King Bomber Karl - Karl-Heinz Granitza - E-Book

King Bomber Karl E-Book

Karl-Heinz Granitza

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Beschreibung

Als man Jugendliche in Chicago 1984 fragte, welchen Sportler sie gerne einmal treffen würden, landete wer klar vor Muhammad Ali auf Platz eins? Karl-Heinz Granitza! Der Deutsche spielte als Fußballprofi für die Chicago Sting in der North American Soccer League, der ersten echten Fußball-Profiliga in den USA. In der ewigen Torschützenliste der NASL belegt Granitza Rang drei, und hätte der große Franz Beckenbauer nicht noch einen Meistertitel mehr in den USA gewonnen, dann könnte sich Granitza sogar erfolgreichster deutscher Fußballprofi in den USA nennen. "Ich war einer der großen Stars in Amerika, das kann mir niemand wegnehmen." (Karl-Heinz Granitza) Das Buch von Stefan Hermanns geht weit über die an äußerst unterhaltsamen Anekdoten reiche Lebensgeschichte Granitzas hinaus. Oprah Winfrey, Lamar Hunt und George Best kommen darin vor - und natürlich auch Beckenbauer. "King Bomber Karl" dokumentiert ein einzigartiges Stück Sportgeschichte der 1980er-Jahre, das im Amerika unter Donald Trump heute so nicht mehr vorstellbar wäre. "Das Buch zur WM!" (Lucas Vogelsang)

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Seitenzahl: 376

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Man kann alles erzählen, nur nicht sein wirkliches Leben.

(Max Frisch, Stiller)

Inhalt

Prolog

Der Wechsel

Die Frau fürs Leben

Hoch und weit

Die Bundesliga-Boys

Zwischen den Welten

Über den Wolken

King Bomber Karl

Die Welt geht unter

Drama ohne Ende

Endlich Champions

Missionar des Fußballs

Verlieren lernen

Triumph und Untergang

The American Way of Soccer

Abschied durch die Hintertür

Epilog

Dank

Anhang

Prolog

Was für ein komischer Kauz, dachte Karl-Heinz Granitza. Der Mann, offenbar Fan der Dallas Tornado, hatte ihn bei der After-Game-Party angesprochen. Er hatte sich sogar namentlich vorgestellt, aber da hatte Granitza schon nicht mehr hingehört, sondern den Mann nur noch entgeistert angeschaut. Ihm hing die Brille auf zehn vor vier im Gesicht, und an zwei Stellen – über der Nase und an einem der beiden Bügel – war das Gestell mit Heftpflastern zusammengeflickt.

Granitza mochte diese Partys nach den Spielen. Man kam mit fremden Menschen ins Gespräch, und manchmal lernte man seltsame Typen kennen. Er mochte das Gefühl, wenn die Anspannung langsam aus dem Kopf und aus dem Körper wich und der erste Bacardi Cola die Dinge wieder leicht werden ließ. Er mochte die Atmosphäre und den Small Talk. Vor allem aber mochte er die Geselligkeit.

Für die war Granitza immer zu haben. Das war schon so, als er noch beim Zweitligisten DJK Gütersloh unter Vertrag stand. Heribert Bruchhagen, später viele Jahre Manager des Bundesligisten Eintracht Frankfurt, hat dort mit Granitza zusammen gespielt. „Was Geselligkeit anging, wurde sofort festgestellt, dass er ein Ruhrgebietsjunge ist und damit automatisch sehr teamfähig“, erinnert sich Bruchhagen. Granitza kommt aus dem Pott, wo Gemeinschaft seit jeher großgeschrieben wird. Im Ruhrgebiet ackert man zusammen. Und hinterher feiert man zusammen. Beides, wenn es sein muss, bis zum Anschlag.

In Gütersloh ging es nach den Spielen oft mit der Mannschaft zur dritten Halbzeit ins Gasthaus Roggenkamp, das Vereinslokal nicht weit vom Stadion. Wenn Granitzas Frau Roswitha langsam genug hatte und zum Aufbruch drängte, bekniete er sie: „Möpperl, ein Stündchen noch!“ Meistens blieben sie.

Granitza blieb am liebsten bis zum Schluss. Das war in Gütersloh so und in Berlin nicht anders. Die früheren Kollegen von Hertha BSC erzählen noch heute, dass „der Ellis“ ein Feierbiest gewesen sei. Nach Herthas Heimspielen im Olympiastadion traf sich die Mannschaft erst zum Essen im Zlata Praha, einem böhmischen Restaurant unweit des Ku’damms. Und wenn die Kellner in ihren roten Jacketts den Aprikosenschnaps aufs Haus serviert hatten, zogen die Herthaner weiter in eine Kneipe namens ESP: Ein schöner Platz. Die Eishockeyspieler des Berliner Schlittschuh-Clubs und die Schlagersänger aus der ZDF-Hitparade ließen sich dort ebenfalls regelmäßig blicken.

Einmal drohte Granitza Ärger, weil der Wirt seinen Basset Blacky im Verdacht hatte, im ESP auf den Fußboden gekackt zu haben. Aber das konnte nicht sein – sonst hätte man das Lokal sofort räumen müssen. Granitza ist bis heute sicher, dass der Hund von Roland Kaiser der Übeltäter gewesen war. So ein kleiner Weißer mit zotteligem Fell wie aus der Frolic-Werbung, der so kehlig bellte, dass einem die Ohren schmerzten. Sein Herrchen im weißen Anzug konnte auch ganz schön bellen, fand Granitza: „Der hatte eine große Schnauze, als wäre er der beste Sänger nach Frank Sinatra.“ Roland Kaiser verstand nicht, dass die Fußballer von Hertha BSC im Olympiastadion regelmäßig vor 30.000 oder 40.000 Leuten spielten. Er könnte das nicht, erzählte er Granitza. Er brauche den direkten Kontakt zu seinem Publikum.

Als ob 30.000 Menschen Roland Kaiser singen hören wollten!

In Amerika ging es nach den Spielen etwas formeller zu. Die gastgebenden Klubs luden zu offiziellen After-Game-Partys in ein Hotel gehobener Klasse. Manchmal, wenn sie mit großem Andrang rechneten, mit drei- bis vierhundert Leuten, mieteten sie sogar den Ballsaal. Anders als in Deutschland waren zu diesen Partys auch die gegnerischen Mannschaften eingeladen. Die USA sind ein Land der weiten Wege, deshalb blieben die Auswärtsteams nach dem Spiel in der Regel über Nacht und flogen erst am nächsten Tag wieder nach Hause. Oder gleich weiter zum nächsten Auswärtsspiel.

Granitza freute sich, wenn sie mit den Chicago Sting solche Partys besuchten und er mit Menschen einen kurzen Plausch halten konnte, von denen er vor Kurzem nicht im Traum gedacht hätte, dass sie sich mit ihm abgeben würden. In Washington beispielsweise hatte er ein paar Worte mit Johan Cruyff gewechselt, einem der besten Spieler, die der europäische Fußball jemals hervorgebracht hat.

Der Nordire George Best gehörte derselben Kategorie an wie Cruyff. Ein internationaler Superstar und eine Ikone von Manchester United. Inzwischen stand Best bei den San Jose Earthquakes in Kalifornien unter Vertrag. Bei einer After-Game-Party kam er zu Granitza. Der Saal hatte sich bereits merklich geleert. „Komm mal mit“, sagte Best. Und Granitza folgte ihm.

