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Am Morgen des 11. August 2017 bekommen Ingrid und Joachim Wall einen Anruf, der ihr Leben für immer verändert. Ihre Tochter, die renommierte schwedische Journalistin Kim Wall, ist von einer Recherchefahrt mit dem U-Boot des Unternehmers Peter Madsen nicht zurückgekehrt. Ingrid und Joachim Wall erzählen von den Stunden bohrender Ungewissheit, die schließlich zur Gewissheit eines schrecklichen Verbrechens wird. Doch nicht das Opfer Kim Wall soll in Erinnerung bleiben, sondern der Mensch und die herausragende Journalistin. Und so erzählen sie von der unbändigen Neugier ihrer Tochter, von ihrem Vermächtnis, all jenen eine Stimme zu geben, die keine haben. Sie erzählen vom schlimmsten Alptraum, der eine Familie treffen kann, aber auch von Liebe, Empathie und - trotz allem - Hoffnung.
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Seitenzahl: 330
Veröffentlichungsjahr: 2019
Ingrid & Joachim Wall
Kim Wall
Aus dem Schwedischen von Hanna Granz
Die Originalausgabe erschien 2018 unter dem Titel »Boken om Kim Wall – när orden tar slut« bei Albert Bonniers Förlag, Stockholm, Schweden.
1. Auflage
Copyright © Ingrid & Joachim Wall 2018
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2019 by btb Verlag in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München
Published in the German language by arrangement with Bonnier Rights, Stockholm, Sweden
Fotos: © Joachim Wall/privat
Umschlaggestaltung: Semper smile, München, nach einem Entwurf von Jens Andersson
Coverfoto: © Tom Wall
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
ISBN 978-3-641-24637-2V001
www.btb-verlag.de
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In Erinnerung an Kim Wall1987 – 2017
Ein Telefonklingeln zerreißt die Stille. Die roten Ziffern des Funkweckers, die an die Schlafzimmerdecke projiziert werden, zeigen 05:31 Uhr an. Es ist Freitagmorgen, der 11. August 2017.
Der Anrufer ist Ole, Kims Freund. Er wirkt panisch, seine Stimme klingt angestrengt, und er fragt, ob es okay ist, wenn wir Englisch sprechen. Ole hat Angst, wir könnten ihn nicht verstehen. Obwohl es von Kopenhagen nach Trelleborg weniger als hundert Kilometer sind, ist es nicht selbstverständlich, dass ein Däne und ein Südschwede sich verstehen. Und was er zu sagen hat, darf nicht missverstanden werden.
»Kim ist an Bord eines U-Boots verschwunden, in Kopenhagen«, wiederholt Ole. Würde er nicht so besorgt klingen, könnte man es für einen Scherz halten. Verschwunden? Auf einem U-Boot? In Kopenhagen?
So beginnt der Albtraum, aus dem wir nie wieder erwachen werden. An einem ganz gewöhnlichen Arbeitstag war unsere Tochter, Schwester und Liebste als freiberufliche Journalistin für eine Reportage unterwegs. Doch Kim kehrte nicht zurück. Statt Schlagzeilen zu machen, wurde sie selbst zu einer Schlagzeile.
Ich wecke Jocke im Bett neben mir. Wir bitten Ole, ihn später zurückrufen zu dürfen. Jetzt sind wir hellwach, und langsam, ganz langsam, entsteht ein vollkommen absurdes Bild vor unserem geistigen Auge. Unsere Tochter hat sich am Abend zuvor auf den Weg gemacht, um einen in Dänemark sehr bekannten Mann zu interviewen, der U-Boote konstruiert und sich selbst in den Weltraum schießen will. Das Interview sollte an Bord des selbstgebauten Unterwasserfahrzeugs dieses Mannes stattfinden, das ebenfalls stadtbekannt ist.
Ole hat die ganze Nacht auf Kim gewartet. Mehrmals ist er mit dem Fahrrad über die Halbinsel Refshaleøen im Norden Kopenhagens gefahren, hat sie auf dem Handy angerufen und überall nach ihr gesucht. Er hat die Frau des U-Boot-Mannes geweckt und sie gefragt, was sie darüber weiß. Er hat die Polizei und die Seenothilfe angerufen, er hat gebeten und gebettelt, dass sie die Sache ernst nehmen. Ole hat getan, was er konnte, um Kim zu finden. Sie wollte doch nur kurz weg, zu einem kurzen Einsatz, bevor sie wieder zu ihm und ein paar guten Freunden stoßen sollte.
Wir versuchen uns ein Bild davon zu machen, was passiert sein könnte. Es muss einen Unfall gegeben haben. Irgendetwas muss mit dem U-Boot passiert sein, sodass es nicht wieder auftauchen konnte. Und das achtzehn Meter lange Fahrzeug, das aus dem Gerüstteil eines Windrads hergestellt wurde, liegt irgendwo auf dem Grund des Öresunds.
Die Fragen werden immer mehr – wie findet man ein U-Boot? Irgendwo im Hinterkopf flattern Bilder von Helikoptern vorbei, die im schwedischen Schärengarten nach einem U-Boot suchen. Nutzt man dazu Sonar? Bestimmt ist es schwierig, um nicht zu sagen unmöglich, ein Boot unter der Wasseroberfläche aufzuspüren.
Hinzu kommen ganz praktische Fragen. Wie lange reicht der Sauerstoff? Ole wurde gesagt, zwölf Stunden, wenn vier Personen an Bord sind. Das würde für zwei die doppelte Zeit bedeuten. Seit Ole die letzte SMS von Kim bekommen hat, sind fast zwölf Stunden vergangen: Jetzt tauchen wir.
Die Zeit läuft.
Auf der anderen Seite des Öresunds sind die Suchkräfte bereits im Einsatz. Jocke ruft bei der dafür zuständigen dänischen Marine an. »Wir haben einen Hubschrauber in der Luft und drei Fahrzeuge auf dem Wasser und versuchen herauszufinden, wohin er gefahren ist«, sagt der Diensthabende. »Wir sind sicher, dass er den Hafen verlassen hat und dass er aufgetaucht fuhr, das war so gegen neun Uhr abends.« Jocke schreibt alles mit, damit ich es parallel lesen kann.
