Maddrax 677 - Sascha Vennemann - E-Book

Maddrax 677 E-Book

Sascha Vennemann

0,0
1,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Es knistert und wetterleuchtet in den Wipfeln des Waldes in South Dakota, seit vor etwa zweihundertfünfzig Jahren ein unheimliches Phänomen ihn durchquerte. Damals stand er nach einer Flut unter Wasser, und die teils über zwanzig Meter hohen Bäume versteinerten binnen weniger Minuten. Eine unheimliche Energie scheint seitdem die Kronen zu durchwabern. Menschen der nahegelegenen Stadt Lemmon haben sich diese Quelle zunutze gemacht - nicht ahnend, welche Kräfte sie damit anlocken ...

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 146

Veröffentlichungsjahr: 2025

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhalt

Cover

Inhalt

Was bisher geschah...

Der versteinerte Wald

Kapitel 1: Der Blitz der Erkenntnis

Kapitel 2: Im Strom der Zeit

Kapitel 3: Widerstände

Kapitel 4: Ladung und Entladung

Kapitel 5: Es hat gefunkt

Kapitel 6: Die Spannung steigt

Kapitel 7: Kurzschluss

Leserseite

Vorschau

Hat Ihnen diese Ausgabe gefallen?

Impressum

Cover

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsbeginn

Impressum

Am 8. Februar 2012 trifft der Komet »Christopher-Floyd« die Erde. In der Folge verschiebt sich die Erdachse, und ein Leichentuch aus Staub legt sich für Jahrhunderte um den Planeten. Nach der Eiszeit bevölkern Mutationen die Länder und die Menschheit ist – bis auf die Bunkerbewohner – auf rätselhafte Weise degeneriert.

In dieses Szenario verschlägt es den Piloten Matthew Drax, dessen Fliegerstaffel beim Einschlag durch ein Zeitphänomen ins Jahr 2516 versetzt wird. Nach dem Absturz wird er von Barbaren gerettet, die ihn »Maddrax« nennen. Zusammen mit der telepathisch begabten Kriegerin Aruula findet er heraus, dass Außerirdische mit dem Kometen – dem Wandler, der sich als lebende, schlafende Entität entpuppt – zur Erde gelangten und schuld sind an der veränderten Flora und Fauna und der Verdummung der Menschen. Nach langen Kämpfen mit den Daa'muren erwacht der Wandler, weist sein Dienervolk in die Schranken und zieht weiter. Mit zwei Daa'muren, die auf der Erde zurückblieben – Grao und Ira – haben sich Matt und Aruula sogar angefreundet.

Bei einem Abstecher zum Mars, auf dem sich eine Expedition aus dem Jahr 2010 zu einer blühenden Zivilisation entwickelt hat, erfährt Matt von der Spezies der Hydree, die vor 3,5 Milliarden Jahren hier lebten und mittels eines Zeitstrahls zur jungfräulichen Erde umzogen, als ihr Planet seine Atmosphäre und Ozeane verlor. Mit ihren Nachkommen, den telepathisch begabten Hydriten, die von den Menschen unentdeckt am Meeresgrund leben, hatte Matt schon Kontakt und nennt einen von ihnen, Quart'ol, einen guten Freund.

Diese »Tunnelfeldanlage«, die wie ein Transporter funktioniert, in dem die Zeit unendlich gedehnt werden kann, ist bis heute in Betrieb und verursachte auch den Zeitsprung von Matts Flugstaffel um 504 Jahre, als die den Strahl querte. Dabei legt der Strahl einen Tachyonenmantel um lebende Zellen, der den Altersprozess fünfzig Jahre lang drastisch verlangsamt.

Seither ist viel Zeit vergangen – wir schreiben inzwischen das Jahr 2555 –, und all die Erlebnisse unserer Helden an dieser Stelle zu schildern, wäre unmöglich. Es gibt sogar eine Erdkolonie in einem fernen Ringplanetensystem, zu dem allerdings der Kontakt abgebrochen ist. Ihre Freunde Tom, Xi und deren Tochter Xaana (die eigentlich Matts Kind ist) leben dort auf dem Mond Novis.

