Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Das Leben des Kommunalpolitikers, Schriftstellers und Sachbuchautors Konrad Maß überspannt die Zeit vom preußischen Königreich bis zur Gründung der DDR. Reich geboren, gut ausgebildet heiratet er eine überaus liebenswerte Frau mit großer Ausstrahlung, mit der er vier Töchter hat. Er tritt eine erfolgreiche Karriere als Kommunalpolitiker an, erzählt in seinen Erinnerungen als Oberbürgermeister von Bad Homburg von den Begegnungen mit dem Kaiser und den Großen der Zeit. Aber das ist nicht das, was er will. Er geht als zweiter Bürgermeister nach Görlitz, wo er mit großem Erfolg sozialpolitisch tätig ist. Dann geht der erste Weltkrieg verloren, er verliert wegen einer Auseinandersetzung über den von ihm angegriffenen "jüdischen Geist" seine Stelle, seine geliebte Frau stirbt. Er heiratet erneut, die neue Frau bringt das Glück nicht zurück, sein ererbtes Vermögen geht in der Inflation verloren. Politisch driftet er weiter nach rechts, wirbt für die NSDAP, aber schon spätestens im Winter 1937/38 erkennt er den Wahnsinn. Nach dem Krieg lebt er frierend und hungernd mit seiner zweiten Frau in Schwerin. Seinen Lebensmut hat er bis zum Schluss nicht verloren. Sein Leben ist zeittypisch - es reicht vom Glanz des Kaiserreiches über die Verluste, auch die familiären Verluste, im ersten Weltkrieg, den Verlust des Vermögens, den vermeintlichen Aufstieg Deutschlands in der NS-Zeit bis zum staatlichen und moralischen Zusammenbruch und der damit verbundenen totalen Verarmung - und sein Leben ist bewegend: Als Schriftsteller haben er und seine begabten Töchter (die Schriftstellerin Dorothea Hollatz und Liselotte Bornkamm, die Frau des bedeutenden Theologen Heinrich Bornkamm) Überlieferungen hinterlassen, die uns die handelnden Personen menschlich sehr nahebringen und berühren. Das Buch wendet sich an historisch Interessierte, speziell an Leser, die an der Zeitgeschichte interessiert sind.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Veröffentlichungsjahr: 2023
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Konrad Maß kam am 16.11.1867 in Anklam als erster Sohn des Amtsgerichtsrates Richard Maß und seiner Frau Marie, geb. Protzen, zur Welt. Die Familie Maß gehörte zu den alteingesessenen Anklamer Familien. Konrad Maß wurde Jurist, Kommunalpolitiker und Schriftsteller. Seine Lebensgeschichte steht beispielhaft für die Generation unserer Großeltern und Urgroßeltern, die zwei Weltkriege und drei totale politische Umbrüche erlebt hat: vom Kaiserreich zur Weimarer Republik 1919, zum Naziregime 1933, dann zur sowjetischen Besatzungszone und zur DDR, in deren Bereich die Familie Maß lebte.
Vorwort
Kindheit und Jugend (1867 – 1887)
Studium (1887 - 1891)
Ehe und erste Ämter (1891 – 1905)
Oberbürgermeister in Homburg vor der Höhe (1905 – 1907)
Lüskow
Bürgermeister in Görlitz, die Vorkriegsjahre (1907 – 1914)
Der große Krieg (1914 – 1918)
Kriegsende und erste Nachkriegszeit (1918 – 1919)
Mathildes Krankheit und Tod (1919/20)
Wanderjahre (1920 – 1933)
Nationalsozialismus und zweiter Weltkrieg (1933 – 1945)
Widerstandskämpfer, Mitläufer oder überzeugte Nationalsozialisten?
Die letzten Jahre (1945 – 1950)
Heimkehr nach Lüskow
Konrad Maß: Ein Leben in Umbrüchen
Epilog
Von Konrad Maß geschriebene Bücher
Literaturverzeichnis
Abbildungsverzeichnis
Danksagung
Personenregister der Familie
Titelblatt: Konrad Maß, Büste von Martin Meyer-Pyritz (1870 - 1942)
Wie nähert man sich einem Großvater, den man nie kennen gelernt hat? Wie nähere ich mich meinem Großvater, dem Kommunalpolitiker und Schriftsteller Konrad Maß? Meine früheste Erinnerung an ihn geht zurück in die Adventszeit des Jahres 1950. Ich kam aus der Schule zurück, und meine Mutter stand weinend in der Küche, einen Brief in der Hand. Ihr Vater war gestorben. Ich hatte ihn nie gesehen, konnte die Trauer meiner Mutter nicht so recht nachempfinden, und trösten konnte ich sie auch nicht.
In späteren Erzählungen über „Könning“, wie Konrad Maß in der Familie genannt wurde, entwickelte sich ein nur recht unvollständiges Bild. Sein Kopf stand als Büste auf einem Bücherregal im Arbeitszimmer meines Vaters. Ich habe sie kaum beachtet. Ab und zu erzählte meine Mutter vom Rittergut Lüskow, dem Sehnsuchtsort ihrer Jugendzeit, jener Zeit, als ihre Mutter Mathilde noch lebte, als die Sommer noch Sommer waren und der Krieg so weit. Meine Mutter war die jüngste von vier Töchtern. In Lüskow trafen sich in den Sommerferien die vier Schwestern mit ihren vielen Vettern und Kusinen, die mit ihren Eltern aus verschiedenen Orten anreisten: mit Konrads Bruder Heinrich, ihren Schwestern Käthe, Else, Suse und Mieze und ihren Familien. Eingeladen wurden sie von Richard Maß, dem Vater Konrads und unangefochtenen Patriarchen der Familie. In dem Gutshaus mit seinem weitläufigen Park war für alle Platz, die Dienstboten sorgten für das Wohl der Gäste. Für die Kinder war Könning der Zauberonkel, der Süßigkeiten aus dem Ärmel zauberte und wieder verschwinden ließ, einem Neffen einen Groschen aus der Nase zog oder einer Nicht eine Mark zusteckte, wenn sie nach Anklam zum Jahrmarkt wollte.
Konrad war, wie meine Mutter erzählte, Oberbürgermeister in Bad Homburg vor der Höhe gewesen. Zu Empfängen beim Kaiser, der im Sommer oft in Bad Homburg weilte, ging Könning im Frack, seine bezaubernde Frau Mathilde im langen Abendkleid und geschmückt mit einer aus goldenen Röschen geschmiedeten Halskette, die Konrad ihr zur Geburt ihrer ersten Tochter geschenkt hatte. Zurück zuhause standen sie dann nebeneinander vor dem Spiegel, schnitten Fratzen und machten sich über ihre Verkleidung lustig. Lange hat es mein Großvater im Glanz der kaiserlichen Sonne nicht ausgehalten – nach nur zwei Jahren ging er als Bürgermeister nach Görlitz. Von seiner politischen Arbeit in Görlitz hat meine Mutter nie erzählt. Davon wusste sie nichts, dazu war sie damals in Görlitz noch zu klein. Aber dass er die Juden nicht leiden konnte, daran erinnerte sie sich.
Seine Frau hat mein Großvater schon in jungen Jahren geheiratet, sie sehr geliebt und allzu früh verloren. Für meine damals elfjährige Mutter war der Verlust „ihrer Mutti“ eine Tragödie, die ihr halbes Leben überschattet hat. Konrad wurde durch die Krankheit und den Tod seiner Frau völlig aus der Bahn geworfen. So kam es, dass er seinen Beruf als Bürgermeister kurz vor ihrem Tod aufgab – das jedenfalls behauptete die Familiensaga. Erst viele Jahre später, bei meinen Recherchen im Görlitzer Ratsarchiv, habe ich erfahren, dass der wahre Grund für sein vorzeitiges Ausscheiden sein verhängnisvoller Kampf „gegen den jüdischen Geist“ war.
Ein gutes Jahr nach dem Tod seiner Frau war die zweite Frau da, Hedwig Rodatz, von der meine Mutter sagte: Die Fremde kam. Sie hatte einen Strohhut auf dem Kopf, einen Vogelbauer in der einen, eine Hundeleine mit dem Hund Hane Nüte in der anderen Hand und vermasselte uns die Jugend. Von den Spannungen zwischen seiner Frau und den Töchtern, der Vernachlässigung der beiden jüngeren Töchter – Konrad scheint davon nichts gemerkt zu haben: seit dem Tod seiner ersten Frau lebte er in seiner eigenen Welt.
Als meine Mutter starb, erbte ich einen Ordner mit Familienpapieren: Lebenserinnerungen von Konrad und seinen Schwestern Käthe und Else, Schilderungen des täglichen Lebens in Lüskow von Tante Dodi und Tante Lotti, den Schwestern meiner Mutter, einige Briefe, zahlreiche Familienfotos und ein paar von meinem Großvater geschriebene Bücher. Die ungewöhnlich reichen Unterlagen halfen mir, einen Lebensweg nachzuvollziehen, der zugleich typisch für seine Zeit und außergewöhnlich in seinem Schicksal war. Langsam entwickelte sich ein komplexeres Bild meines Großvaters.
