Leonora - Maik Messing - E-Book

Leonora E-Book

Maik Messing

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Beschreibung

Leonora Messing war 15 Jahre alt, als sie aus ihrem Dorf in Sachsen-Anhalt verschwand und sich in Syrien dem Islamischen Staat anschloss, um Drittfrau eines deutschen IS-Terroristen zu werden. Wie konnte sich Leonora so schnell so stark radikalisieren? Wie sieht ihr Leben in den Kriegswirren aus und was bedeutet das für die verzweifelten Angehörigen? Der Vater kämpft darum, Leonora aus dem umkämpften Rakka zurückzuholen – und geht dafür gefährliche Risiken ein…  Ein dramatisches Stück Zeitgeschichte, das die Verführungskraft des IS und dessen Terror erklärt.    Mit einem Vorwort von Georg Mascolo

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Veröffentlichungsjahr: 2019

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Leonora

Die Autoren

Maik Messing, * 1972,  lernte zunächst den Beruf des Maurers mit DDR-Facharbeiterbrief, bevor er in der Bundeswehr als Richtschütze auf dem Marder im Panzergrenadierbatallion 212 tätig war. Wenige Jahre später absolvierte er den Betriebswirt des Handwerks und arbeitet seither als Bäcker.
Volkmar Kabisch, * 1984, studierte Islamwissenschaft und Judaistik in Halle/Saale, Leipzig und Kairo. Ab 2004 arbeitete er als Reporter beim Mitteldeutschen Rundfunk und »Spiegel TV«. Von 2013 an war Volkmar Kabisch als Autor bei »Panorama« und »Panorama 3« im NDR tätig. Inzwischen arbeitet er für den Rechercheverbund von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung.
Georg Heil, *1977, arbeitete als freiberuflicher Journalist für das investigative Ressort des WDR, nachdem er zuvor bei »Spiegel TV« tätig war. Seit 2018 arbeitet er für das ARD-Magazin »Kontraste«.

Das Buch

Leonora hat einen YouTube-Kanal mit Beauty-Tipps, tanzt als Funkenmariechen im knappen Rock, liest alten Leuten im Pflegeheim vor. Parallel pflegt sie ein digitales Islamisten-Leben im Netz und in Chat-Gruppen. Im März 2015 packt sie ihre Koffer und verschwindet heimlich nach Syrien, in den Islamischen Staat. Zurück bleibt ein verzweifelter Vater, der alle Hebel in Bewegung setzt, der bald reuigen Leonora zur Flucht zu verhelfen. Wird der lebensbedrohliche Plan gelingen?In diesem Buch wird der ganze Wahnsinn der Auswanderung ins IS-Gebiet spannend wie ein Krimi erzählt. Vater Maik berichtet von vier schwierigen Jahren, die ihn fast gebrochen hätten. Doch auch Leonoras Seelenleben wird gespiegelt, wenn aus ihrem Tagebuch, ihren Chats mit Freundinnen und aus Audio-Nachrichten an die Familie zu Hause zitiert wird. Was hat Leonora dazu bewogen, sich dem IS anzuschließen? Wie lebt es sich in einem mörderischen Terrorstaat und einer dschihadistischen Großfamilie mit Ehemann, drei Frauen, Kindern und einer Sklavin? Und wie kann sie unentdeckt fliehen, ohne ihr Leben aufs Spiel zu setzen? »Leonora« erklärt das Alltagsleben im Krieg, die Funktionsweise des IS und wie deutsche Frauen von weiblichen IS-Hardlinerinnen nach Syrien gelockt werden. Der IS mag sein Territorium verloren haben – doch seine Ideologie ist längst nicht geschlagen. Die Diskussionen über die Zukunft ehemaliger Mitglieder werden uns noch lange begleiten.

Maik Messing mit Volkmar Kabisch und Georg Heil

Leonora

Wie ich meine Tochter an den IS verlor - und um sie kämpfte

Ullstein

Besuchen Sie uns im Internet:www.ullstein-buchverlage.de

Econ ist ein Verlag der Ullstein Buchverlage GmbH

© der deutschsprachigen AusgabeUllstein Buchverlage GmbH, Berlin 2019E-Book-Konvertierung powered by pepyrus.comAlle Rechte vorbehalten.

ISBN 978-3-8437-2201-8

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Inhalt

Die Autoren / Das Buch

Titelseite

Impressum

Vorwort von Georg Mascolo

Die erste Nachricht

Kindheit im Grünen

Das Doppelleben

Der Ehemann und die Nebenfrauen

Die Frauen des Kalifats

Alltag im Kalifat

Treffen mit al-Qaida

Abu go!

Die Todesnachricht

Die Sklavin

Das Kalifat im Niedergang

Unternehmen Flucht – die Zweite

Stalingrad Baghouz

Moment verpennt

Leonora – leibhaftig

Danksagung

Bilder

Social Media

Vorablesen.de

Cover

Titelseite

Inhalt

Vorwort von Georg Mascolo

Vorwort

Der Aufstieg und Niedergang des sogenannten Islamischen Staates wird noch lange zu den erschreckendsten, den ungewöhnlichsten Geschehnissen unserer Zeit gehören. Nachfolgende Generationen werden sich schwertun zu verstehen, was zwischen 2014 und 2019 in Syrien und im Irak geschah. Und wie es so weit kommen konnte. Hoffentlich wird man auch aus den Fehlern dieser Geschichte lernen.

Es gibt diesen IS überhaupt nur, weil die USA nach dem 11. September 2001 in den Irak einmarschierten. Dort gab es, anders als damals behauptet, nicht nur keine Massenvernichtungswaffen, sondern auch keine islamistischen Zellen. Das dortige Regime hatte nicht al-Qaida unterstützt, den Urheber des Massenmordes, der die USA und die Welt veränderte. Erst nach dem Einmarsch verbündeten sich radikale Islamisten mit ehemaligen Militärs und Geheimdienstlern des untergegangenen Regimes von Saddam Hussein. Denn sämtliche Mitarbeiter der irakischen Sicherheitsbehörden waren von den Amerikanern entlassen und ohne finanzielle Absicherung auf die Straße gesetzt worden. Und das, obwohl unter ihnen Spezialisten waren, die ihr Wissen über Mord und Totschlag nun neuen Dienstherren zur Verfügung stellten: den Urhebern des islamistischen Terrors. Zunächst waren sie treue Al-Qaida-Gefolgsleute, dann wurden sie zur inner-dschihadistischen Konkurrenz – selbstbewusster, noch brutaler und anmaßender, als es selbst al-Qaida je war.

Eigentlich war diese al-Qaida im Irak in den Jahren 2009 und 2010 bereits geschlagen. Irakische Stämme, die den Terroristen einst Unterschlupf, Gelder, Waffen und ihre Söhne gegeben hatten, wendeten sich von der Terrororganisation ab. Am Ende aber, wie schon so oft, wenn es um die Bekämpfung von Terrorismus geht, fehlte es an einer langfristigen Strategie, an einer Idee, wie das Land dauerhaft auch ohne militärische Präsenz ausländischer Soldaten stabilisiert werden könnte. So erklärten die USA voreilig den Sieg, zogen bald darauf überhastet ab – und der wahre Siegeszug des IS begann. Ein sich wegen seiner extremen Kurzsichtigkeit in medizinischer Behandlung befindlicher Islam-Gelehrter der Universität in Bagdad namens Abu Bakr al-Baghdadi übernahm die Führung und rief sich zum Kalifen aus. Er betrog seine Anhänger, indem er behauptete, direkt vom Propheten Mohammed abzustammen. Doch seine Gefolgsleute glaubten noch den größten Blödsinn. Und es funktionierte, zunächst jedenfalls.

