"Mama, ich bin schwul" - Riccardo Simonetti - E-Book

"Mama, ich bin schwul" E-Book

Riccardo Simonetti

0,0
9,99 €

Beschreibung

Riccardo Simonetti und seine Mutter Anna erzählen sehr persönlich von Riccardos Coming-out und davon, was es für die Eltern-Kind-Beziehung bedeutet, wenn das Kind von den Erwartungen der Eltern abweicht. Denn so freigeistig und bunt Riccardos Leben heute auch sein mag, so schwierig war es für ihn, sein konservatives Umfeld zu durchbrechen. Auch seine Mutter, die von einem streng katholischen Elternhaus geprägt wurde, musste einige Hürden überwinden, um voll und ganz zu ihrem Sohn stehen zu können. Entstanden ist ein sehr intimes Buch, das Einblick in die Perspektive des jeweils anderen gibt und zeigt, was Eltern und Kinder voneinander lernen können.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 355

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0


Sammlungen



Buch

Riccardo Simonetti und seine Mutter Anna erzählen sehr persönlich von Riccardos Coming-out und davon, was es für die Eltern-Kind-Beziehung bedeutet, wenn das Kind von den Erwartungen der Eltern abweicht. Denn so freigeistig und bunt Riccardos Leben heute auch sein mag, so schwierig war es für ihn, sein konservatives Umfeld zu durchbrechen. Auch seine Mutter, die von einem streng katholischen Elternhaus geprägt wurde, musste einige Hürden überwinden, um voll und ganz zu ihrem Sohn stehen zu können. Entstanden ist ein sehr intimes Buch, das Einblick in die Perspektive des*der jeweils anderen gibt und zeigt, was Eltern und Kinder voneinander lernen können.

Autor*innen

Riccardo Simonetti, geboren 1993 in Bad Reichenhall, ist Entertainer, Autor, beliebtes Fernsehgesicht und einer der am häufigsten abgedruckten männlichen Prominenten in Deutschland. Seine Bekanntheit nutzt er dazu, sich für die Themen einzusetzen, die ihm am Herzen liegen. So setzt er sich für Gleichberechtigung und Toleranz ein und kämpft gegen Ausgrenzung und Vorurteile. 2019 wurde Riccardo Simonetti vom renommierten Forbes Magazin zu den »30under30«, den 30 einflussreichsten Menschen unter 30, gewählt. Zudem ist er LGBTQ*-Sonderbotschafter des Europäischen Parlaments.

Anna Simonetti ist die Mutter von Entertainer Riccardo Simonetti, hält sich aber weitgehend im Hintergrund und tritt nur selten öffentlich in Erscheinung. Geboren in Italien lebt sie heute in Riccardos ehemaliger Heimat Bad Reichenhall. Gemeinsam mit ihrem Sohn reflektiert sie nun ihre Mutter-Sohn-Beziehung mit allen schönen und herausfordernden Momenten und teilt somit erstmals ihre ganz eigene Sicht auf die Beziehung zu ihrem mittlerweile berühmten Sohn.

Riccardo und Anna Simonetti

Was mein Coming-out für uns bedeutete

Ein Buch über das Anderssein

Text Anna Simonetti in Zusammenarbeit mit Lena Schindler

Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

Originalausgabe Oktober 2021

Copyright © 2021: Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umschlag: Uno Werbeagentur, München

Umschlagfoto: Max Menning

Fotos Umschlaginnenseiten: © privat

Redaktion: Lena Schindler

Satz und E-Book Produktion: Satzwerk Huber, Germering

KW ∙ IH/SZ

ISBN 978-3-641-27626-3V001

Besuchen Sie den Goldmann Verlag im Netz:

»Wir widmen dieses Buch allen Eltern, die ihre Kinder mehr lieben als die Meinung anderer.«

Riccardo und seine Mama Anna

Inhalt

Vorwort

Papa don’t preach

Als die Scham in mein Leben kam

Ein Mann fehlt im Haus

Morgen fange ich damit an, ein anderer zu sein

Wir können doch über alles reden!

Du kannst nicht ändern, wer du bist

Wie geht es dir eigentlich?

Wendepunkt

Eine gemeinsame Reise

Bekenntnisse einer Highschool-Dramaqueen

Mein Glitzer-Junge

Das wichtigste Coming-out ist das vor dir selbst

»Ich stehe zu dir«

Coming-out in drei Schritten

Hört euren Kindern zu!

Die Zukunft ist jetzt

Die Kunst, loszulassen

Zeigt euch!

Aneinander wachsen

Wo bleibt der Zusammenhalt?

Mama in Vollzeit

Wo stehen wir heute?

Was ich noch loswerden möchte

Worterklärungen

Riccardos goldene Liste

RICCARDO SIMONETTI

VORWORT

»Mama, ich bin schwul!« – gleich mal vorweg: Diesen Satz hat meine Mutter nie wirklich von mir persönlich zu hören bekommen, obwohl sie bei weitem meine wichtigste Bezugsperson ist. Wieso? Das ist kompliziert. Wobei, vielleicht ist es auch gar nicht so kompliziert, vielleicht dachte ich das nur?

Wir leben in einer Gesellschaft, die eigentlich genug Freiheit und Raum zur individuellen Entfaltung bieten würde. Die Gesetze sind weitestgehend so gestaltet, dass man zumindest in Deutschland keine Konsequenzen dafür erwarten muss, man selbst zu sein. Aber irgendwie will es dann doch nicht so richtig ohne Schubladendenken klappen – obwohl wir es mittlerweile besser wissen sollten. Ist es da nicht völlig natürlich, dass man sich selbst oft davor fürchtet, in der Kategorie »anders« zu landen? Kriegt man das nicht sogar so beigebracht? Vielleicht sogar von den eigenen Eltern?

Meine sexuelle Orientierung war in meinem Leben etwas, das zu Konflikten geführt hat und wodurch ich immer wieder in Schubladen gesteckt wurde, in denen ich mich gar nicht wohl fühlte. Deshalb möchte ich in diesem Buch darüber schreiben. Vor allem über die Zeit, die ich gebraucht habe, um es zu akzeptieren. Um michzu akzeptieren. Und darüber, was meine Mutter damit zu tun hat. Das heißt allerdings nicht, dass sich nur Menschen von diesem Buch angesprochen fühlen sollen, die genau dasselbe durchgemacht haben wie ich. Dieses Buch soll hoffentlich alle abholen und bestärken, deren Individualität sie in eine ähnliche Situation gebracht hat. Bei mir ist es mein Schwulsein, bei jemand anders vielleicht die Hautfarbe, die politische Meinung, die Religion, der Modegeschmack, das Gewicht, das Aussehen, die Gender-Identität oder etwas vollkommen anderes.

