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Valentin, Sohn eines reichen Bauern, verliebt sich in die Bauerstochter Steffi. Diese kommt zwar selbst aus einem gut situierten Haus, ist jedoch in Liebesbeziehungen nur auf das Geld bedacht. Um ihr eine Lektion zu erteilen, nimmt Valentin eine Stelle als Knecht am Hof von Steffis Vater an und will sie auch so für sich gewinnen. Wird Valentin sie von seiner Persönlichkeit überzeugen können? Oder wird er ihre Liebe an seinen Vetter Johannes verlieren? Neben dem Roman „Liebesduell“ sind auch zwei weitere spannende Romane „Das Ochsenrennen“ und „Kreuzweg der Liebe“ in diesem E-Book enthalten.
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Seitenzahl: 345
Veröffentlichungsjahr: 2017
Anni Lechner
Liebesduell
Das Ochsenrennen
Kreuzweg der Liebe
Anni Lechner: Band 2, Liebesduell ... und zwei weitere spannende Romane
Copyright © by Anni Lechner
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Verlagsagentur Lianne Kolf.
Überarbeitete Neuausgabe © 2017 by Open Publishing Verlag
Covergestaltung: Open Publishing GmbH – Mathias Beeh
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Erlaubnis des Verlags wiedergegeben werden.
eBook-Produktion: Datagroup int. SRL, Timisoara
ISBN 978-3-95912-209-2
Valentin betrat die dreischiffige Stiftsbasilika durch eine Seitentür und atmete erst einmal auf. Hier in dem stillen Raum war von dem Lärm des jährlichen Landjugendfestes, das in den Klosterräumen stattfand, nichts mehr zu vernehmen. Während er langsam an dem altersdunklen Kirchengestühl vorbei nach vorne ging, wurde ein Mönch, der eben einige Kerzen auf dem Seitenaltar entzündete, auf ihn aufmerksam.
»Grüß Gott, dich hat’s wohl nimmer unter den Leuten gehalten?«
Valentin nickte. »Da haben Sie recht, Pater. So ein Treffen wie das heutige ist ja ganz schön, aber manchmal hat man doch den Wunsch, ein wengerl allein zu sein.«
»Das kann ich verstehen«, antwortete der Mönch mitfühlend und wandte sich wieder seiner Aufgabe zu. Valentin blieb neben ihm stehen und sprach ein kurzes Gebet, bevor er die Kirche wieder verließ. Er wählte einen anderen Weg als den, den er gekommen war, und geriet durch Zufall in den Klostergarten mit seinen blühenden Sträuchern und Blumen. Von hier aus konnte er die feiernde Landjugend wieder hören, aber dennoch vermittelte die Anlage Valentin ein Gefühl des Friedens und der Stille. Er atmete die vom Duft der Blumen erfüllte Luft mit tiefen Zügen ein und spürte, wie die Anspannung von ihm wich.
Kurz entschlossen ging er dem ansteigenden Geräuschpegel entgegen und erreichte den mächtigen Klosterbau. Sein Blick fiel durch ein offenes Fenster, und er spürte, wie sein Herz schneller zu schlagen begann. Keine zwei Meter von ihm entfernt saßen die beiden schönsten Mädchen, die er je gesehen hatte. Sie waren so unterschiedlich wie Sonne und Mond, die eine blond, relativ groß und von einem vollendeten Körperbau, die andere etwas zierlicher gebaut, dunkelhaarig und mit träumerischen Augen. Noch während Valentin überlegte, welche ihm am besten gefiel, entdeckte er, dass noch zwei weitere Mädchen mit am Tisch saßen, beide auf ihre Weise hübsch, aber doch nur ein Schatten gegen die beiden anderen.
Da sich die vier gerade angeregt unterhielten, spitzte er die Ohren, um zu erfahren, woher sie kamen. Sie redeten jedoch nicht über sich, sondern zogen über einen jungen Burschen her, den er von seinem Platz aus nicht sehen konnte.
»Schau dir dieses Elendsgestell an. Das muss wirklich ein Hungerleider sein, der hat keine sechzig Kilo auf den Rippen und das bei mindestens einsachtzig Größe«, spottete die blonde Schönheit.
Der Klang ihrer Stimme hätte Valentin entzückt, doch ihre bösen Worte machten ihn betroffen.
»Seinen Trachtenanzug hat er wohl von einem Onkel geerbt, denn er passt ja fast zweimal hinein«, setzte die Dunkelhaarige hinzu.
Valentin beugte sich etwas vor und spähte durch das Fenster, um das Opfer dieses Spottes zu sehen. Zu seinem Ärger entpuppte es sich als sein Vetter Johannes Weitz, der gerade dabei war, sich von einem schweren Unfall und einer anschließenden Wundinfektion zu erholen. Er sah auch entsprechend blass aus, und sein Trachtenanzug schlotterte ein wenig um seine mager gewordenen Glieder. Den Spott der beiden Mädchen hatte Johannes aber in Valentins Augen jedoch nicht verdient. Es kam allerdings noch schlimmer, denn eben zupfte eines der anderen Mädchen am Tisch die Blonde am Ärmel.
»Du, das ist fei der Weitz Johannes aus Tyrlafing, ein großer Bauernsohn. Der erbt einmal einen der größten Höf im ganzen Landkreis.«
Diese Nachricht schien die blonde Schönheit zu elektrisieren. »Das ist also der junge Weitz? Den hätt ich mir anders vorgestellt. Aber wenn ich’s richtig bedenk, schaut er ned einmal so schlecht aus. Die richtige Frau tät ihn schon herausfüttern.«
»Wenn das der junge Weitz ist, hätt ich gewiss nix dagegen, wenn ich seine Bäuerin werden könnt«, setzte das zierliche Mädchen mit den dunklen Haaren hinzu.
Die Blonde blickte sie lächelnd an. »Vielleicht versuch ich auch mein Glück bei ihm. Ich will auf einen großen Hof einheiraten, und da ist mir so ein Johannes zehnmal lieber als ein fescher Bursch mit nix an den Füßen.«
»Du hast aber heut deinen materiellen Tag, Steffi«, spottete eine der anderen.
Steffis dunkelhaarige Freundin lachte auf. »Haben wir den ned alle? Ihr wisst doch: Geld siegt, Schönheit verfliegt.«
»Also, so tät ich das ned sagen. Es gibt genug schmucke Burschen, in die ich mich verlieben könnt, ohne dass sie reich sein müssten.« Da das Mädchen, das es sagte, eher wie ein unscheinbares Mäuschen wirkte, nahmen die beiden Freundinnen sie nicht ernst.
