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Die neue spicy Ranch-Romance von Bestsellerautorin Piper Rayne Briar Adams' Herz ist gebrochen. Der Mann, den sie liebte und glaubte zu kennen, hat sie hintergangen und ihr bleibt nur eine Option: die Rückkehr in ihre Heimatstadt Willowbrook. Dort verschafft ihr ihre ältere Schwester einen Job als Yogalehrerin auf der Familienranch ihres Verlobten – dessen Bruder ausgerechnet Emmett Noughton ist. Und zwar der Emmett, dessen Namen Briar in ihrer Highschoolzeit in ihre Notizbücher gekritzelt hat, während sie für ihn scheinbar unsichtbar war. Und nur weil er jetzt auf einmal Interesse zeigt, ändert das nichts an der Wut, die sich seither in Briar aufgestaut hat. Zumindest solange, bis das Haus, in dem sie wohnt, verkauft wird und sie nirgendwo anders hinkann als zu ihm. Denn damit wird es nun nicht nur schwierig, sondern nahezu unmöglich, ihm zu widerstehen ... Eine aufregende Enemies-to-Lovers-Romance für Fans von Elsie Silver, Hannah Grace und Lucy Score Tropen: Cowboy, Forced Proximity, Small Town, Highshool Crush
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Seitenzahl: 408
Veröffentlichungsjahr: 2025
The One I Didn’t See Coming
PIPER RAYNE ist das Pseudonym zweier USA-Today-Bestsellerautorinnen. Mehr als alles andere lieben sie sexy Helden, unkonventionelle Protagonistinnen, die sie zum Lachen bringen, und viel heiße Action.
Die neue spicy Ranch-Romance von Bestsellerautorin Piper Rayne
Briar Adams’ Herz ist gebrochen. Der Mann, den sie liebte und glaubte zu kennen, hat sie hintergangen und ihr bleibt nur eine Option: die Rückkehr in ihre Heimatstadt Willowbrook. Dort verschafft ihr ihre ältere Schwester einen Job als Yogalehrerin auf der Familienranch ihres Verlobten – dessen Bruder ausgerechnet Emmett Noughton ist. Und zwar der Emmett, dessen Namen Briar in ihrer Highschoolzeit in ihre Notizbücher gekritzelt hat, während sie für ihn scheinbar unsichtbar war. Und nur weil er jetzt auf einmal Interesse zeigt, ändert das nichts an der Wut, die sich seither in Briar aufgestaut hat. Zumindest solange, bis das Haus, in dem sie wohnt, verkauft wird und sie nirgendwo anders hinkann als zu ihm. Denn damit wird es nun nicht nur schwierig, sondern nahezu unmöglich, ihm zu widerstehen ...
Piper Rayne
Roman
Aus dem Amerikanischen von Clarissa Seiferheldt
Forever by Ullsteinwww.ullstein.de
Deutsche Erstausgabe bei ForeverForever ist ein Verlag der Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin© 2025 für die deutschsprachige Ausgabe Ullstein Buchverlage GmbH, Friedrichstraße 126, 10117 Berlin© 2024 by Piper RayneDie amerikanische Originalausgabe erschien 2024 unter dem Titel The One I Didn’t See Coming bei Piper Rayne Inc.Wir behalten uns die Nutzung unserer Inhalte für Text- und Data-Mining im Sinne von § 44b UrhG ausdrücklich vor.Bei Fragen zur Produktsicherheit wenden Sie sich bitte an [email protected]: BürosüdUmschlagabbildung: © www.buerosued.deAutorinnenfoto: Ken Kim | K Squared PhotographyE-Book powered by pepyrus
ISBN 978-3-98978-056-9
Emojis werden bereitgestellt von openmoji.org unter der Lizenz CC BY-SA 4.0.
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Das Buch
Titelseite
Impressum
Erstes Kapitel
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel
Viertes Kapitel
Fünftes Kapitel
Sechstes Kapitel
Siebtes Kapitel
Achtes Kapitel
Neuntes Kapitel
Zehntes Kapitel
Elftes Kapitel
Zwölftes Kapitel
Dreizehntes Kapitel
Vierzehntes Kapitel
Fünfzehntes Kapitel
Sechzehntes Kapitel
Siebzehntes Kapitel
Achtzehntes Kapitel
Neunzehntes Kapitel
Zwanzigstes Kapitel
Einundzwanzigstes Kapitel
Zweiundzwanzigstes Kapitel
Dreiundzwanzigstes Kapitel
Vierundzwanzigstes Kapitel
Fünfundzwanzigstes Kapitel
Sechsundzwanzigstes Kapitel
Siebenundzwanzigstes Kapitel
Achtundzwanzigstes Kapitel
Neunundzwanzigstes Kapitel
Dreißigstes Kapitel
Einunddreißigstes Kapitel
Zweiunddreißigstes Kapitel
Dreiunddreißigstes Kapitel
Vierunddreißigstes Kapitel
Epilog
Unsinniges Einhorn-Geschwafel
Leseprobe: Mr Fixer Upper
Social Media
Vorablesen.de
Cover
Titelseite
Inhalt
Erstes Kapitel
Ich verlasse das Badezimmer, jogge die Treppe hinunter und höre die Stimme meines Bruders Jude, der sich in der Küche mit unserem Vater unterhält. Aus einem spontanen Impuls heraus hat Dad uns heute mit der Bitte überfallen, sich bei ihm zu treffen.
Uns ist allen klar, dass es dabei um was Geschäftliches gehen muss. Erstens ist er gerade dabei, seine berühmten Burger zuzubereiten, die er nur macht, wenn er versucht, die Zustimmung von uns dreien zu einer Angelegenheit auf der Ranch zu erhalten. Und zweitens würden wir uns für jedes andere Familiengespräch auf dem Daisy Hill an Moms Grab treffen.
Keiner von uns will heute hier sein. Ben hat nur gestöhnt, da es für ihn neuerdings eine körperliche Qual zu sein scheint, länger als eine Minute von seiner Verlobten getrennt zu sein. Und Jude hat angepisst reagiert, weil er genauso gut wie wir alle geahnt hat, worum es bei diesem Treffen gehen wird. Er hat dieses Gespräch schon seit Monaten erfolgreich vor sich hergeschoben.
»Du hast keine Wahl. Glaub mir, wenn das Baby kommt, wirst du mehr Zeit zu Hause verbringen wollen. Sadie wird dich brauchen.« Ein Küchenstuhl wird geräuschvoll zurückgeschoben.
»Aber, Dad …«
Durch mein Eintreten unterbreche ich ihr Gespräch, doch keiner der beiden zuckt auch nur mit der Wimper; schließlich haben wir in unserer Familie kaum Geheimnisse voreinander. Oder um genauer zu sein: Niemand kann sie für sich behalten.
»Versuchen wir immer noch, Jude davon zu überzeugen, die Zügel aus der Hand zu geben?« Ich hole mir ein Wasser aus dem Kühlschrank und schaue grinsend zu Jude, um ihn zu ärgern. Es ist ohnehin nicht sonderlich schwer, ihn auf die Palme zu bringen, aber heute ist es ganz besonders einfach. Man könnte meinen, ich sei ein aufsteigender Stern am Ranchhimmel, der ihm seinen bequemen Job streitig machen will. So verbissen, wie er seine Aufgaben auf der Farm verteidigt, erinnert er mich an einen knurrenden Hund, dem man das Spielzeug wegnehmen möchte.
Dabei will ich seine Position auf der Familienranch noch nicht einmal.
»Hey, habe ich dir schon erzählt, dass das Gender-Reveal-Video eures kleinen Mädchens schon weit über eine Million Mal angesehen wurde?« Ich drehe den Stuhl um und setze mich verkehrt herum darauf.
