Lichtfängerin - Zoë Bee - E-Book

Lichtfängerin E-Book

Zoë Bee

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Beschreibung

Zoë Bee ist eine Sucherin. Schon früh schlug ihr das Leben Risse ins Fundament, die sie immer wieder leerlaufen ließen. Unermüdlich war sie auf der Suche nach der Quelle des Lebens und nach innerem Frieden. Immer tiefer verirrte sie sich im Schamanismus und in esoterischen Irrlehren und wurde zu einem nimmersatten New-Age-Junkie. Heute weiß sie: Wer die Segel verkehrt setzt, braucht sich nicht zu wundern, wenn er am Schluss nicht am erwünschten Ort ankommt. Diese Lebensgeschichte beschreibt sehr ehrlich eine jahrzehntelange Berg- und Talfahrt voller Hoffnung, Selbsttäuschung und immer tieferer Verzweiflung. Glücklicherweise fand Zoë Bee in der zweiten Lebenshälfte endlich den gesuchten Frieden. Von einer Seite, die sie bis dahin mehr als ablehnte.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Zoë Bee Lichtfängerin

Für meine Großmutter,

Zoë Bee

Lichtfängerin

Mein langer Weg vom New Age nach Bethlehem

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über www.dnb.de abrufbar.

Um die Rechte einzelner Personen zu schützen, wurden einige Namen im Buch geändert.

Die Bibelstellen wurden folgender Übersetzung entnommen: Lutherbibel © 2017 by Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart

© 2018 by Fontis-Verlag Basel

Umschlag: Spoon Design, Olaf Johannson, Langgöns Fotos im Innenteil (Bildteil): © by Zoë Bee E-Book-Vorstufe: InnoSet AG, Justin Messmer, Basel E-Book-Herstellung: Textwerkstatt Jäger, Marburg

ISBN (EPUB) 978-3-03848-502-5

Inhalt

1. Mein Name ist Beigemüse

2. Der bodenlose Blues über Macht, Ohnmacht, Schuld und Scham

3. Die schlechtesten Spaghetti meines Lebens

4. Ist das Liebe, Mama?

5. Kurztrip ins Land des christlichen Glaubens

6. Treu sein ist unmöglich

7. Keine Meisterleistung

8. Ich will Kinder!

9. Das Rebellinnen-Gen: Euch zeig ich’s!

10. Verwirrt und zugenäht

11. Die große Illusion

12. Auf der Galaxy Christiania gelandet

Epilog

Der nächste Schritt

Dank

Anmerkungen

Bildteil

Kapitel 1

Mein Name ist Beigemüse

Strafe musste sein. In unserer Familie sowieso.

Das Beste am Hochzeitsbild der Eltern war die Linde. Unter ihr hatte man sich um ein wackelndes Bänkchen bemüht, damit die «Schande» nicht gleich auffiel: Papa konnte nur liegen oder sitzen, er war gelähmt. Er war ein Schönling im falschen Körper. Dunkle Locken, Dauerbräune, Charme à gogo …

Treu sein ist da hart, logisch, oder? Na ja, wer macht schon keine Fehler? Den Heimweg fand er jedenfalls immer wieder.

Doch an diesem Tag umklammerten sie sich an den Händen, als wenn sie gleich mit der Titanic untergehen und sich nie mehr loslassen wollten.

Die blasse Holde mit den Vergissmeinnicht-Augen war meine Mami. Sie war von Kopf bis Fuß in Tiefschwarz gekleidet. Und das bei ihrer Hochzeit. Sie hatte eine zarte Figur mit einem geschwollenen Bauch. Das sah unnatürlich aus. Was, noch eine Schande? Oder diesmal sogar eine Schandtat? Deshalb also das düstere Schwarz.

Pikantes Detail: Mami hatte ihr gequältes Dauer-Höflichkeitslächeln schon damals aufgesetzt.

Hinter dem Brautpaar standen die beiden Familien wie zwölf grimmig starre Akropolis-Säulen. Hofknecht Ernst war einer davon. Der Vater von Mami wollte mit diesem Tag nichts zu tun haben, dafür weinte ihre Mutter für mindestens zwei. Wen wundert’s, dass der Hochzeitstag unserer Eltern Platz eins auf unserer internen Tabu-Checkliste einnahm?

Auf keine dieser Fragen erhielten wir Antworten:

Wie habt ihr euch kennen gelernt?

Wieso habt ihr die Verlobung nicht aufgelöst, nachdem Papa an Kinderlähmung erkrankte?

Was geschah genau, als du an Kinderlähmung erkranktest?

War das nicht schrecklich für dich, so als begeisterter Bergsteiger und Velofahrer?

Was war diese «Eiserne Lunge», in der du wie in einem Sarg monatelang lagst und beatmet wurdest?

Wieso sagten dir die dich pflegenden Nonnen nie etwas anderes als:

«Memento mori!»:

«Sei dir der Sterblichkeit bewusst!»?

Was ging in dir vor, als du nach über einem Jahr Klinik-Aufenthalt als Lahmer nach Hause zurückkehrtest?

Hattest du manchmal Selbstmordgedanken?

Hättet ihr auch geheiratet, wenn Mami nicht schwanger geworden wäre?

Es gab noch mehr Unverständliches, worüber nie gesprochen wurde. Beispielsweise ihr Leben zu dritt mit meinem ältesten Bruder in einer winzigen Kammer. Fünf Jahre lang lebten sie so. Nach drei Jahren kam das zweite Kind zur Welt, meine Schwester. Sie wurde für eine Zeit weggegeben, weil niemand sich um sie kümmern konnte.

Mami verdiente den Lebensunterhalt als Lehrerin, Papa lag im Bett. Nach der Geburt meiner Schwester war die Familienplanung meiner Eltern abgeschlossen: Finito con bambini! Mami verschenkte alles, Kleider, Windeln, Kinderwagen. Trotzdem trudelte mein zweiter Bruder ein. Wieder verschenkte sie alles. Diesmal definitivamente finito con bambini!1 Und dann kam noch ich.

«Ihr beide seid mitten in der unfruchtbaren Phase gezeugt worden!», sagte Mami.

Sie habe viel geweint während der Schwangerschaft mit mir. Sie sei verzweifelt gewesen, habe nicht gewusst, wie sie auch das noch bewältigen könne.

«Warum hast du mich dann nicht abgetrieben?»

«So etwas kam für mich überhaupt nicht in Frage. Man findet immer eine Lösung.»

Ich kam am 30. Dezember 1954 zur Welt. Es war Donnerstag und neblig.

Meinem Vater half schließlich eine Sozialarbeiterin wieder «auf die Beine». Dank ihr erhielt er einen Job beim ehemaligen Arbeitgeber. Das Geld für Beinschienen, Gehhilfen und ein auf seine Möglichkeiten umgebautes Auto kratzten meine Eltern selbst zusammen. Papa war ehrgeizig und machte eine erstaunliche Karriere.

