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In den letzten zehn Jahren ist Morten Traavik mehr als zwanzig Mal nach Nordkorea gereist, dem abgeschottetsten Land der Welt, als offizieller Kulturattaché Norwegens. In Zusammenarbeit mit den notorisch verschlossenen Behörden gelangen ihm bahnbrechende Projekte – wie das erste Rockkonzert auf nordkoreanischem Boden – bis zum Herbst 2017, als er alle Beziehungen zum Land kappte.
Jetzt erzählt er, was er erlebt hat: Durch die unerwartete Freundschaft mit einem nordkoreanischen Staatsdiener dringt Traavik immer tiefer in die Irrungen und Wirrungen dieses Landes ein, bis der Regierung seine kontroversen und subversiven Ideen zu weit gehen ...
Mit außergewöhnlicher Innensicht, viel Humor, Mut und Neugier erzählt Traavik von den banalen und extravaganten Seiten Nordkoreas, vom Ground Zero der entmilitarisierten Zone an der Grenze zu Südkorea über die Hauptstadt Pjöngjang bis zum Fluss Yalu, der Brücke zum großen Nachbarn China. Er gibt ebenso Einblicke in die komplexe Geschichte des Landes und seiner Herrscher wie in den Alltag der Bevölkerung – und deren täglichen Kampf um ein normales Leben im Schatten der Kim-Dynastie.
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Seitenzahl: 374
Veröffentlichungsjahr: 2020
Morten Traavik
Liebesgrüße aus Nordkorea
Ein Extremdiplomat berichtet
Aus dem Norwegischen von Stefan Pluschkat
Suhrkamp
Cover
Titel
Inhalt
Informationen zum Buch
Impressum
Hinweise zum eBook
Cover
Titel
Inhalt
VOLLMACHT
BRIEFE EINES VERRÄTERS
(RELATIV ZUVERLÄSSIGE) FAKTEN
Flagge: rot, weiß und blau
Name: Demokratische Volksrepublik Korea
Zeitrechnung: Juche
Geographische Lage: Im Zentrum von Ost-Asien
DIE VERBREITUNG DER DISCOKRATIE. (Morten der Dritte)
ZENTRUM: PJÖNGJANG
DIE QUAL DER WAHL
ESSEN UND TRINKEN
REZEPT
Kalte Pjöngjang-Nudeln
(Pyongyang Raengmyon)
ZUTATEN
Kalte Pjöngjang-Nudeln
(1 Portion)
ZUBEREITUNG
Kalte Pjöngjang-Nudeln
VERBRÜDERUNG
SEX. (In Nordkorea!)
Hetero
Homo
Masturbationsanleitung für Pjöngjang
Nützliche Zusatzinformationen:
REZEPT
Tangogisuppe
ZUTATEN:
Tangogisuppe
Würzpaste
ZUBEREITUNG
Tangogisuppe
PERIPHERIE. Der Rest des Landes
GLÜCKSLAND. (Morten der Erste)
HISTORISCHE FELDLINIEN I:. KIM der Erste Juche I (
1912
) – Juche
83
(
1994
)
1912–1945: Die japanische Besatzung
1945–1950: Befreiung und Teilung
1950–1953: Der Große Krieg für die Befreiung des Vaterlandes (Der Koreakrieg)
1953–1977: Wiederauferstehung und Goldenes Zeitalter
Wunderkinder
Schwedenschulden
Die Schwedenhilfe: MORTEN der Zweite
APOKALYPSE NOW:. Der Beschwerliche Marsch
HISTORISCHE FELDLINIEN II: . KIM der Zweite Juche
83
(
1994
) –
100
(
2011
)
Der Graumarkt
Die Töchter der Revolution
REZEPT:
Injo Gogi Bap
ZUTATEN:
Injo Gogi Bap
Sauce
ZUBEREITUNG:
Injo Gogi Bap
SONGUN –. der Pakt mit dem Militär
Infanterie
Artillerie
Luftwaffe
Marine
Atomwaffen
REZEPT
Essen für eine ganze Armee: Thongbaechu Kimchi
ZUTATEN
Thongbaechu Kimchi
ZUBEREEITUNG
Thongbaechu Kimchi
Flüchtende
aus
Nordkorea
Die Lager
Herz und Gesinnung
Identifikation mit Rollenbildern
HISTORISCHE FELDLINIEN 3:. KIM der Dritte Seit Juche
100
(
2011
)
Das Komitee fürs große Ganze
Experimente mit Marktkräften
Sprache I: Lost in Translation
Flüchtende
nach
Nordkorea
Maskenfall
Otto W.
Eine Inszenierungsanalyse
EPILOG: DAS LIED VON DER SCHILDKRÖTE
BASISWISSEN FÜR VERRÄTER
Sprache II: Mini-Sprachführer
Die Grundlagen:
Propagandaschlagworte, die jeder Nordkoreaner kennt:
Das i-Tüpfelchen zum Schluss:
Sprachkurs
Getting There
Mit dem Flugzeug
Mit dem Zug
Mit dem Bus
Visum für Nordkorea
NB
!
Visum für China
VOLKSAUFKLÄRUNG
Nordkorea-Ressourcen im Internet
Danke
Bildteil
Ausgewählte Literatur
Ausgewählte Filme
Die Bilder des Verräters:
Fußnoten
Informationen zum Buch
Impressum
Hinweise zum eBook
*
Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser
LENIN
*
His longing for a new world,
however, is always balanced
by regret for the world that must be
destroyed to make way for it.
ROBERT CHANDLER
*
we do what we’re told
we do what we’re told
we do what we’re told
told to do
one doubt
one voice
one war
one truth
one dream
PETER GABRIEL
*
FÜR Ri Yong Man
*
Pjöngjang, den 4. März 2011
Hiermit bevollmächtigt das Kulturministerium der Demokratischen Volksrepublik Korea Herrn Morten Traavik, Regisseur und Künstler, in unserem Namen Verhandlungen bezüglich kultureller Verbindungsarbeit mit dem Ausland in die Wege zu leiten.
Aufgrund seiner Erfahrungen in der Planung und Durchführung kultureller Kooperationen zwischen unterschiedlichen Ländern und Kulturen halten wir Herrn Traavik für geeignet, um – in Rücksprache mit uns – erste Schritte in Richtung eines solchen Dialogs zu unternehmen.
Mit freundlichen Grüßen
Herr Kim Dan-il
Abteilungsleiter, Europaabteilung
Kulturministerium der Volksrepublik Korea
*
Vertrauen ist Liebe.
KIM JONG-IL
*
Lieber Mister Win,
von meinen Quellen in Pjöngjang höre ich, dass Du am Leben bist.
Und damit nicht genug. Es heißt, Du seist auf eine weniger strapaziöse Stelle in einer deutlich ruhigeren Abteilung des Ministeriums versetzt worden. Wenn das stimmt, bin ich aufrichtig erleichtert und froh. Was damals zwischen uns passiert ist, hat zu keiner Zeit nur Wut in mir ausgelöst, und diese Wut war nie auf Dich allein gerichtet. Nichtsdestotrotz bist und bleibst Du derjenige, der mir an jenem Vormittag unter vier Augen damit gedroht hat, mich zu töten, oder töten zu lassen.
»Ich sage es mal so: Eine einzige kleine Kugel …«
In Deinem winzigen Büro wurde es noch wärmer und stickiger, als es ohnehin schon war. Der beißende Rauch Deiner nordkoreanischen Zigaretten, zu denen ich wirklich nur im äußersten Notfall greife, stieg in Ringen zur Decke empor.
»… eine einzige Gewehrkugel reicht aus, um einen Mann zu töten.«
Lange, lange Pause.