»Oh, dann wird es wohl sehr schwierig, das ist ja ein sehr großes Suchgebiet«, sagt Jocke. Der Diensthabende in Århus bestätigt dies: »In der Tat, zumal das Boot Refshaleøen schon vor so vielen Stunden verlassen hat.«
Man weiß also nicht, wo es ist, der Öresund ist weit. Ansonsten kann der Mann uns nicht mehr sagen, als wir bereits von Ole erfahren haben; der Sauerstoff reicht noch für zwölf Stunden, wenn sie zu zweit an Bord sind. »Die sind bald um«, sagt Jocke besorgt, »in zwei Stunden schon.«
»Wenn sie sofort getaucht sind, ja. Aber wir haben keinen Hinweis darauf, dass sie sich am Grund befinden. Wir haben versucht, Ihre Tochter auf dem Handy anzurufen, aber es ist keiner drangegangen. Die Polizei versucht jetzt, das Handy zu orten«, teilt die Stimme neutral mit.
Sie suchen ausschließlich auf dem Meer und nicht mit Sonar unter der Oberfläche, erfahren wir weiter. Dänisches Militär ist im Einsatz und in ständigem Kontakt mit den schwedischen Behörden. »Wir bitten um weitere Unterstützung, wenn wir sie brauchen. Es ist schwer auszumachen, wo wir suchen sollen«, sagt der Diensthabende.
Das Gespräch trägt nicht wirklich zu unserer Beruhigung bei. Das Meer ist groß, und irgendwo dort draußen ist unsere Tochter. Ein normales Boot auf dem Meer zu finden, ist schon schwer genug, in diesem Fall aber kann es sich auch unter der Oberfläche befinden.
Wir alarmieren die schwedische Seerettung und die Polizei. Wir hoffen, je mehr Leute suchen, desto größer die Chance, das U-Boot zu finden. Wir suchen im Netz nach Fakten, googeln, hören Radio und verfolgen die Nachrichten im Internet. Es ist noch früh am Morgen, aber das verschwundene U-Boot ist überall die erste Meldung.
Bereits um sieben berichten dänische Medien über das Geschehen: »Hubschrauber und Schiffe suchen in der Nähe von Kopenhagen nach einem privaten U-Boot mit zwei Personen an Bord« lautet die Überschrift, und in dem Artikel wird kurz zusammengefasst, was bisher bekannt ist.
Als Journalisten mit langjähriger Erfahrung in der Zeitungsbranche kennen wir solche Situationen. Eines jedoch ist anders als sonst, und zwar deutlich anders: Diesmal geht es um unsere Tochter, unsere Kimmy. Das ist schwer zu begreifen. Es kommt uns völlig absurd und eher wie ein schlechter Film vor, den man nach einer Weile ausschaltet, weil er einfach zu unrealistisch ist.
An diesem Freitag wollten wir eigentlich nach Berlin fahren, wie schon so oft zuvor. Wir wollten feiern, dass wir seit fünfundvierzig Jahren ein Paar und seit einunddreißig Jahren verheiratet sind. Um sieben Uhr morgens wollten wir die wenigen Kilometer von unserer Siedlung Gislövs Strandmark zum Fähranleger in Trelleborg fahren, um die Fähre nach Sassnitz zu nehmen und durch Ostdeutschland nach Berlin runterzufahren. An jenem Augusttag 1986 gaben wir uns das Ja-Wort. Der Grund dafür war, dass Kim sich angekündigt hatte.
Einen Monat lang waren wir damals in den USA und der Karibik auf Reisen gewesen. Wir hatten den Grand Canyon gesehen, in Las Vegas 75 Cent verspielt, viel Freude an San Francisco gehabt und waren vor Cozumel geschnorchelt. Dass ich schwanger war, war kein Problem, mir ging es prima, nur mein Bauch wurde immer runder.
Und dann saßen wir auf den unbequemen weißen Plastikstühlen im Terminal des John F. Kennedy Flughafens in New York. Es war spät, ich war müde, und meine Füße taten mir weh, ich freute mich, bald an Bord des Fliegers gehen zu können, der uns nach Kopenhagen zurückbringen würde.
Da passierte es, plötzlich spürte ich eine Bewegung im Bauch. Und noch eine. Das Baby in mir begann zu kommunizieren! Für einen Augenblick stand in dem stickigen Flughafenterminal die Welt still, ein unglaublicher Augenblick, denn der kleine Mensch in meinem Bauch rührte sich.
Es kommt nicht zu der geplanten Schiffsüberfahrt in der Spätsommersonne. Stattdessen fahren wir mit dem Auto über den Öresund nach Kopenhagen und Refshaleøen. Die gepackten Koffer haben wir dabei, wir hoffen und glauben, dass das Ganze sich aufklären wird, dass Kim unversehrt zurückkehrt und wir dann eben über Dänemark in die deutsche Hauptstadt fahren können. Während der Fahrt nach Malmö, über die Brücke und Richtung Kopenhagen, halten wir uns über die dänischen Radiosender auf dem Laufenden. Das verschwundene U-Boot gilt als »breaking news«, es ist die erste Meldung in jeder Sendung. Unsere Besorgnis nimmt immer mehr zu. Es dauert ewig, bis wir an all den roten Ampeln und Staus des morgendlichen Berufsverkehrs vorbei sind.
In Refshaleøen angelangt, sehen wir von weitem den großen klobigen Rettungshubschrauber, der über dem Hafengebiet kreist. Plötzlich wird das Ganze sehr real, es ist Kim, nach der da gesucht wird. Sie ist irgendwo dort draußen.
Refshaleøen macht auf den ersten Blick einen heruntergekommenen Eindruck. Die Halbinsel im Norden von Amager war einst Standort des großen Maschinen- und Schiffbauunternehmens Burmeister & Wain. Triste Gebäude zeugen von Glanzzeiten, die längst vergangen sind. Jetzt ist das hier eine Spielwiese für Graffitikünstler, und auf jedem freien Fleck drängen sich Fahrräder.
Der Halbinsel gegenüber, auf der anderen Seite der Hafeneinfahrt von Kopenhagen, liegt der Langelinie Pier mit der berühmten Kleinen Meerjungfrau. Wie an jedem Morgen während der Urlaubssaison, stehen dort die Reisebusse in langen Reihen. Alle wollen die Kleine Meerjungfrau sehen und fotografieren.