Best war als Lebemann bekannt, von ihm stammt der Ausspruch: „Ich habe viel von meinem Geld für Alkohol, Weiber und schnelle Autos ausgegeben. Den Rest habe ich einfach verprasst.“ Granitza merkte, dass Best sich auskannte. Sie steuerten keine billige Kaschemme an, sondern eine gediegene Bar. Der perfekte Ort, um sich stilvoll zu betrinken.

Was Granitza nicht wusste: George Best konnte nicht verlieren, weder auf dem Fußballplatz noch am Tresen. Für ihn waren selbst solche geselligen Zusammenkünfte eine Art Wettkampf. „Er kannte kein Ende“, erinnert sich Granitza. So viele Bacardi wie an diesem Abend hatte er nie zuvor getrunken – und vermutlich auch nie danach. Die Wirkung bekam er bald zu spüren. Ganz egal, wie sehr er sich konzentrierte: Von dem, was Best sagte, verstand er kein Wort mehr. Granitza nickte nur noch. Vernünftige Sätze brachte er keine mehr hervor, aber auch Best schien Schwierigkeiten zu haben, sich angemessen zu artikulieren. Er lallte.

Es war schon hell, als Granitza ins Mannschaftshotel der Sting zurückkehrte. Er ging auf sein Zimmer, packte seine Sachen und machte sich kurz darauf mit seinen Kollegen auf den Weg zum Flughafen. „Da war ich fix und fertig.“

Das Ambiente der After-Game-Partys war ungezwungen. Es trafen sich Spieler und Offizielle, die Klubbesitzer und die Mitarbeiter aus dem Front Office, aber auch Sponsoren und gewöhnliche Fans. So wie dieser Kauz mit der lädierten Brille.

Granitza begegnete ihm mit der gleichen Freundlichkeit, mit der er jedem Fan begegnete. Das gehörte sich so, fand er. Und das findet er heute noch. Als Fußballer hat man den Fans gegenüber eine gewisse Bringschuld.

Als Granitza elf oder zwölf gewesen war, hatte der Hamburger SV mal ein Freundschaftsspiel in der Nähe seiner Heimatstadt Lünen bestritten – die große Mannschaft mit Horst Schnoor im Tor, mit Klaus Stürmer, dem Nationalspieler, mit Spaßvogel Charly Dörfel und natürlich mit Uwe Seeler. Alle liebten „Uns Uwe“, einen begnadeten Torjäger, der trotz seiner Erfolge nie die Bodenhaftung verloren hatte. Auch Granitza. Sein größter Wunsch war es, ein Autogramm von seinem Idol zu bekommen. „Herr Seeler!“, rief er, als die HSV-Spieler aus der Kabine kamen. „Herr Seeler!“ Aber Uwe Seeler reagierte nicht. Völlig untypisch für ihn. Wahrscheinlich hatte er den Bengel einfach übersehen. Anders kann sich Granitza das bis heute nicht erklären. Als Uwe Seeler ihn einfach stehen ließ, schwor er sich, dass ihm so etwas nie passieren würde, wenn er erst mal ein berühmter Fußballer wäre.

Also hörte sich Granitza geduldig an, was der Fan der Dallas Tornado mit der geflickten Brille, ein Mann von Mitte 40, ihm zu erzählen hatte. Er gratulierte zum verdienten Auswärtssieg der Sting und Granitza zu seinem starken Auftritt. „Beeindruckend, wie Chicago hier in Dallas gespielt hat“, sagte er. So etwas hörte Granitza immer gern.

Später fragte jemand aus dem Sting-Tross, ob er eigentlich wisse, wer das gewesen sei. Nein, antwortete Granitza. „Wirklich nicht? Das war Lamar Hunt, einer der reichsten Männer Amerikas.“ Der Mann, der nicht mal Anzug und Schlips trug, wie Granitza es von den Offiziellen aus der Bundesliga kannte, und dem es offenbar nichts ausmachte, sich mit einem geflickten Brillengestell in der Öffentlichkeit zu zeigen? Unfassbar, dachte Granitza.

Lamar Hunt war kein gewöhnlicher Fan der Dallas Tornado. Ihm gehörte der Klub. Hunt entstammte einer texanischen Öl-Dynastie. Ende der Siebziger hatte er zudem gemeinsam mit seinen Brüdern massiv in Silber investiert und seinen Reichtum dadurch, zumindest kurzzeitig, weiter gemehrt. Vor allem aber war Lamar Hunt bis zu seinem Tod im Jahr 2006 einer der einflussreichsten Förderer des Profisports in den USA. Ein echter Winner-Typ.

Hunt gewann 1971 mit den Dallas Tornado die US-amerikanische Fußballmeisterschaft und erreichte in den drei Jahren danach jedes Mal das Endspiel.

Hunt gilt als Erfinder der Bezeichnung Super Bowl für das Finale im American Football.

Hunt gehörte zu den Gründern der Chicago Bulls.

Hunt war Eigentümer des NFL-Teams Kansas City Chiefs.

Hunt besaß die Fußballklubs Columbus Crew, Kansas City Wizards und FC Dallas.

Und Lamar Hunt hatte sowohl die North American Soccer League (NASL) mitgegründet als auch deren Nachfolgerin, die Major League Soccer (MLS).

Offiziell haben beide Ligen nichts miteinander zu tun. Darauf legt die MLS größten Wert. Sie sieht sich nicht in der Tradition der NASL, sondern ist ihrem Selbstverständnis nach etwas eigenständig Neues: eine Liga ohne Vorläufer und ohne Vorgeschichte. Bei ihrer Gründung Mitte der 1990er-Jahre schien es sogar eine unausgesprochene Übereinkunft zu geben, auf die Dienste ehemaliger NASL-Vertreter zu verzichten. Worin auch sollte deren Expertise bestehen? Darin, wie man es besser nicht macht?

Peter Bridgwater, dem Eigentümer einer MLS-Franchise, wurde es von der Liga sogar explizit untersagt, sein Team aus Kalifornien San Jose Earthquakes zu nennen, wie den Klub also, den er bereits zu NASL-Zeiten besessen und für den unter anderem George Best gespielt hatte. Bloß keine Verbindung herstellen zur North American Soccer League, die in den Achtzigern so grandios gescheitert war.

Dabei gab und gibt es diese Verbindungen sehr wohl. Lamar Hunt zum Beispiel. Der Geschäftsmann aus Texas gehörte zu denen, die auch nach dem Scheitern der NASL vom Erfolg des Fußballs in den USA überzeugt blieben. Hunt war ein unverbesserlicher Optimist – selbst als in den Vereinigten Staaten niemand mehr an den Fußball zu glauben schien. Er ließ sich nicht davon abbringen, dass es für diesen Sport, der fast überall auf der Welt die Nummer eins ist, auch in den USA einen lukrativen Markt gebe.

Brigdwaters Franchise, die anfangs als San Jose Clash in der MLS spielte, wurde 1999 schließlich doch noch in San Jose Earthquakes umbenannt. Die Fans wollten es so – weil der alte Name bei ihnen offenbar immer noch wohlige Erinnerungen auslöste. Neben den Quakes spielen in der MLS derzeit drei weitere Franchises (von aktuell dreißig), die zumindest einen Namen aus der NASL-Zeit tragen: die Seattle Sounders, die Portland Timbers und die Vancouver Whitecaps, der Klub von Thomas Müller.