Konrad war ein idealistischer Patriot, ein deutschtümelnder Träumer mit einem starken Gefühl für soziale Verantwortung und einer irrationalen Ablehnung gegen das, was er unter „dem jüdischen Geist“ verstand. Als der Nationalsozialismus an Boden gewann, unterstellte er, das Hauptziel der neuen Bewegung sei, das Gemeinsame zu suchen, was alle Angehörigen des Deutschen Reiches, ja, alle deutschsprechenden auf dem ganzen Erdball miteinander verbindet und die tiefe Kluft zwischen dem national gesinnten Bürgertum und der international ausgerichteten Arbeiterschaft zu schließen – wie er es in seinem 1916 erschienenen Buch Wofür sie starben gefordert hatte. Auch in seinen antijüdischen Ressentiments fühlte er sich bestätigt – und so wurde er schon früh ein Mitglied der NSDAP.
Im Nachlass meiner Mutter fand sich auch ein Manifest ihres Vaters aus dem Jahr 1938, geschrieben noch vor der Reichspogromnacht. Ausdrücklich ist die Absicht des Manifestes vermerkt: Bestimmt ist es für zukünftige Historiker, damit sie in der Bewertung der nationalsozialistischen Zeit nicht ausschließlich auf die offizielle Propaganda angewiesen sind, sondern auch ein realistisches Bild vom Alltagsleben im Dritten Reich gewinnen können. In diesem Manifest rechnet er schonungslos mit dem Nationalsozialismus ab – die permanente Berieselung mit Nazi-Ideologie hatte sein kritisches Gewissen offensichtlich nicht trüben können. Er schreibt: Nie gab es eine so brutale Auffassung von Amt und Pflicht, nie ein so rücksichtsloses Eingreifen in die intimsten Dinge des Lebens, namentlich des Seelenlebens, wie durch diese Nichtwisser, diese innerlich Unvornehmen, jeder Zartheit entbehrenden Menschen, die, wenn sie mit ihren hohen Stiefeln daherknallen, die Welt zu beherrschen glauben … Das Schlimmste ist der furchtbare Zwang, der Terror, der sich auf allen Lebensgebieten eingebürgert hat. Keiner darf mehr die Wahrheit sagen, wer sie sagt, der „meckert“ und setzt sich unter Umständen schweren Strafen aus. So wird das Volk systematisch zur Lüge erzogen, und man sieht mit Grausen dem furchtbaren Niedergang zu.
Konrad Maß steht beispielhaft für das gebildete Bürgertum seiner Zeit, aufgewachsen überwiegend in begüterten Familien, sorgfältig erzogen und gebildet, mit einem festen Kanon von Anstand und Ehre. Konrads Generation erlebte drei totale politische Umbrüche: vom Kaiserreich zur Weimarer Republik 1919, zum Naziregime 1933, zur sowjetischen Besatzungszone 1945 und zur DDR, in deren Bereich die Maßfamilie lebte. Viele Vermögen gingen verloren in der Großen Inflation 1923. Die Normen von Anstand und Ehre gingen unter im Dritten Reich, die bürgerlichen Vorstellungen von Bildung und ihrer Bedeutung für das Leben verflüchtigten sich mehr und mehr.
Zu diesem Zusammenbruch der äußeren und inneren Ordnung hat Konrad in seinem persönlichen Leben einen weiteren tiefen Bruch erlitten: den nicht zu verschmerzenden Verlust Mathildes, seiner ersten Frau, und die übereilte Flucht in die Ehe mit Hedwig Rodatz, seiner zweiten Frau. Nie hat er darüber gesprochen, und doch wusste es jeder, der ihm nahestand: dass diese Ehe den Verlauf seines späteren Lebens erheblich beeinträchtigt hat – und das ist beschönigend ausgedrückt.
Sein Lebensende war bitter. Sein einziger Trost war, so vertraut er seinem Tagebuch an, dass mit dem Ende des Deutschen Reiches auch die inzwischen von ihm gehasste NSDAP aufgelöst wurde. Seine letzten Jahre verlebten er und Hedwig hungernd und frierend in beengten Wohnverhältnissen: in ihrem eigenen Haus waren sie nur geduldet, der größte Teil war von den russischen Besatzungstruppen beschlagnahmt. Er selbst litt an Arthrose, die ihn fast gelähmt an den Lehnstuhl fesselte. Seine Frau tat, was sie immer getan hatte: sie war leidend und klagte.
Und was tat Konrad: er humpelte auf zwei Krücken durch die Wohnung, versorgte den Haushalt, kochte – Hedwig zuliebe vegetarisch – und saß, achtzig Jahre alt, wann immer es möglich war, an seinem Schreibtisch. Er überarbeitete sein Buch über Pommern und lernte Schwedisch, um die Quellen aus der Zeit der schwedischen Besetzung Pommerns im Original lesen zu können. Das waren dann die Feierstunden seines Lebensabends – so schreibt er an einen seiner Schwiegersöhne.
In Konrad Maßens Biografie eingewoben ist das Schicksal seiner Familie und ihrer vielen Mitglieder, auch beispielhaft für viele Familien. In beiden Weltkriegen leisteten sie einen hohen Blutzoll, die Vermögen gingen verloren, die Träume vom großen Vaterland verflogen.
Und was geschah dann? Man ging an die Arbeit … und im Westen begann das Wirtschaftswunder.
Konrad Maß1 kommt am 16. November 1867 um kurz vor vier Uhr am Nachmittag im Haus seiner Eltern im Neuen Markt 578 in Anklam (Vorpommern) zur Welt. Sein Vater Richard ist Gerichtsassessor, mit seinen 29 Jahren seit vier Jahren verheiratet mit Marie, geborene Protzen. Richard und Marie Maß sind schon die Eltern zweier Töchter, Käthe und Else. Der junge Vater ist noch immer ohne feste Anstellung, nach Abitur, einjährigem Militärdienst in Bonn, dreijährigem Studium in Berlin, Bonn und Breslau, erstem Staatsexamen und vierjährigem unbezahltem Referendariat bei Gerichten und Staatsanwaltschaften in Stettin. Die lange unbezahlte Ausbildungszeit sorgte damals zuverlässig für die strenge Trennung der sozialen Schichten: ein Aufstieg in das gehobene Bürgertum war den meisten schon aus finanziellen Gründen verwehrt.
Abb. 1: Marie, geb. Protzen, und Richard Maß, die Eltern von Konrad
Nach seiner erfolgreich abgelegten zweiten großen Staatsprüfung hofft Richard Maß jetzt auf Übernahme in den Staatsdienst. Als Konrad zur Welt kommt, arbeitet sein Vater aber noch unentgeltlich am Kreisgericht in Anklam. Heirat und den eigenen Hausstand hatte ihm – seinem einzigen Kind – sein Vater, der Sanitätsrat Georg Heinrich Maß ermöglicht, von dem Geld, das seine Frau Henriette, geborene Kolbe, geerbt hatte. Das Vermögen stammte von ihrem Großonkel Ernst Friedrich von Scheven, der im achtzehnten Jahrhundert als Bankier in Hamburg reich geworden und kinderlos verstorben war. Nach zweimaliger Erbteilung war ein zwanzigstel des Vermögens an Henriette Maß und ihren Mann gefallen.
Ein knappes Jahr nach Konrads Geburt ist es endlich so weit: Richard Maß bekommt seine erste bezahlte Stellung als Kreisrichter in Cammin, ein etwa vierzig Kilometer östlich von Swinemünde gelegenes Städtchen mit etwa viertausend Einwohnern, darunter zwei Dutzend Katholiken und einhundertfünfzig Juden. Sein Jahreseinkommen beträgt 3000 Mark, in 24 Dienstjahren steigt das Gehalt eines Richters in acht Stufen auf 6600 Mark. Cammin ist Kreisstadt, Sitz des Landratsamtes und des Landgerichtes, an dem Richard Maß arbeitet.
Die Geburt Konrads war nicht komplikationslos verlaufen, vermutlich war es eine Frühgeburt, seine Mutter hatte in Lebensgefahr geschwebt. Als ersehnter Stammhalter, aber als überaus schwächliches Kind wird er mit großer Fürsorge und unermüdlicher Pfleglichkeit behandelt; jede Ruhestörung oder gar direkte Sonneneinstrahlung wird sorgfältig vermieden. Vermutlich entwickelt er die Englische Krankheit (Rachitis), der Mangel an Vitamin D führt – wie man heute weiß – zu einer Störung des Knochenstoffwechsels, die Knochen bleiben weich und wachsen ungleichmäßig. Später hat ihm die Verkürzung des linken Beins den Kriegsdienst an der Front erspart – zu seinem großen Leidwesen.
Die Zeit in Cammin vergeht nicht ohne Sorgen. Richards Vater Georg Heinrich Maß litt schon als junger Mann an einer Darmkrankheit; sein Krankheitszustand verschlimmert sich zusehends, und am 28. Dezember 1868 stirbt er. Dann kommt der deutsch-französische Krieg. Eine Welle der nationalen Begeisterung zieht durch das Land. Richard Maß zieht als Auditeur (Kriegsgerichtsrat) ins Feld. Seine Frau Marie wohnt während des Krieges mit ihren drei Kindern in dem großen Haus ihrer Schwiegermutter in der Brüderstraße in Anklam.
Sieben der acht Brüder Maries stehen ebenfalls in Frankreich; Maries ältester Bruder Franz Protzen fällt am 6. August 1870 bei Wörth im Elsass. Er hinterlässt seine Ehefrau Hermine, geb. von Schütz, und zwei Kinder: Siegfried ist in Konrads Alter, er wird später Offizier im Rang eines Oberstleutnants; Hildegard ist zwei Jahre jünger, sie wächst gemeinsam mit Konrad und seinen Geschwistern im großen Haushalt in der Brüderstraße auf. Im März 1890 wird sie den späteren Generalleutnant Otto von Homeyer heiraten. Drei weitere der Brüder Maries werden zum Teil schwer verwundet, sechs mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet.
