Leben - Alex van Hell - E-Book

Leben E-Book

Alex van Hell

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Beschreibung

Alex hat so viel mitgemacht, das reicht für zwölf Leben: Ihr leiblicher Vater ist Alkoholiker, vor dem die Familie flieht, die Mutter holt einen Lebensgefährten ins Haus, der Alex und ihre Schwester immer wieder verprügelt; als Teenager schließlich stürzt Alex total ab. Sie gerät in einen Strudel aus Drogen und Gewalt und wird mit 16 Jahren obdachlos. Mit zwanzig fängt sie mit dem Gogo-Tanz an und sichert sich damit ihre Existenz, führt endlich ein Leben, das sie lieben kann. Sie versöhnt sich sogar mit ihrer Mutter, als diese an Brustkrebs erkrankt. Doch wenig später der Rückschlag: Ein Tumor breitet sich in Alex van Hells Kopf aus, erst nach einem epileptischen Anfall nehmen sich die Ärzte ihrer an. Das Kavernom kann entfernt werden, die Epilepsie, die es ausgelöst hat, wird bleiben. Und trotz allem schafft es Alex, sich ein weiteres Mal aufzurappeln. Heute, fünf Jahre später, hat sie ein eigenes Tattoo-Studio, ist ein begehrtes Tattoo-Model, Barkeeperin und Geschäftsführerin eines Fetisch-Clubs. Dieses Buch ist die Geschichte einer unvergleichlichen Kämpferin.

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Seitenzahl: 269

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Alex van Hell

mit Christian Lütjens

LEBEN

Mein härtester Kampf

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Alex hat so viel mitgemacht, das reicht für zwölf Leben: Ihr leiblicher Vater ist Alkoholiker, vor dem die Familie flieht, die Mutter holt einen Lebensgefährten ins Haus, der Alex und ihre Schwester immer wieder verprügelt; als Teenager schließlich stürzt Alex total ab. Sie gerät in einen Strudel aus Drogen und Gewalt und wird mit 16 Jahren obdachlos. Mit zwanzig fängt sie mit dem Gogo-Tanz an und sichert sich damit ihre Existenz, führt endlich ein Leben, das sie lieben kann. Sie versöhnt sich sogar mit ihrer Mutter, als diese an Brustkrebs erkrankt. Doch wenig später der Rückschlag: Ein Tumor breitet sich in Alex van Hells Kopf aus, erst nach einem epileptischen Anfall nehmen sich die Ärzte ihrer an. Das Kavernom kann entfernt werden, die Epilepsie, die es ausgelöst hat, wird bleiben. Und trotz allem schafft es Alex, sich ein weiteres Mal aufzurappeln. Heute, fünf Jahre später, hat sie ein eigenes Tattoo-Studio, ist ein begehrtes Tattoo-Model, Barkeeperin und Geschäftsführerin eines Fetisch-Clubs. Dieses Buch ist die Geschichte einer unvergleichlichen Kämpferin.

Inhaltsübersicht

Widmung

18. Dezember 2009 – Raus hier!

Skeletor, George Michael und die Prinzessin

21. Dezember 2009 – Gefangen unter Feinden

Die schreiende Puppe

28. Dezember – Zwischen den Stationen

Die Feuerwalze

31. Dezember 2009 – Gute Vorsätze

Die Verbannung

7. Januar 2010 – Nebel, Schnee und Spießrutenläufe

Vom Regen in die Traufe

4. Februar 2010 – Zwischen Leben und Tod

Ehrenrunde

5. Februar 2010 – Augen zu!

Projekt Pappe

6. Februar 2010 – Der ohrenbetäubende Moment

Satans Gehilfin schlägt wieder zu

7. Februar 2010 – Ein Strauß Chrysanthemen

Der Niedergang des Jahrtausends

10. Februar 2010 – Ein kurzer Besuch

Mechanismen der Gewalt

11. Februar 2010 – Träume von Haien

Bonnie und Clyde von Lichtenrade

12. Februar 2010 – Klingonin im Spiegel

Ein unwiderstehliches Angebot

15. Februar 2010 – Valentinstag

Grundkurs in Sachen Stangentanz

18. Februar 2010 – Abwarten und Tee trinken

Königin

23. Februar 2010 – Allein

Polizeieinsatz

2. März 2010 – Zeit des Vergessens

Freaks unter sich

6. März 2010 – Katerstimmung

Der abgebrochene Fingernagel

24. März 2010 – Schwip Schwap

Nothing Else Matters

1. April 2010 – The Show Must Go On

La Dolce Vita

1. Dezember 2010 – Zweiter Anlauf

Hilfeschreie und Warnrufe

5. Februar 2011 – Drei Sterne

Let’s Talk About Sex

6. März 2012 – Und tschüss!

Die Frau, die meine Schwester war

10. August 2012 – Ein Mann, kein Kind

Neun Monate Abschied

16. September 2012 – Schaum vorm Mund

Bauchmama

17. November 2012 – Jetzt erst recht!

Alex und die bunten Bilder

10. August 2013 – Stralauer 17D

Van Hell to Heaven

Danksagung

Für meine drei Fixsterne:

