Kirche, die über den Jordan geht - Christian Hennecke - E-Book

Kirche, die über den Jordan geht E-Book

Christian Hennecke

4,9

Beschreibung

Kirche, die über den Jordan geht. Der Titel klingt doppeldeutig, beschreibt aber eine eindeutige Richtung: Das Volk Israel, das aus der Sklaverei in Ägypten aufgebrochen ist in das verheißene Land, findet sich in der Wüste wieder. Zweifel, Murren, rückwärtsgewandte Sehnsucht behindern den weiteren Weg Gottes mit seinem Volk. Die Situation unserer Kirche ähnelt dem biblischen Szenario. Der Exodus liegt hinter uns, unser Ort ist die Wüste. Wie geht es weiter? Wie in der biblischen Erzählung gibt es auch heute Kundschafter, die von Expeditionen ins verheißene Land berichten können. Die ersten Früchte und Erfahrungen einer neuen Kirchengestalt werden sichtbar. In Konturen wird die Zukunft erkennbar, in die Gott uns führen will. Dieses Buch lädt ein, der Führung Gottes zu vertrauen, also: aus der Wüste aufzubrechen, den Jordan zu überschreiten und den Einzug in das noch weithin unbekannte Land der Verheißung zu wagen. 5. Auflage. Mit einem neuen Vorwort von Christian Hennecke zur aktuellen Kirchenentwicklung.

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Seitenzahl: 330

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Christian Hennecke

Kirche, die über den Jordan geht

Expeditionen ins Land der Verheißung

Fünfte Auflage

Vollständige Ebook-Ausgabe des im Aschendorff Verlag GmbH & Co. KG erschienenen Werkes Originalausgabe

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Speicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Copyright © 2011/2013 Aschendorff Verlag GmbH & Co. KG, Münster

ISBN der Ebook-Ausgabe: 978-3-402-19466-9

ISBN der Druckausgabe: 978-3-402-00224-8

Sie finden uns im Internet unter www.aschendorff-buchverlag.de

Hans-Georg mit Dank

Inhalt

Fünf Jahre weiter

Prolog: Kirche, die über den Jordan geht

Die Kundschafter des Neuen hören!

Ihr seid die Zukunft der Kirche

La stella cometa

Sant’ Egidio in Lilienthal

Acht Minuten Schweigen

Eine andere Weise der Katechese

Kolping als geistliche Aufbruchsbewegung

Das CO

Nie waren Gemeinden so geistlich wie heute

Kleine Kirche Kindergarten

Katechumenat oder Konvertitenunterricht

Von Willow Creek lernen

Sehnsucht nach Stille und Gebet

Jünger schulen – Suchende empfangen

Auf andere Art Pfarrer sein

Neu anfangen zu leben

Erfahrungen mit dem BibelTeilen

Ist Eucharistie langweilig?

Mystagogische Sakramentenpastoral

Von geistlichen Gemeinschaften lernen

An den Grenzen unserer Kirchenerfahrung

Auf dem Weg zur Kommunion

Kinderkirche für Erwachsene

Die Zukunft in den Blick nehmen!

Das ewige Murren

Auf dem Weg zur pastoralen Vision

Über den Jordan gehen!

Für eine visionäre Pastoral

Für ein Neuverständnis von Priesteramt und Presbyterium

Für eine Theologie der ecclesiola

Für eine vernetzte und nachhaltige Berufungspastoral

Für eine Kirche in der Nachbarschaft

Für eine mystagogische Initiationspastoral

Für eine Spiritualität in Gemeinschaft

Für eine eucharistische Kirche

Epilog: Dietrich Bonhoeffers prophetische Kirchenvision

Fünf Jahre weiter

Mehr als die erstaunliche fünfte Auflage dieses Buches beeindrucken mich zurzeit die erstaunlichen Prozesse der Kirchenentwicklung: Der Prozess des Übergangs hat an Geschwindigkeit gewonnen. Das hängt natürlich mit vielen Faktoren zusammen, die hier nur kurz anzutippen sind: die Krise der Glaubwürdigkeit in unserer Kirche, wie sie durch den Missbrauchsskandal dramatisch offensichtlich wurde, die deutlichere Wahrnehmung der Auflösung gewachsener katholischer Milieus, die Herausforderung größerer pastoraler Räume, die deutlich kleiner werdende Zahl von Priestern und – bedeutsam für die Zukunft – der Seminaristen. Alle diese deutlicher werdenden Prozesse führen zu einer Provokation der Erneuerung. Zugleich aber wird auch offenbar, wie die Zahl jener Gläubigen unaufhaltsam wächst, die ihre Taufberufung ernst nehmen, ihre Gaben einbringen wollen und die in der Kraft ihrer Taufe Kirche gestalten und entwickeln. Vielleicht ist dies das erstaunlichste und wichtigste Phänomen der vergangenen Jahre: Die prophetische und kreative Energie vieler Getaufter, die mit ihren Gaben vor Ort Kirche gestalten wollen, ist für mich das eindrücklichste Zeichen der Zeit in einer Kirche, die kommt.

