Verlag: Sieben Verlag Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2016

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E-Book-Beschreibung Kleeblatt und Kilt - Sylvia Pranga

Eine Irin und ein Schotte - Julie und Aidan könnten nicht unterschiedlicher sein. Davon ist Julie überzeugt. Sie hält Aidan für einen Weiberheld und wehrt seine Avancen daher beharrlich ab. Als äußere Umstände sie dazu zwingen, mit Aidan in einem Haus zu wohnen, glaubt sie, dass es nicht schlimmer kommen kann. Womit sie nicht rechnete, ist Aidans Charme, Humor und Hartnäckigkeit sowie das Dazwischenfunken ihrer eigenen Gefühle ...

Meinungen über das E-Book Kleeblatt und Kilt - Sylvia Pranga

E-Book-Leseprobe Kleeblatt und Kilt - Sylvia Pranga

Kleeblatt und Kilt

Sylvia Pranga

Kleeblatt und Kilt© Sylvia Pranga

© 2016 Sieben Verlag, 64823 Groß-Umstadt© Covergestaltung Andrea Gunschera

ISBN Taschenbuch: 9783864435966ISBN eBook-PDF: 9783864435973ISBN eBook-epub: 9783864435980

www.sieben-verlag.de

Kapitel 1

Ich hatte nur einen Moment nicht aufgepasst. Da war es passiert. Nichts konnte es rückgängig machen.

„Warum haben Sie das gemacht?“

Bei meiner Frage blinzelte der Fremde auf mich herunter.

Das intensive Blau seiner Augen war beeindruckend, aber davon wollte ich mich nicht ablenken lassen.

„Was meinen Sie?“

„Den Stein. Sie haben ihn ins Wasser geworfen.“

Er zuckte mit den von einer schwarzen Lederjacke umspannten Schultern.

„Na und? Hier liegen genug davon herum. Nehmen Sie einen anderen.“

Als er lächelte, tanzte in seinen Augen die Frechheit von einem Dutzend irischer Kobolde.

„Das geht nicht. Auf dem war eine fossilierte Muschel.“

„Oh. Das tut mir leid. War sie wertvoll?“

„Darauf kommt es nicht an. Ich habe Stunden gebraucht, um sie zu finden.“

„Das wusste ich nicht. Der Stein war so schön flach. Er ist sechs Mal gehüpft.“

Er hatte mein Fossil als Hüpfstein benutzt. Es war nicht zu fassen.

„Meinen Glückwunsch. Dann liegt der Stein jetzt so weit im Wasser, dass er unerreichbar ist.“

Sein Lächeln war eher aufreizend als schuldbewusst.

„Wie schon gesagt, es tut mir leid. Kann ich es wiedergutmachen?“

„Nein. Das Fossil ist weg.“

Er lachte und die Kobolde waren wieder da.

„Ach, kommen Sie. Ganz unschuldig sind Sie nicht daran. Warum haben Sie den Stein auf den Boden gelegt?“

Ich riss den Kopf hoch. Das gab dem kalten Wind Gelegenheit, meine Haare aus der Kapuze zu zerren und mir das Wasser in die Augen zu treiben.

„Ich habe mich auf dem Felsen ausgeruht. Das Fossil lag direkt neben mir. Sie müssen gewusst haben, dass es meins ist.“

Er lächelte verschmitzt.

„Ich wollte mit Ihnen ins Gespräch kommen. Es hat geklappt.“

Seine Unverfrorenheit machte mich einen Moment sprachlos.

„Dafür haben Sie mein Fossil weggeschmissen? Hätte eine Frage es nicht auch getan?“

„Okay, ich versuch's. Darf ich Sie zu einem Kaffee einladen?“

„Damit Sie herausfinden können, wie weit meine Untertasse fliegt? Nein, danke.“

Er täuschte einen gekränkten Blick vor, bei dem seine Augen jedoch übermütig funkelten.

„Das ist hart. Ich bin ein ganz Lieber, Sie verpassen was.“

„Dann seien Sie mein Held. Springen Sie in die Fluten und retten Sie mein Fossil.“

Er wandte den Kopf zu den schiefergrauen Wellen des Ärmelkanals. Eine Böe riss an seinem dunkelbraunen Haar. Als er mich wieder ansah, wirkte er kleinlaut.

„Es ist Winter und ich habe keinen Neoprenanzug dabei. Das ist unfair. Ich spendiere Ihnen einen Kaffee und ein Fossil Ihrer Wahl aus einem der Läden auf der Promenade.“

Ich stöhnte laut. Die Allerweltssteine in den Touristenläden waren kein Ersatz für mein Fossil. Ich drehte mich um und stapfte über den nassen Sand zur Treppe, die zum Parkplatz führte.

„Warten Sie doch. Was ist denn nun mit Kaffee und Fossil?“

Ich antwortete, ohne mich zu ihm umzudrehen.

„Kein Interesse.“

„Tee und Geode?“

Seine Hartnäckigkeit war beeindruckend, das musste ich mit einem heimlichen Lächeln zugeben.

„Auch nicht.“

Ich trampelte die Holzstufen hinauf und erreichte den Parkplatz. Mein Auto stand am anderen Ende und bis ich dort angekommen war, wurde ich den Kerl nicht los. Inzwischen hatte er mir drei weitere Getränke und Steinarten angeboten. Zumindest war er kreativ. Ich drehte mich zu ihm um.

„Ich fahre jetzt in mein Motel, ohne Steine und Heißgetränke.“

Er probierte es mit dem gekränkten Dackelblick, was bei seinen Koboldaugen jedoch wirkungslos blieb. Als ich vom Parkplatz fuhr, sah ich im Rückspiegel, dass er mir nachstarrte, die Hände tief in den Taschen seiner Lederjacke vergraben. Jetzt tat es mir leid, so abweisend gewesen zu sein. Diese blauen Augen wären ein Gespräch bei einer Tasse Tee wert gewesen.

Mein geliebtes Heißgetränk wollte ich mir nicht entgehen lassen, auch wenn ich es wieder allein trinken musste. Ich fuhr zu einem kleinen Café, das Tee und Gebäck nach meinem Geschmack servierte. Nach diesem Verlust wollte ich mir ein paar Waffeln gönnen.

Zehn Minuten später lehnte ich mich nach dem ersten Schluck Tee zurück. Durch das Fenster beobachtete ich die wenigen Passanten. Der auffrischende Wind riss an Haaren, Mützen und Mänteln und ließ die Weihnachtsbeleuchtung über ihnen schaukeln. Ich war froh, im Warmen zu sitzen.

„Das hier ist also Ihr Motel?“

Ich fuhr zusammen und ließ beinahe meine Tasse fallen. Nachdem ich sie abgestellt hatte, drehte ich mich um und sah direkt in seine lachenden Koboldaugen.

„Verfolgen Sie mich etwa?“

Ich hatte unbeabsichtigt so laut gesprochen, dass ein paar Gäste zu uns herübersahen und die Kellnerin die Stirn runzelte.

„Was blieb mir anderes übrig? Sie wollten mich ja nicht mitnehmen.“

„Aus gutem Grund. Wer weiß, was Sie noch anstellen.“

Er wechselte gewandt vom Nachbartisch zu der Bank mir gegenüber.

„Warum sind Sie so kratzbürstig?“

„Weil ich gestalkt werde.“

Er lachte und die Kobolde tanzten.

„Bestimmt nicht, nur die Ruhe. Ich bin übrigens Aidan.“

„Wie einfallsreich für einen Iren.“

Er runzelte tadelnd die Stirn.

„Ich bin Engländer mit schottischen Wurzeln.“

„Heiliger Sankt Patrick, hilf!“

Er grinste und streckte seine langen Beine unter dem Tisch aus. Schnell zog ich meine Füße unter den Stuhl, um eine Kollision zu vermeiden.

„So schlimm ist das nicht, finde ich. Wie heißen Sie?“

„Jane Goodall.“

Seine Augenbrauen verschwanden unter seinen zerzausten Haaren.

„Was machen die Schimpansen? Sie haben sich gut gehalten, dafür dass Sie in den Dreißiger Jahren geboren wurden.“

Zumindest reichte sein Wissen nicht nur dafür, eine Frau zu verfolgen. Das gefiel mir.

„Wie heißen Sie wirklich?“

Das kleine Wortgefecht begann mir immer mehr zu gefallen.

„Ich will Ihnen das Stalken nicht leichter machen.“

Er legte einen Finger an die Lippen.

„Hm. Dann muss ich raten. Britney, Amber, Tiffany?“

Ich verdrehte die Augen.