Mama, Mona, Odin

18. Dezember 2009 – Raus hier!

Zehn Augenpaare glotzen mich an, als wäre ich die Attraktion in einem Kuriositätenkabinett. Ich ertrage das nicht. Höchstens eine Stunde ist es her, dass mir ein Arzt der Berliner Charité eröffnet hat, dass ich einen Tumor im Gehirn habe. Einen gutartigen Tumor zwar, aber er beschädigt das Sprachzentrum, lässt die Gesichtsmuskulatur erlahmen und löst Epilepsie aus. All diese Effekte haben in den letzten Wochen ihre schmerzhaften Schatten vorausgeschickt. Die Diagnose war der schockierende Höhepunkt einer Leidensstrecke, die mich ohne Ende Kraft gekostet hat. Zu viel Kraft, um all die Blicke auf meine Person auszuhalten. In den Gesichtern sehe ich alles Mögliche: Gleichgültigkeit, Neugier, Häme, Mitleid – nur nichts, was mir weiterhilft. Ich will endlich Frieden. Ich will, dass die Schmerzen aufhören. Ich will raus aus diesem Scheißkrankenhausbett auf der Intensivstation. Was ich definitiv nicht will, sind neun kuhäugige Medizinstudenten, die sich vom Doc großspurig den Fall Alex van Hell erklären lassen, den er selbst viel zu lange falsch eingeschätzt hat.

Über Wochen trug ich dieses komische Gefühl mit mir herum, als ob eine Zeitbombe in meinem Kopf tickte. Da war so ein Druck, manchmal wurde mir ohne Grund schwindelig. Dann kamen die Kopfschmerzen. Ich hab Aspirin eingeschmissen ohne Ende, aber sie wirkten nicht. Dann bin ich von einem Arzt zum nächsten gerannt, aber alle meinten, ich hätte Migräne. Die meisten haben mich nicht mal untersucht. Die haben in mir nur die zutätowierte Proll-Suse gesehen, die sich in einen Hang-over reinsteigert. So was bin ich gewohnt. Wenn man so aussieht wie ich, stecken dich die Leute schnell in die Assi-Schublade. Normalerweise lache ich darüber, aber in diesem Fall machte es mir Angst. Ich spürte, dass etwas mit mir nicht stimmte. Der Druck, der Schwindel, die Schmerzen, all das bildete ich mir ja nicht ein. Irgendwas war in meinem Kopf. Irgendwas Gefährliches. Bei der zehnten Migräne-Diagnose bin ich ausgerastet und hab darauf bestanden, dass ich in die Röhre komme. Ich hab den Doc so lange zur Sau gemacht, bis er nachgegeben hat. Er hat mich sogar gleich im Krankenhaus behalten. Dort hatte ich noch am selben Abend den ersten Anfall. Meine kleine Schwester war zu Besuch. Wir unterhielten uns ganz normal, als der Druck in meinem Kopf plötzlich unerträglich wurde. Ich weiß noch, dass ich unweigerlich die Augen zur Decke gedreht und zu meiner Schwester gesagt habe: »Du, ich glaub, du gehst lieber raus und holst einen Arzt. Hier passiert gleich was, das willst du nicht sehen.«

Wenige Augenblicke später bäumte sich mein Körper auf, als wäre er von fremden Mächten gesteuert. Ohne dass ich etwas dagegen tun konnte, bog sich mein Rücken durch, ich ging in die Brücke, meine Finger bohrten sich in die Matratze, der Sabber lief mir aus dem Mund, ich schrie. Komischerweise war ich bei alledem total klar. Ich kann mich an jede Verrenkung erinnern, an jeden Krampf, an jeden Schrei. Auch den entsetzten Blick des Pflegers, als er den Raum betrat, werde ich nie vergessen. Und wie er in unübersehbarer Hektik eine Spritze aufzog, die er mir in die Vene rammte. Dann wurde mir schwarz vor Augen. Endlich Ruhe. Für ein paar Stunden? Für den Rest der Nacht? Ich weiß es nicht mehr. Von da an ist im Gegensatz zu der schneidenden Klarheit der ersten Krampfattacke alles verschwommen.

Als sie mich am nächsten Tag für die Computertomographie in die Röhre schoben, hatte ich den nächsten Krampfanfall. Das war gestern. Heute dann die Diagnose: »Wir haben ein eingeblutetes Kavernom in Ihrem Gehirn entdeckt. Das bedeutet, Sie haben eine Missbildung in der rechten Gehirnhälfte, die zusätzlich durch ein Blutgerinnsel verstopft ist. Dadurch werden die epileptischen Anfälle und der Schwindel ausgelöst, wir werden das operieren müssen und …«

Irgendwann hab ich nicht mehr zugehört. Ich hab nur noch geheult – aus Angst, aus Verzweiflung, vielleicht auch aus Erleichterung. Nach Wochen, in denen ich als hysterische Migränepatientin abgestempelt worden war, gab es jetzt wenigstens eine Erklärung für meine Beschwerden, auch wenn sie beängstigend klang.