Nur 17 Spielzeiten – von 1968 bis 1984 – hat die North American Soccer League existiert. Im Frühjahr 1985, ein knappes halbes Jahr nach dem Meisterschaftsfinale zwischen Toronto Blizzard und den Chicago Sting mit Karl-Heinz Granitza, beschlossen die Besitzer der verbliebenen NASL-Klubs, dass es keine 18. Saison mehr geben würde. Der Glaube an den Erfolg des Soccers in den USA hatte ihnen so hohe Verluste beschert, dass sie nicht mehr bereit waren, weiteres Geld nachzuschießen. Bei nüchterner Betrachtung war es ausgeschlossen, dass sich ihre Investitionen irgendwann bezahlt machen würden. Das Ende der NASL löste bei den Klubbesitzern daher auch keine große Trauer aus. Sie waren erleichtert, als es vorbei war.

Im Sommer 1994, zehn Jahre nach dem letzten Spiel der NASL, fand in den USA zum ersten Mal die Fußballweltmeisterschaft statt. Die Gründung der Major League Soccer war eine direkte Folge dieses Turniers. Und im Jahr 2026, in dem die Vereinigten Staaten (diesmal mit Mexiko und Kanada) zum zweiten Mal WM-Gastgeber sind, feiert die MLS ihren 30. Geburtstag. Sie ist inzwischen fast doppelt so alt wie die NASL bei ihrer Einstellung. Offenbar hat sie einiges richtig gemacht.

Sie hat – im Unterschied zur NASL – zum Beispiel erkannt, wie wichtig eigene Stadien für den Erfolg der Liga sind. In Granitzas Zeit in Chicago spielten die meisten Teams in gigantischen Schüsseln, die für Baseball und American Football konzipiert waren und in denen nur selten richtige Fußballatmosphäre aufkam.

Der Fußball braucht Fußballstadien. „Ich glaube nicht, dass du erfolgreich sein kannst, wenn du in Footballstadien spielst“, sagt Al Miller, der 1973 als Trainer mit den Philadelphia Atoms die US-Meisterschaft gewonnen hat und später von Lamar Hunt für die Dallas Tornado verpflichtet wurde. „Ich bewundere, was die MLS gemacht hat. Nämlich das, was uns gefehlt hat: dass wir unsere eigenen Stadien gebaut haben.“

Für Karl-Heinz Granitza ist der Erfolg der MLS trotzdem kein Grund, auf die NASL herabzublicken. Im Gegenteil: Die Geringschätzung, die ihr bis heute von der Major League Soccer entgegengebracht wird, macht ihn wütend.

Granitza hat nicht nur seine besten Jahre als Fußballer in den USA verbracht, er hat dort auch seine größten sportlichen Erfolge gefeiert. Kein Deutscher hat mehr Spiele in der NASL bestritten, kein Deutscher hat mehr Tore erzielt, kein Deutscher mehr Tore vorbereitet. Karl-Heinz Granitza wurde im Oktober 2003 in den USA in die National Soccer Hall of Fame aufgenommen, genau wie vor ihm Franz Beckenbauer. Und von allen Deutschen, die in den Vereinigten Staaten gespielt haben, ist nur „der Kaiser“ häufiger Meister geworden als er.

Aber Granitza ist es in Amerika immer um mehr gegangen als nur sein persönliches Fortkommen. Er hat in den USA nicht nur für Geld und um Titel gespielt – er hat sich als Pionier verstanden, war ein Missionar für die Verbreitung des Fußballs in der nordamerikanischen Diaspora. Unterwegs im Dienste einer höheren Sache.

„In den Vereinigten Staaten können wir mithelfen, dass die Sportart wächst“, sagte Granitza im Winter 1979, nachdem er gerade einen Dreijahresvertrag bei den Chicago Sting unterschrieben hatte. „In Deutschland gibt es vielleicht sogar zu viel Fußball. Die Zuschauerzahlen gehen überall in der Liga zurück. Unsere Mannschaft in Berlin war gut, aber die Zuschauerzahlen sind gesunken, und der Klub hatte Geldprobleme. Für die Spieler war nicht mehr viel Geld da. Deshalb ist es für mich spannender, hier zu sein und zu sehen, wie es sich in die andere Richtung entwickelt.“

Wie so viele, die damals in der NASL tätig waren – Spieler ebenso wie Funktionäre –, trägt Granitza die Erinnerung an diese Zeit in seinem Herzen, denn als gute Missionare glaubten sie an das, was sie taten. Und nebenbei hatten viele von ihnen damals auch noch die beste Zeit ihres Lebens. Granitza ganz bestimmt. Aber nicht nur für ihn war die NASL etwas ganz Großes.

„Es war aufregend“, hat George Best, der außer für San José auch für die Los Angeles Aztecs und die Fort Lauderdale Strikers gespielt hat, über seine Zeit in der NASL gesagt. „Die besten Spieler der Welt gingen dahin. Die Bezahlung war gut. Der Lifestyle war großartig, und das Interesse war gewaltig.“

Nachdem Pelé seine Karriere im Juni 1975 bei New York Cosmos noch einmal neu gestartet hatte, wurden auch andere Superstars jener Zeit mit der Frage konfrontiert, ob für sie ein Wechsel in die USA denkbar wäre. Franz Beckenbauer zum Beispiel – aber nicht im Traum hätte der sich das damals vorstellen können. „Die wissen doch nicht, wie ein Fußball aussieht“, schrieb er in seiner 1975 erschienenen Autobiografie. Zwei Jahre später – Beckenbauer spielte inzwischen seit einigen Wochen an Pelés Seite für Cosmos – nannte er seinen Wechsel in die NASL bereits „das Beste, was ich tun konnte“.

Fast alle, die damals dabei waren, sagen: It was a fun ride. Einfach eine großartige Erfahrung und eine wilde Fahrt. So wild, dass Steve Ross, der Boss von Warner Communications, bei den Spielen seines Klubs New York Cosmos auf seinem Platz einen Sicherheitsgurt anlegen musste. Seine Entourage hatte Angst, dass Ross sonst die Tribüne hinunterstürzen könnte, wenn es ihn vor Begeisterung mal wieder aus dem Sitz riss. Dabei hatte sich der Konzernchef nicht den Hauch für Fußball interessiert, bevor sein Unternehmen bei Cosmos eingestiegen war.

Gut 50 Jahre später ist Soccer, dieses angeblich unamerikanische Spiel, fester Bestandteil des Profisports in den USA. Aber so wie der Fußball in Nordamerika nichts Besonderes mehr ist, so ist auch die MLS eine normale Liga. Eine wie fast jede andere weltweit.

Die NASL hingegen war nie normal. Ende der Siebziger, als Franz Beckenbauer in die USA wechselte und ein Jahr später Karl-Heinz Granitza, da war die Liga vor allem: anders. Ein Exot, bunt wie die Mode ihrer Zeit, in den besten Momenten aufregend wie ein Abend im Studio 54 in Manhattan und exzentrisch wie die Disco-Ära, die von den USA aus die Welt eroberte. Anything goes. Alles war möglich. Bei einem Spiel in Dallas regneten vor dem Anpfiff 40.000 Dollar vom Himmel. In San José wurde der Anstoß von einem lebendigen Löwen ausgeführt. In Denver liefen die Spieler der Caribous of Colorado in Fransen-Trikots auf, und bei den St. Louis Stars trug Torhüter Len Bond, ein Engländer, die Nummer 007 auf dem Rücken.