Egal, ob man es von zuhause so beigebracht bekommt oder erst irgendwann erlernt: Zu sich selbst zu stehen istmutig! Und wenn man sich mit Statistiken über Mobbing auseinandersetzt, dann bleibt es das erst einmal leider auch. Um das zu verstehen, muss man kein schwuler Mann sein, wie ich es bin. Es kann schon reichen, die einzige Person im Raum zu sein, die eine andere Haltung vertritt. Deshalb ist es vielleicht auch nicht verwunderlich, dass man auf dem Weg zu echter Zufriedenheit manchmal auch unangenehme Momente hinter sich bringen muss, um zu verstehen, warum ein Leben, losgelöst von der Meinung anderer, wirklich erstrebenswert ist. Auf diesem Weg zur Zufriedenheit wird man sich selbst oft in Frage stellen, sich sogar schämen, so zu sein, wie man ist. Wir denken, wir müssen einem bestimmten Ideal entsprechen, um geliebt zu werden. Wir werden uns ändern wollen – bis wir irgendwann merken, dass das nicht möglich ist. Und wir müssen lernen, uns anzunehmen, bis wir das, wofür wir uns ursprünglich einmal verstecken wollten, lieben lernen und stolz darauf sind. Dieses Buch soll nicht nur eine Geschichte über Selbst-Akzeptanz erzählen, es soll auch zeigen, wie man andere Menschen akzeptieren kann – aus Liebe.

Dieses Buch soll von der Beziehung zwischen meiner Mutter und mir erzählen. Von unserer gemeinsamen Reise bis hierher und wie wir uns gegenseitig wahrgenommen haben. Doch vorher würde ich gerne etwas über meine Beweggründe für diesen privaten Einblick sagen. Dafür ist doch so ein Vorwort auch da, oder? Um ein Bild zu schaffen, das die Leserinnen und Leser darauf einstimmen soll, wer man ist und wie man sich fühlt.

Mein Name ist Riccardo Simonetti. Ich bin zu dem Zeitpunkt, als ich diese Zeilen tippe, 27 Jahre alt und komme ursprünglich aus Bad Reichenhall. Momentan lebe ich in Berlin. Meine Eltern kommen aus Italien, und ich bin in einem Frauen-Haushalt aufgewachsen, zusammen mit meiner Mama und meiner Schwester. Ich verstehe mich selbst als Entertainer und stehe auf der Bühne und vor der Kamera, seitdem ich vier Jahre alt bin. Ich bin ein schwuler Mann, der auf dem Land aufgewachsen ist, und ich würde behaupten, viele können sich vorstellen, dass das nicht unbedingt einfach war. Daher ist es nicht gerade natürlich für mich, Entscheidungen zu treffen, die eventuell nicht von Beifall begleitet werden. Applaus ist ein Weggefährte, den ich – wie viele andere schwule Männer auch – seit meiner frühesten Kindheit immer an meiner Seite haben wollte, vielleicht gerade weil so wenig Unterstützung von außen signalisiert wurde. Applaus gibt Bestätigung, Applaus gibt das Gefühl, richtig zu sein und etwas gut zu machen. Wer jedoch immer da war, unabhängig vom Beifall anderer, und immer geblieben ist, das ist meine Mama. Wie wichtig ihre Unterstützung für mich war, durfte ich erst viel später herausfinden.

Über mein Leben schreibe ich, seitdem ich 16 Jahre alt bin, und so habe ich bereits zwei Bücher veröffentlicht. Das erste, Mein Recht zu funkeln, ist ein Buch, in dem ich, vor Selbstbewusstsein strotzend, über meine persönlichen Konflikte mit der Gesellschaft schreibe und Erfahrungen mit Mobbing öffentlich bespreche. Mein KinderbuchRaffi und sein pinkes Tutu soll Kindern und ihren Eltern beibringen, Toleranz zu leben und Anderssein nicht mehr als Schwäche wahrzunehmen.

Das alles klingt vermutlich sehr abgeklärt und ließ andere und vor allem mich selbst lange in dem Glauben, dass Selbstbewusstsein ein Zustand ist, den man erreicht und der dann unantastbar wird. Aber das stimmt nicht. Selbstbewusstsein kann sich binnen Sekunden verändern, und leider bleibt das auch so, selbst wenn man viele öffentliche Erfolge feiern darf. Durch das Feedback auf meine ersten beiden Bücher durfte ich sehr viel lernen. Über die Menschen, die unsere heutige Gesellschaft formen. Über diejenigen, die – wie ich – unter dieser Gesellschaft leiden und sich oft so fühlen, als gehörten sie nicht dazu. Und vor allem über mich selbst. Ich habe auch gelernt, dass Mädchen anders bewertet werden als Jungs und dass Intoleranz viele Gesichter hat.

Gerade bei meinem Kinderbuch konnte ich erleben, wie häufig Menschen es fast schon als bedrohlich empfunden haben, einem Kind beizubringen, dass gleichgeschlechtliche Liebe möglich ist – aus Angst, ihre Kinder könnten auch homosexuell werden. Vorsicht Spoiler: So läuft das mit der sexuellen Orientierung nicht! Denn ich bin beispielsweise in einer Welt aufgewachsen, in der es keinerlei schwule Identifikationsfiguren gab, und bin dennoch schwul geworden. Also funktioniert es auch umgekehrt nicht. Ich habe aber auch sehr viel über Dankbarkeit erfahren und noch einmal mehr zu schätzen gelernt, wie wertvoll mir das Verhältnis zu der wichtigsten Person in meinem Leben ist: meiner Mutter. Ein Verhältnis, das von außen oft beneidet wird, weil es so innig und vertrauensvoll wirkt. Das ist es auch tatsächlich, aber das kommt nicht von ungefähr.