»Na, mal sehen, was passiert.«
Mir wurde mulmig zumute. Schon seit geraumer Zeit warst Du immer weniger Du selbst, Du kamst mir vor wie ein Fremder – wie ein düsterer, unberechenbarer und zerstörerischer Dämon, der die Sprache der Menschen kaum noch sprach oder verstand. In ganz Pjöngjang herrschte mittlerweile ein an Feindseligkeit grenzendes Misstrauen, wie ich es noch nie erlebt hatte. In Deinen Worten schwang außerdem ein, sagen wir, besonderer Klang mit, schließlich hatte die nordkoreanische Regierung die Welt nur wenige Tage zuvor mit dem größten Atomtest in der Geschichte des Landes in Angst und Schrecken versetzt; die Sprengkraft hatte sogar die Hiroshimabombe um ein Zehnfaches übertroffen. Als ich zusammen mit den anderen kreidebleichen und im wahrsten Sinne des Wortes erschütterten ausländischen Hotelgästen in der Lobby die Sondersendung des Staatsfernsehens verfolgte, in der Nordkorea sich zur Atommacht erklärte, warst Du nicht da. Vielleicht warst Du gerade irgendwo etwas trinken. Im Laufe der letzten Monate habe ich viel darüber nachgedacht, ob es Dir damals womöglich um etwas viel Fundamentaleres als eine Morddrohung ging. Deine Stimme hatte nichts Hartes, nichts Böses an sich, eher etwas Weiches und Trauriges. Jedenfalls weiß ich noch, dass ich weniger ängstlich als betroffen war. Und das Allerschlimmste war der giftige Verdacht, der mit einem Mal alles überschattete, was wir bisher zusammen durchgemacht hatten. War das alles nur ein Spiel gewesen? Dieser abgrundtiefe Zweifel, der rückwirkend unsere gesamte langjährige Freundschaft infrage stellte, trieb uns beide noch tiefer in die Finsternis, die sich langsam, aber stetig über Nordkorea und Pjöngjang zusammengebraut hatte. Nun ja, laut meiner Quellen bist Du ja jetzt wieder auf der sicheren Seite, Deiner sicheren Seite, und ich bin auf meiner. Damit Du irgendwann diese Zeilen lesen kannst, muss Dein gesamtes Dasein, das Land und das System Nordkorea, zu Staub zerbröselt sein. Oder Du musst selbst zu einem der Verräter werden, vor denen Euer Staat Euch warnt und beschützt – von früh bis spät, jahrein, jahraus, bis ans Ende Eurer Tage. Aber für Dich und den Rest der nordkoreanischen Bevölkerung hoffe ich, dass fürs Erste nichts davon eintrifft.
Egal, was passiert ist, Du bist und bleibst derjenige, dem ich dies hier schreibe. Schließlich warst Du von Tag eins an mein nordkoreanischer Reisekamerad, Dolmetscher, Organisator, Kooperationspartner, Krisenmanager, Drinking buddy, Freund, Feind, wieder Freund, wieder Feind – und daran wird sich nie etwas ändern. Dich aus meinem Nordkorea wegzuretuschieren, ist nicht nur unmöglich, es wäre auch irreführend und ungerecht dem Menschen gegenüber, der Du einmal warst und vielleicht eines schönen Tages wieder sein wirst. Deshalb hoffe ich, Du bist einverstanden, wenn ich Dich nun auf diese letzte Reise mitnehme, denn ich kenne niemanden, der Nordkorea ein menschlicheres Gesicht verleihen könnte als Du.
Danke, mein Freund.
*
Die Schönheit eines Mannes liegt nicht in seinem Aussehen, sondern in seiner ideologischen und moralischen Gesinnung.
KIM JONG-IL
*
Wie bei den meisten Koreanern ist Dein Name eine Kombination aus drei einsilbigen Sprachlauten. Diese wiederum sind aus den relativ wenigen Standardzeichen, den Bauklötzen der koreanischen Schriftsprache zusammengesetzt. Der vollständige koreanische Name besteht aus einem meist einsilbigen Familiennamen, zum Beispiel Kim, gefolgt von einem üblicherweise zweisilbigen Vornamen, mit Betonung auf der letzten Silbe: Kim Jong-un. Als wäre es nicht genug, dass die Welt mit Nordkorea vor allem Dinge wie Stechschritt und Kadaverdisziplin assoziiert, tendiert auch die koreanische Sprache zum Kommandoton, ganz gleich, ob südkoreanische Popstars den Gangnam Style blöken oder im Staatsfernsehen die Nachrichten im klangvollen Pjöngjang Style verlesen werden. Die Artikulation ist immer klar und stakkatoartig, mit volltönenden Diphthongen und Satzmelodien, die einem explosiven Ausrufezeichen entgegenhecheln:
Il-SIM-DAN-GYOL![1]
Deinem »Vornamen« belasse ich im Folgenden seine globale Anonymität, schließlich nenne ich Dich auch im wahren Leben »Mister«. In Nordkorea ist dieses Wort nicht nur in phonetischer Hinsicht ein Fremdkörper, es passt außerdem äußerst schlecht in das durchpolitisierte öffentliche Vokabular. Schließlich hat der Titel »Herr« seinen Ursprung in der Feudalgesellschaft vergangener Zeiten und impliziert ebenjene höfliche Unterwürfigkeit, die der sozialistische Gleichheits- und Brüderlichkeitsgedanke auszumerzen sucht. Während sich im Süden der koreanischen Halbinsel die »Marionetten des Kapitalismus« meist mit »Herr« oder »Frau« anreden, benutzt Ihr im Norden den Ausdruck dongji, der dem sowjetrussischen tovarisj, dem (ost)deutschen Genosse oder dem norwegischen kamerat entspricht. Zu Hause redet man Dich daher mit (Dein Vorname)-dongji an, aber Du und Deine Ministeriumskollegen – pardon, Arbeitskameraden – habt trotzdem nichts dagegen, wenn ich Euch Mister Kim, Mister Choi oder Mister Soundso nenne.
Das liegt zum einen daran, dass wir beide zum Aus-der-Reihe-Tanzen und politisch Unkorrekten neigen, und diese Gemeinsamkeit ist nur einer der vielen zarten Fäden, die wir im Laufe unserer langjährigen Zusammenarbeit zwischen uns gesponnen haben. In meinem Fall geht es aber auch um eine rein westliche Bequemlichkeit, um Rhythmen, an die sich meine Zunge und mein Gehirn gewöhnt haben, nachdem ich zeitlebens mit Sprachen zu tun hatte, die ganz anders funktionieren als das Koreanische: Erst kommt das zweisilbige Wort, dann das einsilbige.
Den Nachnamen »Win« habe ich allerdings eigens für diese Briefe gewählt. Er sieht nicht nur koreanisch aus, sondern ähnelt typisch koreanischen Familiennamen wie Won, Shin, Min, Mun oder Wi. Aber in Wahrheit existiert die Lautkombination »Win« im Koreanischen nicht, auch wenn sie das rein phonetisch durchaus könnte. Mit anderen Worten: Dein Deckname ist glaubwürdig, entspricht aber nicht ganz der Wahrheit – eine Eigenschaft, die auf vieles in Nordkorea zutrifft.
