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Man nannte ihn »Man Ray« und sie die »Königin von Montparnasse«: Emmanuel Radnitzky und Alice Ernestine Prin.
Kiki de Montparnasse begeisterte als Sängerin in Nachtclubs, plauderte mit Jean Cocteau und Marcel Duchamp in den angesagten Cafés von Paris und saß Malern wie Modigliani, Calder und Soutine Modell. Ihre Autobiografie – mit einem Vorwort von Ernest Hemingway – kam in Frankreich ganz groß raus und in Amerika auf den Index. Und das alles noch vor ihrem dreißigsten Lebensjahr.
Als Kiki und Man Ray sich kennenlernen, ist sie 20 und eine feste Größe in der Montparnasse-Bohème, er 31, ein namenloser Fotograf aus Amerika, gerade erst in Paris angekommen. Er fotografiert sie, sie werden ein Paar, es folgt eine acht Jahre währende stürmische Liebesbeziehung. Mit ikonischen Aufnahmen wie »Violon d’Ingres« und »African mask« – ihr Rücken, ihr makelloses Gesicht – begründet Man Ray seine Karriere, sie öffnet ihm die Türen zu Galeristen und Künstlern. Er ermuntert sie, selbst zu malen: Alltagsszenen, Erinnerungen an ihre Kindheit im Burgund. Aber als sie auch damit Erfolg hat, ist er eifersüchtig und macht sie klein.
Wa war es, das diese junge Frau wie keine andere zur Verkörperung einer ganzen Ära machte? In seinem akribisch recherchierten, glänzend geschriebenen Buch versucht Mark Braude, dem Mythos Kiki auf die Spur zu kommen, das Rätsel ihrer Anziehungskraft zu entschlüsseln. Erstmals wird Kikis prägender Einfluss nicht nur auf Man Ray, sondern auf die gesamte Künstlerszene vom Montparnasse deutlich.
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Seitenzahl: 516
Veröffentlichungsjahr: 2023
Mark Braude
Kiki Man Ray
Kunst, Liebe und Rivalität im Paris der 20er Jahre
Aus dem Englischen von Barbara Steckhan und Thomas Wollermann
Mit zahlreichen Abbildungen
Insel Verlag
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Titel der Originalausgabe: Kiki Man Ray. Art, Love, and Rivalry in 1920s Paris
eBook Insel Verlag Berlin 2023
Der vorliegende Text folgt der deutschen Erstausgabe, 2023.
© der deutschsprachigen Ausgabe Insel VerlagAnton Kippenberg GmbH & Co KG, Berlin, 2023© der Originalausgabe: Mark Braude 2022
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Umschlaggestaltung von Rothfos & Gabler, Hamburg, unter Verwendung des Originalumschlags von W. W. Norton & Company, Entwurf: Jaya Miceli, Foto: „Ballet mécanique“ von Man Ray (© Man Ray 2015 Trust / VG Bild-Kunst, Bonn 2023) und Fernand Leger (© VG Bild-Kunst, Bonn 2023), CNAC-MNAM/bpk, Berlin
eISBN 978-3-458-77632-1
www.suhrkamp.de
Für Laura, Lucinda und Eloise
Der Waffenstillstand brachte uns die Grippe, Inflation und Verlust. In dieser unruhigen, von persönlichen Tragödien geprägten Zeit war die Kunst das einzige, an das wir noch glauben konnten.
– Bryher,The Heart of Artemis (1962)
Menschen zahlen Geld dafür, um andere zu sehen, die an sich selbst glauben.
– Kim Gordon,»I’m Really Scared When I Kill in My Dreams« (1983)
Cover
Titel
Impressum
Widmung
Inhalt
Informationen zum Buch
Cover
Titel
Impressum
Widmung
Motto
Inhalt
PROLOG Sommer
1925
: Ein Abend im Jockey
1 Gassenhauer vom Marmortisch herab
2 Ein Café ist keine Kirche
3 Lauter Neuanfänge
4 Erste Fotos
5 Das Grand Hôtel
6 Feste, die gefeiert werden wollen
7 Die Schlafepidemie
8 Eine italienische Erbin, ein französischer Romancier, ein japanischer Maler und ein amerikanischer Sammler
9 Krach um Dada
10 Von Schiffsreisen und anderen Geschichten
11 Das Modell als Akteurin
12 Traumdeutung
13 Im Scheinwerferlicht
14 Komm schon her
15 Abstand von Paris
16 Kiki mit afrikanischer Maske
17 Lass mich in Ruhe
18 Die verrückten Jahre
19 Ende einer
Amour fou
20 Vergiss deine Sorgen, komm nach Montparnasse!
21
1929
22 Königin von Montparnasse
23 Der Weg der Pflicht
24 Wenn es mir dreckig geht, dann versetze ich mich in eine andere Zeit
25 Ein Winter und ein Frühling
EPILOG Erinnerungen und Fotos
Dank
Anmerkungen
Abkürzungen
Verweise
Weitere Quellen
Prolog
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Epilog
Bildnachweise
Bildteil
Informationen zum Buch
PROLOG
Kiki weiß vorher nie genau, ob sie auch wirklich auftreten wird. Manchmal ist sie nicht in Stimmung, sagt, sie sei zu betrunken. Es ist anders geworden, seit die Leute kommen, um sie zu sehen, seit sie vor dem Publikum steht statt mitten unter ihm. Sie klappern mit dem Besteck und rufen ihren Namen, bis sie ins Licht des Scheinwerfers tritt und ihren langsamen Tanz beginnt. Hier gibt es keine Distanz, die sie in ein Geheimnis hüllt, keine Bühne, die sie majestätisch erscheinen lässt; alle atmen dieselbe aufgeheizte Luft und riechen denselben Schweiß.
Sie passt ihre Vorstellung an die Bedürfnisse dieser kleinen Gemeinde an und erzählt den Leuten Geschichten, die von ihnen selbst handeln, die sie bereits kennen, aber gerne immer wieder hören. Geschichten über das Leben als Waisenkind oder als Witwe, über Liebeskummer, Seelenqualen und Enttäuschungen, Geschichten, in denen Schüsse fallen und Geister herumspuken, oder über Matrosen, die auf dem Meer geblieben sind. Aber auch Geschichten von Lust, Einfallsreichtum, Gemeinschaft, von charmanten Schwindlern und süßer Rache, Geschichten von gutem Essen und Rotwein, Geschichten über Glück beim Kartenspiel und Pferde, die als Überraschungssieger durchs Ziel gehen.
Ihre Melodien sind süß und eingängig, eine Musik für Leierkastenmänner und Tanzbären. Sie formt ihre Botschaften, während sie sie sendet, wiegt den Kopf, fährt sich mit der Hand durch den schwarzen Bubikopf, rümpft ihre spitze Nase, lässt die Schultern fallen, spielt mit ihrem feinen Schal, kreist mit den Hüften, lässt die Hände flattern. Sie weiß, wann sie schnurren und wann sie knurren muss, gekonnt platziert sie dazwischen ein verächtliches Schnauben. Sie kann hochmütig und grausam sein. Doch unter alldem vibriert stets eine warme Basszeile. Sie lässt sich von ihrer Freude mitreißen. Den Ausgestoßenen versichert sie, man habe ihren Wert einfach noch nicht erkannt. Den Verlorenen und Gebrochenen verspricht sie Schutz. Sie bedient die Legende, dass die Menschen vom Dorf zwar schlichter, aber zugleich viel weiser als die Städter seien.
Nie strebt sie nach dem Erhabenen. Ihre Stimme ist erdverbunden, das weiß sie. Könnte man einer Singstimme einen Geruch zuordnen, hätte die ihre den von Knoblauch, angebraten in einer Pfanne mit heißer Butter und Wein. Mit ihrem begrenzten Stimmumfang und der fehlenden Gesangsausbildung laviert sie stets am Rand der Katastrophe, doch die Antizipation ihres Scheiterns erhöht zugleich die Begeisterung, wenn es dann ausbleibt. Sie schafft, was sie sich vorgenommen hat, und versucht nicht, darüber hinauszugehen. Sie ermutigt die Zuhörer, mit ihr und über sie zu lachen. Hauptsache, sie lachen. Nie fängt sie an zu schmettern. Die Stadt ist laut genug.
Im Unterschied zu vielen anderen, die vor vergleichbar kleinem, anspruchsvollem Publikum in Paris, London oder Paris auftreten, versucht sie nicht, sich wie eine Maschine zu bewegen. Sie gebärdet sich eher wie ein Tier oder, besser, wie viele Tiere, sie bettelt wie ein Hund, zieht die Schultern zusammen und spreizt die Ellbogen, um dann wie ein Vogel zu krächzen, und manchmal bleckt sie ihre Tigerzähne. »Ein wunderbares Tier«, sagt jemand, der sie bei einer Darbietung erlebt hat, »schön wie ein Reh.«
Ihre Liedtexte kommen aus alter Zeit. Inmitten so vieler Möchtegern-Propheten gibt sie sich nicht als Mahnerin vor der Zukunft. Überall hört man, dass die besten Werke weder Stillstand noch Rückblick kennen, weshalb die Kultur unter dem Druck, immer neue Prophezeiungen zu bieten, auch so viel Halbgares hervorbringt. Doch Kiki ist langsamer und älter als ihre Zeit und ihr Ort. Ihre Lieder sind nicht von Tempo, sondern von Schwung geprägt. In all den Rollen, in die sie schlüpft, erinnert sie ihr Publikum daran, dass sich eine Kiki in dieser brutalen, dem Mammon hörigen Welt, die ihr nichts schenkt, immer hat arrangieren können.