Im Irak und im vom Bürgerkrieg zerrütteten Syrien schufen er und seine Anhänger ein Kalifat von der Größe Großbritanniens. Millionen Menschen mussten die Schreckensherrschaft der Terrorhorden seiner Gefolgsleute erdulden. Schreckliche Gräueltaten wurden begangen, die Sklaverei wurde wieder eingeführt, Weltkulturerbe-Stätten wurden unwiederbringlich zerstört. Das Zweistromland, Wiege menschlicher Kultur, wurde zu einem Ort unsagbarer Verbrechen.

Dieses Kalifat war das vielleicht ehrgeizigste Staatsgründungsprojekt in der Geschichte des Terrorismus. Und es zog Tausende, Zehntausende aus aller Welt an. Allein etwa 1.050 Islamisten machten sich aus Deutschland auf den Weg. Von einer von ihnen handelt dieses Buch: Leonora Messing, 15, als sie zum IS zog, heute 19 Jahre alt. Anhand ihrer Geschichte lässt sich der Aufstieg dieses Terrorstaats erzählen, die brutale Realität im Inneren begreifen. Leonora Messings Geschichte hilft zu verstehen, was nicht zu verstehen ist. Und beschreibt das Erleben derjenigen, die zu Hause zurückgelassen wurden: die Familie, die Freunde, das persönliche Umfeld.

Zu den beschämenden Kapiteln der Anfangsjahre 2012 bis 2014 gehört, dass viele europäische Regierungen ganz froh darüber waren, wenn sich Islamisten aus ihren Ländern auf den Weg nach Syrien und in den Irak machten. Eine so einfache wie falsche Sichtweise: Wenn sie dort unten kämpften, mordeten und starben, dann hatte man kein Problem mit ihnen im Herkunftsland. Europa exportierte nach Schätzungen mehr als 5.000 seiner Terroristen in den Nahen Osten. Die Leidtragenden waren die Menschen dort.

Manche erkannten früh, in welchen Irrsinn, welches Unrecht, welche Brutalität sie geraten waren. Sie setzten sich ab und flohen, wenn sie denn konnten. Der IS richtete Abweichler und Verräter hin. Unter denen, die zum IS kamen, waren auch auffällig viele Frauen, Mädchen, manche noch in der Pubertät, leicht verführbar und auf der Suche nach einem neuen, einem angeblich islamischen Leben. Manche setzten sich nur zum IS ab, weil sie von zu Hause wegwollten und ihre Eltern sie von dort nicht zurückholen konnten. Und die deutsche Polizei auch nicht.

Noch schlimmer ging es den Kindern, die von ihren Eltern in den Terrorstaat verschleppt wurden. Oder die dort geboren wurden. Es sind viele, denn die Frauen im Kalifat hatten vor allem die Aufgabe, die Kämpfer zu umsorgen, den Haushalt zu organisieren und die nächste Generation IS-Anhänger zu gebären. Diesen Teil der Ideologie kennt man schon von den Nazis. Überhaupt finden sich auffallend viele Parallelen zwischen diesen beiden totalitären Ideen. Die Welt in ein Gut und ein Böse zu teilen und Schattierungen dazwischen nicht zuzulassen, ist wohl die Größte unter den Gemeinsamkeiten. Bei einigen der Ausgereisten fragt man sich, ob sie nicht auch Karriere in einer Neonazi-Organisation hätten machen können, wenn ihre migrantische Herkunft dem nicht im Wege gestanden hätte.

Dass dieser Irrsinn am Ende scheitern musste, war unvermeidlich. Lange schaute die Weltgemeinschaft zu, ließ die Terrormiliz gewähren. Dann, im Spätsommer 2014, formte sich gegen den IS schließlich eine große Allianz aus Staaten, die sich sonst auf gar nichts mehr einigen können: die USA, Russland, Saudi-Arabien, die Türkei und viele andere. Und auch die Anschläge in Paris, in Nizza, in London oder auf dem Weihnachtsmarkt in Berlin führten nur zu noch größerer Entschlossenheit. Gegen die militärische Übermacht konnten die Terroristen am Ende nichts ausrichten.

Als die letzten Arbeiten an diesem Buch beendet wurden, im Sommer 2019, war der IS als Staat geschlagen und verschwunden. Die Gefängnisse im Irak, viel mehr aber noch die Lager in den Kurden-Gebieten Syriens sind voll. Mehr als einhundert Deutsche sind unter ihnen und mindestens doppelt so viele Kinder. Anstatt bis zuletzt zu kämpfen und als »Märtyrer« ins Paradies einzuziehen, haben sich viele der deutschen Islamisten dann doch für das Leben entschieden und ergaben sich. Nun wollen diejenigen, die bei der Ankunft im Kalifat noch ihre Pässe verbrannten, kleinlaut zurück nach Hause: nach Europa, nach Deutschland.

Niemand hat Vorkehrungen dafür getroffen, was nach dem militärischen Sieg geschehen soll. Praktisch alle europäischen Länder weigern sich, ihre Staatsbürger zurückzuholen und vor die eigenen Gerichte zu stellen. Inzwischen fordern europäische Politiker ein Internationales Strafgericht. Aber auch erst jetzt. Nicht einmal für die Kinder, die nun überhaupt nichts für die Taten ihrer Eltern können, reicht das Mitgefühl. Einige von ihnen sind lebensbedrohlich erkrankt, leben, wie kein Kind es verdient. Mit dem, was von diesem Islamischen Staat übrig ist, will am liebsten niemand mehr etwas zu tun haben.

Es ist jene Form von Kurzsichtigkeit, die bereits den Aufstieg des IS begünstigt hatte. Das Kalifat existiert nicht mehr. Die Ideologie aber ist lebendig, wie die brutalen Anschläge in Sri Lanka an Ostern 2019 zeigten. Es ist einfacher, eine Stadt oder sogar einen De-facto-Staat einzunehmen, als eine Idee zu zerstören. Und so gehen viele der Anhänger wieder in den Untergrund, so wie sie es bereits aus der Vergangenheit kennen. Die Nachrichtendienste verschiedener westlicher Staaten warnen, die Kommandostruktur des IS habe erhebliche Geldsummen beiseitegeschafft, um den »Widerstand« aus dem Untergrund heraus zu finanzieren. Zu den Lehren gehört deshalb, dass ein jedes Land alles tun muss, um die Verbreitung einer solch radikalen Ideologie so früh wie möglich zu unterbinden, mit den Mitteln der Strafverfolgung, mit einer langwierigen und schwierigen Prävention und mit De-Radikalisierung. Aus den gemachten Fehlern kann man lernen. Wenn man denn will.

Georg Mascolo im Juni 2019

Die erste Nachricht

»Hallo, mein Name ist Nihad Abu Yasir«, steht auf dem Handydisplay. »Ihrer Tochter geht es gut, Gott sei Dank. Sie ist angekommen in Dawlatul Khilafa.«

Dawlatul Khilafa – das heißt so viel wie »der Kalifatstaat«. Doch das weiß Maik damals noch nicht. Den Begriff, mit dem Anhänger des Islamischen Staates ihre eigene Utopie bezeichnen und den man Daulatu al Chilafa ausspricht, hatte er noch nie gehört. Es ist nur einer von vielen Namen und Begriffen, die Maik erst lernen muss.