Mami arbeitete nach meiner Geburt weiter mit vollem Pensum, aber nach zwei Jahren konnte sie endlich zu Hause bleiben. Ihre größte Freude war, jetzt endlich wieder Zeit zum Malen zu haben, und schon bald fand die erste Bilderausstellung statt.

Im ausgebauten Dachstock richtete sie ihr Atelier ein. Wenn sie arbeitete, hing wie im Hotel ein Schild an der Tür: BITTE NICHT STÖREN! Bluteten Knie oder Herz und klopften wir trotzdem an, zeigte die normalerweise in sich Gekehrte, dass sie auch ganz anders kann.

Uns gegenüber wohnte ein alkoholkranker Mann mit seiner Frau. Er roch nach saurem Haferbrei. Ein grausiger Mensch. Immer wieder sollte ich seine Kaninchen anschauen gehen. Weshalb nur musste gerade ich ihn jeweils sturzbetrunken von der stinkenden Spelunke nach Hause bugsieren? Weshalb läutete seine Frau immer bei uns, und ich wurde dann zu diesem Monster geschickt? Ich hasste ihn.

Es gab noch einige Dinge, die ich nicht verstand und die mich verwirrten.

«Mami, die Haare meines Teddybären wachsen nach, ich muss sie schneiden!»

Nach ein paar Wochen und viel Rumgeschnippel dann der entsetzte Aufschrei:

«Mami, da kommt Sägemehl raus. Der Bär stirbt!»

Ich gestehe: Noch heute bin ich unschlüssig. Vielleicht war mein Bär doch ein wenig lebendig, und seine Haare wuchsen nach?

Ein weiteres Thema war das Wachstum. Ich gehörte zur kleineren Sorte, deshalb nannte man mich «Winzi» – von winzig. Ich liebte nur kleine Dinge, Tierkinder, Mäuse, Igel und natürlich Puppenmöbel.

«Mami, ich will zum Herrn Doktor, dass er mir eine Spritze gibt, damit ich klein bleibe.»

Ich fürchtete mich vor dem Wachsen, stellte mir vor, dass die Knochen dadurch zerbrechen und ich dann auch Beinschienen tragen muss wie Papa.

Ich weigerte mich, Pilze zu essen, denn das waren die Häuser der Zwerge. Wo sollten die hingehen, wenn ihr Haus plötzlich weg ist? Bis heute esse ich keine Pilze.

Ein weiterer Frust war das Schlaraffenland. Wir hatten eine Langspielplatte mit einem Ausschnitt des berühmten Bildes «Schlaraffenland» vom niederländischen Maler Pieter Bruegel. Wieso sagte Papa, es gebe kein Schlaraffenland, wenn es doch darauf abgebildet war? Verkehrte Welt.

Ich hasste alles Einengende. Kaum konnte ich eine Schere mit beiden Händen halten und gleichzeitig drücken, war es um die Pullover geschehen: In der Mitte vorn schnitt ich beim Halsausschnitt einen Schlitz rein und ebenso in die Bündchen an den Handgelenken. Nun waren die Pullis komfortabel. Mami schimpfte pro forma, denn ich glaube, sie war stolz auf ihre eigenwillige Tochter.

Die Eltern schenkten mir das Buch Im Märchenland. Da war ich sechs und konnte bereits lesen. Es avancierte zu meinem Lieblingsbuch.

Später ergänzte ich meine wichtigen Kommentare unter die Märchen: langweilig, für Zehnjährige, blöd, supergut. Und ich korrigierte selbstverständlich vermeintliche Fehler. So beim Wettlauf zwischen dem Hasen und dem Igel. Da stand: «Das Blut floss ihm aus dem HALS, und er blieb tot liegen.» Ich korrigierte: «Das Blut floss ihm aus der NASE, und er blieb tot liegen.» Für mich war nur das logisch, denn seit wann gibt es ein Loch im Hals, bitteschön?!

Meine reiche Innenwelt war kaum mit dem Familienleben zusammenzubringen. Die Eltern hatten brutal harte Erziehungsmethoden. Pas joli. Gar nicht nett. Sie waren der Meinung, dass man Kindern den Willen brechen muss. Konkret bedeutete das, dass unsere Gefühle, Wünsche und überhaupt unsere Meinung nicht zählten. Sie befahlen, und wir hatten zu gehorchen.

Sie waren auch der Überzeugung, dass Kinder möglichst früh selbständig sein müssen. Ihr Motto: Verwöhnen verweichlicht die Kinder. Küssende Menschen wurden bespöttelt. Körperkontakt mit dem Vater gab es außer Ohrfeigen und Schlägen nicht.

Ich musste schwierige Aufgaben lösen. Ziel war Abhärtung. Eine ist mir speziell in Erinnerung geblieben:

Kaum konnte ich einigermaßen lesen, musste ich an einem Sonntag allein nach Zürich fahren und dort einen Brief einwerfen. Das Beweisstück war die abgestempelte Briefmarke. Alleine nahm ich den Bus bis zum Hauptbahnhof, musste den richtigen Zug finden, in Zürich aussteigen und einen Briefkasten finden. Dann den Brief einwerfen und alles wieder zurück. Die Eltern rieten, mich an eine ältere Frau vom gleichen Zugabteil zu heften. So war es dann auch. Es ist schlussendlich gut ausgegangen, aber ein Freudentag war das nicht.

Ich hatte viele Lieblingsmärchen. Noch etwas lieber als die andern hatte ich «Die kleine Meerjungfrau» und die «Sterntaler», später war es «Jorinde und Joringel».

Alle vier Kinder wurden genau gleich erzogen. Absolute Gleichberechtigung war das Motto, um Eifersucht zu vermeiden.

Neben Papa, an die Wand angelehnt, stand ein Holzstecken, er nannte ihn «Liebe». Jedes Mal, wenn wir uns bei Tisch unanständig benahmen und beispielsweise das Messer ableckten oder uns am Kopf kratzten, verpasste er uns einen saftigen Schlag mit dieser «Liebe». So ging das über Jahre. Mürbe Holzstecken wurden umgehend ersetzt.

Bis eines Tages der älteste Bruder den Stecken durchsägte und beide Teile akkurat genau aufeinanderstellte. Als Papa den Stecken wieder einmal schwungvoll packen wollte, hielt er nur einen Stummel in der Hand. Er war perplex, sagte kein Wort. Das war das Ende dieser Liebe aus dem Wald.

Wir wurden zwar nicht täglich, aber bestimmt an den Wochenenden geschlagen, wenn wir alle «vereint» waren. Es war unmöglich, mehrere Stunden zusammen zu sein, ohne dass Streit und Gezänk ausbrachen.

Papa schrie: «Kommt sofort hierher!»

