Kremserfahrt in den Tod - Ralf Romahn - E-Book
Beschreibung

Als Ende der 80er Jahre in Ostberlin wiederholt Kinder bei Kremserfahrten verschwinden und später tot aufgefunden werden, bringt dies nicht nur eine groß angelegte Fahndung in Gang. Die Polizei ruft auch alle Bürger zur Mithilfe auf. Trotz Aufklärung erfährt die Tatserie nach der Wende eine grausame Fortsetzung. Als zuständiger Ermittler schildert Ralf Romahn gewohnt versiert den Fall und berichtet von den Hintergründen. Detailliert geht er auch bei weiteren Fällen auf die Polizeiarbeit ein, bei der er zuweilen in persönliche Interessenskonflikte gerät. Dass Eifersucht manchmal den Falschen trifft und dass auch Angestellte des Morddezernats nicht immer unbescholten sind, weiß Romahn überaus eindrücklich zu erzählen.

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Seitenzahl:181

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Alle Rechte der Verbreitung vorbehalten. Ohne ausdrückliche Genehmigung des Verlages ist nicht gestattet, dieses Werk oder Teile daraus auf fotomechanischem Weg zu vervielfältigen oder in Datenbanken aufzunehmen.

Aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes wurden alle Namen von Tätern und Opfern sowie Tatorte verfremdet.Namensgleichheiten sind dem Zufall zuzuschreiben.

Die Abbildungen stammen aus den Archiven Ralf Romahn, edition ost und Robert Allertz

ISBN E-Book 978-3-360-50140-0

ISBN Print 978-3-360-01317-0

© 2017 Verlag Das Neue Berlin, Berlin

Umschlaggestaltung: Buchgut, Berlin, unter Verwendung eines Motivs von Fotolia/eugenesergeev

Printed in EU

Die Bücher des Verlags Das Neue Berlinerscheinen in der Eulenspiegel Verlagsgruppe.

www.eulenspiegel.com

Inhalt

Totentanz

»Entschuldigung …«

Kremserfahrt in den Tod

Das Loch in der Mauer

Totentanz

»Ej, du bist doch so’n Westarsch!«

Die Ansage ist eindeutig, und auch der Ton lässt keinen Raum für Interpretationen. Eine offene Kriegserklärung. Der Satz flattert auf einer Alkoholfahne, getränkt in Aggressivität, welche in nüchternem Zustand gewiss ein wenig unterdrückt worden wäre. So aber bricht die Gereiztheit unüberhörbar und ungeschützt hervor. Gleichsam als eruptive Sammelanklage, in die alles hineinzufließen scheint, was in der Vergangenheit vom Schreihals als ungerecht empfunden wurde.

»Du glaubst wohl, weil du von drüben kommst, kannste dir alles erlauben, wa?!«

Jochen sieht ins Gesicht des wütenden jungen Mannes, der vor ihm auf der Treppe steht. Er kann es kaum erkennen. Das Licht der Straßenlaterne fällt von hinten und von oben, die Schatten verdunkeln es, zudem ist er selbst auch nicht ganz nüchtern. Der Alkohol lässt die Konturen etwas verschwimmen. Sein Gehirn allerdings arbeitet noch einigermaßen präzise. Es sagt ihm, dass Gefahr im Verzug ist.

»Was willst du Zonendödel von mir?«

Er stößt mit der flachen Hand den Kerl vor die Brust, ganz leicht, gewiss, aber hinreichend, um diesem zu signalisieren, dass sein Gegenüber nicht gewillt ist, die Beleidigung widerspruchslos hinzunehmen. Westarsch, pff. Natürlich kommt der von drüben.

Durch die Stadt zieht sich eine Mauer, die sie in Westberlin und in Ostberlin teilt. Daran ist doch nicht er schuld. Und sie macht ihn auch nicht zu einem anderen Menschen, nur weil er im Westteil lebt. Okay, im Unterschied zu den meisten anderen hier auf der Treppe kann er hinüber und herüber fahren, wann immer er will. Er muss zwar jedes Mal 25 D-Mark Eintritt zahlen, doch für die 25 Ostmärker kriegt er mehr als bei sich zu Hause für 25 Westmark. Für 20 Pfennig kann man mit der Straßenbahn, mit U- oder S-Bahn in Ostberlin so weit fahren, wie man möchte. Das Bier ist billig, das Schnitzel auch.