Sechs Tage sind nun vergangen, seit seine Tochter Leonora verschwunden ist. Sechs Tage Angst. Sechs Tage Verzweiflung.

Maik hatte mal eine Maurerlehre gemacht, bevor er im väterlichen Betrieb Bäcker wurde. In seinen 44 Lebensjahren hat er schon so einige Schicksalsschläge erlebt, doch diese Tage ohne Nachricht sind selbst für den groß gewachsenen, gestandenen Mann zermürbend. »Ich konnte nur noch reagieren, nicht mehr agieren«, erinnert er sich später an diese Tage und die erste Nachricht über den Verbleib seiner Tochter zurück.

Wenige Sekunden später piepst sein Handy wieder mit diesem Ton, der an ein kleines Glöckchen erinnert, typisch für eine neue Nachricht bei WhatsApp. Er wird ihn im Zusammenhang mit Leonora in den nächsten Monaten, den nächsten Jahren noch Hunderte Male hören – der Ton wird ihn oft erschaudern lassen, manchmal aber auch erfreuen, meistens hoffen.

Maik sitzt auf dem großen Himmelbett in Leonoras Zimmer im Dachgeschoss seines kleinen Hauses. Vom Fenster aus kann man den Kirchturm sehen und die vom rauen Wetter geschundenen Giebel der Nachbarhäuser. Die grauen Wolken verkanten sich zwischen den Hügeln des Harzvorlandes. Sie wollen einfach nicht weiterziehen. Es wirkt, als wollten sie die ohnehin triste März-Landschaft noch farbloser machen.

Alles hier im Zimmer erinnert ihn an seine Leonora, die er oft Leo nannte, obwohl er solche Verkürzungen eigentlich nicht mag. Alles hier ist sie. Die violette Wand, der Schreibtisch, der Schminktisch.

Auf dem Himmelbett wird er noch oft sitzen und an Leonora denken. Und er wird kämpfen – für seine Tochter, manchmal auch mit ihr und nicht zuletzt mit sich selbst. Er wird weinen, sich fürchten, Enttäuschungen erleben. Aber er wird auch viel lachen. Überhaupt lacht Maik viel und oft, meistens weil ihm danach ist, manchmal, weil er nicht besser mit der Situation umzugehen weiß.

Maik wird in fremde Länder reisen, in denen er noch nie zuvor war, sogar ganz nah heran an die syrische Grenze. Er wird mit Islamisten Bündnisse schmieden und erleben, wie seine Teenager-Tochter zur zweifachen Mutter wird und ihn mit der Frage zurücklässt, ob er sich darüber freuen oder weinen soll, Großvater zu werden. Maik wird erpresst werden und Leonora sogar kurzzeitig für tot erklärt werden. Doch all das ahnt er jetzt noch nicht. Genauso wenig wie er sich damals vorstellen kann, beinahe täglich mit zwei Journalisten in Kontakt zu stehen. Auch wir, die zwei Journalisten, ahnen zu dieser Zeit nicht, dass diese Geschichte uns so intensiv beschäftigen und uns zuweilen bis an den Rand journalistischer Professionalität führen wird. Manchmal sogar darüber hinaus.

Ihre Tochter ist in guten Händen. Ich werde mich so lange ich lebe um sie kümmern, bi idhnillah [Alles Lob gebührt Allah].

Maik starrt wieder auf das kleine Display seines Smartphones. Die fremde Landesvorwahl des ihm unbekannten Nachrichtenschreibers beginnt mit +1. Das ist irgendwo in Nordamerika, den USA oder Kanada. Maik weiß das. Vor einigen Jahren hatte er mal an einer Übung der Bundeswehr in Kanada teilgenommen. Aber das kann ja nicht stimmen. Doch was soll er jetzt tun? Zurückschreiben? – Nein. Was sollte man auf eine solche Nachricht auch antworten.

»Ihre Tochter liebt sie. Sie hat sich aber für Allah und den Islam entschieden. Sie ist im Islamischen Staat«, teilt der Nachrichtenschreiber als Nächstes mit. Leonora im Islamischen Staat? Das geht nicht, wie soll sie dahin gekommen sein? Was will sie da? Diesen IS kennt Maik nur aus dem Radio und aus der »Tagesschau«. Was hat er, was hat seine 15-jährige Tochter damit zu tun?

Der Nachrichtenschreiber macht Druck. »Keine Antwort ist auch eine!«, schreibt er harsch und schickt gleich noch ein drängelndes Fragezeichen hinterher.

Es ist der 12. März 2015, genau um 14:30 Uhr, als Maik sich entschieden hat, das erste Mal eine Nachricht in diesen selbst ernannten Islamischen Staat zu schicken: »Geht es ihr wirklich gut?«, fragt er. »Und wo ist sie? Kann ich mit ihr sprechen?«, schiebt er gleich noch am Wahrheitsgehalt der Aussagen zweifelnd hinterher. Prompt bekommt er eine Nachricht zurück: »Ihr geht es sehr gut. Sie ist zu Hause.«

Zu Hause. Leonoras Zuhause ist da, wo Maik gerade ist – in Breitenbach bei Sangerhausen an den Südausläufern des Harzes. MSH – Landkreis Mansfeld-Südharz steht hier auf den Nummernschildern der Autos. Zu Hause ist hier, nicht irgendwo im Nahen Osten. »Da gehört sie doch nicht hin«, schießt es ihm durch den Kopf. Ein Satz, den Maik wiederholen wird wie ein Mantra, immer und immer wieder.

Während Maik diese ersten Nachrichten erhält, durchsuchen zwei Beamte des Landeskriminalamtes Sachsen-Anhalt Leonoras Zimmer. Als Leonora sechs Tage zuvor plötzlich verschwunden war, hatte Maik die Polizei verständigt. Nun suchen die Beamten nach Spuren und Hinweisen zu ihrem Verbleib. »Freiwillige Herausgabe« heißt das im Behördensprech. Denn die Polizeibeamten haben keinen Durchsuchungsbeschluss. Maik kooperiert. Die Kommissare sollen schließlich ihre Arbeit machen und seine Tochter zurückbringen, irgendwie. Dass die Beamten das gar nicht können – und zumindest in den weiteren Wochen und Monaten auch gar nicht beabsichtigen –, auch das ahnt er damals noch nicht.

Vor einer Woche hatte Leonora das letzte Mal in ihrem Zimmer übernachtet. Es schien alles normal damals. Aber auch da ist sich Maik jetzt nicht mehr so sicher. Alles um ihn herum fühlt sich an wie eine Wolke. Ein Leben im Nebel. Undurchsichtig. Verschwommen. Dumpf. Über das Wochenende wollte Leonora angeblich zu ihrer leiblichen Mutter Babette ein paar Dörfer weiter. Da kam sie aber nie an. Auch das gehörte anscheinend schon zum Plan, ausgetüftelt bis ins kleinste Detail, wie Maik später berichtet:

Am nächsten Morgen bin ich von der Arbeit gekommen und da hab’ ich noch ihre Fußspuren im Schnee gesehen und die Spuren von den Rollen vom Koffer. Wir wussten ja, dass sie in der Schule eine Theateraufführung haben, dafür brauchte sie diesen Koffer. Den hatten wir extra noch vom Boden heruntergeholt für sie. Und da dachte ich noch so: Gott sei Dank hat sie den Koffer nicht vergessen mit in die Schule zu nehmen.

