Landl(i)eben - Steffi Neu - E-Book

Landl(i)eben E-Book

Steffi Neu

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Beschreibung

Eine Feier des Dorflebens und Landliebens

»Man bekommt die Leute aus dem Dorf, aber nicht das Dorf aus den Leuten: wie gut! Steffi hat nie vergessen, wo sie herkommt, und ist damit eine echte Bereicherung für die Verständigung zwischen Stadt- und Landmenschen. « – Sabine Heinrich, Moderatorin

Auf dem Land passiert doch eh nichts, wenn nicht grad der Hahn auf dem Misthaufen kräht? Von wegen! Mit einem Augenzwinkern und viel Herz erzählt die bekannte Radiomoderatorin und begeisterte Landfrau Steffi Neu von den kleinen und großen Abenteuern des Alltags abseits der Ballungsräume. Durch persönliche Anekdoten und Geschichten von anderen Landbewohnern (oder solchen, die es mal waren) zeigt Steffi Neu die charmanten Seiten des Landlebens, ohne dabei die Herausforderungen zu verschweigen.

Dieses Buch ist für alle, die das Landleben schon lieben oder es erst kennenlernen möchten. Denn auch, wenn es seine Tücken hat, bietet es eine einzigartige Lebensqualität, die man einfach lieben muss.

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Seitenzahl: 258

Veröffentlichungsjahr: 2026

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»Man bekommt die Leute aus dem Dorf, aber nicht das Dorf aus den Leuten: wie gut! Steffi hat nie vergessen, wo sie herkommt, und ist damit eine echte Bereicherung für die Verständigung zwischen Stadt- und Landmenschen. « – Sabine Heinrich, Moderatorin

Eine Feier des Dorflebens und Landliebens

Auf dem Land passiert doch eh nichts, wenn nicht grad der Hahn auf dem Misthaufen kräht? Von wegen! Mit einem Augenzwinkern und viel Herz erzählt die bekannte Radiomoderatorin und begeisterte Landfrau Steffi Neu von den kleinen und großen Abenteuern des Alltags abseits der Ballungsräume. Durch persönliche Anekdoten und Geschichten von anderen Landbewohnern (oder solchen, die es mal waren) zeigt Steffi Neu die charmanten Seiten des Landlebens, ohne dabei die Herausforderungen zu verschweigen.

Dieses Buch ist für alle, die das Landleben schon lieben oder es erst kennenlernen möchten. Denn auch, wenn es seine Tücken hat, bietet es eine einzigartige Lebensqualität, die man einfach lieben muss.

Steffi Neu ist Journalistin, Moderatorin und Autorin. Sie wurde 1971 in Kleve geboren und lebt bis heute mit ihrem Mann, den zwei Kindern und Hund am Niederrhein. Nach Studium und journalistischer Ausbildung beim WDR begann sie 1996 als Redakteurin und Moderatorin bei WDR 1Live, seit 2000 moderiert sie bei WDR 2.

Steffi Neu

Landl(i)eben

Warum ich nirgendwo anders leben möchteEchte Geschichten vom Land

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Copyright © 2026 Kösel-Verlag, München,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

[email protected]

(Vorstehende Angaben sind zugleich Pflichtinformationen nach GPSR.)

Umschlaggestaltung: zero-media.net, München

Umschlagmotive und Foto: © Annika Graeff

Innenteilabbildungen: © Yanka / stock.adobe.com

Konzept- und Textberatung: Dr. Bettina Burchardt

Satz und E-Book Produktion: Satzwerk Huber, Germering

ISBN978-3-641-33238-9V001

www.koesel.de

Inhalt

1. Plattes Land – weiter Himmel

2. Allein in der großen Stadt

3. Gehst du oder bleibst du schon?

4. Curly Wurly

5. Dreckige Schuhe vor der Tür

6. Rushhour-Radeln

7. Mia bleibt mobil

8. Lost in the City

9. Mein zweites Wohnzimmer

10. Musik in den Gassen

11. Queekespiere forever

12. Die Hüter der Verbindlichkeit

13. Weltstadt Weeze

14. Einmal Berlin und zurück

15. In der Jogginghose zum Supermarkt

16. Mit Handicap aufm Land

17. Bene

18. »Die gehören zu uns!«

19. Ompa

20. Stille Post

21. Phasensprünge

22. Mit Karacho in die Kull

23. Ärmel hoch!