„Sehe ich aus wie eine dieser hohlen Nüsse, die keine Gelegenheit auslassen, sich lächerlich zu machen?“

„Okay. Wie wäre es mit Eleanor, Emma oder Elizabeth?“

Ich musste schmunzeln.

„Lesen Sie Austen oder war das Zufall?“

Er legte den Kopf schief und lächelte spitzbübisch.

„Sagen wir, dass ich Austen lese. Das macht bei Frauen immer einen guten Eindruck. Heißen Sie vielleicht wirklich Jane?“

Mein Seufzer war tiefer als der Loch Ness.

„Geben Sie Ruhe, wenn ich es Ihnen sage?“

„Nein. Aber noch weniger, wenn Sie es mir nicht sagen.“

Mit einer Mischung aus Ungeduld und Erheiterung schob ich meinen Teller beiseite und stützte die Ellbogen auf den Tisch.

„Warum interessiert Sie das so?“

„Ich kann nicht widerstehen. Sie sehen aus wie eine verfrühte Weihnachtselfe. Einfach süß.“

Ich fuhr hoch.

„Süß? Ich bin doch kein rosa Zuckerguss.“

„Reagieren Sie immer so gereizt auf Komplimente?“

Unbeeindruckt von meinem abweisenden Verhalten, zupfte Aidan ein Stück Waffel von meinem Teller und steckte es sich in den Mund.

„Dann muss ich mir etwas anderes einfallen lassen. Vorhin auf dem Fels sahen Sie aus wie Julia auf ihrem Balkon.“

Ich zuckte zusammen und senkte den Blick auf meine Tasse. Meine Antwort richtete ich an das kalt werdende Getränk.

„Wollen Sie enden wie Romeo? Dann machen Sie weiter.“

Er hörte auf, meine Waffeln zu essen und versuchte, mir in die Augen zu sehen.

„Was ist los? Der Tee kann nicht interessanter sein als ich. Moment mal … heißen Sie tatsächlich Julia?“

Ich riss den Kopf hoch. Die Kobolde schlugen triumphierende Purzelbäume.

„Sind Sie jetzt zufrieden?“

„Oh, nein, ich möchte noch viel mehr über Sie erfahren.“

Aufstöhnend schob ich meinen Teller endgültig beiseite. Dieser Mann war die beste Diät, und ich hasste Diäten.

„Ich hoffe, dass Sie mit Enttäuschungen leben können. Ich gehe jetzt nämlich.“

Als ich meine Rechnung zahlte, stand er direkt hinter mir. Meine Nackenhaare richteten sich auf. Der Mann hatte den Oscar für die beste Hauptrolle als Nervensäge verdient. Bevor ich in mein Auto steigen konnte, sprach er mich noch einmal an.

„Sehen wir uns wieder?“

„Wohl nicht.“

Dann knallte ich die Tür zu und fuhr los. Dieses Mal sah ich nicht in den Rückspiegel, aber mein heimtückisches Unterbewusstsein beschwor seine blauen Koboldaugen herauf. Das war kindisch, daher schüttelte ich diese Gedanken ab, indem ich das Radio laut aufdrehte und ein Weihnachtslied mitsang.

Als ich den Mietwagen vor meinem Motel parkte und ausstieg, breitete sich Enttäuschung in mir aus. Aidan war mir nicht gefolgt. Erschrocken über dieses Gefühl rannte ich in die Lobby und nahm die Treppe zu meinem Zimmer im dritten Stock. Dort angekommen, ließ ich mich aufs Bett fallen. Ich hatte Hunger, aber mein Magen fühlte sich so verknotet an, dass ich nichts essen konnte.

Neben meinem Ohr piepste es. Mein Handy, das ich absichtlich im Zimmer vergessen hatte, meldete, dass während meiner Abwesenheit Anrufe eingegangen waren. Ich musste die Rückrufe erledigen.

Meine Schwester Rhonda nahm nach dem vierten Klingeln ab. Im Hintergrund stritten sich die Kinder.

„Julie, wo warst du?“

„Am Strand. Deswegen bin ich hierher gekommen.“

„Bei der Kälte? Und warum hast du dein Telefon nicht mitgenommen?“

Rhonda gelang es, gleichzeitig besorgt und vorwurfsvoll zu klingen.

„Wieso? Gibt es etwas Wichtiges?“

„Nein, aber es hätte ja sein können.“

Ich verdrehte die Augen. Meine Schwester hatte ihre eigene Logik. Als sie weitersprach, wünschte ich mir, dass ich das Handy mit zum Strand genommen und ins Wasser geworfen hätte.

„Ich muss noch mal mit dir über deine Pläne für Weihnachten sprechen.“

„Daran hat sich nichts geändert.“

„Das willst du Mom und Dad wirklich antun?“

Der billige Trick, mir ein schlechtes Gewissen einzureden, funktionierte bei Rhonda wie auf Knopfdruck.

„Ich weiß nicht, was du meinst. Sie haben sehr gelassen reagiert. Schließlich sind ihre beiden anderen Töchter und ihre neun Enkelkinder zu Weihnachten bei ihnen. Da können sie auf mich ausnahmsweise mal verzichten.“

„Das eine hat doch mit dem anderen nichts zu tun. Sie werden dich vermissen, Julie.“

Auf meinen Vater mochte das zutreffen, auch wenn er viel zu stolz war, um es zuzugeben. Meine Mutter hingegen war so mit der Zubereitung des Weihnachtsessens und dem Verwöhnen ihrer Enkelkinder beschäftigt, dass ihr meine Abwesenheit gar nicht auffallen würde.

„Ab Neujahr verbringe ich ein paar Tage bei ihnen. Bis dahin werden sie es aushalten müssen.“

„Du kannst richtig kaltherzig sein. Hast du auch mal an uns gedacht? Caitlin und ich sind im Januar nicht mehr bei Mom und Dad. Wann sehen wir dich wieder?“

„Spätestens im März, wenn wir zusammen Dads siebzigsten Geburtstag feiern.“

Rhonda schnaufte empört.

„Du sagst das, als sei es übermorgen. Willst du uns nicht sehen?“

Ich spürte, wie mir das Blut in die Wangen schoss.

„Das ist doch Quatsch, Rhonda. Ich sehe euch wesentlich häufiger als John und Calum. Deswegen verbringe ich Weihnachten dieses Jahr bei ihnen.“

„Was willst du bei zwei Schwulen? Nicht, dass ich etwas gegen Homosexuelle hätte. Aber du wärst bei uns besser aufgehoben, schließlich ist Weihnachten das Fest der Familie. Caitlin und ich hatten eine Überraschung für dich.“

Nein, nicht schon wieder. Das konnte nur eins bedeuten. Mein Magen probierte einen neuen Seemannsknoten.

„Rhonda, hast du einen Typen eingeladen, mit dem du mich verkuppeln willst?“

Jetzt nahm ihre Stimme einen schmeichelnden Ton an. „Ich meine es nur gut mit dir, das weißt du. Schließlich bist du dieses Jahr fünfunddreißig geworden. Da kannst du nicht mehr wählerisch sein. Ich weiß deshalb nicht, was du gegen Fred gehabt hast.“

„Oh, eigentlich nichts. Ich habe ihn aus einer Laune heraus abblitzen lassen. Welche Frau träumt schließlich nicht von einem Mann, der fünfzehn Jahre älter ist als sie, zwei Ex-Frauen und sechs Kinder hat und mit seinem Pub kurz vor der Pleite steht?“

„Du siehst immer nur die Nachteile. Fred ist warmherzig und humorvoll.“

Meine Empörung machte sich in einem Schnauben Luft. „Ja, er will jede Frau in seiner Umgebung wärmen und lacht über Männer, die er niedergeschlagen hat. Ein wahrer Traumtyp.“

„Na ja, vielleicht war er wirklich nicht der Richtige für dich. Aber Stan ist ganz anders, glaub mir.“

„Ich werde es wohl nie erfahren.“

„Julie, das ist wahrscheinlich deine letzte Chance. Caitlin und mir gehen langsam die Singles aus.“

„Sankt Patrick sei Dank!“

„Willst du dein Leben lang allein bleiben?“

„Ja, aber ihr wollt mich nicht lassen.“

Rhonda knurrte ungeduldig. „Ich verstehe dich nicht, Julie.

