend registriert, alle Regeln verkündet waren, begann Mrs. Shwartz mit der ersten Unterrichtsstunde. Sie überzog die Tafel mit Kreidestrichen, die dem dämonischen Kern kalter Wut entsprungen zu sein schienen. Sie schrieb eine unverständliche Gleichung so furios hin, dass meine Herzfrequenz zunahm. Ich schaute mir die gebeugten Häupter meiner Mitschülerinnen und Mitschüler an. Ihre Stifte eilten über das Papier, um mithalten zu können. Ich war Zeuge einer tosenden Symphonie: Sie war die Dirigentin, sie waren das Orchester. Ich saß da wie ein Hausmeister, der während einer Aufführung irgendwie in den Graben gefallen und auf einen Stuhl geschleudert worden war. Ich beschloss, so zu tun, als spielte ich mit, öffnete ganz langsam mein Ringbuch und begann zu schreiben. Doch während ich schrieb, wurde ich das Gefühl nicht los, dass der Geruch meines Körpers und meiner Klamotten bei den um mich herum Sitzenden Brechreiz auslöste, und verspürte das dringende Bedürfnis, das Klassenzimmer zu verlassen. Mein Arm schoss in die Höhe.
Mrs. Shwartz starrte. »Was ist?«
»Dürfte ich bitte austreten gehen?«, fragte ich.
»Jetzt nicht«, blaffte sie.
»Ich muss aber mal dringend«, jammerte ich. In den Bankreihen Gekicher. Nur Mark Steinbergs Stift kratzte ununterbrochen weiter, während sein Kinn auf seiner Faust ruhte; die Stirn der Konzentration wegen kraus, bot er ein Musterbild intellektueller Anstrengung, und in seinem H.I.S.-Hemd mit dem Button-Down-Kragen, den Levi’s-Kordhosen, den dicken, karierten Wollsocken und den blank gewienerten Loafers mit jeweils einem nagelneuen Penny in der Lasche, wirkte er so locker wie bei sich zuhause im Wohnzimmer. Natürlich war es seine Goldrandbrille, die – mehr als seine schulischen Leistungen oder sein strukturiertes und aufgeklärtes häusliches Milieu – seinen zukünftigen Besuch der Harvard-Universität garantierte, ein College, über das ich nicht mehr wusste, als dass meine Aufnahme dort meine Mutter, sollte sie jemals krebskrank werden, von Krebs befreien würde, und vermutlich den Hunger auf der Welt ein für allemal beseitigen würde.
»Also gut, geh«, sagte Mrs. Shwartz, »sei aber gewarnt! Dies ist schwieriger Unterrichtsstoff. Ich werde mich nicht wiederholen. Wenn du etwas versäumst, ist es deine Aufgabe, jemanden zu finden, der es dir erklärt, aber erst nach der Schule! Und heute werdet ihr auch noch eine Arbeit schreiben, die benotet wird ...«
»Ohjeeeee!«, stöhnten alle unisono.
»Ich wiederhole, was ich gesagt habe: Ihr werdet eine Arbeit schreiben, die benotet wird. Das wird Woche für Woche passieren. Aus den einzelnen Noten wird die Gesamtnote errechnet. Wenn eure Arbeit schlecht ausfällt, müsst ihr sie euren Eltern zeigen und unterschreiben lassen.«
Im Klassenzimmer war es mucksmäuschenstill geworden. Wir waren wie die Soldaten einer neuen Einheit, gebildet aus hoch motivierten Rekruten, denen gerade beigebracht wurde, dass einige nicht lebend aus dem Krieg zurückkehren würden. Wir sahen uns gegenseitig an, als wollten wir herausfinden, wer ins Gras beißen würde. Das tiefe Mitleid in den Augen derjenigen, die in meine Richtung blickten, war so gut wie einhellig. Wie ein Unschuldiger, der an der Front von einem Femegericht von Offizieren verurteilt wird, die für eine gescheiterte Offensive verantwortlich waren, erhob ich mich, ein angedeutetes, nicht gerade von Tapferkeit zeugendes Lächeln im Gesicht, und während Gerüche aus meinem Hinterteil drangen, schlurfte ich selbstbewusst an den Tischen vorbei, streifte Laura Winklers Knie, entschuldigte mich mit einem tölpelhaften Grinsen bei ihr und verabschiedete mich aus der Klasse, den Toilettenschlüssel in der ungewaschenen Hand. Als die Tür ins Schloss fiel, und die Glasfenster in ihren nicht mehr ganz neuen Rahmen leicht schepperten, setzte die Kreide die Geißelung der Tafel fort.
Als ich an diesem ersten Tag von der Schule nachhause kam, wechselten sich Tränen, ungläubige Stöhnlaute und Flüche ab: »So ein Mist! Verdammte Scheiße!« An der Walton Avenue wich ich hurtig von meiner üblichen Route ab und versuchte, dem zunehmenden Strom der aus der Schule kommenden Schülerinnen und Schüler, unter ihnen irgendwo ganz hinten auch mein Bruder Howie, so weit wie möglich zu entgehen.
Ich trabte schnaufend hinauf in Richtung Mount Eden Avenue, blieb stehen, zog die Arbeit aus meiner Tasche, starrte kurz drauf und schüttelte den Kopf. Ich näherte mich einem Gebäude, die Arbeit in einer Hand, während ich die Fingerspitzen der anderen sanft über die schmutzig-ockerfarbenen Wände gleiten ließ, meine Stirn an den kalten Stein drückte und derart laut stöhnte, dass es schien, als sei das Stöhnen dem Bauch einer anderen, zweiten Person entwichen, die sich in mir versteckt hielt, die ich zwar nicht recht erkannte, von der ich aber wusste, dass ich es war, eine Tatsache, die ich friedvoll akzeptierte.
Vielleicht stöhnen Opfer krimineller Entführung, denen klar wird, dass sie gleich auf einem nicht zu entdeckenden Müllplatz zu Tode gefoltert werden, so laut auf, angesichts der plötzlichen Erkenntnis, dass sich ihr innerstes Sein am Rande der Auslöschung befindet. Es war nicht bloß ein Gefühl, diese Furcht vor dem, was mir bei meiner Mutter bevorstand, ließ sich durch nichts um mich herum mildern, und führte dazu, dass ich alles mit Leichenbittermiene in Zweifel zog. Woher würde Hilfe kommen? Von dem Eigentümer dieses grünweißen Bel-Air-Kabrios, das am Straßenrand geparkt war? War die Halterin oder der Halter dieses Wagens ein Familienmensch? Was würde sie oder er empfinden, wenn sie oder er wüsste, welche Qualen mir bevorstanden? Würde sie oder er einem ihr oder ihm völlig Unbekannten zu Hilfe eilen? Würde jemand meine Mutter zur Seite nehmen und sagen: »Mrs. Kaufman, Ihr Sohn Alan ist ein wunderbarer, begabter Junge. Er ist kein Nazi. Er ist nicht der Feind. Er ist nur ein Knabe, der Comics mag und Probleme mit Mathe hat.« Doch es gab niemanden auf der Welt, der mir helfen würde.