Liebe ohne Grenzen - Pranitha Timothy - E-Book
Beschreibung

Eine Stimme kann zur Hoffnung für Tausende werden. Pranitha Timothy fällt die Ungerechtigkeit und Ausbeutung des indischen Kastensystem schon als Kind auf. Doch erst als sie Jesus in ihr Herz aufnimmt, hat sie den Mut, ihre Stimme dagegen zu erheben. Bis heute kämpft sie, oft unter Einsatz ihres Lebens, gegen moderne Sklaverei, Unterdrückung, Menschenhandel und Gewalt in Indien. Damit ist sie zur Hoffnung für Tausende Männer, Frauen und Kinder geworden, deren Stimmen zu schwach sind, um gehört zu werden. Nun hat die Sozialarbeiterin, die erst für die International Justice Mission gearbeitet hat und nun bei Compassion angestellt ist, ihr packendes Leben aufgeschrieben. Eine tief berührende Biografie.

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Seitenzahl:371

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Der SCM Verlag ist eine Gesellschaft der Stiftung Christliche Medien, einer gemeinnützigen Stiftung, die sich für die Förderung und Verbreitung christlicher Bücher, Zeitschriften, Filme und Musik einsetzt.

Die mit * gekennzeichneten Namen wurden zum Schutz der Personen geändert.

ISBN 978-3-7751-7354-4 (E-Book)

ISBN 978-3-7751-5673-8 (lieferbare Buchausgabe)

Datenkonvertierung E-Book: CPI books, Leck

© der deutschen Ausgabe 2016

SCM-Verlag GmbH & Co. KG · Max-Eyth-Straße 41 · 71088 Holzgerlingen

Internet: www.scm-verlag.de · E-Mail: info@scm-verlag.de

Die Bibelverse sind, wenn nicht anders angegeben, folgender Ausgabe entnommen:

Neues Leben. Die Bibel, © der deutschen Ausgabe 2002 und 2006

SCM-Verlag GmbH & Co. KG, Witten.

Umschlaggestaltung: Kathrin Spiegelberg, Weil im Schönbuch

Titelfoto: Nikole Lim; Illustrationen: shutterstock.com

Autorenfoto: © Blesson Pandi

Satz: typoscript GmbH, Walddorfhäslach

Inhalt

Über die Autorin/Co-Autorin

Vorwort

Am seidenen Faden

Von einer Hölle in die nächste

Januar 1975

Doppelt entwurzelt

Ein Unfall?

Ungerechtigkeit

Der Flimmerkasten

Meine Eltern

Alltag in Yadgir

Die Sache mit Gott

Familienabenteuer

Meine Krankheit

Allein

Herzenskälte

Meine neue Passion

Psychospielchen

College

Harte Konsequenzen

Spiel mit dunklen Mächten

Gefangen

Veränderung

Morgenstunden mit Gott

Fragen an Gott

Veränderung

Gewissensprüfung

Herzenseroberung

Meine Berufung

Monate der Ungewissheit

Hirntumor

Gott verherrlichen

Hilflos ausgeliefert

Himmlische Aufgaben

Mein erster Job als Sozialarbeiterin

Somu

Ein perfektes Match?

Geschenke des Himmels

Chennai

Leben in einem indischen Dorf

Entwicklungszentren für Kinder

Hochzeitsvorbereitungen

Der große Tag

Flitterwochen

Früchte meiner Arbeit

Moderne Sklaverei

International Justice Mission

Vorstellungsgespräch

Mein erster Einsatz

Erste Schritte

Unberührbare

Ermittlungen

Gefährliche Wut

Kraftquellen

Vorbereitung

Befreiungsoperation Raman

Ramans Peiniger

Lang ersehnte Freiheit

Gerichtstermin

Nachsorge

Ramans Engagement

Ein Meilenstein in der Geschichte von IJM

Ramans Geschichte als Erfüllung meiner biblischen Prophetie

Aarthi und Keerthi

Unsere Ehe

Mit Aarthi und Keerthi vor Gericht

Warten

Eine unerwartete Überraschung

Neue Hoffnung für Aarthi und Keerthi

Ein schwerer Schlag

Familienzuwachs

Unsere Gemeinschaft mit jungen Leuten

Aarthi und Keerthi

Unsere Maids

Polizeischulungen

Der Wert eines Sklavenlebens

Offene Wunden

Ich habe zu Jesus gebetet und wurde befreit

Joels Geschichte

Aarthi und Keerthi studieren

Die größte Befreiungsaktion in der Geschichte von IJM

Nachwuchsmenschenrechtler

Andere ermutigen

Willow Creek in Chicago

Ein Traum von Gott

David

Ein eigenes Projekt

Der Start von »Justice & Hope«

Zerplatzende Seifenblasen

Neuausrichtung?