Diese Erneuerung findet statt, ja sie ist schon in vollem Gang. In den vergangenen Jahren ist mir immer deutlicher geworden, dass die traditionelle Rede von der „ecclesia semper reformanda“, der sich stetig erneuernden Kirche in keiner Weise eine Einladung zu einem erneuten Aktivismus und zu einem „noch mehr tun“ ist. Ganz im Gegenteil: Dass Kirche sich erneuert, ist dem Wirken des Heiligen Geistes zu verdanken, und unsere Aufgabe wird es immer wieder sein, in gemeinschaftlichen Prozessen der Unterscheidung der Geister sein erneuerndes Handeln wahr- und anzunehmen.

Wohin wir gehen

Immer deutlicher wird auch das Woraufhin dieser sich abzeichnenden Erneuerung: Die großen Pfarreien und Pfarrverbünde führen zu einer deutlichen Differenzierung zwischen sakramentaler Struktur in ihrer amtlichen Verfasstheit einerseits und einer vielfältig und bunter werdenden Landschaft kirchlicher Orte andererseits. Zum einen bedeutet dies, dass sich die klassisch geprägten Kerngemeinden wiederfinden in einem Gefüge sehr unterschiedlicher Orte des Kircheseins. Die These von der zukünftigen Pfarrei als einem paroikalen Netzwerk (Bischof Tebartz-van Elst) gewinnt ein Gesicht, das vielleicht anders ist als ursprünglich einmal anvisiert. Denn klassisch geprägte Gemeinden voll initiierter Katholiken werden in eine vielfältige Landschaft kirchlicher Orte hineingenommen. Neue Sozialgestalten entstehen im Kontext eher katechumenaler Orte, kirchlicher Diakonie, Spiritualität und Verkündigung. Das hat eine doppelte Konsequenz: Die Fragen nach der Feier der Eucharistie einerseits und die nach erstverkündigenden und katechumenalen Liturgien andererseits werden mit neuer Dringlichkeit zu stellen sein.

Der Ursprung dieser Fragen nach Gestalt und Form des Gottesdienstes liegt darin, dass die Christen von heute, die immer tiefer von ihrer eigenen Berufung geprägt sind, zu Recht eine Liturgie erwarten, die sich als mystagogisch zeigt und sie nährt, eine Kultur des Feierns, die Ausdruck echter Partizipation ist. Die Leidenskraft des Gottesvolkes ist angesichts mancher Oberflächlichkeit schon sehr strapaziert. Andererseits fehlt es unserer Kirche noch an Fantasie für eine katechumenale Gestaltung von Gottesdiensten für Suchende und Einsteiger. Erste Erfahrungen machen deutlich, dass es hier nicht um irgendwie geartete Extrainitiativen gehen kann – es geht einfach nur darum, die Lebenswirklichkeit und den Hunger der Menschen nach Gott ernst zu nehmen. Konkreter gefragt: Warum tun wir uns so schwer, katechumenale Gottesdienste am Sonntag (-vormittag) anzubieten? Eine Konkurrenz zur Eucharistie können sie doch eigentlich nicht sein.

Zugleich braucht es ein neues und tieferes Verstehen dessen, was Kirche ist: Natürlich ist die Eucharistiefeier der Höhepunkt und die Quelle des gesamten kirchlichen Lebens, und dort, wo sie gefeiert wird, wird Kirche in ihrer Fülle ansichtig, lebt Kirche ganz. Gleichwohl wird aber angesichts der neuen kirchlichen Landschaften klar, dass innerhalb einer Pfarrei, in deren Mitte die Eucharistiefeier steht, in vielfacher Weise Orte des Kircheseins weiter entwickelt werden müssen. Kirche ist ja überall dort und wächst, wo Menschen aus der eucharistischen Christusgegenwart leben und sich in den Dienst der Sendung Christi stellen. Es gilt also Antworten zu finden, wie man die Getauften darin unterstützen und begleiten kann in der Weiterentwicklung ihrer Kirchenwirklichkeiten, und wie das Zueinander alter und neuer Orte gelebt und gedacht werden kann.

