Maßstäbe - Helmut Lauschke - E-Book

Maßstäbe E-Book

Helmut Lauschke

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Beschreibung

Menschliche Schicksale werden verfolgt, die über die Grenze der "Normalität" hinausgehen. Die Anforderungen des Alltags sind hoch, denen nachzukommen ist, um die Aufgaben zu erfüllen. Dialogische Begegnungen finden statt, die oft unvorhergesehen sind und Anlass zur Reflexion und Analyse geben. Die Gesellschaft ist im permanenten Wandel, wobei der Mensch die Richtung des Wandels bestimmt. Der Leser wird sich der herausragenden Bedeutung bewusst, die die Schilderungen des Abnormalen und Unabwendbaren bis auf den Tag behalten haben. Es gibt wenig Zweifel, dass die Gesellschaft unter der Profitmaximierung, was Inhalt des Kapitalismus ist, krank geworden ist und tiefe Risse aufweist, die durch alle Schichten des Volkes ziehen. Die Menschlichkeit des Helfens ist rar geworden, wenn Menschen ums Überleben ringen. Das Tragenwollen der Verantwortung ist verkümmert. Jeder sucht die Schuld woanders, nur nicht bei sich. Die Konsequenzen, die aus dem Sich-unsichtbar-machen mit der Angst resultieren, zumindest die Teilverantwortung für die prekäre Situation zu übernehmen, gehen mit dem Mangel der praktizierten Menschlichkeit und dem Grassieren des allgemeinen Misstrauens einher. Die Friktion mit den quer durch die Gesellschaft ziehenden Rissen und Existenzabbrüchen, wie sie auf dem Arbeitsmarkt mit der zunehmenden Arbeitslosigkeit beobachtet wird, brennt den noch verbliebenen Rest an Menschlichkeit nieder."

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Seitenzahl: 392

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Helmut Lauschke

Maßstäbe

Elf Geschichten der Besonderheit

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Elf Geschichten der Besonderheit

Die schwarz-weiße Geschichte

Der Tag und seine Dimensionen

Das Samstagabendgespräch

Die schmerzliche Bürde

Komplikation, Studium und das Leben

Chinesischer Kräutertee, das Brahms’sche Klavierkonzert und Olga Zerkow

Der Französisch-Unterricht und andere Erfahrungen am Augusta-Gymnasium für Mädchen

Mit Simon in einer kleinen Wohnung am Rande der Stadt und die Geschichte der Schülerin Ünett

Aus der Vorlesung in der Psychiatrie

Die Fahrt ins Kaokoland

Im Pendelschlag von Schuld und Entschulden

Impressum neobooks

Elf Geschichten der Besonderheit

Der Weiße beschreibt den Schwarzen als Nicht-Weißen und verweist auf das, was er nicht ist, anstatt auf das, was er ist. [Nelson Mandela]

Die schwarz-weiße Geschichte

Der Rest der Morgenbesprechung bringt die altbekannten Themen, die bereits von allen Seiten beleuchtet wurden. Das erste Problem des ekelhaften Uringestanks über dem Vorplatz des Hospitals wird von der hageren weißen Matrone vorgetragen. Dabei steht ihr die andere, kurzgewachsene schwarze Matrone bei, die entsprechende Ekelgrimassen zieht. Vortrag der einen und Pantomime der anderen Matrone lösen Nachdenklichkeit und ein Schmunzeln aus. Alle klatschen der Pantomime ihren Beifall. Es kommt zum Gelächter, als ein Kollege sagt: “Ein Pissoir von solchem Gestank kann doch nur eines sein, das die Veteranen zurückgelassen haben.” Das Gelächter wird zum Lachen, als Dr. van der Merwe sagt: “Das hält doch keine Sau aus, die gut erzogen ist.” Der Superintendent versucht, das Thema zu beenden. Er sagt, dass der Wasserschlauch von der nötigen Länge fehle, um den Vorplatz urinfrei zu spritzen. Die Order für den Schlauch hätte er vor Monaten unterschrieben und durch den Fahrer dem zuständigen Mann in Ondangwa bringen lassen, der darauf nicht reagiert habe. Dr. van der Merwe bemerkt, dass die Leute in der Verwaltung genügend Toiletten mit guter Spülung haben und noch beim Rätselraten seien.

Das zweite altbekannte Thema wird nach Wiederkäuerart von Dr. Hutman vorgetragen, der in seiner stets gebügelten Leutnantsuniform sich wegen seiner nicht zu bremsenden Intriganz den Orden eines “der Leutnant des Teufels” tagtäglich neu verdient und durch sein widerwärtiges, keiltreibendes Verhalten Ursache der gespannten Arbeitsatmosphäre ist. Dieser junge, vom System der Apartheid verdorbene Doktor und mit spitzen Ellenbogen reinstoßende Karrierist nennt die miserablen Zustände in den chirurgischen Sälen, wo die Schwestern die Anordnungen angeblich nicht befolgen, nicht zur rechten Zeit die Verbände wechseln und die Medikamente austeilen mit der Folge, dass die Wundinfektionen auf dem Vormarsch seien, die leergelaufenen Infusionsbeutel an den Tropfständern herumhängen und die Venenzugänge durch Thromben verstopfen. Dr. Hutman erwähnt die verschmierten und gebrochenen Fensterscheiben, die verstopften und stinkenden Toiletten, die angebrochenen Toilettenschüsseln, die ramponierten, nicht schließbaren Saaltüren mit den fehlenden Schlössern und Klinken, die verschmutzten Waschräume mit den tropfenden und klemmenden Wasserhähnen, die alten aufgerissenen und fleckigen Schaumgummimatratzen mit dem Uringeruch der vielen Jahre und die permanente Überbelegung der chirurgischen Säle unter den geschilderten ‘beschissenen’ Zuständen. Dieser Doktor zeichnete das Bild eines runtergekommenen Hospitals, ohne sich deshalb in die Mitverantwortung zu nehmen, mitzuhelfen, den unerträglichen Zustand zu beseitigen, beziehungsweise zu mildern und erträglicher zu machen. Ein solches ‘Krankenhaus’ wäre in Europa unmöglich, doch in Afrika ist so ein Krankenhaus dringendst erforderlich, das in einem Kriegsgebiet liegt, in dem die Schlussphase des Kampfes zur Befreiung der Menschen von der weißen Apartheid stattfindet und die Freiheits- und anderen Granaten in nächster Nähe einschlagen, dass die Böden und Wände zittern und reißen und Ärzte und Schwestern dennoch ihre Arbeit am Patienten fortsetzen.

Dr. Witthuhn räumt ein, dass diese Missstände eine lange Vorgeschichte haben und nicht von heute auf morgen behoben werden können. Die hagere weiße Hauptmatrone versichert, dass die Schwestern trotz der permanenten Überlastung ihr Bestes tun, um den

vielen und übergebührlichen Anforderungen gerecht zu werden. Die Ärzte sollen aber zur Kenntnis nehmen, dass die Aufsicht und Pflege der Patienten unter diesen Umständen und Bedingungen im Kriegsgebiet, die auch für sie zum Himmel schreien, eine physisch wie psychisch abnorme Herausforderung und schwere Belastung darstellen. Jeder, ob Arzt oder Schwester, muss den Beitrag leisten, der über die Grenze der bloßen Routine hinausgeht. Die Matrone sagt es mit sorgengefaltetem Gesicht: “Behalten Sie ständig im Auge, was sie draußen sehen, wenn Sie die Massen hilfesuchender Menschen, die zum Hospital kommen oder gefahren werden, schon am frühen Morgen auf dem Vorplatz antreffen. Wir alle haben uns bis an die Grenze des physisch Möglichen zu fordern, um diesen Menschen zu helfen. Und am wirkungsvollsten können wir es tun, wenn wir zusammenstehen, uns nicht auseinander dividieren lassen, wenn wir den Teamgeist in uns aufnehmen und uns gegenseitig unterstützen. Doch um das zu können, was von uns in elementarer Weise gefordert wird, müssen wir uns auch verstehen. Ich meine, das gegenseitige Verständnis darf dort nicht aufhören, wo die Sprache der Lippen sich von einer anderen unterscheidet.