Nicht nur einmal haben Matthew Drax und Aruula die Erde vor dem Verderben gerettet und mächtige Feinde bekämpft – zuletzt die vampirhaften Nosfera, die die WCA (World Council Agency, kurz: Weltrat) übernehmen wollten. Auf diese Organisation traf Matt schon früh. Momentan steht ihr General Aran Kormak vor, ein in der Vergangenheit eher zwielichtiger Charakter, der sich aber gewandelt und großes Interesse zu haben scheint, Meeraka (ehem. USA) und danach andere Länder friedlich zu einen.

Auch um Kormak weiterhin im Auge zu halten, geht Matt auf seinen Vorschlag ein, zusammen mit Aruula im Auftrag des Weltrats eine schnelle Eingreiftruppe zu bilden und für ein Bündnis unter dem Dach der WCA zu werben.

Dies sind ihre Abenteuer...

Weitere Informationen und Hintergründe zur Serie findet ihr unter https://de.maddraxikon.com im Internet!

Der versteinerte Wald

von Sascha Vennemann

Das Jahr 2305 – vor 250 Jahren

Der Schmerz kam schnell und überraschend. Jaremaj wollte zurückzucken, doch das Schwanken seines kleinen Fischerboots und das Gewicht, das plötzlich an seinem Arm hing – das dort zerrte und zappelte! –, hinderten ihn daran. Beinahe wäre er nach vorne gestolpert, über die Reling und hinein ins Wasser. Dorthin, wo das Verderben lauerte.

Gerade noch hatte Jaremaj darüber nachgedacht, ob er es wagen sollte, den Fisch ohne Kescher an Bord zu holen. Nach allem, was dem armen Korton in der vergangenen Woche passiert war ...

Aber dann hatte die Angelrute stark gezuckt, Jaremaj hatte die Schnur eingeholt und ganz automatisch zugegriffen, um seinen Fang ins Boot zu heben. So wie es auch Korton getan hatte, der jetzt beim Heiler lag, mit einer eitrigen Wunde an seinem Arm, der vielleicht sogar amputiert werden musste.

Der riesige Fisch, der seine Zähne in das weiche Fleisch oberhalb seines Handgelenks geschlagen hatte, zappelte kräftiger.

Jaremaj stöhnte auf, konnte nun aber langsam wieder einen klaren Gedanken fassen. Die Erinnerung an den erschreckenden Anblick des verletzten Freundes wirkte wie ein Schwall kaltes Wasser über seinen Kopf.

Geschickt mit den Beinen federnd, glich der Fischer die Krängung seines Bootes aus und ließ zeitgleich die Angelrute los, die er aus Gewohnheit immer noch in den Händen hielt. Dann ballte er seine rechte Hand zur Faust – und drosch diese so fest er konnte auf den Schädel des gewaltigen Fisches, dessen Raspelzähne weiter tiefe Furchen in seinen linken Unterarm schnitten. Das Maul des Biestes war inzwischen schon mit dunklem Blut beschmiert, das konnte Jaremaj im Licht der Öllaterne erkennen, das die Dämmerung rings um sein Boot nur in einem kleinen Umkreis erhellte.

Bis zum Sonnenaufgang über dem Shedhill Leek dauerte es noch gut eine Stunde. Eigentlich die perfekte Zeit, um einen guten Fang zu machen. Und ausgerechnet ich gerate an den Ketfisch, der Menschen angreift!

Jaremajs Schmerz verwandelte sich in Wut. Nach dem dritten Schlag – er hatte auf die Kiemen des Fisches gezielt – ließ der Ketfisch endlich von seinem Arm ab und platschte zurück in den See.