Ich konnte ja nicht ahnen, dass sie damit verschwindet. Wir waren ja wirklich felsenfest der Meinung, dieser Koffer ist für diese Schulaufführung.

Meine Frau hatte wie üblich die ganze Zeit über Kontakt mit Leonora per WhatsApp. Als sie dann etwas zurückschreiben wollte, hat Leonora dann irgendwann nicht mehr geantwortet. Da war das Profil gelöscht. Also das Profilbild war weg und wenn man darauf drückte, kam einfach keine Anzeige mehr. Das war ganz außergewöhnlich, weil online zu sein war ihr immer ganz wichtig. Dass sie mal nicht online war oder dass der Akku mal alle war, das kam schon vor, aber dass das ganze Profil weg war? Das war der Moment, wo wir gesagt haben: Da stimmt irgendwas nicht.

Wir haben dann ihre leibliche Mutter angerufen, doch die antwortete, dass Leo nicht bei ihr sei. Sie hatte ihr erzählt, es gehe ihr nicht gut und sie wolle deshalb zu Hause bleiben. Und dann haben wir Emine* (*Name geändert) angerufen, ihre beste Freundin, bei der Leonora viel Zeit verbracht hat.

Und Emine sagte gleich: »Wie? Nee, die kann nicht bei mir sein, ich bin gerade im Krankenhaus.« Scheiße, hab’ ich da gesagt.

An diesem Freitag, dem 6. März, war es früh dunkel geworden. Als es nach einer Zeit des Abwartens immer noch keine Nachricht von Leonora gibt, beschließt Maik, die Polizei zu alarmieren. Er wählt die Nummer der örtlichen Dienststelle in Sangerhausen. Der Beamte in der Leitung bittet Maik, zum Revier zu kommen und sicherheitshalber eine Vermisstenanzeige aufzugeben, auch wenn sich Jugendliche wie Leonora erfahrungsgemäß schnell wieder einfänden.

Die Straße hinab in die Kleinstadt schlängelt sich durch den dichten Wald. Die vielen Schlaglöcher zwingen Maik, langsam zu fahren. Wieder und wieder geht er alles durch. Sein Kopf ist voll. Er frisst die Informationen in sich hinein, vermag sie aber nicht in eine Ordnung zu bringen. Wie ein großes Wollknäuel, bei dem es keinen Anfang und kein Ende zu geben scheint. Maik greift in seinen Gedanken nach den Fäden, doch die schnipsen einfach immer wieder zurück. Er kann keinen festhalten, bevor er schon zum nächsten Gedankenfaden springt.

Der betagte Kriminalbeamte auf der Wache tippt mit dem Ein-Finger-Prinzip die Vermisstenanzeige in den Computer. Die Anzeige trägt die Vorgangsnummer SGH RK KrimD 1/928/2015, samt einer kurzen Personenbeschreibung von Leonora: »Scheinbares Alter ca. 16, Größe: 168 cm, schlank, lange brünette Haare, braune Augen // Bekleidung: Anorak blau-grau mit Fellkragen und Kapuze, Sportschuhe Nike. // Vermisste Person führt einen lilafarbenen Hartschalenkoffer mit Rollen bei sich.«

Noch am selben Abend meldet sich Leonoras beste Freundin Emine aufgeregt bei Maik. Sie chatte gerade mit seiner Tochter, erzählt sie Maik

Erst haben sie hin und her geschrieben, das hat sie uns dann auch immer gleich weitergeschickt per Screenshot. Leonora hat gelogen und sagte zu Emine, sie sei mit ihrer Mutter in die Pizzeria essen gegangen. Und Emine hat dann irgendwann geschrieben: Hör auf, mich anzulügen! Ich weiß, dass du nicht bei deiner Mutter bist. Also sag mir jetzt die Wahrheit.

Leonora benutzt nach der Löschung ihres Accounts eine türkische Telefonnummer. Emine erkennt das sofort, schließlich ist ihre Familie kurdisch und stammt ursprünglich aus der Türkei. Emine war dort schon häufig zu Besuch bei Verwandten. Über einige Stunden chatten die Freundinnen miteinander:

Emine: Leo ich raste hier noch aus. Sag mir wo du bist. Was machst du für Sachen?

Leonora: Mir geht es schlecht. Ich möchte den Islam richtig praktizieren und das geht zu Hause momentan nicht. Deswegen bin ich über das Wochenende weg.

Emine: Sag mir doch wenigstens wo du bist! Mann Leo, du weißt, du kannst jederzeit zu mir!

Leonora: Ich vertraue dir jetzt zu 100%

Emine: Du kannst mir vertrauen zu 1 000 000%

Leonora: Wirklich? Egal was ist? Und egal wo ich bin?

Emine: Was ist los? Was ist passiert?

Leonora: Ich bin nicht in Deutschland. Sondern in der Türkei.

Emine: Ist das dein Ernst???? Was machst du da? Bist du verrückt?

Leonora: Ich bin in einem Hotel mit anderen. Elhamdulillah [Gott sei Dank], dass ich dich habe. Wirklich. Ich habe ja keinen Streit mit meinen Eltern. Alles läuft gut. Aber ich will anders leben! Ich muss mich total verstellen. Ich führe voll das Doppelleben …

Emine: Hast du dich bei deinem Papa gemeldet?

Leonora: Er denkt ich bin bei meiner Mutter.

Emine: Nein! Weißt du wo er gerade ist? Er sitzt bei der Polizei.

Leonora: Wirklich?

Emine: Ich hab ihn gerade angerufen. Er leidet total!

Leonora: Ich will nicht, dass er leidet. Es tut mir alles so leid.

Emine ist geschockt. Leonora in der Türkei? Weil sie islamisch leben möchte? Emine versucht Leonora anzurufen. Irgendwie muss sie ihre Freundin doch überzeugen können, wieder nach Hause zu kommen! Nach einigen vergeblichen Versuchen kommt tatsächlich ein kurzes Gespräch zustande. Emine schildert es am darauffolgenden Tag so: »Ich habe ihr gesagt, dass sie jetzt genau sagen soll, wo sie ist, und sie hat nur geantwortet, dass alles gut ist, und aufgelegt. Dabei hat sie geweint. Danach war sie nicht mehr erreichbar.«

Schon seit einiger Zeit hatte sich Leonora für den Islam interessiert. Emine wusste das. Sie sprachen oft darüber, und die Freundin konnte Leonora hilfreiche Hinweise geben. Schließlich ist sie selbst gläubige Muslima. Auch Maik und die Familie wussten von Leonoras Interesse. Maik hatte sie sogar ermutigt, einen deutschsprachigen Koran zu kaufen, damit sie verstehen kann, was darin geschrieben steht. Einen Konflikt über den Glauben oder das Leben als gläubige Muslima hatte es bei ihnen zu Hause in Breitenbach nie gegeben.