Abb. 2: Franz Valentin Protzen mit seinem Vater Franz Ottomar Protzen, beide Zigarre rauchend und mit einem Weinglas. Der Vater aufrecht und angespannt, der Sohn betont lässig.
Als der Krieg (fast) beendet ist, fährt Marie Maß ihrem Gatten entgegen. Natürlich nicht allein, sie lässt sich von ihrem Kutscher Carl Duncker begleiten. Im April 1871 kehren sie gemeinsam zurück. In Berlin übernachten sie im vornehmen Hotel Scheible in der Markgrafenstraße, in dem Richard Maß später häufig übernachten wird, wenn er aus politischen Gründen in Berlin sein muss. Der Wirt nimmt ihm beim Empfang sofort den Helm und den Säbel ab – mit so etwas zog man damals noch in den Krieg! Als sie in ihr Zimmer treten, liegen Säbel und Helm mit einem Lorbeerkranz umrankt auf dem Tisch, von mehreren Leuchtern bestrahlt. Helden auf dem Weg in die Heimat! Richard Maß geniert sich ein bisschen – er war nie an der Front.
Zu den Sorgen um Mann und Brüder kommen bei Marie Maß die Sorgen um den kleinen Konrad. Wegen seiner Schwächlichkeit lernt er erst sehr spät, als fast Dreijähriger, zu laufen. Auch mit der sprachlichen Entwicklung hapert es; er spricht spät, sein erstes Wort war Puhrtnenee (Portemonnaie); später deutet er dies als frühes Zeichen seines „fiskalischen Genies“: zu Geld hatte er nie ein Verhältnis. Aber den nationalen Überschwang während des deutsch-französischen Krieges hat er erlebt: Als seine 21 Monate ältere Schwester Else beim nachmittäglichen Kaffee von unserem König spricht, verbessert sie Konrad sofort: Tönig sagst Du immer. Unser Tönig ist doch Taiser geworden.
Die Familie ist wieder vollständig und kehrt nach Cammin zurück. Dort stabilisiert sich allmählich Konrads Gesundheit. Seine Mutter geht im Sommer in das benachbarte Seebad Dievenow. Sein Vater arbeitet in Cammin, fährt aber nach der Arbeit pünktlich um halb vier mit dem Dampfer auf die Halbinsel. Einmal sitzt er Zeitung lesend in der Kajüte und wartet, aber der Dampfer legt nicht ab. Endlich steht er auf, um nach dem Grund für die Verzögerung zu forschen. Da tritt ihm der Kapitän entgegen: „Herrgott, Herr Kreisrichter, Sei sünd all dor und wi hemmen all `ne halw Stunn täuwt – ick heff Sei gor nich kamen seihn!2“ Und dann geht es los; auf den Herrn Kreisrichter muss man doch wohl warten!
Eines Tages spielen Else und Konrad „arme Leute“, das heißt, sie liegen unter dem Tisch ihres Kinderzimmers und machen traurige Gesichter: Da kommt Tante Lieschen, Maries zehn Jahre jüngere Schwester, und meldet, der Klapperstorch habe ihnen einen kleinen Bruder Heinrich gebracht. Konrad und Heinrich – es sind zwei sehr verschiedene Brüder. Konrad ist dunkelhaarig, wirkt als Kind ein bisschen mädchenhaft mit seinem verträumten Blick und seinem gelockten Haar. Später ist er kriegsdienstuntauglich, wird Jurist, Kommunalpolitiker, Schriftsteller und bleibt eigentlich sein ganzes Leben ein Träumer. Vom Temperament her ist er ausgeglichen und ausgleichend. Heinrich ist blond, schon in der Jugend ein Draufgänger; er wird begeisterter Soldat, mit einer seltenen Mischung aus überschäumender Lebensfreude – gepaart mit unerschrockenem Leichtsinn – und einer schwermütigen Nachdenklichkeit.
Abb. 3: Konrad Maß und sein Bruder Heinrich
Im Frühjahr 1874 nimmt Richards Schwiegervater Franz Ottomar Protzen im Alter von 72 Jahren wegen seiner angeschlagenen Gesundheit seinen Abschied als Kreisgerichtsdirektor in Anklam.
Abb. 4: Die Anklamer Brüderstraße
Nach dem Tod seines ältesten Sohnes Franz Valentin in der Schlacht bei Wörth hatte sich sein Gesundheitszustand verschlechtert, und auch ein längerer Aufenthalt in Meran hatte seine Gesundheit nicht wieder hergestellt. Es war ihm noch eine tiefe Befriedigung, dass er seinem gefallenen Sohn im elsässischen Morsbronn ein würdiges Denkmal hatte setzen können. Seinen Plan, die Gedichte seines begabten Sohnes herauszugeben, kann er nicht mehr realisieren: Zwei Jahre nach seiner Pensionierung erliegt er seiner Krankheit.
Richard bekommt 1875 eine Stelle als Gerichtsrat am Anklamer Amtsgericht. Die nach Heinrichs Geburt sechsköpfige Familie zieht zu Richards Mutter in eines der beiden miteinander verbundenen Patrizierhäuser in der Brüderstraße in Anklam. Die Praxis des Sanitätsrates Georg Heinrich Maß ist längst aufgegeben; eines der beiden Häuser war praktisch ungenutzt. Von außen fällt das Anwesen nicht sonderlich auf, zur Tür führen einige Treppenstufen, deren Messinggeländer, blank geputzt, rechts und links mit Löwenköpfen verziert sind. Innen sind die zehn Räume patriarchalisch eingerichtet, mit schweren Teppichen, Raffgardinen, gediegenem Mobiliar aus der Biedermeierzeit, Vitrinen, in denen das wertvolle Porzellan ausgestellt wird, kunstvollen Stichen mit Städteansichten und mit einer Galerie großer Ölgemälde, die an die Ahnen erinnern. Zwei baumbestandene, ruhige Höfe bergen den Pferdestall mit stets ausgesuchten und bestens gepflegten Pferden sowie die Wagenremise mit Landauer, Coupé, Schlitten und Halbchaise3. In einem angebauten kleineren Haus wohnt der Kutscher Carl Duncker mit seiner Frau Julie, die im Haushalt hilft. Die Köchin Betty und die Hausmädchen Luise und Hedwig wohnen ebenfalls im Kutscherhaus. Die Hausdame Fräulein Sagart, mit strengem Dutt und immer in vornehmem Schwarz gekleidet, leitet das Personal an und ist für die Erziehung der Kinder zuständig. Konrad und Heinrich erhalten ein großes zum Hofe gelegenes Zimmer, das mit drei großen Landkarten von Europa, Deutschland und Palästina ausgestattet ist. Abends vor dem Einschlafen zeigt die Mutter ihren beiden Söhnen, wo Jesus geboren wurde, wo er über den See Genezareth wandelte und wo er an das Kreuz geschlagen wurde.
Die Religion und die Kirche nehmen einen festen Platz ein im täglichen Leben der Familie. Tätige Nächstenliebe wird gelebt. Ärmere Verwandte werden mit offener Hand unterstützt, Bedürftigen und Armen wird aus Notlagen geholfen, Studenten aus ärmeren Familien erhalten erhebliche finanzielle Zuwendungen. Vor den Mahlzeiten spricht die Familie gemeinsam das Tischgebet, nach dem Essen wird dem Herrn gedankt. Am Abend beten die Kinder mit ihrer Mutter. Am Sonntag gehen alle in die nahegelegene evangelisch-lutherische Nikolaikirche. Die Großmutter mit Henriette, Richard und Marie schreiten voran, Käthe, Else und Konrad folgen, die Frauen, auch die Mädchen, in langen schwarzen Kleidern, selbst Konrad mit Anzug und Krawatte. In der Nikolaikirche nehmen sie ihre festen für die Familie reservierten Plätze ein. Heinrich bleibt noch zuhause in der Obhut der Hausdame.
Abb. 5: Die Nikolaikirche mit dem Markt
Abb. 6: Das Innere der Nikolaikirche
An jedem Heiligen Abend vor der Bescherung holt Richard Maß die alte Familienbibel hervor und liest die Weihnachtsgeschichte nach Lukas. Konrad ist fasziniert von der Pommerschen Bibel, wie sie in der Familie genannt wird. Sie wurde im Jahr 1649, unmittelbar nach dem Dreißigjährigen Krieg, gedruckt und verlegt zu Nürnberg mit churfüstlichem privilegio durch Wolfgang Endter. Sein Vater hatte sie geerbt vom Sanitätsrat Georg Heinrich Maß, der sie von seinem Vater, dem Pastor Georg Jakob Heinrich Maß, bekommen hatte. Dessen Vater Michael Maß war der erste der Familie Maß, der eine höhere Bildung genossen hatte. Kurz nachdem Michael Maß am Weißen Sonntag 1746 eine Pfarrstelle in Glasow und Hohenholz angenommen hatte, nahm er die einzige Tochter Beate Rosine seines Vorgängers Michael Schulz zur Frau. Vermutlich stammt die Bibel von ihm, vielleicht sogar von Michael Schulzens Schwiegervater Adrian Nitz, dem Pastor zu Hökendorf und zu Völschendorf bei Stettin. Adrian Nitz hat vermutlich das Ende des Dreißigjährigen Krieges noch erlebt und könnte der erste Käufer der Bibel gewesen sein. Der kleine Konrad stellt fest: sein Ururgroßvater hat die Bibel schon besessen, und möglicherweise ist sie schon seit zwei weiteren Generationen im Besitz der Familie4. Faszinierend!