Ein schmerzlicher Abschied und neue Aufgaben

Als Staatsgast in Deutschland

Eine neue Stimme?

Bayern-München

Letzter Gerichtstermin von Aarthi und Keerthi

Amrita

Transformation eines Dorfes

Aarthis und Keerthis neuer Job

Neue Hoffnung für vergessene Kinder

Ehrenamtliche Helfer

Diskriminierung von Frauen

Fieber

Aarthi findet zu Gott

Christenverfolgung in Indien

Neuer Kurs von IJM

Zehnjahresfeier

Zweifel

Göttliche Gerechtigkeit

Statements über Pranitha:

ANHANG

Wie ich dazu kam, dieses Buch zu schreiben

Zusatzinformationen zur Situation von Frauen in Indien auf Grundlage von Reportagen auf ARTE

Literatur-/Quellenverzeichnis

Kontaktaufnahme- und Unterstützungsmöglichkeiten

Bildnachweis

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Über die Autorin/Co-Autorin

Pranitha Timothy

geboren 1975, ist Sozialarbeiterin und Menschenrechtlerin. Seit 1995 widmet sie ihr Leben den Menschen, deren Stimme durch Unterdrückung und Traumata zum Schweigen gebracht wurde. Ihr tiefer Wunsch ist es, zu erleben, wie diese Menschen wiederhergestellt werden und ihre gottgegebene Würde zurückerhalten. Zusammen mit ihrem Mann und zwei Kindern lebt Pranitha in Chennai/Indien.

Anna Koppri

Jahrgang 1982, ist Sozialpädagogin, Systemische Familientherapeutin und freie Journalistin. Seit sie Pranitha kennt, engagiert sie sich als Botschafterin für International Justice Mission in Deutschland. Sie arbeitet als Integrationserzieherin in einem Kindergarten und beschäftigt sich in ihrer Freizeit leidenschaftlich mit Theologie. Mit ihrem Mann Fabian genießt sie das bunte Leben in Berlin.

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Vorwort

Indien ist ein Land voller Gegensätze: Hier gibt es 150000 Millionäre, darunter einige der reichsten Menschen dieser Erde. Zu-gleich leben hier weltweit die meisten in absoluter Armut. Laut einer Studie der Weltbank müssen 44 Prozent der Einwohner mit umgerechnet weniger als einem US-Dollar am Tag auskommen.

Armut in Indien hat viel mit der Kastenzugehörigkeit zu tun. Obwohl das Kastensystem bereits 1947 offiziell abgeschafft wurde, bestimmt noch heute die Kaste den sozialen Status einer Person. Von anderen ausgeschlossen und diskriminiert zu werden, erscheint armen Menschen oft unabänderlich. Ihnen fehlt die Hoffnung, dass sie und auch ihre Kinder aus dem Teufelskreis der Armut ausbrechen können.

Zwei der schlimmsten Formen von Menschenrechtsverletzungen treffen vor allem Arme: Menschenhandel und moderne Sklaverei. Durch diese werden viele an den äußersten Rand gedrängt, mundtot gemacht und erbarmungslos ausgebeutet.

Heute werden weltweit etwa 36 Millionen Menschen in Sklaverei festgehalten – die Hälfte von ihnen lebt in Indien. Sie sind das Eigentum von Reismühlenbesitzern, oder sie schuften in Steinbrüchen, Ziegeleien, Textilfabriken und Rosenfarmen. Ihre Lebensrealität ist für uns in Deutschland kaum vorstellbar. Viele fragen sich, warum es Sklaverei in unserer heutigen Zeit überhaupt noch gibt.