24. Emotionale Minenfelder

25. Der Bauer und seine Seele

26. Verwandtschaftsgewiggel

27. Freizeit an der Ackerfurche

28. Mit ohne Auto aufm Land

29. 50 Kubikzentimeter Glück

30. Weltreise nach Dortmund

31. Mit 90 am Steuer

32. Kreatives Parken

33. Mein Werteregal

Danke

1.Plattes Land – weiter Himmel

Auf dem Dorf ist das so: Du bist Teil des Dorfes und das Dorf ist Teil von dir. Das weiß ich genau, denn ich bin in Keppeln, einem Dorf am Niederrhein groß geworden. Knappe 1600 Einwohner. Da kennt wirklich jeder jeden, zumindest vom Sehen. Bei mir ist es sogar noch mal einen Tacken mehr im Outback, weil ich außerhalb des Dorfes in einer sogenannten Bauernschaft aufgewachsen bin, auf dem Hof meiner Eltern. Das Dorf ist zwei Kilometer weg, gerade noch in Sichtweite, da wohnten viele der anderen Kinder aus meinem Kindergarten und der Grundschule. Deren Väter waren meistens Angestellte oder Handwerker. Viele Familien im Dorf hatten damals noch ein Stück Land oder eine Wiese mit einem Pferd drauf, andere hatten die Landwirtschaft schon ganz aufgegeben. Aber auf einem Bauernhof wie dem, auf dem ich geboren wurde, war man bis in die Siebzigerjahre hinein größtenteils Selbstversorger – und damit fast rund um die Uhr auf dem Feld und im Stall.

Auf einem Bauernhof reichen die Wurzeln besonders tief. Wer du bist, wird über den Hof definiert, auf dem du Kind warst. Auch wenn du längst von zu Hause ausgezogen, verheiratet und vielleicht sogar ganz weggezogen bist, bleibst du doch dein Leben lang »der vom Scholtenhof« oder »die vom Bomshof«. Der Hof, von dem ich komme, ist der Fehlemannshof. Also bin ich »die Steffi von Heini und Alwine vom Fehlemannshof«. Und wenn das nicht reicht, wird noch nachgeschoben: »Die Große von den beiden Mädchen.« Fertig, und alle wissen Bescheid. Natürlich ist es für niemanden im Dorf was Neues, dass ich seit drei Jahrzehnten in Köln als Radiomoderatorin arbeite. Aber wie alle anderen Gehöfte auch ist der Fehlemannshof bei uns in der Gegend eine feste Größe. Und Köln weit weg.

Ich bin mit der Weite groß geworden, denn der Niederrhein ist buchstäblich plattes Land. Mit ihr um mich herum fühle ich mich wohl. Woanders dauert es nicht lang, bis ich Sehnsucht nach Weit-gucken-Können habe. In der Stadt geht das nicht so gut. Und in den Bergen auch nicht – es sei denn, ich würde oben auf einem draufstehen. Dann könnte ich sogar weiter schauen als von dort, wo es flach ist. Aber warum sollte ich auf einen Berg drauf laufen? Andere würden sagen: »Weil er da ist.« Ich nicht, denn wenn ich unten stehe, kommt mir so ein Berg doch sehr hoch und Respekt einflößend vor.

Als ich das erste Mal mit meinem Mann Markus und unseren beiden Kindern in den Schnee nach Österreich gefahren bin, war ich schon vierzig. Und wir waren auch nur da, weil die Kinder die Chance haben sollten, Skifahren zu lernen. Das hat geklappt, seitdem kann sogar ich mich auf zwei Brettern halten. Aber ich bin lange nicht so entspannt, leidenschaftlich und angstfrei wie unsere Kinder auf Skiern unterwegs. Auf der Kandahar-Abfahrt in Garmisch-Partenkirchen in der Falllinie runtersausen? Harakiri-Fahren auf der Streif in Kitzbühel? Nicht mit mir! Ich mag es schnell, zu Fuß, auf dem Rad und mit dem Auto – aber am Berg bin ich Blaue-Pisten-Fahrerin. Breite rote gehen auch. Auf jeden Fall bin ich Schön-Wetter-Fahrerin. Als wir im Sauerland waren zum Skifahren, war ich sehr geflasht: Weil es sanft runtergeht, Bäume am Pistenrand, nicht diese Riesenoschis von Bergen drumherum.

Ein einziges Mal haben wir als Familie Sommerurlaub in den Bergen gemacht. Auf einem Bauernhof. Im Nachgang denke ich: Was für ’ne doofe Idee. Fährst du vom Bauernhof zum Bauernhof! Vermutlich haben wir gedacht, dass da was dran sein muss, wenn so viele das machen. Aber was das Verlangen nach Weite angeht, sind mein Mann und ich ähnlich gestrickt. Gleich am ersten Abend saßen wir vor unserer Hütte und haben überlegt, wo wohl das nächste Meer ist, in welche Richtung wir fahren müssen. Die Weite hat uns gefehlt, überall waren Berge im Weg! Die empfinde ich als Enge. Weil ich das Gefühl habe: »Ich kann hier nicht weg.« Oft ist es ja auch so bei der Abreise aus dem Skiurlaub, dass die Täler das Nadelöhr sind, durch das erst mal alle durch müssen, um auf die Autobahn zu kommen. In der Stadt geht’s mir genauso.