Ausgerechnet an diesem Wochenende soll ein großes Musikfestival auf Refshaleøen stattfinden. Bühnenarbeiter, Gerüstbauer und viele andere sind in vollem Gange, obwohl es noch so früh am Morgen ist. Viele haben die ganze Nacht gearbeitet, um rechtzeitig fertig zu werden. Jemand hält uns für Freiwillige, und wir bekommen eine Parkgenehmigung.
Gemeinsam mit Ole legen wir die paar hundert Meter bis zu dem rostigen Kai zurück, an dem das U-Boot Nautilus seinen festen Anlegeplatz hat. Die ganze Gegend wirkt vernachlässigt, der Asphalt ist voller Löcher, das Unkraut sprießt, und überall merkt man den Mangel an Unterhaltsarbeiten. Im Hintergrund sind die Geräusche der großen Bühne zu hören, die für den Abend direkt am Kai aufgebaut wird. Ole zeigt es uns: »Dort lag das Boot, ich habe Kim noch ein Stück hierher begleitet.«
Wir wandern eine Weile ziellos durch die Hafenanlage und verfolgen über unsere Handys die Nachrichten. Ole tätigt einen Anruf nach dem anderen – vergeblich versuchen wir, uns Gewissheit und Wissen zu verschaffen. Die Fragen werden immer mehr, doch die Antworten bleiben aus. Die wichtigste Frage für uns ist, wie lange der Sauerstoff an Bord wohl reicht. Die Angaben schwanken, zwölf Stunden, vierundzwanzig Stunden. Wenn man zu zweit an Bord ist, halbiert sich dann die Zeit? Niemand weiß es. Und wie tief unten im Öresund sind sie? Sind dort nicht enorm tiefe Löcher gegraben worden, als man Sand für den Bau der Brücke brauchte? Kann man aus einem U-Boot heraus, wenn es am Grund liegt? Tausende Gedanken jagen durch unsere Köpfe. Wo ist das Boot? Wo ist Kim? Die Helikopter, die das Wasser im Hafen aufpeitschen, sind real, aber die Situation ist es nicht.
Die SMS an Freunde und Verwandte zu Hause drücken aus, was wir fühlen – Kim ist verschwunden, sie ist es, von der überall in den Nachrichten die Rede ist. Inzwischen sind auch die schwedischen Medien aufgewacht. Der Name ist noch nicht bekanntgegeben worden, aber das Interesse an der Story an sich wächst stetig. In der Presse herrscht noch immer Sommerloch, und die Kombination eines verschwundenen U-Boots und einer Journalistin genügt, um die Nachrichtenredaktionen anzufixen.
Wir beschließen, das kurze Stück bis zu dem Hangar des U-Boot-Mannes im östlichen Teil der Halbinsel zu fahren. An der rostigen Tür hängt ein Schild mit den Buchstaben RML.
Ole ist in der Nacht und den frühen Morgenstunden bereits mehrfach hier gewesen. Einige der engsten Mitarbeiter des Erfinders haben sich draußen versammelt. Einer gibt sich als Manager des Unternehmens aus und behauptet, sich ebensolche Sorgen zu machen wie wir. Das U-Boot ist verschwunden, und der Manager macht sich Gedanken, was das für das Image der Firma bedeuten könnte.
In der alten Industriehalle werden vor allem Raketen für den Weltraum gebaut. Der Mann, den Kim interviewen wollte, ist fest davon überzeugt, sich als erster Privatmann in den Weltraum schießen lassen zu können. Das U-Boot sollte als Abschussrampe dienen. Ein erster Versuch, in den Weltraum zu gelangen, war für irgendwann in den nächsten Tagen geplant. Peter Madsen hat bei den Behörden angefragt und die Genehmigung für den Raketenabschuss vom Meer vor Bornholm aus bekommen. Doch am Mittwochabend, den 9. August, hat Madsen aus unbekannten Gründen beschlossen, das Ganze abzusagen.
Nur wenige Meter von uns entfernt liegt eine alte Rakete. Sie wirkt wie eine Requisite aus einem Science-Fiction-Film, zeugt aber davon, dass hier ein Raumfahrt-Wettlauf der eher ungewöhnlichen Art abläuft. Das Team des U-Boot-Mannes konkurriert mit einem ähnlichen Unternehmen darum, wer es als Erstes schaffen wird.
Plötzlich kommt der Anruf. Das U-Boot wurde gesichtet, und alle an Bord sind wohlauf! Freudentränen fließen, ich bin wahnsinnig erleichtert. Wir umarmen uns, auch von offizieller Seite wird die Nachricht bestätigt. Ein paar dramatische Stunden sind vorüber, und ich schaue auf die Uhr. Wir können es immer noch zu einer anständigen Zeit nach Berlin schaffen, doch erst müssen wir Kim sehen und sie fest drücken.
Jemand schreit auf: »Wir haben Kontakt zum U-Boot.« Ole und Jocke folgen den Mitarbeitern zu einem Gebäude etwas weiter weg. Ich schreibe unterdessen beruhigende Nachrichten an alle, die auf der anderen Seite des Öresunds besorgt die Entwicklungen verfolgt haben. Unser Sohn Tom arbeitet als Fotograf beim Helsingborgs Dagblad, wo die Nachricht von dem U-Boot-Zwischenfall seit Beginn seiner Schicht ganz oben stand. Sein nächster Vorgesetzter weiß, dass es sich bei der Journalistin um Kim handelt, nicht aber die anderen in der Redaktion.
Wir telefonieren kurz und sind uns einig, dass er ruhig auf der Arbeit bleiben kann und nicht nach Kopenhagen kommen muss. Jetzt ist ja alles gut. Kim ist gerettet, sie ist in Sicherheit, das ist das Ende der Geschichte. Oder vielleicht auch nicht, Kim wird sicher noch auf vielen Familien- und Freundestreffen von diesem Abenteuer berichten müssen.
Doch dann stellt sich heraus, dass es nicht das Ende der Geschichte ist. Es ist nicht einmal der Anfang.
Ole und Jocke kehren zurück, und sie sehen besorgt aus. Das U-Boot ist gesunken, und es heißt, dass nur eine Person gerettet wurde. Das kann nicht wahr sein, wir haben doch eben erst erfahren, dass man das U-Boot gesichtet hat und dass alle an Bord unversehrt sind. Wo ist Kim, ist sie es, die gerettet wurde? Die Angst schlägt wieder mit aller Macht zu.