Diese Sprachgrenzen müssen wir mit dem tieferen Verständnis, das in jedem von uns ist, durchstoßen, dann sind die Voraussetzungen gegeben, ein wirkliches und starkes Team zu bilden.” Das war die Ansprache der Matrone, die durchblickte und das Integral zur Hilfe am Menschen formulierte. Ihre Rede hatte Gewicht, die zum Denken über das Wesentliche herausfordert und motiviert. Bedrückendes Schweigen liegt im Raum. Alle sitzen mit gesenkten Gesichtern da. Nur der Superintendent sieht mit seinen geröteten Skleren der Matrone ins Gesicht. Auch er ist von ihren Worten ergriffen und verharrt einige Minuten nachdenklich und sprachlos. Ferdinand denkt, dass eine solche Ansprache an den Anfang einer jeden Morgenbesprechung gestellt werden sollte, weil es in der Rede um den Kern, um die Seele der Arbeit geht. Sie macht die Wichtigkeit deutlich, dass der Mensch über das, was er ist, und das, was er tut, aufrichtig nachdenken sollte, um den Auftrag des Hierseins zu verstehen und zu erfüllen, den Willen zu stärken, das Temperament zu zügeln, und die Fürsorge an den Menschen in Not und Elend kräftiger als bisher in die Tat umzusetzen.

Wenn die emphatische Rede verstanden und von allen beherzt in die Tat umgesetzt würde, dann wäre das der Beginn einer Menschheitszivilisation, wo es für Krieg keinen Raum mehr gibt, für die Künste dagegen ungeahnte Möglichkeiten. Die aufrüttelnde Ansprache der weißen Matrone Antje P., die von hagerer Gestalt ist und ein blasses, markantes, fast kantiges Gesicht hat, belegt die fundamentale Bedeutung, das Hospital in diesem Kriegsgebiet mit allen verfügbaren Kräften am Laufen zu halten, selbst wenn die miserablen Bedingungen und hygienischen Mängel in der Versorgung der Patienten zum Himmel schreien. Der Zustand des Hospitals erfüllt die Kriterien zur Schließung und zum Abriss. Die Spannweite von der Theorie, was ein Krankenhaus alles haben muss, um ein Krankenhaus zu sein und als solches reibungslos zu funktionieren, bis zur Praxis, war extrem groß. Doch ist es die Notwendigkeit, dass ein Hospital mit den mittelalterlich ausgestatteten Krankensälen, den Drainageproblemen an den Toiletten und den anderen sanitären Mängeln hier dringend erforderlich und noch nützlich ist. Es ist die Situation des Krieges und seiner Eskalation, weshalb man sich für das praktische Ende des extrem weiten Bogens zu entscheiden hat, der die endlose Weite einer entblößten, von Wunden geprägten Wirklichkeit überspannt.

Das andere Ende des Bogens ist die theoretische Betrachtungsweise, die durch die Erkenntnisse der modernen Medizintechnik ein modernes Hospital beleuchtet, das es hier nicht gibt. Damit ist klar, dass eine solche theoretische Betrachtungsweise den Menschen hier nicht hilft, weil es viel wichtiger ist, diese Menschen in ihrer Not zu versorgen, und wenn es in einem Hospital mit so schwerwiegenden Mängeln ist. Eine Alternative gibt es in dem von Granaten zerwühlten Winkel nicht. Vielmehr ist die Einschätzung realistisch, dass sich and den Missständen in absehbarer Zeit nichts ändern wird.

Das dritte und letzte Thema betrifft das Problem des Patiententransportes nach Windhoek und zurück sowie das Herbeischaffen der Medikamente von der Zentralapotheke und der Blutkonserven von der zentralen Blutbank. Diese drei Dinge gehören zusammen, weil der aus Windhoek abfahrende Bus nicht nur die Patienten zurückbringt, die dort von Spezialisten der verschiedenen Fachbereiche gesehen und behandelt wurden, sondern auch die dringend benötigten Medikamente gegen Malaria, Tuberkulose, etc. und Blutkonserven bringt, so weit sie vorhanden sind und dem Hospital im hohen Norden zur Verfügung gestellt werden. Die Dinge sind zu kombinieren, da es über eine Entfernung von mehr als siebenhundert Kilometer geht und es an Fahrzeugen fehlt. So ist das Transportthema von größter Wichtigkeit, weil es die lebensrettenden Maßnahmen unmittelbar betrifft. Aus Zeitgründen, die halb acht begonnene Besprechung geht bereits über anderthalb Stunden, und wegen der großen Zahl von Patienten, die darauf warten, gesehen und behandelt zu werden, wird das Thema auf die nächste Morgenbesprechung verschoben.

Der Raum hat sich gelehrt. Die Klimaanlage rattert und tropft. Es ist angenehm kühl, und die Raumluft ist frischer als zu Beginn der Morgenbesprechung. Dr. Witthuhn sitzt hinter dem Schreibtisch. Er nimmt den Telefonhörer und versucht, den Mann von der Administration in Ondangwa zu erreichen. Das Problem des permanenten Uringestanks auf dem Vorplatz des Hospitals musste endlich gelöst werden. Der Superintendent erreicht diesen Mann und fragt nach dem Wasserschlauch. Aus der Frage wird ein langes Gespräch, aus dem hervorgeht, dass das Budget für das Hospital überzogen ist und die bestellten Instrumente für die Operationssäle und die acht Betten für den chirurgischen Männersaal erst aus dem nächsten Jahresbudget bezahlt werden können. Was den Wasserschlauch betrifft, wird ein Weg gefunden, die Finanzierung durch einen Übertrag sicherzustellen. Die Order wird positiv entschieden, und der Wasserschlauch wird aus Windhoek angefordert. Nach dem Telefonat sagt Dr. Witthuhn, dass der Mann von der Verwaltung beim Thema Wasserschlauch offensichtlich vom Ekelgefühl befallen wurde, als er vor einigen Tagen einen Patienten im Hospital besuchte. “Wenn die Leute von der Administration es am eigenen Leibe spüren, dann passiert jedenfalls etwas”, meint er lächelnd. Dabei ist das mit den Verwaltungsleuten und dem ‘Passieren’ eine Binsenweisheit von globaler Reichweite. Der Superintendent sagt auch, dass er später das ‘Medical Council’ in Pretoria anrufen will, um sich nach dem Stand der Arbeitserlaubnis für Ferdinand zu erkundigen.

Dr. Witthuhn schlägt die Schreibmappe mit den schreibmaschinegeschriebenen und anderen Papieren vom vergangenen Freitag auf und unterschreibt sie von Fach zu Fach mit großen Schriftzügen. Ferdinand sagt, dass ihn die Rede der Matrone beeindruckt hätte, weil sie den Kern getroffen hat. Dr. Witthuhn lehnt sich auf dem ausgesessenen Schreibtischstuhl zurück und blickt über die aufgestapelten Patientenmappen und Papiere hinweg, die kreuz und quer auf der großen Schreibtischplatte herumliegen. Dann sagt er, dass das alles so nicht gehe, so lange das Militär das Sagen habe und die Militärärzte bei der Arbeit Uniformen tragen, was die schwarze Bevölkerung ablehnt. “Die Menschen hier sind im hohen Grad verunsichert und verängstigt, wenn sie eine südafrikanische Uniform sehen. Und diese Ablehnung geht bis zu den Schwestern und Pflegern auf den Stationen.” Er habe diese Bedenken sowohl dem ärztlichen Direktor, der selbst die Offiziersuniform eines Colonels trägt, als auch dem Sekretär der Bantu-Administration vorgetragen. Doch geändert hat sich an dieser Situation nichts.

