Lautloses Duell - Jeffery Deaver - E-Book
Beschreibung

»Ein Wahnsinns-Trip zwischen zwei Buchdeckeln.« Los Angeles TimesAngst und Schrecken breiten sich im Silicon Valley aus. Unter dem Codenamen Phate hackt sich ein Mörder in die Computer seiner zukünftigen Opfer ein. So erfährt er ihre intimsten Geheimnisse und kann sie in eine tödliche Falle locken. Um den Täter endlich zu entlarven, wählt Detective Anderson einen ungewöhnlichen Weg. Er bittet Wyatt Gillette, Computergenie und zurzeit in Haft, um Hilfe. Wyatt bekommt einen Rechner gestellt, als Gegenleistung soll er Phate aufspüren. Ein nervenzerreißendes Duell beginnt …

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EPUB

Seitenzahl:664


Buch

Ein grausamer Mord erschüttert das Silicon Valley. Lara Gibson, die eine Website über Selbstverteidigung für Frauen unterhält, wurde in einen Hinterhalt gelockt, umgebracht und am Straßenrand liegen gelassen. Der Mord fällt in das Ressort der »Computer Crimes Unit« in Santa Clara, denn zuvor hatte sich der Killer in den Computer seines Opfers gehackt und so ihre intimsten Geheimnisse in Erfahrung gebracht. Dem zuständigen Detective Anderson wird klar, dass sie sich die Hilfe eines Computergenies sichern müssen, der es mit dem Täter aufnehmen kann. Er wählt einen ungewöhnlichen Weg: Im Austausch gegen einen Laptop wird der in Haft befindliche Hacker Wyatt Gillette verpflichtet, die Polizei bei ihren Ermittlungen zu unterstützen. Er stößt auf einen Hacker mit dem Codenamen Phate, dessen Fährte er aufnimmt. Doch Phate hat mächtige Helfer, und bald schon ist niemand, der mit dem Fall zu tun hat, mehr sicher.

Autor

Jeffery Deaver gilt als einer der weltweit besten Autoren intelligenter psychologischer Thriller. Seit seinem ersten großen Erfolg als Schriftsteller hat der von seinen Fans und den Kritikern gleichermaßen geliebte Jeffery Deaver sich aus seinem Beruf als Rechtsanwalt zurückgezogen und lebt nun abwechselnd in Virginia und Kalifornien. Seine Bücher, die in 25 Sprachen übersetzt werden und in 150 Ländern erscheinen, haben ihm zahlreiche renommierte Auszeichnungen eingebracht.

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Jeffery Deaver

Lautloses Duell

Thriller

Deutsch von Gerald Jung

Die Originalausgabe erschien 2001 unter dem Titel

»The Blue Nowhere« bei Simon & Schuster, New York.

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1. Auflage

Copyright der Originalausgabe © 2001 by Jeffery Deaver

Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2002

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Copyright dieser Ausgabe © 2017 by Blanvalet

in der Verlagsgruppe Random House GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlaggestaltung:www.buerosued.de

Umschlagabbildung: plainpicture / Anja Weber-Decker

AF·Herstellung: wag

ISBN: 978-3-641-19627-1V001

www.blanvalet.de

Wenn ich also sage, das Gehirn sei eine Maschine, meine ich das nicht als Beleidigung des Geistes, sondern als Anerkennung des Potenzials von Maschinen. Ich glaube nicht, dass der menschliche Geist weniger ist als das, wofür wir ihn halten, aber ich bin überzeugt, dass eine Maschine viel, viel mehr sein kann.

W. DANIEL HILLIS in Computerlogik.

So einfach arbeiten Computer

Danksagung

Je länger die Karriere in dieser Branche, desto länger die Liste derjenigen, denen gegenüber sich ein Schriftsteller zu tiefstem Dank für ihre wahrhaft herkulischen Anstrengungen in seinem Dienst verpflichtet fühlt: David Rosenthal, Marysue Rucci, George Lucas und allen anderen, die bei meinem erstklassigen US-Verlag Simon & Schuster/Pocket Books arbeiten; Sue Fletcher, Carolyn Mays und Georgina Moore, um nur ein paar Namen aus meinem wunderbaren britischen Verlag Hodder & Stoughton zu nennen; und meinen Agenten Deborah Schneider, Diana MacKay, Vivienne Schuster, den anderen wundervollen Menschen wie Curtis Brown in London, sowie Ron Bernstein; ebenso meinen vielen Auslandsagenten, die dafür sorgen, dass meine Bücher in die Hände der Leser auf der ganzen Welt gelangen. Dank auch an meine Schwester und Kollegin Julie Deaver, und – wie immer – gilt meine ganz besondere Dankbarkeit Madelyn Warcholik; ohne sie würde das Buch, das Sie gerade gekauft haben, nichts als leere Seiten enthalten.

Unter den Büchern, auf die ich während meiner Recherchen für diesen Roman stieß, halte ich folgende Titel für unschätzbar hilfreich und auch unterhaltsam: Watchman – Schatten ohne Gesicht und Das Flüchtlingsspiel von Jonathan Littman; Masters of Deception von Michelle Slatalla und Joshua Quittner; The New Hacker’s Dictionary von Eric S. Raymond; Das Kuckucksei von Cliff Stoll; The Hacker Crackdown von Bruce Sterling; Bots von Andrew Leonard und Fire in the Valley von Paul Freiberger und Michael Swaine.

IWIZARD

Mit Hilfe von Computern kann man (…) heutzutage so gut wie jedes Verbrechen begehen. Es ist sogar möglich, per Computer einen Menschen umzubringen.

Ein Beamter des

Los Angeles Police Department

1 Kapitel 00000001

Der ramponierte weiße Kleinbus hatte sie nervös gemacht.

Lara Gibson saß an der Bar von Vesta’s Grill auf der De Anza in Cupertino, Kalifornien, hielt den kalten Stiel ihres Martini-Glases zwischen den Fingern und schenkte den beiden jungen Computerfreaks, die ihr von einem Tisch ganz in der Nähe aufmunternd zublinzelten, keine Beachtung.

Sie schaute wieder nach draußen in den trüben Nieselregen, konnte jedoch den fensterlosen Econoline, der sie, wie sie glaubte, die wenigen Kilometer von ihrem Haus bis zu dem Lokal verfolgt hatte, nirgendwo entdecken. Lara glitt vom Barhocker herab, ging zum Fenster und spähte angestrengt hinaus. Der Van stand nicht auf dem Parkplatz des Restaurants, er war auch nicht auf der anderen Straßenseite vor dem Apple-Computerladen oder auf dem angrenzenden Gelände von Sun Microsystems geparkt. Hätte es der Fahrer tatsächlich auf sie abgesehen, müsste er logischerweise auf einem dieser beiden Plätze stehen, von wo aus er sie bequem im Auge behalten konnte.

Blödsinn. Sie kam zu dem Schluss, dass das Auftauchen des Vans reiner Zufall gewesen war, ein von einem Hauch Paranoia mit Bedeutung aufgeladener Zufall.

Sie kehrte zum Tresen zurück und sah flüchtig zu den beiden jungen Männern hinüber, die sie abwechselnd ignorierten und unentschlossen anlächelten.

Wie fast alle jungen Männer, die sich hier zur Happy Hour versammelten, trugen sie zu lässigen Jeans und Hemden ohne Krawatte die allgegenwärtigen Insignien von Silicon Valley: die Firmenausweise, die ihnen an dünnen Bändern um den Hals hingen. Diese beiden Kandidaten zeichneten sich durch die blauen Ausweise als Mitarbeiter von Sun Microsystems aus. Andere Grüppchen gehörten zu Compaq, Hewlett Packard oder Apple, dazu kamen einige Frischlinge aus Internet-Startup-Unternehmen, die von den alteingesessenen Talbewohnern mit verhaltenem Hochmut auf Abstand gehalten wurden.

Mit ihren fünfunddreißig Jahren war Lara Gibson an die fünf Jahre älter als ihre beiden Bewunderer. Und als selbstständige Unternehmerin, die nichts mit der Branche zu tun hatte, war sie wohl auch fünfmal ärmer. Aber das machte diesen beiden jungen Männern überhaupt nichts aus, die von ihrem exotischen, ausdrucksstarken, von einer wilden Mähne schwarzen Haars eingefassten Gesicht, den Knöchelstiefeln, dem aufreizenden orangeroten Zigeunerrock und dem eng anliegenden Tanktop, das ihre hart erarbeiteten Oberarmmuskeln zur Schau stellte, absolut hingerissen waren.

Sie gab den Jungs zwei Minuten, bis einer von ihnen sie ansprechen würde, und sie verschätzte sich um nur zehn Sekunden.

Der junge Mann versuchte es mit der Variation eines Spruches, den sie so oder ähnlich schon x-mal vorher gehört hatte: Entschuldigen Sie, dass ich mich aufdränge, aber wenn Sie wollen, breche ich Ihrem Freund das Knie – dafür, dass er eine so schöne Frau hier an der Theke warten lässt. Und solange Sie überlegen, welches Knie ich nehmen soll, darf ich Ihnen was zu trinken spendieren?

Manch andere Frau wäre vielleicht wütend geworden, hätte vielleicht zu stottern angefangen oder wäre rot angelaufen, hätte sich unsicher umgeschaut, vielleicht gezwungenermaßen zurückgeflirtet und sich einen ungewollten Drink spendieren lassen, weil sie mit der Situation nicht anders umgehen konnte. Diese Frauen wären alle schwächere Frauen als Lara gewesen. Lara Gibson war die »Königin des urbanen Selbstschutzes«, wie sie der San Francisco Chronicle einmal tituliert hatte. Sie sah dem Mann fest in die Augen, schenkte ihm ein höfliches Lächeln und sagte: »Ich habe momentan keine Lust auf Gesellschaft.«

Einfach so. Ende der Unterhaltung.

Er blinzelte irritiert über ihre Unverblümtheit, wich ihrem durchbohrenden Blick aus und ging zurück zu seinem Kumpel.

