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Stellen Sie sich vor, Sie werden entführt und jahrelang missbraucht. Michelle Knight hat dies elf Jahre lang erlebt, und schaffte es dann wieder in die Freiheit zu gelangen. Doch, wie geht man mit dem Hass um, der einen noch lange begleitet. Rachegefühle, die regelmäßig schlimmste Fantasien hervorrufen oder Ängste, die einem nachts den Schlaf rauben? Michelle Knight ist das prominenteste Cleveland-Entführungsopfer und erzählt in ihrem Buch, wie sie sich den Traumata stellte, sie heilte und sich nicht nur ein neues Leben aufbaute, sondern auch eine neue Liebe fand. Ein ermutigendes und versöhnliches Buch!
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Seitenzahl: 304
Veröffentlichungsjahr: 2019
Stellen Sie sich vor, Sie werden entführt und jahrelang missbraucht. Michelle Knight hat dies elf Jahre lang erlebt, und schaffte es dann wieder in die Freiheit zu gelangen. Doch, wie geht man mit dem Hass um, der einen noch lange begleitet. Rachegefühle, die regelmäßig schlimmste Fantasien hervorrufen oder Ängste, die einem nachts den Schlaf rauben? Michelle Knight ist das prominenteste Cleveland-Entführungsopfer und erzählt in ihrem Buch, wie sie sich den Traumata stellte, sie heilte und sich nicht nur ein neues Leben aufbaute, sondern auch eine neue Liebe fand. Ein ermutigendes und versöhnliches Buch!
Michelle Knight ist das erste und seit zwei spektakulären TV-Interviews mit »Dr. Phil« bekannteste Opfer der Cleveland-Entführung. Die Reaktionen auf ihre Interviews waren so außerordentlich, dass auch die deutschen Medien das Thema aufgriffen und namentlich die körperlich kleine und zarte Michelle Knight als »Die Unzerbrechliche« betitelten.
Michelle Knight schrieb 2014 ihre Geschichte auf: Elf Jahre hielt Ariel Castro sie gefangen, zwei weitere junge Frauen kamen über die Jahre hinzu, sie alle wurden über diese enormen Zeiträume physisch und psychisch grausam misshandelt. Was hatte sie nur so stark gemacht, dass sie die unvorstellbaren physischen und psychischen Qualen über elf Jahre lang aushalten konnte und als starke Persönlichkeit in die Welt zurückkehrte? Heute lebt sie unter ihrem neuen Namen Lily Rose Lee mit ihrem Mann und mehreren Haustieren in den USA.
MICHELLE KNIGHT
inzwischen bekannt unter dem NamenLily Rose Lee
Leben nach der Dunkelheit
Wie ich nach der Cleveland-Entführungmein Glück fand
Aus dem Englischen von Isabell Lorenz
BASTEI ENTERTAINMENT
Deutsche Erstausgabe
Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG
Für die Originalausgabe:
Copyright © 2018 by Lily Rose Lee writing as Michelle Knight
Titel der amerikanischen Originalausgabe: »Life After Darkness«
Originalverlag: Hachette Book Group, Inc.
Für die deutschsprachige Ausgabe:
Copyright © 2019 by Bastei Lübbe AG, Köln
Titelillustration: © Deborah Feingold Photography, New York,
© Jacket design by Amanda Kain; Jacket © 2018 Hachette Book Group, Inc.
Umschlaggestaltung: Tanja Østlyngen
Datenkonvertierung E-Book:
hanseatenSatz-bremen, Bremen
ISBN 978-3-7325-7228-1
www.bastei-entertainment.de
www.lesejury.de
Für Miguel, für alles, was er ist.Und für Joey, wo immer er ist.
Ich bin stolz auf mein Herz und auf die Frau, die ich geworden bin …
Ich heiße Lillian Rose Lee – kurz Lily.
Das ist nicht der Name, den ich bei meiner Geburt erhielt. Es ist der Name, mit dem ich wiedergeboren wurde.
Den Namen Lillian Rose Lee gab ich mir selbst, als ich entschied, dass ich allein die Kontrolle über mein Leben haben sollte, als ich beschloss, dass nie wieder jemand Macht über mich ausüben würde.
Lillian Rose Lee ist die Frau, als die ich mich fühle.
Womöglich kennen Sie mich unter einem anderen Namen: Michelle Knight. Als Michelle Knight wurde ich im Alter von einundzwanzig Jahren von dem brutalen Ariel Castro, der wahrscheinlich geisteskrank war, entführt und gefangen gehalten. Knapp elf Jahre lang, fast viertausend Tage, war ich angekettet, wurde sexuell missbraucht und geschlagen – Tag für Tag, endlose Monate, Jahr um Jahr. Ich hauste im Schmutz in einem Haus ohne Fenster, bekam verdorbenes oder verfaultes Essen, wenn ich denn überhaupt etwas zu essen bekam. Und ich wurde abgeschottet von dem, was in der Welt draußen vor sich ging. Fünfmal war ich schwanger, und fünfmal schlug mich Castro oder ließ mich hungern, bis ich eine Fehlgeburt erlitt. Er entführte auch noch zwei andere Frauen. Mit einer der beiden war ich fast die ganzen elf Jahre lang zusammengekettet.
Am 6. Mai 2013 wurde ich gerettet. Ich verließ dieses dunkle, schmutzige Horrorhaus, trat ins Licht und fiel auf die Knie. Zum einen, weil ich nach elf Jahren Bewegungsmangel körperlich geschwächt war, zum anderen, weil das Sonnenlicht mich blendete. Vor allem aber sank ich auf die Knie, um Gott dafür zu danken, dass ich überlebt hatte. Ich war am Leben, und ich war frei.