Richard ist überzeugter Christ, auch wenn sein Glaube nicht dem entspricht, was ihm sonntäglich von der Kanzel der Nikolaikirche gepredigt wird. Er vertraut seinem Tagebuch an (gekürzt): Im Grunde des Weltalls wohnen Vernunft und Güte. Beide stellen wir uns vor als umfassende, persönliche, väterlich waltende Macht. Wir erwarten von dieser Macht vertrauensvoll die Leitung und Entscheidung unseres Schicksals im Diesseits. Im Jenseits aber erwarten wir unsere persönliche Vollendung und die Erfüllung der auf Erden unvollkommenen Gerechtigkeit. Zu solcher Überzeugung hat uns Jesus verholfen durch sein Wort, sein wunderbares Leben, seinen Tod. Wir schließen daraus, daß Jesus kein gewöhnlicher Mensch war. Der Name „Gottes Sohn” muss bei ihm einen besonderen Sinn haben. Seine Erscheinung und Sein Wort müssen als eine besondere Offenbarung gelten, die als Befreiung von Ungewissheit, Angst und von vielen Hindernissen des sittlichen Lebens und als Wegweisung des sittlichen Strebens wirkt, also als Erlösung vom Übel. Aber nicht im Sinne des kirchlichen Höllendogmas. Ein Gott, der den bei weitem größten Teil seiner vernünftigen und fühlenden Geschöpfe zu ewigen Qualen erschaffen haben soll, ist das Produkt einer durch Gräuel und Henkerszenen wilder und grausamer Zeiten verderbten Phantasie und eine Gotteslästerung.
Dass ein Jenseits vorhanden ist, das hat uns Jesus vermuten gelehrt. Wir haben aber keine Kenntnis vom Jenseits, von der Art, wie die Gotteskindschaft zu denken sei. Und der persönliche Gott? Als ob die Seligkeit davon abhinge, wie der kleine Menschengeist sich Gott vorstellt! Das Gebet? Ich glaube nicht, dass das Gebet, wenn dadurch etwas erwirkt werden soll, was gegen den Gang der Natur am Faden der Kausalität liefe, jemals eine Wirkung gehabt hat. Ich glaube auch nicht, dass ein Zustand wünschenswert wäre, der es ermöglichte, dass ein inniges Flehen zu Gott den Lauf der natürlichen Dinge ändern könnte.
Abb. 7: Richard Maß
Die Lehre des Paulus, dass der Tod Jesu ein stellvertretendes Opfer sei, dessen Gott bedurft hätte, um vergeben zu können, ist aus der Blutopfertheorie des Judentums entstanden. Wie kann man denken, dass Gott solchen Todes hätte bedürftig sein können, um seine Gnade zu ermöglichen?
Über Politik wird viel geredet an der Tafel der Familie Maß. Richard Maß ist Anhänger der Nationalliberalen Partei und will einen parlamentarischen und konstitutionellen Rechtsstaat, natürlich mit einem Monarchen an der Spitze. Er gehört dem lokalen nationalliberalen Wahlverein an und wird im Oktober 1873 als Abgeordneter des Wahlkreises Stettin 1 – zu dem auch Anklam gehört – in das Preußische Abgeordnetenhaus gewählt. Neben dem Preußischen Herrenhaus, in das man vom preußischen König berufen wird, ist das Abgeordnetenhaus die zweite Kammer des Preußischen Landtages. Diese wird nach dem Dreiklassenwahlrecht gewählt: Wahlberechtigt sind etwa fünf Prozent der Bevölkerung: Ein Wähler muss männlich, unbescholten und über vierundzwanzig sein und über ein eigenes Einkommen verfügen. Jede der drei Klassen trägt ein Drittel der Steuerlast. Mit seinen 3300 Mark Jahreseinkommen gehört Richard Maß zur zweiten Klasse. Im Frühjahr 1875 wird er auf eine freiwerdende Richterstelle in Anklam berufen. Mit einem Jahreseinkommen von etwa 4200 Mark und einem Steuersatz von 4 Prozent (!) gehört er jetzt zu den besseren Steuerzahlern und verliert seinen Sitz im Parlament. Er wird aber im Oktober 1876 – nun in der ersten Klasse – erneut gewählt.
Richards Mutter Henriette Maß ist Eigentümerin von zwei Rittergütern, von Lüskow und Butzow, die sie und ihr Mann von dem erwähnten von-Scheven‘schen Erbe gekauft haben. Das Steueräquivalent der Güter wird auf 8778 Mark festgelegt5. In ganz Preußen werden aus 132 Millionen Äquivalenten 30 Millionen Mark Steuern erhoben. Henriette Maß zahlt daher etwa 2000 Mark jährlich an Grundsteuern. Hinzu kommen noch die Steuern aus dem Hausbesitz, aber die sind wohl vergleichsweise gering. Als Frau darf sie zwar Steuern zahlen, aber nicht wählen. In der Klasse mit großem Steueraufkommen werden im (preußischen) Mittel 600 Mark gezahlt. Die Familie Maß gehört also auch in der Gruppe der reichen Steuerzahler zu den begüterten. Die Bürger der beiden anderen Steuerklassen zahlen im Mittel etwa 150 oder 15 Mark, in ländlichen Bezirken liegen das mittlere Steueraufkommen zum Teil erheblich niedriger. Die Stimmen von vierzig Bürgern der unteren Steuerklasse haben also das gleiche Gewicht wie die Stimme eines begüterten Bürgers. Besonders reiche Bürger bestimmen in ihrem Wahlbezirk ein Drittel der Abgeordneten allein!
Lüskow und Butzow sind zwei riesige landwirtschaftliche Güter. Gemeinsam haben sie eine Fläche von mehr als sieben Quadratkilometern. In der Familie gibt es niemanden, der ein landwirtschaftliches Gut leiten könnte, es wird von Verwaltern geführt. Im Jahre 1886 übernehmen aber Carl von Schütz und seine Frau Käthe – Konrads älteste Schwester – das Gut Butzow, und es gelingt ihnen, die Erträge deutlich zu steigern. Konrad lernt zu Haus die Namen der Verwalter von Lüskow genauso, wie er die Namen der preußischen Könige in der Schule büffelt. Alfred Knuth ist der letzte von acht Verwaltern, die auf Lüskow gearbeitet haben, und auf dem Gut ist er die absolute Respektsperson. Unter ihm wurde dann noch ein Hofinspektor eingestellt. Etwa zwanzig Familien arbeiten für Lüskow. Hinzu kommen polnische Saisonarbeiter, die während der Erntezeit aushelfen. Es ist nicht überliefert, wie die Männer aus Lüskow und Butzow bezahlt werden. Aber ihre Bezahlung wird sich nicht wesentlich von der mecklenburgischer Landarbeiter unterscheiden. Diese erhalten um 1900 neben einer jährlichen Entlohnung von etwa 350 Mark eine umfangreiche Naturalentlohnung: sie wohnen mietfrei, bekommen Holz für die Feuerung; ein paar Morgen Land für den Kartoffel- oder Weizenanbau stehen einem Landarbeiter zur Verfügung; das Land wird vom Gutshof gepflügt und gedüngt. In einem Garten können der Landarbeiter und seine Familie Gemüse anbauen und Federvieh halten. Eine Kuh darf er halten, die gemeinsam mit dem Vieh des Grundherrn gefüttert wird, auch ein oder zwei Schweine darf er jährlich schlachten. Zu seinen Pflichten gehört die regelmäßige Arbeit auf dem Gut. Er muss einen Scharwerker (der in frühen Zeiten die Pflugschar führte) einstellen, beköstigen und bezahlen (dafür bekommt er zusätzliche 100 Mark), häufig ist dies ein Sohn des Landmannes. Seine Frau muss in der Ernte mithelfen, auch weil anderenfalls die Familie kein ausreichendes Einkommen erzielt. Sie wird zusätzlich entlohnt, ungefähr mit bis zu einer Mark je Tag geleisteter Arbeit. Außer den Landarbeitern gab es noch Tagelöhner, die nach Bedarf eingestellt wurden, ihr Lohn lag etwa bei dem der Frauen. Die Tagelöhner mussten sich außerhalb der Saison anderweitig um eine geringfügig bezahlte Arbeit bemühen. Hinzu kommt das Hauspersonal, zumeist weiblich und vermutlich mit bis zu 100 Mark jährlich entlohnt. Kinder werden auch beschäftigt – am Nachmittag, vormittags ist Schulpflicht! – sie erhalten sechs Pfennige in der Stunde. Gegen 1900 dürften die Gesamtkosten für das Gutspersonal in Lüskow um die 20.000 Mark jährlich gelegen haben. Auf dem Gut werden 36 Pferde, 66 Milchkühe, 20 Rinder und Kälber, zwei oder drei Zuchtbullen, 80 Schweine und 1000 Schafe gehalten. Pferde werden vor allem als Zugtiere benötigt. Jede Milchkuh gibt etwa 2000 Liter pro Jahr. Schafe dienen vornehmlich der Wollproduktion, die Herde liefert jährlich zwei Tonnen Wolle. An Getreide werden in Pommern vor allem Roggen und Hafer angebaut. Etwa 300 Hektar Land stehen unter dem Pflug und ergeben einen Ertrag von etwa 300 Tonnen. Die 80 Hektar Wiesen dienen vor allem der Erzeugung von Heu für das Vieh. Das Vieh steht in Ställen oder auf den Weideflächen.