»Uns könnt das ned passieren, ned wahr, Steffi?«, behauptete die Dunkle.
Die blonde Steffi schüttelte lachend den Kopf. »Gewiss ned, Zita. Ein Bursch ist wie der andere, und bloß das Geld macht sie erträglich. Schau sie dir doch an, wie sie alle da sitzen. Heut im Kloster sind sie ausnahmsweis brav. Aber außerhalb, da tun sie bloß saufen, raufen und uns Madln nachstellen.«
Das war ja ein arges Charakterbild der männlichen Landjugend, fuhr es Valentin durch den Kopf. Er hätte gerne noch länger zugehört, doch da Steffi plötzlich zum Fenster schaute, machte er sich davon. Kurz darauf betrat er den Festsaal und suchte seinen Cousin. Er fand Johannes in einer Ecke, wo er sich auf einen Säulenabsatz gesetzt hatte und sichtlich mit seiner Erschöpfung kämpfte.
»Dümmer hast du wohl ned sein können, um ausgerechnet hierher zu kommen. Die Veranstaltung ist doch viel zu anstrengend für dich«, schalt Valentin den jungen Burschen.
Johannes verzog die Lippen zu etwas, das wohl ein Lächeln hätte werden sollte. »Grüß dich, Valentin. Weißt du, so anstrengend hab ich’s mir ned vorgestellt. Aber mir ist daheim die Decke auf den Kopf gefallen.«
»Das kann ich ja verstehen, aber trotzdem hättest du gescheiter sein können. Du hättest ja bloß den Mund aufmachen müssen und ich hätt mit dir was unternommen.«
Johannes legte die Hand auf Valentins rechten Arm. »Ich weiß, dass du das getan hättest, Valentin. Aber ich war in den letzten Monaten so auf andere Leut angewiesen. Da hab ich was auf eigene Faust machen müssen.
Valentin nickte unwillkürlich. »Das kann ich verstehen, aber trotzdem wirst du es jetzt zulassen müssen, dass ich dich unter meine Fittiche nehm. Komm mit zu meinem Tisch. Dort bestellen wir dir etwas zu trinken und was Leichtes zum Essen.«
»Darf ich aber selber bestellen?«, fragte Johannes wie ein kleiner Junge und brachte Valentin damit zum Lachen.
»Freilich, und wenn du willst, erlaub ich dir sogar eine Halbe Bier.«
»Darauf hätt ich just einen Appetit«, gab Johannes zurück. Als er jetzt aufstand und Valentin folgte, wirkte er bei Weitem nicht mehr so hinfällig wie vorhin.
Am Tisch angekommen, winkte Valentin einen der Klosterbrüder herbei, welche den Feiernden die Speisen und Getränke brachten. »Eine Halbe vom Klostertrunk für den Johannes, und was zum Essen könnt er auch brauchen.«
Der Mönch musterte Johannes kurz und nickte. »Das kann ich mir vorstellen. Was darf’s denn sein, ein Kalbsbraten oder ein Schnitzel?«
Johannes überlegte kurz und wählte den Braten. »Wisst ihr, grad auf den hab ich mich gefreut. Und ein Klostertrunk ist auch ned zu verachten. Ich glaub, ich bin grad zur richtigen Zeit aus meinem Krankenbrett herausgekommen.«
Das fanden die übrigen Burschen auch und nahmen ihm fröhlich in ihrer Mitte auf. Während Johannes sichtlich auflebte, sah Valentin immer wieder zu den beiden Spottdrosseln hinüber. »Du, Simmerl«, wandte er sich an einen der Burschen, »weißt du zufällig, wer die zwei dort drüben sind?«
Simon blickte kurz in die Richtung und nickte. »Die Blonde ist die Bachler Steffi und die Dunkle die Pröbstl Zita, beide Bauerntöchter aus Hohenbrunn. Die zwei anderen Madln am Tisch sind die Ameiser Mirl und ihre Schwester Rosel.«
*
Steffi Bachler blickte seufzend in die Runde. Es war heiß im Saal und trotz der geöffneten Fenster auch ein wenig stickig. Die Burschen schien das nicht zu stören, sie hielten sich an dem wohlbekannten Klostertrunk fest, den die Mönche brauten, und wurden von Viertelstunde zu Viertelstunde lauter.
Ein Zupfen am Ärmel riss Steffi aus ihren Gedanken. Sie drehte den Kopf und sah Zitas fragenden Blick. »Wenn man dich so ansieht, könnt man fast glauben, dir gefällt’s da ned?«
»Es geht«, antwortete Steffi, um dann doch ihre Gefühle preiszugeben. »Weißt du Zita, mich ärgert ja bloß eines. Jetzt bin ich grad mal neunzehn Jahr alt und doch hat meine Mutter die letzten Tag nix Besseres zu tun gehabt, mir zu raten, dass ich mich heut nach einem Schatz umschauen soll. Schau die dir Bierdimpfel doch bloß an. Ist da einer dabei, der einem Madl das Herz schneller schlagen lassen kann?«
»Na ja, ein paar fesche Burschen sind schon dabei«, erklärte Zita, während ihr Blick die Reihen durchsuchte.
»Und wenn, dann ist’s ein Knecht, dem ned einmal die Lederhose gehört, die er am ... äh, Leib trägt«, winkte Steffi ab.
Die Ameiser Mirl, die neben ihr saß, schüttelte verständnislos den Kopf. »Wenn man dir so zuhört, hat man wirklich den Eindruck, dass es dir bloß ums Geld geht.«
Das entsprach zwar nicht der Wahrheit, aber es machte Steffi Spaß, Mirl und Rosel an der Nase herumzuführen. Zita, die nur wenige Tage jünger war als sie und eigentlich Zeit ihres Lebens wie ein Zwilling an ihr gehangen hatte, machte dieses Spiel begeistert mit.
»Also, für einen Knecht wären wir uns wirklich zu schad. Was da auch unsere Eltern dazu sagen täten.« Sie traf Mirl damit auf den Nerv, denn die hatte sich in den schmucken Knecht des Nachbarhofes verliebt und sich deswegen schon etliche Strafreden ihrer Mutter anhören müssen. Sie und ihre Schwester waren ebenfalls nicht ohne Grund hierher geschickt worden. Die jährliche Veranstaltung im Kloster Ettrang galt nämlich auch als einer der besten Heiratsmärkte für die dörfliche Jugend und besaß weit über den Landkreis hinaus einen guten Klang. Einige der männlichen Teilnehmer begannen jetzt auch, herumzuwandern und sich zu den ins Auge gefassten Schönen zu setzen. Auch an Steffis Tisch kamen mehrere Burschen und betrachteten sie und Zita mit anbetenden Augen. Sie mussten sich aber mit Mirl und Rosel als Gesprächspartnerinnen zufriedengeben.