Ihr Freund Robert Desnos, halb mystischer Poet, halb Müllsammler, half ihr bei der Erschaffung ihrer Persönlichkeit. Er schrieb manchmal Liedtexte für sie, indem er aus dem Treibgut vergessener Wörter früherer Generationen einige herausfischte und ihnen neues Leben einhauchte. Desnos, der die Musik liebt, auch wenn er selbst ein miserabler Sänger ist, der Hugo und Baudelaire aus dem Gedächtnis zitieren kann und die Handlung sämtlicher Fantômas-Romane kennt, behandelt mit schrägem Witz und Knittelversen aktuelle Probleme. Kiki kann unter dem friedlichen Geplätscher eines jeden Lieds ein gesunkenes Schiff zum Vorschein bringen. Sie hat Freude daran, wie manche Wörter, halb gesprochen, halb gesungen, sich in ihrer Kehle, auf ihrer Zunge anfühlen. Die Verse, die sie und Desnos schmieden, werden zu Losungen für die Eingeweihten.
Gemeinsam mit ihr bearbeitet eine Freundin, oder eher Schwester, das Publikum, eine Tanzlehrerin, die sich Thérèse Treize nennt, ein Künstlername, den Desnos geprägt hat, der zeitweise ihr Liebhaber ist. Sie führt vor der singenden Kiki akrobatische Tänze auf, was den Auftritt in eine Art Duett verwandelt. Irgendwann unterbricht sie ihre Darbietung und geht mit dem Hut herum, nicht ohne alle zu beschimpfen, die nach ihrer Einschätzung zu geizig im Verhältnis zu ihrer sozialen Stellung sind.
Kiki singt die Zeilen, die ihr Markenzeichen geworden sind, ein altes Volkslied mit einem von Desnos überarbeiteten Text:
Alle Mädchen von Camaret schwörn Jungfrau zu sein,
doch bin ich dann mit ihnen allein,
wollen sie lieber mein Gerätlein herzen
als Maria zu ehren mit geweihten Kerzen
Dazu hat sie eine Kerze in der Hand, die sie im Takt der Musik schwingt. Anschließend singt sie von einem Mann, dem ein Räuber den Bauch aufgeschlitzt hat und der sich die Eingeweide wieder hineinstopft und die Wunde mit Leukoplast versorgt, bis der Rettungswagen kommt.
Die Zuneigung zwischen Kiki und ihren glühendsten Anhängern entspringt ähnlichen Lebensumständen sowie der Einsicht, dass es sich leichter überleben lässt, wenn man seine Haltung an die Lage anpasst: mal ironisch oder dramatisch, mal anarchisch, weich, weltverdrossen, finster, überschäumend, furchtlos, angriffslustig oder gelangweilt. Kiki ist keine Diva, die sich in Starallüren hüllt, sie verlangt keine Unterwerfung. Sie wird ihr Publikum niemals beherrschen. Wenn sie von ihren Sünden singt, vermittelt sie ihren Zuhörern lediglich das Gefühl, ihnen die Beichte abzunehmen. Alle im Publikum könnten so leben wie sie, soll das heißen, wenn sie nur das Selbstvertrauen aufbrächten, das sie in ihr vermuten. Eine Schwindelei, gewiss, aber eine, die sie gerne hören.
Für Außenstehende, die kommen, um die Bohème bei ihrem Treiben zu beobachten, ist sie eine unterhaltsame Figur aus der Gosse, der Nervenkitzel, den man sich gönnt, um erfüllt von Geschichten über exotische Düfte, unheimliche Laute und bedrohliche Fleischeslust ins traute Heim zurückzukehren. Und die Touristen sehen nur die Erotik und die rauchigen Augen; ihnen entgeht die Traurigkeit und Ernsthaftigkeit des Rituals. Wieder und wieder singt Kiki den Refrain für jene, die begriffen haben: Liebe ist Leiden, aber Leiden ist schön, solange man dabei nicht allein ist.
So stehen sie beieinander in der Enge, die Anthropologen und die Eingeweihten, und alle beobachten einander, wie sie Kiki beobachten. Es muss ihnen an diesem Abend im Jockey so erschienen sein, als stünden sie im weißglühenden Zentrum der Erde.
Doch wie war es dazu gekommen? Viele aus dem Publikum müssen sich Jahre später, im Rückblick, diese Frage gestellt haben. Wie konnte es geschehen, dass diese junge Frau, von ungeklärter Herkunft, arm und unehelich, die in ihrem kurzen Leben kaum jemals genug Geld verdiente, um satt zu werden, die alte Lieder für ein Trinkgeld sang, die sich als Modell für die Kunst von anderen hergab, die vom Barhocker aus Skizzen ihrer Trinkgenossen anfertigte und verkaufte – warum konnte gerade diese junge Frau den Geist ihrer Zeit erfassen wie keine andere, noch dazu, indem sie nichts anderes tat, als aus ihrer Person eine Performance zu machen?
1
Der Mann, den man Kiki als ihren Vater benannte, verkaufte Holzkohle vom Pferdewagen. Wenn er zu Lieferungen unterwegs war, verkündete er sein Kommen mit einer Blechtrompete. Die Holzkohle stellte er in Meilern tief in dem Wald her, der hinter dem Dorf begann. Kiki erinnert sich, dass er sie oft in den Wald mitnehmen wollte und dass sie sich stets weigerte. Denn sie wusste nie, ob er ihr etwas antun oder sie einfach nur in die Arme nehmen wollte, um sie endlich, ohne Beobachter und an einem sicheren Ort, als seine Tochter anzuerkennen.
Sie wurde am 2. Oktober 1901 als Alice Ernestine Prin in Châtillon-sur-Seine geboren, einem Dorf in der Bourgogne, 230 Kilometer südöstlich von Paris und knapp 50 Kilometer nördlich von der Quelle der Seine. In dieser Gegend bestimmte das bäuerliche Leben den Tagesablauf, wie fast überall in Frankreich, abgesehen von der Hauptstadt. Alice erzählte gern, dass sie es mit ihrer Geburt so eilig hatte und in ihrer Mutter so heftige Wehen auslöste, dass diese einfach auf der Straße niedersank. Es sah schon so aus, als würde das Kind auf dem Bürgersteig das Licht der Welt erblicken, doch schließlich trug sie jemand nach Hause. Während der Geburt hatte sich bei Alice die Nabelschnur um den Hals gewickelt, und sie lief bereits blau an, doch das »Schicksal hatte gewollt, dass ich eine Chance bekam«. Sie wurde nach einer Tante benannt, deren trauriges Leben in einer Erziehungsanstalt endete, in der sie unter Umständen, die ihre Namensvetterin nie genau erfuhr, gerade achtzehnjährig starb.
Marie Prin, ihre Mutter, war achtzehn Jahre alt und arm. Kikis um zehn Jahre älterer Vater Maxime Legros war ein bisschen besser gestellt. Marie Prin war bereits zweimal von ihm schwanger gewesen, ein Mädchen war als Totgeburt auf die Welt gekommen, ein weiteres hatte nur vier Monate überlebt. Ihre dritte Schwangerschaft hatten die beiden so lange wie möglich verheimlicht. Maximes Eltern waren gegen diese Beziehung und setzten ihn irgendwann unter Druck, eine Frau aus einem anderen Dorf zu heiraten, die offenbar eine bessere Partie abgab als Marie. Sie brachte eine Mitgift von tausend Francs und ein Schwein mit in die Ehe.
Alice gesellte sich zu ihren fünf Cousinen und Cousins – zwei Mädchen und drei Jungen, die unehelichen Kinder ihrer beiden Tanten –, die allesamt zur Großmutter Geneviève Prin gegeben wurden, in deren Haus in der Rue de la Charme sie aufwuchsen. Marie ging nach Paris und arbeitete als Krankenschwester in einer Entbindungsstation, wie so viele unverheiratete Mütter, die in derartige Einrichtungen geschickt wurden, um in der Heimat den Skandal zu vermeiden. Deren Leitung hoffte, die Schreie und das Blut würden die Mädchen an das gemahnen, was sie erwartete, falls sie ihre Missetaten wiederholten.
Marie schickte jeden Monat fünf Francs nach Hause. Großmutter Prin übernahm derweil für die Nachbarn die Wäsche und Näharbeiten. Großvater Prin war Hilfsarbeiter im Straßenbau und somit der erste männliche Prin, der seinen Lebensunterhalt nicht als Schafhirte verdiente.
Zwei Mal in der Woche stellten sich Alice und ihre Cousinen und Cousins bei den Töchtern der Christlichen Liebe vom heiligen Vinzenz von Paul an und ließen sich Gemüsebrühe und Reis zuteilen. Die Familie, aus der sie stammten, gehörte nicht zu den praktizierenden Christen, und so bekamen sie mit der Brühe von den Nonnen stets auch eine Portion bissiger Worte serviert. Wenn die Mutter in der großen Stadt bei den Reichen ihr Leben genoss, fragten sie Alice, warum stand ihre Tochter dann hungrig und in Lumpen vor ihnen? In einer Zeichnung, die sie Jahre später aus dem Gedächtnis anfertigt, bildet sich Alice als mageres Kind am Ende einer Schlange von Menschen ab, die auf ihre Mahlzeit von einer Nonne warten. Diese ist von furchterregender Gestalt, drei Mal so groß wie die von ihr versorgten Dorfbewohner, und ihre weiße Cornette, die Flügelhaube, ragt weit über die breiten Schultern hinaus. »Und was sie alles gesagt haben, diese Vertreter Gottes auf Erden«, schreibt Alice später in ihren Memoiren. »Mit diesen schmallippigen Mündern, verkniffen von all der Bitterkeit und Bosheit, die aus ihnen herausdrang.«
Alice verschaffte sich Momente des Glücks, wo sie sie finden konnte. Allein die Bohnensuppe, die sie bekam, als sie in die Vorschule ging, machte sie glücklich. Sonst aber gab es nur wenig in der öffentlichen Schule ihres Dorfs, was ihr Freude bereitete. Sie spürte, dass die Lehrerin die Wohlfahrtszöglinge mit ihren zerlumpten Kleidern und den spindeldürren Beinen hasste, die sie in den hinteren Teil des Klassenzimmers verbannt hatte. Sie kratzte Alice, wenn sie mit ihren scharfen Nägeln bei ihr auf Läusesuche ging, obwohl ihr die Großmutter in weiser Voraussicht die Haare kurz geschnitten hatte wie bei einem Jungen. Wenn sich Alice gegen die grobe Behandlung wehrte, musste sie mit dem Gesicht zur Wand in der Ecke stehen.
