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Eine traurige, aber auch lehrreiche Kindheit in einfachen Hinterhof Verhältnissen im Münchner Osten führte zum absoluten Wunsch, aus diesem Milieu herauszukommen. Die vielen spannend und unterhaltsam beschriebenen Stolpersteine verraten dem Leser, wie das gesteckte Ziel in der Mitte des Lebens erreicht wurde, und wie sich die Autorin trotz aller Widerstände durchgewurstelt hat.
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Seitenzahl: 94
Veröffentlichungsjahr: 2020
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Helga Viviani
Lebenserinnerungen aus der Münchner Vorstadt im 20. Jahrhundert
Meine Erinnerung begann im Nachkriegsjahr 1946, als mein Stiefvater Richard todunglücklich und mit verweinten Augen von der nahe gelegenen Schwabinger Privatklinik nach Hause kam. Er sagte mir und meinem Bruder Bobby schluchzend: „Eure Mutter ist gestorben. Ich weiß nicht wie es weitergehen soll!“ Meine Mutter war gerade 28 Jahre alt, sie sollte ihr drittes Kind zur Welt bringen, aber irgendwas musste schief gelaufen sein. Mein Stiefvater machte dafür - allerdings ergebnislos die Klinikärzte verantwortlich und dabei blieb es denn auch.
Einige Tage später, vielleicht auch Wochen danach mir fehlte damals jedes Gefühl für die Zeit schien er die Lösung unseres Problems gefunden zu haben. Er packte einen alten braunen Pappkoffer, leinte unseren Schäferhundmischling Elko an, nahm Bobby und mich an der Hand und fuhr mit uns per Tram in den Münchner Osten.
Das sollte für mich der Abschied von unserem kleinen Haus sein, das von einer Münchner Zeitung als Alt Schwabing hinter Bäumen mit einem großen Bild veröffentlicht worden war.
Unser Zuhause war ebenerdig und lag in einem großen, verwilderten Garten, mit vielen alten Bäumen. Es gab ein Badezimmer, eine Küche, zwei Kinder- und ein Schlafzimmer, was, für damalige Verhältnisse mehr als luxuriös war. Erst viel später erfuhr ich wie wir zu dieser wunderschönen Bleibe kamen.
In diesen Zeiten musste eine alte Dame unter Androhung von Gewalt ausziehen und überließ uns unter Aufsicht einiger Uniformierter die Hausschlüssel. Sie hat dabei bitterlich geweint, denn ein bestimmter Personenkreis, zu dem auch sie gehörte, wurde einfach enteignet und verschleppt. Ich war jedoch noch ein unwissendes Kind, daher plagte mich auch kein schlechtes Gewissen.
Die Lage der uns zugewiesenen Behausung war optimal, der Kleinhesseloher See lag nur einen Steinwurf entfernt, die Tramhaltestelle Feilitzschplatz fast vor der Haustür und zusammen mit dem riesigen Englischen Garten hatten wir in der beginnenden Nachkriegszeit eine Adresse, um die uns viele beneideten.
Ich besuchte die Grundschule, die nur ungefähr zehn Gehminuten durch verwinkelte Altschwabinger Gassen entfernt lag.
Meine Großeltern, zu denen wir uns auf dem Weg gemacht hatten, lebten im sogenannten Münchner Franzosenviertel, in der Pariser Straße. Sie waren überrascht uns zu sehen, aber der von mir erwartete Dialog zwischen meinem Stiefvater und den Großeltern blieb aus. Es war mehr ein Monolog seinerseits, der in dürren Worten sinngemäß nur ausdrückte, dass er schon mit dem eigenen Sohn total überfordert wäre und sich deswegen nicht auch noch um seine Stieftochter kümmern könne. Der heutige Besuch fände nur statt um mitzuteilen, dass meine Mutter gestorben sei. Er würde mich hier abliefern, denn ich wäre ja nicht seine Tochter, aber sie, Anton und Anna, wären meine richtigen Großeltern.
Erst nach vielen Jahren erfuhr ich, dass meine Großeltern meinen Stiefvater nie besonders gemocht hatten. Er und meine Mutter hatten sich den Erzählungen nach in Kriegszeiten kennengelernt, während mein Vater an der Front war. Warum mein Stiefvater, der er später nach der Scheidung wurde nicht eingezogen worden war, obwohl er gesund und kräftig schien, blieb unklar.