Macht … es ging immer wieder nur um Macht.

Sie nippte an ihrem Drink.

Dieser verdammte weiße Van hatte ihr sämtliche Verhaltensmaßregeln ins Gedächtnis zurückgerufen, die sie zum Selbstschutz entwickelt hatte und in Kursen anderen Frauen beibrachte, die sich in der heutigen Gesellschaft wirksam schützen wollten. Auf dem Weg zum Restaurant hatte sie mehrere Male in den Rückspiegel geschaut, und dabei war ihr zehn oder fünfzehn Meter hinter ihr dieser Van aufgefallen. Am Steuer hatte so ein junger Bursche gesessen, ein Weißer mit zu ungepflegten braunen Dreadlocks verfilzten Haaren. Er trug eine Militärjacke und, trotz des regentrüben Wetters, eine Sonnenbrille. Ja, sie wusste natürlich, dass sie sich hier im Silicon Valley befand, der Brutstätte der Slacker und Hacker, und es war durchaus nicht ungewöhnlich, dass man bei Starbucks seinen Vente Skim Latte von einem höflichen Teenager mit Dutzenden von Piercings, kahl geschorenem Schädel und Klamotten wie von einem Großstadt-Gangster serviert bekam. Trotzdem war sie den Eindruck nicht losgeworden, dass sie der Fahrer mit einer unheimlichen Feindseligkeit anstarrte.

Erst jetzt merkte sie, dass sie geistesabwesend mit der Dose Pfefferspray in ihrer Handtasche spielte.

Noch ein kurzer Blick aus dem Fenster. Ausnahmslos teure Wagen, bezahlt mit Dotcom-Geld.

Sie schaute sich im Restaurant um. Alles harmlose Typen, Geeks.

Immer mit der Ruhe, ermahnte sie sich und nahm noch einen kleinen Schluck von dem kräftigen Martini.

Dann ein Blick auf die Wanduhr. Viertel nach sieben. Sandy war fünfzehn Minuten zu spät. Sah ihr gar nicht ähnlich. Lara zückte ihr Handy, doch auf der Anzeige stand: »Kein Netz.«

Gerade als sie sich nach dem Münzapparat erkundigen wollte, sah sie den jungen Mann hereinkommen und ihr freudig zuwinken. Sie kannte ihn von irgendwoher, konnte das Gesicht aber nirgendwo unterbringen. Sein kurz geschnittenes blondes Haar und das Ziegenbärtchen waren ihr in Erinnerung geblieben. Er trug weiße Jeans und ein zerknittertes blaues Arbeitshemd. Sein Zugeständnis an die Zugehörigkeit zur amerikanischen Unternehmenskultur bestand aus einem Schlips, der jedoch, wie es sich für einen Geschäftsmann aus dem Silicon Valley gehörte, nicht bieder gestreift oder mit Jerry-Garcia-Blumen bedruckt war, sondern mit einem Zeichentrick-Tweety.

»Hallo, Lara.« Er kam näher, schüttelte ihr die Hand und lehnte sich an die Theke. »Kennen Sie mich noch? Ich bin Will Randolph, Sandys Cousin. Sie haben Cheryl und mich in Nantucket kennen gelernt … bei der Hochzeit von Fred und Mary.«

Genau! Daher kannte sie ihn. Er und seine schwangere Frau hatten mit ihr und ihrem Freund Hank am gleichen Tisch gesessen. »Klar doch. Wie geht’s denn so?«

»Danke, gut. Viel zu tun. Aber wem geht das hier nicht so?«

Sein Plastiklätzchen verriet: Xerox Corporation PARC. Sie war beeindruckt. Sogar ausgesprochene Nicht-Geeks, Leute, die nicht vom Computer abhängig sind, hatten von diesem legendären Forschungszentrum gehört, das Xerox nur neun oder zehn Kilometer weiter nördlich von Palo Alto eingerichtet hatte.

Will winkte den Barkeeper herbei und bestellte ein Light-Bier. »Wie geht’s Hank?«, erkundigte er sich. »Sandy hat erzählt, er wollte sich bei Wells Fargo bewerben.«

»Ja, das hat geklappt. Er ist gerade zum Vorbereitungskurs unten in L. A.«

Das Bier wurde serviert, und Will trank einen Schluck. »Na denn, herzlichen Glückwunsch.«

Auf dem Parkplatz blitzte es weiß auf.

Aufgeschreckt drehte Lara den Kopf in die Richtung, doch das Fahrzeug stellte sich als weißer Ford Explorer mit einem jungen Pärchen auf den Vordersitzen heraus.

Ihr Blick konzentrierte sich abermals auf die Straße und die Parkplätze hinter dem Ford, und dabei fiel ihr ein, dass sie einen kurzen Blick auf die Seitentür des Van erhascht hatte, als sie zum Parkplatz vor dem Restaurant eingebogen war und der Van sie überholt hatte. Auf dem Lack war eine dunkle rötliche Schliere gewesen, wahrscheinlich Dreck, aber sie hatte sofort daran denken müssen, dass es wie Blut aussah.

»Alles in Ordnung?«, fragte Will.

»Klar. Entschuldigung.« Sie wandte sich wieder Will zu, froh darüber, einen Verbündeten zu haben. Auch das gehörte zu ihren Verhaltensregeln in der Großstadt: »Zu zweit ist besser als allein.« Im Geiste erweiterte sie die Regel um den Zusatz: Auch wenn einer von beiden ein schmächtiger Geek von kaum eins siebzig ist.

»Sandy hat mich angerufen, ich war gerade auf dem Weg nach Hause. Sie hat mich gebeten, Ihnen etwas auszurichten. Sie hat versucht, Sie zu erreichen, ist aber bei Ihrem Handy nicht durchgekommen. Sie ist spät dran und bittet Sie, sie in diesem Lokal gleich neben ihrem Büro zu treffen. Wie heißt es noch gleich … bei Ciro’s … wo ihr letzten Monat zusammen gewesen seid. In Mountain View. Sie hat für acht Uhr einen Tisch bestellt.«

»Sie hätten nicht extra vorbeikommen müssen. Sandy hätte auch hier in der Bar anrufen können.«

»Sie wollte, dass ich Ihnen die Bilder gebe, die ich bei der Hochzeit gemacht habe. Ihr zwei könnt sie euch gleich heute Abend gemeinsam anschauen und mir dann sagen, ob ihr Abzüge haben wollt.«

Will winkte einem Freund weiter hinten zu. Silicon Valley erstreckt sich zwar über mehrere Hundert Quadratkilometer, aber eigentlich ist es ein Dorf. An Lara gewandt, sagte er: »Cheryl und ich wollten die Bilder an diesem Wochenende sowieso vorbeibringen, zu Sandys Haus in Santa Barbara …«

»Ja, da fahren wir am Freitag hin.«

Will hielt inne und lächelte, als würde er sie gleich in ein großes Geheimnis einweihen, zog seine Brieftasche heraus und ließ sie aufklappen, woraufhin ein Foto von ihm, seiner Frau und seinem sehr kleinen, proper aussehenden Baby zu sehen war. »Letzte Woche«, sagte er stolz. »Claire.«

»Oh, wie entzückend«, flüsterte Lara und dachte flüchtig an Hanks Bemerkung bei Marys Hochzeit, dass er sich, was Nachwuchs anging, keinesfalls so sicher sei.

Na ja, wie auch immer …

»Wir sind in nächster Zeit wohl eher ans Haus gebunden.«

»Wie geht’s Cheryl?«

»Prima. Dem Baby auch. Es ist unglaublich … Ob Sie es glauben oder nicht, aber das Vaterdasein verändert das Leben vollständig.«

»Das glaube ich gerne.«

Lara warf wieder einen Blick auf die Uhr. Halb acht. Um diese Zeit musste man bis zu Ciro’s eine halbe Stunde rechnen. »Ich muss los.«

Plötzlich fiel ihr wie aus heiterem Himmel der Van und sein Fahrer ein.

Diese Dreadlocks.

Die rostrote Schliere auf der zerbeulten Seitentür.

Will ließ sich die Rechnung geben und zahlte.

»Das ist doch nicht nötig«, sagte sie. »Lassen Sie mich zahlen.«

Er lachte. »Das haben Sie bereits getan.«

»Was?«

»Dieser Investmentfonds, von dem Sie mir bei der Hochzeit erzählt haben … in den Sie damals gerade selbst investiert hatten?«

Lara erinnerte sich daran, dass sie schamlos mit einem Biotech-Papier angegeben hatte, das im vergangenen Jahr tatsächlich um sechzig Prozent in die Höhe geschossen war.

»Zu Hause in Nantucket habe ich gleich einen ganzen Haufen davon gekauft … Also nochmals vielen Dank für den Tipp.« Er prostete ihr mit dem Bier zu. Dann stand er auf. »Alles in Ordnung mit Ihnen?«

»Aber sicher.« Lara starrte nervös auf die Tür, als sie auf sie zugingen.

Reine Paranoia, ermahnte sie sich und dachte, wie so manches Mal, flüchtig daran, dass sie sich einen normalen Job suchen sollte, wie alle anderen Leute hier in der Bar. Sie sollte sich nicht ständig in einer Welt der Gewalt bewegen.

Bestimmt war das rein beruflich bedingte Paranoia …

Warum war dann der Junge davongerast, nachdem sie zum Parkplatz eingebogen war und ihn kurz angesehen hatte?

Vor der Tür spannte Will seinen Regenschirm auf und hielt ihn über sie beide.

Lara rief sich eine weitere ihrer Verhaltensregeln in der Großstadt ins Gedächtnis: »Sei nie zu stolz oder zu verlegen, andere um Hilfe zu bitten.«

Trotzdem drängte sich, als sie Will Randolph gerade bitten wollte, sie zu ihrem Auto zu bringen, ein anderer Gedanke in den Vordergrund: Wenn der junge Mann in dem Van wirklich eine Bedrohung darstellte, verhielt sie sich dann mit ihrer Bitte, Will möge sich ebenfalls in Gefahr begeben, nicht sehr egoistisch? Er war ein frischgebackener Familienvater, ein Mann, der für andere Menschen verantwortlich war. Sie fand es mehr als unfair, ihn …

»Stimmt was nicht?«, erkundigte er sich.