»Die zwei dort tun ja glatt so, als wären sie aus Gold«, raunte einer der Burschen Mirl ins Ohr.
»Das kannst du laut sagen. Die halten sich wirklich für was Besseres als unsereins«, gab das Mädchen etwas gehässig zurück. Diese Beurteilung wurde durch den Saal getragen und kam auf diesem Weg auch bis zu Valentin und seinen Vetter. Johannes, der nach dem Essen und einer Halben Bier etwas kräftiger wirkte, wandte den beiden Mädchen den Kopf zu und lachte leise auf.
»Da siehst du, wie der Schein trügen kann. Wenn ich denen so begegnet wär, hätt ich sie für nette Madln gehalten.«
»Die äußere Hülle schaut gut aus, aber innen ...« Valentin schüttelte den Kopf über das, was er von den Mädchen erlauscht hatte. Seine schlechte Meinung über sie verstärkte sich noch, als Steffi und Zita auf dem gemeinsamen Weg zur Toilette an seinem Tisch vorbeikamen und Johannes freundlich grüßten.
»Fesch sind die zwei wirklich, vor allem die Kleinere«, rief Johannes mit glitzernden Augen, als die Mädchen weitergegangen waren.
»Sie waren bloß deswegen so freundlich, weil sie erfahren haben, dass du ein reicher Bauernsohn bist. Vorher haben sie sich das Maul über dich zerrissen.«
Johannes starrte Valentin beinahe erschrocken an und ließ nicht eher locker, bis dieser ihm alles berichtet hatte. Das Gesicht des Kranken wurde noch bleicher, als es von Haus aus war. »Also, wenn ned du es mir gesagt hättest, von einem anderen hätt ich’s ned geglaubt.« Sein Blick streifte dabei Zita, die als Erste wieder an ihren Platz zurückkehrte, mit einem ebenso bösen, wie traurigen Blick. Dann wandte er sich wieder Valentin zu.
»Eigentlich müsstest du doch auch ganz oben auf ihrer Liste stehen, denn euer Hof ist ja noch größer wie der unsrige.«
Daran hatte Valentin noch gar nicht gedacht. Er sah Steffi zu, die munter wie ein Reh herankam und Johannes ein Lächeln schenkte, das in seinen Augen so falsch war wie die Zähne seines Großvaters. Jetzt bemerkte sie auch ihn und schätzte ihn ab. Valentin rettete sich hinter sein Bierglas und setzte es nicht eher ab, bis Steffi weitergegangen war. Dann stieß er Johannes an. »Du, sollte man dich nach mir fragen, dann sag, ich wär bloß ein Knecht.«
Sein Cousin lachte trotz seiner bitteren Gedanken leise auf. »Mir soll’s recht sein.« Die Gelegenheit dazu kam schneller als gedacht, denn als sich die Tischordnung weiter auflöste, saßen plötzlich Zita und Steffi neben ihm. Zita musterte das magere Gesicht des Burschen und fand, dass er von Nahem eigentlich gar nicht so schlecht aussah. Mit feinem Gespür begriff sie, dass nicht übertriebener Geiz, sondern eine Krankheit für seine Magerkeit verantwortlich war, und empfand Mitleid mit ihm und ein seltsames Gefühl, das sie selber nicht richtig einordnen konnte.
Es entspann sich eine lebhafte Unterhaltung, die Johannes sogar Spaß machte. Mehrfach musste er sich daran erinnern, dass Zita und ihre Freundin ja berechnende Biester waren, die ihm, wäre er nicht der einzige Sohn des Reschbauern aus Tyrlafing, keinen einzigen Blick gönnen würden.
Steffi merkte, dass Zita auf Johannes einen tieferen Eindruck machte als sie, und überließ daher ihrer Freundin den Hauptteil des Gespräches. Jetzt, wo sie Johannes näher kennenlernten, entpuppte er sich als ein etwas schüchterner, aber durchaus angenehmer Gesprächspartner. Von dem Burschen neben ihm konnte sie das nicht sagen. Dabei sah dieser Valentin eigentlich recht gut aus. Noch ein Stück größer als Johannes, besaß er eine schlanke, aber breitschultrige Figur, ein schmales, rassiges Gesicht, mit dem er in jedem Bauerntheater als Liebhaber hätte auftreten können, durchdringend blickende graublaue Augen und beinahe ebenholzschwarzes Haar. Da er selber recht einsilbig blieb, zupfte Steffi Johannes am Ärmel und fragte leise; »Wer ist denn der Bursch dort?«
Johannes wollte schon sagen, dass es der einzige Sohn seines Onkels, des Reschbauern von Tyrlafing wäre, erinnerte sich aber noch rechtzeitig an Valentins Worte und verzog die Lippen zu einem spöttischen Grinsen. »Das ist bloß ein Knecht, der auf einem Nachbarhof von uns arbeitet, nix weiter.« Er achtete dabei nur auf Valentins zufriedenes Zwinkern und bemerkte ebenso wenig wie sein Freund den betroffenen Ausdruck, der über Steffis Gesicht huschte. Für so arrogant hätte sie Johannes nicht gehalten. Aber wie es aussah, hatten weder sein schwerer Unfall, noch die Krankheit, von denen er eben berichtet hatte, ihn christliche Demut gelehrt. Da Valentin anscheinend nichts von ihr wissen wollte, lehnte sie sich auf ihrem Stuhl zurück und überließ das Gespräch ihrer Freundin, die mit jeder Minute, die verging, ihre Bekanntschaft mit Johannes zu vertiefen schien.
*
Als Steffi und Zita später am Abend das Kloster verließen und nach Hohenbrunn zurückfuhren, tat Erstere es mit dem Gefühl, diesen Tag vergeudet zu haben. Zita hingegen sprach mit leuchtenden Augen von Johannes und beichtete zuletzt, dass sie sich für nächsten Sonntag verabredet hätten. »Wer weiß, vielleicht wird was daraus«, setzte sie hoffnungsvoll hinzu.
»Ich wünsch dir Glück. Mein Typ wär er allerdings ned«, gab Steffi kurz angebunden zurück. Der Rest der Fahrt verlief schweigend. Als Steffi ihre Freundin beim Pröbstlhof abgeladen hatte und nach Hause zurückkehrte, brannte in der Küche noch Licht. Ihr Vater saß mit einem Gesicht, als würde er am liebsten die ganze Welt erwürgen, auf seinem Kanapee. Ihr Bruder Loisl hockte trotzig in der Ecke und blätterte in einer Autozeitung, während die Mutter Mühe hatte, die Tränen zurückzuhalten.