»Eh, nicht anfassen, du Großkotz!«

Der Mann vor ihm schlägt den Arm, der gegen seine Brust drückt, energisch beiseite. »Nimm die Pfoten weg, du Arschloch aus Charlottenburg.«

Was will der überhaupt von ihm? Außerdem wohnt er in Neukölln. Jochen verspürt leichten Schmerz im getroffenen Unterarm und lässt ihn fallen. Weshalb attackiert ihn dieser Idiot? Er hat ihn im Discogewimmel nicht gesehen, vorhin. Weder auf der Tanzfläche noch am Tresen. Er hat auch niemanden angerempelt oder auf den Fuß getreten, keinem das Glas unachtsam umgekippt oder die Freundin ausgespannt. Das hat er nicht nötig. Er kam in Begleitung. Mit Manuela ist er seit einem Vierteljahr zusammen.

»Leck mich und lass mich vorbei«, sagt er nach einem Moment des Innehaltens. Erneut berührt Jochens Hand den Provokateur, diesmal an dessen Oberarm, als wolle er ihn beiseite schieben.

»Fass mich nicht an, du Pfeife«, brüllt nun der Kerl, worauf einige Jungs, die die Treppe des Pressecafés hinuntereilen, ihre Schritte stoppen. Sie bleiben stehen, schauen auf die Kontrahenten.

»Gibt’s was?«, erkundigt sich einer interessiert.

»Nee, lass mal«, sagt der, der auf der Stufe vor Jochen steht. So sehen sie beide aus, als wären sie gleich groß. Stünden sie nebeneinander, wäre der Unterschied in der Körpergröße deutlich sichtbar. Zudem ist Jochen alles andere als ein Preisboxer. Die Schultern sind schmal, der Körper schmächtig, Muckibuden kennt er nur von außen. Wäre er nüchtern, wüsste er das Kräfteverhältnis besser einzuschätzen und ginge seiner Wege.

Manuela an seiner Seite hat den ganzen Abend über weniger als er getrunken und darum den realistischen Überblick. »Komm!«, fordert sie und versucht, ihren Freund zum Gehen zu bewegen. Aber der steht auf der Stufe wie ein Fels. Naja, relativ. Jochen wankt ein wenig, die Füße jedoch sind mit dem Waschbeton fest verwachsen.

»Komm!«

Die junge Frau wiederholt ihren Appell. Ein wenig lauter und ein wenig schrill, weil sich inzwischen Angst eingestellt hat. Sie kennt diese Rüpeleien nach dem Schwoof, seit sie tanzen geht. Es sind die üblichen Rempeleien der Platzhirsche mit den Rivalen von außen, die ihnen vermeintlich »ihre« Bräute ausspannen. Manuelas Eltern sind zugezogen und wuchsen auf dem Land auf. Von denen weiß sie, dass es fast bei jedem Dorfbums eine Prügelei gab. Oft zogen die Jungs aus dem Nachbarort mit blutenden Nasen heim, wenn die Einheimischen ihr Revier gegen die Eindringlinge erfolgreich mit den Fäusten verteidigt hatten.

Ihre dritte Aufforderung verhallt ohne Wirkung bei Jochen. Hilflos steht sie hinter ihm und beobachtet, dass immer mehr junge Männer stehenbleiben und sich hinter dem Provokateur versammeln. Die Szenerie wirkt bedrohlich.

Manuelas Blick geht hinüber zum Interhotel Stadt Berlin, das wuchtig in den nächtlichen Himmel ragt. Auf der Kreuzung davor fährt kein Auto, es ist kurz nach Mitternacht. Da schnarchen die meisten Berliner bereits in ihren Betten. Selbst wenn Wochenende ist, wie augenblicklich. Nur ein paar Taxis, offizielle wie private, die sogenannten Schwarztaxis, fahren die Karl-Liebknecht-Straße hinauf und hinunter. Weit und breit ist keine Uniform zu sehen. Immer wenn man die Polizei braucht, ist sie nicht da … Scheiße, wie kommen sie aus dieser Nummer, denkt sie, was unschwer in ihrem Gesicht abzulesen ist.