Plattes Land bedeutet nicht nur weit gucken können, sondern auch viel Wind. Der kann schon was bei uns am Niederrhein. Wenn wir beim Fahrradfahren von »Wind von vorne« sprechen, da tun schon die Beine weh. Das ist natürlich bei Weitem nicht so wie an der Nordsee, aber mit gestylter Frisur durch den Wind laufen, dann ist die Kunst hinüber. Viel Wind, viele Windräder. Windmühlen – so nennen wir die hier, dabei mahlen die ja nix. Wenn jemand von weiter weg nach dem Weg fragt und gesagt bekommt: »An der Windmühle rechts«, dann fährt der wahrscheinlich geradeaus bis nach Holland rein.

Es wird ja viel über Windräder gemeckert, aber mich stören die nicht. Ich muss nur auf dem Fehlemannshof aus meinem Bürofenster gucken, dann seh ich schon sechs in den Feldern stehen. Einmal wollte ich herausfinden, wie viele ich sehen kann, wenn ich einmal ganz um den Hof rumlaufe. Bei 25 hab ich aufgehört zu zählen. Auf die Hochspannungsleitung, die quer über unseren Garten führt, könnte ich allerdings gut verzichten.

Neben viel Wind gibt es in manchen Jahren viel Wasser. In meiner Kindheit drückte immer mal wieder das Grundwasser von unten ins Haus hinein, dann mussten wir schnell in den Keller und die Sachen vom untersten Regalbrett hochstellen. Und mit Lappen und Eimer wischen. Wischen, auswringen, wischen, auswringen … über Stunden. Dann noch flitschen. Dieses Problem haben wir schon lange nicht mehr gehabt, dafür kam im Sommer 2021 das Wasser von oben. Starkregen und die Fluten bahnten sich ihren Weg über die Felder. Schön durch die Reihen des Kartoffelfeldes. Für Städter: Kartoffeln werden in aufgehäufelten Reihen erhöht eingepflanzt, heißt, da sind Rillen zwischen den einzelnen Bahnen. Und wenn es ein bisschen Gefälle gibt, fließt das Wasser wie durch kleine Flussbetten fein durch die Kartoffelreihen und sucht sich seinen Weg. Direkt zu unserem Kellereingang mit Außentreppe.

Viele Keller im Dorf waren geflutet. Auch in unserem Gewölbekeller, wo mein Mann sein heiß geliebtes Weinlager untergebracht hat, stand das Wasser einen guten Meter hoch. Hunderte Weinflaschen dümpelten uns entgegen, als wir die Treppe runterkamen. Alle extrem versifft und ohne Etikett. Denn die schwammen losgelöst und ganz für sich in der Brühe. Es dauerte Tage, bis wir die Flaschen körbeweise nach oben in die Küche getragen, vom Dreck befreit und nach Verschlüssen sortiert hatten. Manche von ihnen gaben ihr Geheimnis nicht mehr preis, mit denen haben wir dann blinde Weinproben gemacht. Schlechte Laune ist bei dieser Überschwemmung nicht aufgekommen, denn nachdem alles überstanden war, wurde ein Großteil der Flaschen bei einer großen Fete bei uns auf dem Hof seiner Bestimmung zugeführt. Noch heute stehen zwanzig graue Kisten mit wild durcheinandergewürfelten Weinflaschen ohne Etikett in unserem Keller, von denen niemand weiß, was da Feines drin ist. Lauter Wundertüten.

Ein paar Wochen später war die Ahrtal-Flut. Spätestens da merkten wir, wie viel Glück wir gehabt hatten. Niemand in unserer Region hatte sein Leben verloren.

Wind und Wasser – da fehlt noch was zur niederrheinischen Dreieinigkeit: Nebel. Man meint immer, bei uns gäb’s besonders viel Nebel, stimmt aber gar nicht. Das sagt jedenfalls der Deutsche Wetterdienst, und der muss es wissen. In Flusstälern und am Bodensee sind Nebeltage viel häufiger. Aber wenn der Nebel mal da ist, ist es bei uns auf dem Land besonders schön. Ich finde es beruhigend, wenn er tief auf den Feldern und Wiesen hängt und alles still wird. Nur das Autofahren macht dann nicht so viel Spaß. Man sagt das ja so: »Ich kenne mich auf den Straßen meiner Heimat blind aus.« Aber ich bin schon ein paar Mal in der Nebelsuppe an unserem Hof vorbeigefahren, weil ich die Einfahrt verpasst habe.

Die Landschaft, in der du aufwächst, ist in dir eingeschrieben. Jeder hat seinen eigenen Boden, in dem seine Wurzeln Halt finden. Die einen fühlen sich im hügeligen Voralpenland wohl, andere zwischen Ruhrpotthalden, in den Wasserlandschaften des Spreewaldes oder in den Bergen und Tälern des Schwarzwaldes. Bei mir gehören die Felder, die Alleen, die Windräder zu meiner Heimat. Und der weite Himmel, der von Horizont zu Horizont reicht.