Die anderen Kinder bewunderten sie. Sie machte sich einen Spaß daraus, ihnen Angst einzujagen, indem sie gegenüber vom Schulhof auf der niedrigen Kalksteinmauer am Ufer der Seine auf Zehenspitzen balancierte. Auf der anderen Seite ging es drei Meter weit in die Tiefe.
Als sie zehn war, schwänzte sie häufig die Schule. Niemand könne sie dazu zwingen, hatte sie sich zurechtgelegt. In diesen Jahren bestand in Frankreich bereits Schulpflicht; die Grundschule sollte als Eckpfeiler der Modernisierung die Entwicklung des Nationalgefühls befördern, was hieß, der bäuerlichen Bevölkerung die Werte der Republik einzutrichtern und den Einfluss volkstümlicher Traditionen und der »rückständigen« ländlichen Dialekte zu beschneiden. Doch niemand setzte gegenüber Alice die Regeln durch. »Die Großmutter hat uns oft angeschrien«, schreibt sie über ihre Kindheit mit den Cousinen und Cousins. »Wir aber schrien lauter als sie.« Nachbarn warfen Großmutter Prin vor, zu nachgiebig mit ihren Zöglingen umzugehen. Um sie zu täuschen, hieb sie hinter dem Haus mit einem Besenstiel auf einen Tisch, während ihre jungen Komplizen aufheulten, als würden sie grün und blau geschlagen.
Alice verbrachte ihre Zeit am liebsten im Freien, wo sie immer etwas zu essen auftreiben konnte. Nach heftigen Regengüssen grub sie aus frisch geschlagenen Gräben Schnecken aus und zog dann, die Finger erdverkrustet, weiter, um noch mehr in den Ritzen alter Häuser zu suchen. Sie pflückte wilde Erdbeeren und sammelte erdig schmeckende Pilze. Außerdem gab es überall Löwenzahnwurzeln, die sie, gewaschen und von Blättern und Stängeln befreit, schüsselweise verkaufen konnte, weil man daraus Tee kochte.
Alice war das einzige der Kinder bei der Großmutter, deren Vater noch am Leben war. Einmal schnappte sie ein Gespräch auf, in dem ein Mann einem anderen erzählte, eins der Mädchen im Dorf sei ihre Halbschwester. Die Ähnlichkeit sei unverkennbar, meinte er, denn »die eine ist genauso hässlich wie die andere«. Wann immer Alice und dieses Mädchen aufeinandertrafen, gab es nahezu unweigerlich und fast schon instinktgetrieben eine Prügelei. Wenn die andere drohte, es ihrem Vater zu sagen, schleuderte Alice ihr entgegen, das sei ihr egal, er sei auch ihr Vater. Großmutter Prin warnte Alice, wenn sie ihn jemals aufsuchte, würde er sie »umbringen, genau wie die anderen«. Als Erwachsene folgerte sie, das habe sich wohl auf die beiden Schwestern bezogen, die Marie und Maxime vor ihrer Geburt verloren hatten und für deren Tod ihre Großmutter irgendwie Maxime verantwortlich machte.
Ein anderer Mann – von Alice in ihren Erinnerungen nur »mein Pate« genannt – übernahm in ihrer Kindheit die Rolle, ihr beizustehen. Er sammelte mit seinem Pferdekarren den Müll des Dorfes. Wenn er ihn gefüllt hatte und zu einem weit entfernten Feld fuhr, um ihn dort abzuladen, kam Alice oft mit, wühlte in Lumpen und Flaschen und »spielte Alice im Wunderland«. Nach der Arbeit gingen sie beide in ein Bistro, wo sie sich aus noch nicht gespülten Gläsern die letzten Tropfen Pernod ergaunerte, während ihr Pate, ein Alkoholschmuggler, seinen Geschäften nachging. Gelegentlich stieg sie auf einen Marmortisch und stimmte ein paar alte Gassenhauer an, röhrte durch ihren Lakritzatem die abgenudelten Melodien, um anschließend herumzugehen und sich mit ein paar Münzen oder einem Schluck Wein belohnen zu lassen.
Als Alice zwölf Jahre alt war, bestellte ihre Mutter sie zu sich nach Paris. Sie fuhr mit Großmutter Prin (ihr Großvater war einige Jahre zuvor gestorben) in das zwei Stunden entfernte Troyes, wo eine Tante wohnte. Dort wurde sie einem Schaffner übergeben, der das weinende Mädchen in der Hoffnung, es zu beruhigen, in einem Erste-Klasse-Abteil unterbrachte. Als sie ihren Proviant, bestehend aus stark riechender Knoblauchwurst und Rotwein, auspackte und zwischen einzelnen Bissen nach ihrer Großmutter schluchzte, sah sie, wie die Frau ihr gegenüber das Gesicht verzog, als hätte jemand nach ihrem Hund getreten. Noch Jahre später schämte sie sich, wenn sie an das rumpelnde Zugabteil zurückdachte und an das magere Mädchen mit der fahlen Haut, das sie war, dessen rabenschwarzes Haar unter der blauen, mit einem roten Bommel geschmückten Tellermütze in alle Richtungen abstand. Sie weinte die ganze Fahrt bis nach Paris.
Aber sie liebte die Stadt vom ersten Augenblick an, kaum dass sie aus der Gare de l’Est in das Konzert aus Trillerpfeifen, Hupen und klappernden Hufen getreten war. Als sie mit ihrer Mutter in eine der wartenden Pferdedroschken stieg, wollte sie wissen, wie lange man die Straßen bohnern müsse, damit sie so glänzten.
Doch ihr Wiedersehen verlief nicht glücklich. Die Mutter war für Alice wie eine Fremde, die sie lediglich gesehen hatte, wenn sie beladen mit Spielzeug, hübschen Kleidern, Lackschuhen und anderen Pariser Dingen, Symbole der von Marie so stark herbeigesehnten Respektabilität der Mittelschicht, auf Urlaub ins Dorf kam. Ihre Stelle im Krankenhaus hatte sie aufgegeben und arbeitete nun als Linotypistin im Verlagshaus Calman-Lévy, wo sie Texte für den Bleisatz vorbereitete. Sie wohnte am Rande von Montparnasse in der Rue Dulac 12, der hässlichsten Straße des Viertels. Ihre Erdgeschosswohnung teilte sie sich mit einem gewissen Gaston, dem für ihre Linotype zuständigen Vorarbeiter. Da das Wohnhaus dem Verlag gehörte, war die Miete erschwinglich, solange die beiden dort angestellt blieben.
Marie schickte Alice in eine nahe gelegene Schule in der Rue de Vaurigard, damit sie lesen und rechnen lernte und später ebenfalls Linotypistin werden konnte. Alice fürchtete sich, wieder zur Schule zu gehen, zumal sie sich schämte, in eine Klasse mit fünf und sechs Jahre jüngeren Kindern gesteckt zu werden. Allerdings entdeckte sie, dass sie neben dem Fach Geschichte – besonders wenn es um Napoleon ging – besonderen Spaß am Lesen hatte. Am liebsten mochte sie die trivialen Fantômas-Romane, von denen jeden Monat ein neuer erschien (zweiunddreißig insgesamt). Sie handelten von dem brillanten, vor keinem Mord zurückschreckenden Erzschurken Fantômas, dem »Genie des Verbrechens«, der in immer neue Rollen schlüpft und auf diese Weise Inspektor Juve von der Sûreté stets entkommt. Jeden Abend machte Alice ihr Fenster auf und legte sich voll angezogen ins Bett, um bereit zu sein, wenn Fantômas sie holen wollte. Ihre Mutter zog sie deswegen auf; dabei schwärmte sie insgeheim ebenfalls für den Helden. Alice aber wusste, dass er leise mit ihr fortschleichen würde, damit sie gemeinsam Unheil über die schlafende Stadt bringen konnten, wenn sie, ihr wahres Aussehen unter Masken und Capes verborgen, über die Mansardendächer huschten. Durch Fantômas wurde Alice mit den lustvollen Möglichkeiten einer effektiven Verkleidung vertraut.
Nach einigen Monaten meldete Marie ihre Tochter aus der Schule ab. Alice war dreizehn geworden und damit in einem Alter, in dem sie legal in der Fabrik arbeiten durfte. »Ich konnte lesen und zählen«, schreibt sie in ihren Memoiren. Sie ging in einer Strickerei in die Lehre, arbeitete als Flaschenwäscherin und begann eine Ausbildung in einer Buchbinderei. Diese letzte Stelle gab ihr die aufregende Möglichkeit, mit Büchern in Kontakt zu kommen, die sie daheim nie vorgefunden hätte, wie das Kamasutra, dessen Abbildungen in ihr ein Gefühl erzeugten, »als spürte ich zwischen den Schenkeln das Flattern eines Vogels«. Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs hatte sie die Aufgabe, die Stiefel gefallener Soldaten zu desinfizieren und zu wienern, ehe sie wieder neuen Rekruten verpasst wurden, die Hüllen von Aufklärungsballons zu flicken und militärisches Gerät zu löten. Mit ihrem Lohn leistete Alice einen entscheidenden Beitrag zum Haushalt, der die Abhängigkeit ihrer Mutter von Gaston verringerte. Marie rangierte mit ihrem Verdienst knapp über der Armutsgrenze. Der Durchschnittslohn einer Französin machte mit 2,25 Francs für einen Zehn-Stunden-Tag gerade mal ein Drittel des Lohns eines Mannes aus. Alice aß mittags oft in der Suppenküche des Viertels, wo man wässrige Linsensuppe austeilte, die, wie die Leute scherzten, mehr Steinchen enthielt als Linsen.