Und zu Mami: «Hol den Teppichklopfer!»

Wir wussten, wie wir uns hinstellen mussten: dem Alter nach nebeneinander. Papa begann immer mit dem ältesten Bruder. Was der alles abbekam. Es war nicht auszuhalten.

Neben mir stand Mami, weinend und schreiend:

«Hör auf, hör auf, es reicht jetzt!»

«Schweig, ich weiß, was ich tue!»

Um das Gleichgewicht nicht zu verlieren, hielt Papa sich mit der linken Hand am Holzpfosten beim Treppenaufgang fest. Er hatte Kraft. Seine Ohrfeigen spürte man tagelang. Meine Geschwister hatten oft geschwollene Wangen. Ich selbst habe mit Abstand am wenigsten abgekriegt, weil er bei mir jeweils keine Kraft mehr hatte.

Das warfen mir die Eltern zeitlebens vor: «Du hast zu wenig Schläge erhalten, deshalb hast du uns später so viel Mühe gemacht!» Sie glaubten das im vollen Ernst.

Es geschah mehr als einmal, dass Papa jede Kontrolle verlor und nicht mehr aufhören konnte, uns zu schlagen. Meistens traf es den ältesten Bruder, aber auch meine Schwester. Einmal hatte sie eine Kleinigkeit vergessen, und deshalb schlug er sie windelweich. Am nächsten und am übernächsten Tag ging sie nicht zur Schule, sie war allzu verunstaltet, um sich zu zeigen.

Das Perverseste an der Geschichte war, dass wir gehorchten, wenn er uns herbeipfiff, wohl wissend, was uns gleich erwartete. Wir hatten so große Angst vor ihm, wenn er explodierte, dass wir uns jedes Mal zusammenkrümmten.

Dabei waren wir ganz normale Kinder, gut erzogen und relativ brav. Jedenfalls vordergründig. Ich glaube, Papa ertrug uns einfach nicht.

Als alter Mann gab er zu, Fehler gemacht zu haben. Er sagte, dass er einiges anders machen würde. Was genau er damit meinte, sagte er nicht – und ich wagte nicht zu fragen.

Trotzdem liebte ich meinen Vater. Er habe mich bevorzugt und gefördert, sagte meine Schwester später.

Wir hatten den engsten Kontakt. Warum? Ich verstand ihn trotz all seiner Nöte. Oder gerade deswegen. Ich war weder nachtragend noch wirklich böse. Aber Angst, ja, Angst hatte ich vor ihm. Seine Unberechenbarkeit, seine Launen und sein Jähzorn waren schlimm.

Wen wundert’s, dass wir Kinder nur Beigemüse waren im durchgetakteten, leistungsorientierten Familiensystem. Papa machte Karriere, sobald er wieder arbeiten konnte, denn er wollte es allen zeigen, dass nur seine Beine gelähmt waren, nicht aber seine Hirnwindungen.

Mamis Herz schlug nur für die Kunst.

Und ich? Ich entwickelte einen starken Willen, um nicht ganz unterzugehen. Einer meiner ersten Sätze war:

«Was ich will, das will ich. Und das darf ich. Und das brauche ich!»

Kaum konnte ich einigermaßen durch die Gegend wackeln, war ich auch schon polizeibekannt. Ob aus Langeweile, Einsamkeit oder Unwohlsein, ich haute andauernd von zu Hause ab. Die Eltern konnten um die Wette schimpfen und mich bestrafen, es nützte alles nichts. Bei der erstbesten Gelegenheit huschte ich wieder hinaus und klingelte bei wildfremden Menschen.

«Darf ich ein wenig zu uns kommen?» Ich war grammatikalisch noch ungeübt, wollte eigentlich sagen: «Darf ich ein wenig zu euch kommen?»

«Darf ich Zopf?»

«Ich habe keinen Zopf.»

«Brot?»

«Ich habe kein Brot.»

«Bonbons?»

«Hier, nimm. Und jetzt geh nach Hause.»

Man kannte mich. Es gab auch Leute, die von meinen Eltern wissen wollten, was bei uns los sei, dass ein so kleines Kind bei jedem Wetter mutterseelenallein unterwegs sei, oft sogar halbnackt.

Wenn mich die Polizei irgendwo entdeckte, packte sie mich ins Auto. Sie kannten die Adresse. Meist hatte Mami mein Verschwinden gar nicht bemerkt. Sie nahm an, ich sei am Spielen. Meine Geschwister hatten diesen Ausreißer-Virus nie.

Schon als kleines Mädchen sah ich Zwerge zwischen den Steinen verschwinden und Elfen auf den Sträuchern herumspringen. Das ging jeweils «Husch» – und war bereits vorüber. Wenn ich Mami darauf ansprach, kam die senkrechte Stirnfalte zum Einsatz:

«Du hast dir das eingebildet. Es gibt weder Zwerge noch Elfen. Das sind Märchen.»

Wie das, ich hatte sie doch gesehen?! Das verwirrte mich. Ich verschloss mich und teilte mich immer weniger mit. Wollte alles vermeiden, um nicht von meiner Familie ausgelacht zu werden. Denn nur ich sah, was ich sah.

Dafür verspotteten sie mich und fanden einhellig:

«Typisch. Du spinnst wieder.»

Einzig mein Großvater väterlicherseits glaubte mir. Er verstand mich immer. Wenn wir in der Webkammer saßen und am alten Holztisch tagelang Mutterkorn aus dem Roggen aussortierten, nur wir zwei, hatten wir alle Zeit der Welt. Großvater erzählte so viele Geschichten. Wenn er lachte, war er der schönste Mensch der Welt. Voller Runzeln und mit leuchtend blauen Augen. Sein Bauch war so groß, weil sein Herz viel Platz brauchte. Jedenfalls erklärte er es mir mit diesen Worten.

Er erzählte mir von Heinzelmännchen, die in seiner Kindheit auf ihrem Bauernhof lebten. Nachts reinigten sie Stall und Futterkrippe und streuten den Kühen frisches Stroh. Die Kühe gaben viel mehr und nahrhaftere Milch als früher. Alle wussten es. Niemand sprach darüber.

Eines Nachts packte seinen großer Bruder die Neugierde. Er stand auf, unbemerkt gefolgt von meinem Großvater. Dieser ahnte Schlimmes. Der große Bruder schlich zum Kuhstall. In der Futterkrippe baumelte eine winzige Laterne, und zwei flinke Heinzelmännchen waren an der Arbeit. Schnell ergriff der Bruder eine Heugabel. Näherte sich. Lautlos. Mein Großvater eng an seine Fersen geheftet.

Die ahnungslosen Heinzelmännchen hörten nichts außer ihren die Krippe reinigenden Besen.

Plötzlich stürzte der Bruder laut schreiend auf sie zu und versuchte sie mit der Heugabel aufzuspießen. Selbstverständlich war er zu langsam.