Meinem Gefühl von Anstand zufolge müsste sich der Doc für seine herablassende Art vor der Diagnose entschuldigen. Er hält das offenbar nicht für nötig. Stattdessen hat er mir die neunköpfige Studentenbande ins Zimmer gezerrt und referiert vor ihr über meinen »Fall«, als ob ich gar nicht da wäre. Aber ich bin da. Und ich spüre, wie ihre Blicke mich durchbohren, meine Tattoos mustern und schamlos meinen Körper auf und ab wandern. Wie sie meine Haut streifen, aber meine Augen meiden. Wie sie urteilen. Ich bin nicht blöd. Ich weiß, dass sich jeder dieser neun Studenten in diesem Augenblick aufgrund meines Äußeren Geschichten über mich zurechtlegt, die mit dem Fachchinesisch, das der Doc von sich gibt, nichts zu tun haben. Wahrscheinlich haben sie eher mit Exzessen und Drogen, mit Gewalt und Halbwelt zu tun. Ich habe kein Problem damit, zuzugeben, dass all diese Faktoren in meinem Leben eine Rolle spielen, aber ich habe es satt, auf sie reduziert zu werden. Ich spüre Ärger in mir aufsteigen, der sich rasend schnell zu Wut steigert. Als mich der Blick eines besonders hochnäsig guckenden Studenten trifft, brennt bei mir die Sicherung durch.

»Raus!«, brülle ich und merke im nächsten Moment, dass mir schon wieder Tränen die Wangen herunterlaufen. »Alle raus hier, oder ich vergesse mich.«

Das Brüllen verfehlt seine Wirkung nicht. Der Doc und die Studenten verlassen fluchtartig den Raum. Ich bleibe allein zurück. Mit meinen Tränen, mit meiner Wut, mit meinen Schmerzen. Und mit meiner Geschichte – die ich lieber selbst erzähle, als sie der Phantasie wildfremder Menschen zu überlassen.

Skeletor, George Michael und die Prinzessin

Mein Leben begann mit einer Flucht. Ich war noch nicht geboren, als meine Mutter vor dem Mann, den ich heute nur noch als meinen »Erzeuger« bezeichne, von Berlin nach Bayern floh. Der Typ muss eine komplette Katastrophe gewesen sein: Säufer, verantwortungslos, spielsüchtig. Das Geld, das meine Mutter für Windeln und Kindernahrung zurückgelegt hatte, hat er einfach verzockt. Um meine vier Jahre ältere Schwester Nina hat er sich nie wirklich gekümmert. Am schlimmsten aber war, dass er meine Mutter verprügelt hat. So heftig, dass man von Misshandlung sprechen kann und sie mehrfach vor ihm abgehauen ist – ins Frauenhaus oder zu Verwandten. Die Zeit Anfang der achtziger Jahre muss ein einziges wirres Chaos gewesen sein. Meine Mutter ist mit meiner Schwester verduftet, mein Erzeuger hat sie wieder aufgespürt, mit Engelszungen geschworen, er würde sie lieben und sich bessern, sie wurde irgendwann weich, ging zu ihm zurück, und der Frieden dauerte zwei Wochen. Dann begann das Drama von vorne. Das Resultat einer dieser kurzlebigen Neuanfänge war die Schwangerschaft mit mir – durch die sich die Situation allerdings auch nicht besserte. Im Gegenteil. Selbst als meine Mutter schon einen dicken Bauch hatte, hat er im Suff die Beherrschung verloren und auf sie eingedroschen. Nach einer dieser Attacken ist sie in einer Nacht-und-Nebel-Aktion zu einer Schwester meiner Oma geflohen. Nach Süddeutschland. Dort kam ich wenige Monate später zur Welt. Im September 1982, in Nymphenburg. Die ersten Jahre meines Lebens habe ich in München verbracht. Meine Mutter hielt sich mit Kellnern und Aushilfsjobs über Wasser, während meine Großtante und eine Cousine abwechselnd auf meine Schwester und mich aufpassten. Ich kann mich an diese Zeit nicht mehr gut erinnern. Es gibt ein paar Fotos, auf denen ich mit Dirndl oder Lederhose durch die Gegend schieße, aber spezielle Erlebnisse aus dieser Zeit sind nicht hängengeblieben. Sie dauerte auch nur fünf Jahre. Danach hatte meine Mutter Heimweh, und wir zogen zurück nach Berlin. In eine große Dreizimmerwohnung in der Schierker Straße in Neukölln, mit der ich die meisten Kindheitserlebnisse verbinde.

Eins dieser Erlebnisse ist die einzige persönliche Begegnung mit meinem Erzeuger. Da er in Gesprächen immer wieder Thema war, wenn auch meist in negativer Form, bin ich neugierig geworden, was das für ein Mensch ist: mein Vater. Ob ich ihm ähnlich sah? Was meine Mutter, die sich immerhin auf eine Ehe mit ihm eingelassen hatte, mal an ihm gefunden hatte? Ob er vielleicht gar nicht so schlecht war, wie alle behaupteten?

Meine Mutter war gegen das Treffen, aber nachdem ich ihr lange genug in den Ohren gelegen hatte, gab sie nach. Sie konnte und wollte mir ein Treffen mit meinem leiblichen Vater nicht verwehren, also vereinbarte sie einen Termin. Ein paar Tage später stand er vor der Tür. Ziemlich versifft, schon leicht alkoholisiert. Ich habe damals viel mit He-Man-Figuren gespielt, und ich weiß noch, dass mich sein Anblick spontan an Skeletor erinnerte, den Bösewicht der Masters of the Universe. Er war dünn, drahtig, hatte strohiges blondes Haar und keine schönen Zähne im Mund. Ein hässlicher Vogel. Aber immer noch dachte ich, dass der erste Eindruck vielleicht täuscht. War leider nicht so.