Jeder von uns hat sein Päckchen zu tragen. Du weißt selbst, dass das Land und das System, denen Du dienst – immerhin seid Ihr eine single-hearted unity –, in meinen Breitengraden mitunter als »grauenhafte Diktatur«, »gleichförmigste Gesellschaft der Welt«, »angstbasiertes System« und »absurdes, totalitäres und grausames Straflager« bekannt sind. Die Kurzfassung: Nordkorea gilt als »das am stärksten abgeschottete Land und grausamste Regime der Welt«. Wahrscheinlich schüttelst Du jetzt resigniert, vielleicht aber auch lächelnd den Kopf. Dabei weißt Du sehr wohl, dass ich und jeder andere Ausländer, der sich eingehender mit Nordkorea beschäftigt – und zwar nicht in der Rolle des widerwilligen Diplomaten, bedrückten Hilfsarbeiters oder aufgebrachten Menschenrechtsaktivisten –, automatisch Freiwild für ganz ähnliche Verbalkanonen wird. Hier ein Best-of der Auszeichnungen, die mir unsere Zusammenarbeit über die Jahre beschert hat: »Marionette der Schreckensregierung«, »unmoralisch und selbstherrlich«, »Propagandawerkzeug eines der grausamsten Regimes der Menschengeschichte« und nicht zuletzt »verblendeter Mitläufer«.[2]
Natürlich ist Dein Päckchen mindestens genauso schwer wie meins, nur der Inhalt ist ein anderer. Schließlich ist Dein Arbeitgeber – »das grausamste Regime der Welt« – von der Gesellschaft, in der ich aufgewachsen bin und mit der ich mich identifiziere, auch nicht sonderlich angetan, um es mal vorsichtig auszudrücken. »Imperialistische Ideologie und Kultur«, »vor Dekadenz strotzende Bücher und Filme aus dem Westen« und »intellektuelles und kulturelles Gift« sind nur ein paar Zitate aus den nordkoreanischen Staatsmedien, die das belegen.[3]
Wir wissen beide, dass man Vorurteile nicht einfach bei der Einreise im Schließfach verstauen kann. Vielleicht erinnerst Du Dich noch an Deinen Landsmann, den Musikprofessor, den wir vor ein paar Jahren zu einem Gastspiel in Norwegen eingeladen hatten und der einen Beweis für die Verdorbenheit des Kapitalismus bekam, als er im Frognerpark in Oslo mal austreten musste.
Der sonst so liebenswürdige, zurückhaltende Gentleman war völlig außer sich, dass man in unserer durch und durch korrupten Gesellschaft nicht mal eines der menschlichsten Bedürfnisse erledigen konnte, ohne vorher etwas zu bezahlen! Aber wenigstens, meinte er, konnten seine mitgereisten Schüler so mit eigenen Augen die unfassbare Kaltblütigkeit des Kapitalismus erleben. Wenn Deine Regierung und das System, dem Du dienst, sich selbst beschreiben, wird allerdings ein ganz anderer Ton angeschlagen – wie gesagt, die Zitate sind zufällig ausgewählt und bilden nur einen Bruchteil des unerschöpflichen Angebots ab: Nordkorea, »Asiens Licht seit Anbeginn der Zeit«, »das Land der Morgenstimmung«, »das Land, in dem der Traum von einem glücklichen Leben im Sozialismus in Erfüllung geht«[4] , »eine politisch unabhängige, wirtschaftlich selbstversorgende und militärisch wachsame sozialistische Großmacht«[5] , »ein kenntnisreicher wirtschaftlicher Gigant« oder, um es in den Worten Eures Ewigen Präsidenten zu sagen:
»Eine Nation mit fünftausendjähriger Geschichte, ein mutiges und ehrgeiziges Volk, das sich seit je unermüdlich gegen Eindringlinge und Generationen reaktionärer Despoten zur Wehr setzt. Eine begabte Nation, die die Entwicklung von Wissenschaft und Kultur vorangetrieben hat.«
Und zu Hause denken wir, in etwas gut zu sein sei typisch norwegisch!
Du und andere Regierungsvertreter, die Ihr regelmäßig Kontakt zu Ausländern habt und Euch oft und über längere Zeiträume außerhalb der Landesgrenzen aufhaltet, seid Euch durchaus bewusst, wie stark die Fremdwahrnehmung und die streng durchinszenierten Selbstdarstellungen Nordkoreas auseinanderklaffen und zu welch festgefahrenen Konflikten das führt. Alle Einreisenden – die Ihr prinzipiell für verdächtig haltet, egal, ob es sich um Atom-Kontrolleure, Rucksacktouristen, namhafte Politiker oder Hilfsarbeiter handelt – hegen den kollektiven Tagtraum, als Erste den Nordkorea-Code zu knacken. Sie eint die abenteuerliche Hoffnung, »hinter die Fassade« zu blicken und das »echte Nordkorea« zu entdecken.
Diesen scheinbaren Gegensatz zwischen »echt« und »falsch« oder »authentisch« und »inszeniert« predigen wir Europäer (und unsere Nachfahren in der Neuen Welt) schon mindestens seit der Antike – oft wider besseres Wissen –, aber Dir muss ich ja nicht sagen, dass alte Gewohnheiten nur langsam sterben. Du und die anderen Gatekeeper, ihr riecht natürlich Lunte. Ihr wittert den Geruch von Christenblut, wie es in unseren alten Volkslegenden heißt. Je neugieriger und draufgängerischer wir auftreten, desto mehr verschanzt Ihr Euch, womit Ihr unsere Neugier nur noch mehr schürt und so weiter und so fort – die unaufhaltsame Kraft trifft auf das unbewegliche Objekt.
Euer übertriebenes Misstrauen wirkt auf uns manchmal komisch, aber Ihr kaschiert und zügelt damit eine beinahe anrührende Naivität. Ich habe oft darüber nachgedacht, warum Ihr Nordkoreaner Euch so schwer damit tut, Ausländer einzuschätzen – oder besser gesagt, warum Ihr Euch weder die Erlaubnis noch die Möglichkeit gebt, sie besser einschätzen zu können. Wahrscheinlich fehlt Euch schlicht und einfach der Riecher dafür, wer Euer Freund und wer Euer Feind ist. Aber wie sollte es anders sein? Schließlich bekommt Ihr von Eurem Regime wahrlich keine Fleißkärtchen für Neugier auf die Umwelt und Inspiration von außen.
An dem Tag, an dem freier Rucksacktourismus in Nordkorea erlaubt – oder zumindest als Konzept verstanden – wird, kann Euch die folgende Geschichte vielleicht ein Lächeln abringen: Ein Bekannter von mir wurde eines schönen Sommertages von zwei höflichen jungen Backpackern am Fuß der Karl Johans gate, der Prachtstraße in Oslo (Du bist dort gewesen!), angesprochen. Sie fragten ihn, wo sie typisch norwegische Souvenirs fänden, Trollfiguren zum Beispiel. Da sie sich auf der Straße mit der vermutlich größten Dichte an Souvenirshops – und damit der größten Trollfiguren-Dichte – befanden, war mein Bekannter, ein gebürtiger Norweger, im ersten Moment ziemlich baff. Aber Menschen von auswärts, das weißt Du selbst, brauchen manchmal ein bisschen Hilfestellung. Also deutete er zögerlich auf die zahlreichen Billigläden und Souvenirbuden und sagte sinngemäß: »Na ja, Sie müssen nur …« Die beiden jungen Abenteurer winkten mit einem nachsichtigen Lächeln ab, traten einen Schritt näher und flüsterten meinem Bekannten verschwörerisch ins Ohr: »No, no, we don’t mean that tourist stuff. Where do you Norwegians buy your trolls?«[6]
Von solchen Primärtrieben abgesehen, sind wir Nordkorea-Touristen ein bunt gemischter Haufen. Für manche ist die Reise eine Art Männlichkeitsprobe, für andere eine Pilgerfahrt und für einige schlichtweg Routine. Die meisten von uns trefft Ihr nur ein einziges Mal, und in der Regel reden wir Euch aus (übertriebener) Höflichkeit und/oder Furcht nach dem Mund. Deshalb bin ich überzeugt, dass auf dem Weg, den wir nun gemeinsam bestreiten werden, vieles zur Sprache kommt, was Du und Deine Landsleute noch nicht wisst oder nicht wissen dürft. Sowohl über Nordkorea als auch über uns, die es zu Euch verschlägt. Es gibt nichts, was Ihr mehr fürchtet als den Blick von außen. Und es gibt nichts, was Ihr dringender braucht. Hier jedenfalls ein paar Basisfakten über Dein Land, über die sich die meisten Nicht-Nordkoreaner mit einigermaßen solidem Grundwissen einig sind:
*
Die rote Farbe in der Flagge der Demokratischen Volksrepublik Korea symbolisiert das Blut der revolutionären Vorkämpfer und Waffenbrüder, die weiße Farbe die Reinheit der Loyalität zu unseren Truppen und denen, die unsere Partei unterstützen, und die blaue Farbe unsere großen Träume und hehren Ziele.