Wir meinen es nur gut mit dir.“

„Ja, ich weiß. Ich wünsche euch ein frohes Fest.“

„Du kommst also nicht?“

„Nein. Ich steige morgen in den Zug nach London.“

„Okay, wie du willst.“

Rhonda unterbrach die Verbindung. Leider würde ihre Wut auf mich nicht lange genug anhalten, um mich in Ruhe zu John fahren zu lassen. Spätestens morgen Mittag würde sie nochmals anrufen. Seufzend ließ ich mich in die Kissen zurückfallen. Dann rief ich John an. Seine tiefe Stimme war wie Baldrian für meine strapazierten Nerven.

„Wir freuen uns schon auf dich. Dieses Jahr habe ich einen riesigen Weihnachtsbaum und es gibt ein Drei-Gänge-Menü, natürlich vom Caterer.“

„Fantastisch. Bei euch kann ich so viel essen, wie ich will, ohne tadelnde Blicke befürchten zu müssen.“

John lachte, was mich reflexartig strahlen ließ.

„Auf jeden Fall. Es ist genug da und ich käme mir komisch vor, wenn meine Gäste nur daran picken. Übrigens kommt Calums Bruder auch. Das habe ich vergessen, dir zu sagen.“

Ich zuckte die Schultern. „Wenn er Calum ähnelt, mag ich ihn jetzt schon.“

„Sie sind fast wie Zwillinge.“

„Gut. Ich freue mich auf morgen Abend.“

Jetzt war ich wieder bestens gelaunt. Bei John und Calum würde ich mich entspannen. Bevor ich morgen meinen Zug nach London nahm, hatte ich noch Zeit für einen ausgiebigen Spaziergang am Strand. Vielleicht würde ich noch ein Fossil finden.

*

Eine weitere Böe peitschte mir ins Gesicht und ließ meine Augen tränen. Ich konnte den Boden vor mir kaum erkennen. So würde ich eventuelle Fossilien auf keinen Fall finden. Ich bibberte vor Kälte und jetzt setzte auch noch eisiger Sprühregen ein.

Mir reichte es. Ich nutzte die nächste Gelegenheit, um den Strand zu verlassen. Nachdem ich einen schmalen Sandweg zurückgelegt hatte, fand ich mich in einem Neubaugebiet wieder. Im Gegensatz zu den sonstigen geschmacklosen Anlagen fügten sich die Ferienhäuschen mit ihren dunklen Schindeldächern gut in die Landschaft ein. Soweit ich sehen konnte, hatte man sogar Rücksicht auf den Wald genommen und so wenige Bäume wie möglich gefällt.

Zwischen den Häuschen war ich vor dem immer mehr auffrischenden Wind geschützt. Jetzt musste ich nur noch einen Weg zurück zum Parkplatz finden, um von dort aus zum Bahnhof zu fahren. Ich malte mir schon eine Tasse Tee und ein Stündchen Lesen in einem Café aus, bis mein Zug fuhr.

Als ich meine Kapuze, die mir der Wind ins Gesicht gedrückt hatte, zurückschob, sah ich vor mir zwei Gestalten, einen Mann und eine Frau. Ich zollte ihr Respekt dafür, dem Wetter in einem knielangen Rock und dünnen Strümpfen zu trotzen. Mit einem neidischen Seufzen befand ich, dass ich solche Beine auch bei jeder Gelegenheit zeigen würde.

Jetzt hielten sie an und wandten sich einander zu. Ich stoppte. Sie hatten mich noch nicht bemerkt, und ich wollte keine romantische Szene stören. Tatsächlich beugte er sich zu ihr hinunter und küsste sie. Ich wandte den Blick ab und betrachtete die Ferienhäuschen. Als ich wieder in ihre Richtung schielte, stöckelte sie auf ihren High Heels den Weg hinunter und stieg in einen Sportwagen. Der Motor heulte auf und das Auto verschwand aus meinem Blickfeld.

Der Mann hatte umgedreht und kam auf mich zu. Ich erstarrte. Er grinste.

„Guten Morgen. Ist Julia auf der Suche nach Romeo?“

„Nur wenn es mir unbekannte Fossilien gibt, die so heißen.“

Ich stapfte an ihm vorbei, ohne ihn anzusehen. Davon ließ er sich erwartungsgemäß nicht entmutigen. Er begleitete mich.

„Findest du Steine tatsächlich interessanter als Männer?“

Bei meiner Antwort hielt ich meinen Blick auf den Weg vor mir gerichtet.

„Es kommt darauf an, welche Exemplare ich von beiden Sorten finde.“

Obwohl ich seine Augen nicht sehen konnte, hörte ich die frechen Kobolde in seiner Stimme.

„Ich bin eine Untersuchung wert.“

„Nein, danke. Ich teile Forschungsobjekte nicht gerne.“

„Oh. Aber ich bin interessant genug für zwei.“

Ich stoppte und riss meinen Kopf zu ihm hoch. Seine Augen funkelten übermütig.

„Und ich bin mir zu schade für die zweite Geige.“

„Wenigstens hast du mich angesehen. Immer muss ich dich provozieren, um deine Aufmerksamkeit zu bekommen.“

Ich knurrte ungehalten.

„Weiß deine Freundin, dass du mit anderen flirtest?“

„Ich bin nicht mit ihr zusammen.“

Ich verdrehte die Augen und ging weiter den Weg hinunter.

„Warum läufst du dauernd weg?“

„Ursache und Wirkung. Ich sehe dich und den Rest kannst du dir denken.“

Er lachte laut. Zumindest wusste er Schlagfertigkeit zu schätzen.

„Ach komm, in Wirklichkeit findest du mich interessant. Du traust dich nur nicht, es zuzugeben.“

Langsam schien ich mich an seine Dreistigkeit zu gewöhnen, denn ich wurde bei seiner Bemerkung nicht einmal wütend.

„Ich hätte Psychologie studieren sollen. Dann würde ich vielleicht verstehen, warum manche Männer so überheblich sind.“

„Was hast du denn stattdessen studiert?“

„Meeresbiologie.“

Warum sagte ich ihm das? Ich wollte nicht auf einen Mann eingehen, der gern mehrgleisig fuhr.

„Wow. Jetzt bedauere ich wirklich, das Fossil ins Wasser geworfen zu haben.“

Ich riss den Kopf zu ihm hoch. Da war sie, die vermisste Wut.

„Ach, und vorher nicht?“

„Na ja, ich wollte irgendwie deine Aufmerksamkeit bekommen. Und immerhin ist der Stein sechs Mal gehüpft.“

Ich konnte es nicht fassen.

„Damit wolltest du mich beeindrucken? Das fand ich schon mit zehn nicht mehr aufregend.“

„Wohin willst du eigentlich?“

„Weg.“ Schweigend beschleunigte ich meine Schritte, aber mit seinen langen Beinen hielt er mühelos mit. Fast im Laufschritt nahm ich die nächste Biege des Weges und stand vor einem zwei Meter hohen Zaun.

„Das kommt davon, wenn man zu einem tollen Typ so abweisend ist.“

Ich ignorierte ihn und ging zurück. Irgendwie würde ich den Weg zum Parkplatz auch ohne seine Hilfe finden. Im Neubaugebiet stoppte ich und sah mich genauer um. Irgendwo musste es einen weiteren Weg geben. Ich wollte nicht zum Strand zurück.

„Gefallen dir die Häuser?“

Zum Glück hatte Aidan mein Anhalten falsch interpretiert.

„Ja, sehr sogar. Es sind keine Einheitsmietklötze, die die Landschaft verschandeln.“

„Freut mich, dass du es so siehst. Mein Architekturbüro hat sie entworfen.“

„Dann haben deine Leute gute Arbeit geleistet.“

Er stemmte die Hände in die schmalen Hüften und schüttelte den Kopf.

„Wenn deine Zunge noch schärfer wird, kannst du damit Diamanten schneiden.“

Ich wandte mich ab und ging weiter, damit er mein triumphierendes Lächeln nicht sah. Eher würde ich mir meinen Diamantenschneider abbeißen, als ihn nach dem Weg zu fragen. Über den Strand würde ich auf jeden Fall zurückfinden. Er ging neben mir her.

„Du wirst mir nicht sagen, wohin du willst? Lieber verläufst du dich?“

„Ich weiß, wie ich zurückkomme.“

Er seufzte, hielt an und legte mir die Hand auf den Arm, sodass ich auch stoppte.

„Das Angebot für Kaffee und Fossil gilt noch. Ebenso alle anderen Variationen.“

„Nein, danke.“

Ich durfte meinen Zug nicht verpassen, sonst wäre ich vielleicht in Versuchung gewesen.