Kurz darauf kommt die Nachricht, dass es nicht Kim ist, sondern der U-Boot-Mann. Er ist von einem Sportboot aus dem Wasser gezogen worden und soll im Hafen bei Kastrup an Land gebracht werden, oder im Hafen von Dragör. Wir werfen uns ins Auto und fahren, wahrscheinlich viel zu schnell, Richtung Kastrup. Der Hafen liegt verlassen da, und wir fahren weiter nach Dragör. Während der Fahrt verfolgen wir die Nachrichten im Autoradio, an diesem Vormittag gibt es nichts anderes als die neuesten Entwicklungen in der U-Boot-Geschichte. Ole führt endlose Telefonate, um Klarheit darüber zu gewinnen, was eigentlich passiert ist. Die Ungewissheit ist enorm, Aussage steht gegen Aussage.
In Dragör angekommen, dem idyllischen kleinen Hafen am Öresund, den wir bisher mit Fährüberfahrten und gutem Essen in den Restaurants am Kai verbunden haben, empfängt uns ein riesiges Medienaufgebot. Reporterteams filmen, machen Aufsager vor der Kamera und verfolgen alles, was im Hafengebiet passiert. Wir gehen zu den großen graugrünen Helikoptern hinüber, die sich startklar machen. Jocke versucht vergeblich einen Polizisten zu überreden, sie aufzuhalten: »Kim ist immer noch da draußen, sie müssen weitersuchen!«
In einem der Polizeiwagen sitzt der U-Boot-Mann. Wir erkennen seinen Umriss durch die Scheibe. Ein paar Minuten zuvor ist er an Land gegangen, hob lächelnd den Daumen in Richtung der wartenden Presse und teilte mit, alles sei in Ordnung. Er sei ein bisschen traurig, weil das U-Boot gesunken sei, aber, fügte er hinzu – »sie ist ja versichert«.
Wir glauben und hoffen noch immer, dass er Kim irgendwo entlang der Küste abgesetzt hat. Wenn er technische Probleme hatte, wie er der versammelten Presse mitgeteilt hat – wäre es dann nicht logisch, dass er Kim an Land gebracht hat, um ihr Leben nicht zu gefährden?
Der Hafen in Køge wäre eine geeignete Stelle. Denn dort in der Nähe ist, nach unseren ersten Informationen, das U-Boot gesunken. Wenn das aber der Fall ist – warum hat Kim uns dann noch nicht angerufen? Selbst wenn sie ihr Handy verloren hätte oder der Akku leer gewesen wäre, hätte sie sich gemeldet. Telefone gibt es schließlich überall, und sie hätte Ole und uns niemals unnötig im Ungewissen gelassen.
Wir bitten, mit dem U-Boot-Mann reden zu dürfen, der auf der Rückbank des Polizeiwagens sitzt. Er ist schließlich der Einzige, der weiß, wo Kim ist. Ist sie noch an Bord? Die Beamten verweigern uns dieses Anliegen, freundlich aber bestimmt, und bitten uns, lieber zur Polizeidienststelle am Halmtorvet mitten in Kopenhagen zu fahren. Was tun? Nach Køge fahren und suchen, oder den Anweisungen der Polizei Folge leisten? Nach einigem Hin und Her beschließen wir, dem U-Boot-Mann hinterherzufahren, schließlich kennt er allein die Wahrheit über Kims Verbleib. Sie ist gestern Abend mit ihm im Boot hinausgefahren, jetzt ist er alleine zurückgekehrt. Wo hat er sie abgesetzt?
Ich weiß nicht, wie oft wir sie auf den verschiedenen Telefonnummern angerufen haben – sie hat eine dänische, eine schwedische und eine amerikanische SIM-Karte. Unzählig auch die Nachrichten, die wir ihr via Messenger geschickt haben.
Die beruhigenden Nachrichten an unsere Lieben daheim in Schonen werden wieder durch alarmierende ersetzt: Kim ist immer noch verschwunden, wir wissen nicht, wo sie sich befindet und was passiert ist.
Die Polizeidienststelle am Halmtorvet liegt in der Nähe von Istedgade, einer der berüchtigteren Gegenden Kopenhagens. Parkplätze gibt es hier keine, wir drehen eine Runde nach der anderen. Schließlich stellen wir das Auto direkt vor dem Gebäude ab, auf einem eigentlich für Polizeiwagen reservierten Platz. Für den Augenblick scheinen uns Strafgebühren noch als das geringste Problem.
Wir werden von einem ernst dreinblickenden, aber freundlichen Polizisten empfangen und in einen kahlen Raum im Erdgeschoss geführt. Dort warten wir; worauf eigentlich, wissen wir nicht. Wir hoffen auf eine Nachricht, dass Kim wohlbehalten gefunden wurde, doch diese Nachricht kommt nicht. Die Handys werden zu unserer Rettungsleine in die Außenwelt. Wir erfahren, dass das Presseaufgebot von Dragör an den Halmtorvet umgezogen ist und vor dem Präsidium wartet.
Ole wird als Erster zum Verhör gerufen und in einen anderen Teil des Gebäudes geführt. Bald sind auch wir an der Reihe und gelangen in einen Bereich, in dem anscheinend die normalen Büros der Kriminalbeamten untergebracht sind. Persönliche Gegenstände wie eine Sporttasche und benutzte Kaffeetassen weisen darauf hin. Die Fenster bieten einen Ausblick auf graue Dächer, wir befinden uns also in einem der oberen Stockwerke. Man bietet uns Kaffee an, dann beginnt das Verhör. Wir sitzen in verschiedenen Zimmern, und wahrscheinlich stellt man uns beiden dieselben eingehenden Fragen. Eine Polizistin um die vierzig mit Pferdeschwanz nimmt meine Aussagen auf. Ich wundere mich ein wenig, dass sie und ihre Kollegen eine Waffe tragen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass in Schweden Beamte im Innendienst bewaffnet sind, frage aber nicht nach. Die Polizistin und ich kämpfen uns in einer Mischung aus Dänisch und Schwedisch durch das Verhör, ich versuche, ihre Fragen zu beantworten. Die allererste lautet, wann ich zuletzt mit Kim gesprochen habe.