Im Gegenteil, der ärztliche Direktor hat in einem schriftlichen Erlass mitgeteilt, dass Offiziere und Mannschaften, die hier ihren Dienst ableisten, dem Befehl des Tragens ihrer Uniformen Folge zu leisten hätten. Was hinter dem Erlass steckt, versucht der zivil gekleidete Superintendent so zu erklären, dass es da ein psychologisches Motiv gibt. Die Militärführung weiß um die ablehnende Haltung der Zivilbevölkerung. Sie registriert mit Sorge die Zunahme dieser Haltung. Deshalb sollen die Militärärzte in Uniformen am Hospital den Dienst versehen, um der Bevölkerung sichtbar zu machen, dass die südafrikanische Armee ihr hilft und lediglich die PLAN-fighter (People’s liberation army of Namibia) der SWAPO (South West Africa people’s organisation) bekämpfe. Es gehöre zur militärischen Taktik, die friedliche Seite der Okkupationsmünze herauszustellen. “Doch die Menschen haben die Taktik durchschaut. Die sind doch nicht dumm. Sie haben ein feines Gespür für das, was abläuft, und misstrauen dem Militär wie den Weißen generell.” Ernüchtert stellt Ferdinand fest: “Dann kann ein Teamgeist, wie ihn die Matrone beschwor, auch nicht entstehen.” Dr. Witthuhn erwidert: “So ist es. In einem Apartheidssystem ist ein solcher Geist von vornherein ausgeschlossen. Die Buren sind eine geschlossene Gesellschaft für sich, die in Zeiten wie dieser besonders eng zusammenhalten. Wenn es um die Einbeziehung der Schwarzen geht, lehnen sie sofort ab. Das ist Burenmentalität, dass nur der Weiße herrschen kann, dem sich die Schwarzen zu fügen haben. Das haben die Buren von ihren Hugenotten-Vorvätern so gelehrt bekommen, und genauso behalten sie es ohne Wenn und Aber bei. Es ist ein Dilemma, was die Politik, die in Pretoria gemacht wird, anrichtet.” Ferdinand: “Dabei ist hier wirklich Not am Mann.”

Das Militär dokumentiert die totale Abhängigkeit der Bevölkerung von den weißen Ärzten in Uniform. Den Menschen wird klargemacht, dass ohne die weißen Südafrikaner im Land nichts geht, auch nicht in der ärztlichen Versorgung. Für die Menschen ist es die Sackgasse der Ausweglosigkeit, die über Generationen sisyphusartig ausgearbeitet worden ist und mit friedlichen Mitteln nicht zu sprengen ist. Die Befreiung aus der Gasse wurde versucht, scheiterte aber an der Ohnmacht der Schwarzen, die es dann jedes Mal härter zu spüren bekamen. In der Politik zählt die Macht, und die Macht ist bei den Weißen. Dr Witthuhn: “Glaubst du, die Bothas und wie sie alle heißen würden den Schwarzen jemals die gleichen Rechte zugestehen? Ich sage dir, sie werden es niemals tun, so lange sie an der Macht sind und die Schalthebel in ihren Händen halten. Die Schwarzen sollen auf ewig abhängig bleiben. Sie sollen auf den Knien vor ihrem ‘Baas’, dem Herrn und Meister, rutschen, zu ihm aufsehen, als wäre er der liebe Gott persönlich. Sie sollen die Hiebe und das Peitschen weiter hinnehmen und ihm danken, dass er ihnen Brot und Arbeit gibt. Das ist es, warum die Schwarzen den Weißen abgrundtief misstrauen.”

“Und was ist mit der Resolution 435?”, fragt Ferdinand. Dr. Witthuhn: “Das nehmen die in Pretoria erst gar nicht ernst und machen ihre Späße darüber. Der Bur ist so erzogen worden. Er nimmt es für selbstverständlich, dass er dem auserwählten Volk angehört mit dem Auftrag, über die Schwarzen zu herrschen, sie in die weiße ‘Zivilisation’ zu führen und dort einzugliedern, wo sie in der weißen Gesellschaft hingehören, nämlich ganz untenhin.” Ferdinand: “Das hat aber mit Zivilisation nichts zu tun, wenn sie die Schwarzen wie Sklaven behandeln und sie nach Strich und Faden ausbeuten.” Dr. Witthuhn, der als Sohn eines Missionars in der Kap-Provinz geboren und aufgewachsen ist, erklärt die Geschichte der Buren so: “Als es den Protestanten in Frankreich unter dem vierzehnten Ludwig schlecht ging und ihnen die Bürgerrechte abgesprochen wurden, verließen sie das Land und kamen als Hugenotten, was so viel heißt wie ‘Menschen in Not’, ans Kap. Andere emigrierten nach Preußen, wo ihnen der Preußenkönig den reformierten Glauben ließ und das Wohnrecht gab. Die Menschen in ihrer Glaubens- und Rechtsnot kamen mit Frauen, Kindern und wenig Habe ans Kap. Dort siedelten sie und versuchten das Glück des Lebens mit ihrem reformierten Glauben noch einmal. Sie bauten sich einfache Kirchen und strichen sie innen und außen weiß an, damit es auch mit dem Beten stimmte. Ihnen sagte das milde Klima zu, das sie aus Frankreich kannten. Sie entschieden sich für das fruchtbare Land, das sie den ‘Khoi-khois’ oder Hottentotten buchstäblich unter den Füßen wegnahmen und sie aus ihren Hütten und von ihren Feldern und Weiden vertrieben. Das Beten in den weiß gestrichenen Kirchen war die eine Sache. Die andere Sache war das Hantieren von Stöcken, Peitschen und Gewehren, um bei der Landübernahme, was nichts anderes als die Landbesetzung war, keine Missverständnisse aufkommen zu lassen, was sprachlich und zeichensprachlich möglich war. So gruben sich die Weißen mit dem reformierten Glauben und aus der französischen Not im fruchtbaren Boden am Kap ein und hielten mit Gebet und Gewalt am guten Boden fest, dass sie die Ureinwohner und vorherigen Landbesitzer durch die gewaltsame Wegnahme des angestammten Bodens in die afrikanische Not stürzten.

Der Boden war so fruchtbar und weit, dass die eingewanderten Weißen aus Frankreich dem Kap den Namen ‘Kap der Guten Hoffnung’ gaben, was in der Sprache der neuen weißen ‘Afrikaners’ die ‘Kaap van die Goeie Hoop’ heißt. Die Ureinwohner konnten es nicht glauben, was mit ihnen geschah. Dafür glaubten die Buren um so fester an das gute Land. Erzbischof Desmond Tutu bringt die Enteignung und Aneignung des afrikanischen Bodens durch die Weißen gegen die afrikanisch-traditionellen Rechtsnormen auf die Formel: ‘Als die Weißen kamen, hatten sie die Bibel in der Hand, und wir hatten das Land. Doch bald hatten sie das Land und wir hatten die Bibel.’ So war das Erste die weiß gestrichene Kirche mit dem calvinistischen Glauben, dem das Zweite mit der Aneignung des fruchtbaren Bodens auf dem Fuße oder mit der betenden Hand folgte. Da unterjochten diese Glaubensbrüder, und das im großen Stil, die Khoi-khois und die ‘San people’ oder Abathwas (Buschmänner) und die hinzugezeugten Cape-coloureds (Kinder weißer, portugiesischer und holländischer Väter und eingeborener Frauen). Sie machten die Eingeborenen land- und rechtlos und verdingten sie zur Feld- und Sklavenarbeit. Bei den Landenteignungen schreckten die calvinistischen Brüder vor der Gewaltanwendung nicht zurück. Im Gebrauch von Handfeuerwaffen waren sie geübt. Da hatten die Einheimischen, die in ihrer Tradition auf den Boden ihrer Väter vertrauten, den Weißen nichts entgegenzusetzen. Alles Flehen und Reden der Frauen und Mütter mit den verängstigt weinenden Kindern ließen die calvinistisch reformierten Glaubensbrüder ebenso wenig gelten wie die verzweifelten Verteidigungsversuche ihrer Männer und Väter. Das stieß auf taube Ohren und eiserne Herzen. Es half nichts, sie alle wurden von ihrem angestammten Boden vertrieben. Im Falle der Gegen- oder Notwehr wurden die Männer vor den Augen ihrer Frauen und Kinder zusammengeschlagen und ausgepeitscht, an Händen und Füßen gefesselt und abtransportiert, wo dann andere Foltermaßnahmen hinzukamen. Die weißen ‘Siedler’ kannten kein Erbarmen, mit denen der vierzehnte Ludwig in Frankreich auch kein Erbarmen hatte. Es war die Enthüllung der Apokalypse von weißer Hand mit Knebelung und Fesselung der schwarzen und anderen Hände mit der sandfarbenen Haut, die allesamt schwächer waren und besitz- und rechtlos wurden.