»Einen schönen guten Abend allerseits«, grüßte Steffi.
»Für dich mag er schön gewesen sein, aber für uns ned«, bellte der Vater zurück.
Steffi zog die Augenbrauen hoch. »Ich glaub, ich hab was versäumt.«
Die Mutter seufzte tief durch und schüttelte dann hilflos den Kopf. »Sei bloß froh, dass du ned da warst. Der Loisl hat wieder davon angefangen, dass er unbedingt Automechaniker werden will, wenn er in zwei Monaten aus der Schul kommt, und deswegen schon beim Autohaus Aicher vorgesprochen hat.«
»Sie nehmen mich, weil ich besser bin als alle anderen, die sich beworben haben«, rief der Junge.
»Ich hab dir schon vorhin gesagt, dass du dir den Schmarrn aus dem Kopf schlagen kannst. Du wirst Bauer und damit basta.« Die lauten Worte des Bauern hallten von den Küchenwänden wider. Sein Sohn ließ sich davon jedoch nicht ins Bockshorn jagen.
»Warum soll ich unbedingt Bauer werden müssen? Die Steffi kann den Hof doch genauso gut übernehmen.«
Die Mutter sah aus, als wollte sie ihrem Mann bitten, diesen Vorschlag wenigstens in Erwägung zu ziehen. Bertram Bachler hieb jedoch mit der Faust auf den Tisch, dass die halb volle Bierflasche hochsprang und umfiel. »Das wär grad das Richtige! Seit dreihundert Jahren hat ein Bachler nach dem anderen den Hof an seinen Sohn weitergegeben, und das soll jetzt auf einmal nimmer so sein, bloß weil unser Junior einen Narren an diesen stinkenden Benzinkübeln gefressen hat? Nein, sag ich! Der Loisl übernimmt den Hof, und dabei bleibt’s, und wenn sich der Papst selber für ihn verwenden tät.«
»Dafür müsst er schon die geistliche Laufbahn einschlagen, und selbst da tät bloß unser Pfarrer kommen, und ned der Papst«, wandte Steffi spöttisch ein.
»Du bist ein Frauenzimmer und verstehst das ned«, wischte der Vater ihre Worte vom Tisch. Er fand jedoch, dass es an der Zeit wäre, das Thema zu wechseln. »Übrigens brauchen wir einen neuen Knecht. Der Thomas will zum nächsten Ersten gehen. Sein Bruder hat ihm einen Job in der Stadt besorgt, wo er besser verdienen kann und mehr Freizeit hat. Soll er doch gehen, so besonders war er in der Arbeit auch ned.«
Für einen Augenblick zog das Bild des feschen Knechts, den Steffi bei Johannes Weitz gesehen hatte, vor ihrem inneren Auge auf. Es war schade, weil sie nicht wusste, wer er war. So unzufrieden, wie er ausgesehen hatte, konnte es ihm auf dem Hof, auf dem er derzeit arbeitete, gewiss nicht gefallen. Sie schob diesen Gedanken aber rasch wieder beiseite und zuckte mit den Schultern. »Du wirst entweder zum Arbeitsamt gehen oder eine Anzeige in die Zeitung stellen müssen, Papa.«
»Ich nehm die Zeitung, das Arbeitsamt schickt mir höchstens einen Ökoaussteiger, der von Ackerbau und Viehzucht keine Ahnung hat, aber das Maul aufreißt und sagt, was ich alles falsch mach. Dem Letzten nach, denn die uns geschickt haben, hätten wir unsere Viecher verkaufen und aus unseren Wiesen eine Haschplantage machen sollen.« Danach warf der Bauer einen Blick auf die Uhr.
»Es ist spät geworden. Wir sollten ins Bett, denn Morgen müssen wir früh raus.« Er stand auf, riss seinem Sohn im Vorbeigehen die Autozeitschrift aus der Hand und feuerte sie in die Ecke, dann verließ er sichtlich zufriedener die Küche.
Magdalena Bachler sah ihre beiden Kinder bittend an. »Ihr habt gehört, was der Vater gesagt hat.«
Loisl hob seine Zeitung auf und verließ mit einem gemurmelten »Gut Nacht« die Küche. Die Mutter wandte sich unterdessen Steffi zu.
»Und, hast du nix zu erzählen?«
Steffi spürte förmlich ihre Neugier, schüttelte aber abwehrend den Kopf. »Du hast doch eben selber gesagt, dass wir schlafen müssen, Mama.«
»Aber du kannst doch wenigstens sagen, ob du einen jungen Burschen kennengelernt hast«, drängte die Mutter.
»Also gut, wir haben den Weitz Johannes aus Tyrlafing kennengelernt. Aber wie’s aussieht, gefällt ihm die Zita besser als ich.«
»Dann ist er ein Depp«, schnaubte die Bäuerin, die nichts auf ihre Tochter kommen lassen wollte.
Steffi zuckte mit den Schultern. »Weißt du, Mama, mir ist es so recht, denn ich wär mit dem aufgeblasenen Wicht gewiss ned warm geworden.«
Die Mutter funkelte sie tadelnd an. »Warum musst du auch immer so wählerisch sein. Von mir hast du das gewiss ned.«
»Bist du deswegen am Vater hängen geblieben?« Diese Frage drängte sich über Steffis Lippen, bevor sie darüber nachdenken konnte. Als sie das entsetzte Gesicht ihrer Mutter sah, eilte sie zu ihr hin und schloss sie in die Arme. »Ich hab’s ned so gemeint, Mama.«
Die Bäuerin schnaufte tief durch und nickte. »Ist schon gut, Dirndl. Und jetzt gut Nacht.«
»Gut Nacht, Mama.« Steffi drückte ihre Mutter noch einmal an sich und huschte dann davon. Auf dem Weg zu ihrem Zimmer fragte sie sich, ob es wirklich an ihr lag, weil bislang noch kein einziger Bursche Gnade vor ihren Augen gefunden hatte.
*
Valentin hatte die Veranstaltung in Kloster Ettrang und die beiden Mädchen schon längst wieder vergessen, als er Sonntagabend auf der Straße Johannes begegnete. Die Augen seines Vetters leuchteten unternehmungslustig, und er sah trotz seiner schmalen Gestalt alles andere als schwächlich aus.
»Servus, Valentin!«, rief Johannes schon von weitem.