Die Heinzelmännchen flüchteten und verschwanden auf Nimmerwiedersehen.

Von da an ging allen die Arbeit zäher von der Hand. Die Milchkühe magerten ab, und die Milchleistung ging zurück.

Solche Geschichten erzählte mir Großvater. Das blieb unser Geheimnis.

Auch Mami blieb für mich ein lebenslanges Geheimnis, ein Mensch voller Gegensätze. Unverständlich. Dass sie nie schwitzte, fand ich mondän. Sie sähe aus wie Zarah Leander – sagte Papa, wenn er ihr etwas Nettes sagen wollte, und das tat er in etwa so selten, wie wir bereits im August Schnee schaufeln mussten.

Ich war noch ein Kind, als Mami mein künstlerisches Talent erkannte, wie sie sagte. Sie förderte mich sehr. Sie schleppte mich immer wieder mit zu Kunstausstellungen.

Einmal bockte ich ganz speziell, wir besuchten eine vielbeachtete Ausstellung mit zimmerhoher abstrakter Kunst. Ich fand sie hässlich.

Mami sagte: «Jetzt schau doch einfach nur mit dem Herzen, ohne zu beurteilen oder zu interpretieren.»

Es ist schwierig, den inneren Dialog abzustellen. Doch plötzlich kam dieser Moment, ich stand auf der Treppe und schaute auf die XXL-Bilder hinunter, als der Verstand tatsächlich schwieg. Ich erfuhr Kunst, die Bilder begannen zu leben. Da hat es «Klick» gemacht. Es war ein unbeschreibliches Erlebnis.

Mami war glücklich. Von da an genoss ich die Ausstellungen mit ihr.

Später, als ich selbst die Kunstgewerbeschule besuchte und danach eine Ausbildung als Textilentwerferin (heute: Textildesignerin) machte, löcherte sie mich mit fachlichen Fragen. Kunst und Schönheit verband uns. Als Mutter war sie keine Bombe. Aber als Künstlerin schon.

Sie sagte: «Du willst schauen lernen? Dann beginn mit einem Baum. Zeichne nun aber nicht den Stamm und die Äste, sondern schau ausschließlich auf die Zwischenräume und zeichne nur sie. Stell dir vor, da ist der Baum, und nun zeichnest du alles außer den Baum. Also die Zwischenräume zwischen den Ästen und natürlich das, was zwischen dem Baum und dem Hintergrund ist. Wenn du so vorgehst, steht plötzlich der schönste Baum vor dir. Konzentriere dich also nicht auf das Objekt, sondern auf die Räume dazwischen.»

Als ich sechs Jahre alt war, entschieden die Eltern, ich glaube, es war zur Winterzeit:

«Du gehst in den Ferien zu den Großeltern. Auf dem Bauernhof lernst du richtig arbeiten. Du bist nun groß genug, um ‹den Ernst des Lebens› kennen zu lernen. Es bringt nichts, nur immer mit Puppen zu spielen.»

Ich wäre natürlich viel lieber bei ihnen geblieben. Oder noch lieber wäre ich in allen Ferien mit der ganzen Familie – im Auto zwischen Gepäck und langen Geschwisterbeinen eingeklemmt – an die Adria getuckert, wie es damals Mode war.

Im Sommer jeden Tag ein riesiges Vanille-Softeis! Das höchste der Gefühle, wenn die weiche Spiralspitze im Mund zergeht, das war noch besser, als im Meer bis zur Schrumpelhaut zu baden. Aber auch da lauerte Gefahr. Wenn ich vor lauter Genießen nämlich vergaß, dass das Eis schmilzt, und den richtigen Moment verpasste und dann – oh Drama – enttäuscht zuschauen musste, wie fast das ganze Eis urplötzlich auf den Boden klatschte. Mein kostbares Eis!

Aber bei den Großeltern gab es kein Eis. Weit gefehlt. Stattdessen erstickte ich beinahe: Saurer Mocken (Sauerbraten) mit verkochten Rüben an einer Sumpfsauce. Die Schweine hatten es besser als ich, die bekamen wenigstens Gschwellti (Pellkartoffeln).

Und die Eltern? «Wir müssen uns von euch erholen, fahren nach Lappland zu den Eskimos!»

So gemein. Wir sind nicht ein einziges Mal als Familie in den Ferien gewesen.

Alle Kinder wurden bei irgendwelchen Verwandten untergebracht, meistens Landwirte, während die Eltern abenteuerliche Ferien verbrachten. Körperliche Ertüchtigung war Papa wichtig. Das sei die beste Erholung, sagte er.

Ich war also im Großeltern-Depot auf dem Bauernhof. Wo auch die Eltern die ersten Ehejahre verbracht hatten. Ich verstand Mami, die sich in Klageliedern an diese Zeit erinnerte. Aber auch Papa kaute zeitlebens an diversen Erlebnissen aus seiner Kindheit.

Auf dem Bauernhof regierte «der General», das war meine Großmutter. Dann gab es noch meinen Lieblingsgroßvater, die Tante und einen merkwürdigen Onkel. Alle waren «überdurchschnittlich fleißig».

Der Sonntag war heilig. Aber auch der war durch und durch geregelt. Morgens auf den letzten Drücker in Sonntagskleidern eine knapp einstündige Eilschrittperformance mit obligatorisch durchgedrückten Knien, sonst gab es einen Schlag von hinten in dieselbigen. Dadurch sackte man ein, das Tempo ebenfalls, den brennenden Stich galt es auch zu verdrängen. Keine Zeit zum Leiden, man musste im Gegenteil noch einen Zacken zulegen, denn man war bereits im Rückstand.

Dann alle selig lächelnd im Gottesdienst. Die Frauen auf der einen Seite, die Männer auf der anderen, dazwischen der Mittelgang. Nicht einschlafen, Onkel!

Nach einem Mittagsschlaf dann ein endlos langer Waldgottesdienst. Zwar gab es noch keine Zeckenplage, dafür dermaßen harte Bänke, dass mein zartes Popöchen sich regelmäßig rosarot weinte.

Im Keller waren eingelegte Eier, die schon sechs Monate in einer Flüssigkeit mit undefinierbaren Ablagerungen vor sich hin dümpelten – das sei angeblich mal Wasser gewesen. ABSCHEULICH!

Überhaupt grauste mir vor diesem Keller. Der Boden bestand aus gepresstem Lehm. Wer den planiert hatte, musste alles mindestens doppelt gesehen haben, so uneben war er. Logisch, dass man eine Laterne brauchte, und logisch, dass es keinen Strom gab. Es war ein Sich-Vorantasten mit allen Sinnen in Radarstellung – mit ausgebreiteten Armen.