So ist zu verstehen, dass die Weißen nicht erst auf den Willkommensgruß der Schwarzen warteten, sondern sich gleich aufs hohe Ross schwangen, um von höherer Warte die Übersicht über die Weiten des fruchtbaren Landes zu bekommen und mit dieser Übersicht die Inbesitznahme hugenottisch zu erklären und das Land ‘weiß’ unter sich aufzuteilen und mit den weißen Siedlungen unverzüglich zu beginnen. Die Absicht war vorgegeben, das Land den andern so schnell wegzunehmen, dass die so schnell gar nicht denken konnten. Deshalb ging die hugenottische ‘Flurbereinigung’ auch zügig vonstatten, da die Vorbesitzer und ihre Familien von ihren Hütten und Feldern und dem Weideland vertrieben wurden. Die liefen um ihr Leben so schnell, als hätte ihnen das Land noch nie gehört. Mit der skrupellosen Dickschädeligkeit haben es die Weißen in kurzer Zeit zu großen Ländereien gebracht, auf denen die vormaligen Kleinbesitzer die Feldarbeit wie Sklaven verrichteten. Es ist die Kolonisation, dass. das Altangestammte mit den afrikanischen Traditionen wie ein alter Baum vom weißen Schwert gekappt wurde. Die Ehrfurcht vor dem Alter des Baumes und der Stammesstärke mit der weit ausladenden Baumkrone kannten die Weißen nicht. Das Alte wurde enthauptet und in Bodennähe weggeschlagen und niedergemacht. Da durfte sich keiner in den Weg stellen, weil der gleich mit niedergemacht wurde. Die Wurzeln wurden aus dem Boden gerissen und in kleine Stücke zerhackt. Das Alte mit der afrikanischen Tradition wurde unkenntlich gemacht, und wenn es verbrannt werden musste. Was einst bewundert und verehrt wurde, das gibt es nicht mehr, seitdem die Weißen da sind und vom ‘Kaap van die Goeie Hoop’ sprechen.”

Es ist das Bild des weißen Drachens mit dem weit aufgerissenen, gefräßigen Rachen und dem zähnefletschendem Gebiss. Dr. Witthuhn erzählt die Geschichte weiter: “Bald machten die weißen Siedler es ökonomisch; sie fassten die vielen kleinen ‘herrenlosen’ Ländereien zusammen und machten aus einer großen Zahl von kleinen Feldern und begrenztem Weideland eine kleine Zahl von großen Farmen mit weiten Feldern und unbegrenztem Weideland, auf denen die einstigen Besitzer nun als Arbeiter recht- und besitzlos für den neuen, auf dem hohen Ross sitzenden und streng herabblickenden Landlord bis auf den Tag dienen. Damit haben die eingesiedelten Hugenotten den Beweis erbracht, dass sich der reformierte Glaube mit der weißen Dickfellig- und Hartköpfigkeit für sie bewährt hat und reich belohnt wurde. Ihr Erfolg, der bei dieser Skrupellosigkeit nicht ausbleiben konnte, widerspricht den anfänglichen Befürchtungen. Wie die ersten Siedler, so danken ihre Nachfahren Gott für den reichen ‘Segen’ und halten sich mit so viel gutem Land für das auserwählte Volk.” Das Bild ist ein gewohntes, dass der Hund neben dem weißen ‘Baas’ als dem Herrn und Meister in der Fahrerkabine sitzt, wenn schwarze Arbeiter bei Wind und Wetter auf offener Lade zu den Feldern und Erdarbeiten im Flussbett oder zur Errichtung eines Dammes gefahren werden. Der ‘Baas’ feuert sie mit harschen Worten zur Arbeit an und beaufsichtigt sie mit dem Stock in der Hand. Der Schwarze lebt mit Frau und Kindern in primitiven Hütten, den Squatters. Sein Leben ist der Willkür und Laune des weißen ‘Baas’ ausgesetzt. Von ihm muss sich der Schwarze die groben Flüche und Beschimpfungen ebenso gefallen lassen wie den Sklavenlohn und die Knüppel- und die Peitschenhiebe.

Je mehr weiße Kirchen am Kap errichtet wurden, desto trostloser wurde das Leben für die, denen einst das Land gehörte. Die Schwarzen wurden missioniert. Die Weißen, die mit der Bibel in der Hand aus Europa auf dem Schiff nach Südafrika kamen und an Land gingen, zwangen den Schwarzen das Land weg und die christliche Religion auf. Sie missionierten und nahmen weg, was afrikanisch war und der afrikanischen Tradition seit vielen Generationen entsprach. Es waren die zwei Reformen, die von den Weißen durchgeführt und den Schwarzen aufgezwungen wurden, was die weiße Boden- und die Glaubensreform genannt werden konnte. Gegen diese Reformen gab es keine Alternativen, wenn die Schwarzen überleben und mit dem nackten Leben davonkommen wollten. Bei diesen Reformen gegen den eigenen Willen verloren die “Kap-Aborigines” dann auch den eigenen Glauben an das Gute im Menschen und an die Rückkehr zur Scholle ihrer Geburt und Kindheit. Beides, der gute Glaube wie die geliebte Scholle, ist ihnen gehörig ausgeprügelt worden. Da brauchte sich keiner mehr wundern, dass es kaum noch Afrikanisches gab, wofür es sich zu leben lohnte. Damit sie nicht mit ihren Freiheitsgedanken umherzogen und irgendwelche Anstiftungen in dieser Richtung unternahmen, wurden sie wie beißende Hunde in ‘Squatter camps’ gesperrt, die sich in den Jahren zu stinkenden Slums der größten Armut und unglaublichsten Erbärmlichkeit auswuchsen. Dort konnte es eine normale europäische Nase bei dem Gestank der Urin-, Verwesungs- und anderen Gerüche nicht lange aushalten.

Zur weißen Landübersicht kam die weiße Menschenübersicht. Alle Menschen mussten bei den weiß durchgeführten Menschenkontrollen das Ausweispapier vorzeigen, in dem die Rassenzugehörigkeit durch einen dicken Stempelaufdruck vermerkt ist. Da gab es neben ‘Blanke’ für Weiße und ‘Europeër’ den ‘Indiër’, ‘Asiaat’, ‘Coloured’ und ‘Swart’ (Schwarz als Hautfarbe) oder ‘Swarte’, den Menschen mit der schwarzen Hautfarbe. Bei dieser Kasteneinteilung war die Hautfarbe mehr entscheidend als der breite Nasenrücken eines ‘Cape-coloureds’, den es auch in Burengesichtern gibt. Doch wird der Bur trotz der breiteren Nase weiterhin ein Weißer oder Europäer eingestuft, was er ja auch unbedingt sein will. Der Stempel weist aus, wer sich frei bewegen kann und wer nicht, wer das Recht auf Arbeit gegen gute Bezahlung, auf Gesundheit, Schule und Universität hat und wer nicht. Für die Mehrheit der Menschen bleibt nichts anderes übrig, als sich damit abzufinden, dass sie als Menschen mit dem Vermerk ‘nicht weiß’ so weit zurückgestuft sind, dass sie auf unabsehbare Zeit den Weißen recht- und wehrlos ausgeliefert sind.