»Ihr Arschlöcher aus dem Westen glaubt wohl, dass ihr mit euren bunten Scheinen unsere Weiber einfach so abschleppen könnt? Wie? Was?«

Der Kerl brüllt Jochen an, Speichel fliegt von den Lippen. Der Blick geht Beifall heischend in die Runde. Er glaubt, Gleichgesinnte um sich zu haben. Das trifft auf die Mehrheit zu, nur wenige ziehen weiter, als sie merken, was hier lautstark verhandelt wird.

»Mit Westgeld sie schmieren und dann bumsen, das könnt ihr!« In der Ansage schwingt ein Anflug von Triumph mit, weil der Absender wähnt, eine Wahrheit, die vermeintlich unterdrückt und von niemandem angesprochen wird, endlich einmal tapfer öffentlich gesagt zu haben.

Manuela möchte lautstark protestieren. Sie fühlt sich nicht bestochen und gefügig gemacht. Es ist Liebe. Als ihr Jochen zum ersten Mal begegnete, wusste sie zunächst nicht, dass er von drüben kam. Erst später, als er sich von ihr verabschiedete, weil er wieder rüber musste, wurde es ihr bewusst. Bis vor Kurzem noch war 24 Uhr Zapfenstreich, spätestens dann hatten die Westberliner die Grenze passiert zu haben. Sie konnten zwar drüben auf dem Absatz kehrtmachen und erneut »einreisen«, um wieder in das warme Bett der Liebsten zu schlüpfen. Doch inzwischen zeigte sich die Obrigkeit einsichtig und bewilligte den durchgängigen Aufenthalt von Freitag 22 Uhr bis Sonntag 24 Uhr. Das waren zwei Tage, vor allem zwei Nächte ohne grenztechnische Pause. Lindenbergs Wunsch in »Mädchen aus Ostberlin« von seiner Platte »Alles klar auf der Andrea Doria«, die Jochen einmal als Musikkassette durch die Grenze geschmuggelt hatte, war also für sie in Erfüllung gegangen: »Ich hoffe, dass die Jungs/das nun bald in Ordnung bringen/denn wir wollen doch einfach nur zusammen sein«. Nun können Jochen und Manuela etwas enger und etwas länger zusammen sein: das ganze Wochenende.

Aber Manuela schweigt. Was soll sie hier sagen? Jedes Wort würde wie ein Flammenwerfer wirken. Mit Benzin lässt sich kein Feuer löschen. Soll sie sagen, dass sie nicht für ein paar lumpige Westjeans die Beine breitmacht? Dass sie dem Freund aus Westberlin nicht für Bohnenkaffee einen bläst? Diese Sprache würde der Idiot verstehen, es ist die seine, aber er würde nicht begreifen, was sie damit sagen will. Also beißt sich Manuela auf die Lippe und schweigt.

Jochen jedoch strafft sich. Er ist zur Salzsäule erstarrt, sagt nichts. Seine Rechte fährt in die Hosentasche und kommt langsam wieder hervor, ohne dass dies von den Umstehenden bemerkt wird. Auch Manuela sieht nicht, wie die Klinge aus dem Springmesser schießt, als Jochen auf den Knopf am Heft drückt. Erst als er zusticht, nehmen es alle wahr.

»Er hat ein Messer«, schreit einer, und schon spritzt die Gruppe auseinander.

So blitzartig, wie er das Messer in den Bauch seines Gegenübers gestoßen hat, zieht es Jochen auch wieder aus dem Körper und fuchtelt wild damit herum. Der Arm mit der Klinge kreist und fährt nach vorn, trifft da und dort auf Widerstand. Den einen erwischt es am Oberschenkel, aus dem Schnitt in der Hose schießt unmittelbar danach Blut heraus. Ein junger Mann, den das Messer am Arm verletzt, schreit auf und greift mit der Hand nach der Wunde. Der erste jedoch, auf den Jochen eingestochen hat, sagt kein Wort mehr. Er ist auf die Knie gesunken und kippt dann vornüber. Das alles geschieht in Bruchteilen von Sekunden.