2. Allein in der großen Stadt

Ich bin Steffi, tief in der Landschaft meiner Heimat verwurzelt und mit den Menschen aus meinem Dorf fest verbunden. Es gibt aber auch eine andere Steffi. Seit fast 30 Jahren arbeite ich beim WDR, keine 500 Meter vom Dom entfernt. Mehr Stadt geht nicht. Hier gibt es immer alles. Wenn mir zu Hause im Dorf das Ladekabel fürs Handy kaputtgeht, muss ich gucken, welcher Laden noch aufhat. Und in welcher Stadt der ist. Kleve? Kevelaer? Goch? Zwanzig Minuten Autofahrt Minimum. In Köln gehe ich vor die Tür und in einem Radius von 500 Metern finde ich gefühlt 50 Läden, die nichts anderes als Handyzubehör verkaufen. Oder: Ich sitze mit Kollegen zusammen, Lust auf Chips um 23 Uhr. Einer geht los und ist kurz darauf mit ein paar Tüten in der Hand wieder da. Drei von den zehn Minuten, die er weg war, hat er vor dem Aufzug nach unten gewartet. Schnell mal eine Thai-Massage um 18 Uhr? Anruf, hinlaufen, 200 Meter. Yogakurs? In Keppeln liegen zwischen mir und meinem Lieblings-Yogalehrer zwölf Kilometer, in Köln laufe ich mit der Matte unterm Arm einmal rechts über die Straße. In die Zeit, die ich auf dem Land für eine Yogastunde verballere, passt in der Stadt zusätzlich einmal einkaufen, tanken, zum Friseur gehen und mit einer Kollegin Kaffee trinken.

Drei Jahrzehnte Köln – Zeit genug für ein Landkind, um sich an die Stadt zu gewöhnen, könnte man meinen. Aber nicht für mich. Anders als für so manche Dorfbewohner ist die Stadt für mich nie ein Sehnsuchtsort gewesen, mit dem Prinzip »Hohe Häuser eng gedrängt an einer Stelle« bin ich nie wirklich warm geworden. Um mich herum sind die Dörfer Keppeln, Uedemerbruch und Uedemerfeld, die gehören allesamt zum kleinen Städtchen Uedem. Alles meine Kern-Heimat. Die nächste größere Stadt im Umkreis, Kleve mit aktuell etwa 53 000 Einwohnern, gehört nicht mehr dazu. Vom Fehlemannshof bis dorthin war es eine knappe Stunde mit dem Fahrrad, mit den Öffentlichen sind es damals wie heute nur ein paar Minuten weniger. Als ich zum ersten Mal in der Klever Fußgängerzone war als kleines Mädchen, konnte ich es nicht fassen: Da gab es mehrere Geschäfte! Direkt nebeneinander! Ganze Straßen voller Schaufenster! Und dann diese vielen Menschen!

Auch die Generation nach mir staunt über das, was die Stadt zu bieten hat. Meine Tochter hat als Teenager mal in einer Büttenrede im Keppelner Karneval humorig erzählt, wie es für sie als Kind gewesen ist, als ich sie zum ersten Mal nach Kleve mitgenommen habe: »Alles war so bunt, so hell erleuchtet, überall Sachen, die man kaufen konnte … Und dann sagte meine Mama: ›Das ist nicht Kleve, wir sind erst an der Tanke!‹«

Natürlich hatte ich, bis ich mit der Schule fertig war, auch andere Städte als Kleve besucht, aber nicht viele. Mit der Klasse sind wir mal nach Duisburg in die Oper gefahren. 40 Kilometer Luftlinie. Und zweimal ging’s etwas weiter weg: Klassenfahrt nach Nürnberg und Stufenfahrt nach Wien. Bis zum Abi war’s das für mich, was Städte angeht. Am liebsten wäre ich im Dorf geblieben. Trotzdem ging ich, als es so weit war, direkt vom Hof weg zum Studium nach Bonn. Denn mir ist immer klar gewesen, dass ich in die Stadt muss, um meinen Traum wahrmachen zu können: studieren und Journalistin werden.

Auf ein Leben in der Stadt war ich allerdings null vorbereitet. Allein die Anfahrt trieb mir den Puls hoch. Vier verschiedene Autobahnen bis Bonn! Die Abfolge kann ich heute noch im Schlaf hersagen: A57, A1, A4, A555. Der Führerschein war noch frisch und locker-lässig fuhr ich durch die Dorfstraßen und über die Feldwege. Aber im Wirrwarr vierspuriger Fahrbahnen und fußballfeldgroßer Kreuzungen war ich vollkommen verloren. Wenn ich in meinem Studentenwohnheim endlich die Zimmertür hinter mir zumachen konnte, brauchte ich erst mal Pause.