Valentin freute sich, ihn so gut erholt zu sehen. »Gut schaust du aus. Du musst mir unbedingt die Medizin nennen, die du genommen hast, damit ich weiß, was ich brauch, wenn’s mich einmal schleudert.«
»Medizin ist’s grad keine«, feixte Johannes. »Es ist eher die Rache. Du kannst dich doch noch an die Zita aus Hohenbrunn erinnern.«
Valentin sah zunächst ein blondes Mädchen vor sich, bis das Bild einer zierlichen, dunkelhaarigen Schönheit in seinen Gedanken auftauchte. »Ja, flüchtig. Was ist mit ihr?«
»Ich komm grad von einem Ausflug mit ihr zurück. Was meinst du, wie die um mich herum scharwenzelt ist«, berichtete Johannes mit leicht knirschender Stimme.
Valentin zuckte mit den Schultern. »Schön für dich. Anscheinend ist sie doch ned so hochnäsig, wie wir denkt haben.«
»Das tut sie doch bloß, weil ich ein reicher Bauernsohn bin. Wär ich ein armer Knecht, tät sie mich ned einmal beachten.« Johannes kämpfte sichtlich mit seinen Gefühlen. Valentin begriff, dass das Mädchen seinen Cousin weitaus stärker beschäftigte, als er zugeben wollte.
»Irgendwie ist es verständlich. Wenn sie als Bauerntochter auf einem Hof einheiraten will, kann sie sich ned mit einem Knecht abgeben.« Noch während Valentin es sagte, fragte er sich, ob wirklich er es war, der dieses Mädchen gegen Johannes verteidigte.
»Ein solches Madl will ich aber ned. Die Zita ist genauso schlimm wie diese Steffi, die lieber eine halbe Stund stumm neben uns gesessen ist, anstatt sich mit dir zu unterhalten, und das bloß, weil ich ihr gesagt hab, du wärst ein Knecht. Aber ich zahl’s dieser hochnäsigen Zita schon heim, das schwör ich dir. Ich tu so, als tät ich mich in sie verlieben, und wenn sie dann glaubt, sie hätt mich an der Angel, lass ich sie fallen wie eine heiße Kartoffel.«
»Tu, was du ned lassen kannst.« In Valentins Augen war Johannes Reaktion übertrieben, und dies ließ er ihn auch spüren.
Johannes verzog sein Gesicht zu einer Grimasse. »Was willst du denn? Die Zita hat sich mir an den Hals geworfen, weil ich ein Hoferbe bin, obwohl sie selber gesagt hat, was für ein hässliches Klappergestell ich wär. Jetzt kriegt sie die Rechnung dafür.«
Valentin musterte seinen Cousin kopfschüttelnd. »Ist das ned ein bisserl viel Aufwand wegen einer so kleinen Sach?«
»Für dich mag die Sach klein sein, aber für mich ist sie’s ned«, fuhr Johannes auf.
Jetzt wurde es Valentin zu dumm. »Deswegen brauchst du mich ned so anzuranzen. Ich hab dir nix getan, und ehrlich gesagt, bereu ich’s mittlerweil, dir von den beiden Madln erzählt zu haben.« Er wandte sich verärgert ab und stiefelte ohne Abschied davon. Auf dem Weg nach Hause verspürte er jedoch den Wunsch, es der blonden Steffi auf ähnliche Weise heimzuzahlen.
»Vergiss es«, rief er sich selbst zur Ordnung, als er über den gekiesten Hof des elterlichen Anwesens schritt, das mit seinen drei wuchtigen, im Viereck angeordneten Gebäuden und dem geschnitzten Holzbalkon auf der Innenseite des Wohnhauses sehr romantisch wirkte. Er traf seine Eltern und den Großvater in der guten Stube an. Während die Mutter im Fernsehen eine Sendung verfolgte, lasen die beiden Männer Zeitung. Bei Valentins Eintreten hob der Großvater den Kopf.
»Ich hab dich eben mit dem Johannes zusammen gesehen. Wie geht’s ihm denn so?«
»Viel zu gut«, gab Valentin kurz angebunden zurück.
»Ist was geschehen zwischen euch?«, fragte die Mutter verwundert.
Valentin schüttelte den Kopf. »Geschehen direkt nix, aber für mein Gefühl hat der Johannes seine Krankheit noch ned ganz überwunden. Sie hat ihn ein bisserl gehässig gemacht.«
Jetzt blickte auch der Vater von seiner Zeitung auf. »Das legt sich schon wieder. Der Johannes war alleweil ein braver Bursch und wird bald wieder der Alte sein.«
»Wollen wir’s hoffen«, antwortete Valentin und ging in die Küche, um sich eine Flasche Bier zu holen.
»Bring dem Großvater und mir auch eine mit«, rief ihm sein Vater nach.
Valentin nahm drei Bierflaschen aus der Kühlung und kehrte damit ins Wohnzimmer zurück. Unterdessen hatte sein Großvater weiter in der Zeitung gelesen und hob nun interessiert den Kopf.
»Kennt einer von euch den Bachler von Hohenbrunn? Der sucht nämlich einen neuen Knecht.«
Valentins Vater dachte kurz nach. »Bachler sagst du, doch, den kenn ich. Der sucht also einen Knecht. Das wird ihm aber jetzt mitten im Jahr schwerfallen. Die meisten Knechte haben um die Zeit ihren festen Dienst.«
Valentin überlief es plötzlich heiß und kalt. Die Sehnsucht, Steffi wiederzusehen, packte ihn mit aller Macht, ebenso aber auch der Wunsch, sie für ihre hässlichen Worte zu bestrafen. Ein, zwei Mal setzte er zum Sprechen an, schloss aber wieder den Mund, weil ihm die Idee zu verrückt erschien. Dann aber klopfte er mit dem Zeigefinger auf den Tisch.
»Wir haben doch mit dem Gustl und unseren beiden Lehrlingen genug Arbeitskräfte auf dem Hof. Da werd ich doch eigentlich ned unbedingt gebraucht.«
Drei verwirrte Gesichter wandten sich ihm zu. »Was ist denn jetzt mit dir los?«, fragte der Vater.
Valentin wusste nicht so recht, wie er es erklären sollte. Die Wahrheit durfte er natürlich nicht erzählen, sonst konnte er sich auf ein Donnerwetter einrichten. »Weißt du, Papa, ich hab mir denkt, ich könnt beim Bachler als Knecht einstehen. Natürlich bloß für ein paar Monat, aber ...«
»Wie kommst du auf die depperte Idee«, unterbrach ihn der Vater verärgert.