Samstags halfen Alice und ihre Mutter einer befreundeten Familie namens Guinoisau mit ihrem Blumenstand auf dem Markt in der Rue Mouffetard im Quartier Latin. Alice arbeitete neben der ältesten Tochter der Guinoisaus, einem hochgewachsenen Mädchen mit glänzenden blonden Haaren. Gemeinsam bemühten sie sich, halbverwelkte Iris und Lilien präsentabel zu machen, abgeknickte Stiele mit einem Streichholz zu reparieren und alte Rosen mit einem Hauch Duftwasser aufzufrischen. (Ihrer Erinnerung nach lösten diese Tricksereien keine großen Proteste aus; andererseits hatte der Stand kaum Stammkunden.) In Bewunderung der zarten Hände der Guinoiseau-Tochter überlegte Alice, ob diese nicht insgeheim eine Prinzessin im Exil sei. Die Mädchen schmückten sich wie Zigeunerinnen, strichen sich Öl ins Haar, klebten sich Schmachtlocken auf die Wangen, zwirbelten sich mit Messing und bunten Steinen verzierte Kämme in die Frisur, alles in Anlehnung an die ungezähmte Carmen, die in der anderen Welt auf dem gegenüberliegenden Ufer der Seine im Gold und Samt der Opéra-Comique die ältere Generation bezaubert hatte.
War ihre Schicht vorüber, ließen die Mütter ihre Töchter allein zum Flohmarkt am südlichen Stadtrand gehen, wo sie nach Kleidern suchten. Sie teilten sich gebratene Kartoffeln und Weißwein und kehrten dann zurück nach Montparnasse, um dort ins Kino zu gehen. Alice rieb sich die Blütenblätter einer gestohlenen Blume über Lippen und Wangen und traf sich dann mit Dédé, der damals wohl neunzehn oder zwanzig war. Da er nie von einer Arbeitsstelle sprach, meinte sie, er lebte auf Kosten seiner Frau, bis er eines Abends beim Einbruch in ein Schuhgeschäft erwischt wurde. Das konnte seinen Reiz in den Augen eines von Fantômas schwärmenden Mädchens allerdings nur noch erhöhen. Mit Dédé war es vorbei, als ihrer Mutter purpurfarbene Flecken an ihrem Hals auffielen.
Gut ein Jahr nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs wurde Alice zu ihrer Tante nach Troyes geschickt. In der Textilfabrik konnte sie dreimal so viel verdienen wie in Paris. Alice mochte ihre Tante, die wie ein geschrumpfter Polizist mit weiblichen Rundungen aussah. Die Tante liebte das Essen und das Trinken, schnupfte Tabak und bellte unentwegt Befehle. Das bisschen, was sie hatte, teilte sie gern. Sie wohnte in einem gemieteten Haus mit zwei Zimmern am Ortsrand. Alice schlief mit ihrer dreizehnjährigen Cousine Madeleine, die sie Schwester nannte, in einem Bett. Tante Laure teilte das Bett mit ihrer ältesten Tochter, Eugénie, und zwischen ihnen lag Eugénies Baby, dessen Vater im Krieg gefallen war. Alice hatte glückliche Erinnerungen an ihre Zeit in Troyes. Madeleine und sie hatten beide bei Großmutter Prin gewohnt, bis sie zwölf wurden und zu ihren Müttern zurückkehrten. Nun gingen sie gemeinsam zur Fabrik wie zwei Erwachsene und eilten in der Mittagspause zu Hering und schwarzem Kaffee nach Hause. Beim Abendessen hob Alice heimlich einen Teil ihrer Mahlzeit für Madeleine auf, die nie genug zu essen bekam, weil Tante Laure meinte, die Kalorien seien bei der größeren und hübscheren Eugénie besser angelegt. Doch nach drei Monaten verletzte sich Alice am Fuß und musste die Spinnerei aufgeben. Anfang 1916 wurde sie nach Paris zurückgeschickt.
Ihre Mutter hatte sich inzwischen von dem Vorarbeiter getrennt und lebte mit einem Soldaten namens Noël Delecœuillerie zusammen. Er war als Verwundeter von der Front gekommen und gab sich als ihr Untermieter aus, um den guten Schein zu wahren. Nachts konnte Alice sie hören; sie fragte sich, was die Laute zu bedeuten hatten. Noël war elf Jahre jünger als Marie, altersmäßig näher an Alice als an der Mutter. Die Wohnung war eng, und Marie fand, für Alice sei die Zeit zum Auszug gekommen.
Sie besorgte ihr eine Stelle in einer Bäckerei an der Place Saint-Charles gleich südlich vom Eiffelturm. Alice bekam dreißig Francs im Monat und ein Zimmer bei dem älteren Paar, dem die Bäckerei gehörte. Sie stand bei Morgengrauen auf und bediente Arbeiter mit frischem Backwerk, dann besorgte sie Auslieferungen. Wenn sie damit fertig war, siebte sie das Mehl, zog wieder los, um einzukaufen, und eilte dann zurück, weil die letzten Backwaren aus dem Ofen geholt werden mussten. Die ganze Zeit stellte ihr der Bäckergehilfe nach, zog sich vor dem Ofen die Hose herunter und zeigte ihr seinen Schwanz, mit dem Kommentar, sie werde »nie mehr einen so schönen sehen«. Abends kochte und putzte sie für die Besitzer.
Die Nächte gehörten ihr. Sie blickte gern auf den von Laternen erhellten Platz vor ihrem Fenster, auf dem die Paare auf Bänken zusammensaßen. Wenn sie ihnen beim Schmusen zusah, geriet sie in Erregung. Dass die Lust der anderen sie derart faszinierte, dass sie so viel mehr über das Körperliche und seine Möglichkeiten erfahren wollte, machte ihr Angst. »Zwei oder drei Mal am Tag hatte ich das Bedürfnis, allein zu sein«, schreibt sie. Eines Abends nahm sie einen Jungen, »klein, gedrungen und gemein aussehend«, mit ins Hinterzimmer der Backstube. Als er begann, sie zu küssen, bekam sie Angst und beendete das Ganze.
In ihren Träumen verliebte sie sich in einen Dichter, Maler oder Schauspieler. Sie hatte das Gefühl, dass ihr etwas Großes bevorstand. Sie wusste, dass Mädchen vom Lande ohne ordentliche Schulbildung gewöhnlich nicht für Größeres vorgesehen waren, doch sie gierte nach Begegnungen mit neuen Orten und Menschen. »Ich wollte fortlaufen. Aber wohin sollte ich ohne Geld gehen?« Außerdem liebte sie Paris von ganzem Herzen, auch wenn sie sich nach Châtillon-sur-Seine und der Zuwendung ihrer Großmutter sehnte. Alice wusste, dass ihre Zukunft in Paris lag, sosehr es sie auch schmerzte, ihrer Heimat den Rücken zu kehren.
Zumeist war sie müde. Nie kriegte sie genügend Schlaf. Dann kam der Tag, an dem sie die Bäckersfrau schlug. Alice hatte sich die Augenbrauen mit abgebrannten Streichhölzern nachgezogen. Als die ältere Frau sie so geschminkt sah, bezeichnete sie sie als »kleines Flittchen«. Daraufhin schlug Alice zu. Der Bäckergehilfe musste dazwischengehen. Im Flüsterton erklärte er Alice anschließend, sie hätte sich wacker geschlagen.
Der Bäcker und seine Frau weigerten sich, Alice ihren letzten Monatslohn auszuzahlen. Sie ließ sich eine Weile treiben, übernachtete bei Freunden, suchte eine neue Arbeit. Irgendwann begegnete sie einem Stammkunden der Bäckerei, der schon seit längerem ein Auge auf sie geworfen hatte. Er war Bildhauer und trug ein ausladendes Barett. Sie hatte ihn nie ohne seinen Gehstock mit der silbernen Spitze gesehen, was sie irrtümlich als Zeichen für großen Wohlstand deutete. Wenn sie Geld brauchte, meinte er, könne sie für ihn Modell stehen. Er hatte ein Atelier nur wenige Schritte von der Wohnung ihrer Mutter entfernt.
Sie hatte sich noch nie vor einem Mann ausgezogen. Doch bei einem wie ihm, jemandem mit Bauch und silbergrauem Bart, machte es ihr nichts aus. Er schien ihr zu alt, um ihr etwas anzutun. So ging sie zur Impasse Ronsin, einer Ansammlung von Ateliers in einer von Ranken überwucherten kleinen Oase, wo Vögel zwitscherten, Tauben gurrten, Katzen miauten, Hunde bellten und Hühner gackerten. Der rumänische Bildhauer Constantin Brâncuşi lockte gelegentlich eins in seine Küche, um es zum Abendessen zu kochen. Man nannnte den Winkel auch Mördergässchen, nachdem dort im Jahr 1908 ein Doppelmord verübt worden war. Bei den Opfern handelte es sich um den berühmten französischen Porträtmaler Adolphe Steinheil und seine Schwiegermutter, und als Täterin geriet seine Frau Marguerite in Verdacht. In einem Sensationsprozess wurde sie freigesprochen. Sie war bereits landesweit als ehemalige Geliebte des früheren Präsidenten Félix Faure bekannt, der, wie man sich erzählte, beim Liebesakt mit ihr im Élysée-Palast einem Schlaganfall erlegen war.