Der Nachmittag war ein totaler Reinfall. Erst sind wir ins Kino gegangen und haben irgendeinen bescheuerten Asterix-Cartoon geguckt. Asterix und Obelix fand er toll. Er hatte sich die Figuren sogar auf den Arm tätowiert. Nach dem Kino ging es in seine Stammkneipe. Offiziell zum Billardspielen, inoffiziell zum Saufen. Immer öfter ließ er mich alleine am Billardtisch stehen und stolzierte breitbeinig zum Tresen, um sich die nächste Runde zu genehmigen. Darum mündeten unsere einsilbigen Gespräche in immer lallenderes Blabla. Auf die Frage, warum er meine Mutter geschlagen hat, kam die übliche Leier, er würde sie eigentlich über alles lieben und könnte sich bis heute nicht verzeihen, was er damals getan hatte. Auf die Frage, warum er uns keinen Unterhalt zahlte, kam, es würde im Leben nicht nur ums Geld gehen. Auf die Frage, warum er so viel trinken würde, kam, dass das heute eine Ausnahme sei. Er selbst hat dagegen kaum Fragen gestellt, schien sich gar nicht für mich zu interessieren. Irgendwann wurde es mir zu blöd, und ich hab gesagt, er soll mich nach Hause bringen. Das hat er getan. Als die Tür nach der Verabschiedung hinter mir ins Schloss fiel, hab ich mir geschworen, dass dies das erste und letzte Treffen mit ihm war. Fortan sprach ich nicht mehr von meinem Vater, sondern nur noch von meinem »Erzeuger«. Ich hab meine Mutter auch gefragt, ob sie betrunken war, als sie ihn geheiratet hat. Da hat sie gelacht, weil sie kaum Alkohol trinkt. Aber richtig erklären konnte sie es auch nicht. Vielleicht hatte sie ein latentes Helfersyndrom und dachte, sie kann ihn aus dem Teufelskreis seiner Säuferfamilie – schon seine Mutter hatte sich totgesoffen – herausführen. Vielleicht hatte sie bei Kerlen aber auch einfach nur ein extrem schlechtes Händchen. Denn auch der Mann, der als Nachfolger meines Erzeugers in unsere Familiengeschichte eingehen sollte, entpuppte sich als fataler Fehlgriff. Und das, obwohl die Zeit mit ihm äußerst vielversprechend begann.

 

Eines Tages war er auf einmal da: Bodo. Es wurde mal wieder irgendwas gefeiert. Meine Großeltern wohnten im gleichen Haus, der Bruder meiner Mutter mit seiner Frau nur zwei Blöcke entfernt, so dass in unserer Küche in der Schierker Straße ständig jemand zu Besuch war. Für meine Schwester und mich war das super, denn so waren wir selten allein. Und es fiel weniger ins Gewicht, dass meine Mutter sehr viel arbeiten musste. Zeitweise erledigte sie drei Jobs gleichzeitig, um unseren Lebensstandard zu sichern. Zusätzlich stemmte sie eine Umschulung, um als Rechtsanwaltsgehilfin mehr verdienen zu können. Uns Kindern ging es dank ihres Fleißes immer gut. Wir hatten schönes Spielzeug, fuhren in den Ferien ins Zeltlager oder auf den Ponyhof, und meine Schwester hatte sogar ein eigenes Pflegepferd. Einen Vater hab ich eigentlich nicht vermisst. Trotzdem reagierte ich sofort auf diesen lustigen Typen, der jetzt mit meinem Onkel und meiner Mama am Küchentisch saß. Ich war sieben Jahre alt, und für mich sah Bodo aus wie George Michael. Er hatte dunkle Haare mit ein paar Strähnen, wie es damals in war. Er hatte schöne Zähne, er war schlank und sportlich. Ganz anders als Skeletor. Wie George Michael halt. Und den hatte ich schon zu den Zeiten von Wham! cool gefunden.

Vor allem aber war Bodo lustig. Unsere erste Kontaktaufnahme bestand darin, dass ich an der Küchentür stand, vorsichtig um die Ecke lugte, er mir eine Grimasse schnitt und ich mich totgelacht habe. Wir wiederholten das so lange, bis ich vor Lachen Bauchschmerzen bekam. Von diesem Tag an gehörte Bodo für mich zur Familie. Ich freute mich jedes Mal, wenn er kam. Dass auch meine Mutter total verschossen in ihn war, war sowieso nicht zu übersehen. Bald waren wir wie eine kleine, eingespielte Familie. Bodo hab ich als meinen wirklichen Papa angesehen. Er behandelte uns wie seine eigenen Kinder. Als meine Mutter nach ein paar Monaten verkündete, dass sie beide heiraten wollten, hab ich total gefeiert. Im Nachhinein hat sie mir erzählt, dass auch Bodo aus einer Alkoholiker-Familie stammte, dass er von Anfang an sehr viel Geld ausgegeben hat und ein ziemlicher Egoist und Lebemensch war. Er hat zur Hochzeitsfeier keinen Pfennig dazubezahlt. Die Kosten dafür hat meine Mutter komplett übernommen. Aber von solchen Dingen bekamen wir als Kinder nichts mit. Wir haben uns einfach gefreut auf das große Fest. Und das war es – ein großes Fest, das ich bis heute in bester Erinnerung habe.