Abb. 8: Alfred und Elise Knuth
Abb. 9: Erntearbeiten in Lüskow
In Deutschland steigen die Löhne infolge der Industrialisierung kontinuierlich, im Zeitraum von 1850 bis 1880 um fast das Dreifache und bis 1905 um das Fünffache. Die Verbesserung der Verkehrswege führt zu einer Globalisierung: landwirtschaftliche Produkte aus Russland und den USA werden importiert. In Russland sind die Löhne noch niedrig, in der USA ist die Mechanisierung schon weiter fortgeschritten. Die agrarische Lobby wehrt sich zunächst erfolgreich gegen die Konkurrenz: Die Importzölle auf Weizen steigen von 1878 bis 1887 von 10 Mark je Tonne auf 50 Mark (und damit auf etwa ein Drittel des Verkaufswertes), Anfang der 90er Jahre werden die Zölle allerdings wieder abgeschafft. Der Familie verbleibt trotzdem unter dem Strich ein Gewinn von vielleicht 25.000 Mark. Um die Jahrhundertwende lohnt sich die Wollproduktion nicht mehr, und die Schafherde wird aufgelöst. Stattdessen werden mehr Schweine und mehr Rinder gezüchtet. 1905 sind dies 150 Schweine und 65 Rinder.
Abb. 10: Das Rittergut Lüskow um 1850. Gemälde des Anklamer Landschaftsmalers Bernhard Peters (1817 – 1866)
Als Konrad sechs Jahre alt ist, kommt seine Schwester Suse zur Welt. Mit der Geburt von Mieze zweieinhalb Jahre später ist dann die Familie vollständig. Es gibt zwar keine Schulpflicht, aber Kinder müssen unterrichtet werden, die Verantwortung dafür liegt bei den Eltern. In Cammin werden Konrad, Else und Käthe vom Vater unterrichtet und lernen zu lesen, zu schreiben und zu rechnen. Nach dem Umzug nach Anklam gehen Konrad und seine beiden Schwestern ab Ende September 1874 zur Tochter des Kreisgerichtsrates Ludwig zum Unterricht. Erst die nachfolgenden Kinder werden in die allgemeine Stadtschule geschickt. Ein Jahr später kommt Konrad als noch Siebenjähriger für zwei Jahre in die Septima, die der Sexta vorgeschaltete gymnasiale Vorstufe des Anklamer Gymnasiums. Es gibt vor allem Deutschunterricht (acht Wochenstunden), aber auch Rechnen mit vier, Religion und Schreiben mit je drei Wochenstunden und zwei Stunden Geschichte und Geographie. Das Gymnasium ist den Knaben vorbehalten. Seine Schwestern besuchen, bis sie sechzehn sind, die Höhere Töchterschule; ein Abitur ist für Mädchen nicht vorgesehen. Unterrichtet wird Konrad zunächst von dem 74-jährigen Casimir Gläsel. Der kleine Gymnasialschüler lutscht allerdings immer noch am Daumen, auch in der Schule, wenn er mal wieder träumt. Dann wird er auf das Katheter gestellt und muss aufsagen: Konrad sprach die Frau Mama … Aber bevor es zu der kritischen Zeile kommt Und vor allem, Konrad, hör’! lutsche nicht am Daumen mehr, heult der gedemütigte und beschämte Konrad los, während die Klasse in ein brüllendes Gejohle ausbricht, das sogleich mit dem Rohrstock beendet wird. Konrad darf sich wieder setzen. Auch sonst wird er gehänselt. Offensichtlich neigt er zu Wehleidigkeit. Seine Mutter reimt:
Abb. 11: Marie Maß, geb. Protzen, mit Suse und Mietze, den beiden jüngeren Schwestern von Konrad
O Septimaner Maß, das Wasser ist so nass, das Köpfchen ist so zart, der Kamm, der ist so hart. Ja, Septimaner Maß, das Aufstehen ist kein Spaß.
Ab der Sexta (heute: 5. Klasse) gibt es Latein, mit neun Stunden in der Woche, in der Quinta (6. Klasse) kommen Französisch mit zunächst vier, später zwei Stunden, in der Untersekunda (8. Klasse) Griechisch mit sieben Stunden hinzu. Geschichte, Geographie und Mathematik werden drei oder vier Stunden wöchentlich, Naturbeschreibung – in höheren Klassen Physik –, Turnen, Singen und Zeichnen mit zwei Stunden je Woche unterrichtet. Englisch und Hebräisch werden in der Oberstufe fakultativ angeboten.
In der Quinta übernimmt Alexander Lehmann die Klasse, an den sich Konrad als bestialisch auf die Schüler einprügelnden Lehrer erinnert, vor dem die ganze Klasse zittert. In Erinnerung sind Konrad noch einige weitere Lehrer geblieben, der Französischlehrer Carl Schubert und der Lehrer Rudolf Friedrich. Letzterer vor allem, weil er ihm im verhassten Fach Mathematik durch das Abitur helfen wird. Paul Mahnke, Gymnasiallehrer, kommt auch schon mal betrunken zum Unterricht. Als guten Pädagogen erinnert Konrad sich an den Deutschlehrer Ludwig Güntzel. In der Obertertia steht im Zeugnis: Aufmerksamkeit und Fleiß lassen zu wünschen übrig. Sein Vater droht ihm, bei einer Wiederholung eines derartigen Eintrages werde er ihn das sehr ehrenwerte Schuhmacherhandwerk erlernen lassen. Dazu ist es dann doch nicht gekommen. Trotzdem: Konrad ist nie besonders fleißig, hat viel zu viel Undäg6 im Kopf. Später einmal wird der Vater sagen: Ach Konrad, du bist ein Phantast!
Friedrich Schneemelcher unterrichtet in der Mittelstufe Griechisch; langweilig, aber die Vokabeln sitzen dann in der Oberstufe. Ludwig Müller fällt als Lehrer durch seine verschmutzten Hemden und pechrabenschwarzen Fingernägel auf. Nachhaltiger wurde Konrad geprägt durch seinen Onkel, den Lehrer und Heimatforscher Eduard Beintker7, der sich intensiv mit der Geschichte von Vorpommern befasst. Weit über allen steht der Direktor des Gymnasiums Theodor Heintze. Er unterrichtet Deutsch und begeistert Konrad.
Freunde hat Konrad während seiner Schulzeit nur wenige. Am längsten begleitet ihn Ernst Dörschlag, der Sohn eines Schiffskapitäns (und späteren Greifswälder Zigarrenhändlers). Er kommt dreimal in der Woche zum Freitisch ins Haus (zu dem regelmäßig eine Reihe ärmerer Kinder eingeladen ist). Er ist geschickt beim Basteln und kann Drachen oder Schiffe bauen. Schulaufgaben machen Ernst und Konrad häufig gemeinsam. Auch an den Sonntagnachmittagen ist er oft anwesend, obwohl Konrad und Heinrich eigentlich lieber allein spielen wollen. Ernst ist es, der Konrad sexuell „aufklärt“, das neue Wissen wird gleich an Heinrich weitergegeben. Ernst bringt ihm auch bei, wie man sich auf Klassenarbeiten mit Spickzetteln vorbereitet. Davon macht Konrad allerdings keinen Gebrauch! Nach dem Abitur geht die Freundschaft zu Ende: in Konrad steckt eine jugendliche Vaterlandsbegeisterung, in Ernst zeigt sich jedoch etwas von einem Sozialdemokraten. Sozialdemokraten! Sie wird Konrad Maß später so charakterisieren: Das ist die Viermillionenpartei, die sich offen zum Internationalismus bekennt, die bekämpft, was allen Gutgesinnten heilig ist und die auch unserem mit uns innig verbundenen Kaiserhaus … mit Hass und Groll gegenübersteht8. Das ist kein Umgang für Konrad. Trotzdem geht Ernst Dörschlag seinen Weg: er studiert Medizin und wird sich in Argenau in der Provinz Posen als praktischer Arzt niederlassen.
Alfred Krüger, der Neffe eines „Dienstmädchens“ im elterlichen Haus, ist ebenfalls für kurze Zeit sein Freund. Er verewigt sich in Konrads samtüberzogenem, viel begehrtem Poesiealbum mit dem Vers Konrad, wenn Du einst am Bach vorübergehst und siehest ein Vergissmeinnicht, so pflück‘ es ab und denk an mich. Andere Freunde schreiben: Teurer Freund, was soll ich in Dein Album schreiben? Treue Freunde waren wir, wollen es auch ferner bleiben, und bei Deinem künft’gen Glück, denke oft an mich zurück! Oder: Wenn ich einst gestorben bin, komm‘ zu meinem Grab, klopfe leise an die Tür – ach, mein Freund, er ruhet hier.
Ab und zu spielen Konrad und Heinrich mit Fritz Höppner, dem Sohn eines Schusters. Sie finden ihn unangenehm und arrogant, aber ab und zu ist Fritz Gast am familiären Freitisch. Zuweilen taucht auch sein Vetter, der spätere „Rittergutsbesitzer“ auf Blesewitz Ludwig Kolbe auf. Außer in den Naturwissenschaften ist Ludwig ein recht schlechter Schüler; Konrad hält ihn für einen unangenehmen Poussierstengel. Besser verstehen sich Konrad und Heinrich mit ihrem entfernten Vetter Georg Hartsch, der im Juli 1915 als Major in Polen fällt. Auch dessen Vater ist Rittergutsbesitzer; das Gut Wietstock stammt ebenso wie Blesewitz aus dem Scheven‘schen Erbe.