Trotz aller Vorsicht schlug ich dauernd Kopf oder Beine an etwas Bösem an. Ab und zu sagten Mäuse oder noch größere Viecher Grüezi, oder es verfing sich eine kohlrabenschwarze Spinne mit dicken Beinen in meinem Haar! Mir kann niemand etwas weismachen: Hitchcock dienten solche Keller als Vorlage für seine Gruselfilme!

Also nix mit tagelang Kälbchen streicheln und Blümchen ausreißen. Es fehlte nur noch ein Metzger, um das Bild abzurunden. Tatsächlich war da eine Muttersau, die dran glauben musste. In wenigen Minuten würde ihr der Metzger mit hocherhobenem Messer in der Pranke die Haut abziehen. Mir blühte irgendwie dasselbe.

Doch eins nach dem anderen.

Ein neugieriges kleines Mädchen im rotweißkarierten Röckchen und kurzen Zöpfen tänzelte mit überkreuzten Beinen über die Holzbalken in der Scheune, den linken Fuß auf dem Balken rechts vor ihr und den rechten Fuß auf dem Balken links vor ihr. Das war lustig. Unter den Balken müffelte die Jauchegrube vor sich hin.

Das Mädchen stand still. Vor ihm das offene Scheunentor, davor der Onkel und … das musste der Metzger sein. Groß und breit. Nur eine steife Plastikschürze über der blauen Arbeitshose und ein ärmelloses Hemdchen. Dabei schneite es. Und Gummistiefel. Die beiden machten Witze und fanden sie lustig.

Der Onkel schubste das jämmerlich schreiende Schwein aus dem Stall. Es wehrte sich, wollte nicht. Der Onkel fluchte. Musste es mit aller Kraft festhalten.

Ich staunte: Schweine sind stark. Der Metzger schlug dem Schwein mit einem Werkzeug auf den Kopf, dann erschoss er es. Das Tier blutete. Sie hängten es in der Scheune auf, die einrastende Eisenkette hallt noch heute in meinem Ohr. Die beiden Männer waren zufrieden. Nun löste der Metzger die Haut ab, der Onkel hielt das Tier.

Die Tante rief: «Komm, hilf mir, wir wollen einen Imbiss richten!»

Trotz Ekel und widerwärtigem Blutgeruch löste ich mich nur ungern von diesem grotesken Bild. Als ich die beiden Männer etwas später in die Küche rief, war das Schwein ausgeweidet und zerlegt. In zwei Bottichen lagen Füße, Organe, Speck und Darm.

Der Metzger zog die Schürze aus und lachte. Im Brunnen wuschen sie die Hände und rieben sie an der Arbeitshose trocken. Dann schlüpften sie – immer noch in den Stiefeln – in die vor der Küchentür stehenden großen Filzpantoffeln und glitten so geschmeidig wie Eisläufer während des ersten Trainings über den gefliesten Boden der Küche.

Der Metzger setzte sich ganz nahe neben mich. Ich rückte etwas weg. Er rückte nach. Wieso presste der seinen Oberschenkel an meinen? Immer, wenn ich wenig wegrutschte, rutschte er nach. Sollte das ein Spiel sein wie mit meinen Geschwistern manchmal? Irgendwann schaute ich hoch. Er lächelte. Ich sah, dass er genauso blaue Augen hatte wie Mami.

Nach dem Imbiss arbeiteten die beiden weiter, und ich ging mit meiner Tante in die Webstube. Die befand sich gleich neben dem Schweinestall. Nachdem sie mir gezeigt hatte, was ich dort zu tun hatte, schloss sie die Tür hinter mir und ging an ihr eigenes Tagwerk. Ich musste Faden-Enden einziehen und die Knäuel ordnen.

Plötzlich knarrte die Tür, der Metzger trat ein und schloss sie hinter sich. Er fragte, was ich hier mache. Dann nahm er mich auf seine Arme und bohrte seine Zunge in meinen Mund. Die Bartstoppeln stachen. Ich glaubte zu ersticken. Er stank nach Bier und Zigaretten. Ekel. Angst. Ich wollte runter, hatte aber keine Chance gegen seine Männerkraft.

Er sagte, dass ich niemandem etwas erzählen dürfe, sonst passiere etwas Schlimmes. Dann griff er mit seinen großen Fingern unter mein Kleidchen, zog das Höschen etwas weg. Sein Mittelfinger schmerzte grausam. Was tat er nur?! Ich erstarrte, verstummte, eine wehrlose Puppe.

Im Nachhinein gesehen war das damals nur das Vorspiel. An den meisten Wochenenden und in allen Schulferien war ich bei den Großeltern. Der Metzger hatte viele Gründe, vorbeizukommen, denn er war Freund und Nachbar. Mit eigener Familie wohlgemerkt.

Die Missbrauchsgeschichte dauerte, bis ich etwa zwölf war. Ich habe alles tief in mir vergraben und verdrängt. Niemand ahnte auch nur das Geringste. Im Nachhinein finde ich das schon auch seltsam. Aber jeder war nur mit sich selbst beschäftigt. Und es konnte nicht sein, was nicht sein durfte.

Ich fühlte mich wie eine Orange, die man halbiert und ausdrückt. Natürlich hätte ich mein Herz jemandem ausschütten müssen. Aber wem? Angst, Schuld- und Schamgefühle verklebten Mund und Herz. Zudem: Meine Rolle war das vom Beigemüse. Hauptgang oder Dessert belegten andere.

Nach all dem war logisch, dass mir speziell Männer suspekt waren. Gleichzeitig gab ich mir die Hauptschuld am Verhalten dieses Mannes.

Lieber Gott! Warum hast du mich in diese Familie gegeben? Warum waren die so zu mir? Warum müssen kleine Kinder so leiden? Warum? Amen.

Kapitel 2

Der bodenlose Blues über Macht, Ohnmacht, Schuld und Scham

Wenn der Missbrauch geschah, war der Schmerz buchstäblich nicht auszuhalten. So floh ich aus meinem Körper, um nichts mehr zu fühlen.

Diese Reaktion bezeichnet man im Fachjargon als «Abspaltung» oder «Dissoziation». Dabei handelt es sich um einen unwillkürlichen Schutzmechanismus des Menschen auf eine überwältigende Situation.

Wie ich bei diesem «Aus-dem-Körper-Gehen» vorging, kann ich nicht sagen. Es geschah auch nicht mit einer willentlichen Absicht im Sinne von: So, jetzt halte ich es nicht mehr aus und gehe darum aus meinem Körper. Nein, es geschah ohne mein Dazutun, völlig unbewusst. Ich war dann einfach plötzlich unter der Decke der Webkammer, umgeben von Staub, Schmutz und Spinnweben, grauseliges Zeug, das von den Holzbalken herunterhing. Ich sah das stumme Mädchen und den großen Mann mit den dicken Fingern unter mir. Eine weiche Gliederpuppe von Mädchen und daneben einen Brutalo. Punkt und fertig. Dem gibt es nichts hinzuzufügen.