„Okay. Ich wünsche dir ein frohes Fest. Feierst du mit deiner Familie in Irland?“

„Nein, bei Freunden in der Nähe von London.“

„Wahrscheinlich kommst du auf dem Rückweg nicht wieder hierher?“

Mir gefiel sein hoffnungsvoller Ton. Ich unterdrückte ein Schmunzeln.

„Genau das hatte ich vor. Hier an der Jurassic Coast gibt es viele Fossilien.“

„Gut, ich werde nach dir Ausschau halten.“

Er ging in die entgegengesetzte Richtung davon und ich widerstand der Versuchung, ihm nachzusehen.

*

Die ganze Zugfahrt über hatte mich mein Unterbewusstsein dazu gezwungen, an Aidan zu denken. Ich hatte keine einzige Seite meines Buches gelesen. Was für eine Zeitverschwendung.

Aidan war eine Zufallsbekanntschaft, ich würde ihn nie wiedersehen. Ab sofort würde es zum Glück genug Ablenkung geben.

Bereits beim Aussteigen entdeckte ich John auf dem Bahnsteig. Das war kein Kunststück, da er alle anderen überragte. Ich ließ meinen Trolley stehen, rannte auf ihn zu und umarmte ihn stürmisch. Wie dabei üblich, verloren meine Füße die Bodenhaftung.

Als John mich wieder absetzte, musterte ich ihn. Er sah glücklich aus. Das verbesserte meine Laune umgehend. Bevor Diebe zuschlagen konnten, sammelte John mein Gepäck ein, und wir gingen zum Ausgang. In seinem Bentley fuhren wir durch das abendliche London. Es herrschte ein höllischer Verkehr, der mich an den Rand eines Nervenzusammenbruchs gebracht hätte. John war die Ruhe selbst.

„Wie war es an der Jurassic Coast? Mich erinnert der Name immer an den Film Jurassic Park. Aber ich vermute, dass du dort keine Dinoknochen findest.“

„Nur sehr selten. Trotzdem sind die Fossilien interessant. Wenn es einem vergönnt ist, sie zu behalten.“

John sah mich kurz mit hochgezogenen Brauen an.

„Wie meinst du das?“

„Ach, irgend so ein Typ wollte mich anbaggern und hielt es für eine gute Idee, mein Fossil als Hüpfstein zu benutzen.“

John lachte kopfschüttelnd.

„Ich kann ihm nicht verdenken, dass er dich kennen lernen wollte. Aber er hat es sehr ungeschickt angestellt.“

„Ja, und er war kein Gentleman. Er ist nicht in den Ärmelkanal gesprungen, um das Fossil zurückzuholen.“

„So ein Weichei.“

Ich genoss es, John auf der Fahrt ganz für mich allein zu haben. So sehr ich Calum mochte, spürte ich mit John eine ganz besondere Verbundenheit. Heimlich hatte ich ihn als meinen großen Bruder adoptiert. Daher war ich fast ein wenig enttäuscht, als wir ankamen.

Doch das Gefühl verflog schnell, als ich ins Wohnzimmer ging. Im Kamin flackerte ein Feuer, an dem riesigen Weihnachtsbaum brannten hunderte kleine Lichter und der Duft nach Tee und Gebäck durchzog den Raum. Ich fühlte mich sofort behaglich und willkommen.

Der Golden Retriever Sammy stürmte mir entgegen und riss mich in seiner Begeisterung fast von den Füßen. Nachdem ich mein Gleichgewicht wiedergefunden hatte, begrüßte ich Calum und dessen Teenager-Söhne Andy und Reuben.

Weihnachten nur unter Männern, von denen keiner als Partner für mich in Frage kam. Besser konnte es nicht werden. Mit einer Tasse Tee, die John mit einem kräftigen Schuss Rum verfeinert hatte, lümmelte ich in einem Sessel vor dem Kamin. Während John und Calum sich unterhielten und die beiden Jungen von den Displays ihrer Smartphones hypnotisiert waren, träumte ich vor mich hin. Dabei wollte ich mir nicht eingestehen, dass meine Gedanken immer wieder zu einem großen Mann mit blauen Augen zurückwanderten.

Als es klingelte, zuckte ich zusammen. Ich sah auf die Uhr. Für das Essen war es eigentlich noch zu früh. Ich rappelte mich hoch, um John beim Tragen der Leckereien zu helfen.

Den Flur sollte ich nie erreichen. An der Wohnzimmertür stieß ich fast mit einem Mann zusammen. Im ersten Moment sah ich nur seinen dunkelgrünen Wollpullover. Ich habe nicht gerade Gardemaß und alle Männer hier schienen sich verschworen zu haben, Hünen zu sein. Ich riss den Kopf nach oben.

Oh, nein.

Kapitel 2

Die Kobolde führten einen Veitstanz auf.

„Der Weihnachtsmann meint es dieses Jahr gut mit mir. Er hat mir seine süße Elfe Julia geschickt.“

John war hinter Aidan aufgetaucht und sah zwischen uns beiden hin und her.

„Ihr kennt euch?“

„Er ist der Fossil-Werfer.“

John brach in schallendes Gelächter aus, was Calum und seine Söhne anlockte. Nachdem ich ihnen alles erzählt hatte, unterstützten sie John dabei, Aidan auszulachen.

Allerdings wurde auch ich zur Zielscheibe von Johns gutmütigem Spott.

„Du kennst Calum seit Monaten und merkst nicht, wie ähnlich Aidan ihm sieht? Viele haben die beiden schon für Zwillinge gehalten.“

Ich musste mir eingestehen, dass ich es jetzt auch sehen konnte. Wenn Aidan seinen Dreitagebart abrasieren würde, könnte man sie tatsächlich für Zwillinge halten.

„Ja, aber Calum war immer nett zu mir. Darum habe ich die Ähnlichkeit nicht bemerkt.“

Mit Genugtuung stellte ich fest, dass die Kobolde vorerst die Waffen streckten. Aidan ließ sich in den Sessel meinem gegenüber fallen und beobachtete mich.

Jetzt traute ich mich nicht mehr, von den Plätzchen zu naschen. Mein Verstand sagte mir, dass das albern war. Aber mein Bauch gaukelte mir vor, dass mir Aidans Spott und Verachtung sicher wären, wenn ich als kurvige Frau solche Kalorienbomben essen würde. Genau aus diesem Grund hatte ich mich auf ein Weihnachtsfest mit John und Calum gefreut. Ich war überzeugt, dass es sie nicht im Geringsten interessierte, wie viel ich aß und trank und was das für meine Figur bedeuten könnte.

Jetzt musste ich wegen Aidan unfreiwillig Diät halten. Ich merkte, dass meine Mundwinkel sich auf dem Weg nach unten befanden. Meine Laune verdüsterte sich noch mehr, als ich etwas später die Köstlichkeiten sah, die der Caterer geliefert hatte. Mir lief das Wasser im Mund zusammen, aber ich nahm mir nur winzige Portionen, weil Aidan mir direkt gegenüber saß.

Zu meinem Ärger ließ er sich Unmengen der Leckereien schmecken. Ich starrte missmutig auf mein Stückchen Fleisch und das Gemüse. Aus Trotz verweigerte mein Magen die Mitarbeit, sodass ich nur in dem Essen herumstocherte.

Hätte ich nur auf Rhonda gehört und wäre nach Hause gefahren. Dort hätte ich ihre Verkupplungsversuche durchkreuzen können, indem ich mich vor den Augen des Mannes vollgestopft hätte.

Während ich an meinem Gemüse knabberte, beobachtete ich Aidan möglichst unauffällig. Seine favorisierte Mimik war ein breites Lächeln. Es war, als wären Fröhlichkeit und Optimismus in solchem Übermaß vorhanden, dass sie sich ständig einen Weg nach draußen suchten.

Das verdarb mir meine Laune noch mehr. Ihm ging es glänzend, während ich wegen ihm hungerte. Seine Antwort auf die Frage seines Bruders zeigte, dass bei ihm auch sonst alles wunschgemäß verlief.

„Unser Haus ist endlich verkauft. Jessica hat sogar mehr Geld herausgeschlagen, als ich gehofft hatte.“

„Dein Glück, dass du eine hervorragende Maklerin kennst, die du nicht mal bezahlen musst.“

„Ich bin ihr wirklich dankbar, denn selbst Anna ist zufrieden.“

Diese vielen weiblichen Namen irritierten mich. Kannte Aidan ausschließlich Frauen? Ich grummelte in mein Weinglas. John wandte sich mir zu.