Tatsächlich verbietet die Gesetzgebung in Indien Sklaverei ausdrücklich. Jedoch haben Arme kaum Zugang zum Rechtssystem. Um also nachhaltig gegen Sklaverei zu kämpfen, braucht es eine aktive Strafverfolgung dieser Rechtsverstöße. Ebenso nötig ist es, dass Menschen die Gesetze verstehen und sie befähigt werden, ihre Rechte einzufordern.

Keine leichte Aufgabe! Menschenrechte setzen sich nicht von alleine durch. Es braucht Menschen, die ihre Komfortzone verlassen und sich dahin wagen, wo das Unrecht nicht nur zum Himmel schreit, sondern so alltäglich geworden ist, dass sich ihm niemand mehr entgegenstellt.

Pranitha begibt sich immer wieder in die dunkle Welt der Sklaverei, Unterdrückung und Gewalt und wird zur Hoffnung für Tausende Männer, Frauen und Kinder, deren Stimmen zu schwach sind, um gehört zu werden, die versteckt, versklavt, vergewaltigt und zum Schweigen gebracht wurden.

Auf den ersten Blick wirkt die zierliche Frau mit ihrer leisen Stimme nicht wie eine starke Kämpferin. Ihre Hingabe, ihr Mut und ihre Professionalität in ihrer Arbeit beeindrucken mich zutiefst. Niemals zuvor ist mir jemand begegnet, der sich seiner Schwachheit so bewusst ist und gleichzeitig der Stärke Gottes, die in ihr wirkt.

Als Sozialarbeiterin bei International Justice Mission hat sie bis 2014 Tausende Menschen nach ihrer Befreiung aus Sklaverei begleitet und gestärkt, sodass sie auch ihr inneres Gefängnis der Angst und Unterdrückung verlassen konnten. Zusammen hat sie mit ihnen vor Behörden und Gericht für ihre Rechte eingestanden. In diesem Buch werden Sie einige dieser Menschen kennenlernen.

Obwohl wir damals Kollegen waren, sind wir uns zum ersten Mal in Deutschland begegnet. Pranitha sprach 2014 auf dem Willow-Creek-Leitungskongress in Leipzig vor 8000 Teilnehmern. In der großen Konferenzhalle hätte man eine Stecknadel fallen hören können, so aufmerksam folgten die Zuhörer ihren leisen und doch so gewichtigen Worten. Tausende Herzen hat Pranitha in diesen Minuten berührt.

Auf unseren langen Autofahrten durch Deutschland und in vielen weiteren Gesprächen mit ihr war ich besonders davon beeindruckt und ermutigt, welche Stärke sie aus ihrem Glauben schöpft. Es ist ein Privileg, als Freunde und Gefährten gemeinsam dafür zu kämpfen, den Ärmsten dieser Welt Hoffnung zu schenken.

Ich wünsche Ihnen, dass Sie beim Lesen dieses Buches Gott als Gott der Gerechtigkeit und Hoffnung begegnen. Pranitha erinnert uns nicht nur an Gottes Auftrag, für die Unterdrückten dieser Welt einzustehen. Sie zeigt uns auch, wie wir als Christen einen echten Unterschied in dieser Welt machen können.

Möge Pranithas Leben uns aufwecken, nicht wegzusehen und uns aufrütteln, etwas zu unternehmen. Millionen Menschen in Sklaverei warten noch darauf, dass ihnen jemand ihre Stimme leiht und für ihre Rechte kämpft. Lassen Sie uns gemeinsam dazu beitragen!

Ihr Dietmar RollerVorstandsvorsitzender IJM Deutschland e. V.

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Am seidenen Faden

Ich spüre das Pochen meines Herzens an den Schläfen. Die Zeit scheint stillzustehen, als wolle sie mich absichtlich auf die Folter spannen. Jedes Mal, wenn ich auf die Uhr sehe, ist kaum eine Minute verstrichen. Ich sitze auf dem Bett eines Hotelzimmers in Chennai im Süden Indiens. Mit mir im Raum sind ein Kollege und fünf Polizisten. Es ist der 20. April 2005, und wir befinden uns in einem der etwas besseren Hotels, das nicht nur versucht, einen europäischen Standard zu bieten, sondern auch westliche Preise verlangt. Die Klimaanlage bläst surrend eiskalte Luft in den Raum, die mich am ganzen Körper frösteln lässt. Draußen herrscht eine so unbarmherzige Hitze, dass ich nicht einen Gedanken daran verschwendet habe, mir eine Jacke mitzunehmen. Es sind nun schon dreißig Minuten über der vereinbarten Zeit vergangen. Nervös werfe ich meinem Kollegen einen Blick zu. Er nickt aufmunternd – jetzt nur nicht den Mut verlieren, es wird schon alles glattgehen. Im Nebenraum ist alles für eine Party hergerichtet. Es läuft Musik, das Licht ist ein wenig gedimmt, und es gibt etwas zu essen.