»Viel Spaß in Berlin, wir sehen uns dann Dienstagabend. Hab dich lieb!«, sagte Kim am Donnerstag um die Abendbrotzeit am Telefon. Ich war gerade bei schönstem Spätsommerwetter mit dem Hund draußen. Sie war neugierig, was wir von Ole hielten, den wir am Abend vorher zum ersten Mal getroffen hatten. Ich scherzte, er sei mit Sternchen für gut befunden worden, und fügte hinzu, »halt ihn dir warm!« – »Am besten gewöhnst du dich an ihn, Mama – das hier ist für immer«, war die Antwort, die sie mir gab.
Im Laufe des Verhörs erzählen wir, jeder für sich, von Kim, ihrem Leben, ihrer Gesundheit, ihrem Beruf und ihren Zukunftsplänen. Über ihre Freunde und ihre Beziehung mit Ole. Wir erzählen von ihrem und Oles Entschluss, nach China zu gehen, von unserer letzten Begegnung. Auch wir haben Fragen, nach ihrem Handy, man müsste das letzte Gespräch doch zurückverfolgen können? Wann und wo hat sie telefoniert? Wir wissen, dass sie Ole Fotos geschickt hat, kurz bevor sie auf den Grund des Öresund abtauchen wollten. Was ist danach passiert? Was sagt Peter Madsen dazu, der Mann, mit dem sie zusammen aufs Meer hinausgefahren ist? Wo hat er Kim abgesetzt? Antworten bekommen wir nicht. Stattdessen berichtet die Polizistin, die mich verhört, dass Peter Madsen verhaftet worden ist. Ich bin überrascht – aus welchem Grund? Eine gängige Maßnahme, wird mir gesagt, und notwendig, um ihn rechtsmedizinisch zu untersuchen und seine Rechte zu garantieren.
Zweifel regen sich. Seit Kims Verschwinden ist viel zu viel Zeit vergangen. Sie würde sich niemals freiwillig fernhalten, sie ist nicht mit jemand anderem durchgebrannt, sie hatte keine Selbstmordgedanken. Im Gegenteil, sie strahlte vor Glück, als wir uns am Abend vor ihrem Verschwinden verabschiedeten. Ole ist ihre große Liebe, ihr gemeinsames Leben sollte jetzt beginnen.
Wenn Kim verletzt wurde, hätte man sie inzwischen gefunden. Wir befinden uns mitten in der dichtbevölkerten Gegend einer skandinavischen Hauptstadt.
Tom ist von Helsingborg nach Kopenhagen gekommen. Er wurde in das Polizeigebäude hineingelotst, ohne dass die Presse es mitbekam. Wir sitzen zusammen in der Kaffeeküche und warten auf den Ausdruck der Verhörprotokolle. Sie müssen mehrfach korrigiert werden, Dänisch und Schwedisch sind nicht immer kompatibel. Die Küche mit Blick auf den Halmtorvet sieht aus wie so viele, ein großer Kühlschrank, ein Abwaschbecken, eine Kaffeemaschine. An der Wand eine Pinnwand, an der die Speisekarte einer nahe gelegenen Pizzeria hängt, zusammen mit Zetteln, die ich als Dienstpläne und gewerkschaftliche Informationen interpretiere. Auf dem langen Tisch stehen ein paar benutzte Kaffeetassen, Salz- und Pfefferstreuer, daneben liegen mehrere Tageszeitungen sowie die Fernbedienung des großen Fernsehers an der Wand.
Während wir bei einer weiteren Tasse Automatenkaffee auf die endgültige Version der Protokolle warten, schaltet Tom den Fernseher ein. Das U-Boot-Drama ist die Hauptnachricht. Plötzlich rollen »breaking news« ganz unten über den Bildschirm: »Peter Madsen wurde wegen des Mordes an der schwedischen Journalistin festgenommen.«
Die Zeit steht still. Das kann nicht sein. Kim ist irgendwo dort draußen, wir warten nur darauf, dass sie sich endlich meldet. Mehrere Polizisten kommen herein und bemerken, was wir gerade gesehen haben. Sie scheinen ebenso überrascht wie wir.
So sollte man keine Todesnachricht erhalten. Niemand kann etwas dafür, aber es ist, als hätte mir jemand gewaltsam den Boden unter den Füßen weggezogen. In den Fernsehnachrichten geht es um unsere Tochter, unsere Kim. Die durch die ganze Welt gereist ist, sich in ihrem Beruf kalkulierten Risiken ausgesetzt hat, die sich immer gemeldet hat, sobald sie WiFi hatte. Langsam, ganz langsam kommen die Worte bei mir an – die Polizei nimmt an, dass Kim an Bord der Nautilus getötet wurde.
Die Beamten sind offensichtlich betroffen und bedauern die Art und Weise, wie wir die Nachricht bekommen haben. Schweigend begleiten sie uns hinaus und versichern sich, dass niemand von der Presse auf uns lauert. Das Auto steht noch da, unberührt. Wir beschließen, an die äußerste Spitze von Refshaleøen zu fahren, an die Stelle, von der Madsen behauptet hat, dass er Kim dort am Donnerstagabend abgesetzt hat. Es ist dunkel und windig, und wir stellen fest, dass wir nicht die Einzigen sind, die Journalisten sind schon vor Ort, aus demselben Grund wie wir. Wir fahren die Straße ab, an der Kim entlanggegangen wäre, wenn er sie abgesetzt hätte. Kann ihr auf dem Weg zu ihrer und Oles gemeinsamer Wohnung etwas zugestoßen sein? Ein letzter Hoffnungsschimmer flackert auf. Bitte lass uns aufwachen und feststellen, dass alles nur ein böser Traum ist.
Spät am Abend kehren wir in unser Haus in Gislövs Strandmark an der Südküste Schonens zurück. Wir wollten fünf Tage wegbleiben, jetzt sind wir schon am selben Tag wieder da. Es tut weh, physisch und psychisch. Das Einzige, was wir an diesem Tag zu uns genommen haben, ist eine Unmenge dünnen Kaffees. Wir schalten den Fernseher ein – es sind dieselben Nachrichten wie auf dem Handy, den Laptops und den iPads. Überall wird wiederholt, dass eine Journalistin im Zusammenhang mit einer Reportage auf einem selbstgebauten U-Boot in Kopenhagen verschwunden ist.
Im Fernsehen werden wir immer wieder mit den Bildern konfrontiert, wie Peter Madsen an Land geht. Er stolpert über das Bootsdeck und reckt den Journalisten im Hafen den erhobenen Daumen entgegen. Er sieht völlig unversehrt aus, man merkt ihm nicht an, dass er eben erst aus dem Meer gezogen wurde, nachdem sein U-Boot plötzlich gesunken ist.