Die Gruppe löst sich blitzartig auf, die Männer und ihre Begleiterinnen rennen die Treppe hinunter und versuchen, sich in Sicherheit zu bringen. Panik hat sich ihrer bemächtigt, nur weg hier. Nicht einer fällt dem Mann mit dem Messer in den Arm. Niemand ist auf der Treppe, der dem schmächtigen Kerl die Klinge aus der Hand schlägt. Rette sich, wer kann, ist die Parole. Die Schreie verhallen ohne Echo auf dem weiten, leeren Areal zwischen dem Verlagshochhaus und dem Interhotel. Stumm blinken die roten Lichter des Fernsehturms.

Jochen greift nach Manuelas Hand und zieht sie hinter sich her. Im Laufen klappt er die Klinge ein und lässt das Messer in der Hosentasche verschwinden. Sie eilen die Stufen hinab und quer über die Kreuzung, die Unterführung ignorierend. Atemlos hetzt Jochen dem Taxistand am Interhotel entgegen, ohne dass sich ihm jemand in den Weg stellt oder folgt.

Die beiden haben Glück. Tatsächlich steht dort ein Wolga mit dem Bügel überm Dach. Offenkundig wartet der Fahrer auf Kundschaft aus der 37. Etage. Das Panorama-Restaurant ist stark frequentiert und Wochen im Voraus ausgebucht.

Die beiden werfen sich in den Fond, der Fahrer dreht sich gelangweilt um und sagt demonstrativ: »’n Abend. Wo soll’s hinjehen?«

Wahrscheinlich hatte ihn die Lektüre der achtseitigen BZ am Abend derart gefesselt, dass er den Auflauf auf der Treppe, keine zweihundert Meter von hier, wahrgenommen hat. Oder doch? Wenn die Disco schließt, drängen sich dort immer die Massen. Lässig wirft er die Abendzeitung auf den Beifahrersitz, dann dreht er den Schlüssel im Zündschloss.

»Bahnhof Lichtenberg«, ruft Manuela kurzatmig nach vorn.

Der Fahrer schaut grinsend in den Rückspiegel.

»Warum nehmt ihr nicht die Bahn? Könnt wohl nicht warten, wa?« Er mustert den jungen Mann und sieht sofort, dass der Klamotten trägt, die nicht aus der Jumo stammen. Seine Mimik offenbart, was er denkt.

»Ick nehme nur Westjeld.«

»Klar.« Jochen greift in seine Hemdtasche. »Reicht ein Zehner?«

»Jerade mal so.« Der Fahrer nimmt die Rechte vom Lenkrad und bewegt sie über die Schulter nach hinten. Jochen drückt ihm den Schein in die Hand, die sofort zurückgezogen wird. Das alles ist nicht erlaubt, doch was heißt das schon? In der Hauptstadt ist die D-Mark die heimliche Währung, und da es sie offiziell nicht zu kaufen gibt, besorgt man sie sich eben auch auf solche Weise. Das heißt: Umrubeln kann man seine »Alu-Chips« schon, man muss nur wissen, in welcher Kneipe es bunte Scheine gibt. Die einen tragen ihre Westkohle dorthin, um sie zu vervielfachen, indem sie sie in Ostscheine umtauschen, andere tragen ihre Rente in die illegale Wechselstube, damit sie in Westberlin was zum Ausgeben haben, und die dritten suchen die Hinterzimmer in den einschlägigen Lokalen auf, weil sie das Schicksal gestraft hat, keine Verwandten im Westen zu besitzen und trotzdem mal Westseife im Intershop kaufen wollen. Anschließend tragen sie die D-Mark zur Staatsbank und erhalten dafür Forumschecks für den Intershop. Das vor allem ist der Grund, weshalb die Staatsmacht bei diesen unerlaubten Geldgeschäften ihrer Bürger durch die Finger schaut. Sie braucht Devisen, deshalb ist es ihr egal, auf welchen Wegen die Banknoten ihren Weg in die Geldinstitute finden.

Solche Überlegungen sind dem Taxifahrer fremd. Umgerechnet fuffzig Ostpiepen nebenbei für eine Fahrt nach Lichtenberg ist ein ordentliches Geschäft. Bei der Schichtabrechnung wird er den Betrag für eine Fahrt nach Lichtenberg aus seinem Portemonnaie in Ostmark in die Kasse legen. Schließlich muss alles korrekt zugehen.