Eine ganze Suite haben wir für die heutige »Operation« gemietet. Unsere Leute und einige Polizisten in Zivil haben sich auf dem ganzen Gelände verteilt. Sogar auf dem Dach sitzen etliche von ihnen, um Ausschau nach den Mädchen und ihren Zuhältern zu halten.

Die Anspannung nagt an meinen Nerven, denn an einem solchen Fall haben wir noch nie gearbeitet. Sieben minderjährige Mädchen sollen zu uns ins Hotel gebracht werden. Wir haben alles bis ins Detail geplant und viel Zeit investiert, um diese Mädchen aus ihrer persönlichen Hölle herauszuholen. Vor ein paar Wochen sind wir förmlich über den Fall gestolpert, als uns bei Ermittlungsarbeiten in einem Hotel auffiel, dass dort minderjährige Mädchen für Sex an die Gäste verkauft werden. Um die Täter zu überführen, gab sich mein Kollege als interessierter Kunde aus und bestellte ein Mädchen auf sein Zimmer, um Informationen zu erhalten. Der Tsunami im letzten Jahr hat vielen Familien alles genommen. Wir wollen herausfinden, ob sie dadurch so verwundbar geworden sind, dass sie sogar so weit gehen, ihre Körper oder die ihrer Kinder zu verkaufen. Nachdem er dem Mädchen vorsichtig ein paar einfühlsame Fragen gestellt hatte, erzählte sie ihm, dass es in dem Hotel noch weitere junge Mädchen gebe, die dazu gezwungen würden, sich zu prostituieren. Menschenhändler haben ein leichtes Spiel, wenn sie diesen Familien versprechen, ihrer Tochter einen Job als Haushälterin in der Stadt zu besorgen. Die Mädchen werden stattdessen jahrelang als Sexsklavinnen ausgebeutet, und ihre Familien sehen sie in den meisten Fällen nie wieder. Um ein minderjähriges Mädchen für eine Nacht zu kaufen, zahlen Sextouristen oder reiche Inder horrende Summen von bis zu 30000 Rupien (400 €). Je jünger das Mädchen, desto rentabler ist sie für ihren Zuhälter. Manche werden auch direkt von ihren Eltern verkauft, um mit dem Geld die Familie zu ernähren.

In meinem Ohr befindet sich ein Empfänger, mit dem ich hören kann, was im Nebenraum vor sich geht. Mein Chef will mich anrufen, sobald die Mädchen da sind und das Geld an ihre Zuhälter übergeben wird, damit ich zusammen mit den Polizisten den Raum stürmen kann.

Wir warten jetzt schon über fünf Stunden in diesem Raum. Die Mädchen hätten längst hier sein sollen. Auch die Polizisten, die ebenfalls Kopfhörer tragen, werden immer unruhiger.

Endlich höre ich, dass einer unserer Leute einen Wagen vorfahren sieht. Er berichtet, dass ein Mann und eine Frau mit zwei Mädchen aussteigen und auf das Hotel zukommen. Kurze Zeit später treffen sie im Nebenraum ein. Ich will aufspringen, zwinge mich aber, auf dem Bett sitzen zu bleiben und auf den Anruf von meinem Chef zu warten.

Nach einer Weile wird es lauter in meinen Kopfhörern, doch anscheinend versucht mein Chef, die Geldübergabe noch hinauszuzögern, weil er auf das Eintreffen weiterer Mädchen warten will. Die Polizisten werden immer unruhiger und zischen mir zu: »Wir werden jetzt da reingehen, worauf warten wir noch?« Ich versuche, sie zu beschwichtigen: »Nein, wenn Sie jetzt da reingehen, war die ganze Operation umsonst. Wir müssen die Zuhälter bei der Geldübergabe erwischen, sonst können wir ihnen kein Unrecht nachweisen. Warten Sie noch einen Moment, ich gebe Bescheid.«

Durch mein Funkgerät erkläre ich meinem Chef die Brisanz der Lage: »Wir können nicht länger warten, sonst stürmen die Polizisten vor der Geldübergabe den Raum. Ich kann sie nicht mehr hinhalten.«

Kurze Zeit später erhalte ich endlich den erlösenden Anruf und gebe den Polizisten das Zeichen.