Bonn hat nun wirklich nicht den Ruf, eine pulsierende Großstadt zu sein, aber anders als in Kleve gab es dort echte Hochhäuer. Und von allem eine Schippe mehr: mehr Verkehr, mehr Menschen, mehr Trubel. Für mich war es die komplette Reizüberflutung. Ich wusste gar nicht, wohin ich zuerst gucken sollte, wohin ich zuerst gehen sollte. Also hab ich nichts angesehen und bin nirgendwo hingegangen. Während des gesamten Studiums blieb ich voll im Tunnel. Drei Jahre lang war ich in Bonn auf keiner einzigen Party, lernte niemanden kennen, hatte keine Studienfreunde, keine Stammkneipe. Mein soziales Leben fand im Dorf statt. Freitags nach der letzten Vorlesung ab nach Hause, wo ich mich mit Freunden traf und feierte. Bloß nichts verpassen in der Heimat! Montagmorgens kam ich auf der letzten Rille wieder zurück in die Uni. Meine Devise lautete: Arschbacken zusammenkneifen und zügig durchs Studium. Je schneller ich es durchzog, desto schneller konnte ich wieder weg. Mein Studium habe ich ausgehalten, nicht gelebt. Auf die Idee, dass ich in der Stadt was verpassen könnte, bin ich nicht gekommen. Schade! Heute würde ich versuchen, es anders zu machen.

Weil es in Bonn keine Ablenkung für mich gab und ich alles konsequent durchzog, hatte ich schon nach sechs statt acht Semestern alle Seminare, Klausuren und Hausarbeiten beisammen. Neulich hatte ich noch mal meine Noten in der Hand. Alles zwischen Zwei und Drei. Ich war nie gut, aber schnell. Zu schnell! Mindeststudienzeit nicht eingehalten! Obwohl ich alles besucht, geschrieben und bestanden hatte, musste ich pro forma ein weiteres Jahr überbrücken, bis ich mich zur Abschlussprüfung anmelden durfte. Nach einem Zwischenaufenthalt beim Lokalradio in Moers konnte ich endlich meine Prüfungen ablegen und als Magistra Artium aus der Uni rausmarschieren.

Damit war für mich das Thema Stadt aber noch lange nicht erledigt. Nach einem Volontariat beim WDR in Köln wurde ich dort Redakteurin und Moderatorin. Erst bei WDR 1Live, später beim WDR 2. Seit dreißig Jahren ist mein Leben in zwei feste Blöcke eingeteilt: In Köln arbeite ich, und mein Privatleben findet zu fast hundert Prozent in meinem Heimatdorf und seiner Umgebung statt. Selbst wenn ich samstags arbeite, fahre ich noch in der Nacht nach Hause. Ich weiß bis heute nicht, wie sich ein ruhiger Sonntagmorgen in Köln anfühlt.

Es gibt einen Preis dafür, dass ich in der Stadt meinen Traumjob habe und das Wochenende auf dem Land genießen kann: Ich muss pendeln. Mein Arbeitsweg ist 104 Kilometer lang. Pro Strecke. Mittlerweile habe ich eine kleine Bleibe in Köln, sodass ich mir an manchen Wochentagen die Heimfahrt sparen kann. Aber wenn es sich irgendwie machen lässt, sitze ich nachmittags im Auto und fahre zurück in mein Dorf. Etwa eine Million Kilometer bin ich bisher zwischen Keppeln und Köln hin- und hergefahren. 15 000 Stunden im Auto, das sind 1,7 Jahre. Netto! Also ohne Schlaf und so. Nur, um zur Arbeit zu fahren und wieder zurück nach Hause zu kommen. So habe ich es für mich entschieden, und so will ich es haben. Mir ist eben beides wichtig: mein Dorf und die Leute hier – und meine Arbeit und meine Kollegen und Kolleginnen in der Großstadt Köln. Die Fahrerei zehrt an den Nerven und macht müde. Aber es lohnt sich.

3.Gehst du oder bleibst du schon ?

»Wie machst du das mit den Kindern?« – diese Frage kennt wohl jede Frau, die gleichzeitig kleine Kinder und einen Beruf hat. Die ist deshalb so unfair, weil Männer sie nie zu hören bekommen. Ich kenne keinen Mann, der erklären muss, wer denn auf die Kinder aufpasst, wenn er arbeiten geht oder mit seinen Kumpels unterwegs ist. Eine ähnlich fiese Frage müssen sich Dorfbewohner dauernd anhören: »Warum bist du nicht in die Stadt gezogen?« Ich kenne keinen einzigen Städter, der schon mal gefragt wurde, warum er nicht aufs Land gezogen ist. Irgendwie scheint klar zu sein, dass jeder, der seine Sinne beisammenhat, in die Stadt ziehen will. Mit anderen Worten: Die Schlauen gehen weg, die Dummen bleiben da. Von wegen! Ich kenne Leute aus der Stadt, die zum Dorffest eingeladen waren und gegen den Stromdraht eines Elektrozauns gestrullert haben. Machst du nur einmal!