Anfangs war Alice nervös und »bebte ebenso vor Furcht wie vor Kälte«. Sie bekam einen Schrecken, als der Bildhauer einen riesigen Zirkel an ihre Schenkel hielt. Aber dann merkte sie, dass es ihr gefiel, in Ton abgebildet zu werden. Es war schließlich eine leichte Arbeit, einfach dazusitzen, -zustehen oder -zuliegen und in den Augen des Gegenübers zu einer anderen zu werden. Vor der Tür wurde geflucht, geschimpft, Fleisch gehackt, Zeug in Kisten verpackt oder ausgeladen. Leute liefen über die Seine-Brücke, um eine frühe Straßenbahn oder den Motorbus zu erwischen. Im Atelier hingegen hatte sie nichts anderes zu tun, als still zu sein und zu atmen. Wer sagte denn, dass Arbeit anstrengend sein müsse? Dies hier war weit aufregender, als Baguettes auszuliefern oder Sahne für die Gâteaux basques abzumessen. Und für eine dreistündige Sitzung zahlte er ihr ebenso viel, wie sie in der Bäckerei in einer Woche verdient hatte.
Drei Mal stand sie für ihn Modell. »Mein erster Kontakt mit der Kunst«, nennt sie es in ihren Memoiren. Doch als sie das vierte Mal zu einer Sitzung in die Impasse Ronsin ging, wurde sie von einer Nachbarin beobachtet. Eine Stunde später hämmerte Marie an die Tür; sie warf dem Bildhauer vor, ihre Tochter zu verderben, und drohte mit der Polizei. Dann schleifte sie Alice auf die Straße, schlug sie und beschimpfte sie als »elende Hure«. Sie habe keine Tochter mehr, schrie sie.
Als Alice dies hörte, wurde sie ganz ruhig. Es überraschte sie nicht. Ihr wurde klar, dass zwischen ihnen nun auch die letzten Bande zerrissen waren. Sie würde andere Menschen zum Lieben und Geliebtwerden finden.
Sie war gerade erst sechzehn geworden. Indem sie die Ateliers abklapperte, fand sie gelegentlich Arbeit als Modell für andere Künstler, aber das reichte nicht zum Leben. Wie viele Französinnen, die die Kriegsbemühungen in der Industrieproduktion unterstützten und die relative Befreiung genossen, die die neuen Umstände mit sich brachten, nahm sie schließlich eine Arbeitsstelle in einer Fabrik in Saint-Ouen an, einem der Vororte im Pariser Norden. Außerdem fand sie eine günstige Wohnung, zog es allerdings trotz des langen Arbeitswegs vor, in Montparnasse zu bleiben.
Bei Ausbruch des Kriegs im Sommer 1914 hatte Präsident Raymond Pointcaré die Bevölkerung aufgerufen, dem Feind als Union sacrée (geheiligter Bund) die Stirn zu bieten. Auf den Rausch der ersten Kriegswochen folgte Entsetzen, als die deutschen Truppen immer weiter auf Paris zumarschierten. Als sie im »Wunder an der Marne« dann jedoch zurückgeschlagen wurden, brach Jubel aus, und die Taxis der Stadt transportierten im Pendelverkehr Soldaten zu entscheidenden Frontabschnitten (nicht ohne sich den vollen Preis bezahlen zu lassen). Daraufhin versuchten die Pariser, so etwas wie eine neue Normalität zu finden, was jedoch angesichts häufiger Bombenangriffe durch Flugzeuge der Marke Taube und durch Zeppeline nicht so einfach war. In den Tuilerien klafften Bombentrichter, die Kathedrale Notre-Dame entging nur knapp einem Treffer. Ihre Bleiglasfenster hatte man vorsorglich eingelagert und durch Scheiben in fahlem Gelb ersetzt. Die Menschen hatten Schwierigkeiten, sich inmitten all der umherschwirrenden Gerüchte über eine unmittelbar bevorstehende deutsche Niederlage und falschen Presseberichten zurechtzufinden, in denen behauptet wurde, die Deutschen feuerten lediglich Platzpatronen ab und ihre Soldaten würden sich allein für eine Scheibe französisches Brot mit Butter ergeben. Vereinzelte Berichte sprachen von Meutereien auf beiden Seiten der Front. Hinzu kamen Massenstreiks und der Mangel an Nahrungsmitteln und Treibstoff. Die breiten, einst säuberlich von Kastanien gesäumten Boulevards machten einen traurigen Eindruck, nachdem massenweise Bäume für Brennholz gefällt worden waren. Doch während in diesen Jahren über zweiunddreißigtausend Quadratkilometer französischen Geländes mehr oder weniger verwüstet wurden, blieben Paris größere Zerstörungen erspart. Die wichtigsten unmittelbaren Schäden waren psychologischer Natur. Quer durch alle gesellschaftlichen Schichten mussten die Menschen erleben, wie fest sie der Schraubstock der Geschichte im Griff hatte, wie rasch und vollkommen Ereignisse in weiter Ferne und Menschen, denen sie nie begegnen würden, ihr Leben aus der Bahn werfen konnten.
Wie allen forderte der Krieg auch Alice einiges ab. Oft weckten sie Sirenen wegen eines drohenden Luftangriffs, worauf sie sich mit den anderen Mietern in die dunklen Kellerräume begab. Irgendwann musste sie bei Arbeitsbeginn erfahren, dass der Fabrikbesitzer gezwungen war, alle unverheirateten Frauen zu entlassen, damit er Frauen mit Kindern oder die Gattinnen von Männern an der Front einstellen konnte.
Da sie keine Ersparnisse hatte, konnte sie ihre Miete nicht mehr zahlen. Eines Abends stand sie hungrig, allein und mit einer vom Schnee zerzausten Frisur vor einem Geschäft und bewunderte die prächtige Auslage. Da trat von hinten ein Mann an sie heran und lud sie zu einer Tasse Kakao in sein Atelier ein. Sie erinnerte sich später, wie sie beides reizte, der Kakao und das aufregende Wort »Atelier«, bei dem »ich sogleich dachte: ein Künstler«. Robert war groß, dünn, steckte voller Zorn und war tatsächlich ein Künstler, das heißt, er malte gelegentlich Aquarelle, obwohl er nie etwas verkaufte. Nachdem Alice bei ihm eingezogen war, zeigte er nur wenig Interesse an ihr. Hauptsächlich nutzte er sie aus, da sie hin und wieder als Modell Geld verdiente.
Eines Abends saß sie weinend auf einer Bank, nachdem sie jemand um ihren Tageslohn als Modell geprellt hatte und sie sich davor fürchtete, mit leeren Händen nach Hause zu kommen. Da sprach sie ein älterer Mann an und bot ihr drei Francs, wenn sie ihm ihren Busen zeigte. Er wies auf eine Ecke hinter dem Bahnhofsgebäude. Sie war hungrig, ebenso wie vermutlich auch Robert, um den sie sich sorgte. Auf dem Heimweg weinte sie. Doch kaum hatte sie das Atelier betreten und Robert Brot und Käse gezeigt, die sie mit dem Geld des alten Mannes gekauft hatte, empfand sie »keinerlei Reue mehr. Man hätte meinen können, ich sei die Sonne, so leuchteten die fiebrigen Augen des Mannes mit dem knurrenden Magen bei meinem Anblick auf.« Sie aßen und tranken, dann nahm er seine Gitarre und spielte. »Das Leben war schön«, schreibt sie. »Robert war schön, wenn er seine beiden Akkorde spielte, die er konnte. Er war so schön hässlich. Ich war vollkommen glücklich … und habe gesungen und gesungen.«
Sie schliefen nicht miteinander. Robert gab ihr die Schuld dafür. Eines Abends brachte er aus einem Café zwei Frauen mit nach Hause und hatte mit ihnen Sex, während Alice neben ihnen im Bett lag. Er wies sie an, ihnen zuzusehen, damit sie verstand, wie einfach es war. Sie schreibt, dass es sie zutiefst verletzt hatte, dass sie eifersüchtig war, aber es nicht zeigen wollte. Ob dieser Schmerz bedeutete, dass sie ihn liebte? (Das Kapitel in ihren Memoiren über Robert trägt denn auch die Überschrift »Ist das Liebe?«) Auf diese Episode folgte eine noch härtere Zeit, in der sie nur noch selten Aufträge als Modell bekam und in der sie ganze Tage hungerten, weil kein Geld da war. Robert versuchte, sie ins Geschäft zu bringen. Er fuhr mit ihr ans andere Ende der Stadt in die für ihren Strich bekannte Rue Saint-Denis und befahl ihr, mit dem ersten amerikanischen Soldaten mitzugehen, den sie sah. Sie weigerte sich und ertrug seine Brutalität. »Er schlug mich und schrie mich an, ich sei zu nichts nutze«, schreibt sie.
