(M)Ein 68 - Thorwald Proll - E-Book

(M)Ein 68 E-Book

Thorwald Proll

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Beschreibung

(M)Ein 68 sind die Aufzeichnungen aus der Haft aus den Jahren 1968 und 69 von Thorwald Proll. Das Buch enthält Fotos und Dokumente aus dieser Zeit, ferner Briefe, die der Autor von außerhalb und innerhalb des Gefängnisses erhielt. Das Schlusswort, das Thorwald Proll 1968 im Frankfurter Kaufhausbrandprozess für die Angeklagten verlesen hat, ist ebenfalls im Buch enthalten.

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Seitenzahl: 64

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Aufzeichnungen Briefe

(Tagebuch)

Schlußwort im Kaufhausbrandprozeß

Fotos Dokumente

Im Sinne des Unerforschlichen

Inhalt

Vorwort

Aufzeichnugen aus der Haft

April – Oktober 1968 Entführung und Anfang

November 1968 bis Juni 1969 Reisezeichen-/Reissausschriften

Fotos zu den Aufzeichnungen und Dokumente

Briefe

Schlußwort

Auf der Anklagebank

Foto-, Dokumente- und Briefnachweise

Über den Autor

Ausgewählte Bücher zu 68

VORWORT

Diesmal ist es ein Vorwort. Es gab 1968 ein Schlusswort, das ich in unserem Prozess, dem Prozess gegen die Kaufhausbrandstifter, verlas, dieses Schlusswort ist in der vorliegenden Neuausgabe mit im Buch enthalten.

Die Aufzeichnungen aus der Untersuchungs- und später Strafhaft 1968/69 schrieb ich zunächst in kleine Schreibhefte im DIN-A5-Format. Ich kaufte sie beim ›Einkauf‹ im Gefängnis, der einmal in der Woche stattfand. Es kam ein Händler mit seinem Wagen in den Gefängnishof, und in einer dafür vorgesehenen Räumlichkeit in einem der Gefängnistrakts baute er seinen Kaufmannsladen auf und stellte die Waren aus, die wir Gefangenen dann, ordentlich hintereinander hereingeführt, für eine knappe Stunde bestaunen durften. Kaufen durften wir auch, wenn wir uns von unserem Staunen erholt - und Geld hatten. Wer keins hatte, musste pumpen, oder es blieb beim Staunen. Diese Kaufmannswagen habe ich später noch in Schweizer Bergdörfern wiedergesehen. Die Schulhefte habe ich seit Mitte der 1970 er Jahre nicht mehr. Aber vorher erstellte ich davon ein Manuskript, das im September 1977 in der Westberliner Zeitschrift »Schwarze Protokolle« mit dem Titel »Das bewaffnete Wort« erschien, und das die Vorlage für die jetzige Veröffentlichung bildet.

Fotos waren in diesen Heften eingeklebt, ich habe sie herausgelöst, auch sie sind als Originale nicht mehr vorhanden. Selbst schon Reproduktionen aus den Zeitungen, die ich im Gefängnis erhielt, und die mir mit der Post ausgehändigt wurden: Frankfurter Rundschau, Tagesspiegel und Die Zeit.

Diese Zeitungen haben mir mit ihren Berichten, Nachrichten, Kommentaren und Kritiken geholfen, meine sprachliche Artistik auszuleben und damit zu überleben.

Des Öfteren kommen Zitate in den Aufzeichnungen vor. Sie sind als solche gekennzeichnet, nur, von wem sie sind, wird nicht oder nur selten gesagt. Ich habe sie als zum Text zugehörig betrachtet und tue es noch. Ihre Verfasser*innen waren die Helden*innen aus meinem Überbau.

Wir, die Studenten*innen und Jungarbeiter*innen, hatten Pläne, die Polizei nur Sägespäne. Die Massen wollten wir betören, wir konkurrierten nicht mit Fischerchören. »ALLE REDEN VOM WETTER. WIR NICHT«, titelte der SDS auf seinem Plakat. Wir redeten von Vietnam.

Die Briefe, die ich in der Haft von draußen und von drinnen erhielt, gehören zu meinem eigentlichen »68«. Einen Teil davon habe ich hier veröffentlicht. Sie sind das Zeugnis von Zuneigung und Solidarität für einen Einsamen in seiner Zelle gewesen. Sie sollten mich trösten und mir Mut machen. Sie haben mich beflügelt und mir Stoff gegeben. Sie gaben mir das Gefühl, nicht umsonst zu sitzen, die Handbewegung gewesen zu sein, die der geschlossenen Faust vorausgeht, bevor sie sich schließt.

Die ursprüngliche Ausgabe meiner Aufzeichnungen erschien nebst Briefen und Interviews im Sommer 1999. Es geht jetzt mehr um die Aufzeichnungen und die Briefe, die nun in einer überarbeiteten Form vorliegen. Auch die meisten der Briefumschläge wurden ihres auratischen Charakters wegen mitabgedruckt.