Diese Freiheit fühlte sich an wie eine Explosion. Können Sie sich vorstellen, was das für mich bedeutete? Nach elf Jahren zu wissen, dass ich keine in Ketten gelegte Gefangene mehr war, dass ich nicht mehr um Erlaubnis bitten musste, wenn ich mich bewegen wollte? Dass ich furchtlos aussprechen konnte, was ich dachte, und keine Angst mehr haben musste, geschlagen zu werden? Auf mich allein gestellt, durfte ich nun frei entscheiden, ob ich sitzen oder stehen, bleiben oder gehen, reden oder schweigen wollte. Ich durfte darüber bestimmen, was ich tun und lassen wollte und wie ich lebte. Ich durfte sogar mein eigenes Leben gestalten, ein normales Leben vielleicht, ein Leben, in dem ich so etwas wie Glück finden würde.
Doch hätten Sie mich gefragt, wie ich das anstellen sollte – dem Grauen entfliehen und ein ganz gewöhnliches Leben beginnen –, hätte ich Ihnen darauf keine Antwort geben können. Ja, ich war frei. Frei in dem Sinn, dass ich wusste, es würde mich an diesem Tag niemand vergewaltigen. Oder am nächsten Tag. Oder am übernächsten. Oder überhaupt jemals wieder. Ich wusste, das Grauen war vorüber. Und das zu wissen fühlte sich an, als hätte man mir alle Last der Welt von den Schultern genommen. Doch als ich mir nach all der durchlittenen Dunkelheit ein Leben aufbauen sollte, musste ich ganz von vorn beginnen. Ich hatte keine Ahnung, wie ich dabei vorgehen sollte. Nichts in diesen elf Jahren und, um ehrlich zu sein, wenig in meinem Leben davor hatte mich darauf vorbereitet, mir ein normales, glückliches Leben zu schaffen. Ich hatte nichts außer meinem Mut und meinem Überlebensinstinkt.
***
Fünf Jahre sind seit meiner Rettung vergangen, während ich diese Zeilen niederschreibe. Ich weiß, viele fragen sich, wie ich zurechtgekommen bin und was aus mir geworden ist. Regelmäßig erreichen mich Fragen von Menschen, die mein Buch Die Unzerbrechliche gelesen haben, die mich aus den sozialen Medien kennen oder sich an die Geschichte der »drei Mädchen« aus dem Horrorhaus in Cleveland erinnern. Sie möchten wissen, wie es mir ergangen ist und was ich derzeit mache. Sie erkundigen sich nach meinem Sohn Joey und nach meiner Beziehung zu Gina DeJesus und Amanda Berry, den beiden anderen Frauen, die mit mir gefangen gehalten wurden. Die Leute möchten wissen, ob ich mich mit meiner Familie ausgesöhnt habe. Berechtigte Fragen, aber die Antworten sind kompliziert.
Viele fragen sich auch, ob ich Probleme im Alltag habe, ob meine Wunden haben heilen können und ob ich Beziehungen zu Männern eingehen kann. In gewissem Sinn lautet die Antwort auf all diese Fragen »ja«. Aber die Geschichten hinter dem jeweiligen Ja sind ziemlich vielschichtig.
Mir wurde klar, ich müsste ein weiteres Buch schreiben, um diese und andere Fragen beantworten zu können – das Buch, welches Sie gerade in Ihren Händen halten.
***
Die Welt, die ich betrat, als meine Gefangenschaft endete, hatte sich gut ein Jahrzehnt ohne mich weitergedreht. Es war eine fremde, neue Welt. Und ich hatte kaum etwas, das mir beim Navigieren durch all das Unbekannte helfen konnte.
Zunächst einmal war ich ziemlich krank. Gina, Amanda und ich waren in dasselbe Krankenhaus eingeliefert worden. Einen Tag später schon wurden Gina und Amanda entlassen. Ich musste im Laufe mehrerer Wochen immer wieder ins Krankenhaus.
Gina und Amanda konnten nach ihrer Entlassung aus dem Krankenhaus nach Hause gehen. Ihre Angehörigen begrüßten sie mit Spruchbändern und Willkommensfeiern, mit Umarmungen und unter Tränen. Ich hatte kein Zuhause, in das ich zurückkehren konnte, keine Angehörigen, die mich aufnahmen. Die meisten sehen Familienangehörige als die Menschen an, die einem am nächsten stehen und am liebsten sind, Menschen, die uns hegen und behüten. Sie glauben, ein Zuhause bietet Wärme und Schutz.
Solch eine Familie, solch ein Zuhause hatte ich nie. Nicht einmal annähernd. Das Haus, in dem ich aufwuchs, war zu keiner Zeit eine Zuflucht. Es war der Ort, an dem mir zum ersten Mal etwas angetan wurde. Meine »Familie« war eine Ansammlung von Leuten, die kamen und gingen, die sich um nichts kümmerten und die ohne Liebe waren. Aber an eine Erwachsene erinnere ich mich, die Mutter einer Mitschülerin, die freundlich und warmherzig zu mir war. Sie hieß Rose. Und Rose nenne ich mich in dem neuen Leben, das ich mir schaffe, nun auch.
Der einzige Angehörige, nach dem ich mich verzweifelt sehnte, war mein Sohn Joey. Er war dreizehn an dem Tag, an dem ich Castros Haus verließ. Aber schon bevor Castro mich entführte, hatte man mir den Jungen weggenommen. Tatsächlich war ich am Tag meiner Entführung auf dem Weg zu einer Anhörung, bei der ich das Sorgerecht für meinen Sohn beantragen wollte.