»Nein, schon gut.«

»Ehrlich?«, hakte er nach.

»Na ja, ich weiß nicht. Ich glaube, mich hat jemand auf dem Weg hierher verfolgt. Ein junger Bursche.«

Will schaute sich um. »Sehen Sie ihn irgendwo?«

»Nein, im Augenblick nicht.«

»Sie haben doch diese Website, stimmt’s? Wie Frauen sich selbst schützen können?«, fragte er.

»Ja.«

»Glauben Sie, dass er davon weiß? Vielleicht will er Sie schikanieren.«

»Möglich. Wenn Sie wüssten, wie viele Hassbriefe ich bekomme.«

Er zog sein Handy heraus. »Soll ich die Polizei anrufen?«

Sie überlegte hin und her.

Sei nie zu stolz oder zu verlegen, andere um Hilfe zu bitten.

»Nein, nein. Aber … würde es Ihnen etwas ausmachen, mich zu meinem Auto zu begleiten, nachdem Sie mir die Bilder gegeben haben?«

Will lächelte. »Selbstverständlich nicht. Ich kann zwar kein Karate, aber wenn es darauf ankommt, kann ich ganz schön laut um Hilfe schreien.«

Sie lachte. »Vielen Dank.«

Sie gingen vor dem Restaurant auf dem Bürgersteig entlang, und sie ließ den Blick über die geparkten Autos schweifen. Wie auf jedem Parkplatz im Silicon Valley standen dort haufenweise Saabs, BMWs und Lexus’. Aber kein Van. Keine Jugendlichen. Keine blutigen Schlieren.

Will nickte zum Parkplatz auf der Rückseite des Gebäudes, wo er sein Auto abgestellt hatte. »Sehen Sie ihn?«

»Nein.«

Sie gingen durch die schmale Durchfahrt an dem Gebäude vorbei zu seinem Wagen, einem makellos gepflegten silberfarbenen Jaguar.

Herrje, schwammen denn alle im Silicon Valley im Geld – außer ihr?

Er fischte die Autoschlüssel aus der Tasche. Sie gingen zum Kofferraum. »Bei der Hochzeit habe ich nur zwei Filme vollgeknipst. Aber ein paar Bilder sind ganz nett geworden.« Er klappte den Kofferraum auf und blickte sich misstrauisch auf dem Parkplatz um. Sie tat es ihm nach. Niemand zu sehen. Sein Wagen war der Einzige, der hier abgestellt war.

Will sah sie kurz an. »Wahrscheinlich haben Sie sich über die Dreads gewundert.«

»Die Dreads?«

»Ja«, nickte er, »die Dreadlocks.« Seine Stimme klang irgendwie verändert, flacher, nicht mehr bei der Sache. Er lächelte zwar noch, aber sein Gesichtsausdruck war plötzlich anders, irgendwie lauernd.

»Was meinen Sie damit?«, fragte sie betont ruhig, doch innerlich breitete sich die Angst explosionsartig aus. Jetzt fiel ihr auf, dass die Zufahrt zum Parkplatz von einer Kette blockiert war, und ihr war klar, dass er sie eingehakt haben musste, nachdem er sein Auto abgestellt hatte – um sicherzugehen, dass keiner außer ihm hier parkte.

»Es war eine Perücke.«

Großer Gott, Herr im Himmel, dachte Lara Gibson, die schon seit zwanzig Jahren nicht mehr gebetet hatte.

Er sah ihr tief in die Augen, erkannte ihre Angst. »Der Jaguar parkt hier schon länger. Dann habe ich den Van geklaut und bin dir von deiner Wohnung aus gefolgt. Mit Perücke und Militärjacke. Damit du nervös und ein bisschen paranoid wirst und in meiner Nähe bleiben willst … Ich kenne nämlich alle deine Verhaltensregeln, diesen ganzen Selbstschutz-Quatsch. Geh nie mit einem Mann in ein verlassenes Parkhaus. Verheiratete Männer sind sicherer als ledige. Und mein Familienfoto?« Er nickte zu seiner Brusttasche. »Das habe ich aus einem Bild in Eltern am Computer zusammengebastelt.«

»Sie sind nicht …«, flüsterte sie entsetzt.

»Sandys Cousin? Den kenne ich nicht mal. Ich habe mir Will Randolph ausgesucht, weil du ihn ein bisschen kennst und weil er mir ein bisschen ähnlich sieht. Schließlich wärst du sonst doch nie im Leben allein mit mir hier herausgekommen. Du kannst die Hand übrigens aus deiner Handtasche ziehen.« Er hielt das Pfefferspray hoch. »Das habe ich mir auf dem Weg nach draußen geschnappt.«

»Aber …« Sie schluchzte, und ihre Schultern sanken vor Hoffnungslosigkeit nach unten. »Wer sind Sie? Sie kennen mich nicht einmal …«

»Stimmt nicht, Lara«, flüsterte er und betrachtete sie und die Angst in ihrem Gesicht auf die gleiche Weise, wie ein überlegener Schachmeister das Gesicht seines besiegten Gegners studiert. »Ich weiß alles von dir. Jedes kleinste Detail.«

2 Kapitel 00000010

Langsam, vorsichtig …

Bloß nichts kaputtmachen, bloß nichts abbrechen.

Eine winzige Schraube nach der anderen löste sich aus der Plastikverkleidung des kleinen Radios und fiel in die langen, ungewöhnlich muskulösen Finger des jungen Mannes. Einmal hätte er beinahe das feine Gewinde einer dieser Schrauben verbogen und musste eine Pause einlegen, sich entspannt im Sessel zurücklehnen und den Blick aus dem kleinen Fenster in den wolkenverhangenen Himmel über Santa Clara County richten. Dann ging es wieder. Inzwischen war es 20 Uhr. Er saß schon über zwei Stunden an dieser mühseligen Arbeit.

Endlich waren alle zwölf Halteschrauben aus der Verkleidung des Radios entfernt und lagen auf der klebrigen Seite eines gelben Haftzettels. Wyatt Gillette zog die Grundplatte des Samsung heraus und betrachtete sie eingehend.

Wie üblich preschte seine Neugier los wie ein nervöses Rennpferd. Er fragte sich, warum die Designer so viel Platz zwischen den Platinen gelassen hatten, warum sie beim Empfänger Draht von ausgerechnet dieser Stärke verwendet und in welchem Verhältnis sie die Metalle der Lötmasse gemischt hatten.

Vielleicht war das die optimale Konstruktion, vielleicht aber auch nicht.

Vielleicht hatten die Techniker nachlässig gearbeitet, oder sie waren abgelenkt gewesen …

Konnte man Radios noch besser bauen?

Er nahm das Gerät noch weiter auseinander, schraubte sogar die Leiterplatten los.

Langsam, vorsichtig …

Wyatt Gillette war neunundzwanzig Jahre alt, eins fünfundachtzig groß, wog etwas über siebzig Kilo und hatte ein so hageres Gesicht, dass man bei seinem Anblick unwillkürlich dachte, jemand sollte ihn mal ordentlich aufpäppeln. Sein dunkles, fast schwarzes Haar war schon eine Weile weder geschnitten noch gewaschen worden. Auf seinem rechten Arm befand sich eine stümperhafte Tätowierung: eine Möwe, die über eine Palme flog.

Die kühle Frühlingsluft ließ ihn plötzlich erschauern. Er zitterte kaum merklich, seine Finger zuckten, und er rutschte aus dem Schlitz des winzigen Schraubenkopfs. Gillette seufzte ärgerlich. Mochte er auch noch so viel technisches Geschick haben – ohne ordentliches Werkzeug kam man nur bis an bestimmte Punkte. Den Schraubenzieher, mit dem er im Augenblick arbeitete, hatte er aus einer Büroklammer gefertigt. Ansonsten standen ihm lediglich seine Fingernägel als Werkzeuge zur Verfügung. Selbst eine Rasierklinge wäre zum Öffnen dieser Schrauben besser geeignet gewesen, aber so etwas war hier, in Gillettes vorübergehender Unterkunft, der Bundesstrafanstalt für Männer in San Jose, Kalifornien, nicht aufzutreiben.

Langsam, vorsichtig …

Nachdem die Platine entfernt war, lag endlich der Heilige Gral, hinter dem er her gewesen war, offen vor ihm. Er bog die winzigen Drähtchen des kleinen grauen Transistors hin und her, bis sie nachgaben. Anschließend setzte er den Transistor auf eine andere kleine Platine und zwirbelte die Drähtchen vorsichtig zusammen, um den Kontakt zu schließen (was hätte er für einen Lötkolben gegeben, aber selbstverständlich stand den Häftlingen auch so etwas nicht zur Verfügung).

Er war kaum fertig damit, als ganz in der Nähe eine Tür knallte und Schritte auf dem Korridor zu hören waren. Gillette sah erschrocken auf.

Jemand näherte sich seiner Zelle. Herrgott noch mal, nein!, dachte Gillette.

Die Schritte waren nicht mehr weit weg. Er legte die Platine, an der er gearbeitet hatte, zwischen die Seiten einer Ausgabe von Wired, schob die anderen Bauteile rasch in das Gehäuse des Radios zurück und stellte es wieder an die Wand.

Dann legte er sich auf die Pritsche, blätterte in einer Ausgabe von 2600, dem Hacker-Journal, herum und schickte ein Stoßgebet an den »Gott für alle Fälle«, an den sich nach einer gewissen Zeit hinter Gittern sogar die atheistischen Häftlinge hin und wieder wenden: Bitte mach, dass sie meine Zelle nicht filzen. Und wenn doch, bitte mach, dass sie die Platine nicht finden.

