Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Im Jahre 1944 hatte der kleine Hans-Joachim auf dem Rittergutshof Wurschen in Sachsen keine Spielgefährten. Mit großer Aufmerksamkeit verfolgte er alles, was um ihn herum geschah und entwickelte dabei eine besondere Beobachtungsgabe. Seine Geschichte mit bewegenden und schönen Momenten, mit traurigen Erlebnissen und Augenblicken der Angst, wird all jene Menschen berühren, die diese Zeit miterlebt haben. Unsere Nachkommen und besonders junge Leser können sich ein Bild machen über Kindertage in schweren Zeiten zwischen Krieg und Neubeginn.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 53
Veröffentlichungsjahr: 2017
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Informationsquellen:
Die Kämpfe um die Befreiung der Lausitz während der großen Schlacht um Berlin 1945 von Jan Cyz – Ziesche
VEB Domowina Verlag Bautzen
www.napoleonstrasse1813.de
Örtlicher Verein von Wurschen
Prolog
Auf dem Gutshof 1944
Gute Tage
Die Zeiten ändern sich
Die Gaffer am Fenster
Seelenschmerz
Fremde und Freunde
Vorsorge
Die Flucht beginnt
Stunden des Schreckens
Die Kirche von Kotitz
Weiter auf der Flucht
Rückkehr
Wieder auf dem Rittergut
Neubeginn
Schritte ins Leben
Eine neue Situation
Unwissenheit
Der Bruch
Auf eigenen Füßen
Auf und davon
Epilog
Zur Autorin
Danksagung
Fotos
Der Rittergutsverwalter, Werner Fiebig, mit seinem Sohn Hans-Joachim, 1941
Am 19.Oktober 1940 wurde ich auf dem Rittergut in Wurschen als erstes Kind von Werner und Margarete Fiebig geboren. Meine Eltern gaben mir den Namen Hans-Joachim. Ein Jahr später, am gleichen Tag, kam meine Schwester Ulla auf die Welt. Nun waren wir eine richtige Familie.
An Ereignisse früher Kindertage kann ich mich kaum erinnern. Das änderte sich jedoch mit meinem vierten Geburtstag, als ich jäh begann, die Welt um mich herum voller Neugier, mit wachen Augen zu beobachten.
Viele interessante, aber auch traurige Erlebnisse, bewegende Momente und Augenblicke der Angst sind bis zum heutigen Tag in meinem Gedächtnis haften geblieben. In späteren Jahren fügte meine Mutter den Geschehnissen von damals manches Detail hinzu, was mir in jener Zeit als Knirps entgangen war.
Ich erinnere mich noch gut an die Umgebung, in der ich aufgewachsen bin, an die Wohngebäude und das Gut, auf dem unsere Familie geraume Zeit lebte.
Mein Vater war der Rittergutsinspektor, der Verwalter des Grafen zu Solms von Sonnewalde. Mutter kümmerte sich um die Wirtschaft.
Meine Schwester und ich wurden von einem Kindermädchen liebevoll betreut.
In unserem Wohnhaus, das zum Gut gehörte, hatte Vater sein Büro. Auf dem großen Hof gab es einen Buddelkasten und eine hölzerne Bank, auf der wir oft saßen und alles gut beobachten konnten, die Gespanne und Wagen, die auf den Gutshof kamen, die Pferde, die getränkt wurden, den Ein- und Austrieb der Kühe, die Schweizer, die aus den Ställen mit der Karre den Mist auf den Haufen transportierten.
Dieser gewaltige Berg inmitten des Hofes hatte meine ganze Aufmerksamkeit geweckt.
Ich staunte über die Zugmaschinen und Traktoren, die so riesig waren. Nachdem ein Traktorist sie am frühen Morgen angestellt hatte, pepperten sie ohne Unterbrechung stundenlang, bop, bop, bop, bop, bop, vor sich hin; über Mittag neben der Werkstatt und abends an der Gaststätte. Die Traktoristen stellten sie erst am Ende eines Arbeitstages ab.
Beinahe alles, was auf dem Hof passierte, war interessant und aufregend. Überall hin hatte ich freien Zugang. Manchmal rannte ich dem Vater auf die Felder nach, wenn er dort den Arbeitern Aufträge erteilte. Es gab für mich nichts Schöneres, als bei Wind und Wetter draußen herumzuflitzen.