Als Maik die Zeilen des Chats zwischen Leonora und ihrer Freundin liest, macht er sich große Sorgen. Was, wenn seine Tochter von der Türkei aus in den Islamischen Staat reisen will? Noch ist es nur eine dunkle Vorahnung. Gewissheit wird er erst eine Woche später erhalten, wenn sich ihr neuer Ehemann meldet. Zunächst einmal macht er sich Vorwürfe. Hätte er nicht besser auf Leonora aufpassen müssen? Aber worauf aufpassen oder beschützen, wenn er nicht weiß, vor wem oder vor was? Vater und Tochter hatten eine gute, eine innige Beziehung. Was hat er verpasst? Warum hat sich Leonora ihm nicht offenbart? Es hätte doch Wege gegeben. Zusammen hätten sie doch eine Lösung gefunden!

Auch schulisch gab es keinerlei Anzeichen, dass sie sich jetzt mehr für den Islam interessiert als für Mathe, gar nicht, keinerlei Hinweise. Es war noch extra aufs Zeugnis geschrieben worden, dass Leonora sozial sehr engagiert ist. Sie hat im Pflegeheim alten Leuten vorgelesen, sie hat in der Schülerband mitgespielt und sie war Klassensprecherin.

Leonora musste nicht integriert werden. Sie wurde hier im Südharz geboren und ist hier aufgewachsen. Auch ihre Mutter Babette und Vater Maik kommen aus der Gegend. Maik hatte schon einmal davon gehört, dass sich junge Leute auf den Weg machen nach Syrien und in den Irak. Sie wollten in den Dschihad, hieß es, in den Heiligen Krieg. Aber solche Problemfälle waren weit weg, hatten nichts mit ihm zu tun. Diese jungen Leute kamen aus großen Städten und hatten meistens einen Migrationshintergrund. Leonora kommt aus einem Dorf mit 190 Einwohnern. Die nächste Moschee liegt von Breitenbach mehr als 50 Kilometer entfernt. Und dennoch ist sie fortgegangen. In ein Leben im Islamischen Staat, mit täglicher Gewalt, mit Morden auf den Straßen und mit beinahe täglichen Bombenangriffen einer internationalen Koalition, angeführt von den Hightech-Bombern der USA.

Leonora wollte nicht die Familie verlassen, nicht den Vater, nicht ihre geliebten Hunde, die Pferde. Und dennoch wollte sie weg. Monate später wird sie ihrer Freundin Emine eine Nachricht schreiben und über ihre letzte Nacht in Breitenbach berichten.

Oh Gott … muss gerade an den letzten Abend denken. Wie ich mit Absicht zehn Sachen im Wohnzimmer gelassen habe, um immer wieder runterzugehen, damit ich Papa immer wieder gute Nacht sagen konnte … Und wie ich Koffer gepackt habe … Und einfach nur geheult habe … .

Als Maik diese Zeilen später liest, beginnt er heftig zu weinen. Sein Schmerz sitzt so tief, die Enttäuschung. Vor allem, von seiner Tochter so belogen worden zu sein und es nicht zu bemerken.

Als Leonora geht, hinterlässt sie ihren Laptop und ihr Tablet auf dem Bett. Fein säuberlich zurechtgelegt, präsentiert beinahe, damit die Eltern sie rasch finden können. Auf einem kleinen Zettel hatte sie noch das Passwort für den Rechner notiert, »Kinderzimmer«, und mit Klebestreifen auf die Plastikverkleidung geklebt.

Maik ist ein technischer Analphabet. Er hat Sorge, etwas zu übersehen oder einen wichtigen Hinweis im Labyrinth des Computers nicht zu finden, eine Spur etwa, wo Leonora sich aufhält, welche Pläne sie genau hat. Vielleicht findet sich ein Aufenthaltsort oder ein Kontakt, mit dessen Hilfe er seine Tochter finden und wieder nach Hause bringen kann. Zwei Tage sind seit Leonoras Verschwinden inzwischen vergangen. Mithilfe eines computererfahrenen Freundes untersucht er die Geräte. Wie Detektive spüren sie durch die Dateien und Fotos. Es sind viele, sehr viele. Die Polizei wird später Tausende Fotos auf dem Rechner entdecken. Die allermeisten ohne jede weiterbringende Spur. Nach einigem Suchen finden die beiden eine nicht versendete E-Mail, sie liegt noch im Ordner »Entwürfe«. Schnell stellt sich heraus: Auch der Inhalt ist unvollendet. Leonora hatte entweder keine Zeit mehr, die Mail zu versenden, oder ihr fehlte der Mut. Denn die Mail war für Maik bestimmt. Es ist eine Art Abschiedsbrief an den Vater:

Hallo Papa,

wie Ihr jetzt sicherlich bemerkt habt, bin ich nicht mehr da und erreichbar!

Ich bin ausgewandert! Bitte macht euch keine Sorgen! Es ist zu 100% nicht eure Schuld … Ich liebe euch sehr!! Ich habe sehr lange darüber nachgedacht und alles gut geplant, damit alles gut geht und ich gut leben kann. [ …] Macht euch jetzt keine Vorwürfe, denn ihr seid nicht daran schuld, dass ich gegangen bin. NIEMAND ist daran schuld. Ich habe mich damals für den

Und dann bricht es ab. Es sind Worte des Bedauerns, die Eltern so hinters Licht geführt zu haben. Doch sie erklären nichts. Gründe für diesen Wahnsinnsentschluss wird Maik noch jahrelang vergeblich suchen, wirklich finden wird er sie nicht.

Als Maik und der Freund noch etwas tiefer im Computer graben, finden sie eine Flugbuchung. Anscheinend wurde der Flug bar bezahlt. Die Tickets für den Flug mit Turkish Airlines TK 1598 von Frankfurt am Main nach Istanbul würden am Schalter zur Abholung hinterlegt. Abflug 6. März 2015 um 7:45 Uhr, Ankunft in Istanbul 11:45 Uhr. Außerdem findet sich die Reservierung für ein Golden Crown Hotel in der Stadt am Bosporus. Das könnte eine Spur sein. Denn sie hatte Emine von einem Hotel berichtet, in dem sie mit anderen sei. Ein kurzes Telefonat bringt die bittere Gewissheit: Leonora hat in dem Hotel niemals eingecheckt. Eine tote Spur.

Im Ordner »Dokumente« entdecken sie schließlich noch eine Textdatei. Sie trägt die Bezeichnung »Einverständniserklärung.doc«. Darin willigt Maik in die Reise nach Istanbul ein, auch wenn Leonora noch nicht einmal 16 ist. Die Unterschrift muss sie gefälscht haben. Und noch etwas fällt auf: Leonora reist nicht allein. Sie wird von einer jungen Frau namens Martina* (*Name geändert) begleitet, die schon 18 Jahre alt zu sein angibt. Martinas Name findet sich auch in der Flugbuchung und der Hotelreservierung.