Der Aufseher spähte durch das Guckloch und sagte: »Mach den Adler, Gillette.«

Der Häftling erhob sich und stellte sich, mit gespreizten Beinen und die Hände auf den Kopf gelegt, mit dem Rücken an die hintere Wand.

Der Aufseher betrat die kleine, nicht sehr helle Zelle. Wie sich kurz darauf herausstellte, handelte es sich nicht um eine Durchsuchung. Er forderte Gillette auf, die Hände nach vorne zu strecken, legte ihm Handschellen an und führte ihn hinaus.

An der Kreuzung der Korridore, dort, wo der Verwaltungstrakt auf den Besucherbereich stieß, bog der Aufseher um die Ecke und führte den Gefangenen in einen ihm unbekannten Gang. Die Musik und das Geschrei aus dem Hof wurden leiser, und kurz darauf schob man ihn in einen kleinen Raum, der mit einem Tisch und zwei Bänken möbliert war, alles am Boden festgeschraubt. An den Metallringen auf dem Tisch konnte man die Inhaftierten fesseln, doch der Aufseher verzichtete darauf, Gillettes Handschellen dort einzuhaken.

»Setz dich.«

Gillette setzte sich. Was sollte das alles?

Der Aufseher ging wieder hinaus, die Tür knallte hinter ihm zu, und Gillette blieb mit seiner Neugier allein. Er saß zitternd in dem fensterlosen Raum, der ihm in diesem Augenblick weniger wie ein Ort der Real World vorkam, sondern eher wie eine Szene aus einem Computerspiel, dessen Handlung im Mittelalter angesiedelt war. Diese Zelle sah aus wie das Verlies, in das man die auf der Folterbank gemarterten Körper der Ketzer warf, bevor sie von der Axt des Scharfrichters erlöst wurden.

Thomas Frederick Anderson war ein Mann mit vielen Namen.

In der Grundschule hatten sie ihn Tom oder Tommy genannt.

Später, auf der Highschool in Menlo Park, wo er Rundbriefe herausbrachte und auf Trash-80s, Commodores und den ersten Apple-Computern herumhackte, folgten Spitznamen wie Tarnkappe oder CryptO.

Als er für die Sicherheitsabteilungen bei AT&T, Sprint und Cellular arbeitete und Hacker, Phreaks und Call Jackers aufspürte, hieß er »T. F.« (wobei seine Initialen, wie seine Kollegen beschlossen hatten, für »Tierischer Fahnder« standen, und das in Anerkennung seiner 97-prozentigen Erfolgsrate, wenn er den Bullen bei der Suche nach den Tätern half).

Als junger Detective bei der Polizei in San Jose hatte er noch mehr Namen angenommen. Als Courtney334, Lonelygirl oder BrittanyT war er in Online-Chatrooms bekannt gewesen, wo er in der Rolle vierzehnjähriger Mädchen Nachrichten an Pädophile geschickt hatte, die für diese ausgedachten Mädchen wunderbare Verführungspläne ausheckten und dann zu romantischen Rendezvous in vorstädtische Einkaufspassagen fuhren, um die bittere Erfahrung zu machen, dass sie sich in Wirklichkeit mit einem halben Dutzend Polizisten mit gezückten Pistolen und einem Haftbefehl verabredet hatten.

Seit einigen Jahren wurde er entweder Dr. Anderson genannt – etwa wenn er bei Computerkonferenzen vorgestellt wurde –, oder einfach nur Andy.

In offiziellen Berichten war er Lieutenant Thomas F. Anderson, Leiter der California State Police Computer Crimes Unit, kurz CCU genannt – der Abteilung für Computer-Kriminalität.

Der schlaksige Fünfundvierzigjährige mit dem lichter werdenden, lockigen braunen Haar, ging neben dem korpulenten Gefängnisdirektor durch einen kalten, feuchten Korridor der Strafanstalt von San Jose – oder San ’Ho, wie es sowohl von den Insassen als auch von den Polizisten genannt wurde. Ein kräftig gebauter Aufseher hispanischer Herkunft begleitete sie.

Sie gingen bis zu einer Tür am Ende des Korridors. Der Direktor nickte. Der Aufseher öffnete die Tür, Anderson trat ein und musterte den Häftling.

Wyatt Gillette war fahl im Gesicht, hatte den üblichen »Hacker-Teint«, wie die Blässe ironisch genannt wurde, und sehr dünn. Seine Haare waren so schmutzig wie seine Fingernägel. Offensichtlich hatte er sich seit Tagen weder geduscht noch rasiert.

Dem Polizisten fiel der eigenartige Ausdruck in Gillettes dunkelbraunen Augen auf, ein verdutztes Aufblitzen des Erkennens. »Sie … sind Sie Andy Anderson?«, fragte er.

»Für dich Detective Anderson«, wies ihn der Direktor zurecht.

»Sie leiten die Abteilung für Computer-Kriminalität«, sagte Gillette.

»Sie kennen mich?«

»Vor ein paar Jahren habe ich bei der Comsec einen Vortrag von Ihnen gehört.«

Die Teilnahme an der Konferenz über Computer- und Netzwerksicherheit war damals streng auf ausgewiesene Sicherheitsexperten und Mitarbeiter der Strafverfolgungsbehörden beschränkt und nicht für Außenseiter zugänglich gewesen. Anderson wusste, dass es unter Hackern ein ausgesprochenes Hobby war, den Code des Anmeldecomputers zu knacken und sich auf diese Weise selbst mit Akkreditierungen zu versorgen. Allerdings war das in der gesamten Geschichte der Konferenz bislang nur zweien oder dreien von ihnen gelungen.

»Wie sind Sie da reingekommen?«

Gillette zuckte die Achseln. »Ich hab eine Ansteckkarte gefunden, die jemand verloren hat.«

Anderson nickte ungläubig. »Wie fanden Sie meinen Vortrag?«

»Ich bin ganz Ihrer Meinung: Silikon-Chips werden schon in wenigen Jahren ausgemustert. Dann laufen die Computer auf molekularer Basis. Und das heißt, dass sich die Nutzer nach völlig neuen Schutzmechanismen gegenüber Hackern umsehen müssen.«

»Dieser Ansicht war sonst so gut wie niemand auf der Konferenz.«

»Sie wurden ausgebuht«, erinnerte sich Gillette.

»Von Ihnen nicht?«

»Nein. Ich habe eifrig mitgeschrieben.«

Der Direktor lehnte sich an die Wand, der Polizist setzte sich Gillette gegenüber hin und öffnete einen Aktenordner, um seine Erinnerung aufzufrischen. »Sie haben noch ein Jahr einer drei- bis fünfjährigen Haftstrafe nach dem Bundesgesetz zur Computerkriminalität abzusitzen. Sie haben die Rechner der Western Software geknackt und die Quellcodes fast aller ihrer Programme geklaut.«

Als Source oder Quellcode bezeichnet man das Herz und das Hirn jeder Software. Er wird von seinem Eigentümer wie sein eigener Augapfel gehütet. Jeder Dieb, der sich die ID- und Sicherheitscodes herauszieht, kann die Software anschließend leicht modifiziert unter seinem eigenen Namen verkaufen. Bootlegging – das illegale Kopieren der Daten fremder Standardsoftware – ist ziemlich leicht zu erkennen und nachzuweisen. Aber es ist der reinste Albtraum, wenn nicht gar unmöglich zu beweisen, dass Software, die der Originalsoftware des Urheberrechtsinhabers ähnelt, tatsächlich auf gestohlenen Codes basiert. Die Quellcodes für die Spiele, die Geschäftsanwendungen und Dienstprogramme von Western Software waren die Kronjuwelen der Firma gewesen; ein skrupelloser Hacker, der sich illegalerweise in ihren Besitz brachte, könnte die milliardenschwere Firma über Nacht vom Markt fegen.

»Ich habe mit den Codes überhaupt nichts gemacht«, meinte Gillette. »Ich habe sie nach dem Herunterladen gleich wieder gelöscht.«

»Warum haben Sie das System dann überhaupt geknackt?«

Der Hacker zuckte die Achseln. »Weil ich den Obermacker der Firma irgendwo im Fernsehen gesehen habe, bei CNN oder so. Er meinte, niemand käme in ihr Netzwerk rein, ihr Sicherheitssystem sei idiotensicher. Ich wollte nur mal herausfinden, ob das stimmte.«

»Und?«

»Doch, sie waren tatsächlich idiotensicher. Das Problem ist nur, dass man sich nicht gegen Idioten absichern sollte, sondern eher gegen Leute wie mich.«

»Warum haben Sie ihm nicht von den Sicherheitsmängeln erzählt, nachdem Sie einen white hat durchgeführt hatten?«

Whitehats waren Hacker, die Computersysteme knackten und ihre Opfer auf die Sicherheitsmängel aufmerksam machten. Manchmal taten sie das nur des Ruhmes und der Ehre willen, manchmal auch gegen Geld. Oder einfach nur, weil sie es für richtig hielten.

Gillette zuckte die Achseln. »Das ist deren Problem. Es ist nicht mein Job, die Welt zu retten. Er meinte, es sei unmöglich. Ich wollte nur sehen, ob ich es nicht doch schaffe.«

»Warum?«

Wieder ein Achselzucken. »Neugier.«

»Warum hat Sie das FBI dann dermaßen in die Mangel genommen?«, wollte Anderson wissen. Wenn ein Hacker nicht geschäftsschädigend auftrat oder sein Diebesgut nicht verkaufte, griff das FBI nur selten ein, geschweige denn, dass es einen solchen Fall gleich dem Justizminister übergab.

Diese Antwort lieferte der Gefängnisdirektor: »Wegen der Geschichte mit dem Verteidigungsministerium.«

»Verteidigungsministerium?« Anderson warf einen Blick auf die auffällig miese Tätowierung auf Gillettes Arm. Sollte das ein Flugzeug sein? Nein, wohl eher ein Vogel.