Es ist interessant: Mitten im Aufbruch kirchlicher Erneuerung durch den Geist Gottes stellen sich fundamentale Fragen nach dem Christ- und Kirchesein. Sie stellen sich mit existenzieller und theologischer Schärfe in einer Weise, wie sie schon 1944 von Dietrich Bonhoeffer formuliert wurden im Blick auf die schwierige Situation der evangelischen Kirche:

„Du wirst heute zum Christen getauft. Alle die alten großen Worte der christlichen Verkündigung werden über dir ausgesprochen und der Taufbefehl Jesu Christi wird an dir vollzogen, ohne dass du etwas davon begreifst. Aber auch wir selbst sind wieder ganz auf die Anfänge des Verstehens zurückgeworfen. Was Versöhnung und Erlösung, was Wiedergeburt und Heiliger Geist, was Feindesliebe, Kreuz und Auferstehung, was Leben in Christus und Nachfolge Christi heißt, das alles ist so schwer und so fern, dass wir es kaum mehr wagen, davon zu sprechen. In den überlieferten Worten und Handlungen ahnen wir etwas ganz Neues und Umwälzendes, ohne es noch fassen und aussprechen zu können.

Das ist unsere eigene Schuld. Unsere Kirche, die in diesen Jahren nur um ihre Selbsterhaltung gekämpft hat, als wäre sie ein Selbstzweck, ist unfähig, Träger des versöhnenden und erlösenden Wortes für die Menschen und für die Welt zu sein. Darum müssen die früheren Worte kraftlos werden und verstummen, und unser Christsein wird heute nur in zweierlei bestehen: im Beten und Tun des Gerechten unter den Menschen.

Alles Denken, Reden und Organisieren in den Dingen des Christentums muss neugeboren werden aus diesem Beten und diesem Tun. Bis du groß bist, wird sich die Gestalt der Kirche sehr verändert haben. Die Umschmelzung ist noch nicht zu Ende, und jeder Versuch, ihr vorzeitig zu neuer organisatorischer Machtentfaltung zu verhelfen, wird nur eine Verzögerung ihrer Umkehr und Läuterung sein. Es ist nicht unsere Sache, den Tag vorauszusagen – aber der Tag wird kommen – an dem wieder Menschen berufen werden, das Wort Gottes so auszusprechen, dass sich die Welt darunter verändert und erneuert ...“ (Widerstand und Ergebung, 435).

Mir scheint, dass diese Neugeburt in vollem Gange ist – und Bonhoeffer hat wohl Recht, wenn er meint, dass solche Erneuerung sich dann ereignet, wenn Spiritualität tief gelebt und Diakonie im Lebensraum vollzogen wird. In der Tat: Ohne eine tiefe Christusverwurzelung, ohne konkreten Dienst an den Armen („Beten und Tun des Gerechten“), wird kein kirchlicher Ort wachsen. Dabei ist klar, dass diese Wachstumsprozesse an jedem dieser Orte unterschiedlich sein werden – und das Ganze der Kirche niemals durch einen Ort isoliert von den anderen dargestellt werden kann.

Eine Agenda für den Weg durch das Land der Verheißung

Wenn also die Frage der Evangelisierung und die Frage nach den neuen kirchlichen Landschaften und ihrer Vielfalt im Fokus der Erneuerung stehen, welche Schritte sind dann notwendig, um dieser neuen Ekklesiogenesis ins Leben zu verhelfen und wie können wir Geburtshelfer der Erneuerung werden?