Wieder so ein Faden, den Maik nicht richtig fassen kann, auch wenn ihm der Name bekannt vorkommt. Leonora hatte ihm gegenüber mal eine Martina erwähnt, vor Wochen schon. Sie seien früher mal zusammen zur Schule gegangen, in dieselbe Klasse, hatte sie gesagt. Irgendwann sei sie dann weggezogen. Mehr weiß Maik nicht über die junge Frau. Er hatte auch nicht weiter nachgefragt. Ein Fehler? Hätte er seine Tochter womöglich stoppen können, wenn er nachgehakt hätte? Ist sie es, die für Leonoras Reise in den Krieg, ja vielleicht in den Tod, verantwortlich ist? Hat sie seine Tochter verführt? Hat sie Leonora einer Gehirnwäsche unterzogen, sodass sie bereit war, in diesen Heiligen Krieg zu ziehen, der doch nichts Heiliges hat? Die Verbrechen des Islamischen Staates sind doch offensichtlich. Hat Leonora das nicht gesehen? Hat sie ihre Augen davor verschlossen? Sie hatte doch immer so ein großes Gerechtigkeitsempfinden und setzte sich für Schwächere ein. Was soll an diesem Islamischen Staat gerecht sein?

Nun, sechs Tage sind seit ihrem Verschwinden vergangen, sind die beiden Beamten des LKA Sachsen-Anhalt im Haus, in Leonoras Zimmer im Dachgeschoss. Sie waren die enge Treppe hinaufgestiegen. Überall hängen Fotos von Leonora, mit ihren Freundinnen, mit ihrer Familie im Urlaub in Barcelona oder auf einer AIDA-Kreuzfahrt vor einem Jahr. Nun laufen die Polizisten kreuz und quer durch die vier Wände, in denen Leonora noch vor Kurzem Beauty-Videos für ihren eigenen YouTube-Kanal drehte und ihre Erfahrungen mit einem neuen Lippenstift oder die nahezu magischen Kräfte einer bestimmten Nachtcreme beschwor. Das Publikum waren Teenager wie sie – irgendwo da draußen. Ein Kopftuch trug Leonora dabei nie.

Die Beamten stoßen sich zuweilen den Kopf an den Dachschrägen. Kathleen* (*Name geändert), Maiks zweite Frau, hilft den Beamten. Gemeinsam durchsuchen sie jedes Kleidungsstück, schauen unter die Matratze, hinter die Schränke, in Ritzen und Spalten, einfach überall hin. Und sie blättern durch Leonoras Schulhefte und Bücher.

Plötzlich klingelt Maiks Handy. Es ist wieder diese Telefonnummer, die mit +1 beginnt, die gleiche, von der zuvor die Nachrichten kamen. Maik sitzt wie gelähmt auf Leonoras Bett, unfähig, die Entscheidung zu treffen, das Gespräch entgegenzunehmen oder es einfach zu ignorieren. Er starrt den Polizisten an. Der bedeutet ihm ranzugehen. Da es anders klingen würde, wenn er die Freisprechtaste drückt, sodass alle mithören könnten, presst der Polizist sein Ohr an Maiks, um wenigstens ein paar Sprachfetzen aufzuschnappen.

Der Mann am Telefon hat mir gesagt, Leonora ist zu Hause und kann deshalb gerade nicht selbst sprechen. Ich habe dann gefragt, wo zu Hause denn sein soll, und er sagte: Na in Syrien. Der Mann stand irgendwo draußen auf der Straße. Es war ziemlich laut. Ich konnte im Hintergrund Autos und Hupen hören. Weil man dort nur über das Internet telefonieren kann, hat er noch gesagt, müsste ich noch ein bisschen warten, bis ich Leonora selbst sprechen könnte. Mehr hat er nicht gesagt. Und mir sind in dem Moment auch keine klugen Fragen eingefallen. Dafür war ich einfach zu aufgeregt. Das Gespräch dauerte nicht lange, vielleicht eine Minute, vielleicht auch zwei, das kann ich schlecht sagen. Aber ich habe danach aufgelegt und habe zu dem Mann vom LKA gesagt: Das ist ein Ossi, 100%ig, vom Dialekt her, von der Wortwahl her. Das hat dann ja auch gestimmt.

Der Anrufer, der sich im Gespräch als Nihad Abu Yasir vorstellte, hat bei WhatsApp ein Profilfoto eingestellt. Ein schlanker junger Mann mit schwarzer Sturmhaube ist darauf zu sehen. Die gesamte Kleidung, eigentlich alles, ist tiefschwarz. Er hat große dunkle Augen, und die wenige Haut, die man erkennen kann, ist hell. In der Hand, das springt sofort ins Auge, hält er eine Kalaschnikow mit dem typisch großen geschwungenen Magazin. Etwas verborgen, an der Seite, trägt der Anrufer noch eine Pistole im Schulterholster. Das Bild soll bedrohlich sein und verfehlt diese Wirkung auch nicht. Denn noch dazu steht der Mann vor einer schwarzen Flagge des IS. »Der Rambo des Islamischen Staates« könnte darunter stehen. Aber wahrscheinlich ist Rambo auch verboten im IS. Schließlich ist der Film ja ein amerikanisches Erfolgsprodukt.

Der Anruf hatte die Durchsuchung des Zimmers für einen kurzen Moment unterbrochen. Maik soll nur schnell ein Telefonprotokoll anfertigen für die Akte. Dann geht es weiter. Die Beamten werden fündig. Auf einzelnen DIN-A4-Seiten hatte Leonora Listen erstellt. Packlisten mit alltäglichen Dingen, die sie nicht vergessen wollte. Es ist eine Art Grundausstattung für ein Leben im Dschihad – irgendwo in Syrien, auch wenn sich die Liste in vielen Punkten nicht von der für eine Kreuzfahrt unterscheidet. Nur steht hier Dawla Islamiyya – also Islamischer Staat – obendrüber, und dann die Auflistung:

3 Khimar

[große Kopftücher, die auch den Oberkörper verhüllen]

5 Nikabs

[Gesichtsschleier, die nur einen Sehschlitz über den Augen frei lassen, manchmal nicht einmal den]

Zahnbürste / Pasta

Duschgel / Tücher

Deo, Parfüm

T-Shirts, Pullover, Hosen

Unterwäsche, BHs, Socken

2 Handys, Ladekabel

Geld

Koran / Bücher

Schuhe

Jogginghose

Maik kann es nicht fassen.

Es ist egal, mit wem man spricht. Wer Leonora gekannt hat, sagt: Das glaub` ich nicht! Das kann doch nicht stimmen, nicht Leonora. Das hat bei uns auch ein Stück weit gedauert, bis wir das wirklich realisiert haben – und um ganz ehrlich zu sein, richtig realisiert haben wir das noch immer nicht. Im Moment ist es immer noch so surreal. So wie: Gleich wachst du auf und Gott sei Dank war alles nur ein Albtraum.

Doch der Albtraum ist bittere Realität. Wenn Maik morgens erwacht, dann bleiben seine Gedanken immer an diesem einen Thema haften. Er geht damit ins Bett und wacht damit wieder auf. Leonora und der Islamische Staat – zwei Dinge, die für Maik so gar nicht zusammenpassen wollen, sind allgegenwärtig, ständig, überall.