Dieses Buch soll das Zustandekommen dieser besonderen Beziehung erklären, ganz einfach weil ich der Meinung bin, dass meine liebevolle Mama ein wunderbares Vorbild sein kann. Nicht weil sie in jeder Situation bedingungslos geliebt und perfekt reagiert hat, sondern weil sie dazugelernt hat – und das ist es, was letzten Endes einen wichtigen Unterschied macht. Das gilt nicht nur für Eltern homosexueller Kinder, sondern für alle, die sich ein besseres Miteinander wünschen. Der Gedanke hinter diesem Buch ist es, unsere Geschichte zu benutzen, um zu zeigen, dass Liebe immer kraftvoller ist als gesellschaftliche Normen. Und zwar nicht nur für Menschen, die in genau derselben Situation sind, wie wir es waren, sondern für alle, die sich manchmal eine*n Vermittler*in zwischen sich und ihren Eltern wünschen. Oder vielleicht sogar zwischen sich und der Gesellschaft? Es soll eine Brücke zwischen Eltern und ihren Kindern schlagen. Zwischen einer älteren und einer jüngeren Generation. Ich wünsche mir, dass sich »Kinder« beim Lesen dieses Buches von dem Bild lösen können, dass ihre Eltern perfekte Fabelwesen sind, und verstehen, dass diese auch nur die Kinder ihrer eigenen Eltern sind – und somit die Summe ihrer individuellen Erziehung und Erfahrungen.

Auf der anderen Seite hoffe ich sehr, dass die Eltern, die dieses Buch lesen, ein bisschen mehr verstehen können, was in ihren Kindern vorgeht, wenn sie sich anders fühlen und so weit weg von der Erwartung, die ihre Eltern oder auch die Gesellschaft vielleicht an sie haben. Und wer jetzt beim Lesen denkt, das alles würde ihn oder sie nicht betreffen, weil er oder sie nicht anders, sondern völlig normal ist, dem*der kann ich eines mit Sicherheit sagen: Wir alle kommen irgendwann im Leben an den Punkt, an dem wir aus dem Idealbild der Gesellschaft verschwinden. Spätestens, wenn wir älter werden und uns bewusst wird, wie oberflächlich die Welt mit Menschen umgeht, die eben nicht mehr diesem Ideal entsprechen. Dann sind wir dankbar, wenn wir mehr haben, auf das wir aufbauen können, als auf ein Selbstwertgefühl, das einzig und allein darauf basiert, wie andere uns bewerten. Jede*r profitiert von einer Umgebung, die das Individuum schätzt und diesem Raum zur Entfaltung gibt.

Ich selbst bin die Sorte schwuler Mann, dessen Sexualität schon für ihn gesprochen hat, bevor er es selbst in Worte fassen konnte. Und auch wenn mich das manchmal in Situationen geworfen hat, für die ich noch nicht bereit war – und davon werde ich in diesem Buch einige beschreiben –, so hat es mir geholfen, inzwischen kompromisslos ich selbst zu sein. Und dieser Prozess hat bis heute noch nicht aufgehört.

Für viele homosexuelle Männer spielt ihr Schwulsein keine grundlegende Rolle in ihrem Leben mehr, denn der schwule Mann ist ja in der Mitte der Gesellschaft angekommen, so heißt es. Doch gilt das wirklich für alle schwulen Männer oder nur für eine bestimmte Sorte? Eine, zu der ich nie gehört habe? Vermutlich müsste die These in Wahrheit lauten: Der schwule Mann ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen, wenn er dem heteronormativen Idealbild eines Mannes entspricht, einem Idealbild also, das die Heterosexualität als soziale Norm setzt. Alle anderen Männerbilder stellen die Toleranz der Gesellschaft leider immer noch genauso auf die Probe wie früher schon. Homophobie ist nach wie vor eine Volkskrankheit, die versteckter auftritt als vor einigen Jahren noch, was sie dadurch weniger offensichtlich, aber mindestens genauso folgenreich sein lässt. Menschen haben heute oft begriffen, dass es nicht ausschließlich Verständnis regnet, wenn sie öffentlich ihren Unmut gegenüber Menschen der LGBTQIA*-Community aussprechen, dennoch spielt Homophobie in den Leben vieler queerer Menschen eine Rolle. Sie ist immer noch da trotz Ehe für alle, trotz des ein oder anderen schwulen Politikers, trotz der ein oder anderen queeren Identifikationsfigur in den Medien. Und Homophobie verletzt. Tag für Tag. Wie schwerwiegend diese Verletzungen sind, wird uns oft erst später oder manchmal auch gar nicht bewusst. Stattdessen lernen wir, damit klarzukommen und ein Leben um unsere Verwundungen herumzubauen, das uns in Komfortzonen steckt und uns den Glauben vermittelt, alle würden so denken wie wir in unserer sicheren Blase. Aber wie sicher ist man wirklich? Oder besser: Wie frei ist man wirklich, wenn es nicht jede*r von uns ist?

Alle, die sich irgendwie anders fühlen, werden wissen, wovon ich spreche. Gerade weil diese täglichen Diskriminierungen allgegenwärtig sind, ist es so wichtig, früh vermittelt zu bekommen, dass man keine Angst davor haben sollte, sein wahres Ich auszuleben. Ob das – wie in meinem Fall – heißt, schwul zu sein und ein anderes Männerbild zu verkörpern, oder eben eine andere Facette von Anderssein bedeutet, spielt keine Rolle. Eines ist gewiss: Egal, wie groß die Anstrengung auch sein mag, es wird keinem Elternteil gelingen, sein Kind komplett vor diesen Erfahrungen zu schützen. Zu wissen, dass seine Eltern einem beistehen und man sein Leid mit ihnen teilen kann, ist am Ende jedoch wertvoller und heilsamer als der Schaden, den diese Situationen anrichten.

Ich weiß nicht, ob es meiner Mutter und mir gelingen wird, durch das Erzählen unserer Geschichte die Gesellschaft so zu verändern, dass Homophobie signifikant weniger wird. Das ist vermutlich ein sehr ambitionierter Wunsch. Aber ich hoffe sehr, dass viele Menschen durch dieses Buch auf diese – mal kleineren, mal größeren – Verletzungen aufmerksam gemacht werden, und ich bin sehr froh, dass meine Mama sich entschlossen hat, diesen Weg mit mir zusammen zu gehen.