Der Wolga schnurrt die nächtliche Karl-Marx-Allee hinunter, die Straßenlaternen an der Magistrale werfen ein mattes Licht auf den Asphalt.

Kurz nach Mitternacht klingelt in der VP-Inspektion in Mitte das Telefon. Die Dienststelle befindet sich in der Keibelstraße; in dem riesigen Gebäudekomplex hat auch das Präsidium der Berliner Volkspolizei seinen Sitz. Das Gebäude war Ende der 20er Jahre vom Kaufhauskonzern Karstadt errichtet worden und galt seinerzeit als das größte Bürogebäude Berlins. Aus eben diesem Grunde war es, da völlig überdimensioniert, 1934 von Karstadt ans Reichsfinanzministerium verkauft und vom Statistischen Reichsamt bezogen worden. Trotz Zerstörungen nahmen noch 1945 erste Polizeidienststellen dort Quartier, 1949 auch das Polizeipräsidium. Am 13. August 1961 koordinierte in einem Büro in der 2. Etage Erich Honecker, damals ZK-Sekretär für Sicherheitsfragen, die Grenzsicherungsmaßnahmen, die heute kurz als »Mauerbau« bezeichnet werden. Tatsächlich begann der eigentliche Mauerbau erst im September 1961.

Der Operative Diensthabende, im Polizistenjargon ODH, nimmt den Anruf eines Kellners des Pressecafés entgegen, der über die 110 hereingekommen ist. Das Pressecafé ist nur wenige hundert Meter entfernt von der Dienststelle, die im Haus befindlichen Schutzpolizisten und Kriminalisten, die umgehend alarmiert werden, können wenig später zu Fuß zum Tatort eilen. Die meisten Kollegen, die zum Einsatz in die Karl-Liebknecht-Straße gerufen werden, sind allerdings mit Streifenwagen in der Stadt unterwegs und werden per Funk informiert und herbeigerufen.

Der Mann am anderen Ende des Telefons schildert aufgeregt, dass es nach der Disco auf der Treppe zu einer Rangelei gekommen sei. Er sei, da es ziemlich laut war, darauf aufmerksam geworden und habe aus dem Fenster geschaut. Was im Einzelnen passiert sei, könne er nicht sagen, nur dass einer der Gäste danach reglos auf den Stufen liegenblieb, während die anderen Gäste davongelaufen sind. Einige Personen bluteten offensichtlich und riefen nach einem Arzt.

»Wurde bereits die SMH informiert?«

»Was ist das?«, kommt die Gegenfrage.

»Die Schnelle Medizinische Hilfe, also der Notarzt.«

»Natürlich, ich habe als Erstes die 115 gerufen.« Der Kellner macht eine Pause. »Oh, das ging aber schnell. Gerade fährt der Barkas vor.«

»Gut. Dann wäre schon mal das geklärt. Ich schicke sofort jemanden vorbei.«

»Jemanden« heißt in diesem Falle zwölf Schutzpolizisten, die nach und nach am Tatort eintreffen und ihn absperren. Vier Genossen vom Kriminaldienst werden ebenfalls in Marsch gesetzt, die die Erstbefragung von Zeugen vornehmen, Spuren sichern und Täterbeschreibungen notieren sollen. Sie wurden vom Diensthabenden Kriminalisten Hartmut Babick benachrichtigt.

Dieser erteilt seine Anweisungen und Befehle zügig, es herrscht die in der Dienststelle übliche Routine. Die Polizei registriert im Jahresdurchschnitt in der Hauptstadt zehn bis zwölf Tötungsdelikte, davon etliche im Stadtbezirk Mitte. Gewaltdelikte sind nichts Ungewöhnliches mehr, sie lösen keine Verstörung oder gar Verwirrung aus, wobei noch nicht klar ist, ob es vor dem Pressecafé überhaupt einen Toten gab. Dennoch bringt Babick als Diensthabender Kriminalist alles auf den Weg, was man in einem solchen Falle mobilisieren muss. Der erste Angriff ist entscheidend. Lieber anfänglich mit zu großem als mit einem zu kleinen Besteck hantieren, lautet darum die Devise.

