Kilo - Toby Muse - E-Book

Kilo E-Book

Toby Muse

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Beschreibung

Kokain ist nach Marihuana die beliebteste Droge der Welt. Es steckt voller verführerischer Verheißungen, verspricht Glamour, Sex, Entfesselung – und bringt doch Gewalt und Tod mit sich. Koks ist eine Ware, die gut funktionierende Vertriebswege braucht und als Quelle unermesslichen Reichtums um jeden Preis beschützt werden muss. Die Pflückerin, der Koch im Labor, die Auftragskiller der Kartelle, die Schmugglerin, die Drogenbarone und ihre Liebhaberinnen: Sie alle sind Teil eines gewaltigen und erbarmungslosen Systems. Der amerikanische Kriegsreporter und Investigativjournalist Toby Muse war 15 Jahre lang in dieser Unterwelt unterwegs und erhielt seltene Einblicke in ihre Mechanismen. In seinem Buch vollzieht er den Weg eines Kilos Koks von seinem Anbau im kolumbianischen Dschungel bis in die Nachtclubs dieser Welt nach und enthüllt dabei eindringlich die Schicksale, die an dieser tödlichen Reise beteiligt sind. KILO ist das hochbrisante und fesselnde Porträt eines Landes und seiner Bewohner im Würgegriff des Kokains – eine unvergessliche Geschichte, die uns direkt ins dunkle Herz der »weißen Göttin« führt.

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Seitenzahl: 458

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Eine fesselnde Investigativreportage, die der tödlichen Spur eines Kilo Koks folgt, von seinem Anbau im kolumbianischen Dschungel bis in die Nachtclubs dieser Welt.

»Muses detail- und kenntnisreicher Streifzug durch die kolumbianische Narco-Welt brennt sich unwiderruflich ins ­Gedächtnis eines jeden ­Lesers ein.«

Jon Lee Anderson, Autor von»Che – Die Biografie«

Toby Muse

KILO

Der tödliche Weg des Kokains aus dem Dschungel in die Großstadt

Aus dem Amerikanischen von Katrin Harlaß, Enrico Heinemann und Jörn Pinnow

Die amerikanische Originalausgabe erschien 2020 unter dem Titel »Kilo. Inside the Deadliest Cocaine Cartells – from the Jungle to the Streets« bei William Morrow, an imprint of HarperCollinsPublishers, New York.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Copyright © 2021 by Wilhelm Goldmann Verlag, München,in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,Neumarkter Str. 28, 81673 München.

Copyright © 2020 by Toby Muse.

Covergestaltung: UNO Werbeagentur GmbH, München,

nach einem Design von Two Associates, London.

Alle Fotos im Innenteil © Toby Muse, Nicoló Filippo Rosso, Simone Bruno.

Redaktion: Antje Steinhäuser

DF | Herstellung: kw

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-26400-0V002

www.goldmann-verlag.de

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Für meine Mutter, die mich dazu trieb, dieses Buch anzufangen.

Für Monica, die mir half, es zu beenden.

INHALT

VORBEMERKUNG

PROLOG: SEPTEMBER 2016

KAPITEL 1 DAS LAND DER BLITZE

KAPITEL 2 LA GABARRA, LA GOMORRA

KAPITEL 3 SISYPHUS AUF DEN KOKAFELDERN

KAPITEL 4 KOKA RAUBT DEN STÄDTEN DIE SEELE

KAPITEL 5 EINE GESCHICHTE DES KOKAINS IN FÜNF NARCOS

KAPITEL 6 DIE COMBOS

KAPITEL 7 UNSERE HEILIGE JUNGFRAU DER MEUCHELMÖRDER

KAPITEL 8 DER CAPO

KAPITEL 9 DIE JAGD NACH DEM BIEST

KAPITEL 10 EINEN SCHATTEN TÖTEN

KAPITEL 11 EIN FRIEDHOF FÜR TRÄUME

KAPITEL 12 TUMMELPLATZ DER HAIE

EPILOG

DAS ENDE (ES ENDET NIEMALS)

DANKSAGUNGEN

BILDTEIL

BILDNACHWEIS

COPYRIGHT

VORBEMERKUNG

Zu ihrem Schutz wurden im vorliegenden Buch die Namen einiger Personen geändert. Beteiligte aus der Unterwelt waren nur unter der Bedingung zu einem Gespräch mit mir bereit, dass weder ihre Namen erwähnt noch Details zu ihrer Person verarbeitet würden.

PROLOG: SEPTEMBER 2016

FRIEDEN! FRIEDEN! FRIEDEN!

Ganz gleich, wohin man kam, man stolperte über dieses Wort. Die Menschen sprachen nur noch davon, dachten an nichts anderes mehr. Dass dieses wunderbare Wort »Frieden« in aller Munde war und in den Gedanken von Männern und Frauen kreiste, die ihre AK-47 gepackt hielten und in den Augen der Welt als »Terroristen« galten … nun, das war einfach großartig! Nach einem halben Jahrhundert standen die blutigen Kämpfe kurz vor ihrem erfreulichen Ende, und daran hatten viele von uns in Kolumbien nicht mehr geglaubt.

Und doch waren wir nun hier, zusammengekommen inmitten des kolumbianischen Nirgendwo, wo die Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia (FARC), die Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens, ihre zehnte Konferenz abhielten. Mehr als zweitausend Guerilleros waren, das Maschinengewehr geschultert, wochenlang über neblige Berge und durch feuchte Regenwälder marschiert. Die Kameraden sollten hier über einen Friedensvertrag mit dem kolumbianischen Staat abstimmen.

Die FARC war die größte und tödlichste Rebellen­armee Amerikas. Schlachterprobt hatte sie im längsten Aufstand der Weltgeschichte mehr als fünf Jahrzehnte gegen den kolumbianischen Staat, gegen US-Spione und Militärberater gekämpft. Ihr Ziel: eine gewaltsame Revolution zur Errichtung einer marxistisch-leninistischen Diktatur des Proletariats. Der Bürgerkrieg kostete mehr als zweihunderttausend Menschen das Leben. Und dabei waren die Rebellen vor allem von der Kokainindustrie finanziert worden.

Unterhändler der FARC hatten mit Regierungsvertretern vier Jahre lang um jedes Komma, jeden Punkt, jedes Wort eines zweihundertsiebenundneunzig Seiten umfassenden Dokuments gerungen. Das Ergebnis? Eine Blaupause für ein neues Kolumbien, eine seit Langem überfällige Friedensvereinbarung, die Investitionen in ländliche Regionen, Bildung, eine Sozialpolitik sowie den Bau von Straßen und Brücken vorsah. (Dass der Staat von brutalen Aufständischen dazu gezwungen werden musste, diese grundlegenden Dinge zuzusagen, zeigt, wie abgehängt große Teile des ländlichen Kolumbiens waren.) Im Mittelpunkt stand das Vorhaben, die Kokainindustrie zu zerstören und damit die Quelle für einen Großteil der Verwüstungen Kolumbiens trockenzulegen.

Über Jahre hinweg war die FARC eine der entscheidenden Instanzen im riesigen kolumbianischen Kokain­gewerbe. Sie machte Geschäfte mit jenen Bauern, die die Pflanzen anbauten, aber auch mit den Kartellen und Schmugglern, die das Kokain exportierten. Die Einnahmen von Hunderten Millionen Dollar nutzte sie, um ihre blutige Mission einer gewalttätigen Revolution fortzusetzen und auszuweiten. Als Gegenleistung beschützte die FARC die Felder mit den Koka­sträuchern, aus deren Blättern Kokain gewonnen wird. Die Friedensvereinbarung sollte all das beenden. Würde die FARC aus dem Kokaingeschäft aussteigen, hätte Kolumbien die einmalige Gelegenheit, Koka aus dem Land zu verbannen und das Drogenbusiness zu beenden, das Kolumbien die zurückliegenden vier Jahrzehnte beherrscht hatte.

Hunderte von Journalisten aus der ganzen Welt waren zusammengekommen, um die Entscheidung der Rebellen zu beobachten. Sollten sie dem Vertrag zustimmen, würden sie ihre Waffen niederlegen. Sie würden zu Zivilisten werden und einen Krieg beenden, den ihre Großväter begonnen hatten. Und bei einer Ablehnung? Ginge eine weitere Generation im Krieg unter.

Ich war einer dieser hoffnungsvoll angereisten Reporter und wollte zuschauen, wie meine Wahlheimat nach dem Strohhalm griff, der Frieden versprach. Ich hatte seit fünfzehn Jahren über den nicht enden wollenden Krieg der kolumbianischen Kokainindustrie berichtet und Freunde in dem Blutbad verloren. Ich hatte zu viele Menschen gesehen, die vom Kokain verführt und korrumpiert worden waren, zu viele Slum-Kinder sinnlos sterben sehen, zu viele kennengelernt, die von den Gräueltaten in den Wahnsinn getrieben worden waren. Dieser Friedensschluss, so hoffte ich, könnte der Anfang vom Ende der hiesigen Kokainindustrie sein. Und mit diesem Wunsch war ich nicht allein.