Eines Tages warf Robert sie ohne weitere Erklärung hinaus und fuhr mit einem Freund in die Bretagne. Wie benommen lief Alice in den darauffolgenden Wochen durch die Stadt. Sie schlief im Atelier seines Freundes. Schließlich zog sie zu einer Tänzerin, die sie kannte. Von ihr bekam Alice die einer berühmten französischen Kurtisane nachempfundene Ninon-Frisur mit den langen Schillerlocken. Später zog sie zu einem Maler, der in einer Flugzeugfabrik arbeitete und ihr eine Stelle als Nieterin besorgte. Von ihrem ersten Lohn mietete sie sich eine Wohnung an der Ecke Rue de Vaugirard und Boulevard de Montparnasse. Sie stank nach Schwamm und Schimmel, und die Dramen der Prostituierten und Zuhälter in den Nachbarwohnungen störten sie beim Schlafen. Dann erlebte sie während einer kurzen Affäre mit einem brasilianischen Diplomaten eine Episode mit ein bisschen Luxus. Er war berüchtigt für die Orgien, die er in seiner Villa im Westen der Stadt feierte. Er oder ein anderer ihrer Bewunderer machte sie mit Kokain bekannt. »Es machte mich auf der Stelle glücklich.«
Nur mit einem Mantel bekleidet taumelte sie eines Abends in ein nahe gelegenes öffentliches Krankenhaus, weil sie unter einem Herzanfall zu leiden meinte. Eine Rivalin habe ihr etwas ins Getränk gemischt, beteuerte sie. Die diensthabende Pflegekraft empfahl ihr, das Kokain aufzugeben. Man behielt sie vier Nächte da. Die Krankenschwestern behandelten sie grob. Sie hörte das Stöhnen der anderen, für sie unsichtbaren Patientinnen in dem großen Krankensaal. Mit Entsetzen erlebte sie, dass sich die Schwestern über eine ältere Patientin lustig machten, die sich eingenässt hatte, weil sie nicht schnell genug um eine Bettpfanne bitten konnte.
Mit der Diagnose eines unbehandelbaren »Nervenleidens« wurde Alice entlassen. In der Folge plagten sie schreckliche Wachträume, und sie fantasierte, Passanten auf der Straße zu attackieren. Anfangs kam es ihr so vor, als tobe ein Dämon in ihr. Doch dann verebbte die Wut, und sie glitt in eine Depression. Sie verglich es mit dem Gefühl, leidenschaftlich gern tanzen zu wollen, sich aber nicht bewegen zu können. Irgendwie gelangte sie an ein bisschen Arsen, hatte aber, wie sie in einem Interview später berichtete, »nicht den Mut, es zu schlucken«. Gerettet habe sie, das Glasröhrchen in ihrer Hand anzustarren. »Da wusste ich, dass ich es überstehen würde.« Mit der Zeit besserte sich ihre Verfassung.
Um häufiger als Modell engagiert zu werden, konzentrierte sich Alice auf das Café de la Rotonde. Obwohl sich hinter der prächtigen Fassade ein schäbiges, mit Sägespänen bestreutes Inneres verbarg, schätzten es die Künstler des Viertels in den kalten Monaten wegen seiner Heizung und in den warmen wegen seiner entlang der großen, rund um das Eckhaus laufenden Terrasse, oft auch »Raspail-Plage« genannt. Der Wirt, Victor »Papa« Libion, sah es ausgesprochen gern, wenn sich unter sein aus Arbeiterinnen und Arbeitern, Kutschern, Hausierern und Wäscherinnen zusammengesetztes Stammpublikum auch Künstler mischten. Die Maler kamen, wenn sie ein Modell suchten, und die Modelle, wenn sie Arbeit brauchten. Für beide Seiten war es gewissermaßen auch eine Wette auf die Zukunft der anderen. Allerdings konnte man nicht einfach hereinspazieren und sich als dies oder jenes vorstellen. Es gab unausgesprochene Regeln, die festlegten, wer wann und wo seinen Platz bekam.
Das Rotonde liegt an der nordöstlichen Ecke des Carrefour Vavin, einer breiten Kreuzung, die von zwei baumbestandenen Hauptverkehrsstraßen dominiert wird. Sie zerteilen das Zentrum von Montparnasse: der Boulevard Raspail – der durch einen Großteil dieses Viertels am linken Seine-Ufer verlief und nach Süden bis zum Parc Montsouris und in die Vororte reichte – und der von Südosten nach Nordosten verlaufende Boulevard de Montparnasse, der südlich des Jardin du Luxembourg beginnt und auf den Invalidendom zuläuft, in dem unter anderen auch Napoleon begraben ist. Die zahlreichen Cafés an dieser Kreuzung haben alle auf ihre Art an der Entstehung von derart viel moderner Kunst und Literatur mitgewirkt, dass der Romancier Henry Miller sie als »Nabel der Welt« bezeichnete.
Die bunte Mischung der Gäste dieser Cafés war Ausdruck der Entwicklung des Viertels, das bis dahin vor allem von der arbeitenden Bevölkerung dominiert wurde. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts zog Montparnasse auch Künstler an, die zumeist kamen, weil sie hier günstige Werkstätten fanden, die als Ateliers genutzt werden konnten. Oft lagen sie im Erdgeschoss und waren geräumig genug für großformatige Werke. Außerdem befand sich Montparnasse mit einem Fußmarsch von einer halben Stunde Richtung Norden in günstiger Nähe zur Pariser École des Beaux-Arts, der staatlichen Kunstakademie, in der seit Jahrhunderten eine »Meisterklasse« von Künstlern ausgebildet und geprägt wurde. Ihre Absolventen konnten in ganz Frankreich und darüber hinaus mit lukrativen Aufträgen rechnen, stützte man sich doch auf althergebrachte Traditionen und ein einflussreiches Netzwerk. All dies beförderte allerdings einen unter Studenten und Professoren weit verbreiteten Konservativismus. Im Gegenzug kam es Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts in Montparnasse zur Gründung einiger kleinerer Kunstakademien. An Instituten wie der Académie Colarossi und der Académie de la Grande Chaumière wehte ein freiheitlicherer Geist, der sich allmählich von den Lehrsälen auf das Viertel übertrug. Viele der ersten Studenten dieser Akademien stammten aus dem Ausland, angelockt von Frankreichs Ruhm als führender Kunstnation. Sie nahmen ihr Talent sehr ernst und verbrachten mehr Zeit beim Studium als auf den Caféterrassen. Intensiver war das Caféhaustreiben auf der anderen Seite der Stadt, in Montmartre, der Geburtsstätte des Impressionismus.
In den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg sammelte sich in Montparnasse eine neue Generation von Künstlern. Zwar suchten auch sie nach bezahlbaren Ateliers, doch die wenigsten von ihnen hatten Verbindungen zu einer der Akademien. Überall im Viertel schossen Cafés aus dem Boden. Private Kunsthändler eröffneten Galerien in bescheidenen Räumen, meist in der Gegend um die Rue de Seine. Angesichts der Nachfrage errichteten Bauunternehmer hastig und billig hochgezogene Atelierkomplexe. Am bekanntesten war La Ruche (der Bienenkorb), wo Alice gelegentlich Arbeit fand. Das zweistöckige runde Gebäude an der Passage Dantzig 2 hatte bei der Weltausstellung des Jahres 1900 ursprünglich als Pavillon Britisch-Indiens gedient und erinnert tatsächlich an einen Bienenkorb. Der Bildhauer Alfred Boucher, der zu etwas Geld gekommen war und seinen Künstlerkollegen unter die Arme greifen wollte, hatte darin Ateliers eingerichtet, die allesamt von einem Treppenhaus in der Mitte ausgingen. Sie hatten die Form eines Tortenstücks, dominiert von einem riesigen Fenster an der Außenwand. Rund um das Hauptgebäude schossen regellos kleine Hütten aus dem Boden. Die chaotische Organisation reichte bis zur Verwaltung der Mieteinheiten, so dass die Ruche schon fast einem sozialen Wohnprojekt glich. Der ungarische Bildhauer Józef Csáky berichtet, bei seinem Einzug eine Jahresmiete auf den Tisch gelegt zu haben und danach nie wieder zu weiteren Zahlungen aufgefordert worden zu sein, als hätte man ihn einfach vergessen.
Als in Montmarte um 1910 die Touristen und Amüsierlokale überhandnahmen, siedelten einige der dort heimischen Künstler nach Montparnasse über. Wie in so vielen anderen Bereichen war auch hier wieder einmal Pablo Picasso Vorreiter. 1912 bezog er ein neu errichtetes Mietshaus am Rand des Friedhofs von Montparnasse. (Nach seiner Heirat 1918 kehrte er an das rechte Seine-Ufer zurück.) Picassos Umzug mag manchem als Beispiel gedient haben, auch wenn es der Dichter und multitalentierte Künstler Jean Cocteau eher als natürliche Entwicklung betrachtete, dass Montparnasse nun Montmartre als Zentrum der künstlerischen Experimentierfreudigkeit den Rang ablief. So etwas passierte nach Cocteaus Ansicht immer mal wieder und ohne ersichtlichen Grund mit gewissen Vierteln, so als würde sich eine Gruppe von Menschen kollektiv entschließen, nach dem Licht der Kunst zu greifen und der Eintönigkeit ihres Lebens zu entkommen.
Auch im Ausland sprach sich unter Künstlern herum, dass man in Montparnasse sein Handwerk lernen konnte und von Händlern, Käufern und Kritikern ernst genommen wurde. Unter denen, die es nach Paris zog, war der expressionistische Maler Chaïm Soutine aus dem nahe Minsk gelegenen Schtetl Smilawitschy. Er hatte in den Briefen seiner Künstlerkollegen, die ihre Dörfer verlassen hatten und nun in Montparnasse lebten, so viele begeisterte Schilderungen über das Café de la Rotonde gelesen, dass er nach seiner Ankunft im Jahr 1913 mit all seinen Koffern gleich vom Bahnhof die fünf Kilometer bis dorthin marschierte. Überhaupt genoss Paris – mondän, kosmopolitisch, modern und voller Verheißungen auf unermessliche Reichtümer – bei vielen Juden Mittel- und Osteuropas, ob Künstler oder nicht, einen geradezu mythischen Ruf. Manch einer dachte sicher an die alte jiddische Redewendung: Azoy gliklich wi a yid in Paris (Glücklich wie ein Jude in Paris). Was den Fußmarsch betrifft, wurde Soutine allerdings von einem anderen Osteuropäer weit in den Schatten gestellt. Als Constantin Brâncuși zum ersten Mal nach Paris kam, hatte er eine achtzehnmonatige Wanderung aus Rumänien hinter sich. Er ließ sich 1908 in Montparnasse nieder.