Ein Jude ist nicht unter Konrads Freunden. Der Zuzug jüdischer Familien war erst zur Franzosenzeit erlaubt worden; um 1880 gibt es eine kleine, aber lebendige jüdische Gemeinde mit etwa 200 Mitgliedern. Der Gottesdienst wird einmal im Monat in der Synagoge in der Mägdestraße abgehalten, an hohen Feiertagen reist ein Rabbiner aus Schwerin oder Pasewalk an. Die meisten jüdischen Familien in Anklam leben vom Handel; es gibt aber auch vier Handwerker und zwei Ärzte. Auch wenn die Familie Maß keine besondere Animosität gegenüber Juden hegt, wissen doch alle, welche Familie jüdisch ist oder katholisch. Auch konvertierte Juden – und auch noch ihre Kinder – waren nicht nur früher einmal Juden gewesen, es ist etwas da, das bleibt. Auch konvertierten „Juden“ gegenüber bleibt ein Gefühl der Fremdheit, der Andersartigkeit. Scherze über die jüdische Religion wird Richard sich verbeten haben, dazu ist er zu ernsthaft. Aber abfällige Worte über jüdische Mitbürger oder „den Juden“ sind vermutlich gefallen.
Konrad hat es nicht immer leicht in der Familie. Er steht zwischen dem übermächtigen Vater, der sich oft Sorgen um seinen etwas schwächlichen Sohn macht, und seinem draufgängerischen, vier Jahre jüngeren Bruder Heinrich, der sehr viel mehr dem Ideal eines richtigen deutschen Jungen entspricht. Dafür entwickelt Konrad eine blühende Fantasie, in die er Heinrich gern einbezieht. Vor allem auf dem elterlichen Gutshof Lüskow, fünf Kilometer vor den Toren der Stadt Anklam gelegen, findet ihr Spiel kaum Grenzen. Sie spielen die Lehrer Sander und Beintker, imitieren ihre Sprache, korrigieren alte Schulhefte mit viel roter Tinte und verprügeln mit einem Rohrstock zwei Kissen auf das Grausamste. Oder sie spielen „Sigismund Rüstig“. Dieses Buch hat Konrad verschlungen, ebenso wie Robinson Crusoe oder andere Abenteuerromane. Konrad träumt sich in die Rolle eines menschenbeglückenden Seefahrers ohne Fehl und Tadel. Ein Leiterwagen wird mit einem Leinwandsegel seetüchtig gemacht, ein kleiner Handwagen wird als Rettungsboot mit einer Wäscheleine hinterhergezogen. Auf ihm retten sie sich aus Seenot auf eine kleine Insel, bauen ein Zelt und kämpfen heldenhaft gegen Löwen und Tiger. Mit Kisten und Schachteln schaffen sie ganze Landschaften mit Seen und Bächen, ausgestreute Tannennadeln werden zu Wiesen; Wälder und Gutshöfe entstehen. Konrad wird zum Fürsten von Samos und schickt seinen Generalissimus Heinrich aus, die umliegenden Inseln zu unterwerfen und Tribut einzufordern. Widerspenstige Subjekte werden von Konrad eigenhändig mit dem Spaten, dem scharfen Schwert der Justitia, enthauptet. Mit der Regierung der Inseln befasst sich Konrad noch bis in die Prima hinein: er entwirft eine Verfassung, erlässt Gesetze, schafft eine Militärorganisation. Wenn ihre beiden jüngeren Schwestern mal mitspielen dürfen, dann sind sie Soldaten, müssen militärische Dienstgrade lernen, Mieze muss sich sogar Helm und Gewehr zu Weihnachten wünschen. Im Spiel, da denkt Konrad sich groß und mächtig. Heinrich spielt, auch noch als Primaner, am liebsten mit Zinn- oder Bleisoldaten. Konrad liest mit zunehmendem Alter auch Ernsthafteres: Geschichtliches, Naturkundliches und die deutschen Klassiker.
Abb. 12: Die Familie von Richard und Marie Maß, um 1882
Viel Zeit verbringt Konrad mit seiner Münzsammlung. Zu Weihnachten und zum Geburtstag gibt es Geschenke, Konrad wünscht sich Münzen. Es kommt eine stattliche Anzahl zusammen: insgesamt werden es tausend Münzen, ein paar Goldmünzen, viele Silbermünzen. Einen Teil der Goldmünzen lässt er 1886 zu einer Halskette zusammenfassen, die er seiner Mutter zu Weihnachten schenkt. Der andere Teil geht später in die Finanzierung des Großen Krieges, den man heute den ersten Weltkrieg nennt. Als Student wird Konrad den größten Teil seiner Sammlung von Silbermünzen verkaufen; einfachere Münzen werden an beginnende Sammler verschenkt.
Nach dem Abendessen wird nicht mehr gespielt. Dann ist Lesestunde, Richard Maß liest seinen Kindern vor. Als Goethes Faust gelesen wird, ist Konrad noch Sekundaner, da fühlen sich eher Käthe und vielleicht auch Else angesprochen. Besonders in Erinnerung bleiben Konrad die Stunden, in denen Romane von Theodor Storm und Gustav Freytag vorgelesen werden. Besonders liebt er Die Ahnen und Bilder aus der deutschen Vergangenheit.
Mit zwölf (!) Jahren geht Konrad in die Tanzstunde. Konrad hält sich für klein, dumm und hässlich, die jungen Mädchen waren – mindestens halbe – Göttinnen; Konrad wagt kaum, sie anzusprechen. Langjährig angebetet hat er Elise von Harder, die Tochter des Kommandeurs der Anklamer Garnison, der ein paar Häuser weiter in der Brüderstraße wohnt. Zunächst fällt sie ihm nur in der Straße auf, er ist glücklich, wenn er sie zufällig auf der Straße sieht, er schreibt Gedichte für sie, die er seinem Bruder Heinrich vorliest, wenn sie abends im Bett, etwa nach Gesellschaften, die Reste aus den stehengebliebenen Weinflaschen trinken. Oft sah ich sie lange nicht, denn sie hielt sich sittsam zuhause. Aber wenn ich sie einmal erblickte und sie meinen Gruß freundlich zurückgab, dann wallte die Jugend in meinem Herzen auf und alles Erdenglück ergoß sich über mich; denn ich glaubte, ein stilles Geständnis in ihren Augen zu lesen, so lässt Konrad Maß in seiner Erzählung Hiddensee9 den Mönch Heiko über seine Angebetete aus frühen Jugendjahren, die Tochter eines heidnischen Oberpriesters, schreiben.
Offiziell kennen lernt er die Angebetete erst, als er schon Primaner ist. Der Direktor des Gymnasiums, der oben erwähnte Theodor Heintze, lädt zu einem Jugendball ein, und Konrad hat das unerwartete Glück, sie zu Tisch zu führen. Da schlagen die Flammen hoch! Und da er ihr jetzt vorgestellt ist, darf er sie auch auf der Straße grüßen oder sie fragen, ob sie mit ihm zum Schlittschuhlaufen geht. Dann kommt sie sogar zu ihm ins Haus, zur Klavierstunde bei seiner Tante Lieschen. „Rein zufällig“ trifft er sie bei solchen Gelegenheiten und erzählt die schönsten Witze oder Anekdoten, die ihm einfallen. Sie sehen sich jetzt öfter, auf einem Hausball bei der Familie Maß, beim Ball der Anklamer Kriegsschule oder zum Schlittschuhlaufen auf dem Eis. Aber dann verlassen beide Anklam und die große Liebe endet – natürlich haben sie nie auch nur einen Kuss getauscht. Elise wird später den Sohn eines Justizrates aus Stralsund heiraten. Aber da haben sich Konrad und Elise längst aus den Augen verloren.
Die Eltern Richard und Marie Maß reisen gern und mehrmals im Jahr, ein Vergnügen, das nur wenigen begüterten Familien möglich ist. Zumeist nehmen sie eines oder zwei der Kinder mit, während die anderen Kinder in der Obhut des Personals bleiben. Als Zwölfjähriger darf Konrad zum ersten Mal mitkommen, in das nahegelegene Stralsund. Die Reise ist ein Test, ob Konrad auch schon auf eine größere Reise mitgenommen werden kann. Im Sommer darf er mit nach Norderney. Auch Heinrich kommt mit, gemeinsam bauen sie Burgen am Strand und baden im Meer. Ein Jahr später fährt Richard Maß mit Else und Konrad ins Riesengebirge. Eigentlich hatte Käthe mitkommen sollen, aber sie war erkrankt. Der Vater wohnt mit seinen Kindern in Hermsdorf am Fuße des Kynast. Die steilen Klippen mit wilden Felspartien, die Wanderungen über den Kamm des Riesengebirges oder zur Peterbaude (Peterberghütte), der Blick auf die Schneekoppe, all das begeistert Konrad. Er wird sein Leben lang viel und gern wandern. 1881 geht es nach Helgoland, damals noch englisch. In der britischen Presse wird Helgoland charakterisiert als ein Land ohne Banker, ohne Rechtsanwälte, ohne Verbrechen, ein Land, wo Geldgeschenke strikt verboten, die Vermieterinnen alle ehrlich sind und die Fährschiffer keine Trinkgelder annehmen. Verwunderlich und beeindruckend findet Konrad, dass die Miss Governess, die deutsche Ehefrau des britischen Gouverneurs, in einer Sänfte getragen wird. Bootsfahrten um die Insel, die herrlichen Sonnenuntergänge, die schroffen Rotsandsteinfelsen und das Bad im recht kalten Meer bleiben in Erinnerung.