Millionen verfolgten das Geschehen mit genau denselben Erwartungen. Diese Rebellen durften uns nicht enttäuschen. Kolumbien verdiente Frieden. Wir alle spürten, dass ein historischer Augenblick bevorstand. Die ganze Welt riet uns: Nehmt euch einen Augenblick Zeit, atmet tief durch, denn vor euren Augen ereignet sich Geschichte.

Die Konferenz sollte zehn Tage dauern und wurde in der Yari-Ebene abgehalten. Die Gegend liegt nur etwa dreihundert Kilometer von der Hauptstadt entfernt, doch die Fahrt hierhin über neblige Gebirgspässe und derart schlammige Wege, dass ganze Motorräder darin versinken, dauert endlose vierundzwanzig Stunden. Die Guerilleros hatten für die Tausenden Kämpfer rund um das offene Gelände sechs Lager aufgebaut. Sie errichteten cambuches, skelettartige Holzhütten mit schwarzen Plastikplanen als Dächern. Die Betten wurden auf Stelzen gesetzt, damit in den diesigen Morgenstunden die zahllosen Schlangen auf ihrer Suche nach menschlicher Wärme nicht hineingekrochen kamen. Männer und Frauen wuschen sich gemeinsam im dunklen Wasser des kühlen Flusses.

Die Rebellenarmee stellte große Zelte auf, in denen wir nach den Debatten über den Friedensprozess abends gemeinsam Bier tranken, wobei die Rebellen dabei stets in ihren Camouflage-Uniformen und nie ohne ihre automatischen Waffen erschienen. Die Journalisten schossen Selfies mit den obersten Rebellenkommandeuren, die in Kolumbien so bekannt sind wie Popstars. Auf die Köpfe der obersten Guerillero-Riege hatte das State Department jeweils fünf Millionen Dollar ausgesetzt; US-Gerichte waren hinter vielen von ihnen wegen Kokainschmuggel und der Entführung von US-Bürgern her. Doch hier saßen sie, tranken Bier und rissen Witze, in ungebrochenem Vertrauen darauf, dass sie über diese Wildnis herrschten. Über unseren Köpfen hingen große Banner mit dem FARC-Logo: zwei gekreuzte AK-47 unter einem geöffneten Buch (womit die Entschlossenheit der Guerilleros zur gewalttätigen Revolution und die von ihnen ergriffene Bildungsinitiative symbolisiert werden sollen).

Hier ergab sich die Gelegenheit, alte Bekannte von den Schlachtfeldern wiederzutreffen. In den vergangenen Jahren hatten die Männer und Frauen der Sechsten Front der FARC Mörsergranaten auf mich und Zivilisten regnen lassen. Die Achtzehnte Front hatte mich als Ehrengast in einem Rebellenlager begrüßt, während wir Armeepatrouillen ausgewichen waren und Helikopter angegriffen hatten. Der als Kunta Kinte bekannte Guerillero hatte mir einst gesagt: »Wenn du irres Zeug erleben willst, zieh in den Krieg. Im Krieg wirst du seltsame Dinge erleben.«

Eine Guerillera setzte sich neben mich. Sie hatte große, dunkle Augen, und ihr langes schwarzes Haar quoll unter einem roten Barett mit Che-Guevara-Aufnäher hervor. Wie alle Rebellen war sie darauf trainiert, von einer Sekunde auf die andere das Feuer zu eröffnen. Die FARC gehörte zu den wenigen Rebellengruppen, die Frauen an der Front kämpfen ließen. Sie legte sich ihre AK-47 über den Schoß und nippte an einem Bier. Die Fingernägel hatte sie sich mit kleinen kolumbianischen Flaggen bemalt, rot, blau, gelb. Sie strahlte die Würde einer Guerillera aus und hielt den Kopf gerade.

»Kannst du mir sagen … wie sich Frieden anfühlt? Wie lebt man … im Frieden?«

Frieden! Das ist doch offensichtlich, oder etwa nicht? Er ist die Abwesenheit von Krieg. Doch dann fiel mir ein, wie es war, wenn Leute mich fragten: Wie ist es im Krieg? Krieg ist mehr als nur die Abwesenheit von Frieden.

Die Guerillera war offenbar etwa Mitte zwanzig. Sie kannte nichts anderes als Krieg; den Schrecken, den Hass, den Wahnsinn der Schlacht. In Kolumbien würden alle den Frieden lernen müssen. Hunderttausende waren in diesem Krieg gestorben, Millionen geflohen. Er hatte aus Kolumbien das Land mit den meisten Entführungen weltweit gemacht, das Land mit der schlechtesten Menschenrechtslage in der westlichen Hemisphäre. Und wofür? Für einen Krieg, in dem Ehre oder Vernunft schon lange nichts mehr zählten.

Auch das Flachland von Yari war in den Jahrzehnten des Krieges umkämpft gewesen. Soldaten, Rebellen, Todesschwadronen, Kokainkartelle: Sie alle hatten in diesem Dschungel und auf den leeren Ebenen gemordet und hier ihre Toten begraben.

Nun dröhnte jede Nacht laute Salsa-Musik von einer riesigen, halbrunden Bühne, die die Rebellen errichtet hatten. Unter blinkenden roten und blauen Lichtern tanzten wir mit ihnen. Selbst in ihren Camouflage-Uniformen und kniehohen Gummistiefeln drehten sich und wirbelten die Guerilleros elegant umher.

Die Rebellen betrachteten einander mit Augen voller Liebe und Hunger nach Sex. Wir tauften die Konferenz FARCstock. Wenig später sollte es zu einem starken Anstieg der Geburtenzahlen kommen – Friedensbabys würden sie sie nennen. Ein neues Land sollte geboren werden. Ja, natürlich würde es Probleme geben, doch die wären nur Ameisenhügel im Vergleich zu den Gipfeln, die man bereits überwunden hatte. Ein neues Gefühl erwuchs, etwas, das ich in Kolumbien noch nie erlebt hatte: Optimismus. Man plante für eine wunderschöne Zukunft. Baute auf das Gute.

Und der Friedensprozess zahlte sich bereits aus – dank des Waffenstillstands zwischen der FARC und der Regierung gingen die Todesfälle im Zusammenhang mit dem Bürgerkrieg inzwischen fast gegen null. Das Militärkrankenhaus war beinahe völlig leer; die Aufnahmezahlen waren in fünf Jahren um 97 Prozent zurückgegangen.

Südamerika, ein darniederliegender Kontinent, hatte diese guten Neuigkeiten dringend nötig. Das benachbarte Venezuela implodierte, ein ehemals durch Öl reich gewordenes Land versank in Missmanagement und Korruption. Das Volk hungerte und starb wegen fehlender medizinischer Grundversorgung. Millionen machten sich auf den Weg und suchten hier in Kolumbien ein besseres Leben.

Die unausgesprochene Annahme hinter diesem Optimismus war, dass man jetzt endlich das Kokainproblem lösen würde; jeder weiß, dass Kolumbien nicht zum Frieden finden kann, solange noch das Kokain herrscht. Kokain, die Edeldroge. Der Champagner der Rauschmittel, die Droge der Reichen und jener, die es gern werden würden. Nach Cannabis die beliebteste Droge weltweit. Exklusiv und promiskuitiv. In den 1980er-Jahren wurde es an die Banker in New York und London geliefert, in den 1990ern an die russischen Oligarchen. Und jetzt versorgten die kolumbianischen Schmuggler Chinas neue Unternehmerschicht. Nichts vermittelt einem frischgebackenen Millionär so sehr das Gefühl, es geschafft zu haben, als wenn er Freitagabend mit ein paar Extragramm Kokain in der Tasche um die Häuser ziehen kann.

Der Drogenkrieg ist verloren, und die Welt weiß das. 1971 erklärte US-Präsident Richard Nixon den War on Drugs, den Krieg gegen die Drogen. Und Kolumbien versuchte seit den 1970ern, mithilfe amerikanischer Expertise und Hilfsgeldern in Millionenhöhe Kokain auszulöschen. Das Ergebnis? Mehr Kokain denn je zuvor. Der frühere kolumbianische Präsident Juan Manuel Santos hatte sich bemüht, mit der Welt einen ehrlichen Diskurs über Kokain zu führen. Der Drogenkrieg sei wie das Fahren auf einem Heimtrainer: »Wir strengen uns wirklich an, geraten so richtig ins Schwitzen. Aber schaue ich mal nach links und rechts, dann stehen wir noch immer da, wo wir angefangen haben. Das Geschäft läuft einfach weiter.« Überall auf dem Globus war die Antwort betretenes Schweigen.

Die FARC war in das Kokainbusiness eingestiegen und sorgte für den Schutz der Kokaplantagen. Anfänglich »besteuerten« sie die Drogenverkäufe in ihren Gebieten nur. Doch nach und nach wurden sie selber zu Drogenexporteuren. Und während in den 1990ern die Guerilla-Bewegungen in ganz Lateinamerika nach dem Zusammenbruch des Sowjetkommunismus verschwanden, wurde die FARC mächtiger denn je. Sie wurde reich, und das Kokain hatte sich selbst einen Bodyguard zugelegt, eine Armee, die es beschützen würde.