Sehen, was ist – Von der Kunst der Wahrnehmung

„Seht her, ich schaffe Neues, schon sprosst es auf, merkt ihr es nicht“, so fordert Gott durch den Propheten Jesaja sein Volk auf. Oder kürzer gesagt: Sehen, was ist. Das allerdings ist eine geistliche Kunst, die wir auf allen Ebenen des Volkes Gottes praktisch erlernen müssen. Diese Kunst des Sehens hängt zusammen mit den inneren Bildern und Erfahrungen des Kircheseins. Deswegen wird diese Kunst des Sehens gestützt werden müssen durch die Ermöglichung von „verheißungsvollen Erfahrungen“: Es geht gewissermaßen um eine „katholische“ (also umfassende) Sehschule, die den Blick weitet und in der in einer Lerngemeinschaft der Weltkirche zukunftsreiche Erfahrungen gemacht und geteilt werden können. Von hier aus ist ein Blick zu werfen auf das, was jetzt schon in unseren Kirchenlandschaften zu „sprossen“ beginnt.

Dieses Sehen ist ein geistlicher Prozess und er verweist auf die Erfahrung der Apostelgeschichte und des Apostelkonzils. Wie dies praktisch geht, wird zurzeit in Gemeinschaften und Bewegungen schon eingeübt, wird aber auch schon mehr und mehr experimentelle Praxis in Priester- und Pfarrgemeinderäten. Dieses Sehen setzt eine Schule des Umgangs mit der Schrift voraus, eine Praxis unvoreingenommenen Hinhörens auf die Zeichen der Zeit – und eben Zeit selbst. Doch wer sich solche Zeit nicht nimmt, wird vermutlich nicht einmal erkennen, was Gott heute seiner Kirche schenkt.

Diese Wahrnehmungsschule des Volkes Gottes braucht allerdings auch eine Verständigung darüber, wie die gegenwärtige Situation zu deuten ist. Die Hinweise im „Jordan“ bedürfen praktischer Prozesse mit den Christen heute. Erste Erfahrungen sind sehr ermutigend.

Tun, was möglich ist – Eine Grundform der Spiritualität des Kircheseins entwickeln

Die Perspektive der kirchlichen Entwicklung, in der wir stehen, ist beeindruckend konsonant: es geht weniger darum, neue Projekte zu planen, als vielmehr einer Kultur des Kircheseins ins Leben zu verhelfen, die sich als Inkulturation und Inkarnation des II. Vatikanischen Konzils erweist. 50 Jahre nach dem Konzil wird immer deutlicher, wie sich eine Ekklesiologie der Communio in eine Ekklesiopraxis örtlicher Gemeinden verwandelt. Dabei steht das gemeinsame Priestertum der Gläubigen im Mittelpunkt. Die Begleitung und Bildung der Getauften in ihrem Taufbewusstsein, die Stärkung einer Spiritualität aus dem Wort Gottes, die Entdeckung einer Perspektive, die die Charismen der Getauften ernst nimmt, all dies gilt es intensiv zu entwickeln, auf dass die durch die Strukturmaßnahmen eröffneten Räume nicht zu einer Rolle rückwärts geraten. Es ist einfach großartig, an vielen Orten diese Entwicklungen begleiten zu dürfen, und es wird deutlich, dass man mit einem solchen „Masterplan“ (Kardinal Schönborn) in der Tat eine Kirchenentwicklung befördert, die lokal und katholisch zugleich ist. Die hohe Resonanz, die die Entwicklung gemeindlicher Spiritualität und die Achtung der Charismen im Gottesvolk hat, der tiefe Wunsch, Kirche aufzubauen, der in vielen vorhanden ist, bestärken einen solchen Prozess.

Um dies zu tun, bedarf es mehr als gelegentlicher Begleitung und Fortbildung: Man kann einen solchen umfassenden Begleitprozess nicht „nebenbei“ abwickeln. Erfahrungen aus der Weltkirche machen deutlich, dass ein solcher Prozess lokaler Kirchenentwicklung Fortbildungskonzepte und Fortbildungsinstitute einer neuen Art bedarf. Denn sowohl die Priester und Hauptberuflichen als auch die Christen vor Ort bedürfen der Einführung in diese neue Weise des Kircheseins – es bedarf diözesaner und überdiözesaner Orte des Lernens, die sowohl spirituell wie theologisch Wahrnehmung und Entwicklung ermöglichen. Beispiele dafür gibt es in der Weltkirche viele. Man denke an das Lumkoinstitut in Südafrika, an Bukal Ng Tipan in den Philippinen oder auch an das diözesane Entwicklungszentrum in Poitiers oder Linz. Prioritäten könnten, ja müssten hier gesetzt werden.