Seit Kurzem sind Maik und seine Familie in Betreuung professioneller Helfer. Claudia Dantschke und ihr Team von der Organisation Hayat (übersetzt: »Leben«) hatten Maik angerufen und sich und ihre Arbeit vorgestellt. Sie hatten von Leonora durch einen anderen Fall erfahren, Martina, die 18-jährige angebliche ehemalige Klassenkameradin, mit der Leonora nach Istanbul geflogen war. Ihre Mutter war bereits mit Hayat in Kontakt getreten und hatte von einer »Mitreisenden« erzählt. Claudia Dantschke und ihre Kolleginnen betreuen Dutzende Familien mit einem ähnlichen Schicksal. Eine erste Lektion lernt Maik schnell, und sie wird ihm in den nächsten Monaten, in den nächsten Jahren, unwahrscheinlich viel Kraft geben: Ihr seid nicht allein! Es kann jeden treffen, egal ob jung oder alt, ob Mann oder Frau, ob Migrationshintergrund oder biodeutsch, ob arm oder reich, bildungsnah oder bildungsfern. Das alles spielt bei der Radikalisierung junger Menschen nur eine Nebenrolle. Mit einer zweiten Lektion tut sich Maik hingegen deutlich schwerer: »Ihr müsst, auch wenn das eine Herausforderung ist, viel Geduld haben!«, rät Claudia Dantschke.

Doch Maik hat keine Geduld. Er will nicht abwarten, er kann nicht abwarten. Er will jetzt Kontakt zu seiner Tochter. Er will jetzt erfahren, ob es ihr gut geht. Wo sie ist, was sie macht und vor allem: Warum hat seine Leo diesen Weg gewählt, die Auswanderung, wie sie es im unvollendeten Abschiedsbrief nannte? Bei jedem kurzen Chat mit dem ominösen schwarz gekleideten Mann in Syrien drängt er auf direkten Kontakt. Doch dieser Nihad Abu Yasir vertröstet ihn immer wieder: »Sie sagt, sie braucht etwas Zeit. Sie traut sich nicht. Haben Sie etwas Geduld. Sie wissen jetzt, sie ist hier.« Dann, am späten Nachmittag des 12. März, kurz nachdem die LKA-Beamten das Haus verlassen haben, erreicht Maik eine Nachricht, angeblich direkt von Leo: »Ja, Papa.« Maik antwortet sofort, die Berührungsängste sind verflogen: »OK Maus. Ruf mich an, sobald du kannst.« Leonora schreibt zurück: »Oki.«

Oki, das hat Leonora noch nie geschrieben. In früheren Nachrichten hat sie lange Worte abgekürzt, manchmal sogar ganze Sätze. Sie hat verniedlicht, auch viele Rechtschreibfehler gemacht und eben ihre eigene Jugendsprache genutzt. Aber Oki? Das ist nicht ihr Stil. Dieses kurze Wort führt zu langen Diskussionen in der Familie. Kann sie das selbst geschrieben haben? Ist sie vielleicht einfach auf die falsche Taste gekommen? Oder versucht da jemand, Maik und den anderen einen Riesenbären aufzubinden, nur geschrieben, um Zeit zu gewinnen und zu beschwichtigen? Oder ist Leonora womöglich gar nicht im Islamischen Staat und alles nur eine fürchterliche Lüge?

Am 14. März ist auch diese kleine Hoffnung dahin. Leonora meldet sich mit einer Audionachricht bei Maik. Acht Tage sind seit ihrem Verschwinden inzwischen vergangen. Es ist Leonoras Stimme, da gibt es keinen Zweifel mehr. Sie wirkt heiter, fast überschwänglich. Für Maik ist es ein Schlag ins Gesicht, auch wenn er sich natürlich freut, endlich direkt von ihr zu hören.

Hallo Papa, ich versuche, euch jetzt ein Sprachmemo zu schicken. Ich hoffe, es kommt schnell an. Und ja, also mir geht es sehr, sehr, sehr gut. Wir haben hier eine große Wohnung, sehr groß. Es sieht auch alles sehr schön aus. Ich durfte alles einrichten, wie ich es möchte. (Sie lacht.) Und natürlich habe ich alles lila gemacht. Wir haben hier auch keine Sofas, so wie in Deutschland, wir haben hier so Kissen, wie so Sitzecken. Ich kann euch auch ein paar Fotos schicken.

Leonora freut sich, im Islamischen Staat zu sein. Daran lässt die Nachricht keinen Zweifel. Auch wenn Maik ihr Gesicht nicht sehen kann, glaubt er ihrem Überschwang. Dann piepst sein Telefon ein Dutzend Mal hintereinander. Jeder Pieps ein Foto per WhatsApp aus dem Islamischen Staat. Es sind Aufnahmen aus dem Inneren der Wohnung in Syrien.

Gebannt schauen sich Maik und Kathleen dieses angeblich neue Zuhause an. Sofort fällt ihnen der übertriebene Kitsch der Möbel und Einrichtungsgegenstände auf, typisch für den Nahen Osten. Ein Foto zeigt das Schlafzimmer. Darin ein großes Bett, kein Himmelbett von IKEA wie zu Hause in Breitenbach. Stattdessen ein Ehebett mit rosa-geblümter Tagesdecke, die nach Kunstseide aussieht. Schrecklich hässlich. Davor liegt ein schwerer grüner Teppich mit einer darauf gestickten weißen, übergroßen Orchidee.

Überall entlang der Wände liegen Sitzkissen. Es sind lang gezogene harte Polster, überzogen mit einem groben grauen, zuweilen dunkelblauen Stoff. Es scheint keine Schränke zu geben, jedenfalls hat sie keine fotografiert. Alles wirkt sehr aufgeräumt, fast steril, nichts liegt herum. Das ist vollkommen untypisch für Leonora, denken Maik und Kathleen. Leonora hatte, wohl ganz typisch für ihr Alter, immer ein großes Problem mit dem Ordnung halten. Zu Hause in Breitenbach gab es eine Absprache, einen Deal zwischen Leonora und der Familie: Jeden Freitag wird das Zimmer zumindest so aufgeräumt, dass man ohne Inkaufnahme schwerer körperlicher Verletzungen den Weg zwischen Tür und Fenster zurücklegen kann. Daran hatte sie sich auch gehalten. Leider hielt die Ordnung längstens einen Tag.

Die Wände in Syrien sind weiß gekalkt. In einem Zimmer hängt die berüchtigte Flagge des Islamischen Staates an der Wand, mit goldenem Saum und Fransen. Welche Bedeutung die weißen arabischen Buchstaben auf schwarzem Untergrund haben, davon hat Maik zu diesem Zeitpunkt noch keine Ahnung. Es interessiert ihn auch nicht sonderlich.

Die Einrichtung in der Wohnung soll herrschaftlich wirken. Zum Beispiel der Tisch mit der Glasplatte. Doch die goldenen Beine sind ganz offensichtlich aus Plastik. Dort, wo Fenster zu sehen sind, verhindern Milchglasscheiben die Sicht nach draußen. Vielleicht ist das so üblich in Syrien, wegen der Sonne? Die Küche, auch von ihr schickt Leonora ein Foto, könnte so ähnlich auch in Deutschland stehen. Sie scheint gut sortiert. Die Arbeitsplatte ist aus einem Stein, der wie Marmor aussieht oder aussehen soll. Darüber hängen braune Schränke aus Holzimitat mit goldenen Beschlägen. Ein großer Topf steht zum Trocknen neben der Spüle, zwei silberfarbene Tabletts lehnen an der Wand. Es gibt Plastikdosen, Spülmittel, einen Schwamm.