Im folgenden Jahr darf Konrad allein mit seinen Eltern in die Schweiz fahren. Heidelberg ist die erste Station. Dort steigen sie im Hotel Molkenkur ab, oberhalb des Heidelberger Schlosses gelegen und mit herrlichem Ausblick auf die Altstadt. Studenten, Mitglieder der Burschenschaft Die Vandalen, trinken dort gerade eine Bowle. Sieh mal Konrad, sagt seine Mutter, dies ist studieren. Dieser Satz wird in der Familie zum geflügelten Wort. Für Konrad steht fest – obwohl es noch fast fünf Jahre dauern wird –, dass er in Heidelberg studieren will. Von Heidelberg geht es mit der Eisenbahn über Luzern nach Brunnen am Vierwaldstättersee. Sie fahren mit der Pferdekutsche über den St. Gotthard bis zum Lago de Maggiore und zur Isola Bella. Zurück geht es mit der Eisenbahn durch den neu erbauten Gotthardtunnel nach Interlaken, von dort erwandern sie die Wengeralp, Staubbach und Mürren.
Im Sommer 1883 macht die Familie ohne den Papa Urlaub in Heringsdorf. Im Herbst plant das Ehepaar Maß mit den beiden älteren Töchtern Käthe und Else eine Reise in die Schweiz. Schon auf der Hinreise erkrankt Marie Maß schwer, wohnt acht Wochen lang im Hotel zum Goldenen Kreuz in Regensburg und kämpft mit dem Tode. Ihre Gesundheit bessert sich leicht, aber der Darmkrebs wird sie die nächsten fünf Jahre begleiten.
1884 fällt ein größerer Urlaub aus, der Vater nimmt seine beiden Söhne jedoch für ein paar Tage mit nach Kopenhagen. 1885 macht die Familie einen Erholungsurlaub in Putbus auf Rügen. Dieses Mal nehmen sie die eigene Pferdedroschke mit, damit die jetzt oft leidende Mutter leichter vom Hotel Fürstenhof ins nahegelegene Lauterbach ans Meer kommen kann.
Mit großer Sorgfalt und Liebe bereitet Marie im Herbst 1886 die Hochzeit ihrer Töchter Else und Käthe vor. Es werden zwei große Hochzeiten, jeweils achtzig Gäste sind geladen, die sich zum großen Teil schon Tage zuvor einfinden und bewirtet werden müssen, auch wenn sie nicht im Haus übernachteten. Am Polterabend werden Gedichte verlesen und Theaterstücke aufgeführt. Drei Monate lang sind eine Näherin und eine Stickerin im Haus, um die Aussteuer vorzubereiten. Es fehlte auch nichts an der Aussteuer, bis auf einen Nussknacker war alles vorhanden, wird Käthe später schreiben.
Else heiratet im September 1886 den Premier-Leutnant (Oberleutnant) Carl von Schütz, den sie auf einem der zahlreichen Bälle der Anklamer Kriegsschule kennengelernt hatte. Carl war als Elfjähriger auf die Kadettenanstalt in Plön geschickt worden und war von dort auf die Hauptkadettenanstalt Lichterfelde, die militärische Eliteschmiede des Deutschen Reiches, „befördert“ worden. Den gesellschaftlichen Schliff bekam er als Page am Hofe des Kronprinzen Friedrich – des 99-Tage-Kaisers – im Dienst von Friedrichs Frau Victoria, der ältesten Tochter der Queen Victoria und ihres Prinzgemahls Albert von Sachsen-Coburg und Gotha. Carl und Else übernehmen das Rittergut Butzow.
Abb. 14: Carl von Schütz und Else
Abb. 13: Carl von Schütz als Page am kaiserlichen Hof
Am 23. Oktober 1886, am gleichen Tag, an dem dreiundzwanzig Jahre zuvor ihre Eltern geheiratet haben, heiratet Käthe den jungen Assessor (und späteren Geheimen Oberjustizrat und Landgerichtspräsidenten) Wilhelm Recke. Käthe hatte sich schon als junges Mädchen in den attraktiven Studenten verliebt und hat – wie sie in ihren Erinnerungen schreibt – sich ihren Mann trotz mancher Hindernisse mit stiller Beharrlichkeit errungen. Zweieinhalb Jahre waren sie heimlich verlobt; Richard Maß hatte darauf bestanden, dass Willhelm Recke sein Referendariat beendet, bevor die Ehe geschlossen werden darf.
Abb. 15: Das Nachbargut Butzow
Das Jahr 1887 steht unter dem Schatten der schweren Krankheit Konrads Mutter Marie, viele Monate ist sie bettlägerig. Besonders sein Vater leidet mit seiner Frau. Auf eine Reise darf Konrad in diesem Jahr nicht: er soll sich auf das Abitur vorbereiten. Er entflieht der oft bedrückenden Atmosphäre im Haus durch Wanderungen in der Umgebung von Anklam und durch Streifzüge durch die Stadt.
Die Familie Maß wohnt in der Brüderstraße im Haus Nr. 428, d.h. dem 428sten in Anklam errichteten Haus. In der Jugend von Richard Maß kam noch am frühen Morgen der städtische Kuhbursche durch die Straße, sammelte die Kühe ihrer Besitzer und trieb sie auf die Allmende vor die Tore der Stadt. Jetzt sind viele Straßen gepflastert, aber häufig erlauben nur die in der Mitte der Straße verlegten Steine, dem Schmutz auszuweichen. Eine allgemeine städtische Kanalisation gibt es noch nicht – in seinem Elternhaus gibt es allerdings schon eine Toilette mit Wasserspülung. Der Name „Brüderstraße“ erinnert an das nach der Reformation aufgelöste Augustinerkloster. Als Konrad durch die Straße wandert, wohnt dort eine sozial durchmischte Stadtgemeinde: Es gibt kein Bürger- und kein Arbeiterviertel. Die berufliche Tätigkeit der Einwohner zeigt eine reiche Differenzierung: In den 44 Häusern der Brüderstraße wohnen dreizehn Arbeiter mit ihren Familien, neun Schneider, acht Schuhmacher, ein Tischler, ein Tischlergeselle und ein Hauszimmergeselle, zwei Maurergesellen, je ein Stuhlmacher, Glaser, Gelbgießer, Weißgerber und Schlosser. Ferner wohnen hier vier Schlächter, ein Bäcker, ein Schiffskapitän, ein Yachtfischer, ein Schiffszimmermann, ein Fischermeister und ein Matrose. Fünf Bürger sind im Handel tätig, es gibt einen Gastwirt, zwei Maler und Bildhauer, je einen Postillon, Briefträger, Landbriefträger und Hilfspostboten, einen Viehtreiber, einen Dienstmann, einen Stellmacher und einen Hausdiener. Auch akademische Berufe sind vertreten: in der Brüderstraße wohnen ein Amtsgerichtsrat (Richard Maß), ein Pastor, ein Referendar, ein pensionierter Lehrer und ein Ökonom. Und es gibt erste Berufe in Büros: einen Buchhalter und einen Kanzlisten. Hinzu kommen ein Oberst und einige Rentiers: Eigentümer, die von ererbten Immobilien oder ererbtem Vermögen leben. Ferner wohnen achtzehn Witwen und vier unverheiratete Frauen ohne Beruf in der Brüderstraße. Wenn Frauen Geld verdienen müssen, arbeiteten sie als Schneiderin oder Näherin, je drei von ihnen wohnen in der Brüderstraße. Ferner gibt es eine Handschuhnäherin, zwei Wäscherinnen, eine Leichenwäscherin, eine Vorkosthändlerin, eine Gastwirtin und eine Privatlehrerin. In zwei verschiedenen Häusern wohnen Louise und Bertha von der Dollen, Schwestern und geborene Gräfinnen von Schwerin, die zwei Brüder geheiratet haben; beide Ehen sind kinderlos geblieben.
Für die Wanderung rund um die Stadt, über den Großen und den Kleinen Wall, die Mauerstraße und die Straße „Am Bollwerk“ der Peene entlang benötigt Konrad keine Stunde. Die Befestigungsanlagen sind schon lange niedergelegt, das frühere Stolper Tor, das Peenetor und das Burgtor wurden schon vor langer Zeit abgerissen. Inzwischen ist Anklam längst über die alten Stadtgrenzen hinausgewachsen. Das Steintor zeugt noch von früherer Wehrhaftigkeit, wird aber inzwischen als städtisches Gefängnis genutzt. Das Pulver aus dem Pulverturm ist auch schon lange verschossen, oben auf dem Turm steht eine Sternwarte, die Konrad als Tertianer besuchen durfte.