»Das ist Quatsch«, brummte Gillette. »Völliger Blödsinn.«

Der Detective sah den Direktor an, der erläuternd ergänzte: »Das Pentagon ist davon überzeugt, er hat ein Programm oder irgend so etwas geschrieben, mit dem sich die neueste Verschlüsselungssoftware des Verteidigungsministeriums knacken lässt.«

»Dieses Standard-12?« Anderson lachte trocken auf. »Man müsste mehrere Supercomputer sechs Monate lang auf Hochtouren laufen lassen, um auch nur eine einzige E-Mail zu knacken.«

Standard-12 hatte erst vor kurzem das überholte DES als absolut neueste Verschlüsselungssoftware ersetzt. Mit diesem Programm codierten die Behörden ihre allergeheimsten Daten und Nachrichten. Das Verschlüsselungsprogramm war für die nationale Sicherheit so wichtig, dass es in den Ausfuhrbestimmungen des Landes als »Rüstungsmaterial« geführt wurde und nicht ohne Zustimmung der Militärs ins Ausland transferiert werden durfte – aus Angst davor, Terroristen oder andere Regierungen könnten es einsetzen und der CIA könnte dann deren Geheimnachrichten nicht mehr ausspionieren.

»Aber selbst wenn es ihm wirklich gelungen sein sollte, etwas zu knacken, das mit Standard-12 chiffriert war, na und?«, fuhr Anderson fort. »Das versuchen doch alle.«

Es war auch nichts Illegales dabei, solange das verschlüsselte Dokument nicht streng geheim war oder gestohlen wurde. Im Gegenteil, viele Softwarehersteller forderten die Leute sogar auf, Dokumente zu knacken, die mit ihren Programmen verschlüsselt wurden, und versprechen jedem, dem es gelingen sollte, einen ansehnlichen Preis.

»Nein«, erklärte der Direktor, »das Verteidigungsministerium sagt, er sei in ihren Computer eingestiegen, habe etwas darüber herausgefunden, wie Standard-12 arbeitet, und dann ein eigenes Programm geschrieben, mit dem sich das Dokument entschlüsseln lässt. Und das in wenigen Sekunden.«

»Unmöglich«, staunte Anderson und lachte. »Das ist nicht zu schaffen.«

»Genau das habe ich denen auch gesagt«, meinte Gillette. »Aber sie haben mir nicht geglaubt.«

Aber wenn er die wachen Augen des Mannes betrachtete, die tief in den Höhlen unter den dunklen Brauen lagen, die ungeduldig herumspielenden Hände, fragte er sich, ob der Hacker vielleicht nicht doch ein solches Zauberprogramm geschrieben haben könnte. Anderson selbst wäre dazu nicht in der Lage, und er kannte auch niemanden, der so etwas schaffen würde. Andererseits war er eigens hierhergekommen und saß jetzt mit dem Hut in der Hand vor diesem Häftling, eben weil Gillette ein Wizard, ein Zauberer, war, wie in Hackerkreisen diejenigen bezeichnet wurden, die in der Maschinenwelt die höchsten Weihen erlangt hatten.

Es klopfte, und der Aufseher ließ zwei weitere Männer ein. Der Erste, um die vierzig, hatte ein schmales Gesicht, dunkelblondes zurückgekämmtes und mit Spray betoniertes Haar, dazu waschechte Breitbandkoteletten. Er trug einen billigen grauen Anzug, aus dessen Hosenbund ein viel zu großes, ziemlich ausgewaschenes weißes Hemd viel zu weit heraushing. Der Mann warf Gillette einen desinteressierten Blick zu. »Sir«, sagte er mit ausdrucksloser Stimme zum Direktor, »ich bin Detective Frank Bishop von der State Police. Mordkommission.« Dann nickte er Anderson einen flauen Gruß zu und verfiel in Schweigen.

Der zweite Mann war etwas jünger und wesentlich dicker als sein Kollege. Er schüttelte zuerst dem Direktor und danach Anderson die Hand. »Detective Bob Shelton.« Sein Gesicht war von Narben gezeichnet, den Spuren schlimmer Windpocken oder einer schlecht verheilten Pubertätsakne.

Anderson kannte Shelton nicht, aber von Bishop hatte er schon gehört und sah dessen Beteiligung an dem Fall, wegen dem Anderson hierhergekommen war, mit sehr gemischten Gefühlen entgegen. Angeblich war der Polizist selbst so eine Art Wizard, aber sein Spezialgebiet war die Verfolgung und Festnahme von Mördern und Vergewaltigern in den rauen innerstädtischen Bezirken wie dem Hafenviertel von Oakland oder in Haight-Ashbury und dem verrufenen Tenderloin in San Francisco. Die Abteilung für Computerkriminalität war nicht berechtigt – und auch nicht dafür ausgerüstet –, einen Mord wie diesen ohne Unterstützung von der Abteilung für Gewaltverbrechen zu bearbeiten, doch nach mehreren kurzen telefonischen Auseinandersetzungen mit Bishop zeigte sich Anderson nicht unbedingt beeindruckt. Der Kollege vom Morddezernat kam ihm humorlos und desinteressiert vor. Hinzu kam, dass er keinen blassen Schimmer von Computern hatte, und das bereitete Anderson weitaus mehr Sorgen.

Obendrein hatte Anderson gehört, dass Bishop selbst keinen gesteigerten Wert darauf legte, mit den Computerleuten zusammenzuarbeiten. Stattdessen hatte er sich für den marinkill-Fall stark gemacht, den das FBI so nach dem Tatort benannt hatte: Drei Bankräuber hatten in einer Filiale der Bank of America in Sausalito, Marin County, zwei Unbeteiligte und einen Polizisten ermordet und waren nach der Tat angeblich in Richtung Osten geflohen, was bedeutete, sie könnten sich sehr gut nach Süden wenden und damit in Bishops gegenwärtigen Jagdgründen aufkreuzen, der Gegend um San Jose.

Prompt schaute Bishop als Erstes auf das Display seines Handys, wahrscheinlich um zu sehen, ob er angepiepst worden war oder einen Anruf erhalten hatte, der ihn zu seinem wichtigen Fall zurückbeorderte.

»Setzen Sie sich doch, meine Herren«, sagte Anderson und nickte in Richtung der Bänke, die am Tisch standen.

Bishop schüttelte den Kopf und blieb stehen, stopfte sich das Hemd in die Hose und verschränkte die Arme. Shelton setzte sich neben Gillette, um schon kurz darauf den Häftling angewidert anzusehen, seinen Platz wieder zu verlassen und sich auf der anderen Seite des Tisches niederzulassen, von wo aus er Gillette zumurmelte: »Sie könnten sich mal wieder waschen.«

»Sie könnten den Direktor mal fragen, warum ich nur einmal in der Woche duschen darf«, konterte der Gefangene.

»Weil Sie etwas getan haben, was Sie nicht hätten tun sollen, Wyatt«, sagte der Direktor geduldig. »Und genau aus diesem Grund sind Sie zurzeit in Staatspension.«

Anderson hatte weder die Zeit noch die Geduld für Zänkereien und wandte sich an Gillette: »Wir haben ein Problem und hoffen, dass Sie uns dabei helfen.« Sein Blick wechselte zu Bishop: »Wollen Sie es kurz erklären?«

Nach dem Protokoll der State Police hatte genau genommen Frank Bishop das Sagen. Doch der schlanke Detective schüttelte den Kopf. »Nein, Sir, machen Sie ruhig weiter.« Wobei das »Sir«, wie Anderson fand, nicht sonderlich respektvoll klang.

»Gestern Abend wurde in Cupertino eine Frau aus einem Restaurant entführt. Sie wurde ermordet, ihre Leiche in Portala Valley aufgefunden. Jemand hat sie erstochen. Sie wurde weder sexuell missbraucht, noch drängt sich ein anderes Motiv auf.

Allerdings genoss Lara Gibson, unser Opfer, eine gewisse Popularität. Sie hielt Selbstverteidigungskurse für Frauen ab und unterhielt auch eine entsprechende Website. Sie war immer wieder mal in den kalifornischen Zeitungen zu sehen und auch schon bei Larry Kings Talkshow im Fernsehen. Vom Tathergang ist uns lediglich Folgendes bekannt: Sie ist in dieser Bar, dann kommt ein Kerl herein, der sie offensichtlich kennt. Der Barkeeper hat ausgesagt, er hätte sich als Will Randolph vorgestellt. So heißt der Cousin der Frau, mit der sich das Opfer an diesem Abend verabredet hatte. Randolph hat aber mit der Sache nichts zu tun, er hält sich schon seit einer Woche in New York auf. Aber wir haben ein digitalisiertes Foto von ihm im Computer des Opfers gefunden. Randolph und der Verdächtige sehen sich sehr ähnlich. Wir sind der Ansicht, dass der Täter ihn ausgesucht hat, um sich für ihn auszugeben.

Er verfügt also über jede Menge Informationen hinsichtlich seines Opfers. Er weiß, wer ihre Freunde sind, wo sie ihren Urlaub verbracht hat, was sie beruflich tut, welche Aktien sie besitzt, wer ihr fester Freund ist. Angeblich hat er sogar jemandem in der Bar zugewinkt, aber die Kollegen von der Mordkommission haben fast alle Gäste befragt, die gestern Abend dort waren, und niemanden finden können, der ihn kennt. Also müssen wir annehmen, dass er auch das nur gespielt hat, um Lara Gibson in Sicherheit zu wiegen. Er hat ihr vorgegaukelt, er sei dort Stammgast.«

»Er hat sie social engineered«, meinte Gillette.

»Wie bitte?«, fragte Shelton.