»Setz dich richtig hin, Emmett«, schimpft Dad.
Was ist denn sein Problem?
»Tu wenigstens so, als ob du bereit wärst«, fügt er hinzu.
Ding, ding, ding. Deshalb macht er mir also plötzlich die Hölle heiß, weil ich verkehrt herum auf einem Stuhl sitze.
»Soll ich noch schnell den Anzug anziehen, den ich sonst bei Beerdigungen trage? Willst du, dass ich dir von meinen Stärken und Schwächen erzähle? Das kann wie ein offizielles Bewerbungsgespräch ablaufen, wenn du möchtest.«
Dad atmet hörbar ein.
In dem Moment kommt Ben durch die Hintertür ins Zimmer hereingeschlüpft. Wie ein verdammter Ninja, so leise bewegt er sich. »Wie lange wird das dauern?«
»Scheiße«, erschrickt sich Jude und fällt beinahe von seinem Stuhl.
»Setzt euch einfach hin. Keine Ahnung, warum ich euch alle erst bestechen muss, um mit euch ein vernünftiges Gespräch über die Ranch führen zu können«, beschwert sich Dad und stellt einen Teller, beladen mit Burgern, auf den Tisch.
Er wird uns wahrscheinlich nie verraten, wie er das Fleisch würzt, aber verdammt, er macht echt die besten Burger. Nach Moms Tod hat er eine Zeit lang gar nichts anderes mehr gemacht. Und trotzdem sind wir ihrer nie überdrüssig geworden – was ja wohl ein Beweis dafür ist, wie gut sie sind.
Wir greifen alle gleichzeitig zu. Hände schlagen auf Hände, es wird geschubst und gedrängelt, um ja auch die meisten Burger zu ergattern.
»Danke, Dad«, nuschelt Jude und stöhnt genussvoll auf bei seinem ersten Bissen.
»Du solltest die Ranch aufgeben und einen Burgerladen eröffnen«, sage ich.
»Die Schlange würde um das gesamte Grundstück reichen«, pflichtet Ben mir bei.
Wir verschlingen unsere Burger, als hätten wir eine Woche lang nichts gegessen.
»Nette Worte von ein paar Jungs, die Bammel vor dem eigentlichen Grund haben, weswegen ich sie hierhergebeten habe.« Dad lehnt sich mit seinem Burger auf dem Teller zurück und schaut uns an.
Das macht er ab und zu – uns einfach nur beobachten. Ich habe nie gefragt, warum, aber insgeheim, glaube ich, ist er ein klein wenig stolz darauf, dass er uns größtenteils allein großgezogen hat und wir keine kompletten Volltrottel geworden sind. Nun, meistens jedenfalls nicht.
»Iss, Dad.« Ben stupst ihn an.
»Mach ich gleich.«
Jude ist – wie immer – als Erster fertig. Genau aus diesem Grund haben wir ihn vor vielen Jahren auf den Spitznamen »Mähdrescher« getauft. Schon als Kind war er immer der Erste am Tisch, egal zu welcher Mahlzeit, und auch stets der Erste, der mit Essen fertig war. »Also, warum sind wir hier? Abgesehen davon, dass …«
»… ich deine Position übernehme, natürlich.« Ich lächle breit und zwinkere Jude zu.
Er stößt ein verärgertes Schnauben aus, seine übliche Reaktion auf meine Provokationen. »Du nimmst nicht meine Position ein.«
»Bist du dir da sicher?«, mischt sich nun auch Ben ein.
Das Problem mit drei Jungs ist, dass es immer zwei gegen einen sind.
»Ihr könnt mich beide mal. Dad?« Jude holt sein Handy aus der Tasche und schaut auf die Uhr. »Sadie erwartet mich.«
»Keine Sorge«, antwortet Dad und deutet mit einem Nicken auf die Tupperware-Behälter auf dem Küchentresen. »Ich habe genug gemacht, dass du ihr etwas mitbringen kannst.«
»Ein weiterer guter Grund, keine Frau zu haben – ein weiterer Burger, nur für mich.« Ich grinse die drei an.
»Und während du heute Nacht deine Hand benutzt, werden Jude und ich in der warmen, engen …«
»Genug«, sagt Dad. »Redet nicht so vor mir. Ich bin nicht irgendein Kumpel in der Bar, und die Frauen in euren Häusern sind wie Töchter für mich. Ich will nicht daran denken oder mir nur vorstellen …« Er schüttelt den Kopf. »Nein. Einfach nein.« Er wirft Ben diesen strengen Blick zu, den er sich nach Moms Tod angeeignet hat, als er auf einmal drei Satansbraten allein großziehen musste.
Ben hält beschwichtigend seine Hände hoch. »Ist ja gut.«
»Der Grund, warum ich euch hierhergerufen habe, ist der, dass Sadie kurz davorsteht, das erste Noughton-Enkelkind zur Welt zu bringen und …«
»Gern geschehen.« Jude streckt die Arme aus und zeigt auf sich selbst, als ob er ein großes J auf der Brust stehen hätte.
»Das hätte schon vor Jahren passieren sollen«, murmelt Ben und schnappt sich einen der letzten beiden Burger.
Jude und ich greifen gleichzeitig nach dem letzten.
»Du bekommst das erste Kind, ich den letzten Burger«, verkünde ich und schnappe ihm die Köstlichkeit vor der Nase weg. Befriedigung macht sich in meiner Brust breit. Es gibt nichts Besseres, als meine Brüder in … na ja, eigentlich in allem zu schlagen.
»Seid ihr jetzt fertig? Ihr allein seid der Grund, warum dieses Treffen so verdammt lange dauert.« Dad mustert jeden von uns, und wir werden wieder ernst. So wie immer, wenn er uns derart kritisch ansieht. »Wie ich bereits gesagt habe: Die Aussaat steht vor der Tür, also fangen wir damit an.«
Mir dreht sich der Magen um. Ich bin kurz davor, vom Stuhl aufzustehen und zurück ins Bad zu gehen. Aber nein. Bevor ich vorhin runtergekommen bin, habe ich mir oben einen Pep-Talk gegeben. Ich schaffe das, auch wenn ich mir ihre Reaktion vorstellen kann.
Ich lege meinen Burger zurück auf den Teller. »Eigentlich habe ich gedacht …«
»Du hast dein Gehirn benutzt?«, scherzt Ben, und Jude stimmt in sein Lachen ein.
Als ob ich mich kratzen würde, fahre ich mit meinem Mittelfinger an meiner Nase rauf und runter.
»Also, Jude, du wirst Emmett alles beibringen, was nötig ist, damit der Mais gepflanzt werden kann, und dann machen wir mit der Rinderfarm weiter. Du bist aber natürlich auch weiterhin für die Pferde verantwortlich, Emmett.«
Ich hebe die Hand, was Ben und Jude genervt aufstöhnen lässt.
»Wir sind hier nicht im Kindergarten«, entgegnet Dad. »Sprich.«
»Ich hatte die Idee, dass wir vielleicht eine Touristenranch eröffnen könnten«, spucke ich hastig meine Idee aus, bevor ich unterbrochen werden kann. Ich möchte dieser Farm meinen eigenen Stempel aufdrücken und nicht mein ganzes Leben lang nur Judes Laufbursche sein.
»Eine Urlaubsfarm? Also, dass die Leute hierherkommen, um in ihrer Freizeit zu arbeiten?« Ben lacht und stößt seinen Ellbogen gegen Judes Arm.