KIM JONG-UN
*
Von Kim Il-sung am 9. September Juche 37 (1948) proklamiert, und zwar als unabhängiger sozialistischer, die Interessen des koreanischen Volkes wahrender Staat, in dem die Menschen die Herrscher aller Dinge und die Dinge die Diener der Menschen sind. Obwohl Kim Il-sung nach der Befreiung des Landes eigentlich alle Hände voll zu tun hatte, widmete er der Frage, wie der neue Staat heißen sollte, größte Aufmerksamkeit. Kritische Stimmen meinten, der Name sei zu lang, andere Länder hätten viel kürzere Namen. Der Präsident entgegnete: »Wir können selbst entscheiden, wie unser Land heißt, schließlich sind wir die wahren Herrscher.«[7]
Innerhalb wie außerhalb der Landesgrenzen wird der sperrige Name jedoch häufig mit DRPK, den Initialen des englischen Democratic People’s Republic of Korea, abgekürzt.[8]
Von den staatlichen Guides, die zugleich als Dolmetscher, Reiseplaner und nicht zuletzt Aufpasser agieren, werden Sie diese offizielle Bezeichnung (in der englischen Aussprache di-pi-ar-key) bei einem Nordkoreabesuch am häufigsten hören.
Wenn Sie lieber den international geläufigen – und deutlich einprägsameren – Namen »North Korea« verwenden möchten, stört sich in der Regel niemand daran, Sie riskieren keine Strafen oder andere Unannehmlichkeiten. Tatsächlich spricht man auch in der nordkoreanischen Öffentlichkeit oder, wenn man es so nennen will, im nordkoreanischen Staatsnarrativ von »Nord« und »Süd«, um die zwei Koreas zu differenzieren. Aber immer mit kleinem Anfangsbuchstaben, also »north Korea« und »south Korea«! Die Teilung der Koreanischen Halbinsel gilt nämlich als temporärer Zustand, und mit der Verwendung von Großbuchstaben würde die unnatürliche Spaltung von Volk und Land indirekt akzeptiert.
Obwohl die Halbinsel in derselben Zeitzone wie Japan liegt, hat Nordkorea eine ganz eigene Zeitrechnung: Juche (ausgesprochen: tsjútsje), benannt nach der gleichnamigen Staatsideologie, wurde offiziell 1997, nach dem Ende der dreijährigen Trauerzeit für Kim Il-sung, eingeführt. Beginn des Juche-Kalenders ist Kim Il-sungs Geburtsjahr 1912, das allerdings nicht dem Jahr null entspricht, schließlich wäre es anstößig (und riskant), das Geburtsjahr des Großen Führers mit dem Nichts gleichzusetzen. Dementsprechend fällt unser gregorianisches Jahr 1912 mit Juche 1 zusammen, und das hundertste Geburtsjubiläum Kim Il-sungs wurde 2012 als Juche 101 gefeiert. Mit v. K. (vor Kim) oder n. K. (nach Kim) operiert Nordkorea nicht, und selbst in der Heimat des Juche-Kalenders hat dessen Verwendung etwas Halbherziges an sich.
In nationalen wie internationalen Medien werden Jahreszahlen üblicherweise mit der westlichen Zeitrechnung in Klammern angegeben, zum Beispiel Juche 109 (2020).
Im Norden bilden die Flüsse Amnokkang (chinesisch: Yalu) und Tuman (Tumen) eine knapp 225 Kilometer lange natürliche Grenze zwischen Nordkorea und China (die längste nordkoreanische Landesgrenze). Diese bildet im Osten ein Dreiländereck, bei dem die zwei Länder auf Russland treffen. Unser Nachbar im Osten (von Norwegen aus gesehen) teilt allerdings nur eine läppische siebzehn Kilometer lange Grenze mit Nordkorea (Russlands östlichste und kürzeste Landesgrenze). Ein Tourist aus Norwegen kann trotzdem mit Fug und Recht mit seinen nordkoreanischen Gastgebern darauf anstoßen, dass sie im Grunde nur durch ein Land voneinander getrennt sind. Noch weiter östlich liegt eine weitere regionale Großmacht, Japan, zu der Nord- und Südkoreaner aus offensichtlichen Gründen ein sehr komplexes, historisch vorbelastetes Verhältnis haben. Seit Jahrhunderten wechseln China und Japan sich gegenseitig damit ab, Korea zu dominieren. Zeitweise war die gesamte Halbinsel kolonisiert.
Der Umstand, dass Korea zwischen drei Großmächten eingequetscht ist, hat zahlreiche Abwandlungen der koreanischen Redewendung »eine Krabbe zwischen Walen sein« und des Sprichworts »Im Kampf der Wale wird die Krabbe zermalmt« hervorgebracht.
Am bekanntesten ist jedoch die dritte Landesgrenze zum »anderen Korea« im Süden, die als DMZ(demilitarisierte Zone) zu Weltruhm gelangte. An dieser – entgegen ihrem Namen alles andere als entmilitarisierten – Demarkationslinie wird einem eindrücklich vor Augen geführt, was es bedeutet, dass Nordkorea sich seit fast siebzig Jahren im Krieg befindet – und das nicht allein in ideologischer Hinsicht. Schließlich führte das Waffenstillstandsabkommen, das die am Koreakrieg beteiligten Parteien 1953 unterzeichneten, zwar zum Niederlegen der Waffen, aber nicht zur Friedensschließung. Rein formell ist Nordkorea noch immer im Krieg, mit den Erzfeinden Südkorea und den USA sowie mit der UN und damit der ganzen Welt, inklusive Ihnen und mir.
(Morten der Dritte)
*
Der Kontakt mit dem Ausland ist ein hochsensibles Unterfangen, das umfassende politische Kenntnisse, äußerste Vorsicht und ein großes Bewusstsein für die Etikette voraussetzt.
KIM JONG-IL
*
2008. Der klapperige Tupolew-Flieger, das Rückgrat der leicht antiquierten, aus ex-sowjetischen Flugzeugmodellen bestehenden Air-Koryo-Flotte, ruckelt behäbig auf das weit entfernte Terminal zu. Auf der schier endlosen, gewundenen Landebahn wird das Ausrollen zu einer fast zehnminütigen Spazierfahrt. Vermutlich ist sie deshalb so angelegt worden, damit der Landeprozess amerikanischer Flugzeuge hinausgezögert wird, für den Fall, dass der Koreakrieg wieder ausbricht. Dass die Gefahr stets in der Luft schwebt, wird der nordkoreanischen Bevölkerung bei jeder Gelegenheit vor Augen geführt. Ich hieve mich aus dem durchgesessenen Sitz und schnappe mir die erste Trophäe aus »Andersland«: den Fächer mit Air-Koryo-Logo, den die Flugbegleiterin mir wegen der defekten Klimaanlage vor Abflug in die Hand gedrückt hat. Unter den Arm geklemmt trage ich eine Discokugel der Marke Eurolite, dreißig Zentimeter Durchmesser, »klassischer Effekt, stabiler Kunststoffkern, Spiegelfacetten à 10 x 10 mm.«
Vermutlich verstoße ich damit nicht nur gegen das strikte Verbot des nordkoreanischen Regimes, jegliche Formen westlicher Kultur ins Land zu bringen, sondern auch gegen die nicht weniger strengen Importrestriktionen der UN.[10] Wir befinden uns in der Ära Kim Jong-il und George W. Bush. Erst in sieben Jahren wird Kim der Dritte, der Weise und Fürsorgliche, das Flughafengelände ausbauen und modernisieren lassen. Noch ist Sunan Nordkoreas einziger »International Airport« und für bestenfalls einen ankommenden oder abgehenden Flug pro Tag ausgelegt. Die Größe entspricht der eines durchschnittlichen norwegischen Provinzflughafens.