Anderson kannte den Ausdruck, überließ die Erklärung aber Gillette: »Das bedeutet, jemanden auszutricksen, indem man so tut, als sei man ein anderer. Hacker machen das, um Zugang zu Datenbanken, Telefonanschlüssen und Passcodes zu bekommen. Je mehr vertrauliche Einzelheiten man über jemanden weiß, desto leichter erwirbt man sein Vertrauen, und umso eher tut er das, was man von ihm will.«

»Weiter zu unserem Fall. Sandra Hardwick, die Freundin, mit der sich Lara treffen wollte, behauptet, Laras Freund habe sie angerufen und die Verabredung zum Essen abgesagt. Sie hat noch versucht, mit Lara selbst zu sprechen, aber Laras Handy war nicht zu erreichen.«

Gillette nickte. »Er hat ihr Handy gecrashed.« Dann zog er die Stirn in Falten. »Nein, wahrscheinlich die ganze Zelle.«

»Genau. Mobile America bestätigt einen Ausfall in Zelle achthundertfünfzig von exakt fünfundvierzig Minuten. Jemand hat einen Code eingespeist, der den ganzen Sektor deaktiviert und dann wieder aktiviert hat.«

Gillettes Augen verengten sich. Anderson sah, dass ihn die Sache interessierte.

»Er hat sich also in jemanden verwandelt, dem sie vertraute«, fuhr der Hacker fort, »und dann hat er sie umgebracht. Und das ist ihm mittels Informationen gelungen, die er aus ihrem Computer hat.«

»Genau.«

»War sie Kundin bei einem Online-Service?«

»Horizon On-Line.«

Gillette lachte trocken auf. »O je. Wissen Sie, wie sicher die sind? Er hat sich einfach in einen ihrer Router gehackt und ihre E-Mails gelesen.« Er schüttelte den Kopf und sah Anderson forschend an. »Aber das ist ein Kinderspiel. Jeder kriegt das hin. Sie haben noch mehr, stimmt’s?«

»Stimmt. Wir haben uns mit ihrem Freund unterhalten und ihren Computer überprüft. Die Hälfte der Informationen, die der Barkeeper den Mörder hat ausplaudern hören, stand in keiner E-Mail. Sie stammt direkt von der Festplatte des Rechners.«

»Vielleicht hat er in ihrem Müll gewühlt und sich die Informationen auf diese Weise beschafft.«

Anderson musste es Bishop und Shelton erklären: »Er meint damit, dass manche Leute sogar tatsächlich Mülltonnen durchwühlen, um Informationen zu bekommen, die einem beim Hacken helfen, Geschäftsunterlagen wie weggeworfene Firmenhandbücher, Ausdrucke, Rechnungen, Belege und all so was.« Zu Gillette sagte er: »Das bezweifle ich. Alles, was er wusste, lagerte auf ihrer Festplatte.«

»Vielleicht ein direkter Zugriff?«, spekulierte Gillette. Bei einem direkten Zugriff bricht ein Hacker tatsächlich in eine Wohnung oder ein Büro ein und durchstöbert den Rechner des Opfers. Im Gegensatz dazu bezeichnet ein weicher Zugriff den Angriff auf einem fremden Computer von außerhalb – über das Netz.

Doch Anderson schüttelte den Kopf. »Es muss über das Netz gelaufen sein. Ich habe mich mit Sandra unterhalten, der Freundin, mit der sich Lara verabredet hatte. Sie sagt, sie hätten sich nur ein einziges Mal über ihr Treffen an jenem Abend unterhalten, und zwar in einer Instant Message am gleichen Nachmittag.«

»Das ist interessant«, sinnierte Gillette.

»Finde ich auch«, nickte Anderson. »Um es kurz zu machen: Wir nehmen an, dass es sich um irgendeinen neuen Virus handelt, mit dessen Hilfe sich der Mörder Zugang zu ihrem Rechner verschafft hat. Leider hat unsere Abteilung nichts finden können. Und deshalb wenden wir uns an Sie. Vielleicht könnten Sie mal einen Blick darauf werfen.«

Gillette nickte und schielte zur schmutzigen Zimmerdecke hinauf. Anderson fiel auf, dass sich die Finger des jungen Mannes wie in einem raschen, zuckenden Takt bewegten. Zuerst dachte der Polizist, Gillette leide an Schüttellähmung oder an einer nervösen Zuckung, doch dann erkannte er, was der Hacker da machte. Er tippte ganz unbewusst auf einer unsichtbaren Tastatur; allem Anschein nach eine nervöse Angewohnheit.

Der Hacker senkte den Blick und schaute Anderson an. »Womit haben Sie diese Festplatte untersucht?«

»Mit Norton Commander, Vi-Scan 5.0, mit dem kriminologischen Spurensicherungspaket des FBI, mit Restore8 sowie dem Partition and File Allocation Analyzer 6.2 des Verteidigungsministeriums. Wir haben es sogar mit Surface-Scour versucht.«

Gillette stieß ein irritiertes Lachen aus. »Und mit dem ganzen Kram haben Sie nichts finden können?«

»Nicht die Bohne.«

»Wie soll ich etwas finden, wo Sie nichts finden konnten?«

»Ich habe mir einiges von der Software angeschaut, die Sie geschrieben haben. Es gibt auf der ganzen Welt nur drei oder vier Leute, die so ein Script schreiben können.«

»Na ja, ich weiß schon, wie man programmiert«, meinte Gillette achselzuckend. Dann fügte er bescheiden hinzu: »Aber Sie brauchen mehr als einen guten Code-Schreiber, was?«

Anderson nickte. »Ganz recht. Ich brauche einen Hacker. Sie sind in jedem Rechner von Western Software herumspaziert, sogar in Bereichen, zu denen nicht einmal der Firmenchef Zugang besitzt, und keiner der Systemadministratoren hat Sie dabei ertappt.«

»Und was ist für mich drin?«, wollte Gillette wissen.

»Was?«, knurrte Bob Shelton und funkelte den Hacker feindselig an.

»Was springt für mich raus, wenn ich Ihnen helfe?«

»Du kleines Arschloch«, fuhr ihn Shelton an. »Eine Frau ist ermordet worden. Geht dir das völlig am Arsch vorbei?«

»Natürlich tut sie mir leid«, blaffte Gillette zurück. »Aber wenn ich Ihnen helfen soll, will ich auch etwas davon haben.«

»Und was?«, fragte Anderson.

»Ich will eine Kiste.«

»Keine Computer!«, fuhr der Direktor dazwischen. »Kommt nicht in Frage.« An Anderson gewandt, sagte er: »Deshalb sitzt er ja in Einzelhaft. Wir haben ihn am Bücherei-Computer erwischt – im Internet. Der Richter hat ihm als Teil seiner Strafe auferlegt, dass er ohne Beaufsichtigung nicht online gehen darf.«

»Ich geh ja nicht online«, sagte Gillette. »Ich bleibe im E-Trakt, wo ich jetzt auch bin. Dort habe ich keinen Zugang zu einem Telefonanschluss.«

Der Direktor schnaubte verächtlich. »Du würdest sogar in verschärftem Arrest bleiben …«

»Einzelhaft«, korrigierte Gillette.

»… nur um an einen Computer heranzukommen?«

»Ja.«

»Wenn er in Einzelhaft bleibt und keine Möglichkeit hat, online zu gehen, ginge das in Ordnung?«, fragte Anderson.

»Denke schon«, erwiderte der Direktor.

»Also abgemacht«, sagte der Polizist zu Gillette: »Wir besorgen Ihnen einen Laptop.«

»Sie lassen sich auf seine Forderungen ein?«, fragte Shelton Anderson ungläubig und warf Bishop einen fragenden Blick zu, doch der altmodische Bulle war noch immer mit seinem Handy beschäftigt und wartete auf seine Erlösung.

Anderson blieb Shelton die Antwort schuldig und wandte sich wieder an Gillette: »Sie kriegen Ihre Kiste aber erst, nachdem Sie Lara Gibsons Computer durchgesehen und uns einen umfassenden Bericht abgeliefert haben.«

»Von mir aus.«

Er schaute auf seine Armbanduhr. »Ihre Kiste ist ein IBM-Klon, die übliche Regalware. Wir schaffen sie innerhalb einer Stunde hierher, inklusive aller Disketten, der Software und …«

»Nein, nein, nein«, sagte Gillette bestimmt. »Hier geht das nicht.«

»Was soll das heißen?«

»Dazu muss ich raus.«

»Warum denn?«

»Es bringt nichts, wenn ich die gleichen Programme, die Sie benutzt haben, noch einmal durchlaufen lasse. Wenn ich mehr rauskriegen soll, brauche ich Zugang zu einem Großrechner, am Besten zu einem Supercomputer. Außerdem brauche ich Software und gewisse Tools.«

Anderson sah zu Bishop hinüber, der überhaupt nicht zuzuhören schien.

»Auf gar keinen Fall!«, knurrte Shelton, der gesprächigere der beiden Kollegen vom Morddezernat, auch wenn sein Wortschatz eindeutig beschränkt war.

Anderson überlegte noch, als der Gefängnisdirektor sich zu Wort meldete: »Wenn ich die Herren mal kurz draußen auf dem Gang sprechen könnte?«

3 Kapitel 00000011

Der Hack hatte ziemlich Spaß gemacht.

Trotzdem entsprach er nicht ganz der Herausforderung, die er sich gewünscht hatte.

Phate – sein Username online, sein Nick, wurde nach bester Hacker-Tradition nicht mit f, sondern mit ph geschrieben – saß in seinem Wagen und fuhr zu seinem Haus in Los Altos, mitten im Herzen von Silicon Valley.

An diesem Morgen hatte er einiges zu erledigen gehabt. Erst musste er den blutverschmierten weißen Van loswerden, den er tags zuvor benutzt hatte, um Lara Gibsons Paranoia anzufachen. Anschließend hatte er seine Verkleidung entsorgt, die Rasta-Perücke, die Kampfjacke und die Stalker-Brille sowie das astreine Kostüm des Computerspezialisten, des Chip-Jocks Will Randolph, Sandys Cousin und frischgebackenem Familienvater.