Zu Alice’ Zeiten hieß Montparnasse bei den Parisern lediglich le Quartier (das Viertel) – es war so konkurrenzlos einzigartig, dass es keiner weiteren Kennzeichnung bedurfte. Und tatsächlich war es eine Art Sonderzone, in der die Polizei gern mal ein Auge zudrückte und es dabei bewenden ließ, dass sich das chaotische Künstlerleben vor ihr entfaltete, solange es nicht allzu gewalttätig wurde. Generationen französischer Staatsdiener waren geprägt von der amtlichen Bewunderung oder sogar dem Respekt für Künstler, dienten sie doch den Interessen der Nation, indem sie die vorherrschende Ansicht von der kulturellen Überlegenheit Frankreichs bestätigten. Zudem waren diese Staatsdiener in einer Gesellschaft aufgewachsen, die nun einmal davon ausging, Künstler führten von Natur aus ein unkonventionelles und zügelloses Leben.
In den 1920er Jahren war die Idee der »Bohème« – benannt nach der spirituellen Heimat des Volks der Roma und in der Vorstellung der Öffentlichkeit ein Synonym für ein Leben bar jeder Verantwortlichkeit – allgemein bekannt. Es stand für eine eigene Welt, in der andere Regeln herrschten. Bohème und Künstlerleben wurden gleichgesetzt. Für offizielle Stellen erfüllten Enklaven wie Montparnasse mehrere Funktionen: Zum einen boten sie Verlustigungen, zu denen die Bürger der Stadt kommen konnten, um sich vom Druck des Alltags zu befreien, zum anderen ein Umfeld, in dem Bürger zwanglos prüfen konnten, wie sie ihr instabiles Selbstverständnis angesichts der sozialen Umwälzungen mit der Verheißung größerer persönlicher Freiheit definieren sollten. An Orten wie Montparnasse traten Gesellschaftsklassen und kulturelle Grenzen schärfer ans Licht. Sie boten insbesondere Parisern aus der Mittelschicht die Möglichkeit zu Regelübertretungen, die ihnen letztlich vor Augen führten, dass dies nicht in ihrer Natur lag und dass ihnen der Preis für ein wirklich freies Leben dann doch zu hoch war. Zu keinem Augenblick bestand die Gefahr, dass sich die Vorstellungen aus Montparnasse auf andere Stadtgebiete ausbreiteten. Und so war das Leben im Viertel zwar nicht eigentlich ordentlich, aber eine gewisse Ordnung herrschte doch. Probleme blieben innerhalb des magischen Zirkels.
Wie es typisch für Paris ist, bestand Montparnasse aus einem verwirrenden Gemisch breiter Boulevards und kleiner Sträßchen, die gelegentlich noch ein Gitternetz ahnen ließen, wenn man in ihnen unterwegs war. Andere kreuzten sich im Fünfundvierzig-Grad-Winkel oder endeten unversehens in einer Sackgasse. Die beiden visuellen Orientierungspunkte, der Friedhof und der Bahnhof, waren zweckmäßig und schmucklos. An grauen Tagen vermittelte die Umgebung eine düstere Atmosphäre. Ihre übermütige Hauptader des Vergnügens, die Rue de la Gaîté, wird in Besuchern ebenso häufig Depressionen ausgelöst haben wie Heiterkeit, die der Name versprach. Doch die Ärmlichkeit von Montparnasse hatte auch ihre Vorteile. Sie war eine Erleichterung angesichts der erdrückenden Schönheit so vieler Plätze in Paris, und sie schreckte nicht nur Nachkriegstouristen ab, sondern bis auf die risikofreudigsten auch alle Spekulanten.
Die Einwohner des Viertels, die Montparnos, waren ein unerschütterlich selbstverliebtes Völkchen. Doch ihr Provinzialismus ging einher mit einem »internationalen Patriotismus«, wie Cocteau das nannte, und dem Traum von einem Leben »unbehindert von politischen, gesellschaftlichen oder nationalen Problemen irgendwelcher Art«. Dabei wussten sie alle, dass es ohne den Zustrom ehrgeiziger, kreativer und hochintelligenter junger Menschen aus Livorno, Stockholm, Tokio, Málaga, Minsk und vielen anderen Orten ihr Quartier gar nicht geben würde. Ebenso wussten sie von den sehr realen und oft in Gewaltausbrüchen mündenden »nationalen Problemen«, die das Leben dieser Menschen aus der Bahn geworfen hatte, so dass sie ihre Heimat verlassen mussten.
Die Neuankömmlinge waren lediglich ein Bruchteil der drei Millionen Einwanderer, die in den 1920er Jahren nach Paris kamen. Im Gegensatz zum Mythos von der eigenen »Farbenblindheit«, der auf ihren universalistischen Werten beruhte, waren die Franzosen nicht weniger fremdenfeindlich als andere Nationen. Und Frankreich betrieb eine ebenso grausame Kolonialpolitik wie die restlichen Kolonialmächte. Doch trotz ihrer eventuellen privat gehegten negativen Gefühle gegenüber Fremden erkannten die meisten Pariser, dass sie auf Arbeitskräfte, Ideen und Kapital aus dem Ausland angewiesen waren, um einer Stadt neues Leben einzuhauchen, die unter Vernachlässigung litt, nachdem so viele ihrer Ressourcen in die Kriegsbemühungen geflossen waren. Vereinzelt verzeichnete man in Paris Übergriffe auf Einwanderer, vor allem in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts, als der Franc erheblich an Wert verlor und rechte Medien Ängste vor einer Invasion durch Ausländer schürten und dabei insbesondere auf jüdische Einwanderer aus Osteuropa abzielten. Meist aber wurden Ausländer akzeptiert, und die Künstler- und Intellektuellenzirkel des Montparnasse nahmen sie oft sogar mit offenen Armen auf. Es gab im Viertel eine lebendige und relativ offene Schwulen- und Lesbenszene, deren vorherrschende Haltung am zutreffendsten von Gertrude Stein beschrieben wurde: »Ich mag alle Menschen, die etwas erschaffen, und gleiches gilt für Alice [B. Toklas, die Gertrude Stein als ihre Gattin bezeichnete], und was sie im Bett tun, geht uns nichts an, und was wir tun, ist nicht ihre Sache.«
Obwohl es auch in Montparnasse nicht ohne Spannungen und Gewalt abging, hatten Menschen, die andernorts als Außenseiter gebrandmarkt worden wären, hier die Möglichkeit eines Lebens nach eigenen Vorstellungen, auch wenn sie dies nach Gesellschaftsschicht, ethnischer Herkunft, Geschlecht und sexueller Orientierung nicht alle in gleichem Maß umsetzen konnten. Dass sich eine der großen kulturellen Blütezeiten des 20. Jahrhunderts in einer weltoffen und progressiv ausgerichteten Umgebung entwickelte, in der sich die Menschen frei vom Gewicht einer gemeinsamen Geschichte fühlten, war sicherlich kein Zufall. Die Erweiterung des Horizonts in den Kreisen in Montparnasse bildete die Grundlage für neue Ansichten zu menschlichen Beziehungen und für die Möglichkeit, sie in der eigenen Arbeit zu erkunden. Marcel Duchamp meinte, die Gemeinschaft von Montparnasse sei die »erste wirklich internationale Künstlergruppe, die wir je hatten«. Gerade durch den »Internationalismus« und die Offenheit und die Gelegenheiten, die daraus entstanden, sei sie allen anderen Künstlerbewegungen überlegen.
Für Alice führte der kürzeste Weg in die Gesellschaft von Montparnasse durch die Hinterzimmer des Rotonde, in dem sich die Stars des Viertels trafen. Doch um dort hineinzukommen, musste sie zunächst »Papa« Libion für sich einnehmen, der es seinen bevorzugten Künstlern ermöglichte, sich bei ihm wie in ihrem Büro einzurichten. Sie bekamen dort ihre Post, liehen sich Geld und wickelten andere Geschäfte ab. In den kälteren Monaten standen sie Schlange, um sich in den Toilettenräumen des Rotonde zu waschen. Für Libion war dies alles »gut fürs Geschäft«, wie er sagte. »Künstler und Intellektuelle besitzen nicht viel, und wenn sie einmal Geld haben, dann geben sie es aus.« Libion war dafür bekannt, dass man bei ihm großzügig anschreiben lassen konnte, bis die Schulden in peinliche Höhen wuchsen, und selbst dann begnügte er sich oft mit einem Gemälde anstelle von Bargeld. Drogen stellten für ihn kein Problem dar, die Polizei rief er nur, wenn er eine Prügelei nicht selbst beenden konnte, und Betrunkene warf er erst dann hinaus, wenn es sich nicht mehr vermeiden ließ. Und wenn er jemanden zusammenstauchte, weil der ein Stück von den großen Brotlaiben abgebrochen hatte, die auf dem Tresen standen, wussten alle, dass das nicht erst gemeint war. Da viele seiner Gäste von weit her kamen, abonnierte er die größten europäischen Zeitungen, eine Attraktion, die stolz in großen Lettern auf der Markise des Rotonde verkündet wurde.