»Ich habe zwei Kinder, die ich bedingungslos liebe, beide gleich stark: Alessia und Riccardo. In diesem Buch soll es um die Beziehung zu meinem Sohn gehen, da sie mich auf besondere Weise herausgefordert hat …«

Anna Simonetti

ANNA SIMONETTI

PAPA DON’T PREACH

Wir brüllten uns die Seele aus dem Leib, doch sie reagierte nicht. Meine große Schwester Italia und ich standen am geöffneten Fenster des flachen, weiß verputzten 50er-Jahre-Bungalows, in dem wir mit unseren Eltern zur Miete wohnten. Ich war 13 Jahre alt, meine Schwester 14. Stickige Sommerluft drang zu uns hinein, die Stimmen der Kinder, die draußen Verstecken spielten. Wir riefen nach Esmeralda, der Jüngsten von uns, immer lauter, immer dringlicher. Von unserem Beobachtungsposten aus konnten wir sie gut sehen. Sie schien gar nicht zu realisieren, in welcher Gefahr sie schwebte. Und in welche Schwierigkeiten sie uns alle bringen würde. Seelenruhig stand sie da an der Hausecke und tat, was uns doch strengstens verboten war: Sie redete mit einem Jungen! Sie lachten miteinander, hielten sich an den Händen. Etwas, das in den Augen unseres Vaters einer Todsünde gleichkam, einem Verrat an allem, was er uns predigte, vor allem aber: an ihm persönlich. Mir schlug das Herz bis zum Hals. Bald würde er von seiner Schicht nach Hause kommen. Was würde passieren, wenn er seine Tochter dabei erwischte, wie sie ihn hinterging? Sein Zorn würde nicht nur sie treffen, sondern auch uns. Schließlich hätten wir Großen doch ein Auge auf sie haben müssen. Aber Esmeralda hatte als junges Mädchen schon etwas, um das ich sie in meinem tiefsten Inneren so sehr beneidete wie um nichts anderes auf der Welt: den Mut, Risiken in Kauf zu nehmen, wenn sie sich in ihren Augen lohnten. Eine Lebendigkeit, die größer war als die Furcht vor Konsequenzen. Sie war die kleine Rebellin in unserer Familie. Damals, mit zwölf, hatte sie ihren ersten Freund. »Esmi«, wie wir sie bis heute nennen, hat sich immer so viel mehr getraut als ich. Obwohl ich ein Jahr älter bin als sie, war ich total unterwürfig. Ich hatte keinen Mut und auch nicht das Selbstbewusstsein, gegen meine dominanten Eltern anzukommen.

Italia und ich haben in diesen Situationen gezittert und gebetet, dass sie bloß rechtzeitig heimkommt, wir haben uns ihretwegen völlig fertiggemacht – während sie die Momente des ersten Verliebtseins auskostete bis zur letzten Sekunde. Als unser Vater wie immer in seinem weinroten 850er Fiat Coupé die Auffahrt zwischen den einstöckigen Reihenhäusern heraufgedonnert kam, versuchten wir, sie durch hektisches Winken darauf aufmerksam zu machen, wie kurz davor sie war, von ihm erwischt zu werden. Dabei musste sie ihn doch sowieso gehört haben! Aber erst als er schon den Wagen geparkt und auf dem Weg zur Haustür war, setzte sie sich in Bewegung. Wir haben Blut und Wasser geschwitzt, aber am Ende hat sie es rechtzeitig geschafft. Dieses Mal. Auch die Male davor. Und danach. Aber daran, dass ich ständig das Gefühl hatte, auf der Hut sein zu müssen, um nicht bestraft zu werden, änderte das nichts. Diese Mischung aus Schuldgefühlen und Furcht hatte sich eingebrannt, sie war ein Teil von mir geworden, den ich doch so gern abgeschüttelt hätte.

Mein Vater Pietro kam im Jahr 1968 als Gastarbeiter nach Bischofswiesen. Mit dem Wirtschaftswunder wurden in Deutschland seit den 50ern immer mehr Arbeitskräfte gebraucht. Als dann mit dem Mauerbau der Zustrom von ostdeutschen Arbeiter*innen endete, warb man verstärkt um Arbeitskräfte aus dem Ausland. Seine Brüder waren dem Ruf längst gefolgt und nach Deutschland gegangen. Sie arbeiteten für eine Baufirma und überredeten ihn schließlich, ebenfalls diesen Schritt zu wagen. Wie so viele andere zu der Zeit hofften auch meine Eltern, in der boomenden Wirtschaft des Nachbarlandes genug Geld zusammenzusparen, um irgendwann wieder in ihre Heimat zurückzukehren und sich dort ein schönes Haus kaufen zu können. Ein Jahr später hat mein Vater uns nachgeholt. Der Ort am südlichsten Zipfel Bayerns, nicht weit von der Grenze zu Österreich, zwischen schneebedeckten Gipfeln und Kuhwiesen, wurde unser neues Zuhause. Als wir in eine jener Holzbaracken zogen, die ursprünglich nach dem Krieg für die vertriebenen Sudetendeutschen errichtet wurden und die noch mit primitiven Holzöfen beheizt wurden, war ich sechs Jahre alt. Für die ersten zwei Jahre in Deutschland sollte sie unser Heim sein.

An meine ersten Lebensjahre in Italien erinnere ich mich kaum. Aus Erzählungen weiß ich aber, dass nie genug Geld da war, wir in armen Verhältnissen lebten. Meine Mutter Francesca arbeitete als Saisonarbeiterin auf dem Acker, sie pflanzte Tomaten an und half bei der Ernte. Mein Vater hatte einen kleinen Herrenfriseur-Salon, doch der brachte nicht viel ein. Später fuhren wir von Deutschland aus oft in den Ferien zurück in unser Heimatstädtchen Battipaglia in Kampanien, siebzig Kilometer von Neapel entfernt. Dort war es genauso, wie es dem Weltbild meines Vaters entsprach und wie er es sich auch in dem neuen Land für unsere Familie wünschte. Die Rollen waren klar verteilt. Frauen und Mädchen blieben daheim, machten den Haushalt und zogen die Kinder groß, die Männer konnten richtige Machos sein, ohne dass sich jemand aufregte oder ihr Verhalten in Frage stellte. Sie durften tun und lassen, was sie wollten – und haben das auch als ihr Recht betrachtet. So war es damals, und genauso war auch mein Vater. Ich glaube, in der neuen Heimat hielt er umso verzweifelter an diesen Bildern fest, die ihm Orientierung gaben und das Gefühl, richtig zu sein, dort, wo alles anders war.

In den ersten Jahren in Bischofswiesen arbeitete er auf dem Bau, meine Mutter in einer Strumpffabrik. Meine Eltern waren streng katholisch. Sie gingen zwar nicht dauernd zur Messe, aber wir Kinder sangen im Kirchenchor. Gott war immer irgendwie anwesend in unserer Familie, wir wurden so erzogen, wie es die Bibel vorgibt – auch wenn mein Vater sie für sich persönlich auslegte, wie es ihm gefiel. Er war ein echter Casanova und hatte immer wieder Affären, was ich aber erst viel später herausfand. Er war nicht besonders groß, aber attraktiv und konnte sehr charmant sein, wenn er wollte. Da er nur sich selbst erlaubte, abends auszugehen, war er auch der Einzige von uns mit modischer Kleidung im Schrank. Auf einem Foto aus dieser Zeit, mit Schlaghose, Samtblazer und Zigarette im Mundwinkel, sieht er aus wie ein italienischer James Dean.