Seit seinen »Glanztagen« hat der Sunan Airport sämtliche regulären Flugverbindungen mit der Außenwelt (von denen es ohnehin nie besonders viele gegeben hat) eingestellt, ausgenommen die letzte Nabelschnur, die Linie Peking–Pjöngjang. Doch um überhaupt einen Flug pro Tag bewerkstelligen zu können, teilt sich Nordkoreas staatliche Fluggesellschaft Air Koryo die Woche mit Air China – oder besser gesagt: die Werktage. An den Wochenenden macht der internationale Flughafen Sunan nämlich die Schotten dicht.
Hier bin ich also. In Nordkorea, dem Sehnsuchtsort rastloser, unangepasster Abenteurer! Viele von uns, die es hierher verschlägt, eint das Unbehagen über das moderne Leben in unseren Heimatländern. Stress, Tempo, Entfremdung und so weiter und so fort. Die Welt schrumpft, die Pole schmelzen, der Dschungel verschwindet; Thailand ist das neue Mallorca, Vietnam die neue Provence. Im Juli trifft man auf dem Fisketorget in Bergen genauso viele Chinesen wie in Tibet. Aber ein echtes Löwenherz sucht unbeirrt nach dem gelobten Land. Nach Orten, die sich noch entdecken lassen. Nach dem Land, wo die wilden Kerle wohnen.
Vom Flachdach des Terminals erhebt sich der Schriftzug PJÖNGJANG in koreanischen Schriftzeichen auf der linken und in lateinischen Buchstaben auf der rechten Seite. Dazwischen thront ein meterhohes Porträt des glückselig lächelnden Kim Il-sung, der seine irdische Hülle bereits 1994 verlassen hat, aber nach wie vor als Präsident auf Ewigkeit im Amt ist. Kim Il-sung, das einzige tote Staatsoberhaupt der Welt. Jeden, der zum ersten Mal hier ankommt, weist dieses Arrangement aus Schriftzug und Porträt unmissverständlich darauf hin, die drei neuen Bekanntschaften – Land, Stadt und Führer – von nun an als untrennbare Einheit zu betrachten.
Wer buchstäblich mal abschalten will, hat sich das richtige Ziel ausgesucht: Genau in diesem Moment nehmen mir nämlich zwei schroffe Uniformierte mein Handy ab, und ihr englischer (oder genereller?) Wortschatz scheint sich auf zwei Vokabeln zu beschränken: »cell« und »phone!«. Im Gegenzug erhalte ich eine Quittung, das Papier ist allerdings so dünn und faserig wie ein altes Zigarettenblättchen, und ich bete im Stillen, dass es sich bis zum Ende meines Aufenthalts nicht endgültig auflöst. Mit diesem Tauschgeschäft sage ich dem weltweiten Netz und dem globalisierten Chaos fürs Erste Lebwohl und tauche ein in den begrenzten Kosmos der Demokratischen Volksrepublik. Erst in zwei Wochen gehe ich (vielleicht) wieder online.
Draußen auf dem halb leeren Parkplatz wartet bereits der klapprige japanische Minibus der Gastgeberorganisation. Alle Sinneseindrücke, die in diesem Moment auf mich einprasseln, schmecken bittersüß-verlockend nach ehemaligem Ostblock. Die am Fenster vorbeiziehende Landschaft kommt meiner Vorstellung von der norwegischen Provinz in den dreißiger Jahren, also vor der Mechanisierung der Landwirtschaft, erstaunlich nahe. Hin und wieder lehnt am Straßenrand ein Verkehrspolizist an seinem Motorrad. Ein paar Menschen sind mit dem Rad unterwegs, aus irgendeinem Grund gibt es in Nordkorea ausschließlich Damenräder, aber die meisten gehen zu Fuß oder stehen krumm gebeugt auf den Äckern, umgeben von kümmerlichen grünen Büscheln in einem staubig-braunen Meer aus unfruchtbarer Erde. Vor meinen Augen entfaltet sich ein Panorama mittelalterlicher Antibauernromantik, das genauso gut aus einem armen, wenn auch farbenfroheren und Instagram-tauglicheren südostasiatischen Land wie Kambodscha oder Laos stammen könnte – von der kühlen Morgenluft und den fast schon nordisch anmutenden kargen Gebirgszügen am Horizont einmal abgesehen. Wir Norweger vergessen oft, dass unsere Landwirtschaftspolitik, die die ländlichen Regionen Norwegens lebendig, wohlhabend und bewohnt hält, einzigartig in der Welt ist. Für uns ist sie ja quasi ein nationales Gebot. Leider hat sich auch Nordkorea noch nicht von uns inspirieren lassen, und der Kontrast zwischen öder Provinz und prächtiger Hauptstadt steht anderen Entwicklungsländern wie Pakistan oder Uganda in nichts nach.
Keiner meiner Gastgeber kommentiert die Discokugel, die neben mir in der Herbstsonne funkelt wie ein exotisches Weltraum-Ei. Aus Höflichkeit? Aus Unwissen? Aus Abscheu? Regelmäßig warnt die leibhaftige Stimme der Wahrheit, die Parteizeitung Rodong Sinmun (»Arbeiterzeitung«), vor den Gefahren einer schleichenden Discokratisierung, mit erhobenem Zeigefinger in Richtung der jüngeren Nordkoreaner: »Die Imperialisten wollen unsere Jugend in mentale Krüppel verwandeln und mit reaktionären Ideen und einem bürgerlich-korrupten Lebensstil infizieren, um sie anschließend dafür zu missbrauchen, all jene Länder zu vernichten, die ihre Unabhängigkeit verteidigen!«
In meinem mentalen Gepäck verwahre ich die vielleicht nicht ganz unbegründete Erwartung, dass jegliche Formen »reaktionärer und korrupter bürgerlicher Kultur«[11] , als deren Symbol sich meine Discokugel schnell deuten ließe, in Nordkorea streng verboten sind.
Wie so viele Besucher dieses misstrauischen Landes reise auch ich gewissermaßen unter falsche Flagge. Ist ja klar. Meine bislang glücklich nichtsahnenden Gastgeber halten mich für einen ganz normalen, unbescholtenen Touristen. Da sie vom Internet und internationalen Medien abgeschottet sind, haben sie vermutlich keinen Schimmer, was ein Interventionskünstler eigentlich so macht. Noch vor wenigen Monaten hat die Discokugel, die jetzt neben mir liegt, über den Finalistinnen der weltweit ersten Misswahl für Landminenopfer geglitzert. Die Wahl fand in Angolas Hauptstadt Luanda statt, unter großem nationalen und internationalen Medienaufgebot. Die Gewinnerin bekam ihre Krone von keiner Geringeren als der First Lady Angolas überreicht, in einem prunkvollen Bankettsaal in der Nähe des Nationalmonuments für den ersten angolanischen Präsidenten Agostinho Neto (das übrigens von nordkoreanischen Architekten entworfen wurde). Im Vorhinein hatten viele das Miss Landmine-Projekt als unrealisierbar abgeschrieben, und zwar nicht ohne Grund. Am Ende war das weltweite Interesse aber so groß, dass ich Blut leckte und Lust auf ähnliche, auf den ersten Blick undurchführbare Projekte in »Problemländern« bekam. Die Discokugel soll mein Talisman und eine Art Testballon sein, mit dem ich herausfinden möchte, ob es sogar in Nordkorea wenigstens ein klitzekleines bisschen Spielraum für künstlerische Interventionen gibt. In erster Linie habe ich eine Fotostrecke geplant: Ich im typischen Playboy-aus-dem-Westen-Outfit (Designeranzug, Schlips, Ray Ban) und mit der Discokugel unterm Arm, an sämtlichen oder zumindest möglichst vielen Touristenzielen, die wir im Laufe des Aufenthalts besuchen werden. Der Arbeitstitel lautet: Discocracy[12] .
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Wer Monumente baut, für ihre Sicherheit sorgt und ihre Instandhaltung bis in alle Ewigkeit garantiert, ist ein wahrer Patriot.