Vater war nicht nur der Verwalter auf dem großen Hof der gräflichen Familie. Er betreute zwei weitere, etwas kleinere Höfe, auf denen jeweils ein Vogt eingesetzt war. Die Traktoristen, Kutscher und Arbeitsleute hatten immer einen Vorsteher, der ihnen Aufträge des Verwalters überbrachte.
Besonders gern ging ich in die Schmiede. Die Männer dort waren meine besten Freunde. Ich durfte manchmal mit dem Hammer auf den Amboss schlagen oder den rauen Gesellen bei der Arbeit zusehen. Sie machten allerlei Späße mit mir, so dass ich oft mit öligen und rostigen Flecken auf der Kleidung nach Hause kam. Dennoch schimpfte meine Mutter mich nie aus.
Hin und wieder nahm sie uns Kinder mit, wenn sie hinter dem Haus zu tun hatte. Neben der großen Viehkoppel hinter dem Gut war eine kleine, abgegrenzte Fläche, die zum Bleichen der Wäsche diente. Auf dieser Wiese durften wir spielen und in der Sonne liegen.
Manchmal haben wir dort mit den Mägden ausgelassen herumgetollt.
Dabei war meine Schwester Ulla stets ein wenig zurückhaltender als ich.
Unsere Wohnung im Inspektorengebäude bot reichlich Platz für die Familie. Im Erdgeschoss befanden sich außer dem Büro des Vaters, eine Wirtschaftsküche, Vorratsräume und anderes Nebengelass.
Jeden Tag, zu festgesetzten Zeiten, fanden die Mägde und Knechte sich zum Essen in dieser Küche ein. Einige Bedienstete lebten mit ihren Familien im Dorf. Sie gingen zu den Mahlzeiten nach Hause. Alle anderen Beschäftigten wohnten auf dem Gutshof in verschiedenen Behausungen.
An manchen Tagen, an denen Vater zum Essen nicht da war, setzte sich Mutter mit uns zu den Mägden und Knechten. Hier war immer eine fröhliche Stimmung.
Ich hielt mich dort wegen der vielen Leute und dem großen Herd gerne auf.
Bei Anwesenheit unseres Vaters herrschten hingegen strenge Regeln. Dann mussten wir stets mit den Eltern in unserem separaten Esszimmer im Erdgeschoss speisen.
Unmittelbar neben diesem Raum war die Vorratskammer; die aus dicken Steinen gemauert war und eine gewölbeartige Decke hatte. Die anderen Wohnräume lagen im oberen Geschoss.
Zu den besonderen Räumlichkeiten zählte das Herrenzimmer mit seinem wertvollen Inventar. Es gab nur wenige Tage des Jahres, an denen es benutzt wurde, so auch zu Weihnachten. Niemand durfte ansonsten hinein, wo der Bücherschrank, ein Schreibtisch, ein runder Tisch mit Stühlen, eine Couch und Sessel standen und ein guter Teppich den Fußboden zierte.
Neben dem Herrenzimmer lag der Schlafraum unserer Eltern, von dem aus sie auf das Schloss blicken konnten. Am Ende des langen Flurs hatten wir Kinder unser Zimmer. Ich sehe immer noch die Gitterbetten, meine Schwester Ulla und mich auf den Nachttöpfen sitzend, vor mir.
In der kleinen Stube, die sich auf der anderen Seite des Flures befand, saßen wir am häufigsten. Hier war es immer sehr behaglich. In diesem Raum standen Couch und Sessel auf einem bräunlichen Teppich und noch einige andere Möbel. Durch das Fenster schaute man auf den großen Misthaufen im Hof, der mich nach wie vor in seinen Bann zog.
Jeweils an den Wochenenden erhielten die Gutsarbeiter ihr Deputat, also Lohn. Sie bekamen Milch, Eier, Brot, Butter und Mehl. Diese Lebensmittel waren Produkte vom Hof. Manchmal beobachtete ich, wie meine Mutter jedem Wartenden aus dem Fenster im Erdgeschoss heraus die Zuteilung übergab. Dabei waren alle froh gestimmt, der Kutscher, der Schmied, der Traktorist, der Förster, der Melkermeister, der Schnapsbrenner.