Die Nachkommen folgen den ersten Siedlern buchstabengetreu. Sie offenbaren ihre Glaubensseite, indem sie die Entrechteten als billigste Arbeitskräfte auf ihren Farmen weiter ausbeuten, sie durch Arbeit vom Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang erschöpfen und sie und ihre Familien mit Hungerlöhnen am Leben halten, so lange sie für den ‘Landlord’ nützlich sind. Die von ihm gesetzten Arbeitsnormen müssen erfüllt werden. Da lässt der ‘Baas’ nicht mit sich reden, der zur besseren Verständigung den Stock der Belehrung mit sich führt. Fairness auf Gegenseitigkeit versteht der ‘Baas’ nur weiß, alles Schwarze lässt er von vornherein nicht gelten. Will es ein Schwarzer nicht glauben, dann setzt es gleich die Ohrfeige. Einen Arbeitsvertrag oder ein Papier in dieser Richtung gibt es nicht. Ein solches Papier sieht sich der Bur auch nicht an. Wie es der Frau und den Kindern des Schwarzen geht, dafür hält sich der weiße ‘Landlord’ für nicht zuständig. Das gilt auch für den Krankheitsfall und was die Schule betrifft. Doch kommt es vor, dass der ‘Landlord’ den Kranken zum nächsten Hospital für Nichtweiße fährt und die gebrauchte Kleidung der eigenen Kinder an die Kinder der schwarzen Arbeiter weitergibt.

Weil in der Kolonialgeschichte Südafrikas die Zulus verlustreich geschlagen wurden und in kleineren Gefechten auch die Khosas, hielten sich die Buren für stark genug, das Burenreich über dreihundert Jahre zu halten, was ihnen große Ernten, gute Weine und den erträumten Reichtum bescherte. Afrikaans war ihre Sprache und die Sprache der Herrschaft. Dieser Sprache, weil sie so ‘segensreich’ war, setzten die Buren ein großes Denkmal, das als Monument auf einem Hügel am Rande Pretorias errichtet wurde. In die herrschende Burenklasse drängten sich mit der zunehmenden Industrialisierung und Verstädterung als Folge der boomenden Gold- und Diamantenschürfung die Weißen der nichtburischen Herkunft hinein, deren Mutter- und Umgangssprache überwiegend das Englische war, wenn es sich um besonders kapitalkräftige Magnaten handelte. Bei ihnen war es das Geld, was bei den Buren das Land und der Boden war. Was das Englische mit dem Afrikaans verband, war der eiserne Wille, das Land, das zum Nulltarif den vormaligen Eigentümern abgeknöpft worden war, bis auf den Grund und seine Tiefen auszubeuten, wofür Millionen nichtweiße Hände verfügbar gemacht wurden, um für Spottlöhne die Dreck- und Untertagearbeit zu verrichten.

Das Teilen im Herrschen fiel den Buren schwer, die selbst den Weißen, die nicht ihr Afrikaans sprachen, misstrauten, weil sie die Brandzeichen der Hugenotten noch nicht vergessen hatten. So gehörte es zur klassisch burischen Denkweise, dass diesem Klub nur die ‘Auserwählten’ mit der reinen burischen Sprache angehören durften. Das viele Geld der Englischsprachigen machte der burischen Reinheit einen Strich durch die Rechnung, weil sich die Geldsäcke regelrecht in den Klub der Herrschenden einkauften, wogegen die Sprache mit den Wurzeln im Flämisch-Holländischen auch nichts ausrichten konnte. Dennoch blieb die Abneigung gegen andere Sprachen und nicht Afrikaans Sprechende bis auf den Tag bestehen, so wie die tiefe Abneigung gegen alles Katholische bestehen blieb, ob römisch, griechisch oder russisch-orthodox.

Die Glaubens- und Willensstärke und die angeborene Dickschädeligkeit waren burische Merkmale, die beim Denken in längst aus- und festgefahrenen Einbahnstraßen eine Brillentendenz hatten, die vergrößerte, wenn es um die eigenen Belange ging, und verkleinerte, wenn es um die Belange anderer und den Rest der Welt ging. Fleiß und Ausdauer sowie die erdbezogene Gründlichkeit und eine ‘weiß gefärbte’ Frömmigkeit mit einer beispielsuchenden, konsequent eingehaltenen Rücksichtslosigkeit gegen Menschen der nichtweißen Hautfarbe haben dem Burenvolk den Wohlstand gebracht, der ungewöhnlich deshalb ist, weil sie so viel Grundbesitz und Reichtum in Europa mit rechten Dingen nicht erworben hätten. Die Buren haben über das, worüber man ethisch, rechtlich und menschlich anderer Meinung sein kann, bedeutende Prediger, Ärzte, Professoren der calvinistischen Theologie, Wissenschaftler, große Schriftsteller und Künstler hervorgebracht, da gibt es überhaupt keinen Zweifel. Die Politiker mit der afrikaansen Sprache dürfen aber hier nicht unerwähnt bleiben, die es mit ihrem Erzkonservatismus, der Wagenburgmentalität und der weißen Blindheit durch die konstante Hautfarbenorthodoxie geschafft haben, sich von der großen Völkerfamilie durch das ‘Auserwähltsein’ des Burenvolkes weiter abgesondert zu haben.

Sie waren es, die stets geneigt waren, die schwarze Problematik zu vertuschen, zu verharmlosen oder erst gar nicht zu erwähnen, und wenn sie, aus welchen Gründen auch immer, von den schwarzen Problemen sprachen, dann setzten sie die weiße Verkleinerungsbrille auf, die in der untersten Schublade der Apartheid für diese Fälle bereit lag. Es war eine speziell präparierte Brille mit dem verschnörkelt breiten Rahmengestell, in das zwei auffallend eng zusammenstehende Gläser im eckigen Querformat eingefasst waren. Diese Gläser standen wie bei der Lupenbrille eng zusammen und drückten von beiden Seiten gegen den Nasensteg. Die so aufgesetzten Gläser verkleinerten anstatt zu vergrößern. Um Unsicherheiten beim Durchblick zu vermeiden und den möglichen Eventualitäten vorzubeugen, waren die Gläser außerdem mit einer dicken Weißschicht überzogen, die jeglichem Abkratzversuch widerstand. Es gehörte zur Routine, dass weiße Politiker vom Burengeschlecht diese Brille in dem Augenblick auf die Nase setzten, wenn sie auf die schwarzen Probleme zu sprechen kamen, und der Redner durch diese Brille nicht schwarz sehen konnte. Und weil er jedes Mal weiß sah, wo er hätte schwarz sehen sollen, glaubten ihm am Ende der Rede die meisten Weißen dieses Weiß, weil auch sie bereits weiß kontaminiert, ja infiziert waren und es schwärzer auch nicht sehen wollten.

