Kontrollverlust - Cheree Say - E-Book

Kontrollverlust E-Book

Cheree Say

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Beschreibung

Kontrollverlust, Leben mit dem Trauma dokumentiert den persönlichen Erfahrungsweg der Autorin nach einem traumatischen Überfall. Das Buch beschreibt eindrücklich, wie sich ein solches Erlebnis auf den Alltag, das Sicherheitsgefühl und die psychische Gesundheit auswirkt. Es zeigt die Herausforderungen der Traumabewältigung, die Rolle professioneller Hilfe sowie den langen Weg zurück in ein annähernd normales Leben. Ein authentischer Einblick in das Erleben von Angststörungen und eine Stimme für all jene, die ähnliches durchmachen.

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Seitenzahl: 77

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Hinweis:

Dieses Buch beruht auf wahren Ereignissen. Namen,

Orte oder Details wurden zum Teil aus Gründen des

Persönlichkeitsschutzes verändert. Alle geschilderten

Erlebnisse spiegeln ausschließlich die persönliche

Perspektive der Autorin wider.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Kapitel 1: Der Tag zuvor

Kapitel 2: Es beginnt

Kapitel 3: Die Nacht auf der Polizeiwache

Kapitel 4: Wieder zuhause

Kapitel 5: Beim Durchgangsarzt

Intermezzo: Eine Notiz aus dem Heute

Kapitel 6: Die ersten Schritte zurück.

Kapitel 7: Wirds denn wieder gehen?

Kapitel 8: Kämpfe für das, was du willst.

Kapitel 9: Warum trifft es immer mich?

Kapitel 10: Ich bin nicht allein – und Du auch nicht!

Nachwort

Vorwort

Dieses Buch erzählt meine Geschichte – eine sehr

persönliche, sehr reale Geschichte. Es geht um das

Leben nach einem tätlichen Angriff.

Um das, was bleibt, wenn der Schock vorüber ist. Um

Angst, Trauma, Scham und um den mühsamen, oft

einsamen Weg zurück in ein Leben, das sich plötzlich

fremd anfühlt.

Ich schreibe über das, was Gewalt in einem Menschen

auslösen kann. Nicht nur körperlich, sondern auch tief

im Inneren.

Ich habe versucht Worte für die Dinge zu finden, die oft

sprachlos machen.

Es geht nicht um Mitleid, es geht um Mut.

Um Wege aus der Dunkelheit. Um kleine Schritte, um

Rückschläge und um die Hoffnung, dass man sich Stück

für Stück wieder aufrichten kann.

Ich zeige welche Strategien mir geholfen haben und

welche nicht.

Ich möchte deutlich machen, wie wichtig Unterstützung

ist: von Freunden, Familie, Therapeut*innen und

manchmal auch von Fremden.

Denn niemand sollte so etwas allein durchstehen

müssen.

Mit diesem Buch möchte ich etwas bewirken:

Mehr Verständnis. Mehr Hinschauen. Mehr Zivilcourage.

Denn jede ausgestreckte, helfende Hand kann den

Unterschied machen.

Cheree Say

Kapitel 1

Der Tag zuvor

An diesem Tag bin ich wie immer zur Arbeit gefahren, ich hatte Spätschicht. Diese geht von 13.15 Uhr bis 22.30 Uhr und ich habe seit fast 14 Jahren in derselben Firma schon so einige davon rumbekommen. Meine Arbeit macht mir Spaß, auch wenn es manchmal schon viel ist. Wo ist es denn heute nicht so?

Ich fahre also mit der Bahn bis an mein Ziel, ich kann mich heute nicht mehr daran erinnern woran ich gedacht habe während der Fahrt oder ob ich vielleicht gelesen oder Musik gehört habe, ich weiß es nicht, es war eine ganz normale Fahrt zur Arbeit, nichts Besonderes. Wie immer waren viele Leute unterwegs, zur Arbeit vielleicht, wie ich, oder von der Arbeit nach Hause. Einige vermutlich auch nur so, um den Tag zu genießen oder jemanden zu besuchen. Die verschiedensten Menschen fahren in einer Bahn, ganz normal.