Erst jetzt erfasste der Fischer die wahren Ausmaße des Welses: Er war mindestens so lang, wie Jaremaj hoch war! Die zuckende Schwanzflosse, mit der er sich fortbewegte, schlug das Wasser schaumig.

Sofort begann die Spule an Jaremajs Angel zu sirren. Die dünne Schnur aus einem enorm stabilen Material, die er im General Stoor des nahen Städtchens Lemmon erworben hatte, schabte über die Reling und grub eine schmale Kerbe in das weiche Holz des Bootes.

Der Fischer ließ sich nach hinten fallen, griff nach der Angelrute und stemmte sich mit den Füßen gegen die Bootswand. Keinen Augenblick zu früh: Die ganze Schnur, die er vorher im Kampf mit seiner Beute Stück für Stück eingeholt hatte, wurde wieder abgerollt.

Mit unbändiger Kraft wollte der Ketfisch weiter fliehen, aber Jaremaj hielt dagegen. Dennoch konnte er nicht verhindern, dass das mächtige Tier das Boot hinter sich herzog.

Richtig in Fahrt kam der Kahn aber nicht. Vielleicht war es der einzige Vorteil des neuen Gewässers, das Jaremaj heute Nacht zum ersten Mal aufgesucht hatte, dass die Bäume hier dicht an dicht standen. Denn das Boot stellte sich quer und verkeilte sich zwischen zwei gewaltigen Stämmen, die aus dem Wasser ragten.

Jaremaj wagte es, sich ein wenig zu entspannen. Er wartete, bis der Zug auf der Angel nachließ, und steckte sie dann unter den beiden Querbalken fest, auf denen er sonst zum Rudern Platz nahm. So hatte er beide Hände frei, griff nach der an einem kleinen Galgen am Bug baumelnden Öllampe und besah sich die höllisch brennende Wunde genauer.

»Das wird sich auf jeden Fall entzünden«, murmelte er verdrossen. Ketfische lebten im Schlamm des Shedhill Leek, und dort unten sammelte sich alles mögliche Giftzeug an, das der Fluss hinein schwemmte. Gleich wenn er zurück im Dorf war, würde Jaremaj den Heiler aufsuchen.

Jetzt verband er den noch immer blutenden Biss erst einmal notdürftig, indem er den Stoffbeutel, in dem er die Trockenköder mitführte, in Streifen riss, zusammenknotete und den Unterarm damit umwickelte. Die Lampe hatte er auf einem der Sitzbalken abgestellt.

Der Druck auf die Angel hatte vollständig nachgelassen. Entweder hatte der Fisch erschöpft aufgegeben, oder er hatte sich losgerissen, ohne dass Jaremaj es bemerkt hatte.

Der Fischer richtete sich auf und versuchte, im diffusen Licht zwischen den Baumstämmen etwas zu erkennen. Es war ruhig geworden, seitdem der Ketfisch abgetaucht war. Ein leichter Wind ging und brachte die Blätter in den Baumkronen über ihm zum Rauschen. Leise schlugen die Wellen gegen das Boot, das immer wieder leicht gegen die beiden Stämme stieß, die seinen Weg blockierten.

Jaremaj fröstelte. Er wusste nicht, weshalb, aber plötzlich kam ihm der überflutete Wald unheimlich vor.

Noch vor zwei Tagen hatte es ihn gar nicht gegeben. Jaremaj hatte den Vormittag nach einer Nacht auf dem See verschlafen, als plötzlich die Erde gebebt hatte. Er war aus dem Bett gefallen, so heftig waren die Erdstöße gewesen. Und als die Fischer am Abend wieder hinausfuhren, bemerkten sie, dass der Wasserstand gesunken war.

Der Grund war einfach: Einer der alten Dämme war gebrochen und ein Teil des Leek war in eine angrenzende Senke geflossen, in der ein Jahrhunderte alter Wald stand. Innerhalb weniger Stunden war die Senke vollgelaufen, und nun standen die Bäume etwa brusthoch im Wasser, ragten die Spitzen von Büschen gerade noch so über die Oberfläche hinaus.