Inzwischen war er ein ganz anderer. Selbstverständlich trat er auch jetzt nicht unter seinem richtigen Namen und seiner richtigen Identität auf – Jon Patrick Holloway, geboren vor siebenundzwanzig Jahren in Saddle River, New Jersey. Nein, momentan war er einer der sechs oder sieben erfundenen Figuren, die er vor kurzem erschaffen hatte. Sie waren ihm wie eine Gruppe von Freunden und existierten komplett mit Führerscheinen, Mitarbeiterausweisen und Sozialversicherungskarten. Er hatte sie sogar mit unterschiedlichen Akzenten, Sprechweisen und persönlichen Eigenheiten ausgestattet, die er auf fast religiöse Weise praktizierte.

Wer willst du sein?

Er stellte sich oft diese Frage, und in seinem Fall lautete die Antwort: so ziemlich jeder.

Als er jetzt über den Lara-Gibson-Hack nachdachte, kam er zu dem Schluss, dass es doch ein wenig zu billig gewesen war, sich an jemanden heranzumachen, der sich rühmte, die Königin der Selbstverteidigung im Großstadtdschungel zu sein.

Es war höchste Zeit, das Spiel ein bisschen zu verfeinern.

Phates Jaguar schob sich langsam durch den morgendlichen Berufsverkehr auf der Interstate 280, dem Junipero Serra Highway. Zu seiner Rechten erhoben sich im Westen die Santa Cruz Mountains bis in die Nebelfetzen hinein, die in Richtung San Francisco Bay trieben. In den vergangenen Jahren war das Tal von mehreren Dürren heimgesucht worden, aber in diesem Jahr präsentierte sich der Frühling, wie auch an diesem Tag, ausgesprochen regnerisch, und die Pflanzenwelt zeigte sich in sattem Grün. Doch Phate würdigte die herrliche Umgebung keines Blickes. Er lauschte dem Theaterstück auf seinem CD-Player – Der Tod eines Handlungsreisenden. Es war eines seiner Lieblingsstücke. Hin und wieder bewegten sich seine Lippen und sprachen den Text mit. Er konnte alle Rollen auswendig.

Zehn Minuten später, um 8 Uhr 45, bog er in die Einfahrt seines großen Einfamilienhauses in der Neubausiedlung Stonecrest, jenseits der El Monte Road in Los Altos ein.

Er fuhr den Wagen in die Garage und machte das Tor zu. Bei dieser Gelegenheit fiel ihm ein Tropfen von Lara Gibsons Blut in der Form eines schlampigen Kommas auf dem ansonsten makellos sauberen Fußboden auf. Wie nachlässig von ihm, ihn zuvor übersehen zu haben, tadelte er sich. Er wischte den Fleck auf, ging ins Haus und verriegelte die Tür hinter sich.

Das Haus war neu, kaum sechs Monate alt, und roch immer noch leicht süßlich nach Teppichkleber und Farbe.

Sollten irgendwelche Nachbarn auf die Idee kommen, ihn hier willkommen zu heißen, um von der Diele einen neugierigen Blick ins Wohnzimmer zu erhaschen, sahen sie nicht mehr als die üblichen Insignien einer Familie der oberen Mittelschicht, den gehobenen Lebensstil, den das Mikrochip-Geld so vielen Menschen hier im Valley ermöglichte.

Hallo, nett, Sie kennen zu lernen … Ja, ganz richtig, bin erst letzten Monat eingezogen … Ich arbeite bei einer neuen Start-up-Firma drüben in Palo Alto. Sie haben mich schon früher aus Austin hergeholt, Kathy und die Kinder kommen nach, im Juni, sobald das Schuljahr zu Ende ist … Hier, das sind sie. Hab das Foto letzten Januar im Urlaub in Florida aufgenommen. Troy und Brittany. Er ist vier. Sie wird im nächsten Monat zwei.

Auf dem Kaminsims, den teuren Beistell- und Kaffeetischen standen Dutzende Fotos von Phate und einer blonden Frau, am Strand, beim Reiten, Arm in Arm auf einer Bergspitze in einem bekannten Ski-Ort, beim Tanzen auf ihrer Hochzeit. Urlaube, Fußballtraining, Weihnachten, Ostern. Dazu jede Menge Bilder von den Kindern in verschiedenen Altersstufen.

Achja,ichwürdeSieehrlichgernemalzumEsseneinladenodersowas,aberdieseneueFirmanimmtmichziemlichhartran…Wahrscheinlichschaffenwir’s,wennerstmaldieFamiliehierist.KathymanagtunsereSozialkontakte…außerdemkochtsiewesentlichbesseralsich.Nadenn,tschüss,wirsehenuns.

Und die Nachbarn würden ihre Flasche Wein oder die Plätzchen oder die Begonien dalassen und wieder nach Hause gehen und nicht im Traum darauf kommen, dass die ganze Vorstellung im besten Sinne des kreativen Social Engineering wie ein perfektes Schauspiel inszeniert war.

Genau wie die Bilder, die er Lara Gibson gezeigt hatte, waren auch die Familienfotos an seinem Computer entstanden: Sein Gesicht war an die Stelle eines männlichen Models gerückt, Kathys Gesicht sah absolut durchschnittlich weiblich aus, archetypische Züge, die er aus dem Gesicht eines Models einer Frauenzeitschrift gemorpht hatte. Die Kinder stammten aus einer VogueBambini. Letztendlich war das ganze Haus lediglich Fassade. Wohnzimmer und Diele waren die einzigen eingerichteten Räume– und auch das nur, um die Leute zu narren, die eventuell bei ihm klingelten. Im Schlafzimmer stand nicht mehr als eine Pritsche und eine Lampe. Das Esszimmer– Phates Büro– war mit Tisch, Lampe, zwei Laptop-Computern und einem Schreibtischstuhl möbliert, Letzterer allerdings ausgesprochen komfortabel, da er so viele Stunden darauf verbrachte. Im Keller… doch, im Keller gab es noch ein paar andere Dinge, aber die waren erst recht nicht für die Augen der Öffentlichkeit bestimmt.

Zur Not konnte er das Haus jederzeit verlassen und alles stehen und liegen lassen, und er wusste, dass diese Notwendigkeit immer eintreten konnte. Alle seine wichtigen Sachen – seine richtigen Computer, die alten Modelle, die er leidenschaftlich sammelte, seine ID-Maschine sowie die Computerteile, die er kaufte und verkaufte, um sich seinen Lebensunterhalt zu finanzieren – waren mehrere Kilometer entfernt in einem Lagerhaus untergebracht. In dem Wohnhaus gab es nichts, was die Polizei an diesen Ort führen konnte.

Phate ging ins Wohnzimmer, setzte sich an den Tisch und schaltete einen Laptop an.

Der Bildschirm erwachte zum Leben, ein C:> Prompt erschien, und mit dem Auftauchen dieses blinkenden Symbols erwachte auch Phate von den Toten.

Wer willst du sein?

Tja, in diesem Augenblick war er nicht mehr Jon Patrick Holloway oder Will Randolph oder Warren Gregg oder James L. Seymour oder eine der anderen Figuren, die er erschaffen hatte, allesamt Gestalten, die in der realen Welt gefangen waren. Jetzt war er Phate. Nicht mehr das blonde, knapp eins achtzig große Wesen, das ziellos zwischen dreidimensionalen Wohnhäusern, Bürogebäuden, Läden, Flugzeugen, Schnellstraßen und braunen Rasenflächen, Drahtzäunen, Halbleiterfabriken, Einkaufszentren und Leuten und Leuten und Leuten und Leuten herumwanderte, die so zahlreich und unbedeutend waren wie digitale Bytes …

Ausnahmslos unecht und langweilig und deprimierend.

Das hier war seine Realität, die Welt hinter seinem Monitor.

Er gab ein paar Befehle ein und lauschte mit aufgeregtem Flattern im Unterleib dem an- und abschwellenden Pfeifen des sinnlichen elektronischen Handschlags seines Modems (die meisten echten Hacker würden nicht daran denken, lahme Modems und Telefonverbindungen zu benutzen, sondern natürlich via Glasfaserkabel online gehen. Aber Phate hatte ein paar Kompromisse eingehen müssen. Weitaus wichtiger als Geschwindigkeit war die Fähigkeit, seine Spuren in Abermillionen von Telefonkabelkilometern auf der ganzen Welt zu verstecken.)

Sobald er im Netz war, schaute er zuerst nach E-Mails. Briefe von Shawn hätte er sofort geöffnet, aber es waren keine da; die anderen hatten bis später Zeit. Er verließ das Mail-Programm und gab einen anderen Befehl ein. Auf dem Bildschirm klappte ein Menü auf.

Als er im vergangenen Jahr mit Hilfe von Shawn die Software für Trapdoor geschrieben hatte, hatte er sich dazu entschieden, das Menü sehr benutzerfreundlich zu gestalten – obwohl er der einzige Benutzer bleiben würde. Ganz einfach aus dem Grund, weil man es so machte, wenn man ein genialer Codeslinger war, ein echter Wizard.

Trapdoor

Hauptmenü

1. Möchten Sie eine frühere Sitzung fortsetzen?

2. Möchten Sie eine Hintergrunddatei erstellen/öffnen/bearbeiten?

3. Möchten Sie ein neues Ziel suchen?

4. Möchten Sie ein Passwort oder einen Text dechiffrieren?

5. Möchten Sie ins System überwechseln?

Er scrollte bis zu Punkt 3 herunter und drückte auf Enter.

Einen Augenblick später erkundigte sich das Trapdoor-Programm höflich:

Geben Sie bitte die E-Mail-Adresse des Zieles ein.

Phate tippte eine Adresse aus dem Gedächtnis ein und drückte wieder auf Enter. Innerhalb von zehn Sekunden war er mit einem fremden Computer verbunden und schaute dem ahnungslosen Benutzer sozusagen über die Schulter. Sofort fing er an, sich Notizen zu machen.

Lara Gibson hatte ziemlich Spaß gemacht, aber dieser Hack hier versprach, noch besser zu werden.