Auch mein Arbeitstag verlief, soweit ich mich erinnere, ganz wie immer, viel zu tun, viele Kunden, ein bisschen Quatsch mit den Kollegen. Ich erledigte meine Arbeiten mit bestem Gewissen. Nichts auffälliges oder besonderes.

Jedenfalls nichts, woran ich mich erinnern könnte. Alles lief wie immer. Ich weiß aber noch das unser Ladendetektiv bis zur Schließung des Ladens bei mir war, ich ließ ihn raus und kümmerte mich dann um meine Abrechnung.

Ich war die letzte im Laden an dem Tag, glaube ich, was aber auch nichts Ungewöhnliches war, da überall Personalmangel herrscht und auch wir nicht davon verschont bleiben.

Was ich noch weiß ist das ich auf jeden Fall ziemlich kaputt war und froh, dass der Tag nun endlich ein Ende gefunden hatte.

Ich rede tagsüber sehr gern mit meinen Kunden und albere mit ihnen rum, sowie mit meinen Kollegen. Dafür bin ich bei uns bekannt und so mögen es die Leute auch. Eine ehrliche Haut mit viel Humor, eine Priese Sarkasmus und immer eine angenehm Freche Art, wie mich einer meiner Lieblingskunden neulich erst beschrieben hat.

Doch steckt dahinter auch etwas mehr als der Kunde sehen kann. Wenn grade kein Kunde da ist, geht es an die eigentliche Arbeit.

Regale wollen gefüllt sein - Getränke aus einer Lieferung abgepackt werden. Bücher müssen ausgepackt werden, gezählt, geprüft und verräumt.

Zeitschriften werden je nach Datum aussortiert und zu Bündeln geschnürt - bereit gemacht zum Rückversand.

Alles muss im PC noch verbucht werden nach der Prüfung auf Vollständigkeit, und alles, was fehlt oder nicht mehr ausreichend vorhanden ist muss natürlich auch nachbestellt werden.

Das geht von Snacks wie diversen Schokoriegeln, Chips, Keksen und allerhand Süßigkeiten, bis hin zu Zigaretten, fast jede Art von Softdrinks, Wasser und sogar ein bisschen Alkohol und was wir für unseren Kaffeeverkauf so brauchen, z.B.: Kaffeebohnen, Becher in verschiedenen Größen, Rührstäbchen und Kaffeesahne und dergleichen bis über Reinigungsutensilien für den Kaffeeautomat.

Und viele Kleinigkeiten mehr, die man neben der Kassiertätigkeit und dem Postschalter erledigen muss.

Man tut, was man kann aber um alles zu schaffen müsste man vermutlich 24/7 im Laden arbeiten.

Um es kurz zu sagen es kann unter Umständen echt stressig werden. So ein Tag war also an dem besagten Tag und mir tat ein bisschen was weh. Ich bin auch leider keine zwanzig mehr.

Ich komm damit zurecht, ich weiß ja, dass es morgen wieder geht, wie immer. Und dann gehts weiter.

Ich sitze also so da und zähle mein Geld, ich habe mir diesmal keine Musik über das Smartphone gegönnt, weil ich mich wirklich konzentrieren wollte.

Ich habe dann alles eingegeben, alles war in Ordnung, keine großen Differenzen – super - ab nach Hause. Das war so mein Gedanke.

Schnell noch eine Nachricht an meinen Schatz, dass ich jetzt nach Hause fahre. “Komm gut Heim” bekam ich, als Antwort und ich erwiderte: “Mach ich”, alles wie immer. Nur meine Antwort war diesmal nicht das, was wir erwartet haben.

Ich habe dann meine Sachen geschnappt, bin aus der Büro-/Lagertür raus, nochmal umgedreht zum Abschließen. Zwei mal.

Schnell zum Kassentresen huschen, zum Ausstempeln. Dann quer durch den dunklen Laden zum Hinterausgang hinaus, nochmals schnell umgedreht, Tür abgeschlossen, die Alarmanlage scharf geschaltet und ab durch die allerletzte Tür in Richtung Feierabend.