Als meine Eltern in dieses fremde, offenere Land kamen, war es ihnen umso wichtiger, uns nach ihren konservativen Idealen zu erziehen, nach den Regeln, die in Süditalien galten. Vielleicht waren sie sogar noch strenger, als sie es zuhause gewesen wären. Das freiere Leben, das hier gelebt wurde, sahen sie als Gefahr für uns, vor der sie uns zu bewahren versuchten. Und manchmal denke ich heute, wahrscheinlich fürchtete mein Vater vor allem die Männer, die ihm ähnlich waren, denn er war hinter jeder Frau her. Mit Jungs spielen durften wir jedenfalls nie. Draußen sah ich sie in unserer Wohnsiedlung herumlaufen und wäre so wahnsinnig gern dabei gewesen. Ich war ein großer Fan von Fußball und Winnetou und hätte nichts lieber getan, als beim Toreschießen und den »Cowboy-und-Indianer«-Spielen mitzumachen. Aber wir durften uns nur mit Mädchen abgeben, und das auch nur in unmittelbarer Nähe des Hauses, damit uns unsere Eltern immer sehen und kontrollieren konnten. Bis ich auszog, erlaubten sie mir auch kein einziges Mal, woanders zu übernachten als daheim, nicht mal bei einer Freundin.

So streng jeder Schritt kontrolliert wurde, den wir außerhalb unserer Wohnung taten, so wenige Regeln gab es innerhalb unserer eigenen vier Wände. Wir konnten die Bude auf den Kopf stellen, Hauptsache, wir waren zuhause und in Sicherheit. Wenn wir in der Küche herumexperimentierten und am Ende alles im Abfalleimer landete, wurden wir nie dafür geschimpft. Wir hätten am Tisch sogar als Kinder schon Wein trinken dürfen, wenn wir gewollt hätten, nur mochten wir den natürlich gar nicht. Als Teenager konnten wir so lange aufbleiben, wie wir wollten. Daheim hatten wir lange nicht so strenge Regeln wie unsere Freund*innen, die auch zu festen Zeiten ins Bett gingen. Aber schwierig wurde es eben immer dann, wenn es um Kontakte zu Jungs ging, das konnte er nicht ertragen. Wovor hatte er so panische Angst? Das begriffen wir als Kinder und Jugendliche natürlich nicht. Wir wussten nur, dass es etwas Verbotenes war, das uns schaden oder in Gefahr bringen konnte. Aber wirklich hinterfragt haben wir es nicht. Was mein Vater sagte, war Gesetz. Dass es etwas mit Sexualität zu tun haben könnte, auf die Idee wären wir nie gekommen. Dieses Thema fand bei uns in der Familie nicht statt, nie. Da mir immer signalisiert wurde, der Umgang mit dem männlichen Geschlecht sei verwerflich, wurde ich sehr verkrampft in der Gegenwart von Jungs. Bei den seltenen Gelegenheiten, bei denen ich mit ihnen in Kontakt kam, hatte ich keine Ahnung, wie ich mich ihnen gegenüber verhalten sollte. Ganz verhindern konnten meine Eltern diese Begegnungen allerdings nicht. Sie arbeiteten viel, und wir waren am Nachmittag oft auf uns gestellt. Nachdem die Strumpffabrik geschlossen wurde, machte ein Reha-Zentrum in der Nähe auf, wo dann beide in der Küche arbeiteten. Sie hatten verschiedene Schichten, manchmal kamen sie mittags heim, mussten aber dann am frühen Abend nochmal zwei Stunden arbeiten. Wir waren viel alleine. Natürlich gingen wir dann raus, wir brauchten ja nur vor die Haustür zu treten, und die Nachbarjungs kamen zum Spielen. Aber es fühlte sich nie richtig an, denn es schwang immer das Gefühl mit, dass es Strafen nach sich ziehen könnte. Und wenn wir das Auto von meinem Vater kommen hörten, dann sind wir gerannt.

Trotzdem habe ich meine Eltern geliebt. Obwohl er so streng war, hatte ich zu meinem Vater als Kind sogar ein innigeres Verhältnis als zu meiner Mutter. Vielleicht rührte auch daher meine permanente Sorge, irgendetwas falsch zu machen. Ich wollte doch keine Enttäuschung für ihn sein. Wenn er mit mir schimpfte oder mir Ohrfeigen gab, dann suchte ich die Schuld immer bei mir. Auch wenn ich mich nicht daran erinnern kann, dass es je ausgesprochen wurde, haben wir auf eine Weise dennoch gespürt, dass uns unsere Eltern auch geliebt haben. Wir hatten das Gefühl, sie passen immer gut auf uns auf, eher sogar zu gut, sie waren fast überfürsorglich. Dass mit uns gekuschelt wurde, so wie ich es später mit meinen Kindern gemacht habe und bis heute tue, das gab es aber zumindest in der Zeit, an die ich mich erinnern kann, nicht. Auch anvertraut hätten wir uns ihnen nicht. Auf den Gedanken, mit dem, was mich beschäftigte, zu meinen Eltern zu gehen, wäre ich nie gekommen.

Wenn ich später einmal selbst Kinder habe, dann werde ich das auf jeden Fall anders machen! Das habe ich mir immer geschworen. Sie sollen ehrlich sein können und ohne Angst und Geheimnisse aufwachsen, mir alles erzählen dürfen. Ich selbst hatte nie das Gefühl, wirklich wahrgenommen zu werden, so wie ich war, mich frei entfalten zu können. Das wollte ich meinen eigenen Kindern um jeden Preis ermöglichen. Ich nahm mir vor, alles zu tun, damit sie sich ihre Wünsche und Träume erfüllen können: Ich würde sie immer unterstützen, sie bedingungslos annehmen, egal, was in der Wundertüte steckt, die man bekommt. Ich hatte mir das so leicht vorgestellt, so vollkommen selbstverständlich. Doch wie sehr ich dabei gegen meine eigene Prägung und die Erfahrungen, die ich als Kind gemacht habe, würde ankämpfen müssen, habe ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht ahnen können.

ENDLICH EIN FREIES LEBEN?