»Ich weiß, es ist nicht dein Traumurlaub, aber wir haben hier so viel zu bieten.« Ich ziehe mein Handy aus der Tasche. »Unter dem Gender-Reveal-Video …«
»Wenn ich die Worte ›Gender-Reveal-Video‹ noch ein einziges Mal höre, muss ich mich leider übergeben.« Jude greift nach seinem Glas und leert die Hälfte des Getränks in einem Zug.
Ich ignoriere ihn, schließlich war er schon immer so ein Schwarzseher. »All diese Leute in den Kommentaren haben gefragt, wo die Ranch ist und ob sie uns besuchen können.«
»Aber keiner von ihnen hat gesagt, dass er hier arbeiten will, oder?«, fragt Ben.
»Manche schon. Sie wollen kommen und sehen, wie die Dinge hier funktionieren, mich auf einem Pferd reiten sehen und so ’n Zeug.«
Ben klatscht in die Hände. »Und da haben wir es. Emmett will angeben.«
»Entschuldige, Mr. Running Back«, entgegne ich und ärgere mich, dass mich keiner von ihnen ernst nimmt.
»Ich habe nicht gespielt, um anzugeben, sondern um zu gewinnen«, kontert Ben und rollt mit den Augen.
»Ja, klar.«
Meinem Bruder gefiel die Aufmerksamkeit. Und an einem Punkt in seiner Karriere sogar so sehr, dass mein Vater zu ihm fliegen und ihn auf den harten Boden der Tatsachen zurückholen musste.
»Das hört sich nach einer guten Idee an, Emmett. Aber im Moment müssen wir dich erst einmal mit der Ranch vertraut machen, bevor wir etwas Neues in Angriff nehmen können. Sag diesen Leuten gerne, wo sie uns finden, und wenn sie tatsächlich Interesse haben, können sie gerne in der Getaway Lodge übernachten und auf eine Weingut-Tour gehen oder so.« Dad schnappt sich unsere Teller und steht auf. »Ihr könnt jetzt euren Abend fortsetzen.«
»Das war’s?«, frage ich.
Ben rutscht von seinem Stuhl, klopft Dad auf den Rücken und schnappt sich die Tupperbox, die Dad für Gillian und seinen Stiefsohn Clayton vorbereitet hat. »Gillian wird davon wahrscheinlich nicht viel abbekommen. Danke.«
»Ich habe noch einen Extraburger für Clayton eingepackt. Er wächst ja noch.« Dad geht zur Spüle, um das Geschirr abzuwaschen.
»Jackpot, ich bekomme Sex und einen weiteren Burger! Sadie verträgt in letzter Zeit nämlich kein Rindfleisch mehr.« Jude hält demonstrativ die Box hoch, wohl in dem Versuch, mich damit anzustacheln, aber ich werde nicht anbeißen.
»Jup, und ich habe so viel Sex und Burger, wie ich will. Und das Beste daran? Ich muss morgens nicht immer neben derselben Frau aufwachen.« Ich hebe meine Tasche auf. »Können wir noch einmal über meine Idee reden?«
»Das ist der Unterschied zwischen uns beiden und dir – Jude und ich wollen, dass dieselben am nächsten Morgen noch da sind.« Ben lächelt. »Eines Tages wirst du das auch so sehen.«
Er klopft mir auf die Schulter und lächelt Jude an, als wolle er ihn einladen, mitzumachen. Ich hasse es, dass sie mir ihre Beziehungen vor die Nase halten, als ob ich eifersüchtig wäre. Denn das bin ich überhaupt nicht. Was mich allerdings ärgert, ist, dass sie alle – einschließlich meines Vaters – meine Idee mit der Ranch so einfach ignoriert haben.
Als Jude nichts darauf erwidert, sagt Ben: »Vergesst nicht, dass wir am Sonntag eine weitere Person zum Dinner eingeladen haben.«
Alle Augen richten sich auf mich, denn Ben hängt uns schon seit Tagen damit in den Ohren, dass Gillians Halbschwester Briar nach Willowbrook zurückkehrt.
»Was?«, frage ich, als ob ich nicht wüsste, was ihre Blicke zu bedeuten haben.
Ben zeigt auf mich. »Hände weg. Im Ernst, sie ist deine Schwester.«
Dad achtet nicht auf uns und wäscht weiter das Geschirr ab.
»Ich bin nicht ganz sicher, ob du verstanden hast, wie das funktioniert, Bro. Briar ist ganz sicher nicht meine Schwester.«
»Sie wird bei Gillian wohnen, bis das Haus verkauft ist, und sie ist hier, um Yoga zu unterrichten, mehr nicht. Du konzentrierst dich also auf die Ranch und hältst dich gefälligst vom Yogastudio fern.« Ben funkelt mich an, als wäre er wirklich überzeugt, mir damit Angst zu machen.
»Nach dem, was ich bei den Softballspielen im letzten Herbst mitbekommen habe, hat Briar eh nicht sonderlich viel für unseren kleinen Bruder übrig. Nicht wahr, Kleiner Noughton?« Jude klopft mir auf die Schulter.
Da hat er recht. Briar ist, seitdem sie weggezogen ist, ein paarmal in Willowbrook gewesen, und jedes Mal war sie noch gemeiner als beim Mal zuvor. Ich bin mir nicht sicher, was ich getan habe, um sie so gegen mich aufzubringen.
»Sie wird mich noch bald genug mögen.« Ich zwinkere Ben zu, was ihm ein leises Knurren entlockt.
»Bleib ja weg von ihr. Außerdem geht es hier nicht nur um mich. Es ist Gillian, um die du dir Sorgen machen solltest.«
»Gillylein ist ungefähr so furchterregend wie ein Goldfisch. Und es tut mir leid, dir das sagen zu müssen, aber wenn du nicht vorhast, Briar in den Keller zu sperren, wird es den Männern in Willowbrook früher oder später auffallen, dass sie erwachsen geworden ist.«
Das ist die Wahrheit. Briar Adams ist verdammt heiß. Aber gerade sage ich das nur, um Ben zu ärgern und ihn denken zu lassen, dass ich hemmungslos mit ihr flirten und vielleicht was mit ihr anfangen werde. Was ich nie tun würde. Denn wer braucht schon diese Art von Drama in seinem Leben? Flachlegen kann ich auch eine andere.
»Das reicht jetzt, Jungs. Ab mit euch. Ich habe noch was zu erledigen.« Dad scheucht uns hinaus, wobei das Spülwasser von seinen Händen tropft.
Wir bedanken uns alle noch einmal bei ihm für das Abendessen.
»Leute, die Sache mit der Touristenranch ist mein Ernst«, sage ich, als wir die unbefestigte Straße zu unseren Häusern am See hinuntergehen.
»Im Moment mag es dir vielleicht ernst damit sein«, erwidert Ben.
Meine Hände verkrampfen sich.
»Dad hat recht. Wenn du erst einmal in die Angelegenheiten auf der Ranch eingeweiht bist, kannst du einen Geschäftsplan erstellen, und dann schauen wir.« Jude wendet sich nach rechts zu seinem Haus und winkt uns zum Abschied. »Wir sehen uns.«
»Ben?« Ich ziehe eine Augenbraue hoch, in der Hoffnung, dass er es sich womöglich anders überlegt hat und mich endlich für voll nimmt.
Er schaut über seine Schulter und wendet sich von mir ab. »Du weißt, dass ich nicht viel mit der Ranch zu tun habe. Ich bin Footballtrainer, Emmett.«
»Aber …«
Doch er hat bereits den Weg zu seinem Haus eingeschlagen. Ich bleibe stehen, werfe den Kopf in den Nacken und starre in den dunklen, sternenübersäten Himmel.