Unter Freiheit hatte ich mir immer vorgestellt, Joey endlich zu finden und wieder mit ihm vereint zu sein. Dann wäre ich wirklich zu Hause. Damals und auch noch Wochen später ahnte ich nicht, dass Joey schon Jahre zuvor von einer liebevollen Familie adoptiert worden war. Ich durfte nicht wissen, wo er lebte, und erfuhr auch nichts über seine neue Familie.
Ich war also ziemlich auf mich allein gestellt, als ich nach meiner Rettung im MetroHealth Medical Center in meinem Krankenhausbett lag. Auf mich allein gestellt und weitgehend mir selbst überlassen. Ja, unsere Rettung löste sogleich ein überwältigendes Echo in der Öffentlichkeit aus. In meinem Krankenzimmer häuften sich bald Geschenke und Blumen von völlig Fremden. Und auf dem neu eingerichteten Cleveland Courage Fund gingen so viele Spenden für Gina, Amanda und mich ein, dass Treuhandfonds geschaffen wurden, die uns immer noch finanzielle Unterstützung gewähren. Ich werde all diesen Menschen stets dankbar sein. Ihre von Herzen kommende Hilfe trug entscheidend dazu bei, dass wir wieder auf die Beine kamen. Zum ersten Mal spürte ich, dass sich Menschen, die mich nicht einmal kannten, sehr wohl um mich kümmerten.
Diese Erkenntnis wärmte und stärkte mich, aber anderes war weniger schön. Ich war zweiunddreißig, und die Jahre in den Zwanzigern – vielleicht die stabilsten Jahre in einem Menschenleben – hatte ich an Castro und die Gefangenschaft verloren. Mein Körper war gebrochen. Mein Herz war entzweigerissen. Mein Verstand war bis an seine Grenzen gefordert worden. Ich war geschwächt und erschöpft. Und ich war allein. Ein weiter Weg lag vor mir – und eine lange Phase der Genesung, wenn ich mir nach der Dunkelheit ein neues Leben aufbauen wollte.
Genesung geschieht nicht über Nacht. Es ist ein Prozess, der seine Zeit braucht und in verschiedenen Stadien abläuft. Ich musste zum Teil sehr tiefe Wunden pflegen, die weit in meine Kindheit zurückreichten. Ich musste Verletzungen von Jahren des Leids behandeln, wenngleich ich die Narben nicht verschwinden lassen konnte. Ich musste den Schmerz stillen. Und in manchen Fällen, wie dem Verlust meines Sohnes, musste ich lernen, mit dem Schmerz zu leben.
Auf diesem Weg habe ich einige Fehler begangen. Ich habe Menschen vertraut, denen ich nicht hätte vertrauen dürfen. Ich habe Dinge getan, die ich nicht ungeschehen machen konnte, habe Entscheidungen getroffen, die ich am liebsten rückgängig machen würde. Aber das kann ich nicht.
Doch der Überlebensinstinkt lehrt einen, wie man Schwächen in Stärken verwandelt. Ich habe mich aufgerappelt und bin weitergegangen. Dabei bekam ich Hilfe: juristische Hilfe, finanzielle Hilfe. Und ein ganzes Team unterstützte mich beim Schreiben meines Buches Die Unzerbrechliche und brachte mir Grundlegendes über Lesereisen, öffentliche Auftritte und die sich anschließende Bekanntheit bei.
Und da waren die Menschen mit den guten Wünschen. Die Menschen, die nach Vorträgen über Missbrauch, häusliche Gewalt oder vermisste Kinder auf mich zukamen und sich bei mir bedankten. Die Menschen, die mich auf der Straße anhielten und mich umarmten. Die Menschen, die mir sagten, ich hätte sie inspiriert. Die Menschen, die mir bis zum heutigen Tag die Hand schütteln und hoffen, dass ich mit meinem Sohn wiedervereint werde. Jeder gute Wunsch, jeder warmherzige Gedanke bedeuten mir immens viel.
***
Auch etwas anderes bedeutete mir sehr viel und trug zu meiner Stärkung und meiner Genesung bei: die wachsende Macht missbrauchter Opfer, die an die Öffentlichkeit gehen und deutliche Worte gebrauchen. Vor allem Frauen haben in den vergangenen Monaten ihre Stimme gefunden und jede Form von Belästigung, Übergriffen und Machtmissbrauch zur Sprache gebracht. Wohin man auch blickt, in die Unterhaltungsbranche, die Wirtschaft, die Regierung, die Politik, begegnet man Frauen und Mädchen, die all die mächtigen Männer beim Namen nennen, die sie klein gemacht, ihrer Karriere geschadet, vergiftete Arbeitsbedingungen geschaffen, ihr Vertrauen missbraucht, ihre Körper entehrt haben.
Ich heiße all diese Frauen und Mädchen zu jenem Kampf willkommen, den auch ich seit meiner Rettung vor fünf Jahren führe. Ich bin überzeugt, dieser anschwellende Chor aus Stimmen von Überlebenden hat das bewirkt, was ich als den Beginn einer tiefgreifenden Veränderung in der Wahrnehmung und Einstellung im ganzen Land und in der Welt sehe. Jetzt ist die Katze aus dem Sack. Jetzt kann keiner mehr sagen, er habe nichts von dem gewusst, was geschehen ist. Je mehr Frauen und Mädchen ihre Geschichte erzählen, desto mehr Frauen und Mädchen, die Opfer von Missbrauch wurden, werden davon hören. Je mehr sie hören, desto eher werden sie den Mut finden, für sich selbst das Wort zu ergreifen.