Ich trug zur Feier des Tages ein blaues Prinzessinnenkleid. Meine Schwester auch. So hatte uns noch niemand gesehen. Wir, die beiden ungleichen Schwestern, im Partnerlook. Da gab es viele bewundernde Blicke. Den Vogel schoss allerdings meine Mutter ab. Sie hatte ein wunderschönes, weißes Brautkleid an, das zu allem Überfluss einen ellenlangen Schleier hatte. Als sie den ausgesucht hat, müssen die rosa Herzchen mit ihr durchgegangen sein. Das Ding war mindestens fünf Meter lang, und es mussten permanent zwei Leute aufpassen, dass es nicht über den Boden schleifte. Und wer waren diese zwei Leute? Natürlich meine Schwester und ich. Bei der Frage, ob wir Blumenstreukinder werden wollten, hatten wir begeistert »Hier« geschrien. Dass mit dieser Funktion auch die Aufgabe des Schleiertragens verbunden war, hatten wir nicht bedacht. Die Folge: Wir bekamen alle paar Meter einen Anschiss, weil die Schleppe zwischendurch über den Boden schleifte. Also änderten wir unsere Strategie. Als wir in die Kirche einschritten, haben wir extra viel Abstand gehalten. Was aber auch keine gute Idee war. Denn jetzt zogen wir den Stoff so straff, dass meiner Mutter kurz vorm Traualtar fast der Kamm aus den Haaren und die Haube vom Kopf geflogen wäre. Wir konnten es also nicht richtigmachen und wurden pausenlos angemeckert. Hinzu kam, dass es ein heißer Sommertag war und sich jede kleine Fliege in dem feinen Gewebe verfing. Ein Alptraum. Wenn ich je heiraten sollte, dann auf jeden Fall ohne so einen Megaschleier. Obwohl’s natürlich schön aussah.

Und die Feier nach der Trauung war auch cool. Sie fand in einem Ausflugslokal an der Buckower Chaussee statt, das wir für Familienfeste damals öfter buchten. Es gab einen Riesenfestsaal mit Garten zum Spielen, und wir haben immer wieder Blumen gestreut. Meine Schwester ist als Michael Jackson aufgetreten, und wir durften bis spät in die Nacht aufbleiben. Abends hab ich die ganze Zeit auf den Füßen meiner Oma gestanden und getanzt. Oder ich hab mich bei einer Tante eingehakt, und sie musste mich so lange im Kreis rumschleudern, bis sie sich fast die Schultern ausgekugelt hätte. Es gibt noch Videos von dieser Feier. Wenn ich mir die heute ansehe, bin ich schockiert, wie groß unsere Familie mal war. Heute ist die eine Hälfte der Leute tot, die andere bis aufs Blut zerstritten. Von der damaligen Gemeinschaft ist so gut wie nichts mehr übrig. Das Gleiche gilt für das Glück, das ich an diesem Tag empfand und das wenig später sprichwörtlich mit einem Schlag auseinanderfetzte. Obwohl … Das stimmt nicht ganz. Es war nicht nur einer. Es waren viele Schläge. Viel zu viele.

21. Dezember 2009 – Gefangen unter Feinden

Sie können die Operation des Gehirntumors nicht sofort machen. Sie ist zu kompliziert, um schnell durchgeführt zu werden. Sie wird auch nicht hier in der Charité, sondern im Virchow-Klinikum in Berlin-Wedding gemacht. Ich bin froh darüber. Ich fühle mich hier total unwohl. Seit drei Tagen liege ich zur Beobachtung auf der Intensivstation und komme mir vor wie eine Gefangene unter Feinden. Die einzige Vertraute, die zu mir darf, ist meine Mutter. Ich bin glücklich, wenn sie vorbeikommt, aber noch mehr sehne ich mich nach meinem Hund: Odin, ein weißer Minibullterrier, der erst vor drei Monaten als Welpe zu mir gekommen ist. Er ist sehr sensibel, und es macht mich wahnsinnig, dass ich ihn nicht sehen darf, aber auf der Intensivstation sind keine Tiere zugelassen. Ich weiß, dass sich meine Mutter und mein Freund um den Hund kümmern, trotzdem ist es ein beschissenes Gefühl, von ihm abgeschnitten zu sein. Ohne Odin fühle ich mich doppelt verlassen. Es sind nicht die Schmerzen oder die Langeweile, die mich am meisten quälen, es ist das Gefühl, wie eine Aussätzige behandelt zu werden.