Auf der Straße, die an unseren Häusern vorbeiführt, kommt ein Auto auf uns zugefahren, aber Ben bedeutet der Fahrerin, anzuhalten, noch bevor es mich erreicht. Im Inneren des Autos kann ich gerade noch die Blondine erkennen, die sich in letzter Zeit immer wieder in meine feuchten Träume schleicht. Sie ist also wieder in Willowbrook – diesmal vielleicht für einen längeren Besuch? Muss ja so sein, wenn sie auf der Ranch Yoga unterrichten will.
Mein Schwanz zuckt, ich schaue nach unten und schüttle den Kopf. »Tut mir leid, Großer, sie ist nicht zu haben.«
Was für ein Pech aber auch, dass es nichts gibt, was ich mehr liebe als eine echte Herausforderung. Was wohl auch der Grund dafür ist, dass ich, statt vor den Scheinwerfern davonzulaufen, direkt auf sie zugehe.
Immerhin weiß ich, dass ich auf der Plain Daisy Ranch bin, aber ansonsten bin ich vollkommen lost.
Mein Auto biegt um eine Ecke, und meine Scheinwerfer leuchten die kleine Einbahnstraße hinunter, die angeblich zu Gillians und Bens neuem Haus führen soll. Doch bis auf das weiße Einfamilienhäuschen, das mir beim Passieren des Torbogens aufgefallen ist, sehe ich weit und breit keine weiteren Häuser.
Ich halte an und schalte die Innenraumbeleuchtung ein, um nach dem Handy in meiner Handtasche zu kramen. Ich muss meine Schwester anrufen und sie um genauere Anweisungen bitten. »Nach dem vierten Baum, dem ein Ast fehlt, links abbiegen« ist keine akkurate Wegbeschreibung, Schwesterherz. Aber ich finde es nicht. Es muss mir vorhin wohl aus der Tasche gefallen und unter den Sitz gerutscht sein, als ich wegen eines offensichtlich lebensmüden Rehs, das wie aus dem Nichts wenige Meter vor mir auf die Straße gesprungen ist, voll auf die Bremse treten musste.
Ich bin mir sicher, dass ich an ihrer Einfahrt vorbeigefahren sein muss, aber ich weiß nicht, ob ich hier einfach umdrehen kann, ohne von der Straße abzukommen. Und da es bereits dunkel ist, kann mir auch niemand garantieren, dass ich dabei nicht direkt in irgendeinen Graben oder so fahre. Ich lege den Gang ein und drücke aufs Gas, als im Scheinwerferlicht plötzlich ein großer Mann mit ausgestreckter Hand vor mir auftaucht.
Ich trete auf die Bremse. »Scheiße.«
Ben klopft auf die Motorhaube des Autos und kommt mit einem leichten Lächeln auf den Lippen zur Fahrerseite gelaufen. Wie schön es sein muss, alles zu haben, wovon man im Leben je geträumt hat. Ein Stück weiter die Straße entlang kann ich noch eine große, breite Figur ausmachen, und mein Magen krampft sich zusammen.
Natürlich. Emmett Noughton, der Partylöwe. Einer, der das Leben nimmt, wie es kommt, ein unreifes Arschloch. Warum geht er nicht einfach in sein Haus?
»Hey, Briar«, begrüßt mich Ben, der nun vor meinem Fenster steht. »Hast du absichtlich umgedreht? Wir müssen in die andere Richtung.« Er zeigt irgendwo in die Ferne, als ob diese vage Handbewegung eine klare Anweisung wäre.
»Klar, führt der Weg einmal um den ganzen See herum?«
Er gluckst. »Nein. Nur zu Jude. Und seit Sadie schwanger ist, wird er ziemlich schnell ungehalten, deswegen sollten wir uns von seiner Einfahrt besser fernhalten.«
»Ich will nicht übers Gras fahren«, sage ich und tue so, als ob ich den großen Mann dahinten nicht sehen könnte, obwohl ich seinen Blick nur allzu deutlich auf mir spüre.
Wenn ich Emmett auch nur den Hauch von Aufmerksamkeit schenken würde, würde er wahrscheinlich aufhören, meine aufrichtige Feindseligkeit ihm gegenüber als eine Art Flirt abzutun, was es definitiv nicht ist, sondern tatsächlich echter, wahrer Hass.
Ben sieht sich nach beiden Seiten um, zögert und überlegt, bevor er sich zu Emmett umdreht und ihm irgendetwas zuflüstert. »Ja, fahr runter zur nächsten Einfahrt und dreh dort um. Dann bringen wir dich zum Haus.« Er lässt die Schultern sinken.
Ich zeige auf den Weg vor mir. »Da lang?« Das kann nicht sein Ernst sein.
»Ja.« Er stößt einen weiteren tiefen Seufzer aus. »Mach das Fenster zu und verriegle die Türen.« Seine Stimme klingt angestrengt, und er lächelt nicht.
»Wird dieser Boogeyman da kommen und mich holen?«
Wieder wispert er irgendetwas, aber ich verstehe ihn erneut nicht. »Ignorier ihn einfach.«
Ich trete behutsam auf das Gaspedal und fahre dorthin, wo Ben mich wenden lassen will. Es handelt sich dabei wohl um Emmetts Einfahrt. Das ist also der Grund, warum er immer noch dort steht.
Emmett tritt an den Straßenrand, als ich mit meinem Auto in seine Einfahrt einbiege. »Hast du dich verfahren, Goldlöckchen?«
Erst da fällt mir auf, dass ich das Fenster nicht, wie Ben mir extra noch gesagt hatte, geschlossen habe.
»Falsche Geschichte.« Meine Hand bewegt sich in Richtung Knopf, um das Fenster hochfahren zu lassen.
Doch er lehnt sich vor, stützt sich mit seinen Armen auf der Autotür ab und kommt mir dadurch näher, als mir lieb ist. »Aber meine Brüder und ich sind doch wie die drei Bären, und nur einer von uns ist der Richtige für dich«, erwidert er mit einem frechen Grinsen im Gesicht.
Hastig lege ich den Rückwärtsgang ein, um schnellstmöglich von hier wegzukommen, und wenn ich ihn dafür überfahren muss. »Es war Rotkäppchen, die sich im Wald verirrt hatte.«
»Oh, das gefällt mir sogar noch besser. Ich bin der große böse Wolf, und du bist das verloren gegangene, unschuldige Mädchen?«
»Du erinnerst mich eher an einen kläffenden Chihuahua.«
Das scheint ihn tatsächlich kurz aus dem Konzept zu bringen, doch er fängt sich schnell wieder. »Süße, ich bin ein Dobermann.«
Meine Augen verengen sich. »Nur aus Neugierde: Gibt es einen Spiegel in deinem Haus?«
Er lehnt sich weiter vor und kommt mir noch näher. »Warum? Willst du mir dabei zusehen, wenn ich dich vögle?«
»Die eine Minute, die du durchhältst?« Ich drücke meinen Finger auf den Fensterknopf.
»Eine Nacht mit mir, und du wärst für immer ruiniert.«
»Emmett!« Bens Stimme schallt durch die Dunkelheit.
Emmett lacht auf, hat aber keine andere Wahl, als zurückzutreten, um nicht vom Fenster eingeklemmt zu werden. Sobald es geschlossen ist, setze ich zurück, um zu wenden, doch da öffnet sich plötzlich die Beifahrertür. Ich trete auf die Bremse.
Emmett klettert hinein, mitsamt einer Tüte, die er sich zwischen die Beine klemmt.
»Was machst du da?«
»Ein Gentleman sein und dir den Weg zeigen«, erwidert er in einem Ton, als sei das doch offensichtlich.