Jetzt, da der Frieden in Reichweite schien, schoss die Kokainproduktion durch die Decke. Die Regierung hatte das Versprühen von Gift aus der Luft auf die Kokasträucher eingestellt, eine Methode, mit der man Dutzende Hektar pro Tag vernichten konnte. Die Rebellen hatten ihren Unterstützern auf dem Land geraten: »Pflanzt mehr Koka, denn wenn der Frieden kommt, erhaltet ihr umso mehr Aufbauhilfe vom Staat, je mehr Koka ihr habt.«

Und während sich die FARC auf ein neues, legales Dasein vorbereitete, soll sie Gerüchten zufolge in aller Eile ihre letzten Kokainvorräte verkauft haben, bevor sie die Waffen abgab. Das war ihre letzte Gelegenheit auf die Drogenmilliarden. Verständlich, doch damit legte sie den Samen für eine bittere Ernte.

Wenn die FARC die Waffen abgab, wer würde dann die Territorien, die sie jahrzehntelang kontrolliert hatte, übernehmen? In anderen Ländern wäre die Antwort naheliegend – die Regierung, und so lautete auch hier der Plan. Doch Kolumbien ist nicht wie andere Länder. Die kolumbianische Regierung war ihrem Land noch nie gewachsen. Der Regenwald ist zu dicht und die Bergregionen sind zu riesig, als dass die Herren und Damen in der Hauptstadt sie zähmen könnten. In einem Großteil des Landes existiert der Staat nur dem Namen nach. Und alle diese Regionen sind zum Bersten voll mit Rekordmengen Koka. Sollte die Regierung nicht die Kontrolle übernehmen, würden es die Feinde der FARC tun: die Kartelle und Milizen der Drogenhändler. Sie würden sich im Kampf um die Herrschaft über diese Ländereien und ihre Reichtümer gegenseitig abschlachten. Eine neue Runde des Blutvergießens würde eingeleitet, die historische Chance vertan.

So sah das Horrorszenario aus.

Und genau das trat ein.

Anstatt zum Beginn einer ganz neuen Erzählung zu werden, wurde im September 2016 lediglich die Seite zu einem neuen Kapitel der alten Geschichte umgeblättert. Der Vertrag wurde unterzeichnet und von den Guerilleros, ihrer Führungsriege, den Funktionären und Journalisten gefeiert. Doch dieser mit den besten Absichten und innigen Hoffnungen geschlossene Frieden wurde bereits beschädigt, bevor er richtig begann. Der Frieden stürzte die ländlichen Regionen ins Chaos.

Als der Vertrag in Kraft trat, sorgte der Rückzug der FARC aus dem Kokaingeschäft für den größten Umbruch in der Industrie seit dem Tod von Pablo Escobar 1993. Nur verpasste die kolumbianische Regierung den Moment, im Krieg gegen das Kokain die entscheidende Wende einzuleiten. Weder übernahm sie die Kokafelder noch ermutigte sie die Bauern, den Kokaanbau aufzugeben noch füllte sie das aus dem Abzug der FARC resultierende Vakuum – genau das Gegenteil geschah. Irreguläre Narco-Milizen, schwer bewaffnete Männer und Frauen in Uniform, die sich der Produktion und dem Export von Kokain verschrieben hatten, beanspruchten das ehemals von der FARC kontrollierte Territorium für sich. Eine neue Runde der Gewalt wurde eingeläutet, als sie um die Kontrolle desselben Koka kämpften, bei dessen Anbau die FARC noch geholfen hatte. Unbewaffnete FARC-Kämpfer, mutige Männer und Frauen, die ihre Waffen für ein neues Kolumbien niedergelegt hatten, wurden ermordet. Einige FARC-Rebellen verließen den Friedensprozess und gründeten Dissidentengruppen, die weiter kämpften, weiter schmuggelten. Die am heftigsten umkämpften Dörfer flehten die Regierung an, den Friedensvertrag vollständig umzusetzen und die ländlichen Regionen zu schützen. Während die Kartelle und Narco-Milizen durch das Land zogen, um immer mehr Gebiete unter ihre Kontrolle zu bringen, schlachteten sie Hunderte von Menschenrechtsaktivisten und social leaders, also Mitarbeiter sozialer Bewegungen und gemeinnütziger Organisationen, ab. Lockende Gewinne in Milliardenhöhe heizten die nach Stärke und Macht hungernden Milizen und Kartelle noch weiter an. Mit einem Mal stand Kolumbien wieder dort, wo es gestartet war, nur gab es nun neue Herren des Kokains und der Gewalt, eine diffusere Gruppe von Spielern, die erbarmungsloser waren als die FARC und fester entschlossen, die Kokainproduktion zu steigern. Dieser Frieden sollte ein sehr blutiger werden.

Der Friedensprozess sorgte für eine Rekordernte. Ein Tsunami aus billigem, reinem Kokain überschwemmte den Planeten. Was auf diesen kolumbianischen Feldern geschah, bekam man in Stockholm, Peking, ­Lagos, Tokio, Anchorage und Melbourne zu spüren. Die Vereinigten Staaten verzeichneten nach diesem Friedensschluss ihre schlimmste bekannte Kokainkrise, und die Zahl der Opfer, die an einer Überdosis starben, stieg auf nie gekannte Höhen. Deutschland beschlagnahmte bei einer einzigen Razzia Kokain im Rekordwert von einer Milliarde US-Dollar. Kokain heizte Gräueltaten in ganz Großbritannien an. Kokain steckte Mexiko in Brand und sorgte für einen Gewaltausbruch in Brasilien.

Kolumbien ließ die Welt im Stich; die Kokainproduktion blühte auf. Und die Welt ließ Kolumbien im Stich – es wird ihr nicht gelingen, den Motor zu drosseln, der die Kokainindustrie am Laufen hält: die Nachfrage nach der Droge in Europa und den USA. Kolumbien produziert Kokain, weil die Welt danach giert und Milliarden dafür zahlt. Der Krieg gegen die Drogen und die Nachfrage nach Kokain pumpen Benzin in ein Land, das ohnehin schon in Flammen steht.

Nach dem Scheitern des Friedens, dem misslungenen Versuch, Kokain auszulöschen, der verspielten Gelegenheit, die Zukunft neu zu gestalten, machte ich mich auf den Weg, die Gründe dafür zu verstehen – und zwar nicht nur für diese Fehlschläge, sondern für die Droge selbst. Wie so viele andere hatte auch mich meine Zeit in Kolumbien zynisch und vorsichtig werden lassen, und doch ließ ich mich, wie so viele andere auch, im September 2016 vom Optimismus anstecken. Die Hoffnung starb nach und nach, je deutlicher das sich entwickelnde Chaos wurde. Es war das Kokain, das diese Hoffnung tötete.

Nach vielen Jahren als Journalist in Kolumbien wusste ich um die Macht des Kokains. Ko-Kain. Schon der Name scheint auf Kain anzuspielen, und so war das Abschlachten zwischen Brüdern schon von Anfang an Teil des Geschäfts. Eines Geschäfts, das Länder korrumpiert, Wirtschaften verzerrt, Hunderttausenden ein Einkommen sichert und Monster zu Multimilliardären macht. Ich hatte all das gesehen, was ein Leben mit Kokain so anziehend und sexy macht: spannender, aufregender, unfassbarer Reichtum. Und dass ein solches Leben nur von kurzer Dauer sein würde, war Teil des Deals, dem alle, die am Kokain verdienten, zugestimmt hatten.

Ich hatte die Gründe für Kokain gesehen: Geld, Gier, Macht, Ideologie, seine verführerische Verderbtheit. Doch da war noch mehr. In einem Konflikt, wie es ihn kein zweites Mal auf Erden gab, spielte all das eine Rolle und zugleich auch nichts davon.

Nun, da die FARC das Spielfeld verlassen hatte, lagen die Realitäten bloß: Kokain findet stets einen Weg zum Überleben. Heute gibt es eine neue Lieferkette, mit neuen Mitspielern. Die Evolution hat einen Sprung gemacht, und Kokain hat sich im Handumdrehen darauf eingestellt. Wer diese Realität verstehen will, muss den Männern und Frauen auf jeder Etappe der Lieferkette zuhören. Über eine Million Kilogramm ist derzeit auf dem Markt, um die weltweite Nachfrage nach der glamourösesten aller Drogen mehr als zu befriedigen. Jedes einzelne Kilo wird diese Kette durchlaufen, von den Feldern bis in die Städte hinein, wo die Ökosysteme des Kokains gedeihen, und hinaus auf die Ozeane dieser Welt, um letztlich bei der wahren Ursache für die Droge anzukommen: den Konsumenten. Und um zu diesem Freitagabend-Wohlfühlgramm in London, New York, Tokio oder Lagos zu werden, muss es einen Sumpf aus Sex und Geld, Verrat und Mord durchqueren.

Das Warum des Kokains findet sich nicht bei einer einzelnen Person oder auf einer einzelnen Etappe; dazu braucht es das Gesamtbild. Und ganz am Anfang steht eine unscheinbare Pflanze, die aus dem Boden sprießt und darauf wartet, geerntet zu werden.