Soccer made in America war hip. Elton John besaß nicht nur den FC Watford in England, er hielt auch Anteile an den Los Angeles Aztecs. Die New York Cosmos gehörten Warner, dem größten Unterhaltungsunternehmen weltweit. In ihrer besten Zeit galten sie als „the most glamorous team in world football“: die schillerndste Mannschaft im Weltfußball. „In der Kabine kam ich mir vor wie in Hollywood“, hat Franz Beckenbauer einmal über jene Zeit gesagt. Auch auf der Tribüne tummelte sich die Prominenz, nachdem der Klub nach New Jersey ins Giants Stadium umgezogen war. Bei den Philadelphia Fury gehörten unter anderem Mick Jagger, Paul Simon, Peter Frampton und Rick Wakeman zu den Eigentümern der Franchise. „Es hat mich eine Menge Geld gekostet“, sagte Wakeman, Keyboarder der englischen Artrock-Band Yes, dem Boston Globe im April 1980 über sein Engagement bei den Fury. „Aber ich bedaure nicht einen einzigen Penny.“ Allein in jenem Jahr machten die 24 Klubs der NASL laut New York Times einen Verlust von 30 Millionen Dollar.

Der Geist der Zeit war trotzdem optimistisch, der Zuversicht schienen keine Grenzen gesetzt. Als Warner im Mai 1977 Franz Beckenbauer, den Kapitän der deutschen Weltmeistermannschaft von 1974 und aktuellen Fußballer des Jahres in Europa, für Cosmos unter Vertrag nahm, erklärte NASL-Chef Phil Woosnam: „Diese Sportart wird durchstarten. Es ist undenkbar, dass sie nicht alle anderen übertreffen wird. Dieses Land wird das Zentrum des Weltfußballs sein.“ Zwei Jahre später prophezeite die US-amerikanische Fußballzeitschrift Kick: „Wenn eines Tages die endgültige Geschichte des Fußballs im 20. Jahrhundert geschrieben werden wird, dann wird die NASL darin als einer seiner größten Erfolge verzeichnet sein.“

Eins konnte man der North American Soccer League nicht vorwerfen: dass sie nicht groß dachte. Der Himmel war die Grenze. Aber die NASL wollte nun mal ein Land erobern, von dem es hieß, es lasse sich nicht erobern, weil es immun sei gegen die Verlockungen des Fußballs. Denn diese Sportart widersprach allen Vorlieben und Gewohnheiten der US-Amerikaner. „Fußball ist ein Spiel ohne Unterbrechungen, ein Spiel, bei dem du selbst denken musst, ein Spiel, das du mit den Füßen spielst und nicht mit den Händen. All das ist völlig ungewohnt für das amerikanische Publikum“, stellte Johan Cruyff fest, der für die Los Angeles Aztecs und die Washington Diplomats in der NASL gespielt hat. Im strukturkonservativen Amerika war Soccer zudem als europäisch verschrien, galt als elitär, weibisch und kommunistisch. Der Spiegel schrieb 1977: „Amerikaner zwischen 18 und 25, Vietnam-Kriegsgegner und sogar Hippie-Anhänger gelten als typische Fans des Fußballs.“

Aber gerade deshalb legte sich die NASL so ins Zeug. Sie wollte die Amerikaner von sich überzeugen, und sie wusste, dass sie ihr Publikum nicht langweilen durfte. Die Liga wollte unterhalten, um jeden Preis. „In Amerika kann ich meinen Stil spielen, eine Show abziehen. In der Bundesliga dagegen gibt es für Individualisten keinen Freiraum mehr. Da läuft alles nach Schema F“, sagte Willi „Ente“ Lippens während seiner Zeit bei Dallas Tornado Ende der Siebziger. „Wenn ich mich mal auf den Ball setze und dem Gegner zuwinke, ist hier Karneval. Hier gibt es noch genug Verteidiger, die ich schwindlig spielen kann.“

Cruyff, der seine Karriere im November 1978 bereits beendet hatte und wie vor ihm schon Pelé nur aus finanziellen Gründen auf den Fußballplatz zurückkehrte, hat sich später ähnlich geäußert: In Amerika habe er nicht nur zum Spaß an seinem Spiel zurückgefunden, er habe auch gelernt, wie man einen Sport promoten könne.

Die Amerikaner verlangten nach Action? Dann sollten sie Action bekommen. Dafür spielte die NASL sogar nach anderen Regeln als der Rest der Welt. Nach Regeln, die das Offensivspiel belohnten und den Fußball attraktiver machen sollten. Nach Regeln, die später selbst von den Traditionalisten aus der Alten Welt für gut befunden und daher zum Teil übernommen wurden.

In dieser Hinsicht konnten die hochnäsigen Europäer tatsächlich etwas von den Amerikanern lernen. Trotzdem blickten die Bewahrer der Fußballtradition mit Geringschätzung auf das, was ab Mitte der Siebzigerjahre in den USA passierte. Von Hermann Neuberger, dem Präsidenten des Deutschen Fußball-Bundes, stammte die bis heute für die NASL geläufige Bezeichnung „Operettenliga“. Sie sprach dem Wettbewerb in den USA jeden sportlichen Wert ab und reduzierte die Liga allein auf ihren Showcharakter. Als Deutschlands Vorzeigekicker Beckenbauer bei Cosmos anheuerte, war das für Die Zeit so, „als ob Gustaf Gründgens im Komödienstadl auftrete“. Und Hellmuth Karasek, der Starautor beim Nachrichtenmagazin Der Spiegel, nannte Beckenbauers neue Mannschaft eine „Truppe, die mit goldsuchenden Desperados aus elf Nationen zusammengewürfelt ist“.

Natürlich wurde in der Bundesliga und in Englands First Division, in Spanien, Italien und Frankreich, selbst in den Niederlanden und Belgien besserer Fußball gespielt als in den USA. Doch die Kritik der Europäer galt nicht nur der mangelnden sportlichen Qualität der NASL; sie richtete sich auch gegen die verrückte Idee der Amerikaner, den Fußball anders zu inszenieren, um ihn besser verkaufen zu können.

Gerade bei der Vermarktung des Produkts Fußball war die NASL den Ligen in Europa weit voraus. Bereits Ende der Siebziger wurden Spiele der North American Soccer League im landesweiten Fernsehen übertragen. „Da stehen Live-Kameras beispielsweise in den Kabinen der Mannschaften, um möglichst hautnah die Atmosphäre vor und nach dem Spiel einzufangen, werden unmittelbar nach Spielende Sieger und Besiegte interviewt. Die Bildführung entspricht europäischem Standard, die Reporter absolvieren salopp, doch nach wie vor ohne große Sachkenntnis ihren Job“, schrieb der Kicker im Jahr 1980.

Überheblichkeit stand dem alten Europa dabei eigentlich nicht gut zu Gesicht. Von der gesellschaftlichen Anerkennung, die der Fußball heutzutage genießt, konnte Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger keine Rede sein. Zum Fußball zu gehen, galt nicht als schick, es galt als gefährlich. Die Fans in ihren Jeanskutten waren – im besten Fall – Proleten oder – im wahrscheinlicheren Fall – gemeingefährliche Schlägertypen, deren Gesellschaft sich niemand mit Geist und Verstand freiwillig aussetzte.