Die eintreffenden Polizisten sperren weiträumig den Tatort ab und sammeln die jungen Leute ein, die am Fuße der Treppe stehen oder noch oben in der Disco warten. Es ist eine zugige Ecke, die Nachtkühle kriecht in die dünne Sommerkleidung. Über ihren Häuptern schwebt der Flachbau, der wie an die Stirnseite des Verlagshauses geklebt wirkt. Zwei Außenseiten des Restaurants, das vielleicht mal als exklusive Betriebskantine für die hier tätigen Journalisten gedacht war, schmückt ein bunter Fries aus Industrieemaille. Dafür jedoch haben die Polizisten im Moment kein Auge. Sie müssen Namen und Adressen der Anwesenden notieren und diese nach ihren Beobachtungen fragen.

Nur einige der unfreiwillig Festgehaltenen murren, als sie nach ihren Papieren gefragt werden. Sie kommen aus dem Westteil der Stadt, wo man einen anderen Umgang mit der Staatsmacht pflegt.

»Bürger, nun zicken Sie mal nicht rum. Wir ermitteln hier in einem Tötungsdelikt.«

»Wer ist tot?«

Der Polizist dreht seinen Kopf in Richtung Treppe, auf der gerade zwei Männer der SMH eine leblose Person auf eine Trage bugsieren.

»Damit habe ich nichts zu tun.«

Der nassforsche Westberliner zieht an seiner Zigarette und stößt den Qualm in die kühle Nachtluft. Im Profil zeigt er seine Frisur, der Polizist mit dem Schnäuzer grinst nach innen. Vokuhila heißt der Schnitt wohl, vorn kurz, hinten lang. Was für eine beknackte Mode.

»Habe ich ja auch nicht behauptet. Wir nehmen von allen Zeugen lediglich die Personalien auf. Halten Sie bitte die Papiere bereit.«

»Wieso Zeuge? Ich habe nichts gesehen. Als ich rauskam, liefen die Leute bereits die Treppe hinunter. Dass da einer lag, habe ich nicht weiter beachtet. Ich dachte, der sei betrunken und auf die Fresse gefallen.«

Der Polizist überträgt Name und Adresse aus dem Reisepass in sein Notizbuch und reicht das Dokument zurück.

»Bitte.«

»Was wollen Sie mit meiner Adresse? Der Arm der DDR reicht nicht bis nach Kreuzberg.«

Der Polizist lächelt. »Da täuschen Sie sich mal nicht. – Der Nächste bitte.«

Der Nächste ist eine die. Die junge Frau hat bereits ihren blauen Personalausweis aus der Handtasche gekramt. »Carola Menke.«

»Haben Sie etwas gesehen, etwas Auffälliges bemerkt, können Sie Angaben zu den beteiligten Personen machen?«

Sie nickt.

»Was?«

»Ich habe alles beobachtet. Von unten, vom Fuß der Treppe. Ich habe dort auf meinen Freund gewartet, der war noch auf Toilette.«

»Na, dann erzählen Sie mal.«

»Ich glaube, der eine hat angefangen.«

»Einer fängt immer an«, sagt der Polizist. »Können Sie ein wenig konkreter werden?«

Sie schüttelt den Kopf. Der asymmetrisch gebundene Pferdeschwanz mit dem grünen Neonbändchen wippt hin und her. »Ich habe lediglich gesehen, dass der Kerl da« – sie weist auf die Trage, die soeben in den Barkas geschoben wird – »sich dem Pärchen in den Weg gestellt hat.«

»Beschreiben Sie mal das Pärchen«, fordert der Uniformträger sie auf. Er hält den Kugelschreiber in der Hand, schaut die Frau an und wartet.

»Naja, er war eher klein und schmächtig. War wohl von drüben.«

»Woran wollen Sie das erkannt haben?«

»An den Klamotten … An der Frisur. So mit Strähnchen im Haar. Wie der von Modern Talking.«

»Das wollen Sie von hier unten gesehen haben?« Er fragt nicht, wer Modern Talking ist. Westsender zu hören und zu sehen ist ihm als Staatsdiener untersagt. Zwar hält er sich nicht daran, doch wer Modern Talking ist, weiß er nicht. Aber diese Blöße gibt er sich nicht.