Ich habe bei meiner Einlieferung den Fehler gemacht, dem Doc alles über meine Vergangenheit zu erzählen. Auch dass ich am Ende meiner Teenagerzeit eine heftige Drogenphase hatte. Ich dachte, das wäre hilfreich, um die richtige Diagnose zu stellen. Jetzt stellt sich Stück für Stück heraus, dass es lediglich zu Fehldiagnosen und Vorverurteilungen geführt hat. In meinem Arztbericht steht, dass die epileptischen Anfälle vermutlich eine Folge von Drogenkonsum sind – eine Mutmaßung, die der Doc im Patientengespräch bereits revidiert hat. Inzwischen ist klar, dass die Anfälle durch den Tumor ausgelöst werden. Im Bericht wurde das aber scheinbar nicht korrigiert. Erst gestern wurde meine Mutter von einer Schwester mit der Info versorgt, dass mein schlechter Zustand vermutlich auf Entzugserscheinungen zurückzuführen sei. Totaler Quatsch. Meine Druffi-Phase ist fast zehn Jahre her. Inzwischen nehme ich kaum noch Drogen. Trotzdem werde ich hier behandelt wie ein Junkie. Ich hab dem Doc gesagt, er soll den Arztbericht neu schreiben. Nicht zuletzt, weil ich keine Lust habe, aufgrund seiner Fehleinschätzungen Probleme mit der Krankenkasse zu bekommen. Er hat versprochen, sich drum zu kümmern. Wenn ich es recht bedenke, wirkte er zum ersten Mal aufrichtig, als er mir das Versprechen gab. Trotzdem glaube ich erst an seine Verlässlichkeit, wenn ich den korrigierten Bericht vor mir liegen habe. Blindes Vertrauen ist nie ratsam. Das musste ich in meinem Leben früh lernen.

Die schreiende Puppe

Nach der Hochzeit fuhr die kleine, glückliche Familie, die wir nach dem Jawort von Bodo und meiner Mutter endgültig waren, zu viert in die Flitterwochen. Anschließend ging der Alltag mehr oder weniger so weiter, wie wir ihn schon aus der Zeit vor der Hochzeit kannten. Da Bodo schon vor einigen Monaten bei uns eingezogen war, änderte sich eigentlich nichts.

Das einzig Neue war, dass jetzt ab und an die neuen Großeltern, Bodos Eltern, zu Besuch kamen. Weil sie beide so winzig waren, nannten wir sie Klein-Oma und Klein-Opa. Ich mochte sie nicht besonders. Unter anderem deshalb, weil sie uns immer hässliche, selbstgestrickte Klamotten mitbrachten, bei denen meine Mutter darauf bestand, dass wir sie anzogen, weil Klein-Oma sich damit ja ach so viel Mühe gegeben hatte. So rannten wir in blau-weiß-rosa gemusterten Pullundern durch die Gegend und sahen aus wie zwei Stricklieseln aus der Mottenkiste. Schrecklich. Zumal ich solchen Anziehzwang überhaupt nicht kannte. Wir hatten normalerweise totale Narrenfreiheit in Sachen Klamottenwahl.

Die Freiheit ging so weit, dass ich heute manchmal Kinderbilder von mir sehe und meine Mutter frage, ob sie an Geschmacksverirrung gelitten hat oder uns zum Gespött der Straße machen wollte. Sie antwortet dann immer: »Wieso ich? Das Zeug hast du dir selbst ausgesucht.«

Wenn ich darüber nachdenke, stimmt das. Es war nicht meine Mutter, die mir das lila Kostüm, bestehend aus einem Rock und einem Pullover, auf dem die Dinos von »Aus einem Land vor unserer Zeit« aufgedruckt waren, aufgeschwatzt hat. Das war mein eigenes Lieblingsteil. Auch Entgleisungen wie die Kombination eines quergestreiften T-Shirts, einer gepunkteten Hose, einer längsgestreiften Strickjacke und diesen pinken Plastikbadesandalen, die damals alle Kinder hatten, waren nicht auf dem Mist meiner Mutter gewachsen. Das war damals meine Vorstellung von Fashion. Brutal hässlich. Ich wurde in der Schule auch manchmal für meine Klamotten gehänselt. War mir egal. Ich fand das schön, und das war die Hauptsache. Die gemusterten Strickpullunder von Klein-Oma dagegen fand ich nicht schön. Deshalb graute mir vor jedem neuen Besuch, der möglicherweise auch ein neues Kleidungsstück aus ihrer Handarbeitsstube mit sich bringen würde. Ich wünschte, solche Kleinigkeiten wären weiterhin die größte Sorge meiner Kindheit geblieben. Jedoch: Ohne dass ich es ahnte, lief unsere unbeschwerte Zeit allmählich ab.

Es begann damit, dass meine Mutter wieder schwanger wurde. Eigentlich wollte sie keine Kinder mehr haben, aber Bodo war ihr so lange mit seinem Wunsch nach einem gemeinsamen Baby hinterhergerannt, dass sie sich wieder mal erweichen ließ. Als wir Kinder erfuhren, dass wir ein Geschwisterchen bekommen, war Nina 14 und ich knapp zehn. Unsere Begeisterung hielt sich in Grenzen. Nicht dass wir Angst um unseren Status oder Befürchtungen um zurückgehende Zuwendung gehabt hätten. Wir hatten einfach nur Schiss, dass wir Windeln wechseln und auf das Baby aufpassen müssen. Darauf hatten wir keinen Bock, also hatten wir auch keinen Bock auf das Baby. Das haben wir natürlich nicht in dieser Deutlichkeit geäußert. Zumal meine Mutter sehr bald andere Probleme hatte als unser Bequemlichkeitsdenken.