Gewalt von und unter Fans wurde Ende der Siebziger ein großes mediales Thema. Als der Hamburger SV im Frühjahr 1979 erstmals seit Bestehen der Bundesliga Deutscher Meister wurde, stürmten dessen Fans nach dem letzten Saisonspiel den Rasen des Volksparkstadions. Sie kletterten über die Zäune und trampelten die Absperrungen nieder. Die Meisterfeier geriet außer Kontrolle, 62 Menschen kamen ins Krankenhaus, 6 von ihnen mit lebensgefährlichen Verletzungen. „Kriegsähnliche Zustände“, beklagte Die Welt.

Auch finanziell war der deutsche Fußball seinerzeit alles andere als eine Erfolgsgeschichte. Wäre es nicht so gewesen, hätte es Karl-Heinz Granitza vielleicht nie nach Chicago verschlagen. Dabei war er nicht in die NASL gegangen, weil er mehr Geld für sich herausschlagen wollte – Granitza wechselte nach Chicago, weil sein Verein Hertha BSC die Ablösesumme für seinen besten Torschützen benötigte, um die drohende Insolvenz abzuwenden. Dass in den USA Geschäftsleute in den Fußball investierten, um damit eine Rendite zu erzielen, erschien aus deutscher Perspektive abstrus. In der Bundesliga verdiente auf Vereinsseite so gut wie niemand Geld. Man kämpfte permanent ums Überleben und gegen den wirtschaftlichen Untergang.

Am 8. Februar 1971, also noch vor dem großen Bestechungsskandal und dem daraus resultierenden Rückgang des öffentlichen Interesses, attestierte Der Spiegel der Bundesliga den „Abstieg in die Pleite“. Nach wirtschaftlichen Maßstäben sei die Liga konkursreif, schrieb das Nachrichtenmagazin. Und an diesem Befund sollte sich im folgenden Jahrzehnt nichts Grundsätzliches ändern. „Leere Stadien, hohe Spieler-Gehälter, Millionen Schulden – die Bundesliga steckt in einer Krise“, schrieb der Stern 1981. Dass mittelmäßige Spieler in Deutschland zu viel verdienten, gehörte da längst zur rituell vorgetragenen Klage über den Profifußball.

Im September 1970 hatten ARD und ZDF der Bundesliga erstmals Geld dafür gezahlt, dass die Sportschau und Das Aktuelle Sportstudio Ausschnitte ausgewählter Spiele im Fernsehen zeigen durften: 2,4 Millionen Mark bekamen die Klubs dafür. Nicht jeder der 18 Vereine, sondern alle 18 Vereine zusammen. Für jeden Bundesligisten bedeutete dies eine Einnahme von exakt 133.333 Mark. Borussia Mönchengladbach, mit Bayern München der erfolgreichste deutsche Klub der Siebziger, vermeldete für die Meistersaison 1975/76 einen Gewinn von 57.751 Mark. Und als Uli Hoeneß am 1. Mai 1979 als Manager bei den Bayern anfing, hatte der Klub bei einem Jahresumsatz von 12 Millionen Mark 3,5 Millionen Mark Schulden; mit Rückständen aus Gewerbe- und Körperschaftssteuern waren es sogar 7,5 Millionen.

Bei den Klubs der Bundesliga reichte das Geld hinten und vorne nicht. Ihre wichtigste Erlösquelle waren die Zuschauereinnahmen, aber mit denen war nur bedingt zu kalkulieren. 1978, in der ersten Saison von Karl-Heinz Granitza in den USA, kamen zu den Heimspielen von Cosmos im Schnitt 47.856 Zuschauer. Beim 1. FC Köln, der 1977/78 erstmals seit knapp anderthalb Jahrzehnten wieder den deutschen Meistertitel gewann, waren es 35.000, bei Bayern München 31.298 und bei Hertha BSC mit dem riesigen Olympiastadion 25.200. Angesichts solcher Zahlen klangen plötzlich auch die Berichte deutscher Medien über den Fußball in Nordamerika fast euphorisch: „Fußball ist Volkssport in den USA geworden“, schrieb der Stern im Juni 1980. „Die Operettenliga von einst hat schneller als erwartet Fuß gefasst: In der letzten Saison kamen 5,8 Millionen Zuschauer in die Stadien – fast so viel wie in den Spielen der deutschen Bundesliga.“

Bei Granitzas früherem Klub Hertha BSC fluchten sie über jedes Heimspiel, das an einem sogenannten langen Samstag stattfand. Bevor das Ladenschlussgesetz Anfang der 1990er-Jahre in der Bundesrepublik Deutschland liberalisiert wurde, mussten die Geschäfte sonnabends bereits mittags um zwei schließen. Nur einmal im Monat sowie an den vier Samstagen im Advent durften sie bis achtzehn Uhr geöffnet bleiben. Viele potenzielle Besucher gingen dann lieber zum Shoppen auf den Ku’damm als zu Hertha BSC ins Olympiastadion.

Im März 1978, wenige Stunden nach dem Spitzenspiel zwischen dem Tabellendritten Hertha BSC und dem Spitzenreiter 1. FC Köln, saß Granitza mit Olimpio Bernabei, dem Schatzmeister seines Klubs, als Gast im Aktuellen Sportstudio. Dem Moderator Hanns Joachim Friedrichs ging es nicht nur um den sportlichen Erfolg der Berliner Mannschaft, die in jenen Wochen überraschend zur Spitzengruppe der Bundesliga gehörte; es ging ihm auch um die Schwierigkeiten des Vereins, genügend Zuschauer ins Stadion zu locken. „Berlin ist ja eine ganz absonderliche Fußballstadt“, sagte Friedrichs, denn „beklagenswert niedrig“ sei bei Hertha BSC der Zuspruch der Zuschauer. „Warum kommen die nicht?“, fragte er Bernabei. Herthas Schatzmeister kritisierte daraufhin die Spielpläne des DFB. Ein Spiel am langen Samstag bedeute ein Minus von zwei- bis dreitausend Zuschauern. Das könne man ja mal auf eine komplette Saison hochrechnen: „Der Spaß kostet uns 400.000 Mark.“

Nicht nur am langen Samstag, auch bei schlechtem Wetter blieben die Fans den Stadien lieber fern. Und weil die Bundesliga, anders als die NASL, im Herbst und Winter spielte und im Sommer pausierte, kam es nun mal häufiger vor, dass das Wetter schlecht war. Der Spiegel empfahl daher „kräftige Stiefel“ für den Besuch eines Bundesligastadions: „Oft sind die auf sumpfigen Wiesen und in Sandkuhlen angelegten Parkplätze kilometerweit von den Tribünen entfernt. Bei schlechtem Wetter stapfen die Zuschauer durch knöcheltiefen Morast und treffen schon mit nassen Füßen auf ihren ungeschützten Standplätzen ein.“

In den USA hingegen fuhren die Soccer-Fans mit ihren Autos bis vors Stadion. Sie schmissen auf den riesigen Parkplätzen den Grill an, stellten Campingtische auf, setzten sich in den Kofferraum und machten aus dem Besuch eines Fußballspiels schon Stunden vorher ein Event. Zu diesem Event gehörte auch das Picknick vor dem Anpfiff, das sogenannte Tailgating.