An die Reaktionen von Oma und Opa erinnere ich mich nicht mehr. Auf einmal blieb ich mit Hund Elko und Pappkoffer in der kleinen Zweizimmerwohnung in der Pariser Straße zurück, im 1.Stock, Hinterhof, Rückgebäude. Mein Bett, eine Eckbank, stand in der Küche. Es gab einen Kohleofen, auf dem auch gekocht wurde, und auf den in der Vorweihnachtszeit Bratäpfel gelegt wurden, die wunderbar rochen. Ganz luxuriös war zudem der Gasanschluss und - ausschließlich in unserer Wohnung - ein Kaltwasserhahn in der Küche. Das WC lag allerdings außerhalb der Wohnung, eine halbe Treppe höher, es wurde von zwei Parteien benutzt und geputzt und von der Hausbesitzerin, die selbst im Vorderhaus wohnte immer auf Sauberkeit kontrolliert.
Nach einiger Zeit wurde mir die verantwortungsvolle Aufgabe ihr den Mietzins mit dem dazugehörigen Büchlein auszuhändigen, übertragen. Wenn sie gut aufgelegt war, bekam ich dafür manchmal ein Bonbon geschenkt.
Eine steile Treppe führte vom Hinterhof in die Waschküche mit einem Kessel, der jedes Mal aufgeheizt werden musste, und einem enorm großenWaschbrett. Das ganze Jahr über haben Oma und ich dort jede Woche mit einer harten Wurzelbürste und einem Stück Kernseife alles gewaschen.
Aufgehängt habe ich die gesamte Wäsche auch im Winter auf dem eiskalten Speicher. Das Resultat der damaligen Pflichtaufgaben sollte jahrzehntelang an meinen Händen sichtbar bleiben, welche bei Kälte sofort rot und erfroren aussahen.
Der Geruch einer Backstube im Nebenhaus machte süchtig nach frischen Brezen, die aber 10 Pfennige kosteten. Ein solches Vermögen konnte ich mir nur mit sozialen Hilfsdiensten bei Nachbarn in unserer Umgebung erwirtschaften. Dann hatten wir in unserer Straße noch einen Metzger wo man immer das Stückchen Gelbwurst, damals ohne Petersilie bekam, zudem einen Milchladen und ein Wirtshaus. Also alles, was man damals so brauchte.
Ob ich vom Tod meiner Mutter oder meinem neuen Zuhause deprimiert war, ist schwer zu sagen, aber ich war wild entschlossen aus diesem Milieu herauszukommen. Das sollte jedoch länger als 20 Jahre dauern.
Der erforderliche Schulwechsel vom Münchner Norden in den Münchner Osten verlief problemlos, denn zur Freude und finanziellen Entlastung meiner Großeltern war ich immer eine gute Schülerin, der man deswegen das damals erforderliche Schulgeld und die Kosten für die Lehrmittel erlassen hatte.
Oft aber waren mir Geldgeschenke, etwa um an Schulausflügen teilnehmen zu können, vor allem, wenn sie aus der Elternschaft kamen, sehr peinlich.
Besonders gefielen mir der Musikunterricht und das Notenlernen in der Grundschule. Dort bot sich mir die Möglichkeit ein kleines Kinderakkordeon, auch Ziehharmonika genannt, kostenlos auszuleihen. Ich habe das häufig in Anspruch genommen, anfangs einfach nach Gehör darauf gespielt und dazu Kinderlieder gesungen.
Mein Stiefvater Richard hat sich – wie er sagte – aus lauter Kummer um nichts gekümmert. Oma und Opa organisierten deswegen alle Bestattungsfeierlichkeiten und erfüllten mir den Wunsch eines Urnengrabs auf dem unweit gelegenen Ostfriedhof, damit ich es bepflanzen und pflegen konnte wann immer ich wollte. Mein Hund Elko hat mich stets zum Friedhof begleitet, bis er eines Tages plötzlich verschwand. Die Polizei ermittelte, das er nicht weit vom Friedhof überfahren und getötet worden war. Offenbar wollte er alleine dorthin laufen. Das hat mich gewaltig getroffen. Jetzt hatte unsere ohnehin kleine Wohnung einen Mitbewohner weniger.