Als ich dem zukünftigen Vater meiner Kinder zum ersten Mal begegnete, dachte ich: Dieser Mann ist genau das Gegenteil von meinem Vater! Er war größer und kräftiger, aber es war nicht nur seine Statur: Italo war angenehm zurückhaltend, kein Macho-Gehabe, ein netter Kerl, der mich vom ersten Moment an anhimmelte. Damals machte ich meine Ausbildung zur Einzelhandelskauffrau in einem Schuhgeschäft in Bad Reichenhall, der nächsten größeren Stadt in unserer Umgebung. Italos Familie, die Simonettis, waren schon 1956 nach Deutschland gekommen und führen seitdem eine Eisdiele im Zentrum, in der ich oft meine Mittagspause verbrachte. Ich fing an, dort immer mal in den Ferien auszuhelfen, und nachdem ich meine Ausbildung abgeschlossen hatte, fragten sie mich, ob ich nicht ganz dort anfangen wollte. Ich sagte Ja. Der Umgang mit den Italiener*innen gefiel mir, ich fühlte mich wohl – und ich war verliebt. Italo, einer ihrer beiden Söhne, war mit 18 dann mein erster offizieller Freund. Dadurch, dass er Italiener war, hatte er bei meinem Vater halbwegs gute Karten, stellte sich bei ihm vor und fragte, ob er mit mir zusammen sein dürfte. Das gefiel Pietro, schließlich betrachtete mich mein Vater als seinen Besitz, über den er verfügen konnte, wie es ihm passte. Dass ich oft bis spät gearbeitet habe und erst um Mitternacht heimkam, gefiel meinen Eltern allerdings gar nicht, sie konnten kein Auge zumachen, bis ich wieder sicher zurück war. »So geht es nicht weiter«, haben sie irgendwann gesagt: »Entweder du heiratest, oder du hörst in der Eisdiele auf!« Eine Wahl hatte ich nicht. Ohne meine Zustimmung zur Heirat hätte ich mein Leben nicht leben können.

Italo habe ich wirklich gerngehabt, sonst wäre ich den Schritt nicht gegangen, aber mir wäre es lieber gewesen, wir hätten zusammenziehen können, ohne zu heiraten. Im Januar, als die Eisdiele geschlossen war, haben wir in Süditalien gefeiert, in einem schönen Lokal in Agropoli mit Blick aufs Meer. Es war eine tolle Hochzeit. Nur meine freie Entscheidung war es eben nicht. Den Traum, Kinder zu haben, hatte ich immer, aber ich wollte einfach nicht verheiratet sein, mich nicht einzwängen und mir vorschreiben lassen, wie ich zu leben habe.

Trotzdem dachte ich, dass ich den Sprung geschafft hätte, als ich von zuhause auszog. In Wahrheit tauschte ich aber nur eine Abhängigkeit gegen eine andere. Dass ich wieder nicht selbstbestimmt würde leben können, das habe ich anfangs gar nicht gesehen. Doch ich kam in die nächste Familie, wurde auch dort bevormundet, und es war nichts als arbeiten angesagt. Wir waren das erste Eiscafé, das es in der Stadt gab, es war meistens voll – und zwischen dem Servieren von Cappuccino, Erdbeer-Bechern und Eisschokolade war kein Raum für eigene Bedürfnisse. Es ging eigentlich nur ums Funktionieren. Mein Schwiegervater war ähnlich bestimmend wie mein Vater. Da die Familie noch ein Haus in Italien besaß, hatte sie über der Eisdiele nur eine zweckmäßige Wohnung, die hauptsächlich aus einem Haufen Schlafzimmern bestand, auch das Personal wohnte dort. Es gab kaum Privatsphäre, wie ein Zuhause hat es sich dort nie angefühlt. Ich habe mir so sehr etwas Eigenes für mich und Italo gewünscht, doch als ich sogar mal ein kleines Apartment für uns gefunden hatte, machte mir mein Schwiegervater gleich einen Strich durch die Rechnung: »Hier ist genug Platz für uns alle. Das sind ja nur Kosten für nichts. Wofür brauchst du deine eigene Wohnung?« Da wurde mir zum ersten Mal wirklich bewusst, dass mein neues Leben auch an Konditionen gebunden war. Diese Erkenntnis war sehr bitter. Es war kaum anders als daheim. Mit festen Regeln. Das hat mir oft den Hals zugeschnürt. Ich wollte immer eigenständig sein, aber ich durfte es nie. Als Kind nicht, als Jugendliche nicht, als Ehefrau nicht. Dass ich nie tun und lassen konnte, was ich wollte, hat mich in meinem Leben lange verfolgt. Und als Italo und ich irgendwann doch ausziehen durften, schafften wir es gerade mal in die Wohnung eine Etage tiefer. Freiheit sah anders aus. Doch selbst als wir unser eigenes Reich hatten, änderte es nichts an dem Gefühl, eingesperrt zu sein. Wenn ich mich mal mit einer Freundin zum Kaffee treffen wollte, musste ich es Tage vorher anmelden, über alles Rechenschaft ablegen. Ich habe alles teilen müssen, Arbeits- und Privatleben, meine Tage, meine Abende, es spielte sich immer alles mit allen ab. Auch mein Mann war gefangen in diesem engen Gefüge. Daraus auszubrechen ist ihm nie gelungen, bis heute nicht.

Nach Kindern habe ich mich immer sehr gesehnt. Als ich mit 21 Jahren meine Tochter bekam, war das Glück überwältigend. Alessia war so ein süßes kleines Mädchen, und ich eine wahnsinnig stolze Mama! Aber ich war auch sehr jung und ein bisschen überfordert. Oft hat sie so geweint, dass ich mitweinen musste. Und ich wusste gar nicht, wie ich das alles stemmen sollte. Denn es war klar, dass ich in der Eisdiele auch mit einem Neugeborenen nicht würde aussetzen können. Doch Alessia erwies sich als unkompliziert, sie war mit sich und der Welt zufrieden. Als sie etwas älter war, konnte man sie einfach zum Spielen aufs Gras setzen, und sie hat sich stundenlang mit ihren Plüsch- und Plastiktieren beschäftigt, die sie so liebte. Diese Szene beschreibt für mich bis heute ihr Wesen. Sie war ein unglaublich genügsames Kind. Zu der Zeit habe ich es gar nicht als das Geschenk begriffen, das es war, denn ich dachte: Kleine Kinder sind eben so. Heute weiß ich, wie falsch ich damit lag.