Soccer in den USA wurde zu einer Angelegenheit für die ganze Familie, für Männer, Frauen und Kinder – und nicht wie in Deutschland nur für furchtlose Typen, die sich scheinbar todesmutig in die Fankurve trauten. In der NASL bestand das Publikum beinahe zur Hälfte aus Frauen, während Fußball in Deutschland immer noch fast ausschließlich Männersache war. „Um Damenbesuche mühen sich die Vereine kaum“, bemängelte Der Spiegel. „Für weibliche Fans, den einzigen noch unerschlossenen Kundenkreis, fehlen sogar Toiletten.“

Auch in Deutschland gab es Versuche, sich den modernen Zeiten anzupassen. Doch wenn jemand wie Peter Krohn, der Manager des Hamburger SV, zu der Erkenntnis gelangt war, dass Fußball mehr und mehr Showbusiness geworden sei und „Business bedeutet, dass man sich um seinen Kunden kümmern soll“, dann wurde er deshalb nicht als Visionär gefeiert, sondern – vorsichtig ausgedrückt – eher als weltfremder Spinner belächelt. „Der hat aus dem HSV eine Art Zirkusunternehmen gemacht“, schrieb Die Welt über ihn. „Spieler und Trainer mussten in den Löwenkäfig, Dr. Peter Krohn stand draußen, knallte mit der Peitsche, wartete auf den Applaus.“

Karl-Heinz Granitza hatte nicht mal zwei Jahre in der Bundesliga gespielt, als er im Mai 1978, zunächst auf Leihbasis, von Hertha BSC zu den Chicago Sting wechselte. „Hier macht das Fußballspielen wieder Spaß. Das Spiel ist lockerer, freier, ungezwungener. Wir brauchen nicht wie Roboter zu spielen“, befand er im Sommer 1979.

In der Bundesliga hingegen hatte er schon nach zwei Jahren das Gefühl gehabt, alles erlebt und alles gesehen zu haben. „Es war einfach langweilig“, sagt er rückblickend über Deutschlands Eliteliga. „Langweilig, konservativ, belanglos. Immer der gleiche Scheiß, immer die gleiche Sülze.“ Ganz anders die USA. „Amerika war Entertainment. Amerika hatte neue Ideen. Amerika war modern. Du kamst in die USA und hattest das Gefühl, es öffnet sich das Tor zum Himmel.“ Plötzlich war alles so hell, so klar, so bunt, so leuchtend.

Im konservativen Weltfußball war die NASL ein Labor, in dem selbst die verrücktesten Ideen erprobt werden konnten – gern auch gegen die Regelhüter der FIFA. Die NASL war der Kieselstein im Schuh des Weltverbandes: Sie konnte ganz schön nerven. Permanent wurde über Veränderungen debattiert, die dem Publikum einen besseren Zugang zu diesem Sport verschaffen sollten: über größere Tore, breitere Pfosten, über die Einführung einer Nettospielzeit, aber auch über ein Verbot der Rückpässe zum eigenen Torwart, die das Spiel so unendlich „boring“ machten. Als die Klubeigner der Liga 1984, bereits im Dämmerlicht des Untergangs, über weitere Regeländerungen diskutierten, kam unter anderem der Vorschlag auf den Tisch, es dem Mittelstürmer künftig zu erlauben, den Ball auch ins Tor zu fausten. Der Vorschlag wurde abgelehnt, allerdings nur mit einer denkbar knappen Mehrheit.

Die NASL war alles, nur nicht dogmatisch, und ihren Pragmatismus stellte sie immer wieder aufs Neue unter Beweis. Als sich die Baltimore Bays vor der Saison 1970 vom Spielbetrieb zurückzogen, stand die Liga nur zwei Jahre nach ihrer Gründung schon wieder vor dem Aus. Um ihr Überleben zu gewährleisten, beschloss man daher, die NASL mit vier Klubs aus dem Ausland aufzustocken, darunter auch Hertha BSC aus der Bundesliga. Die Begegnungen der vier ausländischen Teams gegen die sechs NASL-Franchises im Mai 1970 galten als offizielle Ligaspiele und gingen in die Tabelle ein. Dass Klubs aus anderen Ländern in einer nationalen Liga mitspielten, gab es vermutlich nur in der North American Soccer League.

Heute hat der Fußball in den USA solche Mätzchen nicht mehr nötig. Der Sport hat sein Publikum gefunden und die MLS sogar Lionel Messi ins Land gelockt, den aufregendsten und besten Fußballer der Jetztzeit. Dafür hatte die NASL Pelé und Johan Cruyff, die das Spiel in ihrer Zeit auf ein neues Niveau hoben. Die MLS hatte David Beckham, einen der schillerndsten Stars rund um die Jahrtausendwende. Dafür spielten George Best und Rodney Marsh in der NASL, zwei Typen, die Beckham in Sachen Exzentrik in nichts nachstanden. Die MLS hatte beziehungsweise hat die deutschen Weltmeister Lothar Matthäus, Bastian Schweinsteiger und Thomas Müller. Dafür liefen in der NASL Franz Beckenbauer, Gerd Müller und Bernd Hölzenbein auf. Außerdem Eusébio, Hugo Sánchez, Teófilo Cubillas, Roberto Bettega, Kazimierz Deyna, Johan Neeskens, Trevor Francis, Peter Beardsley und Geoff Hurst. Die Kapitäne der Weltmeisterteams von 1966 (Bobby Moore), 1970 (Carlos Alberto) und 1974 (Franz Beckenbauer) haben alle in der NASL gespielt.

Viele dieser Fußballer mögen bei ihren Wechseln in die USA bereits am Ende ihrer Karriere gestanden haben (was bei den Stars der MLS – siehe Lionel Messi, Sergio Busquets oder Marco Reus – übrigens nicht anders ist). Trotzdem liest sich die Besetzungsliste der North American Soccer League wie das Who’s who des internationalen Fußballs. Eine solche Dichte an Superstars in einer einzigen Liga hat es erst gut zwei Jahrzehnte später in der Champions League wieder gegeben.

In den 1970er- und 1980er-Jahren war der Fußball noch weitgehend national organisiert. Bis 1992 durften in der Bundesliga nur zwei Ausländer pro Mannschaft auflaufen, danach waren es drei. Cosmos hingegen setzte 1979 insgesamt dreißig Spieler aus 14 verschiedenen Ländern ein – die NASL war polyglott, die erste multinationale und globale Liga. Dem Rest der Welt und auch ihrer Zeit war sie damit weit voraus.

Und trotzdem blieben all die kühnen Träume, die die NASL-Macher in ihren besten Jahren hatten, letztlich unerfüllt. Noch 1981, als erste Anzeichen des Niedergangs nicht mehr zu übersehen waren, warnte der neue Commissioner Howard Samuels die American-Football-Liga NFL: „Passt auf, denn in zehn Jahren ab jetzt werden wir an der Spitze sein, auf dem Feld und im Fernsehen!“

Zehn Jahre später gab es keine nationale Fußballliga mehr.

Der erste Versuch, Soccer in den Vereinigten Staaten salonfähig zu machen, scheiterte auf halber Strecke, die Liga verschwand fast über Nacht. Aber die NASL hatte den Boden bereitet, auf dem die MLS schließlich seit Mitte der 1990er-Jahre wachsen und gedeihen konnte. Die Liga war verschwunden, der Fußball blieb. Soccer hatte auch in den USA Wurzeln geschlagen, vor allem bei Kindern und Jugendlichen, bei Jungen und Mädchen.