Bleiben oder weggehen ist keine Sache von Grips oder Nicht-Grips, sondern eine ganz persönliche Entscheidung. Ich habe mit dem Pendeln zwischen Dorf und Stadt die für mich passende Balance gefunden. Sheriff, der in der Grundschule eine Klasse unter mir war, macht das anders. Er hat sein Leben lang bei uns im Dorf gewohnt und wenn er zur Arbeit fährt, sind das nur ein paar Kilometer. Das wird wohl auch so bleiben, ohne dass er etwas vermissen würde. Wie heißt Sheriff eigentlich richtig? Ach ja: Frank. Keine Ahnung, wann den jemand außer seiner Mutter das letzte Mal so genannt hat. Man könnte glauben, dass Sheriff so heißt, weil er immer mit dem Fahrrad durchs Dorf fährt und dabei den Eindruck macht, als würde er inspizieren, ob alles in Ordnung ist. Aber die Sache reicht viel weiter in die Vergangenheit zurück: Zu seinem 16. Geburtstag hat er von Kumpels einen Sheriffstern geschenkt bekommen, den hat er sich angesteckt und – im übertragenen Sinne – nie wieder abgenommen.

Sheriff – 52 Jahre, rote Haare, Sommersprossen, freundliches Gesicht und Single – wohnt mitten in Keppeln in seinem Elternhaus. Hier hat er sich vor einigen Jahren eine eigene kleine Wohnung eingerichtet. »So richtig mit allem: Küche, Wohnzimmer, Schlafzimmer, Gästezimmer«, sagt er. Den Umbau hat er zum großen Teil in Eigenarbeit gestemmt, und wenn er ein paar helfende Hände aus dem Dorf brauchte, waren die sofort zur Stelle. Seine über 80-jährige Mutter kocht jeden Tag für ihn. Ich frag Sheriff, ob er in seiner Küche selbst was auf die Reihe kriegen würde. »Na klar«, antwortet er sehr überzeugend. »Strammer Max, Bratkartoffeln und Gurkensalat.« Und nach einigem Überlegen fügt er noch hinzu: »Und Apfelmus und Schnitzel.« Und wie ist es mit Bude sauberhalten? »Na ja, ich tu mein Bestes«, meint er. Die Gerüchte, dass seine Mama in Sheriffs Wohnung ihre Runden dreht, will er nicht bestätigen. Und auch meine Behauptung, er sei in seinem Leben noch nie umgezogen, dementiert er mit Nachdruck. »Doch, doch«, sagt er. »Ich bin aus meinem Kinderzimmer im Vorderhaus in meine eigene Wohnung im Hinterhaus gezogen.«

Dass Sheriff im Dorf bleibt, stand für ihn nie in Frage. Und seine Wohnung im Elternhaus hat rein praktische Gründe. Seine beiden Geschwister waren schon ausgezogen, die Schwester nach Uedem, der Bruder nach Duisburg. »Da musste ja jemand bei den Eltern bleiben«, sagt Sheriff.

Sheriff genießt sein Leben, ich hab ihn noch nie schlecht gelaunt erlebt. Er ist gelernter Maurer, war beim Landhandel angestellt, jetzt arbeitet er im Tiefbau. Also immer voller Körpereinsatz. Das macht er gerne, die Arbeit bedeutet ihm viel. Und er freut sich, dass er jeden Tag mit seiner Mutter zu Abend isst. »Weil wir dann beide mal quatschen können, was so los ist im Dorf«, sagt er. Und es ist immer was los im Dorf. Überall, wo sich was tut, ist Sheriff vor Ort, weiß Bescheid und teilt sein Wissen gerne. Bis heute läuft der Informationstransfer immer nach demselben Schema ab. Auf meinem Handy ploppt eine WhatsApp von Sheriff auf: »Steffi, ich hab hier was.« Dann muss ich zurückschreiben: »Wat denn?«, und dann kommt so was wie: »Der Bauer Jansen ist mit seinem Hänger gefahren, und da ist dem die Klappe aufgegangen und da war das ganze Getreide auf der Straße.« Sheriff ist wie ein Newsticker: Dank ihm bin ich auch in Köln immer über alles, was im Dorf passiert, bestens informiert. Wenn ich meine Büttenreden für den Keppelner Karneval schrieb, musste ich nur durch Sheriffs WhatsApps scrollen, und schon wusste ich wieder, was alles im vergangenen Jahr passiert war.

Sheriff weiß genau, was seine Prioritäten sind: Erst kommen seine Mutter und das Dorf, dann alles andere. Den Umbau seines Elternhauses hatte seine damalige Freundin mitgeplant. Zwei Jahre war er mit ihr zusammen. Sie kam aus Kleve, und als Sheriffs Einliegerwohnung fertig war, merkte sie, dass das Dorfleben auf Dauer doch nichts für sie ist. »Zwei Wochen haben wir zusammen hier in der Wohnung gewohnt, dann wollte sie zurück in die Stadt«, erzählt mir Sheriff. Andere würden in dieser Situation vielleicht ins Überlegen kommen: Beziehung retten? Mit der Freundin in die Stadt ziehen? Mal ausprobieren, ob das funktioniert? Nicht Sheriff: »Ich hab ihr gesagt: ›Guck! Der Maurer hat da in der Wand ein großes Loch gelassen, da kannste wieder raus.‹« Gemeint war die Tür, und weg war die Freundin.