Meine Mutter war zu diesem Zeitpunkt Mitte 30, also verhältnismäßig alt für eine Geburt. Es war eine Risikoschwangerschaft. Sie nahm extrem zu, und am Ende kamen die Wehen zwei Wochen zu spät. So war das Baby bei der Entbindung bereits 56 Zentimeter groß, was erhebliche Komplikationen mit sich brachte. Erst blieb der Säugling mit den Schultern im Geburtskanal stecken und wäre dadurch fast erstickt, dann gelang es den Ärzten, den Kindstod durch gezielte Schnitte zu verhindern, was wiederum zur Folge hatte, dass meine Mutter fast verblutet wäre. Die Geburt muss ein einziges Massaker gewesen sein. Bodo war mit im Kreißsaal und hat von diesem Erlebnis einen solchen Schock davongetragen, dass er Diabetes bekam. Das wurde erst später festgestellt, aber ist wohl Fakt.

Ich selbst hatte die Nacht zuvor bei meiner Oma übernachtet und fuhr am Tag der Entbindung mit ihr ins Krankenhaus, um meiner Mutter Blumen zu bringen. Wir hatten pinke Chrysanthemen gekauft. Das waren die Lieblingsblumen meiner Oma, deren unverkennbaren Duft ich bis heute mit ihr verbinde. Doch es kam nicht zur Übergabe des Blumenstraußes. Als sich nach ewiger Warterei endlich die Türen zum Kreißsaal öffneten und meine Oma und ich aufsprangen, kamen statt zweier freudestrahlender Eltern zwei lebende Leichen auf uns zu. Mein Stiefvater trottete wie ein Schatten seiner selbst neben einem Bett her, in dem meine Mutter wie leblos an uns vorbeigeschoben wurde. Ihre Haut war so fahl, dass es aussah, als hätte sie keinen Tropfen Blut mehr im Körper. Ich dachte, sie sei tot, und hab sofort angefangen zu heulen. Meine Oma hat mich in den Arm genommen und getröstet. Nachdem sie kurz mit den Ärzten gesprochen hatte, erklärte sie mir, dass alles gut werden würde, Mama und mein kleines Schwesterchen aber erst mal eine Woche im Krankenhaus bleiben und aufgepäppelt werden müssten. Um mich abzulenken, kaufte mir meine Oma auf dem Heimweg eine Puppe. Das war so eine niedliche Babypuppe, die plärrte, wenn man ihr auf den Bauch drückte. Der Plan ging auf. Ich kam sofort auf andere Gedanken und hatte fortan nichts anderes im Sinn, als ununterbrochen den Bauch der Puppe zu drücken und mich über ihre heiseren Schreie zu freuen. Meiner Oma war das synthetische Geplärre vermutlich lieber als die echten Tränen ihrer Enkeltochter. Es sollte trotzdem verheerende Folgen haben.

Als wir am nächsten Morgen erneut ins Krankenhaus fuhren, war die neue Puppe mit dabei. Der Plan war, dass ich meine Mutter, die noch immer sehr schwach war, nur kurz besuche und anschließend mit Bodo nach Hause fahre, während meine Oma noch eine Weile bei ihrer Tochter blieb. Ein guter Plan, wie ich fand. Gab er mir doch nach Tagen, in denen ich meinen Stiefvater kaum gesehen hatte, endlich mal wieder die Gelegenheit, mit ihm alleine zu sein.

Im Bus vom Krankenhaus in die Schierker Straße präsentierte ich ihm stolz meine neue Puppe. Bodo war mürrisch und gereizt und beachtete sie kaum. Darum begann ich, pausenlos auf den Bauch zu drücken, so dass ein Plärren das nächste jagte. Irgendwann meinte mein Stiefvater, das nerve ihn, und ich solle damit aufhören. In den Worten lag etwas Schneidendes, Bedrohliches. Ich hatte diesen Unterton in seiner Stimme bisher nie wahrgenommen und deutete ihn völlig fehl. Ich dachte, er macht wieder einen seiner Witze. Also hab ich ihn angegrinst und die Puppe umso penetranter bearbeitet. Wie Kinder halt so sind. Ich war ja noch nicht mal zehn Jahre alt.

Doch mein Übermut dauerte nicht lange. Plötzlich sah Bodo mich mit einem Blick an, der mir das Blut in den Adern gefrieren ließ, und zischte: »Na warte, du wirst schon sehen, was du davon hast.«

Schlagartig wurde mir klar, dass das kein Spaß mehr war. Genauso wenig wie seine folgenden Worte: »Dafür kriegste zu Hause den Arsch voll.«