Das umspülte Gestrüpp war das ideale Versteck für alle möglichen Fische, und deswegen – und wegen der geringen Tiefe – hoffte Jaremaj, in diesem neuen Teil des Sees besonders einfach Beute machen zu können. Auf diese Idee war aber offenbar auch der verfluchte Ketfisch gekommen!

Apropos ... Jaremaj beugte sich vor und löste die Angel aus ihrer Verkeilung. Jederzeit auf den plötzlichen Zug vorbereitet, drehte er an der Kurbel, um die Schnur einzuholen. Aber – da war keinerlei Widerstand mehr.

Als kurz darauf das Ende aus dem Wasser glitt, war klar, dass sich der Ketfisch losgerissen hatte und entkommen war. Jaremaj war nicht sicher, ob er sich darüber freuen oder ärgern sollte. Seinen Kollegen das Biest zu präsentieren, hätte ihm sicher einiges an Bewunderung eingebracht. Andererseits: Wer wusste schon, wie eine erneute Begegnung mit dem Vieh ausgegangen wäre?

Nein, für heute hatte er genug. Er würde zurück auf den gewohnten See rudern und dort noch ein paar kleinere Bassees1 fangen, die er verkaufen oder selbst essen konnte. Irgendwie musste er ja auch den Heiler bezahlen, der sich seinen Arm ansehen sollte.

Jaremaj griff gerade gedankenverloren nach den Rudern, die in einer Halterung an der Reling festgemacht waren, als er aus den Augenwinkeln etwas Seltsames bemerkte.

Das Rauschen im Blätterdach des Waldes hatte zugenommen, aber er spürte nicht, dass der Wind aufgefrischt hätte. Außerdem schien es plötzlich heller zu werden.

Dann hörte er das Krachen und Knacken.

Zuerst war es nur ganz leise zu vernehmen, wie aus weiter Ferne. Aber dann kam es näher. Jaremaj ließ die Arme sinken und schaute in die Richtung der Geräusche.

Das Tosen nahm zu. Das Boot begann zu schaukeln. Wellen, erst kleiner, dann immer größer werdend, schwappten zwischen den Baumstämmen hin und her.

Und dann passiert es: Etwa einen halben Speerwurf entfernt prasselten Dinge aus dem Blätterdach herab und schlugen ins Wasser, dass es nur so spritzte.

Was ist das? Hagel? Oder irgendwelche Früchte, die der Baum abwirft?

Jaremaj kniff die Augen zusammen, versuchte Genaueres zu erkennen. Noch während er rätselte, brach etwas mit gewaltigem Knacken auseinander. Das Rauschen nahm ohrenbetäubende Ausmaße an – und dann krachte die gesamte gewaltige Krone des Baumes, von dem gerade Dinge herabgeregnet waren, zwischen den anderen Stämmen herab und schlug ins Wasser.

Dabei schienen sich die Äste und Blätter nicht zu bewegen. Die Baumkrone sah exakt so aus wie zuvor – nur war sie jetzt nicht mehr aus Holz und Laub.

Im Licht der Öllampe sah Jaremaj, was geschah. Die beiden Baumstämme vor ihm veränderten sich. Das feuchte Braungrün der Stämme wurde blitzschnell zu einem grauen Material, das von funkelnden Einschlüssen durchsetzt war.

Der Prozess erinnerte ihn an den Anblick einer kalten Fensterscheibe, die beschlug, wenn man gegen sie hauchte.

Das Holz knackte, als es sich verwandelte. Risse und Furchen bildeten sich, brachen sich in wilden Zacken Bahn. Aschgraue Äste prasselten auf Jaremajs Boot herab. Ungläubig griff er nach einem unterarmlangen Exemplar, das eine gewaltige Kerbe in die Reling geschlagen hatte.

Der Ast war schwer und fest – wie Stein!