Mit einer Mischung aus Ehrfurcht und Scheu besucht Konrad die Stavenhagensche Familiengruft der Marienkirche. Hier liegt – neben anderen – sein Urgroßvater Carl Friedrich Stavenhagen, der als Herausgeber einer Chronik10 von Anklam bekannt geworden war. Im elterlichen Haus hängen sein Bild und das seiner Verlobten Caroline Sophie von Scheven, deren Bruder den Wohlstand in die Familie gebracht hatte. Das Haus der Familie Stavenhagen gilt als das schönste der Stadt. Es ist ein reiches Patrizierhaus mit einem großen Walmdach, das geheimnisvolle Speicher verbirgt, mit schön geschwungenen Linien über den Fenstern, geschweiften Giebeln und einem ausdrucksvollen Portal. Es liegt in der Steinstraße, in Gemeinschaft mit anderen alten Häusern mit Treppengiebeln und Backsteinornamentik.
Abb. 16 Carl Friedrich Stavenhagen und Caroline Sophie von Scheven
Wieder zu Haus vertieft sich Konrad lieber in die Chronik der Stadt Anklam als in seine Schulhefte. Ein Exemplar, in dem Carl Friedrich Stavenhagen noch zahlreiche handschriftliche Anmerkungen eingetragen hat, steht im gut gefüllten Bücherschrank seines Vaters. Konrad und seine Geschwister werden das Exemplar später dem städtischen Museum im Steintor übereignen.
Alle Ausflüchte helfen nicht. Plötzlich ist die Abiturprüfung da. In der schriftlichen Prüfung im Fach Deutsch schreibt Konrad einen Aufsatz über die Frage: Wie weit bleibt Neoptolemos in Sophokles‘ Philoktet seinem Grundsatz treu: βούλομαι καλῶς δρῶν ἐξαμαρτεῖν μᾶλλον ἢ νικᾶν κακῶς11? Im Fach Latein wird ein Aufsatz (auf Latein) geschrieben zu dem Thema: Quam recte dixerit Juvenalis et Demostenem et Ciceronem eloquio periisse?12. In Mathematik sollen Dreiecke und Pyramiden konstruiert werden, es gibt aber auch Aufgaben zum Knobeln mit Zahlen. Konrad schafft das Schriftliche. Das Mündliche geht in Griechisch glänzend, in Mathematik leidlich über die Bühne. Mit ihm machen Ostern 1887 vier wietere Schüler das Abitur: Johann Lauer, ein Sohn des Anklamer Apothekers und Stadtrates, Otto Reinecke, Sohn des verstorbenen Postmeisters, Rudolf von Below, Sohn eines Rittergutsbesitzers und der Kaufmannsohn Ernst Beyer. Dieser redet zur Abschlussfeier über Die Folgen der Schlacht von Sédan; Schüler aus anderen Klassen tragen vaterländische Gedichte vor. Mit der Abiturfeier verbunden ist – wie jedes Jahr – die Feier zum Andenken an die durch göttliche Gnade im Jahre 1713 bewirkte Befreiung der Stadt Anklam von drohender Einäscherung. In dieser Feier wird an einen dänischen Kommodore gedacht, der als Retter der Stadt gilt. Im April 1713 hatte der russische Zar den Befehl gegeben, Anklam zu plündern und einzuäschern. Jedem Einwohner wurde erlaubt, zwei Hemden anzuziehen und Lebensmittel für vier Tage mitzunehmen. Geld und Güter waren anzuzeigen. In die Häuser wurde Stroh und Teer gebracht. Der dänische Admiral wurde beim russischen Befehlshaber vorstellig, nannte ihn einen Mordbrenner. Es kam zum Duell, bei dem der Admiral sein Leben verlor. Der russische Befehlshaber wurde jedoch für einen Tag in Haft genommen. Am nächsten Tag nahm der Zar den Befehl zurück, Anklam blieb verschont. – Die Stadt lebt in ihrer Geschichte, und Konrad begeistert sich für ihre Geschichte.
Abb. 17: Das Stavenhagensche Haus am Markt (in der Bildmitte)
Eine kleine Enttäuschung ist bei Konrad mit dem Abitur verbunden: Sein Vater eröffnet ihm, seine Großmutter wolle ihm zum bestandenen Abitur achtzig Mark schenken, vier Goldstücke blinken auf dem Schreibtisch seines Vaters. Aber ich denke, so fährt sein Vater fort, Du verzichtest gern zu Gunsten deines Mitschülers Reinecke, der ebenfalls zur Universität will und einen Anzug und Stiefel sehr nötig haben wird. Selbstverständlich tut Konrad das gern. Er bedauert nur, dass er nicht einmal einen Teil des Geldes einsetzen kann, um seine Münzensammlung zu vervollständigen. Dass seine Großmutter seinem Mitschüler das Studium finanzieren wird, weiß Konrad nicht. Soziale Verantwortung wird früh eingeübt und gelebt, aber es wird nicht darüber gesprochen.
1 Das Personenregister am Ende des Buches zeigt die Lebensdaten von Konrad Maß, seiner Familienangehörigen und ihrer Beziehung zu ihm.
2 Sie sind schon da und wir haben schon eine halbe Stunde gewartet – ich habe Sie gar nicht kommen sehen.
3 Offene Kutsche ohne Türen und Wände.
4 Konrad Maß wird die Bibel weiterreichen an seinen Schwiegersohn, den Professor für Theologie Heinrich Bornkamm, der sie an seinen Sohn, den Pfarrer und Superintendenten Hans Bornkamm vererben wird, Hans Bornkamm wird sie seiner Tochter, der Pfarrerin Friederike Bornkamm-Maaßen vererben. Damit ist die Bibel vermutlich seit zehn Generationen im Besitz der Familie! In jeder Generation gab es zumindest einen protestantischen Pfarrer.
5 P. Ellerholz, H. Lodemann, H. von Wedell, General-Adressbuch der Ritterguts- und Gutsbesitzer im Deutschen Reiche, I. Preussen, 2. Lieferung: Die Provinz Pommern, Selbstverlag des Landwirtschaftlich-Statistischen Bureaus, Berlin, 1879.
6 Gegenteil von Gediegenem
7 Eduard Beintker (Hamm, 28.9.1853 – 7.12.1926, Anklam) war der Ehemann von Pauline Haase, einer Großnichte von Konrads Großmutter Bertha Protzen.
8 Konrad Maß, Wofür sie starben, ein Weckruf zu sozialer Arbeit, Leipzig 1916 (gekürzt).
9 Konrad Maß, Der Goldschmuck von Hiddensee: Erzählung aus Pommerns Vergangenheit, Léon Saunier, Stettin, 1902.
10 C. F. Stavenhagen: Topographische und chronologische Beschreibung der Pommerschen Kauf- und Handels-Stadt Anklam aus Urkunden und historischen Nachrichten verfasst und mit einem Anhange des Herrn Pastors J. F. Sprengels. 1773.
11 Lieber will ich richtig handeln und keinen Erfolg haben als schlecht (handeln) und damit siegen.
12 Wie richtig ist Juvenals Ausspruch, sowohl Demosthenes als auch Cicero seien aufgrund (ihrer) Beredsamkeit umgekommen?
Konrad wird Student der Geschichtswissenschaften. Er reist nach Heidelberg und wohnt zunächst im vornehmen Hotel Prinz Karl. Schon beim ersten Mittagessen versuchen drei Burschenschaften, den neuen Studenten zu keilen, als Mitglied zu gewinnen. Die Vandalen (Corps Vandalia) stehen ihm am nächsten. Vandalia ist das Land der Wenden, der Mecklenburger, verlockend, aber Konrad bleibt noch standhaft. Die Schwaben (Corps Suevia) versuchen es als nächstes, aber mit dem Schwabenland hat Konrad nichts zu tun. Die Saxoborussen (Corps Saxo-Borussia) erwarten von den Studenten, dass sie über einen monatlichen Wechsel verfügen, der den (großzügigen) Konrads deutlich übersteigt: Selbst mit 400 Mark monatlich – dem Gehalt eines Richters mit mehrjähriger Berufserfahrung – gehört man bei den Saxoborussen zu denen, die „arm dran“ sind! Konrad beschließt, zunächst nicht aktiv zu werden. Aber schon am zweiten Tag sucht ihn ein alter Bekannter seines früheren Lehrers Sander auf und lädt ihn ein, am Abend mit ihm in eine Gesellschaft junger Leute zu kommen. Es war eine Falle: Die jungen Leute gehörten alle der Rupertia an, die im Bremeneck, einer historischen Altstadtkneipe, ein größeres Zimmer mit schöner altdeutscher Einrichtung gemietet hatten. Als Keilfuchs wird Konrad höflich geehrt, er sitzt neben dem Präsidenten, Bier und Studentenlieder tun es ihm an. Am nächsten Morgen wird er zu einer Fahrt mit einer Kutsche abgeholt, ein älterer Kommilitone erkundigt sich interessiert nach Konrads Familie, am Nachmittag machen sie einen Ausflug den Neckar entlang bis zum Kümmelbacher Hof, und am Abend ist Konrad Fuchs, neues Mitglied in der Rupertia, einer schlagenden Verbindung. Konrad will ein richtiger Mann werden! Ursprünglich war die Rupertia offen für alle Studenten, es wurden in der Öffentlichkeit keine Verbindungsfarben getragen, und es gab keine Mensuren. Aber 1884, also drei Jahre bevor Konrad in die Verbindung eintritt, wird das studentische Fechten offiziell in der Rupertia eingeführt, es gibt allerdings keine Pflichtmensuren. Trotzdem ficht Konrad während seiner Studienzeit eine Reihe von Mensuren. Einmal wird er mit sieben Knochensplittern vom Platz geführt.