Jetzt war es nicht mehr die Puppe, die heulte, sondern ich selbst. Eine unbeschreibliche Angst kroch in mir hoch. Ich hatte bis zu diesem Tag nie Schläge bekommen. Weder von meiner Mutter noch von meinem Stiefvater. Ich wusste also gar nicht, was genau das bedeutete: »den Arsch voll kriegen«. Aber Bodos Tonfall klang so furchteinflößend, dass ich ihn für den Rest des Heimwegs anflehte, mich zu verschonen. Er reagierte jetzt überhaupt nicht mehr auf mein Gezeter. Mit versteinerter Miene stieg er aus dem Bus und führte mich wie ein ferngesteuerter Roboter nach Hause. Sein starrer Blick und sein eisernes Schweigen wirkten auf mich bedrohlicher als jeder Wutausbruch. Mit jeder Stufe, die wir im Treppenhaus höher stiegen, wuchs meine Panik. Das Klappern des Wohnungsschlüssels klang wie Peitschenhiebe. Das Krachen der Tür, als sie hinter uns ins Schloss fiel, ähnelte dem Zuklappen eines Sargdeckels. Aber das Schlimmste war die Stille danach. Die Stille, durch die er mich in den Flur zerrte, durch die er mich in mein Zimmer schubste, durch die wir auf mein Hochbett kletterten. Diese verdammte Stille, zu der er mir die Hose runterzog und durch die kurz darauf seine flache Hand auf meinen nackten Hintern niedersauste. Erst einmal, dann noch mal, dann noch mal und noch mal. Ich weiß nicht, wie lange. Erst als an einigen Stellen die Haut aufplatzte und blutige Stellen zum Vorschein kamen, hörte er auf. Danach fand er für kurze Zeit die Sprache wieder. Seine Worte klangen noch immer schneidend und bedrohlich wie auf der Busfahrt, als er sagte: »Wehe, du erzählst hiervon irgendwem. Dann kriegst du noch mehr Schläge.«

Damit ließ er mich heulend liegen.

28. Dezember – Zwischen den Stationen

Weihnachten hab ich im Krankenhaus verbracht. Ein seltsames Gefühl. Es ist das erste Mal, dass ich an den Feiertagen nicht bei meiner Mutter war. Sie kam natürlich zu Besuch, aber das ist nicht dasselbe. Die Medikamente, die ich gegen die Kopfschmerzen und zum »Einstellen« auf die Gehirn-OP bekomme (sie wurde für Anfang Februar angesetzt), verhindern zum Glück, dass ich sentimental werde. Trotzdem spuken immer wieder Erinnerungen an frühere Weihnachten in meinem Kopf herum. An Riesentannenbäume mit Geschenken drunter. An Würstchen mit Kartoffelsalat. Oder an Zeilen aus Gedichten, die ich als Kind vor der Bescherung aufgesagt habe. Es wärmt von innen heraus, an solche Dinge zu denken. Und auch wenn die Rückkehr in die Krankenhausrealität irgendwie doppelt trostlos ist, kann ich sagen, dass ich heute zwei der besten Geschenke bekommen habe, die man mir in Anbetracht meiner Situation machen kann. Erst wurde ich von der Intensivstation in ein normales Zimmer verlegt, dann kam meine Mutter mit Odin vorbei.

Es war für mich das Größte, meinen geliebten Minibully nach einer Woche Trennung endlich wieder in die Arme zu schließen. Allerdings mache ich mir auch ein bisschen Sorgen. Mir ist eine kahle Stelle an seinem Kopf aufgefallen. Sie ist nur ganz klein, aber sie war vorher definitiv nicht da. Ich muss das im Auge behalten. Dadurch, dass der Hund komplett weiß ist, ist er äußerst empfindlich. Er hat eine Getreideallergie, bekommt Spezialfutter und hat manchmal Hautausschlag. Dass ihm das Fell ausgeht, kann eigentlich nicht sein. Er ist ja erst ein paar Monate alt, fast noch ein Welpe. Sonst schien es ihm aber gutzugehen. Er hat sich total gefreut, mich zu sehen. Fast hatte ich das Gefühl, er spürt, wie ich ihn vermisst habe. Ich weiß nicht, ob es an den Medikamenten liegt oder an meiner Grundeinstellung: Momentan kommt es mir vor, als ob die Trennung von meinem Hund das Schlimmste ist an der ganzen Krankenhausgeschichte. Der Rest kommt schon irgendwie in Ordnung. Ich hab schon krassere Tiefschläge weggesteckt.

Die Feuerwalze

Nach Bodos Prügelattacke konnte ich tagelang nicht richtig sitzen. Als ich danach aufs Klo ging und meinen Hintern im Spiegel ansah, waren noch die Abdrücke seiner Hände zu erkennen. Dort, wo die Fingerumrisse endeten, war teilweise die Haut aufgeplatzt. Dieses Anblicks bedurfte es allerdings gar nicht, um zu merken, dass jegliche Berührung meiner Arschbacken einen rasenden, brennenden Schmerz verursachte. Jeder Versuch, mich hinzusetzen, war zum Scheitern verurteilt. Am Esstisch hing ich nur noch auf der Stuhlkante. Wenn ich es doch schaffte, die Schmerzen niederzukämpfen und mich auf den Hosenboden zu setzen, rutschte ich die ganze Zeit unruhig hin und her. Nina blieb das Gezappel nicht verborgen. Irgendwann fragte sie, was mit mir los sei.

»Nix«, antwortete ich knapp. Bodo hatte ja gedroht, mich noch mal zu verprügeln, wenn ich jemandem von dem Vorfall erzählte. Vielleicht hätte er mir zusätzlich beibringen sollen, wie man glaubwürdig lügt.