Seitdem ist Sheriff wieder Single. Bereut er seine Entscheidung? Kein bisschen. Die Zeit arbeitet für ihn. Denn mittlerweile gibt es im Dorf mehrere Kumpels, deren Beziehung respektive Ehe in die Brüche gegangen ist und die jetzt auch wieder alleine sind – Sheriff nennt sie die »Marktrückläufer«. Und weil ab einem gewissen Alter der Markt auf dem Land einfach abgegrast ist, haben die jetzt wieder mehr Zeit, gemeinsam mit Sheriff zum Stammtisch zu gehen.

Es wäre ein dicker Fehler, Sheriff zu unterschätzen. Ein Dorforiginal ist noch lange kein Dorfdepp. Dass er nie daran gedacht hat, in eine Stadt zu ziehen, liegt nicht etwa daran, dass er sich das nicht zutrauen würde. Ich bin sicher, er käme auch dort zurecht. Aber im Dorf hat er ja alles, was er braucht. Dafür macht er richtig gerne Urlaub. Nicht das große, fette Ding, sondern mehrmals klein im Jahr. »Ich fahre an die Ostsee«, sagt er. »Zweimal, gerne auch dreimal, aber es ist alles so teuer geworden.« Ein Freund, der auch aus unserem Dorf stammt, hat da ein Gehöft – 400 Hektar Land mit Ferienwohnungen und einem Campingplatz. Dort fühlt sich Sheriff wohl. »Vier, fünf Tage, mehr brauche ich nicht. Nur mal am Meer sitzen und den Kopf freikriegen.« So wie ich ist auch Sheriff kein Freund der Berge.

Ganz weg vom heimischen Kirchturm ist Sheriff in seinen Kurzurlauben übrigens nicht. Ich kann’s erst nicht glauben, als er mir verrät: »Wenn ich in Keppeln Richtung Ostsee losfahre, halte ich immer an unserer Kirche an und mache ein Foto. So kann ich die im Urlaub morgens immer auf dem Handy sehen.« – »Zeig mal«, sage ich. Und tatsächlich, da prangt St. Jodokus auf seinem Handy – seine Nabelschnur quer durchs Land von der Ostsee zum Heimatdorf. Ohne sie ist er verloren.

4. Curly Wurly

Zur Heimat gehört mehr als nur die Landschaft. Erst wenn ich die Menschen um mich herum kenne, bin ich richtig zu Hause. Mein Freundeskreis im Dorf, in der Gemeinde, ist eigentlich meine ganze Generation, die hier aufgewachsen und fest miteinander verbunden ist. An normalen, nicht runden Geburtstagen wird nach dem Motto eingeladen: »Wer kommt, der kommt.« Dann sitzen schnell mal dreißig Menschen in deinem Wohnzimmer, einfach so, mitten in der Woche. Zu erzählen gibt es immer was: Autopanne, Mutter muss ins Pflegeheim, Kind hat die Prüfung geschafft, Hund ist krank, Jobwechsel. Und immer wird viel gelacht.

Befreundet zu sein, hat natürlich auch was mit gemeinsamen Interessen zu tun. Und mit Orten, an denen diese Interessen Platz haben. Bei Leuten, die zusammen in einer »Hood« leben, gibt’s da mangels Alternativen große Schnittmengen. Wenn zwei Städter Sport machen, stehen die Chancen schlecht, dass sie sich treffen – in Berlin gibt’s an die 2400 Sportclubs, da hat fast jeder einen anderen um die Ecke. In meinem Dorf ist das Sportangebot überschaubarer. Die beiden größten Sportvereine sind Fußball und Reiten. Dann sind da noch die Schützen, wer möchte, kann auch die Keppelner Fahnenschwenker dazuzählen. Bei dieser Auswahl ist die Chance groß, dass man zusammenkommt und sich was zu erzählen hat.

Freundschaft ist auch eine Zeitfrage. Da ist das Dorf ebenfalls klar im Vorteil: Forscher der University of Kansas haben mal untersucht, wieviel Zeit es braucht, damit eine Freundschaft entsteht. 40 bis 60 gemeinsam verbrachte Stunden reichen als Kennenlern-Basis für eine Freundschaft aus. Und nach etwa 200 Stunden miteinander kann’s dann richtig tief werden. Die 200-Stunden-Marke haben Klaudia, Susi und viele andere zusammen mit mir schon lange geknackt. Wir kennen uns teilweise seit dem Kindergarten, auf jeden Fall aus der Grundschule, also seit fünfzig Jahren. In dieser Zeit hat sich innerhalb der Wir-sind-mit-derselben-Postleitzahl-groß-geworden-Community eine große Mädelsgruppe herauskristallisiert. Aber auch eine feine kleine Kerntruppe. Mit meinen drei Freundinnen Elke, Claudia mit »C« und Jane nehmen wir seit Jahrzehnten am Leben der jeweils anderen teil, unsere Kinder haben wir vom Schwangerschaftstest bis zur abgeschlossenen Berufsausbildung gemeinsam erlebt und begleitet. Wir wohnen alle im Umkreis von maximal acht Kilometern. Trotzdem sehen wir uns nicht oft, wir haben ja alle Beruf und Familie. Aber kaum sitzen wir zusammen, ist alles da: die Verbundenheit, der Humor, das Vertrauen. Unsere Freundschaft steht so außer Frage, dass sie keine Dauerbeschallung braucht. Wir verlieren uns nicht aus den Augen. Und wenn die Bude brennt, sind wir füreinander da.