Nach vier Jahren war ich erneut schwanger. Bis zum vierten Monat war alles in Ordnung. Doch bei einer der Kontrolluntersuchungen wurde der Arzt auf einmal ganz ernst – und sagte: »Da stimmt etwas nicht.« Der Ultraschall ergab, dass der Fötus in den Gebärmutterhals gerutscht war und dort weiterwuchs. So etwas hatte er noch nie gesehen. Er erklärte mir, dass es zu lebensbedrohlichen Komplikationen kommen könnte und die Schwangerschaft operativ entfernt werden müsse. Mit dem Krankenwagen wurde ich direkt nach Salzburg in die Uni-Klinik gebracht, wo ich noch am Wochenende notoperiert wurde. Ob es ein Junge oder ein Mädchen gewesen wäre, erfuhr ich nicht. Und fragte auch nie danach. Vielleicht wollte ich den Gedanken, dass ich ein Kind verloren hatte, gar nicht so nah an mich heranlassen. Mir war klar, dass es keine Überlebenschance hatte, es keine Möglichkeit gab, es auszutragen. Für mich war der Verlust weniger schmerzhaft, wenn ich nüchtern-medizinisch darauf blickte und mir bewusst machte, wie gefährlich es für mich hätte werden können. Die Operation verlief gut, und ich verließ die Klinik mit der Hoffnung, dass eines Tages doch nochmal ein Kind in meinem Bauch wachsen würde. Wie berechtigt diese Hoffnung war, konnte mir allerdings niemand sagen, denn vergleichbare Fälle kannte man damals nicht.

VON ELTERNTRÄUMEN UND WUNSCHKINDERN

Vielleicht weil ich so sehr darauf wartete und aufmerksam in meinen Körper hineinhorchte, wusste ich, dass ich wieder schwanger war, ohne dass es eindeutige Anzeichen gegeben hätte. Zwei Jahre waren seit meiner Fehlgeburt vergangen. Da ich als Risikoschwangere galt, ging ich sehr regelmäßig zu den Vorsorgeuntersuchungen. Schon in der zwölften Woche wusste ich daher, dass es ein Junge wird. Ich habe es niemandem erzählt und mein Glück für mich behalten – die komplette Schwangerschaft lang! In all den Monaten habe ich es nicht einmal meinem Mann verraten. Auch nicht meinen Schwestern, mit denen ich sonst alles teilte. Diese immense Freude wollte ich ganz alleine genießen, endlich mal etwas nur für mich behalten. Ein Mädchen hatte ich ja schon, und jetzt noch ein Junge! Ich war so glücklich, dass ich das enge Korsett meines Lebens, in dem ich jeden Morgen erwachte, in diesen Wochen kaum noch spürte. Mein Traum sollte in Erfüllung gehen: ein kleiner Fußballer, Rennfahrer, Motorradfahrer, etwas ganz Besonderes! So stellte ich ihn mir vor. Ich trug ihn im Herzen und unter dem Herzen, so ganz für mich alleine und nach meinen Vorstellungen. Noch bevor er geboren wurde, war da ein starkes Band zwischen uns. Und ich war schon verliebt, als er noch in meinem Bauch war. Diese intensive Liebe für meinen Jungen beflügelte mich während der gesamten Schwangerschaft, und ich war mir sicher, dass er sie spüren musste.

Riccardo kam per Kaiserschnitt zur Welt. Von dem Moment an, als sie ihn mir in den Arm gaben, war ich so voller Glück, dass ich nur noch lächeln konnte. Die ganze Zeit hatte ich ihn bei mir im Zimmer, musste ihn immerzu ansehen, wie er so dalag in seinem türkisfarbenen Frottee-Strampler. Ich weiß noch, wie gern er sich mit dem Kopf in meiner Armbeuge verkrochen hat, da fühlte er sich am wohlsten. Rick, wie ich ihn oft nenne, war immer zufrieden, es war vom ersten Moment an so wunderbar entspannt mit uns beiden. Mein kleiner Prinz! Er war so süß und so hübsch, dass ich ihn am liebsten aufgegessen hätte. Vor lauter Liebe habe ich ihn oft gebissen, nur ganz leicht, dass es nicht weh tat. Und er hat mich auch von Anfang an gleich so geliebt, das war sofort da. Wenn er schlief, dann habe ich ihn geküsst und an mich gedrückt, dass er davon wach wurde. Bis heute sage ich ihm mindestens einmal am Tag, wie lieb ich ihn habe.

Auch zwischen Alessia und mir waren sofort ein starkes Band und eine innige, tiefe Liebe da. Dass aber die Bedürfnisse meiner Kinder von Anfang an so unterschiedlich waren, darüber habe ich mich oft gewundert. Und damit änderte sich auch die Art und Weise, wie ich mit den beiden umging. Selbst als Baby hat Alessia nie so viel Nähe eingefordert wie Riccardo, sie lag zufrieden im Kinderwagen. Sie war nicht so fixiert auf mich, lange nicht so anhänglich. Es ist schwer zu beschreiben, aber es war, als wäre sie sich meiner Liebe vom ersten Augenblick an bewusst gewesen. Weil sie keine großen Verlustängste zu spüren schien, fiel es ihr nie schwer, mich auch mal loszulassen. Es wirkte, als würde sie ein tiefes Vertrauen in sich tragen, dass ich immer für sie da sein würde. Auch als Riccardo zur Welt kam, zeigte sie keine Eifersucht, obwohl sie ja sieben Jahre lang ein Einzelkind gewesen war, das ich nach allen Regeln der Kunst verwöhnt hatte. Auch sie war ja ein absolutes Wunschkind. Als ihr kleiner Bruder da war, schien das keine große Sache für sie zu sein, es war eher so, als richtete sie sich in der Rolle einer zweiten Mama ein, tadelte ihn, wenn er später am Tisch nicht gerade saß. Sie hat mich nie so in Anspruch genommen wie er, und ich habe mich dadurch manchmal ein wenig zurückgenommen, wollte sie vielleicht auch nicht erdrücken mit meiner Liebe. Darum freue ich mich heute umso mehr, wenn sie mir sagt, dass sie mich vermisst, oder mal fest in den Arm genommen werden möchte.

Warum ich mir so sehr einen Jungen wünschte? Vielleicht weil er für mich das Leben verkörperte, das ich selbst so gern geführt hätte – und nie führen durfte. Mein Vater hatte mir vorgelebt, dass für Männer ganz andere Regeln galten als für Frauen, dass sie so viel freier waren, einfach sie selbst sein konnten. Es war immer mein Traum, einen Sohn zu haben. Schon bevor er überhaupt geboren war, sah ich ihn vor mir: den Jungen mit dunklen Locken, der Fußball spielt. So habe ich ihn mir ausgemalt und all meine verlorenen Träume in ihn hineinprojiziert.