KAPITEL 1 DAS LAND DER BLITZE

INABWESENHEITVONALLEMANDEREN versteht man, warum gerade Kokain. Mit jedem Meter, den wir zurücklegen, streifen wir eine Schicht Zivilisation von uns ab und lassen sie am Wegesrand zurück. Das letzte Krankenhaus, der letzte Supermarkt, keine Bib­lio­theken mehr. Sie alle ziehen an uns vorüber, während wir uns dem Regenwald nähern. Die asphaltierte Straße endet. Von nun an kämpfen wir uns dorthin vor, wo auch die Straßen enden, und von da aus noch weiter. Der letzte Militärcheckpoint, Soldaten mit unsteten Augen, besorgten Blicken. Die letzte flüchtige Anwesenheit des Staates, das Ende der Regierung. Das Ödland. Kokainland. Alles, was noch bleibt, sind ein Motorrad, ein Feldweg und ein Dschungel, der uns umarmt, der uns verschluckt. Ich bin am Ende angekommen. Ich habe den Anfang des Kokainhandels erreicht. Hier wird das Kilo Kokain geboren. Mit einer Honigbärin unter dem Arm und einem Sturm auf den Fersen rolle ich ins Land der Blitze. Man könnte meine Begleiterin auch Kinkaju nennen, und sie ist perfekt geeignet für den kolumbianischen Dschungel: beweglich wie ein Affe, verspielt wie ein Welpe. Ich habe meine Kleinbärin in ihrem winzigen Käfig in einem ruckeligen Bus über Land, bei einer glühend heißen Truckfahrt, einer Kanutour, beim Waten durch knie­hoch überflutete Gebiete und Wolken von Moskitos getragen. Nun ist es Zeit, sie freizulassen.

Einige Stunden zuvor hatte ich meine Kinkaju in einer gesetzlosen Stadt von einem bebrillten Mistkerl von Tierschmuggler erworben. Anzüglich grinsend wie ein Zuhälter saß er in einer üblen Absteige am obe­ren Treppenende und fragte jeden hinaufsteigenden Gast mit einem Augenzwinkern, ob er ein Haustier haben wolle. Er hielt die Kinkaju in einem rostigen Käfig in seinem Hotelzimmer. Jedes Mal, wenn sich jemand ihr näherte, fauchte sie und duckte sich zurück.

Ich beschloss, die Honigbärin zu kaufen und im Dschungel freizulassen, bevor sie irgendwelchen Unmenschen in die Hände fiel. Er verlangte dreiunddreißig Dollar. Ich handelte ihn runter. Widerwillig ging er bis auf dreiundzwanzig mit. Von draußen war das lange, kreischende Hupen meines Busses zu hören, das die unmittelbar bevorstehende Abfahrt ankündigte.

Nach vierstündiger Busfahrt saß ich an einer einsamen, staubigen Kreuzung und wartete auf einen Lastwagen, der mich tiefer in den Urwald bringen sollte. Der LKW hätte schon vor einer Dreiviertelstunde hier sein sollen. Meine Kinkaju und ich konnten nichts an­de­res tun als warten.

Die Tiere werden ihres weichen dunkelgoldenen Fells wegen oft fälschlicherweise für Affen oder Frettchen gehalten. Hier im kolumbianischen Regenwald nennt man sie cuchis oder macos. Ich nannte meine Honigbärin Manuela.

Eine alte Frau blickte traurig auf den Käfig.

»Es ist eine Sünde, so leben zu müssen«, sagte sie. »Es ist, als hätte man sie ins Gefängnis geworfen.«

Behutsam teilte sie ihre Banane mit der dankbaren Manuela. Die hielt ihr Stückchen mit den Pfoten fest und knabberte es auf. Der Lastwagen kam.

Ich spürte, wie ich das arme Ding immer mehr ins Herz schloss. Sie zitterte, und bei jedem Stoß des Lastwagens vergrub sie sich tiefer in die Decke. Honig­bären sind nachtaktiv, und das grelle Sonnenlicht versengte sie. Die Mittagssonne verwandelte unseren Truck in einen Backofen, und Manuela litt. Keuchend rollte sie sich auf den Rücken und ergab sich ihrem Schicksal. Ich füllte ihr Wasserschälchen, doch bereits das kleinste Schlagloch erschütterte den LKW und verschüttete alles.

Obwohl sie einen merkwürdigen Anblick bot, war Manuela ein Glücksbringer. Dies ist das Land einer marxistischen Guerilla, und sie vergraben gern einmal Autobomben entlang dieser Straßen. Hin und wieder errichten sie Checkpoints, um Passagiere zu entführen, Fahrzeuge in Brand zu stecken und ein paar Autofahrer zu erschießen. Dann zerstreuen sie sich rasch wieder, bevor die Armee eintrifft. Sie sagen, das sei für die Revolution. In Wirklichkeit dürfte es vielmehr mit Wahnsinn zu tun haben.

Und dennoch: Könnten die Guerilleros mit einer solchen Szene umgehen? Stellen wir uns einen Checkpoint vor, an dem ein Gringo mit einem merkwürdigen goldenen Tier in einem Käfig auftaucht. Was hilft eine AK-47, wenn man sich einfach keinen Reim darauf machen kann, was genau da vor sich geht?

Vom Truck stiegen wir in ein Kanu um, und ich hatte beinahe das Ende meiner Reise erreicht.

Und jetzt ist der Moment gekommen, meine Kinkaju in den Urwald zu entlassen.

Wir halten am Laden neben dem Fluss, am Rand des Regenwalds. Der Dschungel wirkt bedrohlich. Ich blicke auf Manuela. Feine Regentropfen plätschern auf das Plastikdach des Ladens, und Donnergrollen rückt näher. Ich frage nach Wasser. Ist aus. Nur Bier und Gatorade.

Der Ladenbesitzer schaut freundlich zu Manuela herüber. Ich trinke mein Bier.

»Sie muss so um sechs Monate alt sein. Das ist zu alt für den Dschungel. Der Dschungel wird sie bei leben­digem Leibe verschlingen«, stellt er fest. Ich werfe einen Blick auf die grüne Wand am Ende der Lichtung. Dort draußen treiben sich Leoparden, Pumas, Schlangen und Kaimane herum. Schlitzende Klauen und knirschende Kiefer. Manuela hat ihren Käfig verlassen, kaut fröhlich an einer weiteren Banane und spielt mit allem, was sie erreichen kann. Sie ist zu vertrauensvoll, zu verspielt, zu glücklich für diese Welt.

»Wahrscheinlich haben Jäger ihre Mutter getötet und sie noch als Baby gestohlen. Dann haben sie sie verkauft. Jetzt ist sie zu sehr an Menschen gewöhnt. Wird nicht überleben, kann sich ja nicht verteidigen.«

Die Heftigkeit meiner Gefühle für Manuela überrascht mich. Im Augenblick ist mir nichts wichtiger, als sicherzustellen, dass sie ein glückliches, sicheres Leben führt. Sie könnte es auf zwanzig Jahre bringen. In dem Laden drehen Katzen, Hunde und Papageien ihre Runden.

Ich frage den Ladenbesitzer, ob er eine cuchi will. Er nickt.

Mit einer Zange öffnen wir das Halsband, das ihr der Tierschmuggler umgelegt hatte. Sofort nimmt Manuela ihre Familie an, erklimmt Arme, schmiegt sich an Nacken. Diese Leute werden sich um sie kümmern. Sie wäre eine treue Begleiterin geworden. Doch sie ist zu jung für den Irrsinn, der mir bevorsteht.

Es dämmert, als ich wieder aufbreche. Ein freundlicher Benzinschmuggler nimmt mich auf seinem Motorrad mit, und in einem Affenzahn geht es über die unbefestigte Piste. Bisher sind wir dem hereinbrechenden Bombardement der Blitze entkommen. Wir sind in Catatumbo, im Nordosten Kolumbiens, an der Grenze zu Venezuela. Einer Gegend voller Urwälder, Berge, Krieg, unverwüstlicher Menschen und Magie, beherrscht von Guerillas, Kokain und Armut, bewohnt von einem Volk, das von seiner Regierung verlassen wurde.

Die ersten Männer und Frauen, die diese gewaltigen Berge durchstreift haben, die Ureinwohner, verstanden dieses Land – schon vor Hunderten von Jahren nannten sie es Catatumbo. Land der Blitze, Heimat des Donners. Die Erde dort ist blutgetränkt. Die Indigenen erinnern sich. Es sind entsetzliche Erinnerungen, weitergegeben über Generationen, eingebrannt in ihrer DNA. Die spanische Conquista: Invasion, Genozid, Massenvergewaltigungen, Sklaverei, erzwungene Taufen, ganze Zivilisationen zerstört, Träume der Vorfahren ausgelöscht. Eine derart vollständige Vernichtung, dass ganze Zivilisationen untergingen und niemand überlebte, der sich noch erinnern könnte. Die spanische Eroberung des amerikanischen Kontinents, eine der größten Gräueltaten der Geschichte. So grotesk, so ekelerregend, dass sie den gesamten Kontinent mit einem Fluch belegt hat. Ein halbes Jahrtausend später wirkt dieser Fluch noch immer und verdammt diese Länder zu Korruption, Blutvergießen, Stagnation. Hier stirbt die Vergangenheit nie.

Der Regen wird stärker. Dass ein Blitz mich mit einer Milliarde Volt entsaftet, ist allmählich keine Frage der Möglichkeit mehr, sondern vielmehr eine der Wahrscheinlichkeit. Wir können nirgends Schutz suchen. Verabredungen sind einzuhalten. Jeder Blitz erhellt meine Umgebung, friert Standbilder großer Felder voller Kokasträucher in weißer Elektrizität ein. Ich bin, wo ich sein muss.