Die Geschichte der North American Soccer League ist oft von ihrem Ende her erzählt worden, im Wissen ihres Untergangs, den viele im Nachhinein schon immer für unausweichlich gehalten haben wollten. Dabei gäbe es auch eine alternative Erzählung, die genauso wahr ist. Diese Erzählung handelt von der Begeisterung für etwas aufregend Neues, vom Aufbruch in eine neue Zeit und von echtem Optimismus, von dem alle beseelt waren, die damals dabei sein durften.

Es ist eine Erzählung, in der Pelé, Johan Cruyff und Franz Beckenbauer eine wichtige Rolle spielen. Und Karl-Heinz Granitza.

Der Wechsel

Mai 1978

Karl-Heinz Granitza fühlte sich nicht wohl in seiner Haut. Sein Puls raste. Die Sache mit seiner Schwester schlug ihm auf den Magen. Ein Autounfall in den USA. Mehr hätte er gar nicht sagen können. Aber wenn das mit dem Visum klappte, dann würde er schon morgen nach Chicago fliegen. Es müsse schnell gehen, hatte man ihm gesagt. Deshalb war er hier.

Granitza hoffte, dass sie auf dem Konsulat Deutsch sprachen. Sonst wäre er aufgeschmissen. Sein Englisch war nicht miserabel – sein Englisch war nicht existent.

Der Beamte, der sich mit seinem Fall befasste, wirkte auf Granitza nicht besonders freundlich. Es war Freitagnachmittag, das Pfingstwochenende stand bevor. Vermutlich war der Mann gedanklich schon im Feierabend gewesen, als sie hier hereingeplatzt waren. Zumindest sprach er Deutsch. Trotzdem nickte Granitza nur, wenn er etwas gefragt wurde. Das schien ihm sicherer zu sein.

Schon auf dem Weg raus nach Dahlem hatten ihn die schweren Gedanken geplagt. Granitza machte sich Sorgen. Nicht wegen seiner Schwester. Er machte sich Sorgen, weil er ein schlechter Lügner war. Was, wenn sie ihn durchschauten? Seine Schwestern lebten beide im Ruhrgebiet, keine von ihnen war jemals in den USA gewesen, und beide erfreuten sich, soweit Granitza das wusste, bester Gesundheit.

Das mit dem Autounfall war nicht seine Idee gewesen. Mister Roy aus Chicago hatte gesagt, er solle diese Geschichte erzählen. Eine harmlose Notlüge, damit sie schon am nächsten Tag in die Staaten fliegen könnten. Die Zeit drängte.

Was für eine wilde Geschichte, dachte Karl-Heinz Granitza. Aber für wilde Geschichten war er immer zu haben.

***

Granitza hatte sich auf ein paar entspannte Tage zu Hause in Berlin gefreut. Einmal durchatmen nach der anstrengenden Saison und die Ruhe genießen, solange seine Frau und seine kleine Tochter Nadine noch unterwegs waren. Roswitha Granitza war mit der Frau seines Mannschaftskameraden Dieter Nüssing nach Bulgarien ans Schwarze Meer geflogen. Ihre Männer hätten sie zu Hause ohnehin kaum zu Gesicht bekommen. Die Saison in der Bundesliga war zwar seit zwei Wochen beendet, aber seitdem tingelte Herthas Mannschaft von einem Freundschaftsspiel zum nächsten. Der Klub brauchte Geld.

Vor dem Urlaub standen noch drei Partien an: gegen Lech Posen, gegen Inter Mailand und gegen den FC Ascoli. Aber wenigstens über Pfingsten hatten sie freibekommen. Erst am Mittwoch ging es in Posen weiter. Für Granitza und seine Mitspieler hieß das: vier Stunden Busfahrt über holprige Ostblock-Straßen.

Vom Spiel in Salzburg waren sie mit dem Flugzeug zurückgekommen. 0:2 hatte Hertha BSC dort gegen die österreichische Nationalmannschaft verloren. In strömendem Regen und bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt. Die Stimmung unter den 12.000 Zuschauern war ähnlich gewesen: unterkühlt und ungemütlich. Von WM-Euphorie konnte bei den Österreichern nach dem Spiel jedenfalls keine Rede sein. Hertha BSC hatte gut mitgehalten, war anfangs die bessere Mannschaft gewesen und hatte sogar einen Elfmeter verschossen. Auch Granitza hatte, untypisch für ihn, eine gute Chance ausgelassen. Trotzdem konnte ihr Trainer Kuno Klötzer mit ihrem Auftritt zufrieden sein.

Anders als Helmut Senekowitsch, der Nationaltrainer der Österreicher. Die Presse höhnte nach dem Spiel, dass seine Mannschaft aufgetreten sei wie biedere Handwerker am Ende einer Arbeitswoche. Die Leistung war äußerst dürftig gewesen. Vor allem, wenn man bedachte, dass die Weltmeisterschaft in Argentinien bereits Ende des Monats beginnen würde. Sollten die Österreicher bei der WM so auftreten wie gegen Hertha BSC, dann würden sie nicht allzu weit kommen. Schon ihre Vorrundengruppe hatte es in sich: mit Rekordweltmeister Brasilien, mit Spanien und den Schweden, die erst vor einem Monat Titelverteidiger Deutschland 3:1 geschlagen hatten. „Mit Schweden ist in Argentinien zu rechnen“, hatte die französische Sportzeitung L’Équipe nach dem Spiel in Stockholm geschrieben.

Und mit den Deutschen, dem Weltmeister von 1974? Die Niederlage gegen Schweden hatte die Stimmung im Land ins Wanken gebracht. Von Vorfreude oder gar Euphorie konnte keine Rede mehr sein. Dass Helmut Schön erstmals in seinen 14 Jahren als Bundestrainer zwei Länderspiele nacheinander verloren hatte, befeuerte die Zweifel an der Titeltauglichkeit seiner Mannschaft. Und es ließ die Rufe nach einer Rückkehr von Franz Beckenbauer ins Nationalteam noch einmal deutlich anschwellen. Aber dafür war es zu spät – Beckenbauer stand nicht mehr zur Verfügung: „Der Kaiser“ hatte offiziell abgedankt. Vor einem Jahr war er ins Exil in die USA gegangen, seitdem spielte er für Cosmos in New York. In einer Liga, von der die Deutschen bisher der Meinung gewesen waren, dass sie eigentlich nicht ernst zu nehmen sei.

***

In den Albumcharts war die Nationalmannschaft im Mai 1978 schon da, wo sie bei der Weltmeisterschaft erst noch hinwollte: auf Platz eins. Die Platte Buenos Dias Argentina, die das Team zur WM mit Udo Jürgens aufgenommen hatte, stand seit einem Monat an der Spitze der Hitparade. Auch die gleichnamige Single verkaufte sich anständig und schaffte es immerhin auf Platz neun. Der belanglose Text dieses belanglosen Liedchens, das die gängigen Klischees von Südamerika bediente, schien kaum jemanden zu stören: „Buenos Dias, Argentina, guten Tag, du schönes Land. Buenos Dias, Argentina, komm, wir reichen uns die Hand.“ Kein Wort zu den Zuständen im Land des WM-Ausrichters, wo die Militärjunta ihre politischen Gegner verfolgte, sie folterte und auf teils bestialische Weise ermordete. Stattdessen besangen Udo Jürgens und die Nationalspieler das „Band der Harmonie“ zwischen Deutschland und Argentinien.