Die Wohnung ist auf jeden Fall groß genug für eine ganze Familie. So viel ist klar. Maik geht in die Informationsoffensive. Dazu hatte ihm auch Claudia Dantschke geraten, mit der Maik nun seit ein paar Tagen in regem Austausch ist. Möglichst viele Fragen stellen, sich interessieren und dabei möglichst wenige Vorwürfe formulieren. Denn häufig hatten sich radikalisierte Jugendliche zuvor nicht ernst genommen gefühlt, unter Druck gesetzt oder einfach wie ein fünftes Rad am Wagen. Offene, konfrontative Kritik am Entschluss, in den Dschihad zu ziehen, kann die mühsam erlangte Kommunikation gleich wieder zum Erliegen bringen.

Also fragt Maik:

Wie sind denn deine Pläne? Willst du heiraten?

Prompt bekommt er eine Antwort:

Ich habe schon geheiratet. Mit Abu Yasir Al Almani [übersetzt: der Vater von Yasir aus Deutschland]. Er hat dich angerufen. Er ist Deutscher. Konvertiert.

Seine Tochter verheiratet? Mit gerade einmal 15 Jahren? Sind die beim IS pädophil? Maik verschlägt es die Sprache. Klar hatte Maik schon einmal daran gedacht, seine Tochter irgendwann mal zum Traualtar zu führen. In seiner Vorstellung hätte sie ein weißes Kleid an und er einen schicken Anzug. Es würde ein großes Fest werden, das ganze Dorf wäre eingeladen. Oder zumindest die allermeisten. Es würde auch bedeuten, seine Leo loszulassen. Sie stünde dann auf eigenen Beinen. Heiraten. Das hat etwas Endgültiges.

Wenig später hat er sich wieder gefangen und fragt weiter. Denn wer weiß, wie lange die Internetverbindung hält und er die Möglichkeit zu fragen hat: »Also habe ich einen Schwiegersohn? Da musst du also nicht an die Front?« Leonora stellt unmissverständlich klar, so als müsste das jeder wissen: »Oh oh Papa. Frauen und Kämpfen ist verboten. Das machen nur die Jungs und Männer.«

Der Islamische Staat hat zwar eine Frauenbrigade, die al-Khansaa (gesprochen al Chansa), doch die sind eher eine Art Sittenpolizei und achten darauf, dass die Frauen des Kalifats die strengen Kleidervorschriften einhalten. Sie kämpfen nicht an der Front. Auch Selbstmordattentäterinnen kennt der Islamische Staat nicht. Die vermeintliche »Ehre«, durch einen Selbstmordanschlag direkt in die höchste Stufe des Paradieses (al-Firdaus) einzuziehen, wie bei anderen islamistischen Organisationen nicht unüblich, bleibt beim IS den Männern vorbehalten.

Leonora ist jetzt also Ehefrau. Sie sendet das Foto einer goldenen Kette mit Herzchenanhängern. Dies sei ihr Brautgeschenk, schreibt sie, ihre Mitgift sozusagen. Außerdem habe sie zur Hochzeit arabische Kleider und 750 Dollar in bar erhalten. Auf einer Aufnahme, es ist eine Art Hochzeitsfoto, ist Leonora selbst zu sehen. Sie trägt ein grünes arabisches Kleid mit Blümchenmuster und aufgestickten Glitzersteinen. Sie lächelt scheu in die Kamera. An ihrer rechten Hand hält sie eine Person in blauer Kleidung. Das Bild ist abgeschnitten. Man kann nicht erkennen, wer da neben ihr steht. Vielleicht der Ehemann, diesmal ohne schwarze Kampfmontur und Sturmmaske? Oder ist es eine Freundin?

Erst einige Wochen später wird klar werden, dass es sich bei der blau gekleideten unbekannten Person um die Erstfrau des zum Islam konvertierten Mannes aus Deutschland handelt. Denn Leonora, der zu Hause in Sachsen-Anhalt die Jungs scharenweise hinterherliefen, begnügt sich im Islamischen Staat mit der Rolle als Drittfrau eines deutschen IS-Mannes. Auch eine der bitteren Wahrheiten, die Maik noch lange Zeit beschäftigen wird.

Mit den Nachrichten aus Syrien endet auch das letzte bisschen Hoffnung, Leonora könnte von ihrem Plan Abstand nehmen und zurückkehren oder bei einer Polizeikontrolle irgendwo in der Türkei gefasst werden. Mit dieser Sicherheit, dass Leonora tatsächlich in diesem selbst ernannten Islamischen Staat angekommen ist, legen Maik und wir Journalisten fest, nach welchen Regeln unsere künftige Zusammenarbeit ablaufen soll. Die erste Abmachung besteht darin, erst dann über Leonoras Geschichte zu berichten, wenn sie die Terrororganisation wieder verlassen hat oder, so sagt es Maik, wenn sie dort sterben sollte. Natürlich hofft das keiner von uns. Aber Maik will vom ersten Moment an unbedingt, dass jeder erfährt, wie es passieren konnte, dass sich seine 15-jährige Tochter dieser Organisation anschließen konnte und was sie damit ihrer Familie zu Hause angetan hat. »Wenn wir durch die Berichterstattung nur einen Jugendlichen davon abhalten können, den gleichen oder einen ähnlichen Schritt wie Leo zu gehen, dann haben wir viel erreicht«, begründet Maik seine Entscheidung in diesem Frühjahr 2015. Er möchte seine Sicht auf die Dinge schildern, seinen Blickwinkel darstellen, weil viel zu oft über die Täter berichtet werde, zu selten über das persönliche Umfeld, die Familien, die Eltern. Und die seien, zumindest in manchen Fällen, die ersten Opfer der eigenen Kinder. (Deshalb wird Maik auch Koautor dieses Buches.) Maiks Frau Kathleen, Leonoras Mutter Babette und ihre Freundin Emine sehen das ähnlich. Nur wollen sie nicht mit ihrem echten Namen genannt werden. Auch das ist eine der vereinbarten Regeln von Beginn an.

Der Weg in diesen selbst ernannten Islamischen Staat war für Leonora ganz einfach gewesen, viel zu einfach, wenn auch gefährlich. Wochen später schildert sie ihrer Freundin Emine die Reise in einer ausführlichen Nachricht:

Du brauchst erst mal ein Flugticket nach Istanbul oder eine andere Stadt in der Türkei. Dort wirst du dann von zwei Männern abgeholt, die das immer machen. Die bringen dich in eine Wohnung, wenn die Grenzen gerade unsicher sind. Wenn du aber keine Zeit hast, weil du gesucht wirst oder so, dann geht es direkt los.

Dann wirst du zu einer Busstation gebracht. Mit dem Bus fährst du dann 20 Stunden. Es gibt Essen und Trinken und kurze Toilettenpausen. Dann am Ende der Türkei, an der Grenze zu Syrien, schläfst du noch mal eine Nacht in einer geheimen Wohnung. Dort sind dann auch schon die anderen, mit denen du dann über die Grenze gehst. Sie kommen aus aller Welt. Bei mir waren es welche aus Indonesien und Kasachstan.

Dort wird dann dein Koffer genommen und schon mal mit Autos über die Grenze gebracht. Dann kommen Kleinbusse und nehmen einen mit. Dort ist normal Platz für neun Leute, aber dort sind locker 15 drin. Dann fahren die so weit wie möglich. Und dann muss man laufen, normal nur zehn Minuten. Da ich aber über eine Ausnahmegrenze gekommen bin, bei Kurdistan, war das ein bisschen aufregender. Wir mussten mindestens eine halbe Stunde laufen, über Felder usw.