»Ich wollt mir eigentlich bloß die Tochter näher anschauen.« Valentin zauberte ein Lächeln auf seine Lippen, das bei seiner Mutter sofort verfing.
»Du hast das Madl gewiss bei dem Landjugendfest gesehen und dich in sie verliebt«, rief sie mit leuchtenden Augen.
Jetzt zeigte auch der Bauer Interesse. »Wenn das so ist, dass du dir eine Hochzeiterin suchen willst, können wir darüber reden. Aber warum gehst du ned offen zu ihr hin, sondern willst dich als Knecht dort verdingen?«
»Eben weil ich sie genauer kennenlernen will. Komm ich als der einzige Sohn vom Resch zu Tyrlafing, bin ich als Bräutigam gewiss willkommen. Aber meine Zukünftige soll mich als Mensch lieben, und ned als Hoferben.« Valentin zwinkerte seinem Vater grinsend zu und sah dann seine Mutter an. »Das sagst du doch auch Mama, oder ned?«
Die Bäuerin nickte unbewusst. »Also wenn das Madl unseren Valentin auch dann mag, wenn sie ihn als Knecht kennengelernt hat, dann muss die Ehe glücklich werden. Ich hab’s mir ja schon so lang gewunschen, dass du endlich die Richtige findest.«
Ihr hoffnungsvoller Blick bereitete Valentin Gewissensbisse und er wollte sein verrücktes Vorhaben schon aufgeben. Doch da sah er wieder Steffis schönes und hochmütiges Gesicht vor Augen und schüttelte alle Zweifel ab. Sie hatte eine Lektion verdient, und er würde sie ihr geben.
*
Bertram Bachler ballte die Fäuste und herrschte Steffi an. »Wo steckt denn der Loisl schon wieder? Sieht er denn ned, wie viel Arbeit wir haben?«
Steffi ärgerte es, als Blitzableiter herhalten zu müssen, und wurde schnappig. »Ich weiß auch ned, wo er ist. Ich kann da bloß mit einem Bibelwort antworten: Soll ich meines Bruders Hüter sein?«
»Eher die Hüterin.« Bachler hatte seinen Humor wiedergefunden und klopfte seiner Tochter anerkennend auf die Schulter. »Du bist schon ein braves Madl, und so fleißig. Der Loisl könnt sich ruhig eine Scheibe von dir abschneiden.«
Steffi sah an sich herunter und schüttelte den Kopf. „Lieber ned, denn so viel ist an mir auch wieder ned daran.«
Der Bauer kicherte, als er das hörte, und betrachtete Steffi gleichzeitig mit einem stolzen Vaterblick. Ein schöneres Mädchen als sie gab es im weiten Umkreis nicht, vielleicht mit Ausnahme von Zita. Die Bauernsöhne der Umgebung gaben sich die Klinke in die Hand, um ihr den Hof zu machen. Bis jetzt gefiel es ihm noch, dass Steffi jeden abgewiesen hatte, denn er vergönnte seine Tochter nur dem besten Burschen, und der war ihm noch nicht untergekommen. Allerdings redete man ihr bereits einen übertriebenen Stolz nach und spottete, dass ihr Bräutigam einmal aus lauterem Gold bestehen müsste, um Gnade vor ihren Augen zu finden.
»Wie’s ist, ist’s nix«, murmelte er leise vor sich hin.
»Was ist, Vater?«, fragte Steffi.
Bachler winkte ärgerlich ab. »Ich hab bloß über was nachdenkt. Aber jetzt muss ich den Loisl suchen und ihm die Ohren lang ziehen. Als Hoferbe muss er wenigstens ein bisserl Interesse zeigen.«
»Stell ihm ein verrostetes Schrottauto hin und du machst ihn glücklich«, erwiderte Steffi im bitteren Spott.
»Das könnte dir so passen«, brummte Bachler und stiefelte davon. Die Stimme seiner Tochter hielt ihn jedoch nach mehreren Schritten auf.
»Hat sich denn schon überhaupt jemand auf deine Anzeige hin gemeldet?«
Bachler drehte sich um und schüttelte den Kopf. »Nein, keiner. Aber das ist auch kein Wunder. Mitten im Jahr wechselt selten ein Knecht seinen Dienst.«
»Vielleicht haben wir doch Glück«, versuchte Steffi, ihm Mut zu machen.
»Hoffen wir’s.« Der Bauer atmete tief durch und trat ins Haus. Er brauchte nicht lange zu suchen, denn Loisl saß im Wohnzimmer vor dem Fernsehgerät und sah sich mit leuchtenden Augen eine Sendung über Autos an. Bachler streckte die Hand aus und schaltete das Gerät an.
»Aber Papa, muss das sein?«, maulte der Junge.
Dem Bauern juckte es, ihm eine handgreifliche Antwort zu geben, er begnügte sich aber damit, seinen Sohn zornig anzufunkeln. »Mach, dass du hinauskommst und das Heu wendest. Da hast du es auch mit Technik zu tun, und zwar mit einem Bulldog und dem Heuwender.«
Loisl kannte seinen Vater gut genug, um zu wissen, dass Widerstand sinnlos war. Wie ein müder alter Mann schlurfte er hinaus und setzte sich mit einem Gesicht auf den Traktor, als hätte man ihn für den Rest seines Lebens zu Wasser und Brot verurteilt.
Der Bauer sah kurz in die Küche, in der seine Frau am Herd hantierte, und stieß die angehaltene Luft aus den Lungen. »Ich weiß mir mit dem Loisl bald nimmer zu helfen, Lena. Ich muss mich schon beherrschen, um ihm ned ein paar saftige Watschen zu geben.«
»Die bringen ihm die Liebe zur Landwirtschaft auch ned näher, Bertram.« Die Bäuerin nahm traurig einen Rührbesen zur Hand, wandte sich dann noch einmal ihrem Mann zu. »Vielleicht ist es doch besser, wenn die Steffi den Hof übernimmt.«
»Manchmal hab ich mir das auch schon gedacht.« Bachler wirkte dabei so mutlos, dass seine Frau voller Mitleid auf ihn zukam und ihn in ihre Arme schloss.