Alice konnte er allerdings zunächst nicht leiden. Dass sie schmutzige Kleider und keinen ordentlichen Hut trug, mag zu seiner Abneigung beigetragen haben. Wahrscheinlich aber lag es schlicht daran, dass er sie nicht kannte und seine Hinterzimmer-Stammgäste abschotten wollte. Er hatte nichts dagegen, dass Alice wie die anderen im allen zugänglichen Gastraum saß, aber weiter ließ er sie nicht vordringen. »Ich hätte meinen Arsch dafür hergegeben, dort reinzukommen«, schreibt Alice später in der deftigen Ausdrucksweise eines Mädchens vom Lande. So verbrachte sie ganze Tage am langen hölzernen Tresen und sah sie an sich vorbeiziehen, die Maler und die Modelle, die jeder vom Sehen kannte. Aïcha Goblet, majestätisch mit ihrem grünen Turban, eine ehemalige Zirkusartistin, von der es hieß, sie stamme von Martinique (während sie eigentlich aus Nordfrankreich kam) und die als ungekrönte Königin Hof hielt. Sie saßen an marmornen Bistrotischen und tranken, rauchten, lachten, tauschten Tratsch aus. Vor allem aber debattierten sie – über den Krieg, über Bücher, über den Kommunismus, über das Genie Charlie Chaplin, über die großen und die kleinen Schnitzer im neuesten Werk eines Rivalen. Auf Alice wirkte es stets so, als würden sie Revolutionspläne schmieden.
Dass sich im hinteren Bereich des Rotonde der einzige Toilettenraum befand, war ein weiterer Anziehungspunkt für Alice. In jenen Tagen übernachtete sie mal hier, mal da, bei Freunden, die sie für eine oder zwei Nächte bei sich aufnahmen, wusste jedoch nie, wann sie wieder Gelegenheit haben würde, sich zu waschen. Wenn das Wetter gut war, verbrachte sie die Nacht immer mal wieder in einer Baracke hinter dem Bahnhof, die dem reichen Onkel eines Freundes gehörte. Als Matratze dienten ihr aufgestapelte Sandsäcke. Zwar fiel die ganze Nacht das Licht aus dem Bahnhof in ihre Augen, aber zugleich fühlte sich dadurch auch sicherer.
Um sich im Rotonde die Zeit zu vertreiben und für ihren Kaffee zahlen zu können, pickte sich Alice eine Person – meist Soldaten oder Touristen – heraus, die sie sorgfältig beobachtete und dann zeichnete. Manchmal gelang es ihr, ihnen das Bild zu verkaufen. »Ich bin vielleicht keine große Künstlerin«, schreibt sie, »aber ich kann mitzählen, wie viel Wein jemand getrunken und wie viel er für Zigaretten ausgegeben hat. Meine Porträts waren sicherlich nicht treffend, aber die Leute waren nicht anspruchsvoll, und ich konnte jedes Mal zehn Sous dafür einnehmen.« Dabei zeichnete sie besser, als sie es darstellte. Die Linien, die sie hinwarf, ohne mit dem Reden aufzuhören, waren ironisch, warmherzig und einfühlsam zugleich. Neben den Porträts fertigte und verkaufte sie auch Zeichnungen, die von dem 1848 erschienenen Buch des französischen Autors Henri Murger Scènes de la vie de bohème (Szenen aus dem Leben der Bohème) – eine Folge von Episoden mit romantisierten Schilderungen des Lebens seiner Freunde – inspiriert waren. Insbesondere konzentrierte sie sich auf Darstellungen der Grisettes des 19. Jahrhunderts, unabhängigen, gewöhnlich aus der Arbeiterschaft stammenden Frauen, die häufig Künstlern Modell standen und auf der Suche nach Liebe, gesellschaftlichem Ansehen und Geld – oder allem zugleich – nach Lust und Laune Beziehungen eingingen.
Libion gewöhnte sich an den Anblick von Alice. Sie konnte jederzeit eine schlüpfrige Geschichte aus dem Ärmel schütteln oder ein lustiges Bild zeigen. Irgendwann war es so weit, dass er schon lachen musste, wenn er sie nur sah. Einmal sagte er zu ihr: »Um Himmels willen, warum besorgst du dir nicht endlich einen anständigen Hut?«, was ihnen die Möglichkeit gab, so zu tun, als hätte ihre Kleidung und nicht Lidions Vorurteile über ihren Charakter sie am Zugang zum hinteren Bereich gehindert. Sie fand im Müll einen dicken Musterkatalog für Spitzenstoff und schneiderte sich daraus Blusen. Außerdem machte sie sich einen Hut, den sie wie einen Weihnachtsbaum mit silberner Chenille schmückte. Schließlich gewährte ihr Libion Zutritt zum hinteren Bereich. Alice schloss mit einigen der Angestellten Freundschaft. Der Koch erhitzte einen Topf Wasser, den sie in die Toilette schleppte, und während sie sich an einem Waschbecken wusch, reinigte die Toilettenfrau in dem anderen für sie ihre Wäsche. Solange die auf der Heizung trocknete, tauschten sie miteinander den neuesten Klatsch aus. »Wenn man das Rotonde betrat, fühlte man sich wie zu Hause«, schreibt Alice. »Man war im Schoß der Familie.«
Im letzten Kriegsjahr verliebte sich Alice in den Maler Maurice (Moise) Mendjizky, der im Ruche wohnte und im Rotonde wohlgelitten war. Libion hatte ihm sogar als Erstem die Ehre gewährt, an den Wänden des Cafés seine Bilder auszustellen, die die Öffentlichkeit sonst nur selten zu sehen bekam, da Mendjizky sie kaum zeigte. Alice erholte sich gerade von der Spanischen Grippe und fühlte sich »traurig, einsam und verlassen«, als sie ihn kennenlernte. Er war ein aus Polen stammender Jude, dünn, faszinierend und hatte weise, lachende Augen. Sie war siebzehn und er achtundzwanzig. Nach seiner Ankunft in Paris 1906 hatte er begonnen, an der École des Beaux-Arts zu studieren, hatte seine Ausbildung jedoch unterbrechen müssen, als die Musterung ihn ins Zarenheer rief. Er kämpfte im Krieg und erlitt eine Verwundung, die ihn zwei Jahre an ein Krankenhausbett fesselte. Zurück in Paris widmete er sich nur noch halbherzig dem Verkauf seiner Werke, schwankte zwischen Malerei und Musik, studierte eine Zeitlang bei einem Schüler des französischen Komponisten Hector Berlioz. Alice bewunderte seine Bilder; für sie zeigten sie mit ihren energischen Pinselstrichen, den warmen Farben und den dichten Schattierungen einige der besten Eigenschaften der Werke Cézannes.
Mendjizky malte Alice zum ersten Mal im Jahr 1919, als sie noch lange Haare hatte und sich die beiden noch nicht nähergekommen waren. Aus unerklärlichen Gründen blieb das Porträt weit hinter der Qualität seiner anderen Werke jener Jahre zurück. Es war ein etwas lebloses Profil in der Art, wie man es eher von einem steifen Akademiemaler aus dem 19. Jahrhundert erwartet hätte. Abgesehen von der großen spitzen Nase zeigt es keine besonderen Merkmale. Aber es ist das erste bekannte Gemälde von Alice Prin.
Mendjizky war auch der Erste, der sie »Kiki« nannte, ein Spitzname, den sie beibehielten, weil ihnen sein Klang gefiel, zwei kurze Atemstöße mit eingerollter Zunge und gebleckten Zähnen. Er war relativ gebräuchlich, sowohl für Männer als auch für Frauen. Mit Kiki bezeichnet man umgangssprachlich alles Mögliche: Hühnerklein, den Hals eines Menschen (für gewöhnlich, wenn es um Erwürgen oder Hängen geht), den Hahnenschrei, eine Unterhaltung, Sex. Prostituierte benutzten Kiki als Anrede für ihre Freier, so wie sie im Deutschen das Wort »Süßer« verwenden.
Anfang 1919 bezogen Mendjizky und Kiki eine gemeinsame Wohnung in Montparnasse, auf halber Strecke zwischen Bahnhof und Friedhof. Außer in einigen ruhigen Straßen, in denen noch Gras im Kopfsteinpflaster spross, veränderte sich das Viertel rasant. In Montparnasse entstanden riesige Mietshäuser aus Beton und Parkgaragen, die zweihundert Wagen aufnehmen konnten. Doch bei all der Modernisierung entwarf man dabei letztlich doch nur ein Flickwerk von Übergangslösungen.
Kiki wohnte drei oder vier Jahre mit Mendjizky zusammen. Sie nannte ihn ihre »erste wahre Liebe«, und wahrscheinlich machte sie mit ihm auch ihre ersten beiderseitig befriedigenden sexuellen Erfahrungen. Mendjizky malte sie in diesen Jahren mit großer Sorgfalt, aber wenig Engagement. Neben dem ersten Porträt haben fünf Ölgemälde sowie eine Feder-Tuschezeichnung überlebt, alle angefertigt in der Zeit zwischen 1919 und 1920. Am bemerkenswertesten ist Kiki (1921), ein Frontalporträt in Öl. Mit grünem Glockenhut und einem farblich passenden Kleid, bei dem lediglich am tiefen Ausschnitt ein wenig weiße Spitze hervorlugt, sieht sie gefährlich und mondän aus. Es hebt auch Kikis langen Hals hervor, der ihr unter den Freunden den zweiten Spitznamen »Gazelle« eingetragen hat. Das Porträt verrät Mendjizkys Ringen, seine Vorbilder zu überwinden. In ihrer im Schoß ruhenden Hand hält Kiki einen Apfel, der geradewegs einem Stilleben von Cézanne entnommen sein könnte. Und Spuren Modiglianis finden sich in Mendjizkys halb abstrakter Darstellung von Kikis Augen, mit ganz dunklen Pupillen und voller Rätsel.
Kiki schrieb es Moïse Kisling zu, einem anderen Maler, sie »entdeckt« zu haben. Kisling war im jüdischen Ghetto von Krakau aufgewachsen und 1910