Dennoch gab es, wenn auch in der Minderzahl, weiße Zuhörer, deren Zahl mit den Jahren zunahm, die ihre ‘schwarzen’ Bedenken hatten, sich bei solch ‘weißen’ Reden besorgt anschauten und einander zuflüsterten, dass auch dieser Politiker von der weißen Blindheit geschlagen sei. Eine Vorliebe hatten die weißen Präsidenten und ihre getreuen, politisch hörigen und parteizugehörigen, weißen Brillenträger und Gefolgsleute, dass sie Gott in den langgezogenen, einseitig abgestumpften, weiß ‘gestrichenen’ Schmirgelreden beim Namen nannten. Das taten die Schmirgelredner auch dort, wo Gott mit seinem Namen gar nicht angebracht war. So meinten manche kritische Zuhörer, die es ab und zu auch gab, dass es einer Gotteslästerung gleichkomme, wenn sein großer Name mit den großen Lügen in Verbindung gebracht werde. Da im Abstand der Neunerregel das Gesagte wieder gesagt und das Wiedergesagte wieder und wieder gesagt wurde, wurde auch Gott mit seinem Namen so sehr vervielfacht, dass die Vermutung so abwegig nicht war, dass er persönlich hinter der weiß gestrickten und überstrichenen Rede stand, sie zumindest geduldet hat, und sich, wie es der Ghostwriter eben tut, dem der peinliche Ausgang der Rede bekannt sein musste, unsichtbar hielt oder sich schlichtweg hinter der sich ständig wiederholenden, synkopisch gehackten Stakkato-Tretmühle mit den krummer und schiefer werdenden Sätzen, die selbst unter den heftigsten Posaunenstößen und dem tremolierenden Trompetengeschrei nicht besser und gerader wurden, versteckte.

Für einen Mann wie Karl Marx und seine wieder verlassene Lehre, weil die Gleichheit der gerechten Güterverteilung in die Praxis nicht umsetzbar war, gab es im Burentum keinen Platz. Dieser Herr mit den kritisch-bissigen Augen und dem Mosesbart aus dem katholischen Trier, der nicht nur das “Kapital” und andere revolutionäre Schriften verfasste, sondern auch ein profunder Bibelkenner gewesen sein soll, passte nicht in ihre Welt. Das leuchtet ein, denn Karl hätte den Buren bei ihrer Anhäufung von Reichtum und der calvinistischen Ausbeutung der unterdrückten Klasse die marxistischen Leviten gelesen. So waren die burischen Politiker anachronistische Bremser von provinziell beschränkter Engstirnigkeit. Für sie sollte sich politisch nichts mehr bewegen. Alles sollte so bleiben, wie es seit einigen hundert Jahren schon war. Sie drückten schwarz erblindet und weiß verblendet mit aller Dickschädeligkeit auf die Bremse, statt aufs Gaspedal für die Fahrt in eine veränderte Welt zu treten. So schoben sie die Bremsbalken zwischen die Speichen der Räder, um den rollenden Wagen der Geschichte zum Stehen zu bringen. Das brachten sie aber nicht fertig, so dass ihnen die Geschichte davonfuhr. Sie liefen ihr nach, aber konnten den Anschluss nicht finden. Sie waren verklemmt, aber kamen aus der Klemme nicht heraus. Den großen Schwung nach vorn mit dem Format der Innovation, den hat es politisch nicht gegeben. Dafür zappelt zu viel Provinzielles um die Beine herum.

Nun liegt die Apartheid im Sterben. Das lange Leid muss mit dem Tod eines politischen Monsters zu Ende gegangen werden. In der Erinnerung wird bleiben, dass das Trennsystem weiß aufgezwungen und skrupellos war und viele weiße Gefolgsleute hatte, denen die Skrupellosigkeit in den Kram passte, um sich auf Kosten der anderen, der Mehrheit der Rechtlosen zu bereichern. Die opportunistisch gemeinen, meist gut gekleideten Schmarotzer haben durch ihr Nie-genug-kriegen viele Menschen ins Elend gestürzt und sie im Schlamm der Armut und im Siechtum achtlos verkommen lassen. Sie wussten es und machten mit. Deshalb muss das Ausbeutungssystem frühkapitalistischer Prägung sterben, damit es danach und hoffentlich gesitteter zugeht. Es wird schwer sein, sich zurechtzufinden, wenn es beim Recht nicht mehr mit unrechten Dingen zugehen soll. Im Denken und Handeln müssen neue Wege gefunden und gegangen werden. Das wird für die Weißen ungewohnt und nicht ohne Schmerzen sein.

Für den Buren gibt es keine Zufälligkeiten. So etwas lehnt er von vornherein ab. Er spricht von Arbeit und Fleiß, besonders dann, wenn er die Arbeiter auf den Farmen und Feldern schuften und schwitzen sieht. Den Stock zur ‘Auf- und Übersicht’ hält er in der Hand. So waren es Fleiß und Willen, die dem Buren den Wohlstand verschafften, was niemals der Zufall war. Die Buren halten die Macht bis zuletzt fest und eisern in ihren Händen. So sollte es ja bleiben bis in alle Ewigkeit. Die anderen Weißen, für die Afrikaans die zweite Sprache, Englisch oder Portugiesisch aber die erste Sprache war, haben sich ihnen in opportunistischer Weise angeschlossen, da auch sie erkannt hatten, wie Wohlstand mit dem geringsten Kostenaufwand zu schaffen war. Sie haben von den Buren das Rezept der Ausbeutung meist ohne größere Modifikation übernommen. So unterschied sich ihre Art von der burischen vielleicht durch die größere Toleranz den Schwarzen gegenüber, was mit der offeneren Denkweise und dem freieren kulturellen Hintergrund der größeren intellektuellen Öffnung in einer liberaleren Lebensphilosophie seit der Aufklärung zu erklären ist, was dem engen calvinistischen Gehorsamsprinzip gegensätzlich war.

Dagegen gab es im existentiellen Kern keinen Unterschied. Auch diese Weißen lebten auf Kosten der Schwarzen, hatten sie niemals als gleichberechtigt erachtet, sie nie als Menschen eingestuft, denen die gleichen Menschenrechte zustanden wie ihnen selbst, weder bei der Erziehung und Bildung, noch beim Recht auf Arbeit und ein menschenwürdiges Zuhause. Der, dem das Recht genommen wurde, als Mensch geachtet zu werden, musste sich damit abfinden, sein Leben als billigste Arbeitskraft für den Weißen herzugeben. Dabei musste sich der Schwarze von dem Gedanken befreien, dass es für ihn und seine Familie jemals ein Leben geben würde, in dem es Sicherheit und Chancen des Aufstiegs mit den Aussichten auf eine lebenswerte Zukunft für seine Kinder gab. An einem bescheidenen Wohlstand sollte er erst gar nicht denken, das sollte er sich gleich und gründlich aus dem Kopf schlagen. Er war nicht in diese Welt geboren worden, um so etwas erwarten zu können. Denn es entsprach nicht dem europäischen Denken, und auch nicht dem, was Europäer von den schwarzen Rassen erwarteten, als sie Afrika zwecks Kolonisierung 1884 in Berlin unter den europäischen Mächten aufteilten.

Dass der Verheerungsgeist sich tief in den Hirnwindungen der weißen Köpfe festgesetzt hatte, konnte deshalb nicht verwundern. Dass aber der Zerstörungsgeist die Köpfe im Machtstreben bis zum unmenschlichen Wahnsinn trieb und die Machtbesessenheit noch in den von der Alzheimer-Krankheit geschrumpften Windungen neben anderweitigen Verkalkungen nachweisbar war, das ging doch zu weit. So war die Macht-Parabel über Aufstieg und Fall des weißen Mannes ein Musterbeispiel für den Kreis, wo Bildung und politische Einbildung als die zwei Punkte auf dem Kreisumfang hintereinander herjagten, sich aber nie berührten und schon in der ersten Ableitung der Differentialgleichung zu einem Nichts verschwanden. Da war die Sprache der Vernunft für die Parabel erst einmal zu suchen, und wenn sie gefunden wurde, musste sie neu zu sortiert werden.”

“Doch was hilft das den Schwarzen, die sich auf eine Ewigkeit ohne Hoffnung einzustellen haben?”, fragte Ferdinand.

Wenn die Sonne der Kultur tief steht, werfen selbst die Zwerge lange Schatten. [Karl Kraus]

Der Tag und seine Dimensionen

Die Amerikaner wählen am 4. November 2008 den Demokraten Barack Obama (47) zum 44. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika. Er ist der erste schwarze Präsident in der Geschichte der USA, der den Republikaner George W. Bush nach zwei Amtszeiten von je vier Jahren im Weißen Haus ablöst. Barack Obama ist Sohn eines kenianischen Vaters und einer weißen Mutter, einer Amerikanerin, die früh an einem Krebsleiden verstarb. Großgezogen hat ihn die Großmutter mütterlicherseits, die am Tage vor der Präsidentschaftswahl in einem Hospital auf Hawai einem langen Leiden erlag.