Dieses Aus-dem-Körper-Hinausgehen wurde so selbstverständlich, dass ich es immer wieder machte, wenn ich etwas nicht ertrug. Ich reagierte sensibel auf Stimmungen, und wenn der Krieg bei uns zu Hause wieder so richtig tobte, ging ich auf diese Weise auch «an die Decke». Immer, wenn mir etwas zu viel wurde, ging ich aus dem Körper. Ich dachte immer, das sei normal. Dass das alle machen.

Erst Jahrzehnte später, als ich schamanische Ausbildungen absolvierte, stellte ich fest, dass dieses Aus-dem-Körper-Gehen kein alltägliches Verhalten war. Was bei mir durch diese traumatische Flucht von selbst geschah, mussten die anderen Schüler erst mühsam erlernen, und einige schafften es überhaupt nie.

Wir lernten in geführten Visualisierungen, in einer Art Schritt-für-Schritt-Anleitung, aus dem Körper zu treten und astral zu reisen. Bis die anderen es endlich schafften, war ich längst draußen und drehte langweilige Runden. Aber ich will nicht vorgreifen … mehr dazu später …

Zweifeln war mir sehr vertraut. So zweifelte ich auch, ob die Vergewaltigungen tatsächlich stattgefunden hatten. Da ich jeweils in meinem Körper nicht anwesend war, hatte ich auch keine Körper-Erinnerung. Nicht mal Schmerzen. Ich redete mir ein: Da es anscheinend keine Zwerge gab, obwohl ich sie immer wieder vorbeihuschen sah, war wohl auch die Vergewaltigung eine Täuschung.

Aber das Blut, der Gestank, der Biergeruch? Verwirrend. War auch das nur Einbildung? Die Selbstzweifel zerstörten jedes Vertrauen in mich.

Die normale Umgangssprache in unserer Familie war Spott, Sarkasmus und Ironie. Wie konnte ich wissen, ob es wahr war oder bloßer Spaß? Fragte ich nach, ging die Zweideutigkeit weiter. Wir waren Meister darin, ich übrigens auch. Begann ich zu weinen, setzten sie noch einen obendrauf:

«Typisch, nicht mal das kapiert sie. Dumm, dümmer, am dümmsten.»

Es stimmt, ich hatte wirklich ein Problem damit, weil ich immer alles wörtlich nahm.

Fragte ich Mami, was ich zu Weihnachten erhalte, antwortete sie:

«Ein silbriges Nichts und ein goldenes Nirgendwo.»

Sorry, aber das ging einfach nicht in meinen Kopf. Wenn es ein «Nichts» war, wie konnte es dann silbrig sein?

Das Thema «Vergewaltigung» habe ich mir nicht eingebildet. Der Mann wurde später verurteilt und gab alles auf Anhieb zu. Wie es dazu kam, erläutere ich später. Mir fiel ein Klumpen vom Herzen.

Meine Familie lebte vor, dass man sich bis zum Tod erträgt, komme, was wolle, und wie auch immer man sich derweil fühlte. Das kurze Leben hier unten sei in der Ewigkeit ganz, ganz schnell vergessen. Ich aber bewunderte Liz Taylor: Die war ganze acht Mal geschieden! Acht Mal! UNFASSBAR! WUNDERBAR! Was musste das für eine eigenwillige Frau sein. Dieser Mut! Wohl kaum eines dieser hechelnden Opfer, von denen ich regelrecht umzingelt war. Viel lieber wollte ich ein Liz-Taylor-Leben.

Übrigens war ich gesegnet mit einem sonnigen, optimistischen Wesen. Ich lachte gern. Das half mir, auch das Schmierentheater zu Hause zu ertragen. Ist es nicht traurig, wenn jeder sich vor dem anderen abkapselt und aus Angst vor weiteren Verletzungen schon mal vorsorglich ein paar Giftpfeile abschickt? Oft markierte ich die Fröhliche, um eine Eskalation zu vermeiden. Ich empfand uns alle wie durchwachsenes Siedfleisch. Was uns zusammenhielt, war das Durchwachsene, das Fett, und das waren die gegenseitigen Verletzungen, die kitteten uns zusammen.

Meine Eltern stammten aus Elternhäusern mit einem erstarrten, engen evangelischen Glauben. Wie ein Wandanstrich, der dringend überstrichen werden sollte. Mamis Eltern waren, glaube ich, beim evangelischen Brüderverein. Die Mutter von Papa war eine Anhängerin von «Radio Werner Heukelbach». Morgens um vier Uhr hörte sie bereits irgendwelche Predigten. Wer bei ihnen schlief, wachte davon auf. Erstens waren die Riemenböden dünn, zweitens drehte sie großzügig auf. Dazu betete Großmutter immer ganz laut und sang Kirchenlieder. Ich glaube, sie hatte das Motto: Je lauter, desto wirksamer.

Trotzdem bin ich ihr unendlich dankbar, denn sie hat bis ans Lebensende immer für die ganze Sippe gebetet. Ich weiß nicht, ob ich die Kurve sonst noch gekriegt hätte.

Papa gab sich in puncto Glauben bedeckt. Jedenfalls outete er sich nicht. Aber christliche Prinzipien befolgte er schon. Was halt grad bequem war. Gewiss war: Er war suchend, wollte die existenziellen Fragen verstehen. Woher kommen wir? Was geschieht nach dem Tod? Was ist der Sinn des Lebens? Das trieb ihn um. Er ging nie zur Kirche, weil er anscheinend Angst hatte, im Gedränge umgestoßen zu werden. Das war eine Ausrede, die ich recht lang glaubte. Wie auch immer. Als Bücherwurm las er reihenweise Bücher, ohne Antworten auf seine Fragen zu finden.

Er verbrachte viel Zeit mit der Bibellektüre. Seine Bibel war abgegriffen, voller Zettel, unterstrichener Sätze und Notizen. Dazu benutzte er prinzipiell nur einen roten Korrekturstift. Wehe, ich hatte den geklaut oder nicht haargenau zwischen den silbrigen Caran-d’Ache-Kugelschreiber mit Monogramm und die Papierschere gelegt – dann wechselte er die Gesichtsfarbe.

Niemand durfte sich an seinem Pult zu schaffen machen. Und wenn, musste man seine Ordnung einhalten. Das alles vergaß ich halt immer wieder, denn sein honigbraunes, ausrangiertes Bundesbahn-Pult aus Massivholz mit ausziehbaren Schubladen war abnormal anziehend für ein neugieriges kleines Mädchen.