Noch sind es wenige, die wissen, dass es unsere Familie ist, die dieses tragische Unglück getroffen hat. Das wird sich bald ändern.
Auf der anderen Seite des Atlantiks wird die Nachricht von Kims Verschwinden bereits verbreitet. Einer von Kims Freunden arbeitet beim Committee for Protecting Journalists (CPJ), und seine europäischen Kollegen haben wegen der verschwundenen Journalistin Alarm geschlagen. Um 23:43 Uhr stellt Mustafa Hamid eine Mitteilung bei einer geschlossenen Facebook-Gruppe ein: Die verschwundene Journalistin ist Kim. Sofort reagieren Menschen aus aller Welt – Kim hat überall Freunde.
»Oder ich bin Auslandskorrespondentin, das würde mir Spaß machen«, sagt Kim 2011, als man ihr in einem Interview in Trelleborgs Allehanda die Frage stellt, wo sie sich in fünf Jahren sieht. Zu diesem Zeitpunkt ist sie vierundzwanzig und auf dem Sprung in die große weite Welt. Sie hat einen Praktikumsplatz bei der Botschaft der Europäischen Union in Neu-Delhi, Indien, bekommen. Zuvor hat sie an der London School of Economics and Political Science ihr Examen absolviert. Sie freut sich darauf, dass es endlich losgeht und sie sich ausprobieren darf. »In fünf Jahren arbeite ich für eine internationale Organisation. Ich möchte etwas machen, was mit Diplomatie zu tun hat. Und mich dabei mit Fragen der Entwicklung, Unterstützung, Konfliktlösung und Gerechtigkeit beschäftigen. Oder ich bin Auslandskorrespondentin, das würde mir Spaß machen.«
Die Idee zum Journalismus ist also schon da, wenn auch noch unterschwellig. Nicht einmal zwei Jahre später – 2013 – erfahren wir, wie es dazu kam, dass sie lieber auf das Schreiben setzte statt auf die Diplomatie. Kim hat einen Wettbewerb der Foreign Press Association für junge Journalisten gewonnen. Nur wenige Wochen vor ihrem Journalistik-Examen an der Columbia University in New York nimmt sie den Preis entgegen. In ihrer Dankesrede erklärt Kim, wie es zu ihrer Berufswahl gekommen ist:
»Vielen Dank. Es sind wirklich spannende Zeiten, um Journalistin zu werden. Meine Eltern kämpfen noch immer damit, meine Entscheidung zu akzeptieren. Das liegt daran, dass sie selbst Journalisten sind. Meine Mutter begann einen Tag nach ihrem Schulabschluss als Reporterin einer Lokalzeitung zu arbeiten. Damals schrieb man noch mit Schreibmaschine.
Mein Vater ist Pressefotograf und startete noch früher. Mit fünfzehn machte er sich mit Moped und Kamera auf den Weg zu einem vierzig Kilometer entfernten Badeort, weil er gehört hatte, dass die Beatles dort Yoga machten. Es gelang ihm, ein Foto von George Harrison zu schießen, das er für umgerechnet fünf Dollar verkaufte. Es waren wirklich andere Zeiten.
Meine Eltern haben immer beide Vollzeit gearbeitet, sodass ich große Teile meiner Kindheit in Redaktionen verbracht habe. Oder auf Reisen. Meine Eltern sorgten als freie Journalisten immer dafür, dass sie unsere Familienurlaube zu Artikeln machen konnten. Oder umgekehrt. Während meine Klassenkameradinnen nach Griechenland oder Italien fuhren, überquerten wir in einem Bus die mexikanische Grenze oder interviewten in der Karibik die Nachfahren von Sklaven. Ich hatte also keine typisch schwedische Kindheit.
Meine Eltern hatten definitiv nicht die Absicht, mir in beruflicher Hinsicht ein Vorbild zu sein. Da ich die Erste in der Verwandtschaft mit einer akademischen Ausbildung bin, setzten sie große Erwartungen in mich. Oder wünschten sich zumindest, dass ich etwas mache, bei dem ich so viel verdiene, dass ich sie im Alter unterstützen oder wenigstens mein Studiendarlehen zurückzahlen kann. Mein jüngerer Bruder arbeitet bereits seit vier Jahren als Fotojournalist, bei dem waren Hopfen und Malz also schon verloren.
In meinem Fall sah es eine Weile ganz vielversprechend aus – vor einem Jahr habe ich meinen Abschluss in Internationalen Beziehungen gemacht und bei der Schwedischen Botschaft in Australien sowie der Europäischen Union in Indien als politische Berichterstatterin gearbeitet. Aber im Bereich der Diplomatie etwas zu schreiben ist etwas völlig anderes als Journalismus. Für mich war es eine widersprüchliche Erfahrung. Ich befand mich an einigen der interessantesten Orte der Welt und berichtete über spannende Themen, aber was ich schrieb, war ziemlich geglättet. Es gibt keine Milieus oder Charaktere in der Sprache der Diplomatie. Und je interessanter das Thema ist, desto kleiner der Leserkreis. Ein großer Teil dessen, was ich schrieb, war zudem verschlüsselt. Als Wikileaks bekannt wurde, sahen wir, dass es eine Menge große Schreiber innerhalb der Diplomatie gibt, von denen die Leute normalerweise nichts lesen.
Als ich hierherkam, hatte ich keine besonderen journalistischen Vorkenntnisse. Es war deshalb eine steile Lernkurve. Und jetzt, da ich in zwei Wochen meine Prüfung ablegen werde, herrscht großer Pessimismus innerhalb und in Bezug auf die Branche. Das Wall Street Journal hat eben erst den Zeitungsreporter als schlechtesten Beruf 2013 gelistet, laut diesem Ranking belegt er Platz zweihundert von genau zweihundert und steht damit noch hinter dem Holzfäller.
Auslandskorrespondenten haben es womöglich noch schwerer, weil die meisten Zeitungshäuser in den letzten Jahren ihre Auslandsbüros immer weiter zurückgefahren haben. Das ist das Paradox des heutigen Journalismus, denn heute werden mehr Nachrichten konsumiert als je zuvor. Auch ist das Tätigkeitsfeld viel globaler geworden, als es früher der Fall war. Deshalb glaube ich überhaupt nicht, dass die Auslandsberichterstattung ein aussterbendes Genre ist, es verändert sich nur.