»Irgendwie wird schon alles gut werden, Bertram. Da bin ich mir gewiss. Ich werd in der nächsten Woch nach Mariazell wallfahren und der Madonna eine große Kerze stiften.«
»Tu das, Lena«, stimmte der Bauer ihr zu, obwohl er selbst wenig auf die Unterstützung der himmlischen Mächte gab. Die kurze Unterhaltung hatte ihm jedoch gutgetan, und er konnte schon wieder lachen. »Das riecht aber gut, Lena. Da freu ich mich direkt auf’s Essen.«
Das Lob zauberte ein Lächeln auf die Lippen seiner Frau. »Du weißt ja, Bertram, die Lieb geht durch den Magen, vor allem, wenn man selber nimmer so viel hermacht wie früher.«
Der Bauer drückte ihr einen lauten Kuss auf die Wange. »Für mich bist du alleweil noch die schönste Frau auf der Welt, vielleicht mit Ausnahme der Steffi, aber die zählt ned.«
Für einige Sekunden hielt das Bauernpaar sich umschlungen, dann löste sich Magdalena aus den Armen ihres Mannes und deutete auf den Herd. »Ich hätt nix dagegen, wenn wir noch ein bisserl länger zusammen wären, aber ich muss mich jetzt ums Essen kümmern. Das verkocht mir sonst noch.«
»Und ich muss raus zum Heuen, auch wenn ich ned weiß, wie wir heut fertig werden sollen. Es soll nämlich heut Nacht gewittern, und für die nächsten Tag ist Regen angesagt.« Der Bauer biss die Zähne zusammen und wandte sich zum Gehen. Als er auf den Hof kam, war Loisl noch immer nicht losgefahren.
»Ja sakra noch einmal, willst du hier Wurzeln schlagen. Wenn das Heu ned gewendet wird, wird’s ned trocken genug zum Einfahren, und das, wo’s Wetter schlecht wird«, polterte der Bauer los.
Loisl startete erschrocken den Traktor. Der grimmige Blick seines Vaters folgte ihm jedoch bis auf die Wiese hinaus. Danach wollte der Bauer an seine eigene Arbeit zurückkehren, doch da hielt ein nicht gerade neuer und schon leicht verbeult aussehender Kleinwagen auf seinem Hof. Ein junger Mann in einem karierten Hemd und einer speckigen Lederhose stieg aus und sah sich mit großen Augen um. Als er Bachler entdeckte, kam er mit einem verlegenen Grinsen auf ihn zu.
»Grüß Gott! Valentin Resch wär mein Name. Ich hab gehört, dass auf dem Hof da ein Knecht gesucht wird.«
»Das stimmt, ich such einen Knecht. Wenn du mit ins Büro kommen willst.« Valentin gefiel dem Bauern, und er nahm sich vor, ihn einzustellen, wenn keine schwerwiegenden Gründe dagegen sprachen. Doch weder in den Papieren des jungen Mannes, noch in dessen Zeugnis, das ein Onkel für Valentin ausgestellt hatte, war etwas Auffälliges zu bemerken. Valentin hatte sich zunächst überlegt, unter dem Namen ihres Knechtes Gustl hier aufzutreten, sich aber dann für den eigenen Namen entschieden. Jetzt war er froh darum, denn er hätte den Bachler, der als geachteter Bauer bekannt war, ungern anschwindeln wollen. Außerdem konnte er später, wenn er den Dienst hier wieder aufgab, vor Steffi hintreten und ihr höhnisch ins Gesicht sagen, dass ihr Gespür nicht ausgereicht hatte, um ihn als den Erben des Reschhofes zu erkennen.
»Und warum hast du nachher deinen Dienst beim Holzinger aufgegeben?«
Bachlers Frage rief Valentin wieder in die Gegenwart zurück. Er hatte so etwas erwartet und sich auch bereits die richtige Antwort dafür zurecht gelegt. »Ja weißt du, Bachler, nachdem der Sohn vom Holzinger groß genug ist, ist ein Knecht auf dem Hof übrig geworden. Weil ich mir halt denkt hab, dass ich als junger Kerl eher einen neuen Posten krieg als mein älterer Kollege, bin halt ich gegangen.«
»Das war brav von dir«, sagte Bachler.
Das Lob schmerzte, weil es nicht wirklich verdient war. Valentin senkte betroffen den Kopf und sah sich dann mit der nächsten Frage des Bauern konfrontiert.
»Ab wann könntest du anfangen?«
»Eigentlich ab sofort.«
Bachler erinnerte sich an das Heu auf den Wiesen, das dringend in die Scheune musste, und sah Valentin mit hoffnungsvollen Augen an. »Sofort? Heißt das gleich jetzt?«
Valentin nickte eifrig. »Wenn’s gewünscht wird, kann ich sofort zugreifen.«
Der Bauer schnaufte tief durch. »Mir wär’s schon recht, denn wir haben viel Heu gemacht und ab morgen soll das Wetter umschlagen. Da müssen wir so viel einfahren, wie’s geht.«
»Ich bin dabei.« Valentin war erleichtert, weil er Bachler aus einem gewissen Dilemma heraushelfen konnte, und nahm sich vor, alles zu tun, um das Heu heimzubringen. »Weißt du was, Bauer, den restlichen Schriftkram können wir auch heut Abend machen. Jetzt sollten wir an die Arbeit gehen.«
Valentins Eifer beeindruckte Bachler. Er schob die Papiere beiseite, stand auf und streckte Valentin die Hand hin. »Schlag ein. Wir zwei werden schon miteinander auskommen.« Er wartete kaum, bis Valentin die Hand ergriffen hatte, da wandte er sich zur Tür.
»Lena, koch für heut ein bisserl mehr. Wir haben einen Knecht.« Er hatte es kaum ausgerufen, da schoss die Bäuerin auch schon zur Tür herein.
»Was sagst du, einen Knecht?«
Bachler wies lächelnd auf Valentin. »Da steht er. Er war vorher beim Holzinger von Loipfing im Dienst, und der hat ihm das beste Zeugnis gegeben, das man sich wünschen kann.«
Die Bäuerin betrachtete Valentin sichtlich beeindruckt. Der Bursche war nicht nur eine beeindruckende Erscheinung, sondern sah auch so aus, als könne er kräftig zugreifen. »Erst einmal Grüß Gott und willkommen auf unserem Hof. Wie heißt du denn eigentlich?«
»Valentin«, antwortete dieser und ließ dabei seinen Nachnamen unter den Tisch fallen. Dann blickte er hinaus, wo Steffi sich derzeit abmühte, das Heugebläse neu aufzustellen.
»Ich glaub, wir sollten hinausgehen und dem Madl helfen. Ist das eine Magd?«
Bachler schüttelte lachend den Kopf. »Nein, das ist die Steffi, unsere Älteste. Außer ihr haben wir noch den Loisl, aber den wirst du auch noch kennenlernen.« Der Unterton in seiner Stimme ließ Valentin neugierig auf den Jungen werden. Jetzt aber machte er erst einmal, dass er ins Freie kam.