Wie Sie auf den folgenden Seiten lesen werden, habe ich es zu meiner Lebensaufgabe gemacht, für diejenigen Opfer von Missbrauch zu sprechen, die es selbst noch nicht können. Heute trete ich engagiert für diejenigen ein, die den gleichen körperlichen, sexuellen und seelischen Missbrauch erlitten haben oder derzeit erleiden wie ich. Ich bin entkommen und habe mir nach der Dunkelheit ein Leben geschaffen. Und so betrachte ich es als einen Segen, für Überlebende eintreten und ihnen Hoffnung geben zu können. Und das werde ich tun, solange es mir möglich ist.
***
Was wirklich meine Genesung gefördert und das Leben gekrönt hat, das ich mir nach der Dunkelheit geschaffen habe, ist die Liebe. Und deshalb ist dieses zweite Buch vor allem eine Liebesgeschichte. Nicht nur, weil es zeigt, wie ich meinen »Schatz«, die Liebe meines Lebens, meinen Seelengefährten, fand. Das hätte ich nach meiner Rettung nicht einmal in den schönsten Träumen für möglich gehalten. Aber es ist passiert, und es ist das größte Glück meines Lebens.
Dieses Buch ist aber auch deshalb eine Liebesgeschichte, weil es zeigt, wie die Liebe Leiden und Schmerz heilen, uns verwandeln und stark machen kann. Ich meine die Liebe, die Rose, die Mutter einer Mitschülerin, mir entgegenbrachte – ein Funken Licht in einer düsteren und ansonsten lieblosen Kindheit. Und diese Liebe machte mich stark.
Ich meine auch die Liebe zu meinem Sohn, die mich in den elf brutalen Jahren am Leben hielt. Die Liebe der echten Freunde, die ich schließlich fand und die jetzt solch ein Segen in meinem Leben sind, mein sicherer Kreis. Nichts ist besser als das Wissen, dass man um seinetwillen geliebt wird.
Vor allem aber meine ich die Liebe, für die ich mich habe öffnen können und die all die Liebe, die ich geben will, vervielfacht – die Liebe zu meinem Sohn, den ich eines Tages hoffentlich wiederfinde, zu meinen Freunden, zu meinem Ehemann und zu diesem anderen Menschen, der Liebe braucht: ich selbst. Die Liebe ist es, die mein Leben nach der Dunkelheit erhellt.
Ich bin dankbar für jeden Morgen und für jeden Abend, an dem ich die Sonne auf- und wieder untergehen sehe …
Wer elf Jahre in der Hölle verbracht hat, hält nie wieder etwas für selbstverständlich. Nicht das kleinste bisschen – ganz gleich, wie unbedeutend es auch sein mag.
Wenn ich in einem sauberen, warmen Bett in einem sicheren Zuhause aufwache, fühle ich mich wie im Himmel. Ich kann duschen, mir die Haare kämmen, die Zähne putzen, kann mir Zeit lassen, um die richtige Menge Sahne und Zucker für den Kaffee zu wählen, damit er genau so schmeckt, wie ich ihn mag – das ist das Paradies. Jeden Tag danke ich Gott für diese Segnungen. Ich genieße jede einzelne für sich.
Inzwischen beginne ich fast jeden Morgen den Tag mit Kaffeetrinken hinterm Haus, entweder auf der Terrasse, wo ich es mir im Schaukelstuhl bequem mache, oder im Garten. Ich nehme jedes Detail in mich auf, das ich um mich herum sehe, höre und spüre. Ich will mich versenken im Anblick und in dem Geräusch von allem, will die Freiheit spüren, noch das kleinste Vergnügen so intensiv wie möglich auskosten.
Ich nehme die Hunde mit raus und sehe zu, wie sie Fangen spielen: alle vier, die drei Mischlinge Rascal, Cupid und Faith, und Peanut, der reinrassige Pitbull. Sie sind niedliche, gutmütige Geschöpfe. Sie können sich aber auch ziemlich dämlich anstellen, wenn sie herumtollen, den Ball fangen und wieder fallen lassen. Das ist ihr Lieblingsspiel. Und wenn ich sie spielen sehe, durchzuckt mich Freude vom Kopf bis zu den Zehenspitzen.
Während sie herumrennen und spielen, sehe ich die Sonne aufgehen und horche auf die Vögel, die an mir vorbeifliegen oder in den Bäumen sitzen und zwitschern. Ich horche auf die Geräusche von lachenden Kindern auf der anderen Seite des Zauns und höre das Laub, das in dem leichten Wind raschelt. Womöglich sehe ich einen Hasen oder ein Reh, und ich spüre den Wind in den Haaren. All diese Empfindungen sauge ich mit meiner Haut in mich auf und genieße den Frieden solcher Augenblicke. Keiner weiß besser als ich, dass alles von einer Sekunde auf die andere verschwinden kann.
Ist es warm genug, sitze ich auf einem der Stühle, die wir um das herum arrangiert haben, was ich für das Herzstück unseres Gartens halte – einen selbst angelegten Teich voller Fische, mit einer kleinen Fontäne. Ganz oben thront die Statue eines Schutzengels mit einem kleinen Jungen. Sie soll mich daran erinnern, dass an meiner Stelle ein Engel über meinen Sohn Joey wacht, ganz egal, wo er sich auch befindet. Um den Teich herum stehen fünf weitere Engel. Sie stellen die Babys dar, die ich verloren habe. Diese Engel wachen über den Teich, die Fische und hoffentlich die Hunde und alle anderen Lebewesen, uns eingeschlossen.