Die Kokainmilliarden haben ihren Ursprung in der Armut von Kolumbiens ländlichen Gebieten. Der Sex und der Glamour der raffiniertesten aller Drogen kommen erst später. Jetzt ist es nur Koka, ein bescheidener grüner Strauch, der die Berge und Regenwälder dieser Gegend liebt.

Der größte Teil Kolumbiens ist frei von Koka. Jenes Kolumbien ist ein Land der Kaffeeplantagen, Kohleminen, Ölfelder und der Strände mit europäischen Touristen. Dies hier ist das andere Kolumbien, das zurückgelassene. Hier ist Koka ein Way of Life.

Koka ist ein listiger Strauch; er verbirgt seinen Schatz unter einem schlichten Aussehen. In etwa einem Meter Höhe verzweigen sich seine Äste und recken sich zur Sonne hin. Grau-grüne Zweige sind mit ovalen, smaragdgrünen Blättern besetzt. Kurz gesagt, ein Strauch, nach dem man sich nicht umdrehen würde … es sei denn, man weiß von dem kostbaren Alkaloid, das in seinen Blättern verborgen ist.Vierundzwanzig Landarbeiter und eine -arbeiterin bewegen sich durch ein Feld, bringen die Ernte ein. An einem Ende des Felds ragt eine Wand aus dunklem Dschungel hoch über die Pflanzung und die Erntehelfer auf. Diese Linie trennt das Feld vom Regenwald, die Zivilisation vom Chaos der Natur.

RIIIIEEEEK! RIIIIEEEEK! Das Geräusch von Kokablättern, die von ihren Ästen gerissen werden. Schnell wie Peitschenhiebe rücken die Erntehelfer voran und rauben dem Strauch in Sekunden seine Blätter. Es ist eine schnelle, allumfassende Bewegung: Man packt mit beiden Händen den Zweig ganz unten und zieht dann schnell nach oben. Es klingt, als würde etwas zerrissen, das Feld in zwei Hälften zerfetzt. Die Handvoll Blätter landet in dem großen Sack, den jeder Ernte­helfer an seinem Gürtel hängen hat. Das Blatt ist vom Strauch getrennt, der erste Schritt hin zum Kokain ist getan.

Kokain hat seine eigene Welt, seine eigene Sprache. Kokablätter ernten heißt raspar, was Leute auf dem Feld zu raspachines macht.

Die zwei Jahreszeiten hier in Catatumbo sind sintflutartige Regenfälle und erschöpfende Sonne. An manchen Tagen gibt es beides. Heute tragen die raspachines Hüte und langärmlige Hemden. Wie halten sie die Hitze nur aus? Den ganzen Tag lang herumblödeln.

»Falls du zu Hause mal gefragt wirst, wo Bigfoot lebt, dann kannst du ihnen sagen, wir haben hier in Kolumbien einen. Er da ist ein Bigfoot, aber wir haben ihn gezähmt.«

»Pass bloß auf, er vergewaltigt dich sonst noch. Er vergewaltigt dich. Ich bin froh, dass Journalisten hier sind, um das aufzuzeichnen und anzuprangern. Dieser Vergewaltiger sollte der Menschenrechtskommission gemeldet werden, den Vereinten Nationen.«

»Er sieht aus wie ein Terrorist.«

»Maria, schon mal einen Gringo gefickt?«

»Halt’s Maul.«

»Carlos, du bist der hässlichste Mann, den ich je gesehen habe. Haben sie dich rasiert, damit du aus dem Zoo entkommen konntest?«

Die raspachines fangen jeden Morgen bei Sonnenaufgang an, gegen 6 Uhr, und versuchen, in der morgendlichen Kühle so weit wie möglich zu kommen. Im Morgengrauen hängt ein geisterhafter Nebel, Andenken an die Niederschläge in der Nacht. Manche erinnert er an Gespenster.

Einst war dies hier alles Regenwald. Flüchtlinge aus anderen Teilen Kolumbiens, sogenannte Kolonisten, waren vor hundert Jahren hergekommen, hatten die Indigenen bekämpft und ihnen ihr Land geraubt. Aus dem gemeinschaftlichen Grundbesitz der Ureinwohner wurden private Farmen der Siedler. Durch Abholzen und Abbrennen des Dschungels entstanden Felder wie dieses. Noch sind diese abgelegenen Gegenden Kolumbiens junges Land, Gesellschaften, die sich erst noch bilden müssen. Eine Region, in der dein Großvater womöglich jemanden für das Land getötet hat, auf dem du heute lebst.

Und doch ist der Dschungel noch immer riesig und majestätisch, lauert am Rande unserer Zivilisation, be­­reit, die Herrschaft wieder zu übernehmen. Der Regenwald quillt über vor Leben. Milliarden Vögel, Insek­ten, Reptilien und Säugetiere wimmeln durch die Vegetation, die sich Dutzende Meter in den Himmel erhebt. Durchstreift man das Gewirr, fühlt man sich wie der erste Mensch, der jemals seinen Fuß auf diesen Boden gesetzt hat. Jedes Blatt, an dem man vorbeikommt, fühlt sich an, als enthalte es Milliarden Jahre der Schöpfung. Man kann riechen, wie die Vegetation wächst. Es ist eine endlose, klaustrophobische Landschaft aus Grün- und Brauntönen und sonst nicht viel. Der Dschungel, bestehend aus unzähligen Kreaturen, fühlt sich wie ein einziges Lebewesen an. Und es will dich töten, dich verschlingen, dich zum Teil des Waldes werden lassen.

In dem Augenblick, in dem man aus dem Urwald heraustritt, verblassen all diese Eindrücke, die nur mehr wie ein verschwommener Traum in Erinnerung bleiben. Manchen ist der Dschungel unheimlich. Mir gefällt er.

Die Wildnis ist derart dicht, dass man sich für einsamer hält, als man tatsächlich ist. Im Südwesten Kolumbiens gibt es die »Verlorenen Städte«. Diese Farmen sind tagsüber unsichtbar, aber wenn abends die Lichter angeschaltet werden, um die Marihuana-Ernte zu steigern, sind sie mit einem Mal über Kilometer hinweg sichtbar. Eine der vielen Marotten des Landlebens: Die Bauern hängen die Lichterketten in Mustern auf, sodass auf den Berghängen riesige Herzen und große Hunde erscheinen.

Dringt man tiefer in den Regenwald vor, verschwinden die Straßen, und die Reiseroute verlagert sich aufs Wasser. Oder in die Luft. Eine Flotte herrlicher alter Maschinen vom Typ DC 3 verbindet die winzigen Dschungelaußenposten. Die silbernen Flugzeuge stammen aus dem Zweiten Weltkrieg, werden hier aber noch immer eingesetzt. Bei jedem Flug ist ein Mechaniker an Bord. Bei klarem Wetter bietet sich ein traumhafter Blick auf das Meer aus Bäumen unter einem. Sobald sich aber Sturmwolken zusammenziehen und der Himmel ein dunkles Grau annimmt, sage ich den Flug ab.

So riesig sind diese Wälder, dass in ihnen noch immer indigene Stämme ohne Kontakt zur Außenwelt leben. Es ist gerade einmal zehn Jahre her, dass Kokabauern, die sich immer weiter in den Urwald hineinholzten und -brannten, um den Maßnahmen der Regierung gegen den Drogenanbau zu entkommen, auf das nomadische Volk der Nukak stießen. Die Jäger und Sammler, die Koka niemals angerührt hatten, verließen den Dschungel als Flüchtlinge. Viele von ihnen ließen sich in dem Außenposten San José del Guaviare nieder. Einst streiften sie als Jäger durch den Dschungel, jetzt sitzen sie auf den unbefestigten Straßen der Stadt und betteln. Jeden Tag verlieren die Nukak mehr von ihrer Kultur. Den traditionellen Lendenschurz haben sie gegen Secondhand-Jeans getauscht. Sie essen keine Affen aus dem Regenwald mehr, sondern ernähren sich von Bier und Coca-Cola. Sie umschwärmen die sorglosen raspachines, die jedes Wochenende in die Stadt strömen, um ihren Lohn fürs Saufen und Huren auszugeben. Einige der Nukak-Frauen »trinken Bier mit dem weißen Mann«, der Nukak-Ausdruck für Prostitution (wobei mit »weißer Mann« Weiße, Mestizen, Afrokolumbianer und überhaupt alle bezeichnet werden, die nicht rein indigen sind).

Andere Nukak erkannten die drohende Auslöschung ihrer Bräuche und kehrten in den Regenwald zurück. Doch unsere Kultur hatte sie bereits infiziert – sogar nach ihrer Rückkehr in den Dschungel wollen sie unseren Plunder. Auf einsamen Farmen ernten die ehemaligen Jäger nun jene Blätter, die sie aus ihrer Heimat vertrieben haben – Koka. Der Lohn für einen Tag? Eine Familienflasche Coca-Cola, des ersten westlichen Produkts, das sie verführte. Weitere Opfer des Drogenkrieges.

Hier draußen, auf dem Kokafeld, tragen einige der raspachines kleine Lautsprecher an ihren Gürteln, und Reggaeton – es ist immer Reggaeton – dröhnt über die Felder. Von ihren Gesichtern tropft Schweiß auf die nackten Sträucher. Der Älteste hier ist fünfunddreißig. Kein Job für alte Menschen.