Steffi plagte sich gerade mit einem langen Gebläserohr herum, das sie kaum mit den Armen umfassen konnte. Plötzlich tauchte ein Schatten neben ihr auf, nahm ihr das Rohr aus der Hand und stellte es mit einer Leichtigkeit auf den Anschlussstutzen des Gebläses, als wäre es ein Strohhalm.
»Kannst du die Schelle darum legen und das Rohr festmachen?« Es war eine als Frage getarnte Aufforderung, der Steffi sofort nachkam. Valentin packte sofort das nächste Rohr, stieg die Leiter hoch, die neben dem Gebläse stand, und befestigte es mit mehr Geschick als Kraft. Innerhalb von Sekunden saß auch dieses fest, und bevor Steffi sich versah, war das Gebläse vollständig aufgebaut.
»Ned schlecht, Frau Specht. Du bist ja schneller wie die Feuerwehr«, entfuhr es dem Bauern, der eben auf den Hof gekommen war.
»Ohne deine Tochter hätt ich das ned geschafft«, wehrte Valentin lachend das Lob ab. Sein Blick streifte dabei das Mädchen, das in ihrem Arbeitskleid und dem Strohhut trotz ihres verschwitzten Gesichts in seinen Augen zum Anbeißen aussah. Sie hatte ihm wirklich tatkräftig geholfen und schien, was die Landwirtschaft betraf, äußerst tüchtig zu sein. Wenn ihr Wesen nicht so harsch wäre, könnte ich mich direkt in sie verlieben, fuhr es ihm durch den Kopf.
Steffi musterte ihrerseits den jungen Mann, der ihr seltsam bekannt vorkam. Valentins fröhliche Miene machte es ihr jedoch nicht leicht, ihn als den missmutigen Knecht vom Landjugendfest zu erkennen, den Johannes Weitz mit so abwertenden Worten bedacht hatte. »Bist du vielleicht unser neuer Knecht?«, fragte sie überrascht.
Valentin nickte eifrig. »Das bin ich, und zwar in eigener Person. Du kannst Valentin zu mir sagen.«
»Und ich bin die Steffi.« Das Mädchen reichte ihm mit fröhlich blickenden Augen die Hand. Valentin ergriff sie etwas widerstrebend, hätte sie dann aber am liebsten nicht mehr losgelassen.
Valentin, pass bloß auf, dass du nicht auf sie hereinfällst. Du weißt, wie giftig sie sein kann, schalt er sich und wandte seinen Blick dem Bauern zu. »So, was steht jetzt als Nächstes an?«
*
Steffis Vater bedauerte es nicht, Valentin eingestellt zu haben. Der junge Mann griff beherzt zu und beförderte das Heu, das Bachler nach Hause brachte, so rasch auf den Heustock, dass der Platz vor der Scheune bereits jedes Mal leer war, wenn er mit einer vollen Fuhre wiederkam. Daher konnte der Bauer sofort abladen und wieder auf die Wiese hinausfahren. Als spät am Nachmittag in der Ferne Wetterleuchten aufzog und das nahende Gewitter ankündigte, lud der Bauer die letzte Fuhre auf und kehrte nach einem letzten, staunenden Blick auf die nun leere Wiese nach Hause zurück.
Valentin machte sich fertig, auch dieses Heu in die Scheune zu schaffen. Bachler sprang von seinem Traktor und eilte zu dem jungen Burschen hin.
»Lass mich den Rest machen. Du hast für heut schon genug getan.«
Valentin freute sich über das Lob, schüttelte aber lachend den Kopf. »Mit dem bisserl werd ich auch noch fertig, Bauer.« Damit packte er die Gabel fester und warf das Heu ins Gebläse, dass es eine wahre Freude war.
Steffi stand unter dem Vordach der Remise und sah Valentin bei der Arbeit zu. Sein Gesicht und seine Haare glänzten vor Schweiß, und doch hatte ihr noch kein anderer Bursche so imponiert wie er.
Ihr Vater entdeckte sie und deutete zum Himmel hoch, der sich immer dunkler färbte. »Jetzt halt keine Maulaffen feil, Steffi, sondern hilf dem Valentin. Ich will das Heu ned heimgefahren haben, damit’s nass wird.«
Steffi zuckte unter dem barschen Ton zusammen, schnappte sich dann aber eine Gabel und begann, Valentin zuzuarbeiten.
»Dankschön Steffi, wenn wir zwei zusammenhelfen, wird’s auch was.« Valentin begleitete seine Worte mit einem fröhlichen Lächeln, das von dem Mädchen erwidert wurde. Während sie das Heu versorgten, sicherte der Bauer die Fenster und Türen des Hofes, damit der aufkommende Wind sie nicht aufreißen konnte. Danach wollte er Steffi und Valentin helfen. Der junge Bursche warf jedoch bereits den letzten Rest des Heus ins Gebläse und sah sich dann mit blitzenden Augen zu Bachler um.
»Fertig wären wir, Bauer.«
»Und das um keinen Augenblick zu früh.« Steffi zeigte auf die ersten, schweren Regentropfen, die auf den Beton platzten. Gleichzeitig rollte der ein heftiger Donnerschlag misstönend über das Tal.
Valentin trat einen Schritt zurück, um nicht von dem stärker werdenden Regen erwischt zu werden und schnaufte erst einmal kräftig durch. Der Bauer trat an seine Seite und klopfte ihm auf die Schulter. »Gut hast du gearbeitet, Valentin. Ich glaub, heut hast du dir deine Brotzeit redlich verdient. Kommt, die Lena wird schon aufgetischt haben.«
Während Steffi ihrem Vater sofort folgte, trat Valentin zu dem munter plätschernden Hofbrunnen hin und wusch sich trotz des Regens, der nun immer heftiger wurde, Gesicht und Hände. Bachler sah es und winkte ihm, zu kommen.
»Du kannst dich doch auch im Badezimmer waschen. Am Brunnen wirst du doch bloß nass.«
»Trocken ist’s grad ned«, witzelte Valentin, während er zum Haus eilte. Als er ins Badezimmer trat, erinnerte er sich daran, dass er kein Gepäck dabei hatte, und daher nur das eine verschwitzte Hemd besaß, das ihm förmlich am Leib klebte.
»Ich werd wohl damit zurechtkommen müssen«, sagte er zu sich und wollte es wieder überziehen. In dem Augenblick klopfte es an die Badezimmertür.
»Ich hab dir da ein Hemd von mir geholt, Valentin. Das deine ist doch zu nass«, hörte er den Bauern rufen.