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Von einer Hölle in die nächste

Als wir den Nebenraum betreten, erhält die Frau gerade 30000 Rupien (400 €). Sofort nehmen die Polizisten sie und den Mann fest, was die beiden Mädchen auf dem Sofa zusammenzucken lässt. Sie sind im Teenageralter mit langen dunkelbraunen Haaren, großen schwarzen Augen und sehr knapper Kleidung. Als sie begreifen, was hier vor sich geht, bricht die Ältere von ihnen zusammen und beginnt zu weinen. Auch der Frau schießen Tränen in die Augen, und sie stottert unverständliche Erklärungen. Das jüngere Mädchen sitzt ganz still da und schaut uns mit ernster Miene an. Ich nehme die beiden Mädchen mit nach nebenan ins Schlafzimmer, wo ich zusammen mit der Polizei versuche, einige Informationen zu erhalten. Mit tränenerstickter Stimme erklärt die Ältere, dass sie Schwestern sind und von ihrer Tante und deren Fahrer hergebracht wurden. Ihre jüngere Schwester sei zwölf Jahre alt und heiße Aarthi*, sie selbst heiße Keerthi* und sei 14. Aarthi sagt gar nichts. Sie schaut uns mit vor Wut funkelnden Augen an und schweigt. Immer eindringlicher reden die Polizisten auf sie ein und versuchen, Informationen aus ihr herauszupressen. Sie beginnen sogar ihr zu drohen und werden laut, doch das Mädchen bleibt stur. Auf einmal verliert einer von ihnen die Geduld, er holt aus und verpasst Aarthi eine Ohrfeige. Ich glaube nicht richtig zu sehen. Empört springe ich auf: »Wie können Sie dieses Mädchen anrühren? Sie ist Opfer von Gewalt, und es ist unsere Aufgabe, sie zu schützen. Sie haben kein Recht, sie zu schlagen, egal, wie stur sie sich verhält!«

In der Zwischenzeit hat ein Kollege Keerthi so weit bearbeitet, dass sie zugibt: »Sie ist nicht meine Tante, sie ist unsere Mutter. Wir brauchen das Geld.«

Ich muss tief durchatmen und mich für einen Moment zur Wand drehen, damit die Mädchen nicht sehen, wie tief mich diese Aussage trifft. Die eigene Mutter!

Daraufhin bringt uns die Polizei alle zusammen aufs Revier, wo das Verhör die nächsten zwei Tage andauert. Ich schlafe sogar bei den Mädchen, ihrer Mutter und dem Fahrer auf der Polizeistation. Wir sind alle zusammengepfercht in einem kleinen Raum. Die Stimmung ist aufgeladen. Niemals würden wir unsere Klientinnen in so einer Situation alleinlassen. Wir wollen ihnen zeigen, dass wir für sie da sind und es uns nicht egal ist, was mit ihnen geschieht.

Durch meine Anwesenheit sind die Polizisten der Menschenrechtssektion bemüht, ihre Befragungen ohne weitere Aggressionen durchzuführen.

Nach zwei Nächten, in denen wir alle kaum schlafen, beenden sie schließlich das Verhör und entscheiden, dass die Mädchen vorübergehend zu ihrem Schutz in einem Heim der Regierung untergebracht werden sollen.

Keerthi weint, die Schwestern klammern sich an ihre Mutter. Sie wollen nicht von ihr getrennt werden, egal, was sie ihnen angetan hat. Als sie schließlich in einem Polizeiwagen fortgebracht werden, schaut Aarthi mir nach. Der Mut, den dieses gebrochene und misshandelte Mädchen aufbringt, mir direkt in die Augen zu schauen, lässt mich erschaudern. Sie hat Angst vor dem, was jetzt mit ihr passieren wird. Ich sehe aber auch wilde Entschlossenheit und Wut in ihrem Blick.