Weil sich meine Oma bemühte, beim Jugendamt das Sorgerecht für mich zu erhalten erfuhr ich erstmals, dass ich auch einen richtigen Vater hatte.
Nachdem von Amtswegen alles geregelt war, wurde mein Vater zu Unterhaltszahlungen verpflichtet, denen er ungern und nur unter massivem Druck nach kam. Dem entsprechend sporadisch fielen sie aus. Der Einfachheit halber veranlasste das Jugendamt deshalb Lohnpfändungen, die mich zu monatlichen Spaziergängen zu seinem Arbeitsplatz in der Nähe des Ostbahnhofs führten, wo mir der Betrag gegen Quittung von einer freundlichen Buchhalterin ausgehändigt wurde. Für mich war das eine unterhaltsame Art die Münchner Vorstadt Haidhausen zu Fuß, per Bus oder Straßenbahn zu erkunden. Meinen Vater sah ich bei dieser Alimenten-Auszahlung nie. Weder damals noch später hatte ich zu ihm oder seiner Familie Kontakte, nicht einmal zu meiner Stiefschwester Angela.
Nur ein einziges Mal lud er mich während der Weihnachtszeit ein ihn zu besuchen. Seine Familie wohnte im östlichen Landkreis von München, per Bus wie es mir vorkam, endlos weit weg. Gegen Abend nach dem Kaffeetrinken fuhren wir in einen amerikanischen Offiziersclub in dem mein Vater ab und zu aushalf.
Sie haben mir erzählt, dass die Entlohnung dafür aus Naturalien, wie Zigaretten, Kaffee, Schokolade und Ähnlichem bestand. Seine Frau lieh mir für diesen Anlass ein meergrünes Taftkleid, das sie als gelernte Schneiderin schnell für mich geändert hatte. Mein Outfit war zwar richtig für einen Nachmittagsbesuch, passte aber nicht zum überraschenden Bühnenauftritt. Die Amerikaner waren in Neubiberg am damaligen Flughafen stationiert und veranstalteten eine Weihnachtsfeier, zu der ich mit deutschen Weihnachtsliedern auf dem Akkordeon spielen sollte. Mein Musikbeitrag kam sensationell an. Mein Vater war stolz auf mich, auch wenn es vielleicht das einzige Mal war. Trotzdem wurde es von meiner Stiefmutter und Stiefschwester Angela ausgesprochen neidisch beäugt. Das war das einmalige Zusammentreffen mit meinem Vater und seiner Familie.
Mein Opa führte nicht nur mit mir, sondern auch mit meiner Oma, ein sehr strenges Regiment. Sein Wesen war diktatorisch und intolerant, begleitet von wie mir schien, ungerechtfertigten, cholerischen Ausbrüchen. Er war ein herzkranker Frührentner, während meine Oma noch als Postbotin unterwegs war. Um seine Rente aufzubessern hat er hin und wieder als Portier im damals größten Kino von München, dem Luitpold, in der Nähe vom Odeonsplatz gearbeitet. Ich habe dadurch oft kostenlos alle möglichen Filme sehen dürfen, an die ich mich teilweise noch heute erinnern kann, ganz besonders an den 'Dieb von Bagdad', der mit riesengroßer exotischer Deko über die gesamte Hausfassade des Filmtheaters warb. Der Inhalt des Streifens war, wie ich später fand, beinahe wie der eines meiner Bücher mit dem Titel 'Märchen aus tausendundeiner Nacht'
Oma und Opa wirkten, obwohl sie bereits über sechzig waren, noch jung und wurden deswegen meist für meine Eltern gehalten Zwei Generationen zurückverfolgt weiß man auch warum, denn in unserer Familie hatten alle sehr früh mit unter 20 Jahren und dann auch noch mehrmals geheiratet.
So verlief mein Leben geregelt mit Ausnahme der Advents- und Weihnachtszeit, denn die unterbrachen den Alltagstrott erfrischend. Man buk und probierte ständig direkt vom Backblech die fertigen Plätzchen. Ich übte Weihnachtslieder auf dem Akkordeon und suchte in alten Archiven die dazugehörigen Texte und Noten, wozu meine Tante Toni viel beigetragen hat. Sie war die Tochter meines Großvaters aus einer seiner früheren Ehen und meine Lieblingstante, aber schließlich hatte ich nur sie.