Mein Vater hat immer gesagt, guter Journalismus bedeutet, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein. Wenn er mich von der Schule abholte, machten wir oft einen Umweg, sei es, um Fotos von einem abgestürzten Flugzeug zu machen oder von einer Verfolgungsjagd im Auto. Obwohl sich dann in sehr kurzer Zeit sehr viel verändert hat, ist eine Sache doch gleichgeblieben: Unabhängig von der Geschwindigkeit der Technik oder dem Kommunikationsniveau – es gibt keine Alternative zu solider Berichterstattung. Die Ereignisse in Boston, das Attentat auf den Marathon in Boston vor ein paar Wochen, sind nur ein Beispiel dafür, was schlechter Journalismus in Kombination mit den Sozialen Medien auslösen kann. Wenn ich etwas gelernt habe, dann, dass es auch heutzutage keine andere Möglichkeit gibt, als vor Ort zu sein, da, wo es passiert.
Deshalb bedeutet mir die Unterstützung durch die Foreign Press Association so viel. In drei Wochen beginnt mein Praktikum bei der South China Morning Post in Hongkong. Trotz all der Zeit, die ich als Kind in verschiedenen Redaktionen verbracht habe, wird dies meine erste richtige Erfahrung als professionelle Journalistin. Da die Arbeit von Auslandskorrespondenten eine so unsichere Zukunft hat, freue ich mich besonders, dass jemand an mich glaubt, nicht nur an mich als Reporterin, sondern auch an die Reportagen, die ich hoffentlich machen darf. Es ist mir eine große Ehre, heute Abend hier sein zu dürfen.
Meine Eltern haben – zumindest beinahe – aufgehört mich zu fragen, was mein Plan B ist, wenn es mit dem Journalismus nicht klappt. Ja, es ist eine merkwürdige Zeit, um ausgerechnet Journalistin zu werden, aber ich bin so voller Erwartungen!«
Nach einer weitgehend schlaflosen Nacht wachen wir am Samstag auf; es soll der schlimmste Tag unseres Lebens werden. Eigentlich wollten wir an diesem Morgen gemütlich in unserem Berliner Hotel frühstücken. Wir wollten, wie so oft, durch die Straßen schlendern, uns in Cafés auf die Terrasse setzen, vielleicht eine Bootstour auf der Spree unternehmen.
Stattdessen versuchen wir zu begreifen, was geschehen ist, was wir gestern eigentlich erlebt haben. Anderthalb Tage sind vergangen, seit Kim an Bord des U-Boots gegangen ist. Was ist ihr zugestoßen? Unsere Hoffnung schwindet allmählich. Wenn Kim lebt – warum meldet sie sich dann nicht? Warum hat die dänische Polizei sich entschlossen, ihr Verschwinden als Mord zu bezeichnen?
Um zehn Uhr werden in Kopenhagen die Mühlen der Justiz zu mahlen beginnen. Was wir nicht wissen, aber bald schmerzhaft erfahren werden, ist, dass Kims Name in diesem Zusammenhang publik gemacht wird. Es dauert nicht lange, bis die Presse von beiden Seiten des Öresunds sich bei uns meldet. Was haben wir dazu zu sagen? Überhaupt nichts. Wir wissen nichts, außer, dass Kim spurlos verschwunden ist. Um den immer größer werdenden Medienhunger zu stillen – den wir selbst ja nur allzu gut von innen kennen –, beschließen wir, den Zeitungen sowie den Radio- und Fernsehsendern eine kurze Pressemitteilung zu geben:
Kim Wall, Trelleborg
Mit großer Bestürzung haben wir, ihre Familie, die Nachricht erhalten, dass Kim nach einem Reportagetermin in Dänemark verschwunden ist. Wir glauben und hoffen inständig, dass sie wohlbehalten wieder auftaucht. Kim ist dreißig Jahre alt und hat unter anderem an der Sorbonne in Paris, an der London School of Economics in London und zuletzt an der Columbia University in New York studiert. Dort legte sie 2013 ihr Masterexamen in Journalistik ab. Seitdem ist die ganze Welt ihr Arbeitsplatz, sie hat unter anderem Berichte über den Stillen Ozean, Afrika, Asien und die USA geschrieben. Sie lebt in New York und Peking. Kim ist sehr fokussiert, ehrgeizig und eine leidenschaftliche Journalistin. Sie beschäftigt sich vor allem mit sozialen Themen, Außenpolitik, Popkultur und Fragen der Gleichberechtigung.
Da zeigt sich unsere berufliche Ausbildung. Wir bleiben professionell, Journalisten, die schon oft mit ähnlichen Fällen umgegangen sind. Einen wesentlichen Unterschied gibt es allerdings: Es ist unsere Tochter und Schwester, um die es jetzt geht.
Wir ergänzen die Pressemitteilung um eine Kurzfassung von Kims Lebenslauf und ein Foto, das Tom vor etwa einem Jahr aufgenommen hat. Bei einem von Kims Heimatbesuchen haben die Geschwister eine Fotosession in Toms Atelier gemacht. Wir suchen ein paar Bilder aus, von denen wir wissen, dass Kim sie mag. Wir wollen, dass die Presse ein seriöses Foto von ihr hat, damit die Öffentlichkeit ein Bild von Kim bekommt, das ihr wirklich entspricht. Sie ist während eines Auftrags verschwunden, es war ihre journalistische Arbeit, die sie zu dem Ort geführt hat, an dem sie zuletzt gesehen worden ist.
Den ganzen Samstag klingelt ununterbrochen das Telefon, und der E-Mail-Posteingang füllt sich rasant. Rundfunk und Fernsehen berichten immer weiter, und in vielen Ländern ist Kim auf den Titelseiten der Zeitungen. Verwandte und Freunde melden sich, und nachdem die Lokalzeitung Kims Foto und Namen veröffentlicht hat, weiß bald »ganz« Trelleborg, was passiert ist.