Kurz nach der Geburt stand ich wieder in der Eisdiele. Etwas wie Wochenbett gab es bei uns nicht. Wenn jemand ein Eis wollte, dann bedientest du, egal, ob du gerade ein Kind zur Welt gebracht hattest oder nicht. Im Familienbetrieb hatten alle ihre festen Aufgaben, eine*n von uns zu ersetzen hätte doppelt Personal gekostet, weil wir immer den ganzen Tag da waren. Die Schichten waren lang, manchmal arbeiteten wir 15 oder 16 Stunden am Stück.

Doch Riccardo wollte immer nur bei mir sein, schon als Baby – und ich bei ihm. Ich habe ihn fast immer getragen, es war schwierig, ihn mal abzugeben. Er tat sich schwer, und ich tat mich schwer. Wenn ich an der Kaffeemaschine stand und Cappuccino und Espresso zubereitete, hatte ich ihn oft in der Trage. Für ihn war die Welt in Ordnung, solange er in meiner Nähe war. War er wach, dann saß er meist im Kinderwagen hinter der Theke und sah mir zu. Ich habe ihn auch auf oft auf dem Arm gehabt und nebenbei bedient. Heute frage ich mich, wie ich das überhaupt hinbekommen habe. Aber irgendwie ging es, weil es eben gehen musste. Als er mit dem Laufen anfing, wurde es schwieriger. Meine Mutter hat versucht, mir zu helfen, mir die Kinder abzunehmen. Alessia hatte sie oft tagelang bei sich. Bei Riccardo ging das nicht. Sie hat oft nach einer halben Stunde angerufen und gesagt: »Bitte, hol ihn, ich kann nicht mehr, ich habe jetzt schon Kopfweh.« Ihm ein Spielzeug hinzustellen und nebenbei zu kochen oder die Küche zu wischen? Undenkbar. Er war sehr anspruchsvoll, die Aufmerksamkeit musste voll bei ihm sein, immer, hundert Prozent. Und schon als Kleinkind forderte er richtige Gespräche ein, das war unglaublich. Auch mit fünf hielt er es noch immer nicht länger als eine Stunde ohne mich aus. Damit ich meine Arbeit und meinen Haushalt machen konnte, habe ich versucht, ihn zum Spielen nach draußen zu bugsieren, aber es änderte nichts. Dass ihn die Dinge, die ich vorschlug, nicht interessierten, darauf kam ich gar nicht. Sondern suchte die Schuld bei mir und der Art, wie ich mit ihm umging. Ich dachte, wenn ich ihn mit meiner Liebe und Fürsorge so überhäufe, wird er bestimmt später als Muttersöhnchen gehänselt werden. Auf der einen Seite genoss ich es, wenn er lieber bei mir in der Küche saß und malte, als mit seinen Cousins Fußball zu spielen, aber es war auch sehr anstrengend. Er forderte mich jeden Tag aufs Neue.

Worüber ich deshalb besonders froh und dankbar war: dass es immer auch erwachsene Bezugspersonen in Riccardos Leben gegeben hat, die ihn genau dafür geschätzt haben, auch in Zeiten, in denen ich Schwierigkeiten hatte, ihm sein Anderssein zu lassen. Oft hilft die Distanz, besser damit umzugehen und das, was ein Kind außergewöhnlich macht, klarer zu sehen und wertzuschätzen. Eltern können und müssen nicht alles allein tragen!

Als Riccardo noch im Kindergarten-Alter war und ich zum Arbeiten in die Eisdiele musste, saß er oft stundenlang auf einer der mit Stoff bezogenen Holzbänke, die um die Palmen in der Raummitte kleine Sitznischen bildeten, und malte. Da er sehr offen war, setzte er sich auch einfach zu jemandem dazu, der oder die ihm zuhörte. Denn viel zu erzählen hatte er immer. Am meisten freute er sich, wenn Brigitte zur Tür hereinkam: Ihr Mann war Bankdirektor, und die beiden kamen oft zum Kaffeetrinken her. Brigitte hatte viel Zeit, denn sie ging nicht arbeiten. Sie lebt leider seit ein paar Jahren nicht mehr, diese kluge und belesene Frau, die ihn so wahnsinnig gern mochte. Sie sind oft spazieren gegangen, haben Blumen gepflückt und sich unterhalten. Ich erinnere mich noch, wie stolz er war, als sie ihm aus lauter Gänseblümchen einen Blumenkranz gebunden hat. Es war faszinierend, mit welcher Ruhe und mit welchem ehrlichen Interesse sie sich auf diesen kleinen Menschen einlassen konnte – und wie viel es den beiden gab. Auch wenn meine pensionierte Lehrerin aus der Berufsschule in die Eisdiele kam, hat er sich oft dazugesetzt. Die Gespräche mit diesen erwachsenen Frauen haben ihn tatsächlich mehr interessiert als die Kinder in seinem Alter. Und ihm hat es so viel gegeben, dass Menschen ihn wegen seiner besonderen Art nicht ausgrenzten, sondern – genau im Gegenteil – so viel Zeit mit ihm verbringen wollten wie irgendwie möglich.

Bei Alessia war alles so einfach gewesen. Sie hatte stets angenommen, was ich sagte, das komplette Gegenteil von ihrem Bruder. Ein »Nein« war für Alessia auch ein »Nein«. Bei Riccardo folgte darauf mindestens ein »Warum?«, wahrscheinlicher noch ein »Doch!«. Ich weiß noch, wie er als Kleinkind die Hydrosteinchen aus der Wohnzimmerpflanze nahm und sie auf dem Boden verteilte. Bei Alessia hatte es gereicht, einmal deutlich zu sagen, dass das nicht geht. Riccardo verstand mein Verbot eher als Aufforderung weiterzumachen. Genauso als er ein paar Jahre danach immer wieder versuchte, den Schraubenzieher in die Steckdose zu bohren. Es spielte keine Rolle, wie oft man es ihm verbot, er konnte nicht davon ablassen. Es war, als müsste er wirklich begreifen, warum es nicht ging. Schon immer. Du musstest dir die Zeit nehmen, es ihm zu erklären, erst wenn er es verstanden hatte, dann hat er es auch so gemacht, wie du wolltest. Aber wenn nicht? Keine Chance!

Am Ende gab es immer nur die Möglichkeit, die Pflanze in Sicherheit zu bringen und ihm den Schraubenzieher wegzunehmen. So absurd das klingen mag, aber wenn es darum ging, sich durchzusetzen und das letzte Wort zu haben,