In seiner Freizeit saß er bei jeder Witterung draußen und las in der Bibel. Zwischendurch schaute er in den Himmel, träumte in die vorbeiziehenden Wolken, hörte einer Amsel zu und verdaute wohl das Gelesene. Im Sommer auf dem buntgestreiften Campingstuhl mit hellen Holzlehnen und verstellbarem Rückenteil, mit nacktem Oberkörper, einem bunt bemalten, abgewetzten Sombrero, hochgerollter Hose und einer stinkenden Zigarre im Mund. Kaum an der Sonne, sah er aus wie ein Südländer. Er liebte es, bei jedem Wetter draußen zu sitzen.

In unserer Familie war Mami offiziell für den Glauben zuständig. Wie sie glaubensmäßig wirklich gestrickt war, weiß ich nicht. Jedenfalls hätten wir nie mit dem Essen begonnen, ohne dass sie rasend schnell ein Kürzestgebet herunterhaspelte. Ab und zu ging sie in die Kirche. Solange wir klein waren, betete sie abends mit uns oder las einen Bibeltext vor. Wir besuchten auch alle die Sonntagsschule. Mich interessierten dabei vor allem die orientalischen Gewänder und die Turbane.

Mit etwa elf Jahren las ich das Buch Heimatlos von Hector Malot. Es ist die Geschichte eines Findelkindes, das mit acht Jahren die Wahrheit über seine Herkunft erfährt. Ich verschlang das Buch, fraß jedes Wort in mich hinein und war unendlich erleichtert. Endlich wusste ich, wieso mir in dieser Familie so unwohl war: Ich war ein Findelkind! Die zwei Fremden im Erdgeschoss, die sich meine Eltern nannten, hatten mich aus was für Gründen auch immer bei sich aufgenommen. Das war die Erklärung! Warum hatten sie mir nichts gesagt? Wo war meine richtige Familie?

Mit klatschnassem Kopfkissen lag ich da, als Mami die Tür öffnete:

«Was hast du denn, warum weinst du?»

Ich fand es schön, dass sie kam, aber warum blieb sie im Türrahmen stehen? Warum setzte sie sich nicht zu mir und nahm mich in den Arm? Auf meine Frage hin holte sie aus: «Diese Gefühle von Heimatlosigkeit und Findelkind-Situation entsprechen genau der Entwicklungsphase, in der du dich gerade befindest. Das ist völlig normal und geht vorbei. Aber hör auf, einen solchen Mist zu erzählen, selbstverständlich bist du unsere Tochter! Und jetzt schlaf endlich, es ist schon spät, und du musst morgen zur Schule!»

Das war typisch Mami. Sie gab ihr Bestes, aber Trösten war nicht ihr Ding.

Ich malte mir aus, wie ich aus dieser Familie flüchtete. Schwierig, schwierig. Ich beschloss: Bei der erstbesten Gelegenheit haue ich ab! Tatsächlich sollte dies nur wenige Jahre später der Fall sein. Die Jüngste ging als Erste.

Was mir in dieser kritischen Zeit half, waren Beobachtungen. Mir fiel auf, dass Mami lange, ganz gerade Finger mit ebenfalls geraden, länglichen Nägeln hatte. Die Finger von Papa hingegen waren kurz mit gegen die Fingerspitzen breiteren Nagelbetten.

Ich hatte Ring- und Kleinfinger genau wie Mami und die anderen Finger und die Handform von Papa. Auch bildete sich bei Papa und mir ein identischer kleiner sechseckiger Stern, wenn wir den linken Daumen nach vorne an die Zeigefingerspitze legten. Also musste ich doch ihre Tochter sein!

Meine Eltern waren abartig streng. Ich musste lügen, wenn ich meine Ziele erreichen wollte. Beispielsweise ging ich offiziell in die Bibliothek, aber inoffiziell traf ich Freunde. Ich hatte ein Händchen für sonderbare Typen.

Tja, und dann wurde ich vierzehn Jahre alt. Und genau da musste Großvater spüren, dass es Zeit sei zu sterben. Er war wenige Jahre vorher gläubig geworden, dank einer einfachen Bibelübersetzung in die berndeutsche Sprache. Seither las er nichts anderes mehr als diese Bibel. Und nun war es also so weit.

Der 84-Jährige ließ die ganze Familie nacheinander zu sich ans Bett kommen, um sich zu verabschieden. Jedem gab er etwas mit auf den Weg. Ich hatte Angst, mich alleine von ihm zu verabschieden, und so ging Mami mit. Die Kammer war klein mit den Betten der Großeltern auf der Schmalseite und hintereinander – und gefühlten 45 Grad Celsius. Ich musste ihm Psalm 131 vorlesen.

«Herr, mein Herz überhebt sich nicht, nicht hochmütig blicken meine Augen, ich gehe nicht um mit großen Dingen, mit Dingen, die mir nicht begreiflich sind. Vielmehr habe ich besänftigt, habe zur Ruhe gebracht meine Seele. Wie ein gestilltes Kind bei seiner Mutter, wie das gestillte Kind, so ist meine Seele in mir. Israel, warte auf den Herrn von nun an bis in Ewigkeit!»

Einheitsübersetzung

Dann wollte er mir noch etwas mitgeben: «Setz dich zu mir und hör mir zu. – Es war einmal ein junger Mann, der wollte Dieb werden. Als die Ausbildung zu Ende ging, musste er ein Meisterstück präsentieren. Die Prüfung musste er bestehen, um in die Liga der Diebe aufgenommen zu werden. Also plante er, einen Amboss zu stehlen. Der Amboss war aber viel zu groß und viel zu schwer für den Lehrling. Er schaffte es nicht und wurde in flagranti ertappt – und schon war seine Karriere als Dieb beendet.»

Und damit war auch Großvaters Geschichte fertig. Er segnete mich, und schon kamen die Nächsten herein.

Ich fragte mich, was er mir damit wohl sagen wollte. Mami konnte es mir auch nicht erklären. Wollte er mir sagen, dass ich es nicht übertreiben solle?

Großvater starb tatsächlich in dieser Nacht. Niemand verstand, wieso die Wanduhr in seinem Zimmer genau zum Zeitpunkt seines Todes stehen blieb. Das war noch nie vorgekommen. Es war eine Uhr, die man nur einmal pro Woche aufziehen musste, und sie musste noch überhaupt nicht aufgezogen werden.

Zu der Zeit verbrachten wir die Wochenenden im Ferienhaus oberhalb des Bauernhauses der Großeltern. Auch bei uns geschah Sonderbares. Papa und ich schlossen wie immer alle Türen und Fenster, bevor wir zurückfuhren. So auch an diesem Sonntagabend. Zusätzlich machte Papa wie immer den Kontrollgang – und er war zuverlässig!

Am Montagmorgen rief die Tante an: «Wieso habt ihr die Balkontür nicht abgeschlossen? Die beiden Fensterflügel standen sperrangelweit offen.»

Papa meinte, das sei Großvaters Art gewesen, sich zu verabschieden.