Die Welt steckt in einer schweren Wirtschaftskrise, die der Rezension der zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts entspricht. Großbanken erklären den Bankrott. In den letzten Tagen seiner Amtszeit paukt George W. Bush ein 700 Milliardenpaket zur Stützung der Banken und schwer angeschlagenen Wirtschaft durch den Senat und das Repräsentantenhaus. Der Irakkrieg, der 2002 unter der falschen, beziehungsweise gefälschten Annahme von Massenvernichtungswaffen inszeniert wurde und zum Sturz des sunnitischen Diktators Sadam Hussein und zu zigtausenden von Toten geführt hat, geht auch 2008 weiter, ohne dass ein Ende abzusehen ist. Die Amerikaner haben bei den Kämpfen im Irak an die 4000 Soldaten verloren. Über 30 000 Soldaten wurden schwer verwundet. Die Briten im Süden des Landes (Basra) haben einige hundert Soldaten verloren. Die Taliban in Afghanistan ist nach einem vier Jahre andauernden Krieg ungeschlagen, in der Logistik und in den Waffen stärker geworden und fordert immer höhere Verluste auf der Regierungsseite (Präsident Kazai) der Koalitionstruppen (Amerikaner, Briten, Deutsche, Franzosen, Polen). Der Ölpreis hat sich in einem Jahr verdoppelt. Die Kostenexplosion für Nahrungsmittel und in der Lebenshaltung im Allgemeinen ließ nicht auf sich warten. Hausbesitzer können ihre Bankschulden und Darlehen nicht zurückzahlen. Weltweit entlässt die Autoindustrie zu Tausenden die Arbeiter und Angestellten. Nicht anders ergeht es den Bankangestellten. Es wird umstrukturiert und neu strukturiert.

Barack Obama führte den fast einjährigen Wahlkampf gegen den republikanischen Herausforderer John Mc’Cain (72) unter dem Motto: “Change for America”. Im ANC (African National Congress) kommt es zur Spaltung. Alte Mitglieder sind empört, wie das Exekutivkomitee des ANC Thabo Mbeki im September 2008 aus dem Amt des Staatspräsidenten entfernt hatte. Morgan Tsvangirai von der ‘Movement For Democratic Change’ und Robert Mugabe (84) von der SANU-PF, der seit 26 Jahren als Präsident die Belange Simbabwes und seiner Menschen diktiert, sich selbst dabei übergebührlich bereichert hat und die einstige hoch entwickelte Infrastruktur auf den Ruin gebracht und aus der ehemaligen Kornkammer des südlichen Afrikas ein Hungerhaus des Elends und der Not gemacht hat, ringen im November 2008 um eine faire Machtverteilung, nachdem die Präsidentschaftwahlen bereits im März mit einem Sieg der ‘Movement For Democratic Change’ abgelaufen waren. Robert Mugabe erklärt öffentlich, dass, was auch kommen mag, ihn keiner aus dem Präsidentenamt vertreiben könne. Polizei und Schlägertrupps der Mugabe-Partei schlagen auf die Menschen der Opposition und auf wehrlose Menschen ein, die sich über die leeren Regale und unerschwinglich hohen Preise beklagen. Millionen Simbabwer fliehen nach Süd Afrika, Sambia und Tansania. Die internationale Hungerhilfe wird in ihrer Aktion behindert. Mugabe wirft den Hilfsorganisationen vor, dass sie politisch agieren und ihn aus dem Präsidentenstuhl heben und entfernen wollen.

In Namibia haben sich ehemalige SWAPO-Veteranen aus der Regierungspartei abgesetzt und sich in der neu gegründeten Partei RDP (Rally for Democracy and Progress) zusammengetan. Im Nigerdelta entführen Nigerianer seit Jahren Arbeiter und Angestellte der internationalen Ölkonzerne. So tun es die Piraten auf Motorbooten vor der Küste Kameruns, die Arbeiter auf den Bohrinseln in ihre Gewalt bringen. Sie fordern Beteiligung am Profit der Ölgeschäfte. Die Politiker mit den einstmals großen Lippen, was sie für die afrikanischen Völker tun wollen, sind zu unersättlichen Geldfressern geworden. Die Korruption und Vetternwirtschaft blüht in den afrikanischen Ländern in unvorstellbarem Ausmaß, während die Menschen durch Hunger, Vertreibung und Elend zu Tausenden dahinsterben. José Eduardo dos Santos, der der MPLA (Movimento Popular de Libertação de Angola) vorsteht und seit 1979 Präsident des Landes ist, bereichert sich mit den wenigen von ihm Erwählten an den Öl- und Diamantengeschäften in astronomischen Dimensionen, als gäbe es kein Volk, dem der natürliche Reichtum des angolanischen Bodens ebenso zugute kommen sollte, und häuft die Milliarden seit Jahren auf portugiesischen und anderen internationalen Bankkonten, während das Volk in seiner großen Mehrheit nach dem langen Macht- und Verzehrungskrieg noch verwundet und in bitterer Armut lebt.

Barack Obama spricht auf der Großkundgebung am 5. November 2008 im großen Park von Chicago vor den zweihunderttausend Besuchern von den großen Werten im Menschen und in der Gemeinschaft, die es zu achten und zu pflegen gilt. Das hat Obama einige Wochen vorher vor den hunderttausend Berlinern auch gesagt. Die Frage bleibt, ob die sich rücksichtslos bereichernden afrikanischen Präsidenten und Politiker eine Ahnung haben, wovon Barack Obama spricht, wenn er diese Werte in den Bezug zur politischen Verantwortung, dem politischen wie menschlichen Anstand und zur Ehrlichkeit und der persönlichen Bescheidenheit setzt.

Der kubanische Arzt Dr. Fernandez verlässt nach einer arbeitsreichen Nacht das Flat auf dem Krankenhausgelände im Norden Namibias, um an der Morgenbesprechung im Büro des Superintendenten teilzunehmen. Diese Besprechung ist eine Routineeinrichtung, die von geringer oder keiner praktischen Bedeutung ist, seitdem er vor mehr als zwei Jahren seine Tätigkeit in der Abteilung der Gynäkologie und Geburtshilfe aufgenommen hat. Dr. Fernandez ist nicht der einzige kubanische Arzt, der das Ärzteloch am Krankenhaus stopft. Seine kubanischen Kollegen, die einen Großteil der Ärzteschaft am Krankenhaus ausfüllen, sind auf die anderen Abteilungen wie Chirurgie, Pädiatrie und interne Medizin verteilt. Die namibischen Ärzte, die zum Teil auf Kuba zur Schule gegangen waren und das Medizinstudium begonnen und dort abgeschlossen haben, sind in “höhere” Posten innerhalb der medizinischen Verwaltungshierarchie mit klimatisierten Büros, Telefon, höherem Gehalt für weniger und ohne direkte Arbeit am Patienten in den heißen Krankensälen und im schweißtreibenden OP aufgerückt oder haben sich als Ärzte für Privatpatienten niedergelassen. Dr. Fernandez weiß um die Diskrepanz zwischen den Lippenbekenntnissen, als Arzt den kranken Menschen zu helfen, und den Fakten, sich “klimatisch” zu verbessern, was mit dem erstrebten höheren Gehalt automatisch verbunden ist, oder sich als Privatarzt auch für das Geld des Patienten zu interessieren. Er selbst hätte es nicht anders getan, wenn er auf Kuba eine Privatpraxis hätte betreiben können, was er im anachronistisch verkalkten System des letzten Inselsozialismus nicht konnte, stattdessen mit seinen Kollegen als ärztlicher Exportartikel und Devisenbringer in die Dritte Welt nach Afrika geschickt wurde.