Sie nickt. »Doch, ich bin mir ziemlich sicher, dass der aus Westberlin war. Wie die meisten Männer hier.« Ihre Rechte beschreibt einen Halbkreis.

»Und die Frau?« Der Polizist braucht eine Beschreibung der Personen und nicht ihrer Modevorlieben. Klamotten lassen sich wechseln, die Frisur auch, nicht aber die Figur. Er weiß selbst, dass die Tanz- und Schwulenlokale in Berlins Mitte stark von Westberlinern frequentiert werden. Die Ursachen sind so bekannt wie der Ärger, der daraus mitunter für die Polizei erwächst. Hier scheint es sich ebenso verhalten zu haben. Er insistiert: »Wie sah seine Begleiterin aus?«

Die junge Frau bläst die Backen auf. »Rosafarbener Jogginganzug, glaube ich.«

»Glauben oder wissen? Ich meine, so eine bunte Kleidung fällt doch auf, das merkt man sich doch?«

»Ja, er war definitiv rosa«, meldet sich eine Stimme von hinten.

»Kommen Sie doch mal her.« Der Polizist schickt einen Blick ins Halbdunkel, aus der sich eine Frau Anfang zwanzig schält. Mit dem Stirnband sieht sie aus wie Jane Fonda beim Aerobic. Oder Popgymnastik, wie es in der DDR heißt. »Sie haben die Frau auch gesehen?«

Sie nickt. »Ja. Sie heißt Manuela und wohnt in Lichtenberg.«

Der Uniformierte stutzt. »Woher wissen Sie das?«

»Sie und ihr Freund saßen mit an unserem Tisch.«

»Haben Sie sich mit ihnen unterhalten?«

»Wir haben zwischen den Runden etwas gequatscht, ja. Die meiste Zeit waren die beiden aber mit sich selbst beschäftigt. Schwer geknutscht und so.«

»Können Sie bestätigen, was hier von der Zeugin gesagt wurde? Dass der Mann aus Westberlin kam?«

»Denke schon. Er benahm sich jedenfalls so.«

»Wie benahm er sich denn?«

»Als könne er den ganzen Laden kaufen, wenn er wollte. Mit ihrer Westkohle halten die sich für Kings und können vor Kraft kaum laufen, als hätten sie Eier wie Kokosnüsse.«

Nicht wenige der Umstehenden knurren. Offenkundig teilen sie nicht die Einschätzung der jungen Frau. Einer ruft aus der anonymen Dunkelheit: »Ej, nun sei mal schön still. Warum kommt ihr Zonenpussys überhaupt hierher? Ihr wollt doch nur von einem von uns abgeschleppt werden. Nicht, weil wir besonders geile Hirsche sind, sondern weil wir richtiges Geld in der Tasche haben. So sieht es doch aus!«

Der Polizist hebt beschwichtigend die Hände und wendet sich erneut der Zeugin zu. »Manuela aus Lichtenberg. Und sonst? Wissen Sie mehr? Was hat sie am Tisch erzählt?«

»Sie sagte, dass sie noch in der Ausbildung stecke. Näherin oder so etwas, und zwar im Modeinstitut in der Brunnenstraße.«

Nachdem der Polizist die Personendaten notiert hat, wendet er sich dem nächsten Zeugen zu.

Die Millionenstadt schläft. Die Sommernacht ist lau, die meisten Schlafzimmerfenster stehen offen und lassen frische Luft in die Behausungen. Der Verkehr, überirdisch und unterirdisch, auf Schienen oder Asphalt ruht für kurze Zeit. Viele Berliner sind draußen, vor den Toren der Stadt, auf ihren Wochenendgrundstücken. Die nächtlichen Sommerwochenenden in Berlin sind toter als tot.

Allerdings nicht für jedermann. In Krankenhäusern und bei der Kriminalpolizei herrscht in der Regel Hochbetrieb. Verkehrsunfälle, Geburten, Schlägereien, Einbrüche, Rüpeleien, Herzinfarkte, Kreislaufzusammenbrüche, und die Feuerwehr muss Katzen retten … Zumindest für diesen Teil des Zusammenlebens gilt der Satz, den Sinatra einst auf New York sang: »a city that never sleeps«.