Lieben, was ewig ist: eine Pastoral des Staunens

Der Dreiklang des Sehens, Handelns und Liebens fällt mir in diesen letzten Jahren leicht: Zu sehen, wie sehr der Geist Gottes in seiner Kirche Neues gestaltet, zu sehen, wie sehr die Kirche die Provokation der Erneuerung aufnimmt – das ist wirklich ein mittleres bis großes Wunder, bei dem ich ein wenig dabei sein darf. Ich fühle mich da sehr privilegiert. Diese Pastoral des Staunens hat mich in den vergangenen Jahren begleitet – sie mündet in den Lobpreis Gottes, das begründete Vertrauen in seine Verheißungen.

Doch dieses Lob und diese Liebe darf man nicht verklären. Es braucht dazu Kraft und Mut. Mit dem Hebräerbrief „Werft also eure Zuversicht nicht weg, die großen Lohn mit sich bringt. Was ihr braucht, ist Ausdauer, damit ihr den Willen Gottes erfüllen könnt, und so das verheißene Gut erlangt“ (10,35). In vielen Augenblicken durfte ich diese Mahnung hören, vor allem immer dann, wenn ich den Eindruck hatte, dass es irgendwie gar nicht weitergeht. Diese Ausdauer des Wartens auf den Kairós ist zugleich eine wirklich eucharistische Grundhaltung, die ich immer tiefer einüben darf: Die Wandlung, die Verpuppung unserer Kirche ist einen Prozess, der Sterben beinhaltet, Konflikte, Regression, Trauer und Wut. Ich habe gelernt – das gehört dazu –, ja noch mehr: ohne dieses Sterben, ohne auch eine beträchtliche Bereitschaft, selbst seinen Ideen zu sterben, ist dieses Handeln Gottes nicht denkbar. So wird am Ende deutlich, dass eine solche Pastoral, die am eucharistischen Pascha Maß nimmt, immer sehr bescheiden bleiben muss. Es bleibt ein Wunder, es ist ein Geheimnis, denn es ist kein menschliches Tun, durch das unsere Kirche sich erneuert.

Als vor fünf Jahren dieses Buch erstmals erschien, schrieb mein Altbischof Josef Homeyer eine Einleitung. Inzwischen ist er, der zu den großen Visionären einer zukünftigen Kirchengestalt gehörte, gestorben und bei Gott angekommen. Ich verdanke ihm sehr viel. Deswegen auch widme ich seinem Gedächtnis diese Zeilen.

Hildesheim, im Juni 2011

 

Christian Hennecke

PrologKirche, die über den Jordan geht

Die Kirche geht über den Jordan. Die Doppeldeutigkeit dieser Rede ist gewollt. Natürlich befinden wir uns in einem wichtigen Übergang, bei dem vieles, was wir gewohnt sind, zu Ende kommt. Nicht weil es schlecht ist, nicht weil es sich nicht bewährt hat. Das Gegenteil ist der Fall. Hinter uns liegt eine Erfolgsgeschichte. Sie begann mit Kaiser Konstantin und hatte ihren letzten Höhepunkt in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Woran sich viele noch erinnern können, das ist eine selbstverständliche Christlichkeit und Gemeindlichkeit, die nahezu alle erfasste. Eine Weitergabe des Glaubens an die kommende Generation, die zwischen Religionsunterricht, Katechese, Familie und Gesellschaft fast selbstverständlich funktionierte; ein hoher Einfluss der Kirche, der unsere gesellschaftliche Wirklichkeit entscheidend prägte – gerade nach dem Ende des Nationalsozialismus und seiner Gräuel.

Doch dies alles liegt hinter uns. Denn nicht nur die Gesellschaft um uns ist anders geworden, wir gläubige Christen sind es auch. Mit Begeisterung, mit der Begeisterung des Konzils, sind wir aufgebrochen zum Land der Verheißung, aber die Wüste führt uns in die bekannte Krise.

Die Wüste als Ort der Neuentdeckung Gottes

Die Wüste ist ein Ort der Gotteskrise. Das Bekannte – auch wenn es ein Zustand ist, den wir nicht mehr wirklich wünschen können – erscheint auf einmal in einem hellen Licht. Während wir uns in der Vergangenheit auskennen, aus der wir doch aufgebrochen sind, weil wir Gottes Nähe und Ruf spürten, ist die Gegenwart desorientierend unbekannt. Es gibt keine Sicherheiten mehr, keine Orientierung am Bekannten. Die Wüste ist ein Ort der leeren Unsicherheit. Den Weg kennt keiner.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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