Sie kam oft zu Besuch, immer mit einem Geschenk, wie zum Beispiel einem Buch, einem Spiel oder den begehrten Haarschleifen für meine Zöpfe. Das war schon was anderes, als die Überraschungsgeschenke unter dem Christbaum, wie Schuhe, warme Strümpfe oder ein neuer Lodenmantel. Alle diese Dinge, die ohnehin gebraucht wurden, brachte damals das Christkind. Einen großen Christbaum und die Bescherung gab's immer im bis zur Bescherung zugesperrtem Schlafzimmer der Großeltern, danach aßen wir Würstchen mit Kartoffelsalat, über dessen Zubereitung jährlich gestritten wurde. Tante Toni bereitete ihn, wie Opa sagte preußisch mit Zucker zu - sie war mal mit einem Preußen verheiratet gewesen - wohingegen Opa eine ordentliche Portion Speckwürfel viel Essigschärfe und Pfeffer haben wollte. Das Streitszenario wiederholte sich alle Jahre wieder, ebenso dessen Ende mit reichlich Punsch, den ich nicht kosten durfte.
Die vielen möglichen Kartoffelsalat Rezepte verblüfften mich auch noch Jahre später bei den Sommerfesten unseres Segelclubs. Das Buffet der von den Damen mitgebrachten Speisen umfasste eine Vielzahl optisch unterschiedlicher Salate, deren geschmackliche Noten und Unterschiede ich, wenn auch unvollständig beschreiben möchte.
Es gab Rezepturen mit Balsamico, die mit ihrer bräunlichen Farbe zumindest für mich nicht appetitanregend wirkten, daneben Salate, die mit dicklicher Mayonnaise fett glänzten und eine ungewollte Kalorien Zunahme versprachen. Darüber hinaus wetteiferten noch weitere undefinierbare Zubereitungsarten miteinander.
Endlich waren die Feiertage und Ferien wieder vorbei und der Alltag hatte mich wieder, denn ich ging gerne zur Schule. Jeder Nachmittag begann nach Schulschluss mit einem von Großvater zubereiteten Essen, streng beaufsichtigter Erledigung der Hausaufgaben und vielen mehr oder weniger freiwilligen Übungen aus den Schulbüchern, die ich allerdings ebenfalls gerne absolvierte. Einen Teil meiner freien Nachmittage übte ich mit dem Kirchenchor wo ich häufig solo sang. Auch Prologe bei Hochzeiten, Beerdigungen oder den vielen Kirchenfesten durfte ich vortragen. Es war immer großartig im Mittelpunkt zu stehen.
Was mir nicht gefiel waren die dazugehörigen Übungsstunden alleine mit dem Pfarrer in der Sakristei der glaubte, dass mein Gesang noch besser werden würde, wenn er seine Hand auf mein Knie auflegte. Ich habe mich nicht getraut jemandem davon zu erzählen.
Vielleicht hätte sich auch Jahrzehnte später nach Bekanntwerden solcher Übergriffe, manches positiv ändern können, wenn ich es getan hätte, doch ich blieb stumm.
Zum Spielen mit den anderen Kindern im Hinterhof oder auf dem großen, nahe gelegenen Spielplatz gab es für mich nie Zeit. Ich hatte immer sehr viel zu tun, aber es machte Spaß ständig aktiv zu sein. Das ist mir übrigens bis heute geblieben.
An den Wochentagen musste ich zum Abendessen für Opa häufig mit dem Maßkrug in der Hand vom Wirtshaus über die Straße an der Gassen Schänke Bier holen was mich dazu verleitete, auf dem Rückweg auch mal davon zu probieren. Das war ohne Auffälligkeiten nur möglich, weil bei uns im Treppenhaus ein altmodischer Brunnen mit Kaltwasser die Möglichkeit bot, meinen Schluck Bier wieder auszugleichen. Die Angst, dass es meinem Opa auffallen könnte war groß, aber gerade deswegen war es spannend, es immer wieder zu riskieren. Gemerkt hat er's zum Glück nie.
Auch viel später hat er nie aufgedeckt, dass ich eine Schulabmahnung selbst unterschrieben, und seine Signatur gefälscht habe.
Das Delikt, das zur Abmahnung geführt hatte war so winzig, kaum erwähnenswert, dass ich meinem Opa gerne diese Mühe abnahm.