Für einen Moment erkenne ich mich selbst in diesem Mädchen. Sie ist von schmaler, kränklicher Statur und doch aufrecht und stolz. Mit dem gleichen eindringlichen Blick voll Wut und voll Entschlossenheit habe ich die Ungerechtigkeit betrachtet, die mir in meinen Kinderjahren begegnet ist.

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Januar 1975

Ein dünner, heller Schrei, wie nur Neugeborene ihn ausstoßen, schallt durch das Krankenhaus der methodistischen Mission in Yadgir. Es ist ein Sonntag, an dem ich zum ersten Mal hungrig Sauerstoff in meine Lungen einsauge. Ich werde hineingeboren in eine bunte Welt voller Gegensätze. Ein Sechstel der Weltbevölkerung lebt in Indien, ich bin eine von 1,2 Milliarden Menschen. Die Hälfte von ihnen, hat nicht genug zu essen. Erschöpft lehnt meine Mutter sich in die Kissen zurück und lässt sich ihr winziges Töchterchen in den Arm legen. Die Hebamme lacht herzhaft, als sie mich sieht, und schon bald versammelt sich eine heitere Runde von Krankenhausangestellten um unser Bett. Alle wollen das kleine indische Mädchen mit der ungewöhnlich hellen rosa Haut bestaunen. Von diesem Moment an werde ich nur noch liebevoll »Pinky« genannt, was bis heute mein Rufname ist. Mein richtiger Name ist Pranitha, was Lebensgeberin bedeutet. Ob er meinen Eltern von Gott zugeflüstert wurde?

Auch die Uhrzeit meiner Geburt ist ein Grund zur Heiterkeit im Krankenhaus und später immer wieder eine Anekdote wert. Ich erblicke um 4:20 Uhr das Licht der Welt. Vier Zwanziger nennt man in Indien Schwerverbrecher, nach einem entsprechenden Paragrafen im Gesetzbuch. Manchmal ziehen meine Freunde mich damit auf und sagen: »Kein Wunder Pinky, dass du so geworden bist.« Doch ich möchte von vorn erzählen:

Nicht alle aus meiner Familie sind erfreut über meine Ankunft. Als die Eltern meines Vaters erfahren, dass ich ein Mädchen bin, legt sich ein Schatten über ihre Beziehung zu meiner Familie. Sie verweigern sogar den Besuch im Krankenhaus, um mich nicht willkommen zu heißen. Ihrer Meinung nach sei ein Mädchen in der Familie genug, noch mehr könnten sich meine Eltern nicht leisten. Meine große Schwester Priscilla wurde drei Jahre vor mir geboren, und mein Bruder Paul ist elf Monate älter als ich. Doch die Freude meiner Eltern über das kleine rosa Bündel, das friedlich in ihren Armen schlummert, ist ungetrübt. Sie vertrauen mich ganz der Fürsorge Gottes an. Von Sorge um eine hohe Mitgift, die sie bei meiner Verheiratung zahlen müssten, lassen sie sich diesen kostbaren Moment nicht verderben. Manche indischen Familien, die wenig Geld haben, töten ihre zweit- oder drittgeborenen Mädchen sogar aus Verzweiflung und Angst vor Verarmung. Das ist ein großes Problem in meinem Land, weil es deshalb zu wenige Frauen gibt. Auf 1000 Männer kommen nur etwas über 800 Frauen. Für meine Eltern sind Mädchen und Jungen gleich viel wert, und so machen sie auch keine Unterschiede in unserer Erziehung.

Meine Versorgung überlassen sie dennoch schnell meinen Großeltern väterlicherseits, die mit in unserem Haus leben. Nachdem meine Mutter sich vom Wochenbett erholt hat, geht sie zurück ins Krankenhaus, in dem sie und mein Vater als Missionsärzte arbeiten. Sie ist Zahnärztin, mein Vater Augenarzt und Leiter des Krankenhauses.