Jaremaj wusste nicht, was hier passierte, schien selbst wie versteinert.

Der im Wasser stehenden Wald verwandelte sich, überall um ihn herum! Stämme wurden zu Stein. Baumriesen stürzten zur Seite und rissen anderen mit sich. Das Wasser schien zu kochen. Immer wieder krachten Teile von Baumkronen herab. Wenn sie aufeinander schlugen, klang es wie polterndes Geröll an einem Berghang.

Der junge Mann hörte das Rauschen über sich, spürte den Luftzug. Da war der Schatten eines gewaltigen Astes, der genau auf ihn zu rauschte.

Vergessen war der Schmerz in seinem Arm. Im letzten Moment warf sich Jaremaj herum und sprang aus dem Boot. Als er wieder auftauchte – die Hände schützend über den Kopf gehoben, mit den Füßen auf dem schlammigen Grund stehend – sah er gerade noch, wie die beiden Hälften seines Kahns vom Gewicht des Astes, der es durchschlagen hatte, in die Tiefe gedrückt wurden.

Die Öllampe tauchte ins Wasser und erlosch zischend. Nur die seltsamen Einschlüsse in den verwandelten Baumstämmen und die wogenden Wellen reflektierten noch das Sternenlicht, das von dort herunter schien, wo gerade noch dichtes Blattwerk den Blick auf den Himmel verwehrt hatte.

Noch immer wütete das Chaos im Wald, aber jetzt ein ganzes Stück weiter hinter Jaremaj. Der kannte nur noch einen Gedanken: Weg hier!

Und er begann zu schwimmen – durch einen versteinerten Wald, dessen Entstehung er sich nicht erklären konnte.

Kapitel 1: Der Blitz der Erkenntnis

Lemmon im ehemaligen US-Bundesstaat South Dakota, vor fünf Jahren

Es war kalt geworden.

Cisca Wireman schaute aus dem Fenster der Arbeitsbibliothek ihrer Familie auf die Hauptstraße, die durch Lemmon führte, solange es diese Siedlung gab.

Was schon verdammt lange war, überlegte sie. Schon vor der Kometenkatastrophe hatte es den kleinen Ort gegeben. Er hatte sich auch während der nachfolgenden Kältephase gehalten, während der das Sonnenlicht durch den aufgewirbelten Staub in der Atmosphäre verdeckt worden war. Und seine Bewohner hatten auch dann nicht aufgegeben, als sich die weltweite Zivilisation nach dem Niedergang langsam wieder aus der Asche erhob.

Wofür sie jetzt zwar schon einige Jahrhunderte Zeit gehabt hatte, aber noch immer nicht wieder richtig auf dem Damm war. Zumindest in Lemmon taten sie, was sie konnten, und Cisca war froh – und auf eine gewisse, unterschwellige Weise auch sein wenig stolz – darüber, dass ihre Familie einen wesentlichen Beitrag dazu leistete.

Cisca ließ ihren Blick über die Fassaden auf der gegenüberliegenden Straßenseite wandern. In mehreren Zimmern und Geschäften brannten elektrische Glühbirnen. Sie flackerten nur ganz leicht, wenn die Spannungsschwankungen nicht durch die Konstanthalter kompensiert werden konnten – ein Werk ihres Vaters, der sich um die Netzstabilität im Ort kümmerte.

Eine Errungenschaft, für die ihm Zank Frappa von der Werkstatt »Jeo's Garage« am Ortsausgang am liebsten ein Denkmal gebaut hätte. Obwohl es wahrscheinlich eher eine Skulptur aus rostigem Schrott geworden wäre, dachte Cisca amüsiert.

Was der Mechaniker da in seiner Freizeit zusammenschweißte und Kunst nannte, fand eigentlich nur er selbst hübsch. Was Zank nicht daran hinderte, seine Meisterwerke überall im Ort zu verteilen und sich darüber zu echauffieren, wenn sie ziemlich bald auf Nimmerwiedersehen verschwanden.