»Das hat er gebastelt«, sagte der Gefängnisdirektor.

Die Polizisten standen in einem Lageraum in San ‘Ho. Ringsum in den Regalen lagerten Drogenutensilien, Naziembleme, Fahnen der Nation of Islam und selbst gebastelte Waffen: Keulen, Messer, Schlagringe und sogar einige Schusswaffen, ausnahmslos konfisziertes Material aus dem Gefängnis, das den renitenten Insassen im Laufe der letzten paar Jahre weggenommen worden war.

Das, worauf der Direktor zeigte, wirkte bei weitem nicht so aufrührerisch und tödlich. Es handelte sich um eine Holzkiste von ungefähr einem auf einen halben Meter vollgestopft mit Hunderten von Klingeldrähten, die Dutzende elektronischer Komponenten miteinander verbanden.

»Was soll das denn sein?«, fragte Bob Shelton mit einer Stimme wie knirschender Kies.

Andy Anderson lachte und flüsterte staunend: »Menschenskind, das ist ja ein Computer. Ein selbst gebastelter Computer.« Er ging näher heran und bestaunte die Einfachheit der Verdrahtung, die perfekte Wicklung der lötfreien Verbindungen, die effiziente Platzausnutzung. Eine absolut simple, aufs Wichtigste beschränkte Maschine, dabei erstaunlich elegant.

»Ich wusste nicht, dass man Computer selbst bauen kann«, brummte Shelton. Darauf sagte Frank Bishop nichts.

»So einem Junkie wie Gillette bin ich noch nie begegnet«, sagte der Direktor. »Und dabei kriegen wir hier Jungs rein, die schon seit Jahren auf Heroin sind. Nur dass er nach diesen Computern süchtig ist. Ich garantiere Ihnen, der versucht alles Mögliche, nur um irgendwie ins Netz zu kommen, und ich bin davon überzeugt, dass er sogar fähig ist, jemandem etwas anzutun, um dieses Ziel zu erreichen. Und damit meine ich, ernsthaft etwas anzutun. Das hier hat er nur gebastelt, um ins Internet zu kommen.«

»Ist da ein Modem drin?«, fragte Anderson, der noch immer ehrfürchtig vor dem Gerät stand. »Tatsächlich, da sitzt es ja. Alle Achtung.«

»An Ihrer Stelle würde ich mir gut überlegen, ob ich ihn wirklich rausholen will.«

»Wir passen schon auf ihn auf«, erwiderte Anderson und wandte den Blick nur widerwillig von Gillettes Erfindung ab.

»Wenn Sie meinen«, sagte der Direktor achselzuckend. »Leute wie der erzählen einem das Blaue vom Himmel, nur um wieder online gehen zu können. Genau wie Alkoholiker. Wissen Sie das von seiner Frau?«

»Er ist verheiratet?«, fragte Anderson.

»War. Nach der Hochzeit versuchte er, mit dem Hacken aufzuhören, aber er schaffte es nicht. Dann wurde er festgenommen, und alles, was sie hatten, ging für den Anwalt und das Bußgeld drauf. Sie hat sich vor ein paar Jahren von ihm scheiden lassen. Und wissen Sie was? Es hat ihm nicht einmal was ausgemacht. Er redet immer nur von seinen verfluchten Computern.«

Die Tür ging auf, und ein Wachmann erschien mit einer abgestoßenen Aktenmappe aus Recycle-Pappe. Er reichte sie dem Direktor, der sie an Anderson weitergab. »Das ist seine Akte. Hilft Ihnen vielleicht bei der Entscheidung, ob Sie ihn wirklich haben wollen.«

Anderson blätterte Gillettes Akte durch. Sie reichte mehrere Jahre zurück, aber seine Jugendstrafen hatte er für keine ernsten Vergehen aufgebrummt bekommen. Einmal hatte Gillette die Zentrale der Telefongesellschaft Pacific Bell von einer öffentlichen Telefonzelle – die bei Hackern unter dem Namen Fortress phones laufen – aus angerufen und das Telefon so programmiert, dass er damit kostenlos Ferngespräche führen konnte. Fortress phones gehörten in der Hackerszene zur Grundausbildung. Mit Hilfe bestimmter Techniken konnte man über diese Zellen in die Schaltungen der jeweiligen Telefongesellschaft eindringen, die wiederum nichts anderes sind als gewaltige Computersysteme. Die Kunst, eine Telefongesellschaft zu knacken, um kostenlos zu telefonieren oder auch um der schieren Herausforderung willen, ist als phreaking bekannt. Laut den Unterlagen in der Akte hatte Gillette seine erschlichenen Anrufe dazu benutzt, um die Zeitansage oder den Wetterbericht in Paris, Athen, Frankfurt, Tokio und Ankara anzurufen. Woraus ersichtlich wurde, wie der Polizist vermutete, dass er nur deshalb in das System eingebrochen war, um zu sehen, ob er es schafft, und nicht, um die Firma zu schädigen.

In der Hoffnung auf eine Entscheidungshilfe hinsichtlich Gillettes Beurlaubung blätterte Anderson weiter durch die Akte des jungen Mannes. Der Einwand des Direktors war eindeutig nicht von der Hand zu weisen: Gillette war in den vergangenen zwölf Jahren im Zusammenhang mit zwölf schweren Hacker-Zwischenfällen verhört worden. Bei der Verkündung des Urteilsspruchs nach dem Western-Software-Hack hatte die Anklage einen Ausspruch der Richter zitiert, die den berühmten Hacker Kevin Mitnick hinter Gitter gebracht hatten, und mit deren Worten festgestellt, Gillette sei »gemeingefährlich, sobald er mit einer Tastatur bewaffnet ist«.

Trotzdem war Gillettes Umgang mit Computern nicht ausschließlich verbrecherischer Natur, wie Anderson erfuhr. Er hatte für eine Reihe von Firmen im Silicon Valley gearbeitet und für seine Fähigkeiten als Programmierer ausschließlich Lobeshymnen geerntet. Außerdem hatte er jede Menge brillanter Freeware und Shareware geschrieben, also Programme, die kostenlos an jeden verschenkt wurden, der sie haben wollte. Der junge Mann hatte auf Konferenzen über neue Entwicklungen der Programmiersprachen Vorträge gehalten und war so eine Art Experte in dem Bereich, den er und Anderson zuvor bereits erwähnt hatten: Molekularelektronik oder »Moletronics«, mit deren Hilfe zukünftige Computerprozessoren aus winzigen Röhrchen aus exotischen Molekülen hergestellt würden, die tausendfach schneller arbeiten und millionenfach so viel Informationen speichern konnten wie die leistungsstärksten Silikonchips, die heutzutage auf dem Markt waren.

An einer Stelle stutzte Anderson und lachte erstaunt auf. Er war auf den Nachdruck eines Artikels gestoßen, den Wyatt Gillette vor mehreren Jahren für die Zeitschrift On-Line geschrieben hatte. Der Artikel hatte große Verbreitung gefunden, und Anderson erinnerte sich daran, ihn kurz nach seinem Erscheinen gelesen zu haben, ohne sich den Namen des Autors zu merken. Seine Überschrift lautete »Leben im Blauen Nichts«, und er handelte davon, dass die Computer die erste technologische Erfindung in der Geschichte der Menschheit waren, die jeden Aspekt des menschlichen Lebens beeinflussten, von der Psychologie über die Unterhaltungsindustrie bis zur menschlichen Intelligenz, von den materiellen Bedürfnissen bis hin zum Konzept des Bösen, und dass Mensch und Maschine sich aus diesem Grunde noch weiter annähern würden. Daraus entstünden allerlei Vorteile, aber auch viele Gefahren. Der Ausdruck »Blaues Nichts«, der die Bezeichnung »Cyberspace« ersetzte, bezeichnete die Computerwelt, sowohl on- als auch offline, oder, wie sie auch genannt wurde, die »Maschinenwelt«. In dem von Gillette geprägten Ausdruck bezog sich das »Blau« auf die Elektrizität, die die Computer zum Laufen brachte. Das »Nichts« bedeutete, dass es sich zwar um einen realen, aber trotzdem immateriellen Raum handelte.

Andy Anderson blätterte in ein paar Fotokopien von Wyatts letztem Prozess. Er sah Dutzende von Briefen, die dem Richter geschickt worden waren und in denen um Nachsicht für den Angeklagten gebeten wurde. Gillettes Vater, ein amerikanischer Ingenieur, der in Saudi Arabien arbeitete, hatte mehrere herzergreifende Gesuche um ein nicht allzu strenges Strafmaß an den Richter gemailt. Die Mutter des Hackers war verstorben – ein unerwarteter Herzschlag, als die Frau noch nicht einmal sechzig war –, aber es hatte ganz den Anschein, als verstünden sich der junge Mann und sein Vater sehr gut. Auch Rick, der Bruder des Hackers, der als Regierungsangestellter in Montana arbeitete, war seinem Bruder mit mehreren gefaxten Briefen an das Gericht zu Hilfe geeilt, in denen er ebenfalls um Milde bat (Rick Gillette machte sogar den rührenden Vorschlag, sein Bruder könne bei ihm und seiner Frau »in einer von majestätisch zerklüfteten Bergen umgebenen Landschaft« leben, als ließe sich der Hacker mit frischer Luft und körperlicher Arbeit von seinen kriminellen Anwandlungen heilen).

Anderson war von alldem weniger gerührt als überrascht. Die meisten Hacker, die Anderson bislang gejagt hatte, stammten aus völlig gestörten Familienverhältnissen.

Er klappte die Akte zu und reichte sie Bishop, der geistesabwesend darin herumlas, allem Anschein nach von den technischen Details verwirrt, die sich auf die Computer bezogen. »Das Blaue Nichts?«, murmelte der Detective. Kurz darauf gab er auf und reichte Anderson die Akte wieder zurück.

»Wie sieht der Zeitplan für die Beurlaubung aus?«, wollte Shelton wissen.