Dieser Kreis aus besten Freundinnen ist immer ein ganz selbstverständlicher Teil meines Lebens gewesen. Ob andere das auch haben oder ob das etwas Besonderes ist, hab ich mich lange nicht gefragt. Aber vor einer Weile postete ich auf Facebook ein Foto von meinen drei glücklich lachenden Freundinnen vor blitzblauem Himmel. »Freundinnenzeit. Kennen uns seit über 40 Jahren, hatten immer viel Spaß und Freude und Vertrauen«, schrieb ich dazu. Dieser Post ist viel geliked worden und es kamen auch eine ganze Menge Kommentare: »Boah, so lange, das ist ein Geschenk!«, »Ich kenne niemanden so lange«, »In meinem Freundeskreis gibt es eine solche Beständigkeit leider nicht«. Da habe ich zum ersten Mal gemerkt, was für ein großes Glück es ist, einen festen, zuverlässigen Freundeskreis zu haben. Das Dorf, die Gemeinde macht’s möglich.

Jedes Jahr im September verbringen wir vier einen gemeinsamen Kurzurlaub. Da muss schon was ganz Besonderes passieren, dass eine von uns diesen Termin sausen lassen muss. Jede kommt, wie sie ist. Und jede darf so sein, wie sie ist. Denn so viel uns auch verbindet, sind wir doch völlig unterschiedlich. Das erkennt man schon am Reisegepäck. Die eine packt für unsere Kurzurlaube nur minimalistisch – winziger Handkoffer, Shampoo und Creme in Reisegröße genügen. Die andere hat einen Koffer für Reisen nach Übersee gepackt, plus Beautycase mit Hyaluron im Halbliterpack. Wir haben verschiedene Geschmäcker, Lebensstile und Meinungen. Und das ist gut so. Genau das macht die Sache ja erst lebendig.

Gute Freunde werden zusammen alt. Aber mit Menschen, die du seit dem Kindergarten kennst, bleibst du zusammen jung. Wir vier von unserer Mädelsrunde können unglaublich albern sein, tanzen, singen, witzig sein. Wenn wir es krachen lassen, sieht das so aus: über Bluetooth-Box laut Musik hören, durchs Zimmer tanzen und aus voller Kehle mitsingen. Mal nur im Schlüpper, mal im Pyjama, mal ins Duschhandtuch eingewickelt. Wir sind wir, vor allem dann, wenn ein Wort das andere gibt und wir uns vor Lachen buchstäblich in die Hose machen. Von außen gesehen könnte man in solchen Momenten glauben, wir hätten nicht alle Tassen im Schrank. 

Unvergessen die Sache mit »Curly Wurly«. So hieß die automatische Lockendrehmaschine, die ich auf eine unserer Damentouren mitgenommen hatte. Haarsträhne rein, aufn Knopf drücken, das Ding zwirbelt die Strähne und raus kommt nach einem kurzen Piep eine feine Locke. Bei mir funktionierte das wunderbar, aber als Claudia das Ding ansetzte, fing das Gerät gleich wild an zu piepen. Verheddert, verhaddelt, Knoten, Qualm. Was haben wir gelacht! Wie die Teenager. So was vergisst man nicht.

Wir können aber auch blitzschnell von maximaler Ausgelassenheit auf »Deep Talk« switchen, uns über Probleme und Wünsche, Konflikte und Ziele austauschen. Wir reden über Kummer, Krankheit, Tod, Einsamkeit und Trauer, es gibt kein Thema, das für uns tabu wäre. Alles verliert seine Wucht, wenn wir das, was uns bewegt, mit den anderen teilen. Wir sind nun in dem Alter, in dem das Thema »pflegebedürftige Eltern« aufploppt. Also reden wir über Besuchshäufigkeiten, Betreuungskosten und Pflegestufen. Wir sind zusammen groß geworden, haben als Kinder nicht nur draußen miteinander gespielt, sondern auch reihum in den Kinderzimmern der anderen. Also wissen wir, wie die jeweiligen Väter und Mütter gestrickt sind, können uns vorstellen, wie es ganz individuell für sie ist, wenn sie nicht mehr allein zurechtkommen. Was wäre das Beste für sie? Was brauchen sie? Und wie können sie bestmöglich unterstützt werden? Alle Sorgen und Bedenken werden ernst genommen.