»Ein Gentleman? Du?« Ich lege den Gang ein, um die ganze Sache, so schnell es geht, hinter mich zu bringen. Ich kenne Männer wie Emmett, und sie hören selten auf etwas anderes als das, was ihr winziges Hirn ihnen sagt.
»Ja.« Er zuckt mit den Schultern und deutet nach vorn. »Hier entlang.«
»Ach was.«
Als ich an Ben vorbeifahre, lässt er das Fenster runter und lehnt sich seinem Bruder entgegen. »Ich zeige ihr den Weg. Wir sehen uns dort.«
»Blödsinn.« Ben greift nach der Wagentür, doch Emmett schlägt seine Hand weg und verriegelt das Auto manuell.
»Emmett, ich bin müde, und ich will mich heute nicht mehr mit deinem Bullshit beschäftigen müssen«, sagt Ben.
Ich habe ihn noch nie so wütend oder verärgert gesehen. Allerdings kenne ich ihn ja auch nicht besonders gut. Er ist mit Gillian zusammengekommen, als ich noch jünger war. Und nach einer ziemlich langen Pause haben sie dann auch erst wieder zueinandergefunden, als er seine Profi-Footballkarriere an den Nagel gehängt hatte und nach Willowbrook zurückgekehrt ist.
»Wir sehen uns dann zu Hause«, entgegnet Emmett. »Keine Sorge. Ich werde mich gut um meine Schwester kümmern.«
»Emmett …« Bens Tonfall klingt wie eine Warnung, aber selbst ich weiß, dass Emmett sich nicht von seinem Vorhaben wird abhalten lassen.
»Ben«, ahmt er den Ton seines Bruders nach und fährt das Fenster hoch. »Los geht’s, Süße.«
»Nenn mich nicht so.«
Emmett dreht sich zu mir um, während ich absichtlich so langsam fahre, dass Ben neben uns zu Fuß mithalten kann. »Alle mögen mich, alle außer dir.«
»Mögen dich wirklich alle, oder lässt dein Riesenego dich das nur glauben?«
Sein Lachen schallt durch mein kleines Auto, womit er mir nur noch mehr auf die Nerven geht. »Hier rechts abbiegen.« Er zeigt auf den Weg, und ich folge seiner Anweisung. »Du denkst, ich habe ein großes Ego?«
»Du weißt, dass du ein großes Ego hast.« Ich fahre eine kurvenreiche Straße entlang, an deren Ende allmählich ein Haus in Sicht kommt, groß und schön und genau das, was Gillian schon immer verdient hat.
»Ein großes Ego, das zu einem großen …«
Ich trete voll auf die Bremse, sodass Emmett auf seinem Sitz nach vorne geschleudert wird und mit dem Kopf auf das Armaturenbrett schlägt.
Mitten auf der Straße, die Arme vor der Brust verschränkt, steht Gillian.
»Scheiße.« Emmett betastet seine Stirn und betrachtet anschließend seine Finger, als erwartete er, Blut zu sehen.
Die Augen meiner Schwester sind ausschließlich auf ihn gerichtet. Dann klopft plötzlich eine Faust gegen das Autofenster, als Ben neben uns auftaucht.
Emmett öffnet die Autotür und steigt aus. »Verdammt noch mal, Gillylein.«
Ohne Emmett weiter zu beachten, geht Gillian an ihm vorbei und lässt sich auf den Beifahrersitz gleiten, bevor sie die Tür hinter sich zuzieht und verriegelt.
»Hey«, begrüßt sie mich fröhlich, als ob sie nicht gerade mitten auf der Straße gestanden hätte wie eine verrückte Serienmörderin, die drauf und dran ist, uns in kleine Stücke zu zerhacken.
»Ähm, hi.«
»Fahr ruhig weiter. Ich zeige dir, wo du parken kannst«, sagt sie und wedelt unbestimmt mit der Hand umher.
Ich tue, wie mir geheißen, denn diese Strenge-Mutter-Attitüde liegt ihr echt im Blut. Nachdem meine Mutter abgehauen war, wusste ich genau, womit ich bei Gillian durchkommen konnte und womit nicht. Als sie noch jünger war – also bevor sie Clayton bekam –, konnte ich sie meistens um den Finger wickeln, indem ich damit argumentierte, in meinem Leben keine richtige Mutterfigur gehabt zu haben. In der Regel ließ sie daraufhin die Zügel ein wenig lockerer, aber diese Zeiten sind lange vorbei.
»Stell es dort drüben ab.«
Ich parke mein Auto. Eigentlich hatte ich gar nicht vor, hier raus auf die Ranch zu fahren, aber Gillian meinte, sie wolle mich mal wieder sehen und mir bei der Gelegenheit auch gleich den Schlüssel zu ihrem Haus in der Stadt geben. Sie lässt mich darin wohnen, bis es verkauft ist, und wo ich dann bleiben soll, weiß ich noch nicht.
Wir steigen aus.
»Geh nach Hause, Emmett«, sagt Ben, als die beiden Männer zum Auto gelaufen kommen.
»Du kämpfst mit unfairen Mitteln. Zwei gegen einen, und dann rufst du zur Verstärkung auch gleich noch Gillylein.« Er hält sich immer noch den Kopf. Was für ein Baby.
»Emmett, geh nach Hause. Ich habe kein Essen für dich«, erwidert Gillian, hakt sich bei mir unter und führt mich zur Treppe hoch zur Veranda.
»Kein Problem. Ich habe gerade gegessen. Was mich daran erinnert: Ich muss mein Essen noch aus deinem Auto holen.«
»Gut, tu das und lauf dann einfach gleich weiter zu deinem eigenen Haus«, antwortet Ben.
»Wir haben einen Gast, den ich in Willowbrook willkommen heißen wollte.«
»Du bist nicht im Willowbrook-Willkommensteam«, ruft Gillian über ihre Schulter und steigt mit mir im Schlepptau die Treppe hinauf.
»Onkel Emmett!« Clayton kommt aus dem Haus und wirft der Person, die seinem geistigen Alter am nächsten ist, einen Football zu.
»Scheiße, Clay, warne mich das nächste Mal vor«, ruft Emmett.
»Danke, Kiddo«, sage ich und löse mich von Gillian, um Clayton in eine feste Umarmung zu ziehen.
»Tante Briar«, jammert er, als ich sein Gesicht mit Küssen überziehe, wie ich es schon getan habe, als er noch zwei Jahre alt war. »Komm schon.«
»Oh, entschuldige, ich habe gehört, dass du jetzt eine Freundin hast. Ist sie die Einzige, die dich noch küssen darf?«
Er windet sich aus meinem Griff.
Als ich ihn entkommen lasse, höre ich Gillian und Ben, die in der Zwischenzeit ins Haus gegangen sind, darüber streiten, wieso Emmett hier ist. Ben wirft ein, er könne seinen Bruder nicht kontrollieren, und Gillian faucht zurück, dass er es ja nicht mal versucht hätte. Derart abgelenkt erwischt mich Emmett eiskalt, als er den Ball sehr weit wirft, sodass Clayton hinterherjoggen muss, um ihn zu holen, und wir auf einmal allein sind.
»Sag mir, warum ich gerade eifersüchtig auf einen fünfzehnjährigen Jungen bin«, flüstert er mir ins Ohr und jagt mir einen Schauer über den Rücken. Verflucht sei er.
»Weil ihr beide jede Sekunde des Tages nur an das Gleiche denkt.«
»Komm mit zu mir nach Hause, und ich zeige dir genau, woran ich denke.«
»Ich babysitte keine Fünfjährigen mehr«, erwidere ich und öffne die Fliegengittertür so energisch, dass sie ihm direkt gegen die Nase prallt. »Ups, tut mir leid.«
Er stöhnt und fasst sich an die Nase. »Ihr Adams-Frauen seid echt gefährlich.«
»Das solltest du dir besser merken.« Ich verschwinde in Gillians Haus und hoffe inständig, dass Emmett den Wink verstanden hat und endlich nach Hause geht.