KIM JONG-UN
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Nordkoreas Haupt- und zugleich größte Stadt liegt am Ufer des Taedong) in einer weitläufigen Ebene zwischen dem Flachland im Süden und den Gebirgszügen im Osten und Nordosten. Der Name Pjöngjang bedeutet sowohl »ebenes Land«[14] als auch »friedliche Umgebung«.
Die Geschichte der Stadt reicht mindestens bis ins fünfte Jahrhundert nach Christus zurück, als Pjöngjang zur Hauptstadt des Königreiches Goguryeo ernannt wurde. Doch nachdem das »alte Pjöngjang« im Koreakrieg von einer halben Million amerikanischer Bomben dem Erdboden gleichgemacht wurde, konnte beim Wiederaufbau alles perfekt auf praktische und ideologische Bedürfnisse zugeschnitten werden. Aus diesem Grund findet man in ganz Nordkorea kaum Statuen von anderen historischen Persönlichkeiten als den Vertretern der Kim-Dynastie und schon gar nicht aus der Zeit vor Kim (v. K.).
Zu dem Hilfspaket, das die Sowjetunion und deren Satellitenstaaten für den Wiederaufbau nach Pjöngjang schickten, gehörten auch Architekten und Ingenieure aus Nordkoreas gleichaltrigem europäischem Pendant – der DDR. Die Ostdeutschen brachten reichlich Erfahrung aus ihrer eigenen zerbombten Hauptstadt mit und verliehen dem »neuen Pjöngjang« einen gleichmäßigen, offenen und luftigen Touch, mit etlichen großen Parks und Grünflächen. Deshalb umgibt die nordkoreanische Hauptstadt bis heute ein Hauch von Ost-Berlin.
Fährt man vom Flughafen im Süden in Richtung Zentrum, sieht man schon von Weitem die Silhouette des Fernsehturms, eine kleinere Variante des berühmten Wahrzeichens der DDR-Hauptstadt, die sich auf einer Anhöhe oberhalb des Triumphbogens von Pjöngjang (Arch of Triumph) erhebt. Der Triumphbogen ist ein besonders offensichtliches Plagiat des ausländischen Vorbilds, dem die Nordkoreaner jedoch hier und da ihren eigenen Stempel aufgedrückt haben. Dank einer Art geschichtetem Hut aus Etagendächern im ostasiatischen Stil überragt er seinen französischen Samenspender um gut zehn Meter. Eingeweiht wurde der Pjöngjanger Triumphbogen an Kim Il-sungs siebzigstem Geburtstag am 15. April 1982 (zusammen mit einem weiteren wichtigen Wahrzeichen, das uns schon um die nächste Ecke und ein paar Seiten später erwartet). Das Monument dient dem Gedenken an den erfolgreichen Widerstand gegen die Japaner. In die tragenden Säulen links und rechts des Bogens sind die Jahreszahlen 1925 und 1945 eingraviert. Der offiziellen nordkoreanischen Geschichtsschreibung zufolge markieren sie Beginn und Ende des Befreiungskampfes. Dass die Städteplaner diesen imposanten Betonklotz ausgerechnet über die einzige Straße vom Flughafen in Richtung Stadtkern gesetzt haben, ist bestimmt kein Zufall. Fährt man hindurch, meint man nicht nur ein physisches Stadttor, sondern auch eine Art symbolisches Portal in das geheimnisvolle Universum von Pjöngjang zu durchqueren. Schwups, schon haben wir den Triumphbogen hinter uns gelassen.
Jetzt fährt der Bus den sanft ansteigenden und üppig bewaldeten Moran-Hügel hinauf. Dieser ist so etwas wie der Pjöngjanger Central Park und ein beliebtes Ausflugsziel an Nationalfeiertagen, die fast ausnahmslos auf den Geburtstag eines Staatsoberhaupts fallen. Außerdem ist der Park Namensgeber für Kim Jong-uns »Hausorchester«, die Mädchenband Moranbong, die so etwas wie nordkoreanischen Popstars (bis dato) noch am nächsten kommt. Ihren ersten großen Auftritt feierte die einzigartige Mischung aus Spice Girls und militärischem Musikkorps im Sommer 2012, selbstverständlich auf Geheiß des frisch ernannten Obersten Führers. Dementsprechend ist das Liederrepertoire der Band von der »erbaulichen Sorte« (Kim-Pop?) und lässt sich grob in zwei Untergattungen einteilen: leidenschaftliche, dem Führer gewidmete Liebeshymnen wie »Wir nennen ihn Vater« und patriotische Pfadfindervariationen von Siebziger-Discopophits wie »Der Zug Richtung Frontlinie«. Wegen der knielangen Offiziersuniformen und dezent-lasziven Bewegungen wurde die Band in der internationalen Presse sehr treffend als »totalitär trifft naughty« beschrieben. Marabongs bislang größter Hit ist der eingängige Ohrwurm »Wir ziehen los zum Paektusan« (Garira Paektusan Urô) von 2015, ein durch die vom heiligen Berg Paektusan inspirierte Metaphorik geschickt camoufliertes Loblied auf die Kim-Dynastie. Auf der anderen Seite des Moran-Parks passieren wir die Ch’ollima-Statue, nur eines von vielen Beispielen dafür, wie scharfsinnig die nordkoreanische Staatspropaganda sich bei gesamtkoreanischen Mythen, Legenden und Traditionen bedient. Ch’ŏllima heißt in einem koreanischen Volksmärchen ein geflügeltes Pferd, das Pegasus aus der griechischen Mythologie zum Verwechseln ähnlich sieht und an einem einzigen Tag eintausend ri, also gut vierhundert Kilometer, galoppieren (oder fliegen) kann.[15] Ch’ŏllima streift durchs Land auf der Suche nach einem Ritter, der es zu zähmen weiß, gibt jedoch schließlich auf und fliegt in den Himmel empor. Die Statue »symbolisiert den heldenhaften Einsatz und die unerschütterliche Hingabe unseres Volkes, das im Geiste Ch’ŏllimas mit ungebrochener Schöpferkraft stetig neue Fortschritte erzielt«. Als das zerbombte Pjöngjang und der Rest Nordkoreas nach dem Koreakrieg wiederaufgebaut werden sollten, leitete die Regierung eine Maßnahme zur Massenmobilisierung ein, die unter dem Motto Ch’ŏllima Speed lief und ganz offensichtlich von Maos Großem Sprung nach vorn inspiriert war. Der Begriff Ch’ŏllima-Tempo hielt Einzug in den nordkoreanischen Sprachgebrauch, und ist vor allem denen geläufig, die den Wiederaufbau und die darauffolgenden Jahre selbst miterlebt haben. In jüngerer Zeit hat er jedoch harte Konkurrenz bekommen, nämlich durch den hauptstadteigenen Pjöngjang Speed.
Kurz bevor der Bus die Spitze des Mansu-Hügels (Mansudae) erreicht, macht die Straße eine langgezogene, schwache Biegung nach rechts. Plötzlich sind wir Liliputaner, die zu Gulliver aufblicken, oder ehrfürchtige Eingeborene zu Füßen des riesenhaften King Kong. Direkt vor unserer Nase erheben sich nämlich die zweiundzwanzig Meter hohen (Ab-)Götter, die den Mittelpunkt des Großmonuments Mansudae (Mansudae Grand Monument) bilden. Die Einweihung fand 1972 an Kim Il-sungs sechzigstem Geburtstag statt und legte für alle künftigen Gratulanten die Latte ziemlich hoch (mit voller Absicht!). In den ersten Jahren war die Statue von Nordkoreas Landesvater, der damals noch allein dort oben thronte, mit Blattgold bedeckt. Doch nachdem Chinas damaliger Vizepremierminister und späterer Staatsführer Deng Xiaoping seinem nordkoreanischen Gastgeber während eines Staatsbesuchs zu verstehen gab, dass vergoldete Riesenstatuen den Prinzipien des Sozialismus widersprächen, wurde das Gold durch einen weniger protzigen Bronzeüberzug ersetzt.