„Hast du etwas gesagt?“

„Nein, nein, ich habe nur einen Schluckauf.“

„Bist du deswegen so still? Ich glaube, ich habe deine Stimme seit einer halben Stunde nicht mehr gehört.“

Johns Aufmerksamkeit, die ich sonst so zu schätzen wusste, brachte mich jetzt in Verlegenheit. Alle sahen mich an. Meine Wangen wurden heiß.

„Ich bin nur etwas müde und höre daher lieber zu.“

Calum lächelte mich an und wandte sich dann wieder an seinen Bruder.

„Wohnt Anna jetzt dauerhaft bei deinen Schwiegereltern?“

Ich fuhr hoch und erdolchte Aidan mit meinen Blicken.

„Du bist verheiratet?“

Es ärgerte mich, dass er auf meine Frage mit einem breiten Grinsen reagierte.

„Bist du enttäuscht?“

„Keineswegs. Ich frage mich nur, ob du an der Jurassic Coast mit deiner Frau geknutscht hast oder mit einer anderen, die du am Strand gefunden hast.“

Calum zog die Augenbrauen hoch.

„Wer war das Aidan? Wir wissen, dass es nicht Anna sein kann. Sie leben nämlich getrennt, Julie. Daher wird das Haus verkauft.“

„Oh.“

Erleichterung durchflutete mich, und ich verstand mich selbst nicht mehr. Es sollte mir gleichgültig sein, ob Aidan frei war. Aus irgendeinem Grund musterte er mich düster und antwortete nur zögernd auf Calums Frage.

„Es war Jessica.“

Calum fuhr auf, seine Stimme wurde laut.

„Was? Eure Maklerin? Bist du verrückt? Sie ist doch mit diesem Typen liiert, um dessen Riesenbauprojekt ihr euch beworben habt.“

Aidans Augenbrauen und Mundwinkel senkten sich.

„Sie will sich von ihm trennen.“

„Oh, Aidan! Wie wird der reiche Knacker wohl darauf reagieren, dass du sofort danach etwas mit Jessica anfängst?“

Aidan trank einen großen Schluck Wein, bevor er antwortete.

„Er muss es doch nicht wissen. Es reicht, wenn er es erfährt, wenn wir den Auftrag in der Tasche haben. Außerdem will ich keine Beziehung mit Jessica, sondern nur etwas Spaß haben.“

Ich schüttelte den Kopf. Gut, dass ich seine Einladung zum Kaffee nicht angenommen hatte. Für einen oberflächlichen Weiberhelden war ich mir wirklich zu schade. Da halfen auch keine blauen Koboldaugen.

Ich hätte gerne noch mehr über seine Frau, die Gründe für die anstehende Scheidung und Jessica erfahren, aber Aidan lenkte das Gespräch in andere Bahnen und mittlerweile war ich tatsächlich zu müde, um mich daran zu beteiligen.

Bis auf die Teenager, die sich im Nachtprogramm noch einen Horrorfilm ansehen wollten, gingen wir alle früh ins Bett. Ganz Gentleman hatte John mir das einzige Gästezimmer zugeteilt, das diese Bezeichnung verdiente. Aidan hatte er im sogenannten Star Wars-Zimmer einquartiert, einem Raum, der Johns beachtliche Sammlung an Fanartikeln beherbergte. Ich stellte mir grinsend vor, wie Aidan eingezwängt zwischen einer lebensgroßen Figur von Darth Vader und verschiedenen Raumschiffmodellen schlafen musste.

Es war nur so lange amüsant, bis mein Magen knurrte. Daran war Aidan schuld. Warum musste er mich zu Weihnachten zu einer Diät zwingen? Grimmig schwang ich die Beine aus dem Bett, zog meinen Bademantel über und schlich in den Flur. Mein Ziel war der Kühlschrank.

Aus dem unteren Flur drangen ein rötlicher Lichtschein und merkwürdiges Schnaufen zu mir herauf. Ob das Sammy war, der sich an Bratenresten überfressen hatte? Ich rannte die Treppe hinunter. Noch ein paar Schritte und ich sah mich einer gigantischen dunklen Gestalt gegenüber.

Ich schrie auf. Dann schlug ich zu. Hart. Es war mein erster Reflex. Etwas polterte. Jemand ächzte. Dann ging das Licht an.

In der Tür des Wohnzimmers erschienen Andy und Reuben und starrten mich an. Vor mir stand Aidan, nur mit einer Unterhose bekleidet. Er blinzelte verwirrt.

Um mich nicht in der Betrachtung seines muskulösen Körpers zu verlieren, blickte ich zu Boden. Dort lag Darth Vader, niedergestreckt von meinem Faustschlag. Sein Laserschwert glomm schwach unter den schwarzen Stoffmassen hervor, die Atemgeräusche der Maske erstarben gerade. John würde mich umbringen, wenn ich sein Sammlerstück ruiniert hatte. Aber was machte die Figur überhaupt hier unten?

„Was soll das? Wieso schleppst du Darth Vader durch die Gegend? Der war teuer.“

Ich musste ziemlich dämlich geklungen haben, was mir ein Glucksen der Jungs bestätigte.

„Und warum schlägst du den armen Kerl nieder? Er hat dir nichts getan.“

So leicht würde ich mir die Schuld für dieses Drama nicht zuschieben lassen.

„Das ist keine Antwort auf meine Frage.“

„Ich wollte Andy und Reuben erschrecken, aber das hast du ja vereitelt.“

Das Lachen der Teenager hallte von den Wänden wider. So konnte es nicht ausbleiben, dass John den Kopf über die Treppenbrüstung streckte. „Was macht ihr da unten? Geht die Party weiter? Oh, nein! Aidan, was hast du mit Vader gemacht?“

„Das war nicht ich, das war Julie.“

Mein Protestschrei mischte sich in das Gelächter der Jungs. Inzwischen war John bei uns angelangt und untersuchte das Opfer. Offenbar hatte Vader knapp überlebt. Gemeinsam mit Aidan trug er ihn die Treppe hinauf. Ich folgte ihnen und konnte mein Kichern kaum unterdrücken. Männer und ihre Spielzeuge. In meinem Zimmer hörte ich mein Handy klingeln. Es war weit nach Mitternacht. Sorge krampfte meinen Magen zusammen, als ich sah, dass es Rhonda war. Eilig stellte ich die Verbindung her.

„Hi Julie. Hast du Spaß? Wir schon.“

Auch das noch. Rhonda hatte getrunken, viel getrunken.

„Weißt du, wie spät es ist? Du hast mir einen Schreck eingejagt. Was willst du?“

Ihre Stimme senkte sich zu einem verschwörerischen Flüstern, das für alle anderen zu hören sein musste.

„Stan ist super. Ich hatte keine Ahnung, dass Caitlin solche Typen kennt. Er will dich unbedingt kennen lernen, Julie.“

„Ich fühle mich hier wohl und bleibe so lange wie geplant.“

„Warum? Da gibt es keinen einzigen heterosexuellen Single in deinem Alter.“

„Das stimmt nicht.“

Warum hatte ich das gesagt? Für meine Blödheit verdiente ich die Konsequenzen.

„Wen hast du getroffen? Erzähl.“

„Da gibt es nicht viel zu sagen. Es ist Calums Bruder Aidan. Er hat sich gerade von seiner Frau getrennt.“

„Kinder?“

„Äh, ich glaube nicht. Er hat keine erwähnt.“

„Finanzen?“

„Rhonda! Er ist kein Pferd auf dem Markt.“

„Nun sag schon.“

Ich seufzte ergeben.

„Er ist Architekt. Keine Ahnung, was die verdienen.“

„Hm. Wahrscheinlich mehr als Stan als Buchhalter. Attraktiv?“

„Ich denke schon.“

Rhondas Ton wurde aufgebracht.

„Brauchst du eine Brille oder ist er die ganze Zeit im Weihnachtsmannkostüm herumgelaufen?“

„Okay, er sieht gut aus. Groß, schlank, blaue Augen.“

„Interesse an dir?“

„Höchstens als weiteres Betthäschen.“

„Das ist ein Anfang.“

„Rhonda!“

„Wenn du richtig gut in den Federn bist, will er dich nicht mehr gehen lassen. Glaub mir.“

„Ich kann nicht fassen, dass du so etwas sagst. Wie viel hast du getrunken?“

„Man muss dir doch helfen. Du hast viel zu viele Skrupel, bist zu schüchtern. Das muss sich ändern. Mach dich an diesen Aidan ran.“

„Da gibt es ein Problem: Ich mag ihn nicht.“

„Hm. Du bist echt wählerisch. Vielleicht gefällt dir Stan besser.“

„Könnte sein.“

Hunger und Müdigkeit ließen meine grauen Zellen in Streik treten. Sonst hätte ich Rhonda nie eine solche Vorlage geliefert.