Frühjahr 2018

Thorwald Proll

AUFZEICHNUNGEN AUS DER HAFT

1 APRIL – OKTOBER 1968 ENTFÜHRUNG UND ANFANG

2 NOVEMBER 1968 – JUNI 1969 REISEZEICHEN / REISSAUSSCHRIFTEN

1 APRIL – OKTOBER 1968 ENTFÜHRUNG UND ANFANG

Proletarier aller Lenden, vereinigt euch, die elektrische Flagge, das elektrische Zeitalter.

Die Manifeste. Proudhon, der Robinson Crusoe des Sozialismus, Phantasie an die Nacht: schwarzt du, (was) weißt du. Im Schneidersitz. Ein Kaufhaus geht vor mir in die Knie. Die Zelle, das Loch, unter dem Mi(l)chwald der Thorwald. Nur wer unpolitisch ist, kann eine literarische Revolution machen wollen, nur wer politisch ist, kann revolutionäre Literatur machen.

Der Vorsitzende Mao und die Gräfin von Hongkong. Ich meine nicht die Bomben, die aufsteigen, ich meine die Bomben, die fallen. Ich bin ein Gedicht, ein Poet ohne Worte. Nach dem Urteil. Der rote Dany singt ein messianisches Lied. Schlaf’ jetzt, später fall vom Stuhl, 3–4 Lichtjahre tief in den Keller, da ist es heller, da ist die Hölle, da sind die Kerker der Justiz, ich grüße meine Henker.

Firefighter also burn, der Greis der Wachleute war beschränkt. Feuertaufe. Laufe, kaufe Feuer.

Der Prozess ist zu Ende, der Krieg in Vietnam geht weiter. Die Faschisten melden sich, der SDS solidarisiert sich. Während Mahler und die anderen noch in der Luft kreisen, kreißt im Gerichtssaal eine Rauchbombe. Feurige Formen der Solidarität finden.

Die Überführung aus der Hammelgasse. In Schränken unterwegs ins Zuchthaus. Transport nach Ziegenhain und unter den Bäuchen von Ziegen wieder hinaus, davonfliegen.

Doch davon später.

Es gibt zwei Welten, die eine ist die kapitalistische, die andere die sozialistische, die eine ist immer noch eine, die andere immer noch keine. Produktive Manie erzeugt eine manische Produktion. Ein toller Tag, Proll hat mehr gewollt, durch Lachen verändere ich die Welt. Ja oder nein, welche Hand willst du ins Feuer legen. Einlassen zur Sache, steckengeblieben im überjuristischen Bereich. Die Zelle steigt mir zu Kopf. Der Strafprozessordnung die Sprachprozessordnung(ebenso die Strafprozessunordnung). Ich bin krank. Ich phantasiere. Ich phantasiere, also bin ich.

Die Sonne scheint mir ins Gesicht, erst ins Gericht, dann ins Gedicht. Haschischrauchen. Keine Frage des Genusses, eine Frage des Rausches. The strength of a hundred camels in the courtyard. Now I’m famous, I only got famous flames. Mexiko City, jemand hat 8.90 m im Hochsprung erreicht. »Die Klasse, welche die herrschende materielle Macht der Gesellschaft ist, ist zugleich ihre herrschende geistige Macht. Die Klasse, die die Mittel zur materiellen Produktion zu ihrer Verfügung hat, disponiert damit zugleich über die Mittel zur geistigen Produktion.«

Ich bin hinter Gittern, das ist bitter, was. Ich besuche Vater und Mutter im Himmel für Kleinbürger. Der Vater streicht die himmlische Wohnung an. Erst streicht er die Wohnung an, dann streicht er auch die himmlische kleinbürgerliche Mutter an, die Feuer fängt. Ich gehe fischen, nein angeln. Der erste Fisch, der an der Leine hängt, besteht nur noch aus Gräten. Es gibt also Menschenfresser unter den Fischen. Ich drücke auf den Fahrstuhlknopf, die Tür öffnet sich, und eine Treppe wird sichtbar.

»Die Anarchisten, die immer durch Zufall der Revolte der Massen Ausdruck geben«, sagte Trotzki, er wollte selber dieser Zufall sein.

I don’t give a dime for a single rhyme. Ich habe das Herz auf dem linken Fleck. Wenn du der Motor des ganzen bist, besteht Verbrennungsgefahr. Streichen sie, und schreiben sie Anstreicher, Streicher genügt auch … von vier Tagen. Ich erhöhe auf fünf. Was heißt Ordnungsstrafe, Ordnung ist Strafe. Zu den Beamten: Schlagt uns nicht, schlagt die Richter! Über den Reim den Stab brechen – ein hohles Versprechen, hohl wie hole.