Wenn mein Kopf nur nicht in Dauerschleife die Vorstellung abspulen würde, wie ich mit ihm gehe und er mich von hinten nimmt, während ich uns im Spiegel beobachte. Schleunigst verscheuche ich den Gedanken. Mein Leben ist eh schon kompliziert genug, da habe ich keine Zeit, mich auch noch mit Emmett Noughton zu beschäftigen.
Das Letzte, was ich an einem Sonntagabend tun möchte, ist, an einem weiteren Familienessen teilzunehmen. Diese Tradition ist eigentlich zusammen mit meiner Mutter beerdigt worden, aber nachdem meine Brüder die große Liebe gefunden haben, planen meine neuen Schwägerinnen diese Treffen jede Woche. Ich zitiere: Damit wir uns alle austauschen können.
Worüber müssen wir uns denn austauschen?
Ich arbeite jeden verdammten Tag mit Jude und unserem Dad auf der Rinderfarm. Und wenn Bens Zukünftige mal wieder ihre Reality-TV-Sucht ausleben muss, dann macht er mein Haus zu seinem. Ich sehe meine Familie also oft genug.
Doch da diese regelmäßigen Sonntagsessen anscheinend noch nicht qualvoll genug sind, haben Gillian und Sadie – zwei der drei Neuzugänge in der Familie Noughton – kürzlich auch noch einen Spieleabend eingeführt.
Ich schließe die Haustür hinter mir und gehe die Verandastufen hinunter, fest entschlossen, mir auf dem Weg zu Bens Haus Zeit zu lassen. Wenn ich Glück habe, sind sie mit dem Abendessen schon zur Hälfte fertig. Vielleicht kann ich ja später Bauchschmerzen vortäuschen und mich hinausschleichen, bevor die Spiele ausgepackt werden.
Ich liebe meine Familie. Meine Brüder sind meine besten Freunde, und man kann sich keine besseren Schwägerinnen wünschen als Gillian und Sadie. Und dann ist da noch Gillians Sohn Clayton, der immer für eine Runde Football oder ein Videospiel zu haben ist, oder was auch immer uns einfällt, um nicht am Tisch sitzen und über den Scheiß der Erwachsenen diskutieren zu müssen. Was meine Familie angeht, habe ich also wirklich im Lotto gewonnen, und zwar nicht nur die Rubbellose – ich meine den ganz großen Jackpot. Der so groß ist, dass die Leute Staatsgrenzen überqueren, um Lose zu kaufen. Aber das bedeutet nicht, dass ich den letzten Abend eines jeden Wochenendes mit meiner Familie bei einem Spieleabend verbringen will.
Ihre Stimmen dringen an meine Ohren, noch bevor ich um die Ecke biege. Diesmal haben sie sich auf der Veranda von Bens brandneuem Haus versammelt. Es ist kurz vor Wintereinbruch fertiggestellt worden, und pünktlich dazu hat Gillian ihr altes Haus auf den Markt gebracht.
Als ich die Stufen zur Veranda hochgehe und oben ankomme, richten sich die Augen fast aller Anwesenden auf mich.
Mein Dad steht mit einem Bier in der Hand am oberen Treppenabsatz. »Es hat um siebzehn Uhr angefangen«, sagt er in seinem üblichen Tonfall, der mich ahnen lässt, was er eigentlich sagen will: Ich will keine Ausreden hören. Nächstes Mal bewegst du deinen Arsch sofort hierher.
»Ich wurde aufgehalten.«
Mein Vater schnaubt ungläubig, redet aber nicht weiter auf mich ein. Wer auch immer seine Zufallsbekanntschaft letzte Nacht war, sie muss gut im Bett gewesen sein.
Ich gehe an allen vorbei direkt ins Haus, hole mir ein Bier aus dem Kühlschrank und nehme einen langen Zug, während ich den Blick durch das Wohnzimmer meines Bruders streifen lasse. Bilder von ihm, Gillian und Clayton hängen überall an den Wänden, dazwischen süße Sprüche über Familie, Liebe und gegenseitige Wertschätzung. Seltsam – keine Berge von Schmutzwäsche auf der Couch, der Mülleimer ist leer, und in der Spüle steht kein dreckiges Geschirr. So ist das also, wenn Ben mit einer Frau zusammenlebt.
»Warum kommst du zu spät?«, fragt Ben, als er mir ins Innere folgt und sich anscheinend eine kleine Auszeit davon nimmt, um seine Frau zu scharwenzeln, nur um mich zu nerven.
Augenblicke später kommt auch noch Jude zu uns in die Küche, offensichtlich bereit, sich mit Ben gegen mich zu verbünden. Über die Jahre hat sich nicht viel geändert, sie gehen mir immer noch mächtig auf den Sack.
»Ich war noch mit etwas beschäftigt.« Ich setze mein Bier wieder an die Lippen, da ich jetzt echt nicht über meine Probleme sprechen möchte.
Wir Noughton-Männer sind gut darin, unsere Probleme zu verbergen. Nun, wir sind gut darin, mit niemandem darüber zu reden. Als beide im Begriff waren, ihre Zukunft mit den jeweiligen Frauen, die sie über alles lieben, zu versauen, hat keiner meiner Brüder davon etwas erzählt, aber Dad und ich wussten es dennoch.
»Mit etwas oder jemandem?«, fragt Jude und setzt sich auf den Hocker zu meiner Rechten. Wieso macht er es sich hier drinnen bequem? Die Party findet doch auf der Veranda statt.
»Hast du etwa jetzt schon genug von dem immer selben Geschmack?« Ich ziehe eine Augenbraue hoch und sehe mich mit seinem berüchtigten Todesblick konfrontiert, den er seit seinem sechsten Lebensjahr perfekt beherrscht. Ich halte beschwichtigend die Hand hoch. »Ich dachte, du müsstest vielleicht häufiger deine Fantasie benutzen, jetzt, wo du an Sadie gekettet bist.«
»Du bist ein Arschloch«, erwidert Jude, rutscht vom Hocker und will zurück auf die Veranda gehen.
»Bleib hier«, hält Ben ihn auf. Mein Bruder bleibt stehen und dreht sich um, und auch Ben wendet sich wieder mir zu. »Du wirkst in letzter Zeit so distanziert. Geht es dir gut?«
»Der Winter ist gerade erst vorbei. Mein Vitamin-D-Spiegel ist noch niedrig.«
Schlechte Ausrede, das weiß ich selbst. Und sie auch, aber in den letzten neun Monaten hat sich die Dynamik zwischen uns verändert. Ich bin nur noch ein Anhängsel, wenn sie als Pärchen essen gehen oder gemeinsam kleine Ausflüge zu Weingütern oder Footballspielen in Lincoln planen. Die ersten paar Male war ich auch noch dabei, aber so langsam nervt es, ständig das fünfte Rad am Wagen zu sein. Nicht, dass ich irgendein Interesse daran hätte, ein sechstes hinzuzufügen.
Jude rutscht zurück auf den Hocker, Ben bleibt stehen, ihre Augen nach wie vor auf mich gerichtet.