Nach Kim Jong-ils Tod im Dezember 2011 wurden die Baumaschinen auf Ch’ŏllima- und Pjöngjang-Tempo eingestellt, und schon im darauffolgenden April wurde die ebenso große Statue von Kim Il-sungs Sohns enthüllt. Flankiert wird das Vater-Sohn-Gespann von zwei symmetrischen Sozialistenflaggen aus rotem Marmor, die ungefähr fünfzig Meter lang und zweiundzwanzigeinhalb Meter hoch sind. Zusammen bilden sie eine Art Bühnenvorhang, der sich geöffnet hat, damit das Publikum applaudieren kann. Die rechte Flagge ist dem »anti-japanischen revolutionären Kampf«, die linke »dem sozialistischen Wiederaufbau« nach dem Koreakrieg gewidmet. Vor den Flaggen tummelt sich eine umfangreiche Kollektion aus der Actionfigur-Serie des Kommunismus: fünf Meter hohe Arbeiter, Bauern und Guerillasoldaten, die entschlossen in die Zukunft blicken und siegessicher Gewehre, Spaten und Hacken in die Luft strecken. Seit der Einweihung gilt das Großmonument Mansudae als wichtigste Wallfahrtsstätte des Landes. Das ganze Jahr über erklimmen Schulklassen in ihren charakteristischen Junge-Pioniere-Uniformen, Kompanien aus Provinzkasernen, ausländische Freundschaftsdelegationen sowie gewöhnliche Bürgerinnen und Bürger die straßenbreite Treppe, die den Mansu-Hügel hinaufführt, um sich ehrfürchtig vor den beiden Kim-Riesen zu verbeugen und Blumen niederzulegen. Die imposante und symbolträchtige Wirkung des Monuments wird außerdem durch ein gigantisches Mosaik im Hintergrund verstärkt. Es stellt das Paektu-Gebirge dar und ist an einer Längsseite des Koreanischen Revolutionsmuseums angebracht, dessen neunzig Ausstellungssäle auf vierundfünfzigtausend Quadratmetern der »Revolution«, also der Geschichte Nordkoreas, Kim Il-sungs und Kim Jong-ils gewidmet sind.
Das offizielle Narrativ über die ersten zwei Führer der Kim-Dynastie füllt mehr als viereinhalb Ausstellungskilometer. Als Besucher schafft man es daher nie – und hat vermutlich auch gar nicht die Muße –, sich die ganze Sammlung anzuschauen. Eine ehrerbietige Museumsführerin[16] in der tüllrockartigen Volkstracht jogori wird Sie höflich, aber autoritär durch das größte scrap book der Welt führen: Zimmer für Zimmer sind die Wände ab Kniehöhe bis unter die Decke mit (größtenteils koreanischen) Parolen, Zitaten, Zeitungsartikeln, Heldenmalereien und Fotografien volltapeziert. Außerdem haben Sie Gelegenheit, sich Aufzeichnungen von Radioreden anzuhören und in einer – proportional betrachtet – kleinen, aber wichtigen Bibliothek die theoretischen Werke der Führer zu studieren – Memoirs, Reden, politische Schriften, übersetzt in eine beachtliche Anzahl Sprachen. Der aufmerksame Besucher wird merken, dass sämtliche Abbildungen der Führer in schönen dicken Goldrahmen stecken, während sich direkte Zitate (zum Beispiel aus Parteizeitungen oder Interviews) mit Silber begnügen müssen. Nach demselben Prinzip sind die Namen der Führer in allen nordkoreanischen Publikationen in größeren Buchstaben gesetzt als der übrige Text, unabhängig von der Sprache des Texts. Zitate sind meist fett gedruckt, was hin und wieder den dramatischen Aufbau der staatlich autorisierten Anekdotensammlung aus dem Leben und Schaffen der Führer unterläuft, zum Beispiel, wenn ein unbekannter »Herr edler Erscheinung« einer armen alten, auf einer verlassenen Landstraße gestrandeten Frau anbietet, sie im Auto mitzunehmen. Spätestens als er ruft: »Warten Sie, alte Dame!«, weiß der aufmerksame Leser, was Sache ist.
Nordkoreaner hoffen und erwarten, dass auch Sie dem Ewigen Präsidenten und dem Ewigen Vorsitzenden mit größtem Respekt begegnen. Jahrzehntelang wurde jeder Einreisende – egal, ob Tourist, Hilfsarbeiter oder Botschafter – standardmäßig vom Flughafen auf direktem Weg zum Fuß der Statue kutschiert, um sich dort rituell zu verbeugen und Blumen niederzulegen. Erst danach ging es ins Hotel oder in die Diplomatenunterkunft.
Da sich in den letzten Jahren generell vieles gelockert hat, haben die Gastgeber auch in dieser Hinsicht ihre Anforderungen ein wenig runtergeschraubt. Inzwischen verstreichen nach der Ankunft auch mal gut und gerne ein, zwei Tage, ehe man zu Kreuze kriechen muss. Ein kleiner Geheimtipp: Man darf sogar auf die Vorbeugung verzichten, wenn einem dieses Unterwerfungsritual moralische Probleme bereitet. Um Ihren Guide nicht in Verlegenheit zu bringen, sollten Sie jedoch gebührend Abstand zu den Reiseteilnehmern halten, die pflichtbewusst zur Statue vortreten. Fotografieren ist erlaubt, allerdings werden Ihre Guides Sie im Laufe des Aufenthalts wiederholt daran erinnern, dass jedes Foto einer Abbildung oder Statue von Kim Il-sung oder Kim Jong-il das gesamte Motiv beinhalten muss – mit anderen Worten: Ihre Bilder dürfen die Kims unter gar keinen Umständen um Teile ihres Körpers oder Gesichts betrügen. Fürs Erste brauchen wir uns jedoch mit solchen Regeln nicht herumzuschlagen, schließlich ist heute erst unser Anreisetag. Im Rückspiegel sehen wir, wie das Großmonument Mansudae hinter uns verschwindet. Der Bus fährt bergab und steuert auf die Kreuzung vor den charakteristischen, zylinderförmigen Hochhäusern der Changjon-Straße zu. Halten Sie unbedingt Ihre Kamera bereit! Mit etwas Glück springt die Ampel gleich auf Rot und Sie erleben die heimlichen Stars von Pjöngjang live und in Farbe: Die Rede ist von den stramm uniformierten Verkehrspolizistinnen, die sich vor allem durch den autoritären Gebrauch ihrer Trillerpfeifen, Schlagstöcke und präzise durchchoreographierte Bewegungen auszeichnen. Verkehr gibt es in der Hauptstadt im Grunde erst seit wenigen Jahren, aber selbst in den dunkelsten Zeiten der Energiekrise dirigierten die an Aufziehballerinen erinnernden Wesen stoisch die breiten und autofreien Boulevards in ihrer ätherisch-anmutigen, leicht befremdlichen und irgendwie anrührenden Art, die die Wirkung von Nordkorea auf Touristen in mehrerlei Hinsicht auf den Punkt bringt.
Wenn wir nun rechts die Changjon-Straße hinunterfahren, taucht vor uns ein (weiterer) neoklassizistischer Betonklotz auf, nämlich das Parlamentsgebäude. Die Mansudae-Kongresshalle, die primär den Sitzungen der Obersten Volksversammlung (Supreme People’s Assembly) dient, liegt am Fuß des Mansu-Hügels und wird vom Großmonument durch einen idyllischen Brunnenpark getrennt. Jedes Mal, wenn ich an diesem wuchtigen Ungetüm vorbeikomme, muss ich unweigerlich an eine ganz bestimmte Volksvertreterin und einen Mann in brauner Jacke denken:
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Der Führer, die Partei und die Massen bilden eine Einheit und sind Seelenverwandte auf Leben und Tod.