Einer der Steine am Teich trägt die Inschrift »Willkommen«, und überall stehen Töpfe mit meinen Lieblingsblumen: Lilien, nach denen ich mich selbst benannt habe, dazu Wannen voller Rosen und Nelken. Meist findet man auf den Steinen auch irgendwelche Spielsachen von den Hunden. Um all das herum haben wir Sträucher gepflanzt, und jenseits der Sträucher haben wir einen Ring aus Bäumen setzen lassen, als Ergänzung zu den alten, richtig großen Bäumen, die schon dort wuchsen.
Einfach so dazusitzen, in den Händen eine Tasse Kaffee, aromatisiert, wie ich es gern mag, klingt für die meisten Leute wahrscheinlich wie eine ganz normale Freizeitbeschäftigung. Aber für mich stellt das immer noch etwas völlig Außergewöhnliches dar. Dieser Moment der Ruhe ist für mich ein Gottesgeschenk. Hier kann ich ewig sitzen und dankbar sein für den Frieden. Ich weiß, ich kann schreiben und zeichnen, wann ich will und was ich will. Ich weiß, es gibt einen Laden, in dem ich kaufen kann, was immer ich brauche. Und ich kann zusehen, wie die Pflanzen, die ich selbst in die Erde gesetzt habe, Wurzeln schlagen und wachsen. Und jede ist einzigartig in Farbe und Form, wie auch jeder Mensch einzigartig ist.
Sogar in unseren kalten Cleveland-Wintern, wenn die Wettervorhersage vor arktischer Luft aus Kanada und vom Eriesee her warnt und es so frostig wird, wie man es sich kaum vorstellen kann, verbringe ich den Morgen möglichst draußen im Garten hinterm Haus. Ich nehme eine Heizdecke und wickle mich darin ein, sobald es so richtig eisig wird.
Und wenn es endgültig zu kalt ist, um draußen zu sitzen, kuschele ich mich drinnen vors Fenster und horche und schaue einfach nur. Für mich ist es wie ein erhörtes Gebet, dass ich aus brutaler Gefangenschaft gerettet wurde, dass ich lebendig und frei bin und dass ich genauso lebendig und frei am nächsten Morgen wieder aufwachen werde. Und diese Sicherheit weiß ich jeden Tag zu schätzen und beziehe meine Kraft daraus.
***
Die Gefangenschaft begann im Jahr 2002. Damals war ich Michelle Knight, einundzwanzig Jahre alt, alleinerziehende Mutter aus Cleveland, Ohio. Ich bemühte ich mich gerade darum, das Sorgerecht für meinen Sohn Joey wiederzuerlangen. Ich hatte es verloren, als ich Joey bei meiner Mutter ließ, um auf Jobsuche zu gehen. Der Freund meiner Mutter schlug auf meinen zweijährigen Jungen ein und brach ihm das Knie. Natürlich verständigte das Krankenhaus das Jugendamt. Das Jugendamt zog Erkundigungen ein. Joey wurde in Pflege gegeben, was bedeutete, sie schickten ihn von einer Pflegefamilie in die andere.
Es war August, und Ende des Monats sollte es eine Anhörung bei Gericht geben. Bei dem Termin wollte ich versuchen, Joey zurückzubekommen. Ich war auf dem Weg zu Joeys derzeitiger Pflegefamilie. Ich wollte ihn besuchen und mich mit den Leuten vom Jugendamt treffen, und ich verlief mich.
Die Adresse der Pflegeeltern führte mich in einen Stadtteil Clevelands, den ich kaum kannte. Es war heiß, und ich würde zu spät kommen, was ich unbedingt vermeiden musste, wenn ich meinen Sohn zurückhaben wollte. Ganz in der Nähe sah ich einen Laden der Family-Dollar-Kette, ging hinein, zeigte ein paar Verkäufern die Adresse und bat um Hilfe. Keiner wusste, wo die Straße sein sollte.
»Ich weiß, wo die ist«, hörte ich eine männliche Stimme. Ich drehte mich um und sah Ariel Castro, den Vater eines Mädchens, mit dem ich zur Schule gegangen war. Ich sagte Hallo zu ihm und rief ihm ins Gedächtnis, woher wir uns kannten. Castro bot an, mich zu dem Haus zu fahren, in dem Joey lebte. Stattdessen fuhr er mich zu seinem eigenen Haus. Es war umgeben von einem verriegelten Zaun und hatte dunkle Fenster, von denen manche so aussahen, als wären sie mit schwarzer Plastikfolie verklebt. Er müsse etwas holen, sagte er und schloss die Hintertür auf. Übrigens habe er ein paar Welpen, die ich mir vielleicht ansehen wolle. Vielleicht könnte er mir ja einen für meinen Sohn geben. Also, wieso käme ich nicht einfach mit herein. Das Ganze würde ja nur eine Minute dauern.
Es war der 23. August 2002. Bis zum 6. Mai 2013 war ich in dem Haus gefangen.
Elf Jahre lang, Monat für Monat, war ich gefesselt an dieses schmutzige Horrorhaus. Meistens war ich angekettet und konnte mich kaum bewegen. Jeden Tag schlug mich Castro und missbrauchte mich. 2003 entführte er Amanda Berry. 2004 entführte er Gina DeJesus. Nach Amanda und Gina suchte die Polizei. Ihre Familien sorgten sich um sie, vermissten sie und vergossen Tränen ihretwegen. Meine Angehörigen dachten, ich sei fortgelaufen oder hätte einfach die Stadt verlassen. Oder vielleicht dachten sie auch gar nichts und stellten einfach nur fest, dass ich nicht mehr da war. Jedenfalls suchte nach mir keiner.