„Dann komm her, bevor Stan wieder fahren muss.“

„Okay, ich werde es mir überlegen. Ich rufe dich morgen wieder an.“

Jetzt brauchte ich eine gute Ausrede.

Kapitel 3

Der Himmel war genauso düster wie meine Stimmung. Ich starrte durch das Küchenfenster in den Schneeregen hinaus und dachte darüber nach, was das kleinere Übel war.

Das Haus meiner Eltern würde, wie an jedem Feiertag, aus allen Nähten platzen. Die Familien von Caitlin und Rhonda bestanden aus vier Erwachsenen und neun Kindern, dazu kamen meine Eltern und Stan. Das Durcheinander und der Lärm waren überwältigend. Meiner Familie schien das nichts auszumachen, im Gegenteil. Sie blühten in diesem Irrenhaus richtig auf.

Bei mir war das anders. Ich war die Einzige, die allein lebte. Das ganze Jahr über hatte ich meine Wohnung für mich selbst, musste mir mit niemandem Zimmer oder gar Bett teilen und konnte in Ruhe lesen, Fossilien zeichnen und Berichte darüber schreiben. Also wäre es besser, bei John und Calum zu bleiben. Doch durch Aidans Anwesenheit verlief der Besuch für mich anders, als ich es erwartet hatte. Das war nicht seine Schuld. Niemand zwang mich, wegen ihm Diät zu halten oder verärgert auf seine Flirtversuche zu reagieren.

Ich wusste, dass mein Verhalten kindisch war, aber meine Reflexe ließen sich nicht unterdrücken. Aidans Promiskuität weckte verdrängte, unangenehme Erinnerungen. Das verunsicherte mich und ich reagierte mit schlechter Laune und patzigen Antworten.

John war meine Schweigsamkeit bereits aufgefallen. Bevor ich allen das restliche Weihnachtsfest verdarb, sollte ich den nächsten Zug nach Hause nehmen.

Ich schnappte mein Handy, um den Bahnhof anzurufen. In diesem Moment kam John gähnend in die Küche. Als er mich sah, schloss er schnell den Mund und lächelte.

„Guten Morgen. Geht es dir besser?“

„Was meinst du damit?“

„Gestern kannst du dich nicht wohl gefühlt haben. Du hast kaum etwas gesagt und das Essen nicht angerührt.“

Ich hatte mich noch auffälliger verhalten als befürchtet. Ein angenehmer Gast war ich bisher nicht gewesen, das musste sich schnellstens ändern. Ein Lächeln für John war ein Anfang.

„Mir geht es gut. Im Moment mache ich mir nur über vieles Gedanken. Das passiert mir immer kurz vor dem Jahreswechsel.“

John nahm sich einen Kaffee und setzte sich zu mir.

„Gute Vorsätze für das neue Jahr?“

Ich seufzte theatralisch.

„Die üblichen. Zwanzig Pfund abnehmen, einen Lebenspartner finden und auf ein Forschungsschiff gehen. Der Erfolg der letzten Jahre ist offensichtlich: Ich bin zu dick, Single und arbeite weiterhin als Laborantin.“

John stellte seine Kaffeetasse ab und musterte mich besorgt.

„Oh, Julie. Das klingt richtig deprimiert. Dabei gibt es in meinen Augen keinen Grund dafür. Zu dick finde ich dich gar nicht. Ich dachte, dass Heteros Kurven mögen.“

Jetzt trieb ich den gutmütigen John auch noch dazu, den Seelentröster für mich zu spielen. Dabei hatte meine Selbstironie amüsant sein sollen.

„Im Winter habe ich manchmal solche Durchhänger. Damit will ich euch nicht das Fest verderben.“

John tätschelte mit einem beruhigenden Lächeln meine Hand.

„Das tust du nicht. Wir werden dich schon aufmuntern. Heute Abend gibt es das richtige Weihnachtsessen, wie es sich für den Weihnachtstag gehört. Und dann will ich sehen, wie du ein großes Stück Truthahn und ganz viel Pudding isst.“

Mein schlechtes Gewissen zwickte mich schlimmer als meine neue Jeans. John sollte nicht als Stimmungsaufheller für mich herhalten müssen.

„Es ist nicht eure Aufgabe, mich aufzuheitern. Ich ziehe euch mit meiner Laune runter. Zu Aidan war ich richtig patzig.“

Das quittierte John mit einer wegwerfenden Handbewegung und einem Lachen.

„Ach, was. Er sieht das ganz locker, glaub mir. Aber ehrlich gesagt … ich hatte den Eindruck, dass deine Anspannung etwas mit ihm zu tun hat. Bevor er kam, warst du wie immer.“

Ich verfluchte Johns herausragende Beobachtungsgabe. Selbst wenn er sich unterhielt, entging ihm nicht, was seine anderen Gäste taten.

„Na ja, ich bin wohl etwas empfindlich. Ich hatte damit gerechnet, dass ich Weihnachten mit Calum und dir verbringen würde. Jetzt ist da plötzlich ein Fremder, der mich verunsichert.“

„Das macht er bestimmt nicht absichtlich. Aidan ist momentan in einer schwierigen Phase. Seine Frau hat die Scheidung eingereicht und er meint nun, nach einer langen Ehe etwas nachholen zu müssen. Darum flirtet er mit jeder Frau. Ich rede mit ihm.“

Ein Schreckensblitz fuhr mir in den Magen.

„Nein! Das will ich nicht. Er ist Calums Bruder, du kennst ihn seit Jahrzehnten. Wir sind erst seit ein paar Monaten befreundet und ich bringe Unruhe in die Gruppe.“

Jetzt zeigte Johns Mimik helle Empörung.

„So ein Quatsch! Du bist genauso willkommen wie Aidan und ich habe mich auf deinen Besuch gefreut.“

„Danke. Aber ich habe noch einen weiteren Grund, mich ein wenig unbehaglich zu fühlen. Gestern Abend hat meine Schwester Rhonda angerufen.“

„Ist mit deiner Familie alles in Ordnung?“

„Ja. Aber meine Schwestern haben, ohne es mir vorher zu sagen, einen Mann eingeladen, mit dem sie mich verkuppeln wollen.“

Johns Augenbrauen verschwanden unter seinem Haaransatz.

„Und du willst den Mann kennen lernen?“

Ich seufzte und strich ein paar zerzauste Haarsträhnen zurück.

„Ich weiß nicht. Prinzipiell halte ich von solchen Verkupplungsversuchen gar nichts. Es ist schon so oft schiefgegangen. Trotzdem hat Rhonda nicht unrecht: Ich bin fünfunddreißig, seit acht Jahren Single und einsam. Wie soll sich etwas daran ändern, wenn ich nicht einmal alleinstehende Männer in meinem Alter treffe?“

John sah mich mit traurigen Augen an.

„Willst du nach Hause fahren? Ich könnte es verstehen, aber ich würde dich vermissen.“

Ich seufzte, lehnte mich in meinem Stuhl zurück und begann zu wippen.

„Ich weiß es nicht. Sonst fällt es mir so leicht, Entscheidungen zu treffen. Aber jetzt bin ich völlig verunsichert.“

„Ich mache dir einen Vorschlag. Calum und ich werden dir ein paar Singles vorstellen. Am Tag nach Weihnachten findet im Verlag eine große Jahresabschlussfeier statt. Da kommen viele Autoren. Ich weiß, dass einige davon Singles sind.“

Eine Party? Nur das nicht! Das bedeutete ein Kleid, eine ziepende Frisur und viele fremde Menschen, vor denen ich mich lächerlich machen konnte.

„Das will ich nicht, John.“

„Warum nicht? Eben hast du gesagt, dass du alleinstehende Männer in deinem Alter treffen willst. Ich stelle dir nur die nettesten vor, versprochen.“

Jetzt saß ich in der Falle. In meiner Verzweiflung griff ich auf einen typisch weiblichen Spruch zurück, den ich aber immer nur als Vorwand benutzte.

„Für eine Party habe ich nichts zum Anziehen dabei.“

John lächelte schelmisch. Es sah so aus, als würde er mich nicht vom Haken lassen.