Es ist ein kalter Aprilmorgen auf der nördlichen Halbkugel nahe dem Görlitzer Längengrad und dem 53. Breitengrad Nord, als drei Turmglocken zum Trauergottesdienst für den verstorbenen Pfarrer Härtel läuten, der mit Anfang sechzig plötzlich an den Folgen einer Hirnblutung verstorben war. Wer war dieser Pfarrer? Er war ein paulinischer Prediger und unerschrockener Verkünder der Botschaft Gottes. Dabei scheute sich dieser Pfarrer nicht, auf die Unebenheiten und Ungereimtheiten des Lebens im sozialistischen Gleichheitsstaat hinzuweisen und die asozialen Tücken anzuprangern, weil die Gleichheit von Ungleichheiten mit dem Absahnen durch die Parteinomenklatura durchsetzt war, was nicht der Idee des Sozialismus mit dem Prinzip der Verantwortung entsprach und auch nicht mit dem allgemeinen menschlichen Verstand zu verstehen und zu rechtfertigen war. Für seine kritischen Äußerungen bekam Pfarrer Härtel einige Male Besuch von der Staatssicherheit. Auch wurde er zweimal von der Behörde zu klärenden “Gesprächen” vorgeladen. Ob der Superintendent für diesen mutigen Pfarrer ein Wort eingelegt hatte, ist nicht bekannt und nach dem allgemeinen Verhalten kirchlicher Vorgesetzter in politischen Engpässen mit dem Angstanstieg bis zum Hirn und der Schockwelle vor dem Verhör bis ins Knochenmark eher zu verneinen. Dennoch kann es als ein glücklicher Umstand verstanden werden, der sich zweimal ereignete, dass Pfarrer Härtel zweimal lebendig und mit einem blauen Auge ohne zusätzlichem Brillenhämatom von der Verhörsprozedur zurückgekehrt war. Er genoss hohes Ansehen in der Gemeinde und von den Bürgern der kleinen Stadt, die ihm seinen Einsatz für die Belange der Armen und Waisen und seinen Mut hoch anrechneten, den Zeigefinger ohne zu wackeln auf die ideologisch undichten Schwachstellen des runtergekommenen und abgewirtschafteten Systems zu drücken.

Von daher nimmt es nicht wunder, dass die Kirche bis auf den letzten Platz gefüllt ist, während die Glocken noch läuten, die bei den in Wintermänteln auf den Bänken Sitzenden die Erinnerung an den unerschrockenen Mahner, den paulinischen Prediger und Pfarrer der Armen und Waisen in die Erinnerung zurückläuten. Der Superintendent und andere Würdenträger mit und ohne hängende metallne Brustkreuze und ganz normale Pastore haben auf den ersten Bänken ihre Plätze eingenommen. Die Glocken schlagen zu Ende, und der Organist drückt die Finger ins Manual zum leisen Vorspiel mit den Dreiklängen in f-Moll, As-Dur und b-Moll. Dann dreht er einige fugale Kurven und die Fußrolle zur vollen Lautstärke auf, macht eine Gedankenpause und intoniert das erste Lied.

Superintendent Engelbrecht hält den Trauergottesdienst und spricht den Nachruf, in dem er Pfarrer Härtel in einer Art Zusammenfassung einen aufrechten Botschafter des Gotteswortes nennt, ohne auf die Einzelheiten einzugehen, die seine Aufrichtigkeit ausmachten. So bleiben die wiederholten Besuche der Staatssicherheit in der beengten Dachwohnung bei Pfarrer Härtel und die beiden Vorladungen und Verhöre im Haus des Ministeriums der Staatssicherheit unerwähnt, obwohl nach dem Untergang des Systems mit dem sozialistischen Stern die Redefreiheit ohne Strafverfolgung oder andere Nachteile fürs Leben praktiziert werden konnte. Im denkerischen Rückschlussverfahren liegt die Annahme deshalb unter der Gaußschen Glockenkurve der Wahrscheinlichkeit, dass zur Zeit der Besuche von und der Verhöre bei der Staatssicherheit der mutige Pfarrer Härtel als Einzelkämpfer seinem Schicksal überlassen war, das doch so oft ein böses Ende genommen hatte. Jedenfalls hatte sich der damals junge Superintendent da nicht in irgendeiner Form ‘eingemischt’ und sich für den Pfarrer in Not eingesetzt. Die Notsituation sollte begrenzt bleiben, so gut es unter den damals herrschenden politischen Umständen des plötzlich übergestülpten Sozialismus Marxscher Prägung möglich war. Der “rote Strick” sollte nicht noch um einen zweiten Hals gelegt werden.

Das war zur Blütezeit der deutschen Denunziation in den ersten Nachkriegsjahren, dass Pfarrer Klaus Härtel von zwei Herren der Staatssicherheit an einem späten Donnerstagabend in seiner engen Mansarde aufgesucht und in ein verhörartiges Gespräch gezogen wurde. Die Herren mit dem Händeschluss auf den ovalen Parteiabzeichen hielten sich namentlich anonym, als sie dem Pfarrer, der beruflich noch Jungpfarrer war, obwohl er an Jahren nach Stalingrad und sieben Jahren Arbeitslager im nordsibirischen Dudinka am Unterlauf des Jenissei so jung nicht mehr war, mtteilten, dass er in einer schwierigen Situation stecke. Die Herren veranstalteten eine Durchsuchung in der kleinen Dachwohnung, wobei sie buchstäblich alles auf den Kopf stellten, dass der Pfarrer es vorzog, die Nacht auf dem harten Stuhl am kleinen Tisch im kleinen Wohn- und Arbeitszimmer zu verbringen. Die Herren von der Staatssicherheit teilten am Ende ihres Besuchs dem Pfarrer mit, dass er sich am Sonntagmorgen zu einem klärenden “Gespräch” im Haus der Staatssicherheit in der Burgstraße 17 einzufinden habe.

Der seinerzeitige Superintendent köpfte sein Frühstücksei, wie die Haushilfe Dorothee in einem Vorgespräch, das ein Gespräch am Türspalt mit vorgehängter Kette war, mitteilte. Sie sagte, dass sich der Herr Superintendent beim Frühstück nicht stören lassen wolle, und schlug dem Pfarrer vor, nach einer halben Stunde noch einmal vorbeizukommen.

Bei dem Gespräch im Büro des Superintendenten am großen Schreibtisch mit der polierten und bis zur Leere aufgeräumten Mahagonischreibtischplatte ließ der kirchliche Vorgesetzte keinen Zweifel, dass er für seinen bedrängten Pfarrer nicht einen Finger krümmen oder anderswie bewegen würde. Das Argument der Obrigkeit war schlicht und ergreifend: Wer sich die Suppe eingebrockt hatte, sollte sie dann auch selbst auslöffeln. Der “Jungpfarrer” im Probejahr zum herabgesetzten Gehalt stieß auf taube Ohren, als er dem Superintendenten klarzumachen versuchte, dass es sich um ein Problem handle, das die Kirche in ihrer Aufgabe als Ganzes direkt betreffe und er deshalb die Unterstützung der Kirchenleitung brauche. Darauf antwortete der Superintendent: “Pfarrer Härtel, das ist nicht möglich. Es ist schließlich Ihr Problem, und Sie müssen das Problem selbst aussortieren. Das kann kein anderer für Sie tun. Das können Sie auch von keinem anderen verlangen.” Der Superintendent hatte sich vor dem Pfarrer in seiner Not gewissenlos und unverantwortlich gemacht. Er hatte diesem Pfarrer das Festmachen des Rettungsseiles am polierten Schreibtisch des Büros der örtlichen Kirchenleitung verwehrt und sich von der misslichen Lage abgeseilt. Er hat den um Hilfe bittenden Pfarrer wie eine heiße Kartoffel fallengelassen.