Natürlich entstand zwischen Amanda, Gina und mir eine Beziehung. Alle drei waren wir Schachfiguren in Castros entsetzlichem Spiel, Schwestern im Leid in dem kleinen Königreich, über das er herrschte, dem wahnsinnigen Königreich aus Schmerz und Demütigung. Aber wir alle wussten, dass er mich am meisten quälte. Ich hatte den Großteil seiner Prügel zu ertragen. So schlug er mir eine Hantel gegen den Kiefer und an die Schläfe. Und als ich schwanger wurde – fünf Mal –, schlug er mich, ließ mich hungern und schleuderte mich einmal sogar die Treppe hinunter, bis ich eine Fehlgeburt erlitt. Als ich dreißig wurde, hatte ich sechs Babys verloren: meinen Joey und die fünf Föten, die Castro mir durch Folter abtrieb.
Als Amanda schwanger wurde, führte Castro bei ihr keine Fehlgeburt herbei. Und als bei ihr die Wehen einsetzten, ließ er mich die Hebamme spielen, denn ich war die Einzige, die etwas über die Vorgänge bei einer Geburt wusste. Die Niederkunft war schmerzhaft und heftig, brachte aber ein wunderhübsches Kind in unser Leben. Die Kleine war eine winzige Beteuerung von Leben in all dem Schmutz und Elend. Und sie erinnerte uns daran, dass es auf der Welt tatsächlich so etwas wie Freude geben konnte. Diese Erkenntnis hatten wir verzweifelt nötig.
Oft, sehr oft in diesen elf Jahren hatte ich Angst, ich würde sterben. Und ebenso oft war ich derart verzweifelt, dass ich fürchtete, ich würde nicht sterben. Was mich am Leben hielt, war meine Liebe zu meinem Sohn. Ich dachte an ihn, stellte mir vor, wie er aufwuchs, redete im Traum mit ihm, schrieb in Gedanken Gedichte für ihn und über ihn, und später schrieb ich die Zeilen auf Papierschnipseln auf, die Castro mir überließ. Am Ende konnte ich alles ertragen, solange ich nur die Hoffnung hatte, dass es meinem Sohn gut ging, dass sich irgendwo irgendwer um ihn kümmerte und ich ihn eines Tages wiedersehen würde.
Am 6. Mai 2013 wurden Gina, Amanda, Amandas inzwischen sechsjährige Tochter und ich befreit. Amanda riskierte viel und machte so unsere Flucht möglich. Sie entdeckte, dass Castro beim Verlassen des Hauses vergessen hatte, die Windfangtür zu schließen. Die Außentür war mit einer Kette verriegelt, aber sie ließ sich einen Spalt öffnen, gerade groß genug, dass sie einen Arm hindurchstecken konnte. Sie winkte, schrie um Hilfe und machte die Nachbarn auf der anderen Straßenseite auf sich aufmerksam. Zwei Männer kamen herbei und traten den unteren Teil der Haustür ein. Amanda kroch nach draußen und zog ihre Tochter mit sich. Jemand wählte den Notruf, und ein Streifenwagen hielt vor Castros Haus, in dem Gina und ich immer noch eingesperrt waren.
Wir befanden uns in unserem Zimmer im Obergeschoss und hatten keine Ahnung, dass der Lärm, den wir mit einem Mal unten hörten, von den Polizisten stammte. Wir wussten nicht, dass Amanda nicht länger im Haus war. Und ganz bestimmt wussten wir nicht, dass sie um Hilfe gerufen hatte. Der Stadtteil war eher übel, Drogenkriminalität überall. Als wir also die plötzliche, unerklärliche Betriebsamkeit im Erdgeschoss hörten und jemand »Polizei« rief, hatten wir keine Veranlassung, das zu glauben.
Ich war so verängstigt, dass ich ins Zimmer nebenan lief und mich hinter einer Kommode versteckte. »Ist da jemand?«, hörte ich eine Männerstimme von der Tür her. Dann ging die Tür auf. Der Mann und eine Frau kamen herein. Blaue Uniformen, Waffen an der Hüfte, silberne Abzeichen.
Ich weiß nicht – und ich glaube, ich werde mich auch nie mehr daran erinnern –, ob ich in dem Moment aufschrie oder überhaupt ein Geräusch von mir gab. Aber mein Körper stieß nach vorn wie eine Rakete, auf die arme Polizistin zu. Ich schlang ihr die Arme um den Hals. »Bitte lassen Sie mich nicht los«, bettelte ich und klammerte mich an sie, als ginge es um mein Leben.
Und um mein Leben ging es ja auch. Elf düstere, einsame Jahre voller Elend und körperlicher wie auch seelischer Schmerzen und ohne einen Funken dessen, was ein Leben lebenswert macht, gingen gerade zu Ende. Im Bruchteil einer Sekunde schien so etwas wie Glück wieder möglich.
Als ich die Polizistin endlich losließ und mich auf den Weg nach unten machte, sah ich einen weiteren Polizisten. Er machte die Vordertür auf. Ich ging durch die Tür und auf die Treppe der Veranda. Auf dieser Veranda war ich nie gewesen. Ich hatte sie kurz gesehen, als Ariel Castro vor dem Haus vorfuhr, »um rasch etwas zu holen« und mich dann zu meinem Sohn zu fahren. Zu dem Termin hatte ich es nicht geschafft, hatte meinen Sohn in den elf Jahren kein einziges Mal gesehen, und die ganze Zeit durchlebte ich die Hölle. Kein Wunder, dass ich auf die Knie fiel, kaum dass ich den Fuß auf die Veranda setzte. Ich dankte Gott für meine Errettung, dann kletterte ich durch die hintere offene Tür des Krankenwagens vor dem Haus.