„Dann gehen wir morgens einkaufen. Die Jungs werden ohnehin in die Stadt wollen, um ihre Gutscheine in PCSpiele umzusetzen.“

„Ich weiß nicht.“

„Dann nehme ich dir die Entscheidung ab. Wir machen es so. Das Outfit spendiere ich dir. So lernst du mehr Singles kennen, als den einen erbärmlichen Typen bei deiner Schwester. Außerdem ist Aidan ja auch noch da.“

John nahm einen Schluck Kaffee und wich meinem Blick aus. Ich kniff die Augen zusammen.

„Was meinst du damit? Dass er hier ist, habe ich gemerkt. Aber was soll mir das sagen?“

John malte mit dem Finger Muster auf den Tisch, wohl um meinem Blick auszuweichen.

„Na ja, er ist Single, in deinem Alter und würde zu dir passen. Außerdem steht er auf dich.“

Ich musste lachen. John war leicht zu durchschauen.

„Du greifst wirklich zu jedem Mittel, damit ich nicht abreise, was?“

Sein treuherziger Blick zeigte mir, dass selbst John manipulativ sein konnte, wenn er etwas wirklich wollte. Da sein Ziel war, mich hier zu behalten, konnte ich ihm nicht böse sein.

„Ich habe jedes Wort ehrlich und ernst gemeint.“

„Dann lässt dich deine Beobachtungsgabe im Stich. Weißt du, wie diese Jessica aussieht? Auf solche Frauen steht Aidan, aber bestimmt nicht auf jemanden wie mich.“

Schlagartig verdüsterte sich Johns Mimik.

„Ich weiß nicht, wie Jessica aussieht. Aber mir gefällt nicht, wie du über dich selbst sprichst. Wenn du an ihm interessiert wärst, könnte Aidan froh sein.“

„Worüber könnte ich froh sein?“

Aidan marschierte mit einem fröhlichen Lächeln und ekelhaft munter in die Küche. Bevor John eine ernste und ehrliche Antwort geben konnte, kam ich ihm zuvor.

„Darüber, dass ich heute abreise.“

Aidan wirbelte zu uns herum. Die Kobolde vergaßen vor Überraschung das Lachen.

„Warum das denn? Wolltest du nicht bis Neujahr bleiben?“

Ich meinte, in seinen Augen Enttäuschung zu erkennen, worüber ich mich diebisch freute. Dann ärgerte ich mich über mich selbst, weil ich mich gefreut hatte.

„Das war der Plan. Aber dann kamst du. Ursache und Wirkung, na ja, das kennst du schon.“

Jetzt war ihm offenbar so unbehaglich zumute, dass er von einem Bein aufs andere trat. Aha, er hatte also ein Gewissen, das man sogar leicht wecken konnte.

„Ich will dich doch nicht vertreiben. Bin ich wirklich so schlimm?“

John, der mich gut genug kannte, stieg ohne eine Miene zu verziehen in mein Spiel ein.

„Du hast ein kostbares Fossil, nach dem Julie stundenlang gesucht hat, ins Wasser geworfen. Nur, weil du sie anbaggern wolltest. Das ist unverzeihlich.“

Aidan riss die Augen auf und wirkte dadurch wie ein kleiner Junge, der die Lieblingsvase seiner Mutter zerbrochen hat.

„Aber ich habe mich mehrmals bei ihr entschuldigt und ihr angeboten, ein anderes Fossil zu kaufen. Julie, es tut mir wirklich leid. Was kann ich noch tun?“

Ich musste meine gesamte Willenskraft aufbieten, um nicht zu lachen. Sprechen fiel da schwer, deswegen übernahm John.

„Hör auf, Julie ständig anzuflirten. Sie ist kein dummes Disco-Mäuschen. Ich möchte, dass sie sich bei uns wohl fühlt.“

An John war ein talentierter Schauspieler verloren gegangen. Problemlos hielt er seine ernste Mimik aufrecht, während ich mein Feixen hinter meiner Tasse verstecken musste.

Inzwischen lagen die Kobolde auf den Knien, Aidan wand sich vor Unbehagen.

„Ich habe das nicht böse gemeint. Tut mir leid, Julie. Es kommt nicht wieder vor. Ich möchte nicht, dass du wegen mir abreist.“

Mit vorgerecktem Kinn musterte ich ihn möglichst herablassend und ließ ihm meine Gnade zuteilwerden.

„Ich werde es mir überlegen. Eine Chance hast du noch. Wenn du mir heute alle meine Wünsche erfüllst, werde ich nicht abreisen.“

Aidan stutzte. Jetzt konnte John sein Lachen nicht mehr unterdrücken. Das war ansteckend. Ich prustete los.

Aidans Augen weiteten sich, als er erkannte, dass er uns auf den Leim gegangen war. Er stemmte die Hände in die Hüften. Ein Grollen bildete sich in seiner Kehle. Die Kobolde begannen mit dem Kriegstanz.

„Die Herausforderung nehme ich gerne an.“

Sein Ton würgte mein Lachen augenblicklich ab. Seine Worte waren die Manifestation eines geworfenen Fehdehandschuhs.

„Was meinst du? Ich habe dich nicht herausgefordert.“

Aidan lehnte sich an die Arbeitsplatte und verschränkte die Arme vor der Brust. So kamen seine schmalen Hüften und langen Beine noch besser zur Geltung. Sofort hasste ich mich für diesen Gedanken.

„Du hast mich unnötig zu Kreuze kriechen lassen. Dafür werde ich dir jeden deiner geheimsten Wünsche erfüllen.“

Seine Stimme war täuschend sanft, seine Augen glitzerten gefährlich. So kündigte man eine köstliche Henkersmahlzeit an. Er lächelte mysteriös, drehte sich um und stolzierte aus der Küche.

„John, das ist unheimlich. Ich glaube, ich rufe doch beim Bahnhof an.“

In meiner Ankündigung steckte ein Körnchen Ernsthaftigkeit.

„Unsinn. Das war doch nur Geplänkel. Aidan tut dir nichts. Dafür werde ich schon sorgen.“

Das beruhigte mich nicht. Schließlich befand sich Aidan laut John in einer komischen Phase. Wer weiß, was ihm alles einfallen würde.

„Hat mein Gästezimmer einen Schlüssel? Ich möchte vor nächtlichen Überraschungsbesuchen sicher sein.“

In Johns Augen trat ein freches Funkeln.

„Wieso? Ist einer deiner geheimen Wünsche Sex mit Aidan?“

Ich spürte, wie meine Wangen zu glühen begannen. Das musste auch deutlich sichtbar sein, denn jetzt lachte John mich aus. Um über meine Verlegenheit hinwegzutäuschen, plapperte ich los.

„Okay, Gefahr erkannt, Gefahr gebannt. Kenne deinen Feind. Gibt es noch mehr Sprüche für das Siegen in einer Schlacht? Erzähl mir alles, was du über Aidan weißt.“

John lachte noch lauter.

„Wir sollten das mit den Singles auf der Verlagsparty vergessen. Ihr beide passt so gut zueinander.“

Vor Schreck hätte ich meinen Stuhl fast zu weit nach hinten wippen lassen. Im letzten Moment fand ich das Gleichgewicht wieder.

„Bist du verrückt? Er ist ein oberflächlicher Hallodri mit unheimlichen Elementen.“

„Jetzt tust du ihm aber unrecht. Er war zwanzig Jahre verheiratet und Anna immer treu.“

„Ja, und jetzt knutscht er in der Öffentlichkeit mit einer Frau, die noch liiert ist.“

„Warum willst du mit aller Macht nur das Schlechte in ihm sehen?“

„Ich bin nur realistisch.“ Und ich wollte mich vor einer weiteren Enttäuschung schützen, was ich aber nicht sagte.

John runzelte die Stirn.

„Ich kenne Aidan seit über zwanzig Jahren. Er ist ein prima Kerl, der momentan eine schwierige Phase durchmacht.“

„Kann er wirklich Wünsche erfüllen? Ich hätte nämlich einen. Wie gelingt es mir, angemessen gekleidet auf die Party zu gehen, ohne vorher einzukaufen?“

John setzte die Kaffeetasse, die er schon fast an die Lippen geführt hatte, wieder ab.

„Äh, das verstehe ich nicht. Ich dachte, Frauen lieben es, Klamotten zu kaufen?“

Ich schüttelte wild den Kopf.

„Zu der Sorte gehöre ich nicht. Ich verabscheue alles daran: die schlechte Luft in den Geschäften, das Gedränge der Frauen, die dürren Verkäuferinnen, das Neonlicht in den Umkleidekabinen, Kleider, die so geschnitten sind, dass nur Frauen mit kleiner Oberweite hineinpassen.“

Bei diesem Thema konnte ich mich in Rage reden, was John dazu veranlasste, nervös an seiner Fingerkuppe zu knabbern.