Angeführt wurde die deutsche Hitparade kurz vor der WM von einem Lied, dessen Text auf dem biblischen Psalm 137 beruhte und das eigentlich ein Klagelied des jüdischen Volkes aus dem babylonischen Exil war. In der Version von Boney M. jedoch war Rivers of Babylon vor allem ein eingängiger Discosong, der in jenen Tagen fast immer und überall zu hören war. Wasserrauschen und karibische Klänge weckten nicht nur beim deutschen Publikum die Sehnsucht nach der Ferne. Auch in der Schweiz, in Großbritannien, Österreich, Schweden, Norwegen und Neuseeland stand Rivers of Babylon an der Spitze der Charts.

Bei Karl-Heinz Granitza war das Fernweh nach der Rückkehr aus Salzburg erst einmal befriedigt. Doch als er sich auf dem Flughafen Tegel ins lange Wochenende verabschieden wollte, hieß es, dass er noch einmal auf Herthas Geschäftsstelle vorbeischauen solle. Granitza wunderte sich.

Es kam nicht oft vor, dass die Spieler in der Hertha-Villa an der Pommernallee im noblen Westend antanzen mussten. In den knapp zwei Jahren seit seinem Wechsel vom Zweitligisten SV Röchling Völklingen war Granitza vielleicht fünfmal dort gewesen. Meistens ging es um Fragen zu seinem Vertrag.

„Die alte Dame“ wird Hertha BSC genannt, und vermutlich wohnen alte Damen in solchen Villen, in denen seinerzeit auch die Geschäftsstelle untergebracht war. Bei seinen seltenen Besuchen fühlte sich Granitza stets an ein Totenhaus erinnert. Alt, muffig und abweisend unfreundlich. Ein Hauch der Kaiserzeit wehte immer noch durch die Räume.

Ottomar Domrich, der Präsident von Hertha BSC, empfing Granitza in den Vereinsräumlichkeiten. Schatzmeister Olimpio Bernabei saß in einem der dicken Sessel. Den dritten Mann kannte Granitza nicht. Er wurde ihm als Willy Roy vorgestellt und kam aus Chicago. Granitza hatte immer noch keine Ahnung, was sie von ihm wollten.

„Ich bin der Willy“, sagte Roy, der ein paar Jahre älter war als er und ein paar Zentimeter kleiner. Der Willy erzählte, dass er aus Chicago nach Frankfurt geflogen sei, sich dort einen Mietwagen genommen habe und über die Transitstrecke durch die DDR in den Westteil der geteilten Stadt Berlin gefahren sei. Er sei gekommen, um ihn, Karl-Heinz Granitza, mit in die USA zu nehmen.

Langsam dämmerte es Granitza. Vor ein paar Wochen hatte er einen Anruf von einem Spielervermittler bekommen. Einem Deutschen, der von Roy wohl den Auftrag erhalten hatte, einen Kontakt zu Granitza herzustellen. Die Amerikaner hätten Interesse an ihm, sagte der Vermittler am Telefon. Ob Granitza sich vorstellen könne, in den USA zu spielen.

Nein, das konnte er sich nicht vorstellen. Wenn Franz Beckenbauer nicht vor einem Jahr nach New York gewechselt wäre, hätte Granitza nicht einmal gewusst, dass in Amerika überhaupt Fußball gespielt wurde. Außerdem war er mehr als zufrieden mit dem, was er hatte. Mit seinem Wechsel nach Berlin hatte er sich seinen Kindheitstraum von der Bundesliga erfüllt. Und er hatte mit seinen Toren einen erheblichen Anteil daran gehabt, dass Hertha BSC die Saison 1977/78 als Tabellendritter hinter dem 1. FC Köln und Borussia Mönchengladbach abgeschlossen hatte. Granitza war Stammspieler, mit 17 Treffern der beste Torschütze seiner Mannschaft und der siebtbeste der gesamten Bundesliga. Warum sollte er das aufgeben? Um künftig in den USA zu spielen? Sicher nicht! Besser als bei Hertha könnte es nirgendwo sein.

Nach dem Telefonat mit dem Vermittler war das Thema für Granitza erledigt gewesen. Er dachte nicht mehr an das Angebot. Bis Willy Roy in Herthas Geschäftsstelle vor ihm stand. Die Sache schien doch ernster zu sein, als er bisher geglaubt hatte.

Roy arbeitete für Chicago Sting. Der Klub existierte erst seit dreieinhalb Jahren, spielte aber bereits in der North American Soccer League, der höchsten Spielklasse in den USA. Roy war selbst Spieler bei den Sting gewesen und in der vergangenen Saison für kurze Zeit als Interimstrainer eingesprungen. Nun arbeitete er als Director of Development für seinen Klub, eine Art Manager, der um die Welt reiste, um Verstärkungen für das NASL-Team zu verpflichten.

Manager gab es auch in der Bundesliga, aber nur bei den großen Klubs: beim FC Bayern München, bei Borussia Mönchengladbach oder dem 1. FC Köln, dem neuen Deutschen Meister. Bei Hertha BSC führte Dr. Domrich die Geschäfte. Ehrenamtlich. Im normalen Leben arbeitete er als Rechtsanwalt und Notar.

Granitza wunderte sich, wie gut Willy Roy Deutsch sprach. Für einen Amerikaner im Grunde perfekt, abgesehen von einem leichten Akzent. Granitza kannte diesen Akzent. Sein Schwiegervater Horst war Ostpreuße und aus Königsberg ins Ruhrgebiet gekommen. Er sprach genauso.

Tatsächlich stammte auch Roy aus Ostpreußen. Im Februar 1943 war er in Treuburg geboren worden. Aber er war noch ein Kind gewesen, als seine Familie am Ende des Zweiten Weltkriegs über die Ostsee in den Westen floh und schließlich bei Verwandten in Düren im Rheinland landete. Mitte der Fünfzigerjahre – Willy Roy war 13 Jahre alt – entschieden seine Eltern, Deutschland endgültig zu verlassen. Sie hatten die Wahl zwischen den USA und Australien. Weil es in Australien Schlangen und Dingos gab und in Chicago Bekannte lebten, entschieden sie sich für Amerika.

Der Fußball verband Roy nach wie vor mit seiner alten Heimat. Mit Horst Szymaniak, dem früheren deutschen Nationalspieler, hatte er Ende der Sechziger für die Chicago Spurs gespielt. Und durch die Vermittlung des Fußball-Globetrotters Rudi Gutendorf, der in den USA die St. Louis Stars trainiert hatte, wäre er Anfang der Siebziger beinahe bei Kickers Offenbach gelandet. Nach dem Bundesligaskandal aber herrschte bei den Kickers ein solches Durcheinander, dass Roy das Angebot ausschlug und lieber in die USA zurückkehrte.

Auf Karl-Heinz Granitza war Chicagos Manager durch die Fernsehsendung Soccer made in Germany aufmerksam geworden, die jede Woche Ausschnitte aus der Bundesliga zeigte und in Chicago auf Channel 11 lief. In zwei Begegnungen, die der Sender aus Deutschland übertragen hatte, hatte Roy Herthas Mittelstürmer und dessen dänischen Teamkollegen Jørgen Kristensen spielen sehen. Später sagte er mal: „Ich habe eine streng geheime Scouting-Methode: Channel 11.“

Roy liebte Soccer made in Germany