Dort warteten schon Amanda und ihre Tochter. »Alles okay, Juju?«, fragte mich Amandas Tochter und nannte mich bei dem Spitznamen, den sie mir gegeben hatte. Es war eine so einfache, unschuldige Frage. Ich nickte, um zu zeigen, dass alles mit mir in Ordnung war. Dann fing ich an zu weinen.
Amanda packte meine Hand. »Wir sind frei!«, rief sie. »Jetzt sind wir frei! Wir dürfen nach Hause!« Dann kletterte Gina in den Krankenwagen, und wir drei lagen uns in den Armen und weinten.
Einer der Sanitäter maß Fieber bei mir, dann wickelte er mich in eine Decke und fragte nach meinem Namen. »Michelle Knight«, antwortete ich.
»Ich setze Ihnen jetzt eine Sauerstoffmaske auf, Michelle.« Mit Zeichen gab er mir zu verstehen, dass ich mich hinlegen sollte, dann drückte er mir eine Maske aufs Gesicht. Aber mein Gesicht war so geschwollen und so voller Blutergüsse, mein ganzer Kiefer war ein einziger blauer Fleck, dass mir die Maske tatsächlich wehtat. Ich atmete ein, und sofort war mir total schwindlig. Dann spürte ich eine Injektionsnadel im Arm – es war Epinephrin –, und ich ließ mich einfach fallen. Was ich an Brutalität vom vergangenen Vormittag immer noch in mir trug, strömte so schnell aus mir heraus, wie das Epinephrin in meine Adern schoss. Zum ersten Mal innerhalb von elf Jahren kümmerte sich ein freundlicher, fürsorglicher Mensch um mich. Der Albtraum war vorbei.
Man weiß nie, wie stark man ist, bis man keine andere Wahl hat, als stark zu sein – und aufgeben nicht infrage kommt …
Unsere Rettung schaffte es in die Nachrichten im ganzen Land und auf der ganzen Welt. Die menschliche Faszination gegenüber dem Grauen ist so stark wie das menschliche Bedürfnis nach einem sogenannten Happy End. Ich nehme an, das befeuerte die ganze Medienberichterstattung.
Am Abend unserer Befreiung waren wir definitiv die größte Story im Mittleren Westen, so wie wir am nächsten Morgen die auffälligste Schlagzeile in allen Zeitungen waren. Von der Berichterstattung bekam ich damals kaum etwas mit – ich war zu weggetreten. Aber noch lange, sehr lange war unsere Rettung ein Thema in den Medien, denn es folgten weitere Berichterstattungen nach sechs Monaten und dann noch einmal am ersten Jahrestag unserer Rettung. Und das ging noch mehrere Jahre so weiter.
Wir sind nicht die einzigen Überlebenden von Entführungen und Gefangenschaft, deren Leben auf diese Weise aufgearbeitet wird. Oft sieht man Sendungen darüber, wie es Menschen ergangen ist, die Ähnliches erlitten haben wie wir. Es wird berichtet, wie es uns geht und wie wir mit unserem Leben zurechtkommen, wenn überhaupt. Und wenn eine ähnliche Entführung bekannt wird, kann man sicher sein, dass unsere und ähnliche frühere Geschichten als Hintergrundinformation wieder hervorgeholt werden.
Aber wenn man sich die Fernsehberichte von jenem Abend – dem 6. Mai 2013 – aus unserer Region auf YouTube ansieht, werden das Entsetzen und die freudige Erregung des Tages wieder lebendig. Es fühlt sich an, als hätte ganz Cleveland die Fernsehnachrichten gesehen. Die Berichterstatter waren alle außer sich. Das Entsetzliche, das uns dreien passiert war, schockierte jeden von ihnen. Triumphierend berichteten sie über die Rettung. Und endlos spielten sie Amandas Notruf ab, der bei der Polizei einging. Der Polizist am anderen Ende der Leitung schien verwirrt und verstand nicht ganz, was Amanda sagen wollte.
Das herzerwärmende Happy End, das alle sehen wollten, versöhnte die Leute mit der Geschichte. Das ging deutlich aus den Berichten der Fernsehleute hervor, die am Eingang der Notfallambulanz des MetroHealth Medical Center postiert waren, des großen Krankenhauses, in welches der Krankenwagen uns gebracht hatte. In den Stimmen der Reporter hörten wir die Erleichterung und die Begeisterung. Sie erzählten, wie die »drei Mädchen« mit ihren Familien wiedervereint wurden, mit Familien, die nie die Hoffnung aufgegeben hatten, die jährlich für ihre vermissten Töchter, Schwestern, Nichten, Cousinen bei Kerzenschein Nachtwache hielten. Familien, die ihre geliebten Kinder, die errettet und zu ihnen zurückgebracht wurden, mit »zärtlicher Aufmerksamkeit« überschütteten.
Meine Familie allerdings nicht. Schließlich hatten sie mich auch nicht mit zärtlicher Aufmerksamkeit überschüttet, als ich klein gewesen war und bei ihnen zu Hause gelebt hatte. Und es gab für sie keinen Grund, damit jetzt anzufangen. Soweit ich wusste, hatte meine Familie kaum bemerkt, dass ich weg war. Im Wartezimmer des Krankenhauses saßen keine Angehörigen von mir, jedenfalls nicht an jenem Abend.
Allerdings hätte ich es auch gar nicht mitbekommen, wäre jemand von meiner Familie da gewesen. Wie gesagt, ich war ziemlich weggetreten. Bis heute weiß ich nicht, was man mir intravenös verabreichte. »Hochwirksame Antibiotika« war alles, was ich mitbekam. Später erfuhr ich, dass ich bei meiner Ankunft im Krankenhaus achtunddreißig Kilo wog. Elf Jahre Gefangenschaft, angekettet, Folter, Prügel und Schmutz hatten ganze Arbeit geleistet. Ich war sehr, sehr schwach und sehr, sehr krank.