„Hm. Was machen wir denn da? Hast du wirklich nichts dabei, was du auf der Party anziehen könntest?“

„Wären Jeans und ein alter Pulli mit Rentier okay?“

John schüttelte lächelnd den Kopf. Oben krachte es. Jemand fluchte. Dann wurde eine Tür aufgerissen.

„Die Stange im Kleiderschrank hat meine Lederjacke nicht ausgehalten. Ich kann nichts dafür, John.“

Ich musste lächeln. Aidan klang schon wieder wie ein kleiner Junge, der nie schuld war. Ich mochte das für meinen Geschmack viel zu sehr.

„Schon gut, lass sie einfach liegen. Aber schrei nicht so, Calum schläft noch.“

„Jetzt bestimmt nicht mehr, nachdem du auch so gebrüllt hast.“

John sah mich betroffen an. Männer waren manchmal unendlich amüsant.

„Was soll ich mit dem grünen Ding machen? Das knittert, glaube ich.“

Aidan schrie immer noch vom Obergeschoss die Treppe hinunter. Ich fragte mich, was er im Schrank gefunden hatte. John stand auf und wollte zur Treppe gehen. Dabei stieß er mit seinem nackten Fuß an die Schrankkante und sank mit gepeinigtem Blick auf den Stuhl zurück.

Oben wurde eine zweite Tür aufgerissen.

„Was soll das, Aidan? Geh runter, wenn du mit John sprechen willst.“

Schritte auf der Treppe, dann kam Aidan in die Küche. Auf seinem Arm hing ein Stoff in einem satten Tannengrün, den er vor John auf den Tisch knallte. Ich griff danach und breitete ihn auseinander. Es war ein wunderbares Cocktailkleid.

Mit einem Keuchen fand John seine Sprache wieder.

„Verdammt, Aidan, musste das sein?“

Ich sah vermutlich genauso verblüfft aus wie Aidan. Der richtete zwar einiges an, aber den Zeh hatte John sich ganz ohne seine Hilfe gestoßen.

„Was habe ich denn gemacht?“

Trotz heruntergezogener Brauen und verkniffenen Lippen, gelang es John nicht so recht, wütend auszusehen. Anklagend zeigte er auf das Kleid.

„Du Idiot hast mir meine Überraschung verdorben.“

Aidan grinste breit, wobei die Grübchen selbst durch seinen Dreitagebart zu erkennen waren. Ob er sich deshalb nicht glatt rasierte? Wütend über diese lächerlichen Gedanken schüttelte ich den Kopf, während Aidan zum verbalen Schlag gegen John ausholte.

„Willst du in dem Kleid zur Party gehen? Steht dir bestimmt großartig, die Farbe harmoniert mit deinen Augen.“

John wollte ihm einen Klaps versetzen, aber Aidan sprang gewandt zurück.

„Es passt zu Julies Augen, für sie habe ich das Kleid gekauft. Aber du musst es ja wie einen Putzlappen auf den Tisch knallen.“

Während Aidans Miene schlagartig von dreist zu kleinlaut wechselte, stieß ich einen entzückten Schrei aus und nahm das Kleid näher in Augenschein. Wenn man mir so etwas Schönes präsentierte, ohne dass ich dafür einkaufen musste, war ich natürlich begeistert.

Ich suchte nach dem Etikett mit der Größenangabe. Perfekt. John hatte ein gutes Augenmaß.

Ich ließ die beiden Männer in der Küche zurück und rannte in mein Zimmer, um das Kleid anzuprobieren. Es ließ sich hochziehen und spannte an keiner Stelle. Mit einigen Verrenkungen konnte ich den Reißverschluss schließen.

Dann stellte ich mich vor die verspiegelte Schranktür. Es saß nicht perfekt, aber absolut akzeptabel. Der Rock fiel locker bis kurz über meine Knie und ließ meinen breiten Hüften ausreichend Platz. An der Taille hätte er etwas besser anliegen können, dafür saß er über dem Busen perfekt.

Der Ausschnitt war für meinen Geschmack etwas zu großzügig, das Grün betonte meine viel zu helle Haut. Zumindest biss sich der Ton nicht mit meinem rotbraunen Haar. Ich war zufrieden. Der gefürchtete Kleiderkauf war abgewendet.

Barfuß lief ich in den Flur und rief nach John. Er kam zusammen mit Calum aus dem Hauptschlafzimmer. Beide starrten mich an. Das konnte nichts Gutes bedeuten.

Ich sah an mir herunter. Nein, kein Riss, kein Fleck und der Stoff war nicht plötzlich durchsichtig geworden.

Hinter mir öffnete sich eine Tür. Ich wirbelte herum. Die Kobolde verspotteten mich. Von ihnen hatte ich auch nichts anderes erwartet.

Ich verschränkte die Arme vor der Brust, aus Ärger und um den tiefen Ausschnitt zu bedecken. Aidan starrte mich weiter an, ohne etwas zu sagen. Seine Rache hatte begonnen. Ich war völlig verunsichert, und hätte mich am liebsten versteckt. Um Aidans spöttischem Blick zu entgehen, drehte ich mich wieder zu Calum und John um.

„Also, Jungs, ich gehe entweder in diesem Kleid zu der Party oder gar nicht. Findet euch damit ab.“

John fand seine Sprache wieder. „Du siehst toll aus. Das wollte ich dir gerade sagen.“

„Okay.“

Ich schloss die Tür meines Zimmers hinter mir und ließ mich aufs Bett fallen. Es fiel mir schwer, die Tränen zu unterdrücken. Ich wusste, dass ich empfindlich war. Von einem Schwulen, einem Bisexuellen und einem selbstverliebten Weiberhelden konnte ich nicht erwarten, dass sie beim Anblick einer Frau mit zehn Kilo zu viel auf den Rippen in einem Cocktailkleid in Begeisterungsstürme ausbrachen. Jetzt zankten sie sich im Flur und vertrieben dadurch mein Selbstmitleid. John übernahm den Job des Beschützers einer Dame in Not.

„Was hast du gemacht, Aidan?“

„Nichts! Ich habe nicht mal was gesagt. Keine Ahnung, warum sie sauer ist.“

Calum unterstützte John. „Du hast sie komisch angestarrt.

Das ist selbst mir aufgefallen. Was sollte das?“

Jetzt wurde Aidans Stimme lauter und noch empörter. „Das stimmt doch gar nicht. Ich habe sie ganz normal angesehen.“

„Dann wäre sie nicht weggerannt. Hör endlich auf, sie zu ärgern. Sonst leihe ich dir keinen Anzug.“

„Das ist Erpressung. Ich habe keinen dabei und will unbedingt zu dieser Party.“

Calum klang inzwischen wie ein Vater, der seinem Sohn eine Standpauke hält. „Dann benimm dich ab jetzt.“

Trotz seiner tiefen Stimme übernahm John den Part der tadelnden Mutter. „Genau, sonst nehme ich die Einladung zu der Party zurück. Warum hast du Julie überhaupt so angestarrt?“

„Frag Calum, der weiß es.“

John seufzte so laut, dass ich es in meinem Zimmer hören konnte.

„Okay, Calum, kannst du mir das erklären?“

„Ich weiß nicht, was Aidan meint.“

„Ha! Hast du ihr etwa nicht auf den Busen gestarrt? Dann bist du von bi zu schwul gewechselt.“

„Aidan!“

Ich fragte mich, ob die Männer glaubten, dass man sie nicht hören konnte, nur weil sie das wollten. Für das Dekolleté musste ich mir etwas einfallen lassen, das war mir jetzt endgültig klar Auf dem Flur sprach John ein Machtwort.

„Ich will nichts mehr davon hören und Julie bestimmt auch nicht. Das Kleid passt und steht ihr. Basta!“

Aidan ließ sich das letzte Wort nicht nehmen. Seine Stimme hallte von den Wänden wider.

„Finde ich auch. So ein Busen sollte gezeigt werden.“

Ich schlug die Hände vor mein glühendes Gesicht. Seine Rache war in der Tat fürchterlich. Aus dem Flur drangen seltsame Geräusche. Jemand ächzte und fluchte. John schimpfte.

„Hört sofort auf. Ihr seid doch keine Kinder mehr.“

Kloppten die sich etwa? Das musste ich sehen! Ich flitzte zur Tür, öffnete sie einen Spalt und spähte hinaus.