Die Hälfte der Pflücker hat geschwollene Hände mit hässlichen, fleckigen Beulen. Trotzdem machen sie weiter, denn es gibt nichts anderes zu tun. Sie bandagieren ihre Hände wie Boxer. Koka schneidet trotzdem noch in ihre Haut. Nach einer Woche sind die Hände der Erntehelfer schwielig und übersät mit Rissen und Schnittverletzungen. Und doch beschwert sich niemand über die einzige Arbeit, die es gibt. Arbeiten oder hungern. Das ist das Landleben in Kolumbien.

Der Anblick dieser fünfundzwanzig raspachines, die hier vor aller Augen arbeiten, ist ein erster Hinweis darauf, wie selbstverständlich Koka in weiten Gebieten Kolumbiens ist. Man könnte sagen, es wird wie jede andere Ernte behandelt, aber das ist es nicht. Es ist die einzige Ernte. Koka ist die Wirtschaft. Diese Felder sind illegal, aber in diesen gesetzlosen Gegenden schaut niemand genauer hin. Und es gibt mehr Koka denn je. Mehr hier in Kolumbien, mehr hier in Catatumbo. Diese raspachines ernten heute etwa einen Hektar Koka ab. Im ganzen Land gibt es mindestens hundertsiebzigtausend weitere Hektar.

Die Kolumbianer halten weder die Farmer noch die Pflücker für Kriminelle. Jeder weiß, wie hart das Leben auf dem Lande ist. Der Grundbesitz ist in den Händen der Reichsten des Landes konzentriert. Außerhalb der Städte hat es beinahe etwas von Feudalherrschaft, wenn die Bauern auf winzigen Parzellen um ihr Überleben ringen, während Reiche immer neue Ländereien erwerben. Zu einem gewissen Zeitpunkt, als die Narco-Milizen im Auftrag korrupter Politiker Land aufkauften, kamen sie mit einem lächerlich niedrigen Preis zu den Bauern und stellten die alles entscheidende Frage: »Kommen wir ins Geschäft, oder kaufe ich von deiner Witwe?«

Brechen die Preise für legale Landwirtschaftsprodukte ein, verlegen sich die Farmer auf Koka. Und hier haben wir einen der offensichtlichsten Gründe für Kokain – es sind unsere legalen Rohstoffmärkte, die die Produktion antreiben. Kolumbien erleidet jedes Mal Schaden, sobald ein Kaffeebauer seine Pflanzen ausreißt, um Koka anzubauen. Dabei möchte Kolumbien das Land des Kaffees sein. Kaffee soll sein Selbstverständnis sein, und so strengt es sich beharrlich an, zur Quelle einer weltberühmten Kaffeeernte zu werden, aus der die Tasse Kaffee kommt, die jeden Tag Millionen Menschen erfreut. Kaffee, die Nutzpflanze, aus der die Nation erstand. Kaffee, der Rohstoff, der ein erträumtes Kolumbien stützen könnte.

In den vergangenen vierzig Jahren stammten die raspachines ausschließlich aus Kolumbien. In den Kokaanbaugebieten gilt dieser Job als Übergangsritus, als Ausgangspunkt für eine Karriere in diesem Geschäft. Heute kommen die Erntehelfer beinahe alle aus Venezuela. Die Grenze ist nur zwanzig Motorradminuten entfernt, und da Venezuelas Wirtschaft schrumpft, wandern die Menschen in erschreckend hohen Zahlen aus. Obwohl das Land die weltweit größten Ölvorräte besitzt, hat die von Korruption und Missmanagement durchsetzte und jetzt auch noch von US-Sanktionen gebeutelte sozialistische Regierung die Wirtschaft ruiniert. Der Staat ist nicht in der Lage, seine Bürger zu ernähren, sodass sie verhungern oder wegen fehlender medizinischer Grundversorgung sterben. Millionen von ihnen brechen auf, um anderswo ein neues Leben zu beginnen.

Maria ist die einzige Frau auf dem Feld. Sie muss um die dreißig sein, hat braunes Haar und weiße Haut und redet nicht viel. Sie ist die Zielscheibe der Witze: mit wem sie letzte Nacht geschlafen hat, mit wem sie diese Nacht schlafen wird. Gelingt ihr ein guter Konter, ein gut getimtes »Friss Scheiße«, zeigen die raspachines lachend auf den Betreffenden, dem nichts anderes übrig bleibt, als den Mund zu halten und sein Koka zu ernten.

»Es ist gut, diesen Job zu haben. Wird gut bezahlt. Ist harte Arbeit, aber stabiles Einkommen«, sagt Maria. Für elf Kilo Kokablätter bekommt sie 2,50 Dollar.

Maria erinnert sich noch daran, wie sie in Vene­zuela hungrig ins Bett ging, wie sie aufwachte, weil ihre Mutter weinte. Da alle in ihrer Familie immer mehr Gewicht verloren, war sie tatsächlich kurz vor dem Verhungern, als sie die Grenze zu Kolumbien überquerte. Sie lief weiter und suchte überall nach Arbeit, bis ein Bauer nickte und sie aufs Kokafeld schickte.

Mit dem Geld unterstützt sie ihre Familie. Den ganzen Tag über erklären die Venezolaner alles mit »der Krise« oder »der Situation«, als wüsste jeder Bescheid. Und in der Tat, jeder auf diesem Kontinent weiß Bescheid.

Ich frage Maria nach ihrem vorherigen Job. Sie sagt, sie sei zur Schule gegangen – sie ist erst achtzehn. Mein Gott, der Zusammenbruch Venezuelas lässt alle vorzeitig altern.

»Es ist wie Training. Man wird jede Woche besser. Ich habe fette Menschen auf den Feldern ankommen sehen, und nach zwei Wochen waren sie schlank«, erklärt Maria. »Solltest du auch mal versuchen.« Sie ­lächelt und deutet mit einer Kopfbewegung auf meinen Bauch. Toll, ich werde von einer Horde halbstarker raspachines ausgelacht, und es ist noch nicht mal 9 Uhr morgens.

Eine bunte Mischung: Carlos arbeitete in einer Bank, Maria war Schülerin, Jonathan Bauarbeiter, Freddy Polizist. Was sie eint ist, dass sie jede Hoffnung auf einen existenzsichernden Job in Venezuela aufgegeben haben. Von den Feldern aus beobachten wir den ganzen Tag über abgemagerte Venezolaner, die auf der Suche nach Arbeit den staubigen Weg entlangkommen.

Der kolumbianische Bauer ist still und zurückhaltend im Umgang mit Menschen, die er nicht kennt. Ein weicher Händedruck, ein Blick, der die Augen des Fremden meidet. Er trägt eine Stoffhose, in die er sein Hemd gesteckt hat, Gummistiefel und einen Cowboyhut. Er zieht sich an wie sein Großvater vor fünfzig Jahren und ernährt sich auch noch genauso. Die Venezolaner sind laut und tropisch, eine städtische Kultur hält Einzug auf den Kokafeldern: gefälschte Markenjeans, gefälschte Nike-Kappen, gefälschte Adidas-­T-Shirts. Und alle laufen in Crocs durch Pfützen und Bäche.

Die Venezolaner lachen den ganzen Tag und reißen ununterbrochen Witze. Sie sind glücklich mit dem Job. Fünfzigtausend Pesos am Tag, umgerechnet siebzehn Dollar, sind im Vergleich mit zu Hause ein gutes Einkommen.

Carlos ist groß; daher weiß ich sofort, dass er Vene­zolaner ist. Schweiß läuft ihm übers Gesicht, während er die Kokablätter abreißt und in seinen Sack stopft. Für einen Augenblick ist es still über dem Feld, die Pflücker sprechen kaum, nur die Insekten zirpen. Carlos ist fünfundzwanzig und hat bis vor drei Monaten als Kassierer bei einer Bank gearbeitet. Das passt auch; er hat etwas Höfliches, Förmliches an sich, das den anderen abgeht. Ich sehe ihn vor mir, wie er älteren Damen mit ihren Sparbüchern hilft. Jetzt erntet er Kokablätter und stärkt das Fundament des internationalen Kokainhandels.

Was hat er über die Kokabauern gedacht, bevor er hier anfing?

»Für mich waren die Erntehelfer Verbrecher. Arm und ohne jede Chance, aber dennoch Verbrecher …«

Und jetzt?

»So ist das Leben.« Er lacht. »Das Leben überrascht einen immer wieder. Meine Eltern glauben, ich arbeite auf einer Ananasplantage. Würde ich auch gern, nur habe ich nirgends Ananas gefunden!« Wieder ein Lachen. »Nur Koka.«

Wie lange er in Kolumbien bleiben will?

»Ich werde hier arbeiten, bis sich Venezuela wieder erholt hat …«, erklärt er mit süffisantem Grinsen. Das ist ein Witz, denn es besteht keinerlei Hoffnung, dass sich Venezuela in absehbarer Zeit wieder erholen wird.

Das Feld ist bis auf die Äste abgeerntet. Die nackten Sträucher sehen aus wie Hunderte knochige Finger, die nach dem Himmel greifen. Die Kokablätter wachsen nach, und in zweieinhalb Monaten werden die raspachines für die nächste Ernte wiederkommen.