Wer schon einmal im Krankenhaus war, weiß, dass ständig irgendwo ein Licht an ist. Es ist nachts also nie ganz dunkel. Und von irgendwoher hört man auch ständig Geräusche. Es ist also nie ganz still. In Fluren und Zimmern herrscht ein unterschwelliges Summen von Aktivität. Das Summen kann einen manchmal einschlafen lassen, einen irgendwie davon befreien, allzu intensiv sehen, zuhören oder denken zu müssen. Alle Sinne sind mehr oder weniger entspannt, ob man nun will oder nicht.
In dieser ersten Nacht außerhalb von Castros Haus war das Summen im Krankenhaus besonders heftig. Irgendwelche Medikamente flossen in mich hinein. Ich weiß nicht genau, was die Ärzte dachten oder taten. Und ich hatte überhaupt keine Ahnung, was als Nächstes mit mir passieren würde. Ich wusste kaum, wie spät es war oder ob wir Tag oder Nacht hatten. Aber durch den ganzen Schleier aus Lichtern, dem Hin und Her klackender Schritte auf dem Flur vor meinem Zimmer, durch die piependen Monitorgeräusche, durch die verschwommene Wahrnehmung einer Krankenschwester, die mein Handgelenk hielt und meinen Puls maß, war mir vor allem eines klar: Ich war frei. Dass ich gerettet war, nahm ich genauso bewusst wahr wie meinen eigenen Körper. Ich spürte, dass Castro jetzt für seine unaussprechlichen Verbrechen zahlen würde. Und wenn ich hätte schreien können, hätte ich es getan – und der ganzen Welt zugerufen, dass ich die Dunkelheit überlebt hatte.
Am Tag darauf erfuhr ich, dass Amanda und Gina aus dem Krankenhaus entlassen und nach Hause gegangen waren. Ich war allein.
Es fühlte sich richtig an. Ich hatte die Dunkelheit überlebt. Und da draußen, im Licht, wartete ein Leben auf mich. Es war an mir, gesund und kräftig zu werden, damit ich hinausgehen und mir das Leben schnappen konnte.
Doch wie ich erst viel später erfahren sollte, war ich damals dem Tod näher als dem Leben. Mein Fieber wollte nicht sinken, mein Verdauungstrakt war eine einzige Katastrophe, und ich hatte solch heftige Schmerzen, dass ich beim Aufwachen das Gefühl hatte, jemand würde mit Messern auf mich einstechen.
Die Ärzte dachten tatsächlich, ich könnte sterben. Ich war anderer Meinung. An diesem Tag würde ich nicht sterben, sagte ich mir, und auch am nächsten nicht. Ich dachte, es müsste wohl einen Grund dafür geben, dass ich aus diesem Haus gerettet worden war. Und ich wollte unbedingt am Leben bleiben, um die Aufgabe zu erfüllen, die der Grund dafür sein musste, dass ich überlebt hatte.
Vor allem dachte ich, diese Aufgabe sei mein Sohn Joey. Er war der Grund dafür, dass ich überlebt hatte. Und er war der Grund dafür, dass ich wieder gesund werden musste. Als ich überzeugt war, ich könnte deutlich und sinnvoll sprechen, war das Erste, das ich eine Schwester fragte, ob jemand meinen Sohn finden könnte. »Ich muss meinen Sohn wissen lassen, dass ich am Leben bin«, sagte ich. Die Schwester rief einen Polizisten herein, der vor meinem Zimmer postiert war. Der Beamte wollte Joeys Namen und Geburtsdatum und noch ein paar andere Dinge wissen. Dann sagte er, er würde die Sache einem ermittelnden Beamten übergeben. Daraufhin sank ich zurück in den Halbschlaf.
Die Polizisten waren nicht die Einzigen, die in meinem Zimmer ein und aus gingen. Auch FBI-Agenten waren da. Ariel Castro war verhaftet worden, und das FBI sammelte Material für eine Anklageschrift gegen ihn. Nun hatte ich ein Problem. Die Erfahrungen meiner Kindheit hatten mich gelehrt, dass Reden schlimmer war als Schweigen. Kinder sollte man sehen, aber nicht hören, hieß es ständig bei uns zu Hause. Man hatte mir das so oft gesagt, dass es sich mir fast ins Gehirn gehämmert hatte. Und man hatte es mir nicht nur gesagt, sondern mir auch tatkräftig demonstriert. Immer wenn ich als Kind Hilfe gesucht und mit einer Autoritätsperson gesprochen hatte, war ich auf die eine oder andere Weise bestraft worden. Stunden nach meiner Befreiung aus Castros Hölle hatte ich Angst zu sprechen, aber auch Angst zu schweigen.
Und sprechen sollte ich sehr viel. In den ersten Tagen im Krankenhaus stellte mir ein steter Strom von Polizisten, Beamten und Ärzten Frage um Frage. Oft handelte es sich um die gleiche Frage, nur anders formuliert. Nach einer Weile wollte ich einfach nur noch schreien. Ich war erschöpft und brauchte Ruhe und Frieden, wenn ich irgendetwas wahrnehmen wollte. Die sollten mich einfach nur in Ruhe lassen. Außerdem hatte ich ständig Angst, dass Castro irgendwie freikäme. Und ich wollte so verzweifelt wissen, wo Joey war. Natürlich wollte ich auch wieder gesund werden. Also antwortete ich, so gut ich konnte.