»Tut mir leid, dass ihr euer Anrecht auf Spaßhaben aufgegeben habt, als ihr euch an Gillian und Sadie gebunden habt.« Ich trinke mein Bier aus und stelle dann die leere Bierflasche auf dem Tresen ab. Ihre Augen folgen der Bewegung meiner Hand, bevor sie sich einen Blick zuwerfen, der wohl so viel heißt wie: »Willst du ihn zur Rede stellen, oder soll ich?«
Ich verstehe ihren Beschützerinstinkt. Ich war noch so jung, als unsere Mom starb. Ich bin mir nicht einmal mehr sicher, ob das Bild von ihr, an das ich mich erinnere, ihr tatsächlich entspricht, und das kotzt mich echt an. Aber mir ist es lieber, wenn meine Brüder mir auf die Nerven gehen, statt dass sie sich so fürsorglich verhalten. Als ob ich ihnen den ganzen Mist, der mir täglich durch den Kopf geht, anvertrauen würde.
»Ich verstehe, dass sich die Familiendynamik verändert hat«, wagt Jude einen ersten Versuch, doch sofort hebe ich die Hand.
»Hört zu. Ich verstehe, dass ihr beide mit euren Gefühlen im Reinen seid, seitdem ihr die Liebe eures Lebens gefunden habt, aber es gibt keinen Grund, sich um mich Sorgen zu machen. Ich bin glücklich damit, single zu sein. Ich bin nicht einsam. Ich liebe mein Leben.«
Sie schauen sich an, und ich vermeide es, mit den Augen zu rollen. Warum tun sie so, als wüssten sie etwas, das ich nicht weiß? Ben liebt Gillian seit der Highschool. Jude ist heillos in Sadie verknallt, seit sie sechs Jahre alt sind. Sehen sie etwa irgendwo am Rand meines Lebens eine Frau stehen, die nur auf mich wartet, während ich genauso planlos durch die Gegend stolpere wie sie damals? Nein.
Gillian kommt herein. Die neue Fliegengittertür fällt nicht mit so einem Knall zu wie die in ihrem alten Haus, darauf hat Ben beim Einbau geachtet, und als Gillian auf halbem Weg in die Küche ist, hört man lediglich ein leises Klicken beim Schließen.
»Störe ich?« Ohne eine Antwort abzuwarten, öffnet sie den Ofen und holt eine Lasagne heraus.
»Ich wusste doch, dass ich was Leckeres gerochen habe.« Ich ignoriere meine Brüder und beuge mich über die Auflaufform voller geschmolzenem Käse und köstlicher Soße. Ich greife nach einem kleinen Stück verbrannter Käsekruste, doch Gillian schlägt meine Hand weg. »Wenn mir eine Frau das hier jeden Abend auf den Tisch stellen würde, würde ich sie auch heiraten.«
Hinter mir ertönt ein spöttisches Schnauben.
Die Haare in meinem Nacken stellen sich auf.
Eine Sirene dröhnt in meinen Ohren.
Mein Körper schaltet auf Alarmbereitschaft.
Briar Adams.
Gillians Halbschwester, die mir immer nur die kalte Schulter zeigt, die nie müde wird, mir gegenüber abfällige Bemerkungen zu machen, und mich immer nur Kleinen Noughton nennt. Hallo!? Ich bin ein paar Zentimeter größer als meine Brüder, und an mir ist aber mal so gar nichts klein. Doch das scheint sie nicht zu interessieren.
Warum hasst sie mich so sehr? Ich habe wirklich keinen blassen Schimmer. Ich bin nicht so der Typ, der auf direkte Konfrontation geht, sondern eher der Entspannte. Jeder liebt mich. Ich bringe den ganzen Raum zum Lachen. Aber Briar Adams würde einen Witz selbst dann nicht erkennen, wenn sie viel Geld dafür bezahlt hätte, in einer vollen Arena in der ersten Reihe zu sitzen und dem angesagtesten Comedian der Stadt zuzuhören.
»Briar«, sage ich mit einem Nicken.
Im Raum wird es auf einmal ganz still. Keiner meiner Brüder sagt ein Wort.
»Ben. Jude. Kleiner Noughton.« Sie nickt uns zu, bleibt auf der anderen Seite der riesigen Kücheninsel stehen und starrt mich an.
Ich drücke meinen Rücken durch, um mich auf die nächste Runde des mentalen Boxkampfes vorzubereiten, den wir im Auto angefangen haben. Danach werde ich nach Hause gehen und mir einen runterholen, da diese Frau mich verdammt noch mal um den Verstand bringt.
Eigentlich hatte ich gar nicht vor, zum Sonntagsessen der Noughtons zu gehen, denn ich habe nicht sonderlich viel übrig für Emmett Noughton. Ich bin nur hier, weil Gillian so gut zu mir war, und auch Ben war immer nett. Bei ihnen stehen Familie, Nähe und Zusammenhalt an erster Stelle, das ist allerdings nicht unbedingt mein Ding.
»Hey, Briar.« Ben will mich umarmen, aber ich weiche zurück, und so klopfen wir uns nur verlegen gegenseitig auf den Rücken.
Jude hebt zum Glück nur die Hand und belässt es bei einem simplen »Hey«.
Die Noughtons sind eine sehr herzliche Familie. Als ich hier ankam, schlang Bruce sofort seine Arme um mich, ohne sich darum zu kümmern, dass ich einen Schritt zurückgewichen bin. Er hielt mich länger fest, als mir lieb war, und drückte mich so fest an sich, als hätte er mich vermisst. Nachdem er mich irgendwann wieder losgelassen hatte, lächelte er mich an und meinte, wie froh er sei, dass ich es heute Abend geschafft habe. Und Judes Frau, die zuckersüße Sadie, wollte trotz ihres kugelrunden Bauches doch tatsächlich vom Stuhl aufstehen, hätte ich sie nicht sofort wieder zurückgescheucht.
So ganz wohl fühle ich mich immer noch nicht mit dieser Familie. Sie ist mir ein Rätsel, das ich nie gelöst bekommen habe. Ich schätze, das kommt davon, wenn dich deine eigene Mutter im Stich lässt und dein Vater so viel arbeitet, dass es ihn viel zu früh ins Grab bringt. Klar, ich habe Koa, meinen Bruder, aber der ist losgezogen, um sich selbst zu verwirklichen.
»Ich bin so froh, dass du endlich wieder zu Hause bist.« Gillian ergreift meine Hand und zieht mich in Richtung Küche. Und somit auch in die Nähe von Emmett.
Ich spüre seine Augen auf mir, fühle, wie sein Blick über mich gleitet, und verdammt, mein Körper reagiert sofort. Soll er sich ruhig ansehen, was er nie haben wird. Ich trage meine eng anliegende Yogahose, den dazu passenden Sport-BH und eine Kapuzenjacke, deren Reißverschluss ich offen gelassen habe. Das lässt zwar nicht gerade viel Platz für Fantasie, aber ich war gerade dabei, mich auf den Unterricht mit meiner neuen Yogaklasse vorzubereiten, als Gillian anrief und sagte, der Makler wolle das Haus sofort einem potenziellen Käufer zeigen. Kaum war ich aus der Einfahrt gefahren, tauchte er auch schon mit einem Pärchen mittleren Alters im Schlepptau auf.
»Tut mir leid, dass du das Haus so schnell verlassen musstest«, sagt Gillian, platziert mich vor ihrer riesigen Kücheninsel und wirft eine Tüte Brot auf die schicke Marmorplatte. »Der Makler sagte, dass diese Leute nach Willowbrook ziehen wollen …«, sie redet weiter, während sie Butter, Knoblauch und weitere Zutaten für das Knoblauchbrot hervorholt, das ich machen soll – nach dem einen Rezept, das meine Mutter perfektioniert und an mich weitergegeben hat, bevor sie abgehauen ist.
Ich schaue rüber zu Emmett, der mich immer noch beobachtet.