Heute hat jeder raspachin so viel Koka geerntet, wie er tragen kann. Denn tragen müssen sie es. Die raspachines packen die Blätter in Säcke von der Größe eines molligen Kindes. Einer hievt sich einen Sack über die Schulter, der beinahe so groß ist wie er selbst.

»Wie schwer ist der denn?«, rufe ich.

»Neunzig Kilo, schätz ich mal. Sí, so um die neunzig Kilo.« Und er lächelt. Es ist dieses Lächeln, das hier überall verbreitet ist und sagt: »Das alles hier, absurd, oder?« Dann macht er sich auf den dreißigminütigen Weg.

Maria sitzt auf dem Boden, während ein Freund den Sack auf ihrem Rücken befestigt, mit Schnüren, die wie bei einem Maultier kreuz und quer über ihre Brust verlaufen. Wie eine Schildkröte, die in der heißen Sonne auf dem Rücken liegt, kann Maria nicht allein auf die Füße kommen – ihr Freud schiebt den Sack von hinten, drückt dadurch Maria nach vorn, die stolpernd auf die Beine kommt und vorwärtstaumelt. Um den Sack zu schleppen, der nicht sehr viel kleiner ist als sie selbst, ist sie auf diesen ersten Stoß angewiesen, sie beugt sich nach vorn und hofft, dass der Schwung sie bis nach Hause bringt.

Das Koka ist auf dem Weg. Kokain wird es schließlich bis in jede Ecke der Welt schaffen, und Maria ist die Erste, die es vorwärtstreibt.

Der Himmel ist wolkenlos, und die Luft brennt. Die Stille der Mittagshitze, unterbrochen nur vom Geräusch der Insekten und Marias Schnaufen. Die nackten Kokafelder flirren in der Sonne.

Nach fünfzehn Minuten strauchelt Maria auf dem staubigen Weg. Sie fängt sich wieder, doch um ein Haar wäre sie gestürzt. Ihre Beine werden weich wie Pudding. Sie geht vornübergebeugt, die Augen starr geradeaus gerichtet. Volle Konzentration: linker Fuß vor, rechter Fuß vor, linker Fuß vor, rechter Fuß vor.

Nach fünfundzwanzig Minuten ist ihr Gesicht mit glänzendem Schweiß bedeckt. Sie ist nun beinahe im rechten Winkel vornübergeneigt. Endlich erreicht sie den Saum des Urwalds, den kostbaren Schatten. Sie bleibt stehen und blickt nach vorn, atmet tief ein, die Augen glasig. Irgendwo erwacht ein Schwarm fieser Moskitos. Sie umzingeln uns wie Nebel. Maria ist bewegungslos, viel zu erschöpft, um nach den Plagegeistern zu schlagen. Ächzend macht sie sich auf den Weg durch den Dschungel.

Wir folgen dem dämmrigen Pfad, der sich durch das Unterholz windet. Dann, endlich, eine Lichtung. Es stinkt nach Benzin und giftigen Chemikalien. Hier steht das Labor, und hier bricht Maria zusammen.

Weitere raspachines taumeln im Gänsemarsch heran, die Säcke auf ihren Rücken wie Buckel. Sie werfen sie ab und sacken daneben zu Boden. Die Laborarbeiter spießen jeden Sack mit einem Fleischerhaken auf, der an einer Waage hängt. Pedro, einer der Laborarbeiter, ruft das Gewicht des Sacks aus. Die Pflücker behalten die Skala ebenfalls im Auge – um zu erfahren, was sie verdienen werden. Manchmal lächeln sie, manchmal sind sie enttäuscht. Aber es gibt kein Murren. Die raspachines behandeln die Laborarbeiter mit Respekt. Das Kokain hat seine eigene Hierarchie, und der raspachin steht ganz unten.

Ein Gewicht nach dem anderen wird ausgerufen: »Fünfundachtzig Kilo!« »Fünfundachtzig Kilo!«, bestätigt Carlos, der Buchhalter. Der junge Mann trägt ein Baseballcap, Gummistiefel und Shorts, sonst nichts. Er schreibt die Zahlen in ein Schreibheft für Kinder.

»Siebenunddreißig Kilo!« »Siebenunddreißig!« »Neunzig Kilo!« »Neunzig!«

Maria übergibt ihren Sack. Er wird aufgehängt, und Pedro brüllt: »Vierzig!«

»Vierzig!«, wiederholt Carlos. Marias Blick schießt sofort von der Waage zu Carlos, um sicherzugehen, dass er genau das aufschreibt, was Pedro abgelesen hat. Nur Idioten vertrauen blind. Wenigstens regnet es heute nicht: Dann zahlen sie nämlich 25 Prozent weniger, um die nassen Blätter abzuziehen. Das ist das Gesetz des Kokains.

Heute nimmt Maria vierzigtausend Pesos (dreizehn US-Dollar) mit nach Hause. Das entspricht dem kolumbianischen Mindestlohn, ist aber für venezolanische Verhältnisse ein guter Verdienst.

Sie hat das Koka an das nächste Glied in der Kokain­kette übergeben.

Alle machen Mittagspause.

Maria geht zurück zum Haus des Bauern, wo sie die Nacht in einer Hängematte auf der Veranda verbringen wird. Sie wird so lange Koka ernten, bis diese Felder leer sind und dann mit ein wenig Bargeld nach Vene­zuela zurückkehren. Sie gehört zu den Glücklichen, zu denen, die vom Kokain weggehen. Aber für andere zieht sich ab hier die Schlinge immer weiter zu.

Das Koka steht kurz vor seiner Verwandlung.

Dieses Koka ist das Produkt einer schon lange vom Rest des Landes vergessenen Wildnis. Bei der Reise durch diese Urwälder kommt man durch Siedlungen, die wunderliche Namen tragen: »Macheten-Hafen«, »Gringo-Grat«, »Glückseligkeit«, »Die Puppen«, »Der Schatten«. So äußert sich der Humor der Farmer. Doch dahinter verbirgt sich auch ein Kummer – man glaubt nicht daran, dass der Papst jemals vorbeikommen wird, wenn man seine Stadt »Esel« nennt.

Von der nächstgelegenen Stadt ist es eine sechsstündige Odyssee hierher. Drei Stunden auf einer holprigen Straße, immer in der Hoffnung, Guerilla-Bomben oder Checkpoints zu entgehen. Zwei weitere Stunden über einen unbefestigten Weg, auf dem man nur mit einem Motorrad vorankommt. Ist man dann am Fluss, gibt es nur ein Fährangebot hinüber. Wobei »Fähre« ein großes Wort ist für ein paar aneinandergebundene Holzplanken auf sechs großen Fässern, die sie über Wasser halten. Und »Angebot« ein eher unpassender Ausdruck für: falls der Fährmann gerade in der Gegend ist. Das Floß kann vier Männer und vier Motorräder tragen und wird an einem fest installierten Seil zum anderen Ufer gezogen. Regnet es zu stark, fällt die Fähre aus.

Die Bauern – und nicht etwa Regierungsangestellte – haben diese Fähre gebaut, um ihre Ernte hinaus in die Welt zu bringen. Hat man es einmal über den Fluss geschafft, dauert es eine weitere Stunde per Motorrad oder Maultier bis in die Wildnis. Entlang des Wegs haben die Bauern – und nicht etwa Regierungsangestellte – kleine Brücken gebaut, um über Bäche zu gelangen. Als ich bei einer dieser Brücken ankomme, steigt gerade eine alte Frau vorsichtig auf die verrottenden Holzstämme. Sie hebt den Kopf und schaut mich an. »Und sie nennen uns Drogenhändler? Welcher Drogenhändler, den du kennst, lebt so?«

Nach dem anstrengenden sechsstündigen Trip werfe ich einen Blick auf die Karte, um zu sehen, wie weit ich gekommen bin: dreißig Kilometer, Luftlinie. Stellen wir uns vor, wie viel es kosten würde, eine Tonne Ananas über diesen Weg zu schleppen.

Das Zentrum des Lebens ist hier der Lebensmittelladen. Kokabauern kommen auf eine Tasse Kaffee oder ein Bier aus ihren verstreut liegenden Farmen vorbei und füllen ihre Vorräte in dem einzigen Geschäft in der Umgebung auf. Hier draußen gibt es kein fließendes Wasser. Man duscht, wäscht seine Kleidung und spült das Geschirr in einer offenen Hütte: Hier steht ein großes Fass, das mit Wasser aus dem Bach gefüllt wird. Man schöpft es mit bloßen Händen, um es sich über den Körper zu gießen, während der gesamte Dschungel den nackten Hintern betrachtet. Muss man pinkeln, geht man in den Dschungel. Muss man größere Geschäfte erledigen, geht man ein paar Schritte tiefer in den Dschungel.

Jeder hier ist Selbstversorger, Tierarzt, Mechaniker, Doktor, Koch, Elektriker oder Erntehelfer, wie es eben gerade gebraucht wird. Dass die Regierung hier noch nie geholfen hat, machte die Landbevölkerung Kolumbiens widerstandsfähig.