[Zum Inhaltsverzeichnis]

Doppelt entwurzelt

Drei Kleinkinder im Haus sind eine Überforderung für alle Beteiligten. Weil meine dreijährige Schwester und mein einjähriger Bruder schon viel Aufmerksamkeit und Fürsorge benötigen, kommen meine Bedürfnisse häufig zu kurz. Eines Tages findet meine Mutter mich weinend am Boden liegen, als sie von der Arbeit heimkommt. Meine Großmutter ist im selben Raum, doch sie hat mich, nachdem ich aus dem Bett gefallen bin und jämmerlich weine, nicht aufgehoben. »Sie ist doch nur ein Mädchen«, lauten die Worte, die in Mutters Ohren noch lange nachhallen. Als ich eineinhalb bin, entschließt sie sich deshalb, das Angebot ihrer Mutter anzunehmen, sich für eine Weile um mich zu kümmern. Meine Großmutter lebt mit meinem Großvater eine Tagesreise entfernt in Madras/Chennai und möchte mich ein wenig aufpäppeln, weil ich sehr dünn und schwach bin. Sie kommt mich abholen und tritt mit mir die 16-stündige Zugreise in ihre Heimatstadt an. Verängstigt gehe ich mit der mir fremden Frau mit und werde aus meiner Kleinstadtidylle in eine andere Welt gebracht. Madras/Chennai liegt an der Ostküste und ist eine Millionenmetropole im Süden Indiens. Ich werde empfangen vom nie enden wollenden Hupkonzert der Autos, Motorräder und Autorikschas auf den Straßen. Bunte Werbetafeln und Auslagen in den Geschäften sowie die Rufe von Marktschreiern und der Duft der Speisen, die an jeder Ecke verkauft werden, vernebeln mir die Sinne. Meine Großeltern leben in einem Haus direkt an der Straße, die zu überqueren jedes Mal ein Abenteuer ist. Deshalb ist mein Lebensmittelpunkt das Haus. Von morgens bis abends sitze ich in den abgedunkelten Räumen mit eingeschaltetem Ventilator und spiele mit meinen Spielsachen. Es ist zu warm draußen, als dass man den Sonnenstrahlen erlauben würde, sich einen Weg durch die Fenster zu bahnen, und zu gefährlich für kleine Kinder, draußen auf der Straße zu spielen. Anfangs bin ich sehr still und traurig, ich fühle mich allein und entwurzelt. »Madras Thatha«, wie ich meinen Großvater nenne, ist pensionierter Oberstleutnant der Luftwaffe. Er wurde als Hindu geboren und hat sich später als Erster in seiner Familie entschieden, Christ zu werden. Diese Veränderung bewirkte meine Großmutter, die er während des Krieges kennenlernte. Sie hatte sich als Krankenschwester um die verwundeten Soldaten gekümmert. Ich bewundere und fürchte die beiden gleichermaßen. Manchmal nimmt meine Großmutter mich mit auf die Märkte, um Besorgungen zu machen. Ich kann mich nicht sattsehen an den wunderschönen bunten Stoffen und Blumen, den herrlichen reifen Früchten und Gemüsen. Mittlerweile habe ich mich an das Leben hier gewöhnt. Was soll ein kleines Mädchen auch anderes tun, als sich anzupassen und in sein Schicksal zu fügen, wenn es ja doch nichts daran ändern kann. Nach eineinhalb Jahren treten wir auf einmal eine große Reise mit dem Zug an. Als wir aussteigen, werden wir von Menschen in Empfang genommen, die mir ein wenig bekannt vorkommen. Doch dass meine Großeltern schließlich ohne mich die Rückreise antreten und ich hierbleiben soll, verunsichert mich zutiefst. Schon wieder ist alles neu für mich, und ich soll mich an meine mittlerweile fremd gewordene Familie gewöhnen. Yadgir ist eine beschauliche 100000-Einwohner-Kleinstadt mit staubigen Straßen, trockenen Büschen und einer noch unerträglicheren Hitze, als ich sie aus Madras/Chennai gewohnt bin. Wir befinden uns im indischen Bundesstaat Karnataka, 490Kilometer nördlich von Bangalore. Inmitten der Stadt hebt sich majestätisch ein steiler Felsen empor. Die ansonsten flache Umgebung ist wegen der trockenen Hitze den Großteil des Jahres über karg und dürr. An warmen Tagen klettert das Thermometer auf über 50Grad Celsius. Immer wieder kommt es vor, dass Menschen wegen der Hitze kollabieren und sogar sterben.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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