Geschafft, jetzt nur noch eben die Fahrtreppe hoch zur Bahn und dann gehts endlich nach Hause.

Diesmal war es, soweit ich mich entsinne, nicht mal schwer einen Sitzplatz zu bekommen in der Bahn. Das ist nicht immer der Fall in einer Großstadt. Aber ich hatte den Abend Glück, dies sollte sich aber schon bald ändern.

Etwa 28 Minuten dauert meine Fahrt in Richtung Heimat und es lohnt sich tatsächlich den E Reader rauszukramen und ein bisschen zu lesen, wenn es ruhig ist in der Bahn.

An meiner Bahnstation angekommen, steige ich also aus und begebe mich zu meiner Bushaltestelle in der Nähe, noch ist der Weg nicht ganz geschafft.

Eine Treppe runter und nur noch kurz über die Straße, da ist schon die Haltestelle. Es ist für Januar nicht wirklich kalt und ich habe noch ein paar Minuten bis der Bus kommen soll.

Ich stelle mich in die Nähe des Bushäuschens und zünde mir eine wohl verdiente Feierabend Zigarette an. Ich weiß, das ist absolut ungesund, aber ich ernähre mich schon so gesund wie irgend möglich, ich trinke keinen Alkohol und ich habe auch keine wilden Partys mehr in meinem Leben, ich bin Mitte fünfzig und so in meine Arbeit verstrickt das ich für sowas gar keine Nerven mehr habe.

Ich mag es ruhig und gemütlich, mein Sternzeichen ist Krebs und das bedeutet das ich eher häuslich bin. Ich hatte meine wilde Zeit als ich das Alter dazu hatte und bin auch absolut zufrieden mit dieser Zeit, die sich inmitten der achtziger Jahre abspielte. Großartige Zeit.

Nun stehe ich also da und warte auf meinen Bus, der nun die letzten Meter meiner Heimfahrt bedeutete, als sich einige etwas lautere Menschen nähern.

Ah, Eishockey Fans, habe ich dann an ihren Shirts und Schals erkannt. Nun, nichts Ungewöhnliches, es ist Freitag und bestimmt gabs ein Spiel irgendwo. Was weiß ich davon, hier ist ständig irgendeine Veranstaltung. So soll es ja in einer Großstadt auch sein.

Die Leute müssen zwischen der vielen Arbeit und Familie auch mal Dampf ablassen. Man will schließlich auch ein bisschen Leben. Alle von uns, egal wie alt, egal woher und jeder hat da so seine eigenen Methoden.

Es sind so an die fünfzehn Personen, die wohl von dem Spiel nach Hause fahren wollen, ganz schön was los an der Bushaltestelle. Mir persönlich fast ein bisschen zu viel, ich bin nicht gerade ein großer Fan von Menschenansammlungen.

Ein anderer Bus kam noch vor meinem an der Haltestelle an und fuhr einige der Leute in eine andere Richtung. Bis auf zwei, steigen alle aus der Gruppe in diesen ersten Bus ein und fahren davon.

Der Lärmpegel hat sich zu dem Zeitpunkt drastisch verändert, es wurde extrem ruhig, was für mich sehr angenehm war. Nicht das ich es den Fans nicht gegönnt habe, aber mein Tag war lang und mein Akku leer. Ich wollte einfach nur Ruhe.

Wenn ich gewusst hätte das es mit eben dieser gleich ganz fürchterlich vorbei sein würde, hätte ich ein Taxi nach Hause genommen. Sowas weiß man aber vorher nicht und rennt lächelnd in sein Verderben.

Mittlerweile war es schon fast halb zwölf und endlich fing die Anzeige für meinen Bus an zu blinken. Das bedeutet, der Bus ist bereits in der Nähe und kommt jeden Moment ins Sichtfeld. Endlich, gleich geschafft, nur noch drei Stationen Busfahrt und ca. Zweihundert Meter Fußweg, dann bin ich endlich da und kann diese Schuhe loswerden.