Farmer traben auf ansehnlichen Pferden vorbei, um ihre Kokafelder zu inspizieren. Dann tauchen auf dem Trampelpfad zehn Kinder in Schuluniform auf. Die Söhne und Töchter von Kokabauern sind stundenlang unterwegs gewesen, um in die Schule zu kommen, denn sie brennen darauf, etwas zu lernen. Eine Lehrerin unterrichtet gleichzeitig zwanzig Schüler zwischen acht und fünfzehn Jahren. Das Mädchen, das ganz vorn steht, versucht, die Tür zu öffnen. Sie ist verschlossen.

»Die Schule ist zu, Kinder. Der Fluss hat Hochwasser, die Lehrerin konnte nicht rüber!«, ruft social ­leader Carmen, eine engagierte Aktivistin vor Ort.

Sichtlich enttäuscht machen sich die Kinder auf den dreistündigen Heimweg.

Die Bauern hatten einen Zoll auf die hier verlaufende Dschungelpiste erhoben, um die zwölftausend Dollar für den Bau der Schule einzusammeln. Es dauerte Jahre, bis das Geld zusammen war, aber schließlich konnten sie die Schule aus dem Boden stampfen. Und woher kam das Geld für den Wegzoll? Aus dem Kokaverkauf. Warum bezahlte der Staat nicht für die Schule? Gute Frage.

»Kokabauern bitten um nichts. Sie wollen nur in Ruhe gelassen werden. Falls sie sich entscheiden sollten, den Kokaanbau aufzugeben und ihre Rechte einzufordern, etwa auf Gesundheitsversorgung oder Bildung, hätte die Regierung gar nicht das Geld, um das leisten zu können. Kolumbien ist darauf angewiesen, dass die Bauern beim Koka bleiben, denn würden sie in eine legale Existenz wechseln, könnte der Staat das gar nicht bezahlen«, erklärt mir Carmen, als wir eines Tages bei einem Bier zusammensitzen.

Zu viele Männer auf dem Land haben den Ruf, ihren gesamten Lohn zu versaufen. Es sind Frauen wie sie, die organisieren, die Dinge möglich machen. Carmen ist ein Energiebündel, ruhelos, als wäre ein Leben nicht genug, um alles zu schaffen. Sie verhandelt mit lokalen Behörden um Gelder für den Bau von Brücken, damit die Bauern legale Landwirtschaftsprodukte aus diesen Käffern auf die Märkte bringen können. Sie träumt von einem echten Substitutionsprogramm, das die Kokabauern und die Regierung an einen Tisch bringen würde, um einen echten Deal zu verabreden, der es den Farmern ermöglichen würde, Koka ein für alle Mal hinter sich zu lassen.

Wie bei allen anderen hat die in Kolumbien herrschende Gewalt auch in ihrem Leben Spuren hinterlassen. Ihr Mann wurde von verlogenen Soldaten ermordet, die ihn als im Kampf getöteten Guerillero ausgaben, um einen Bonus zu kassieren. Der unter dem Stichwort »falsche Positive« bekannt gewordene Skandal wurde 2008 aufgedeckt. Angehörige der kolumbianischen Armee hatten – mit Unterstützung der USA – Tausende von Zivilisten abgeschlachtet und die Leichen anschließend als Rebellen verkleidet, um Belohnungen, Beförderungen oder zusätzliche Ferientage einzustreichen. Das war die Logik eines Bürgerkrieges, der nur nach der Anzahl der Leichen beurteilt wurde. Nicht danach, wie viele Schulen oder Krankenhäuser errichtet worden waren, wie viele neue Jobs auf dem Land geschaffen wurden. Nein, anhand der Anzahl der Toten. Und der Anzahl derjenigen, die noch zu töten waren.

Nur wenn Carmen glaubt, dass keiner zu ihr hinsieht, wird die Trauer in ihren schwarzen Augen sichtbar.

Wie ein Großteil des Landes ließ sich auch Catatumbo durch den Friedensprozess zu Träumen für eine bessere Zukunft hinreißen. Die FARC-Rebellen hatten jahrzehntelang Teile von Catatumbo kontrolliert und mit dem Gewehrlauf ihre eigene Ordnung durchgesetzt. Dann gaben sie ihre Waffen und ihr Territorium ab. Und für ein paar Jahre konnte man Optimismus spüren, als die Kolumbianer sich auf den Friedensprozess einließen.

Dann jedoch kamen Politiker, die vom Krieg profitiert hatten, und politisierten den Frieden, indem sie der Regierung vorwarfen, zu weich zu sein. Und die Regierung verlor das Interesse. Die Bauern hatten gehofft, der Staat würde Kliniken bauen, Infrastrukturprojekte entwickeln, neue Schulen gründen. Stattdessen kamen neue Narco-Milizen, die es auf das Koka abgesehen hatten. Und die ländlichen Regionen rutschten zurück in den Krieg.

Seit der Friedensvertrag unterzeichnet wurde, entstanden Dutzende Narco-Milizen; Rebellengruppen mit militärischen Hierarchien, bestehend aus uniformierten und schwer bewaffneten Männern und Frauen. Sie tragen Versatzstücke politischer Ideologien vor sich her, von Marxismus bis Rechtsextremismus. Die Narco-Milizen kontrollieren die Kokainindustrie auf dem Land, den Anbau der Kokasträucher und die Produktion von reinem Kokain. Von Kokain, das sie an die von den Narcos aufgebauten Drogenkartelle in den Städten verkaufen.

Die Milizen beherrschen ihre Territorien, legen fest, was die Bauern anbauen dürfen, schlichten gar Aus­ein­an­dersetzungen zwischen zerstrittenen Nachbarn. In einigen Gegenden verbieten sie den Bauern, irgendetwas anderes anzubauen als Koka. Jeden, der Koka loswerden will, betrachten sie als Feind. Seit Beginn des Friedensprozesses haben sie Hunderte von gesellschaftlichen social leader wie Carmen ermordet.

Leicht verliert man den Überblick über all die Narco-Milizen, die für das Koka kämpfen. Die Nationale Befreiungsarmee (Ejército de Liberación Nacional, ELN), eine von der kubanischen Revolution inspirierte marxistische Rebellengruppe, ist vor allem bekannt für Entführungen und das Sprengen von Öl-Pipelines. Dann haben wir die sogenannten Dissidenten der FARC, Guerilleros, die sich während der Friedensverhandlungen mit der Regierung von der FARC abspalteten. Sie legten eindrücklich los, mit Bombenanschlägen auf Soldaten und Polizisten. Dann gibt es die Ejército Popular de Liberación, die Volksbefreiungsarmee, kurz EPL, maoistisch-kommunistische Aufständische, die schon vor Jahrzehnten ganz auf den Drogenhandel umgestiegen sind. Und, nicht zu vergessen, die Autodefensas Gaitanistas de Colombia (AGC), das größte Kartell Südamerikas, das politisch ganz rechts außen anzusiedeln ist. Man kennt es auch unter dem Namen Clan del Golfo. ELN, FARC, EPL, AGC – das Kriegsalphabet. Die Vereinten Nationen führen einige dieser Gruppen als Terrororganisationen, nennen sie aber alle Drogenschmuggler.

Bombenanschläge ereignen sich mit großer Regelmäßigkeit. Kinder werden als Kämpfer für die Milizen rekrutiert. Politiker werden bei Wahlkampfauftritten niedergeschossen. Man zwingt auch hungernde Vene­zolaner in die Milizen. Zehntausende Menschen fliehen aus ihrem Zuhause, bei dem Versuch, den Kämpfen zu entgehen. Überall in diesem Territorium kämpfen die Gruppen untereinander und gegen das Militär, stimmen kurzzeitig einem Waffenstillstand zu, um bald darauf den Krieg wieder fortzusetzen. Die einzigen Konstanten sind der Kokaanbau und das produzierte Kokain. Und Catatumbo ist dabei nur eine Ecke Kolumbiens. Dieses Bild wiederholt sich im ganzen Land.

Viele hier draußen fürchten sich vor der Armee. Ein General ließ sich mit den Worten zitieren, die Armee solle sich doch mit einer Gruppe von Drogenhändlern verbünden, um die anderen zu bekämpfen. »Wenn wir morden müssen, werden wir morden«, fügte er hinzu. Hier draußen in Catatumbo wurde ein Zivilist von einem Soldaten erschossen, der anschließend versuchte, die Leiche zu vergraben. Das Verbrechen kam nur dadurch ans Licht, dass dreißig seiner Freunde und Nachbarn sich auf den Weg machten, nach dem Vermissten suchten und den Leichnam entdeckten.

Und der Krieg tobt weiter. Die Luftwaffe bombardierte ein Lager der FARC-Dissidenten und tötete dabei mindestens siebzehn Menschen. Der Präsident nannte die Operation »einwandfrei«. Zwei Monate später enthüllte ein Senator, mindestens acht der Toten seien Kindersoldaten gewesen, eines davon erst zwölf Jahre alt. Die Kinder waren von den Dissidenten zum Kampf gezwungen und nun von ihrer eigenen Regierung ermordet worden. Nachdem er unzählige Todesdrohungen erhalten hatte, musste der Senator mit seinen Kindern aus Kolumbien fliehen.

Ein sehr gewalttätiger Frieden.

Dieses Kokalabor kann nur arbeiten, weil es die Erlaubnis von den FARC