Beide Vorkommnisse fand ich verwirrend.

Mit dem Tod des Großvaters begann ich auf einen Schlag zu pubertieren. Ohne es zu wissen, wurde ich zum Punk und zur Rasta-Queen, bevor diese überhaupt existierten.

Tagaus, tagein zog ich nur noch ein Helanca-Pyjama-Oberteil2 an und darüber eine große Melkerkutte vom Großvater. In die Jeans schnitt ich zum Entsetzen der Eltern lange Schlitze, die schnell ausfransten. Aber vor allem wusch ich die Haare nicht mehr, sondern wickelte sie jeden Abend auf superkleine Wickler. Dadurch war mein Nachtlager hart, aber das nahm ich gerne in Kauf. Am Morgen zog ich die Wickler nach unten weg, kämmte das Haar selbstverständlich nicht, so dass ein Rasta-Look entstand, der zwar nicht zum eigentlichen Punk-Look passte, aber der war ja auch noch gar nicht bekannt. Diese Punkphase dauerte über ein Jahr.

Meine Eltern schämten sich, besonders wenn vornehmer Besuch kam. Egal, ich bockte.

In meinem Herzen war die Sonne weg. Ich erbettelte eines von Großvaters Sonntagshemden, und es hängt bis heute im Schrank. Es ist so groß, lang und breit wie er. Auf der vorderen Brustblende waren seine Initialen in roter Anglaise-Schrift3 mit winzigen Kreuzstichen aufgestickt.

Die anderen schienen seinen Tod relativ locker zu nehmen. Ich schaffte das nicht. Für mich gab es ein «Vorher» und ein «Nachher». In der Zeit begannen meine stundenlangen heißen Bäder, um meine eiskalten Knochen ein wenig aufzuwärmen. Äußerlich konnte ich schwitzen, aber mein Knochengerüst war immer kalt.

Obwohl ich ein auffälliges Auftreten hatte, war ich nicht halb so souverän, wie ich wirkte. Im Gegenteil, ich hatte die Diagnose «Unwohlsein». Ich wäre gern einer der asketischen mittelalterlichen Mönche gewesen, die sich zur Strafe regelmäßig geißelten und blutig schlugen, um sich zu bestrafen. Meine Strafe bestand in selbstzerstörerischen inneren Dialogen, es war ein Sport, mich selber zu zerhacken, und ich stellte mich dabei ganz gut an.

Es gab so vieles, wofür ich mich schuldig fühlte. Für den Krieg zwischen meinen Eltern. Dass ich zur Welt kam, obwohl meine Eltern keine Kinder mehr wollten. Dass Mami wegen mir weniger Zeit zum Malen hatte. Mir war nirgends wohl. War ich in der Schule, fühlte ich mich fremd und nicht dazugehörig. War ich allein zu Hause, hatte ich Todesängste. In diesem Haus war mir unheimlich. Dann ständig dieses Absinken ins Leere, die Sehnsucht, wieder mit Großvater zusammen zu sein. Ich wünschte mir, das stabile Wurzelwerk eines starken Baumes zu besitzen.

Und nun kam noch die Berufswahl dazu. Alles interessierte mich und gleichzeitig nichts. Es gab viele verschiedene Berufe, die ich gerne hätte erlernen wollen: eine Hühnerfarm führen, Höhlenforscherin werden, Tierpräparatorin, Zirkusartistin oder sonst ein Job im Zirkus, Hauptsache unterwegs und im rollenden Wagen.

Überhaupt wollte ich an immer neuen Orten sein, mobil, mit Künstlern, viele Sprachen durcheinander. Oder dann Graupapagei-Importeurin oder Vikunja-Züchterin. Journalismus? Soziologie? Aber auch Werklehrerin. Insgeheim supergern Balletttänzerin. Wahnsinnig gerne Kulissenmalerin im Theater. Ja – und Clown, das reizte mich sehr.

Auch träumte ich davon, eine professionelle Märchenerzählerin zu werden, im rollenden Theater, von Dorf zu Dorf fahrend. In vielen bunten Kostümen meine Geschichten erzählend. Modedesignerin. Oder Entwicklungshelferin beim Roten Kreuz, und wenn das nicht klappt, dann Zauberer.

Champignonzüchterin wäre auch gut – meine geliebten Pilz-Zwergenhäuschen! Reiseleiterin eventuell auch. Und eine berühmte Krimi-Schriftstellerin. Oder Hochsee-Matrosin und vielleicht auch Landschaftsarchitektin. Als Schleckermäulchen war auch Confiseurin eine Option und dann vor allem und unbedingt Erfinderin.

Da die Eltern mein Talent erkannten, schickten sie mich zuerst in einen Jahreskurs, das nannte sich Modefachklasse und diente dazu, sich für einen künstlerischen Beruf zu entscheiden. Schon in der ersten Schulwoche begann sich der Picasso in mir zu regen. Ich war so glücklich, vom Morgen bis zum Abend nichts anderes zu tun, als zu zeichnen.

Das Höchste aller Gefühle war, mit meiner riesigen Zeichenmappe unter dem Arm ganz wichtig am Bahnhof in den Bus einzusteigen und bei der Kunstgewerbeschule wie zufällig auszusteigen, dann aber zügig auf den Haupteingang zuzuschlendern. Ich stellte mir vor, wie die im Bus Zurückgebliebenen auf meinen Rücken starrten und sehnsuchtsvoll von der Kunstgewerbeschule träumten. Aber sie stiegen im Kornhaus oder am Tierpark aus und schoben dort ihre Runden und kümmerten sich weder um mich noch um meine Mappe.

Pflegeleicht war anders. Mami hatte mich deshalb an Papa delegiert. Dieser diskutierte mit einer höchst eigenwilligen und dezidierten Tochter abendelang über antiautoritäre Erziehung, Anarchismus und Marxismus. Ich vertrat das Gedankengut von Bertrand Russell4, nahm an Demos teil und war begeistert vom Prager Frühling mit meinen Helden Alexander Dubček und Ludvík Svoboda.

Und selbstverständlich wollte ich auswandern und eine neue Gesellschaft gründen. Vielleicht in Kanada.

Auch liebäugelte ich mit weichen Drogen. Papa verbot das kategorisch, wodurch er genau das Gegenteil bewirkte. Ich schlug ihm vor, nur einen einzigen Joint probehalber mit mir zu rauchen. Überraschenderweise schien er nicht komplett abgeneigt zu sein. Vielleicht dachte er, das sei das kleinere Übel, so hätte er mich wenigstens unter Kontrolle.

Mami war entsetzt, etwas anderes hätte ich auch nicht erwartet. Wir planten das Vorgehen. Doch es sollte nicht so weit kommen, denn leider verspielte ich die Gunst meines Vaters bereits bei der nächsten Gelegenheit …