Draußen auf dem Öresund gehen die Bergungsarbeiten des U-Boots in der Køgebucht weiter. Wir verfolgen die Ereignisse über die Medien. Wir sehen, wie das grauschwarze Fahrzeug aus dem Wasser gezogen wird. Was verbirgt sich darin? Wir verdrängen die dunklen Gedanken, die sich einstellen. Gleichzeitig wird Peter Madsen in Kopenhagen vor das Stadtgericht gestellt. Jetzt wird es sich entscheiden – wird er verhaftet oder nicht? Wir bleiben zu Hause, wir wollen uns nicht der Pressemeute aussetzen, die sich in den Gerichtssaal drängt. Anhand der fleißigen Arbeit der Zeitungen halten wir uns auf dem Laufenden, Minute für Minute berichten sie, was passiert.
Peter Madsen will reden, er will erzählen, was an Bord der Nautilus geschehen ist. Staatsanwalt und Richter wollen keine öffentliche Gerichtsverhandlung, unter anderem aus Rücksicht auf uns. Also findet sie hinter verschlossenen Türen statt, und weder wir, die Presse noch irgendein Außenstehender erfahren, was Madsen sagt. Was ist es, das er erzählen will? Gibt er eine Erklärung ab, wo Kim sich möglicherweise befindet?
Dann der richterliche Beschluss. Madsen wird verhaftet, nicht wegen Mordes oder Totschlags. Sondern wegen etwas, das in Schweden als fahrlässige Tötung bezeichnet wird. Einige Tage später ändert sich die Bezeichnung in grob fahrlässige Tötung, es wird behauptet, es sei ein Schreibfehler im Protokoll gewesen.
Spät am Nachmittag klingelt es an der Haustür. Diesmal sind es keine neugierigen Journalisten, sondern zwei Polizisten, ein Mann und eine Frau. Es ist der Besuch, vor dem wir uns seit dem gestrigen Abend gefürchtet haben, denn er kann nur eines bedeuten: Kim ist tot. Wir sehen ihnen an, dass diese Aufgabe ihnen nicht leichtfällt. Wahrscheinlich kann sich kein Mensch je daran gewöhnen, solche Nachrichten zu überbringen, selbst wenn es zu seinem Beruf gehört. Wir setzen uns in den Wintergarten. Einen Moment herrscht Schweigen, dann ergreift der Mann das Wort.
Kim ist für immer fort. Laut Madsen ist ihr die schwere Luke des U-Boots auf den Kopf gefallen, als sie zu ihm in den Turm klettern wollte, und hat sie erschlagen. Madsen behauptet, nachdem er ihren Tod festgestellt habe, habe er unter Schock gestanden und sich ein paar Stunden in seinem U-Boot auf dem Grund des Öresund schlafen gelegt. Nachdem er wach geworden sei, habe er beschlossen, Kim nach alter Seemannstradition zur See zu »bestatten«.
Jetzt erfahren wir auch, was vor ein paar Stunden hinter verschlossenen Türen im Gerichtssaal in Kopenhagen gesagt wurde. Madsen hat gestanden, dass Kim unter tragischen Umständen an Bord ums Leben gekommen ist. Auf die naheliegendste Frage hat er nicht geantwortet: Warum hat er nicht um Hilfe gerufen? Er befand sich in unmittelbarer Nähe einer der größten Städte Skandinaviens, mit großem Verkehrsaufkommen auf dem Wasser. Wenn da ein Unfall passiert, ruft man doch wohl um Hilfe?
Wir werden gebeten, die Informationen für uns zu behalten, und das tun wir natürlich. Wir haben kein Interesse daran, noch mehr Öl in das Feuer zu gießen, das die Medien Stunde für Stunde weiter anheizen. Das U-Boot ist unter großem Presseaufgebot geborgen worden. Es gibt beinahe keine Zeitung, keine Radio- oder Fernsehredaktion, die nicht über das U-Boot-Drama berichtet. Wir haben keine Chance, es zu ignorieren, und wir begegnen Kims Lächeln überall, auf Fernsehbildschirmen, am Computer und auf den Zeitungsseiten.
Die Polizisten haben noch ein weiteres Anliegen – sie benötigen irgendetwas mit Kims DNA. Zufällig hat Kim ihre Zahnbürste in meinem Zahnputzbecher vergessen. Vorsichtig wird diese nun in einer Tüte verstaut. In Kopenhagen erhält Ole die gleiche Trauernachricht wie wir. Auch dort nehmen sie etwas mit, um Kims DNA zu sichern – ihre Haarbürste.
Als die Polizisten gegangen sind, kommen die Tränen. Jetzt ist es endgültig, jetzt haben wir die schlimmste Nachricht erhalten, die man als Eltern bekommen kann: Dein Kind ist nicht mehr, dein Kind ist tot. Wir halten uns in den Armen, wir weinen in das warme Fell unseres Hundes Iso. Wie grausam kann das Leben sein? Wie ungerecht? Kims Leben hatte doch gerade erst angefangen, sie hatte so hart gekämpft – warum musste es so enden? Was genau ist passiert? Wenn es ein Unfall war, warum hat Madsen dann nicht Hilfe geholt?
Mitten in der Nacht werde ich wach. Zwei Gedanken haben sich während meines unruhigen Schlafs in meinem Kopf festgesetzt, Gedanken, die mich nicht losgelassen haben, bis ich sie mir jetzt klarmache. Der eine ist, dass Kim durch einen Stipendienfonds weiterleben soll, sie soll nicht vergessen werden. Der andere ist die Idee zu diesem Buch, die wahre Geschichte muss geschrieben werden, und zwar von uns. Kim soll als die engagierte und willensstarke Frau erinnert werden, die sie war, als der Mensch und die Journalistin Kim – nicht als das Opfer. Dieser Beschluss schenkt mir ein bisschen Trost – aluta continua –, der Kampf geht weiter.
So sah Kim das Leben oft. Als Kampf, den man bestehen und gewinnen muss. Egal, ob es darum ging, sich in der männerdominierten Medienwelt durchzusetzen, die besten Artikel zu schreiben oder ihre Mitmenschen davon zu überzeugen, weniger Fleisch zu essen. Kim lebte nach ihren Prinzipien und machte selten Kompromisse.
In der Nacht ist das U-Boot an Land gebracht und in einem Industriegebiet in Nordhavnen in Kopenhagen aufgebockt worden. Die polizeilichen Ermittlungen gehen weiter, aber zunächst müssen achtunddreißigtausend Liter Wasser aus dem U-Boot herausgelassen werden. Das Medieninteresse ist unverändert groß, es scheint, als verfolge jede Rundfunkstation, jede Zeitung und jeder Fernsehsender das Drama in Kopenhagen vor Ort.