»Ich sehe mal nach Sadie«, sagt Jude und verlässt den Raum.
»Ich komme mit.« Ben folgt seinem Bruder. »Emmett?« Er nickt in Richtung der Tür, die zur Veranda führt.
Emmett sagt kein Wort und schüttelt nur den Kopf.
»Alles gut, Gill, wirklich. Danke, dass ich dort wohnen darf, bis es verkauft ist.«
Sie kramt eine Schale hervor und lächelt mich an. »Machst du Witze? Du bist meine Schwester.« Liebevoll streicht sie mir über den Arm, so wie es eine Mutter wohl tun würde, dann dreht sie sich um und holt den Salat aus dem Kühlschrank. »Sorry, dass ich dich hier gleich so einspannen muss, aber du machst einfach das beste Knoblauchbrot.«
»Knoblauchbrot, was?«, wiederholt Emmett, als er sich auf den Tresen schwingt und mich aufmerksam dabei beobachtet, wie ich die Butter in die Schüssel gebe.
»Hast du nichts Besseres zu tun?«, frage ich ihn.
»Emmett, warum schaust du nicht nach, ob jemand noch was zu trinken möchte?«, kommt Gillian mir zu Hilfe, als sie anfängt, den Salat mit einem Messer zu zerkleinern.
Das Geräusch der Klinge, als das Messer auf das Schneidebrett trifft, lässt mich aufschrecken. Ich schaue auf und sehe, dass Gillians Blick böse auf Emmett gerichtet ist.
»Ich bin hier nicht der Gastgeber, dein Ehemann steht da drüben.«
»Er ist nicht mein Mann«, entgegnet Gillian, deren großer Diamantring unter dem hellen Licht der Küchenlampe funkelt.
»Aber so gut wie.« Emmett zuckt mit den Schultern. »Also, Briar, was führt dich zurück nach Willowbrook?«
Ich schaue ihn nicht an, sondern schneide stattdessen den Knoblauch klein. »Der Job als Yogalehrerin hier auf der Ranch.«
»Stimmt. Ich liebe ja den herabschauenden Hund.«
»Emmett«, stöhnt Gillian. »Ben, bitte komm her und hol deinen Bruder«, ruft sie.
»Niedlich. Du bist also einer von denen«, erwidere ich und schnipple den Knoblauch vielleicht eine Spur zu energisch.
»Einer von denen?« Emmetts Interesse scheint geweckt, und ich bereue es sofort, ihn ermutigt zu haben.
»Was ist los?« Ben kommt wieder herein und stibitzt eine Gurke von Gillians Schneidebrett.
»Hilf Emmett dabei, frische Getränke rauszubringen.«
Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie sie Ben einen Blick zuwirft und in unsere Richtung nickt. Gillian hat mich bereits angewiesen, mich von Emmett fernzuhalten, und mir erklärt, dass er das Letzte ist, was ich im Moment brauche. Sie hat keine Ahnung, dass ich Emmett, selbst wenn er der letzte Mann auf Erden wäre und es an uns läge, die Menschheit vor dem Aussterben zu bewahren, in die Eier treten und ihn von einer Klippe stoßen würde. Okay, zugegeben, das war vielleicht etwas dramatisch ausgedrückt.
Emmett lehnt sich dicht an mein Ohr. »Du hast meine Frage nicht beantwortet.«
»Lass uns gehen, kleiner Bruder«, sagt Ben, aber Emmett bewegt sich keinen Zentimeter.
»Warte mal. Ich unterhalte mich gerade mit Briar.« Emmett zieht eine Augenbraue hoch und sieht mich an.
Warum konnte er nicht fünfzig Kilo zunehmen und ein paar Leberflecken im Gesicht bekommen? Oder wenigstens ein paar Zähne verlieren? Aber nein, die vergangenen Jahre haben Emmett nur noch muskulöser und definierter gemacht, und sein Kinn ist ein gottverdammtes, gemeißeltes Meisterwerk. Ich wette, er könnte mich an die Wand drücken und alle meine Probleme wegvögeln.
Hastig verwerfe ich den Gedanken und ermahne mich selbst, dass ich den Mann hasse. »Du siehst Yoga nur als potenzielle Sexstellungen.«
»Emmett!«, wiederholt Ben, diesmal lauter.
Zu meiner Überraschung rutscht Emmett tatsächlich vom Tresen. »Ich wollte nur mal deinen tollen Hintern in die Luft gestreckt sehen.«
»Verdammte Scheiße«, knurrt Ben. »Beweg deinen Arsch nach draußen.«
Emmett lacht und zwinkert mir zu, bevor er sich seinem Bruder zuwendet. »Wir haben doch nur über ihre Arbeit geredet. Du kannst mir nicht vorwerfen, dass ich Small Talk betreibe.«
»Von wegen Small Talk.«
Sie gehen hinaus auf die Veranda, und durch das Fenster sehe ich noch, wie Emmett die Hände hochhält und Clayton auffordert, ihm den Ball zuzuwerfen.
»Tut mir leid. Er kann manchmal ganz schön anstrengend sein«, sagt Gillian.
Ich schüttle den Kopf über meine liebe Schwester, die mich praktisch aufgezogen hat. Sie ist wirklich die Beste. »Mit Emmett Noughton werde ich schon fertig.«
Dann muss ich jedoch mit ansehen, wie er eine Hand auf das Geländer der Veranda legt, darüberspringt und es so mühelos wirken lässt, wie seine Beine hinüberschwingen und sein ganzes Gewicht von seinem prallen Bizeps getragen wird. Noch einmal muss ich mich daran erinnern, warum ich Emmett hasse. Ich bin im Moment nicht in der Verfassung, etwas mit einem Mann anzufangen, und schon gar nicht mit einem Mannskind wie Emmett.
»Also, Ben wird mit ihm sprechen«, versichert mir Gillian, während sie den Salat wäscht und ihn dann beiseitestellt.
Ich verteile die Knoblauchbutter auf dem Brot, bevor Gillian es in den Ofen schiebt, dann eine Weinflasche aus dem Kühlschrank holt und sich zwei Gläser schnappt. Fasziniert sehe ich zu, wie sie den Wein in die beiden Kristallgläser schenkt. Er sieht wirklich lecker aus, und Gott weiß, dass meine angespannten Nerven das jetzt gut gebrauchen könnten.
Sie schiebt mir über den Tresen ein Glas zu, doch ich lasse die Schultern sinken. »Morgen ist mein erster Arbeitstag, und von Wein bekomme ich immer Kopfschmerzen.«
Gillian legt den Kopf schief, und ich bereite mich darauf vor, dass sie mich nun bedrängen wird. Doch stattdessen antwortet sie: »Dann bleibt mehr für mich. Wasser ist im Kühlschrank.« Plötzlich klingelt auf dem Tresen ihr Telefon. »Oh, das ist der Makler.« Sie streicht mit dem Daumen über das Display und geht eilig ins Wohnzimmer. Das gesamte untere Stockwerk ist als ein einziger offener Raum gestaltet. »Hallo?«
Ich schaue nach dem Knoblauchbrot und schreibe mir innerlich eine Notiz, dass ich in ein paar Minuten noch einmal danach sehen muss.
»Das gibt’s doch nicht! Ist das Ihr Ernst?«, fragt Gillian und macht große Augen. »Nun, ja, ich denke schon.« Ihr Lächeln wird eine Spur schmaler, und auf einmal sieht sie mich ganz komisch an. »Nein, ich verstehe, was Sie meinen. Okay, also …«, sie verstummt erneut, ihr Blick verharrt eine ganze Weile auf mir. »Ja, natürlich. Ja. Auf jeden Fall. Ich nehme es an.«