Zank war auf jeden Fall unfassbar dankbar dafür, dass er in seinem Wellblechschuppen, in dem er an Dampfmobilen, mit Ethanol betriebenen Biikes und herkömmlichen Automobilen herumschraubte, die auf irgendeine wundersame Weise die letzten Jahrhunderte der Postapokalypse überstanden hatten, endlich Licht hatte, dass ihm keine epileptischen Anfälle mehr bescherte.

Ja, die Bürgerinnen und Bürger von Lemmon waren den Wiremans dankbar. Ohne sie gäbe es keine wiederaufladbaren Großbatterien, wenn die dampfbetriebenen Turbinen gewartet werden mussten. Ohne sie gäbe es niemanden, der neue Kabel ziehen und Geräte anschließen konnte.

Seit Generationen war niemand mehr im Dorf erkrankt, weil er verdorbenes Fleisch oder vergammelten Fisch gegessen hatte: Die Kühltruhen bei »Doose's Drugstore« funktionierten zuverlässig. Nächtliche Überfälle gab es kaum; die Straßenbeleuchtung vertrieb nahezu jeden, der auf dumme Gedanken zu kommen drohte.

Die Wiremans – und Wirewomen!, dachte Cisca bei sich – waren, wie ihr Name schon sagte, »Männer und Frauen der Drähte«. Elektrykker hatte man wohl schon früher dazu gesagt, als vor rund einem halben Jahrtausend Ciscas Vorfahren in Lemmon gelebt und das Geschäft begründet hatte, das seit jeher in Familienhand geblieben war. Das Fachwissen wurde von Generation zu Generation weitergegeben. Töchter lernten von den Vätern, Söhne von den Müttern, und umgekehrt. Gleiches galt für die erweiterte Familie.

Mit ihrem speziellen Handwerk waren sie weit über Lemmon hinaus bekannt. Nicht, dass es hier in der Gegend allzu viele Siedlungen gab – geschweige denn solche, die sich mit dem »Teufelszeug Stroom« abgaben. So gesehen war Lemmon schon eine kleine Besonderheit, hier an der Grenze zwischen den ehemaligen US-Bundesstaaten North und South Dakota.

Ciscas Atem beschlug an der Scheibe, als sie weiter nach draußen sah. In der Ferne eilte Findas Wireman, ihr Onkel und der Bruder ihres Vaters Dreek, den Gehweg entlang auf das Haus zu. Cisca, ihr Vater Dreek und ihre Mutter Karmina lebten hier zusammen in einer Kombination aus Lagerhalle und Wohngebäude. Und Gramma Drea natürlich, Dreeks und Findas' Mutter, die heute noch in ihrem Zimmer im ersten Stock Lüsterklemmen aus Blechen zurechtbog oder Kabelstücke zusammenflickte.

Dreeks jüngerer Bruder Onkel Findas und seine Frau Froncy mit deren Sohn Kentin lebten in einem eigenen Haus, ein paar Blocks entfernt.

Cisca hörte, wie Findas durch den Eingang stürmte und die kleine Glocke, die dort befestigt war, vom Rückstoß der Tür so heftig geschlagen wurde, dass sie fast aus ihrer Verankerung riss. Sie schwang sich von der Werkbank, auf der sie gesessen hatte, herunter und eilte in den Verkaufsraum – wo bereits lautstark gestritten wurde. Das verbargen selbst die mit Fachbüchern und Aktenordnern beinahe überquellenden Regale der Arbeitsbibliothek, die sonst viele Geräusche aus dem Rest des Hauses dämpften, nicht vor ihr.

»Du warst das!« Onkel Findas' Halbglatze glänzte vor Schweißtröpfchen. »Du hast ihm davon erzählt, oder?« Mit verschränkten Armen stand er vor dem Verkaufstresen, hinter dem sich Ciscas Vater Dreek wie hinter einer Barrikade versteckte.