KIM JONG-IL
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Wenn schon der Name eines Landes religiös oder ideologisch aufgeladen ist, sollte man auf der Hut sein. Ein Staatssystem, das sich der Welt als »Islamische Republik«, »Volksrepublik« oder »Demokratische Republik« präsentiert, ist nämlich selten ein Paradies für Freidenker. Wie so oft verfolgt die Demokratische Volksrepublik Korea auch hier das Prinzip »mehr ist mehr« und sichert sich gleich doppelt ab. Den wenigsten ist bewusst, dass die nordkoreanische Regierung tatsächlich regelmäßige Wahlen abhält – na ja, zumindest etwas in der Art!
Die Oberste Volksversammlung besteht aus rund siebenhundert Abgeordneten aus jedem Wahlkreis des Landes. Alle fünf Jahre findet eine öffentliche Wahl statt, in der die Nordkoreaner für ihre Wunschkandidaten stimmen. Um ihnen die Qual der Wahl zu ersparen, legt die Regierung die Favoriten schon im Vorhinein fest, sodass es in jedem Wahlkreis de facto nur einen einzigen Kandidaten gibt. Die überwältigende Mehrheit der Abgeordneten – manchmal mehr als sechshundert – sind Mitglieder der Partei der Arbeit Koreas PdAK (Worker’s Party of Korea = WPK) – eine überaus stabile Basis für die Bildung einer Regierung. Die übrigen Abgeordneten gehören den zwei Alibi- oder Deko-Parteien an, die im Grunde nur einen Zweck haben: der »Demokratie« im Staatsnamen eine gewisse Glaubwürdigkeit zu verleihen.
An einem schönen Wahltag im Frühjahr 2014 will ich zusammen mit dem Journalisten Bent und dem Kameramann Pål vom norwegischen Fernsehsender TV2, denen Mister Win und ich ein Visum besorgt haben, von der Stimmung in Wahlbezirk siebzehn im Zentrum von Pjöngjang berichten. Wir stellen die Kamera vor dem Eingang zum Wahllokal auf, wo sich bereits eine lange Schlange festlich gekleideter Nordkoreaner gebildet hat. Über ihren Köpfen hängt ein riesiges und buntes Plakat mit der Aufschrift:
»AM9. MÄRZ WERDEN DIE MITGLIEDERDER VOLKSVERSAMMLUNG GEWÄHLT! LASST UNS ALLEDAFÜR STIMMEN!«
Der weitläufige Vorplatz ist üppig mit Girlanden und Luftballons dekoriert. Ein Stück von uns entfernt tanzen ein paar Wähler beiderlei Geschlechts zur fröhlichen Melodie von Moranbongs »Wir wollen los zum Mount Paektu«. Entweder feiern sie, dass sie bereits dafür gestimmt haben, oder sie können es kaum noch abwarten, dies bald zu tun. Die Warteschlange läuft auf eine Wahlkabine zu, über der zwei riesige Porträts von Kim Il-sung und Kim Jong-il hängen, die den Wählern aufmunternd zulächeln. Mister Win, der wie immer leicht gestresst ist, hat für uns ein Interview mit dem Bezirkswahlleiter eingefädelt und übernimmt die Aufgabe, zwischen zwei Sprachen und zwei unterschiedlichen Auffassungen von Demokratie zu vermitteln:
TV2 Feiert man den Wahltag hier immer mit Festtagskleidung, Tanz und Musik?
Wahlleiter Ja, natürlich, die Stimmung ist immer sehr ausgelassen, wenn wir unseren Vertreter für die Oberste Volksversammlung wählen! Das Wahlgesetz schreibt Veranstaltungen vor, die rund um den Wahlvorgang für gute Laune sorgen. Aber die Menschen feiern nicht, weil sie müssen, sondern weil heute Wahltag für die Oberste Volksversammlung ist! Jeder, der älter als siebzehn ist, darf seine Stimme abgeben, und alle drücken ihre Freude darüber aus, dass sie ihre Vertreter für die Oberste Volksversammlung wählen. Das Volk (deutet auf die tanzenden Wähler im Hintergrund) haben ihren Vertreter selbst gestellt, und sie sind glücklich, dass jemand, den sie gewählt haben, für sie arbeiten wird.
TV2 Wie viele Parteien stehen zur Wahl?
Mister Win (auf Koreanisch an den Wahlleiter gewandt) Auch in anderen Bezirken finden Wahlen statt … sind dort noch andere Parteien als die Partei der Arbeit Koreas vertreten? Die Chondoistische Ch’ŏngu-Partei oder … na, Sie wissen schon … (der Name der dritten von insgesamt drei nordkoreanischen Parteien fällt ihm aus dem Stegreif nicht ein) … diese andere eben … stehen auch von diesen Parteien Kandidaten zur Wahl?
Wahlleiter Ja, solche Kandidaten gibt es auch.
(Unsere Zeit ist abgelaufen. Der Wahlleiter verabschiedet sich und eilt rasch davon. Wir sprechen einen Wähler namens Rim Gwang-hun an, der neben uns steht.)
TV Was ist das für ein Gefühl, heute hier zu wählen?
Rim Gwang-hun Der Wahltag führt mir vor allem vor Augen, dass Marschall Kim Jong-un und das Volk ein Herz und ein Wille sind.
TV2 Man hat den Eindruck … fürs Volk ist dies ein großer Tag. Können Sie etwas darüber sagen?
Mister Win (auf Koreanisch an Herrn Rim gewandt) In Norwegen zum Beispiel ist ein Wahltag ein Tag wie jeder andere, aber hier wird überall gefeiert.
Rim Gwang-hun Ja, für die Partei, Marschall Kim Jong-un und das Volk ist es ein sehr besonderer Tag. Die Wahl ist ein Symbol dafür, dass das Volk seinen Vertreter wählt. Es könnte also kein besserer Tag sein.
TV2 Was erhoffen Sie sich von den Kandidaten, die in die Oberste Volksversammlung gewählt werden?
Rim Gwang-hun Sie werden alles in ihrer Macht Stehende tun, um sich bei ihren Wählern zu revanchieren. Bestärkt durch das in sie gesetzte Vertrauen, müssen sie nun für das Volk, die Partei und den Marschall arbeiten. Sie müssen sich dem Wohl des Volkes unterordnen und ihr Engagement unter Beweis stellen. Genau das erwartet das Volk jetzt, deshalb schenkt es ihnen sein Vertrauen.
(Als Nächstes befragen wir einen Fabrikarbeiter namens Han Kwang-hak, der ebenfalls hier ist, um seine Bürgerpflicht zu erfüllen.)
TV2 Was ist es für ein Gefühl, hier Ihre Stimme abzugeben?
Han Kwang-hak Die Wahl entspricht der Songun-Idee. Sie stärkt die Nation, rückt unsere sozialistischen Ideale wieder in den Fokus und gibt dem koreanischen Volk die Möglichkeit, Entschlossenheit und Einsatzwillen zu zeigen.
TV2 Für die Pjöngjanger scheint es ein sehr besonderer Tag zu sein.
Han Kwang-hak Ein ganz wundervoller Tag sogar, denn heute zeigen wir, dass wir von unseren Bürgerrechten Gebrauch machen.
TV2 In Norwegen liegt die Wahlbeteiligung meist bei rund sechzig Prozent. Wie sieht es hier aus?
Han Kwang-hak Na, alle eingetragenen Wahlberechtigten geben ihre Stimme ab. Es gibt sogar ein mobiles Wahllokal, das zu denen kommt, die den Weg nicht selbst bewältigen können, wie Gehbehinderte oder Kranke. Wir erwarten eine Wahlbeteiligung von hundert Prozent.
(Endlich haben wir Gelegenheit, mit der Kandidatin von Wahlbezirk siebzehn persönlich zu sprechen. Frau Jo Gil-nyo ist eine schüchterne und zierliche Frau in ihren Fünfzigern, die wie die meisten anwesenden Frauen zur Feier des Tages in die Nationaltracht joseonot geschlüpft ist. Es scheint, als könnte sie ihr Glück kaum fassen.
