Mao - Alexander V. Pantsov - E-Book
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Beschreibung

Tyrann, »Held der Armen«, Despot und Poet – die maßgebliche Biographie Mao Zedongs Er lebte und agierte wie der letzte Kaiser von China: Mao Zedong, der »Große Vorsitzende« der Volksrepublik China. Es gibt zahlreiche Mythen und Propagandabilder, die sein Leben nachzeichnen. Doch wer war er wirklich? Der russische Historiker Pantsov und der amerikanische China-Experte Levine bringen überraschende Einsichten ans Licht: über Maos blutigen Kampf um die Macht, seine Liebschaften, seine Mitstreiter und Rivalen. Diese große Biographie stützt sich auf noch nie genutzte Quellen, u.a. ermöglichen bislang unbekannte Dokumente erstmals, Maos Verhältnis zu Stalin in Gänze zu verstehen. Ein umfassendes und dichtes Porträt einer der einflussreichsten und komplexesten Persönlichkeiten des 20. Jahrhunderts. »Umfassend, fundiert, detailreich… Ein großes Werk.« New York Review of Books

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Seitenzahl: 1676

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Alexander V. Pantsov | Steven I. Levine

Mao

Die Biographie

 

Aus dem Englischen übersetzt von Michael Bischoff

 

Über dieses Buch

 

 

Das moderne China lässt sich nicht verstehen ohne den enormen Einfluss eines einzigen Menschen: Mao Zedong. Mao brachte sein Land aus der Armut und wirtschaftlichen Rückständigkeit in das moderne Zeitalter, er galt als der „Held der Armen“. Doch war er auch verantwortlich für ein beispielloses Massensterben. Der so genannte Große Sprung nach Vorn mit der darauffolgenden Hungerkatastrophe und die blutige Kulturrevolution wurden von ihm initiiert und gnadenlos durchgeführt.

In ihrer Biographie, die sich auf bislang unbekannte Quellen stützt, beschreiben Pantsov und Levine anschaulich Maos Aufstieg innerhalb der Kommunistischen Partei Chinas. Sie decken überraschende Fakten über sein Privatleben auf und enthüllen ihn als den loyalen Stalinisten, der nie mit der Sowjetunion brach – bis nach dem Tode Stalins.

Die große, neue und maßgebliche Biographie des chinesischen Diktators, der sein Land bis heute prägt.

 

 

Weitere Informationen finden Sie auf www.fischerverlage.de

Biografie

 

 

Alexander V. Pantsovist Professor für Geschichte und Lehrstuhlinhaber an der Capital University in Columbus, Ohio. Er ist in Moskau geboren und promovierte an der Russischen Akademie der Wissenschaften. Er hat bereits zahlreiche Bücher veröffentlicht, u.a. über die Bolschewiken und die chinesische Revolution 1919–1927.

 

Steven I. Levineforscht an der historischen Fakultät der University of Montana. Er liest und spricht fließend Chinesisch und Russisch und hat zahlreiche Schriften zur gegenwärtigen chinesischen Politik sowie zu den amerikanisch – ostasiatischen Beziehungen veröffentlicht.

 

 

Weitere Informationen, auch zu E-Book-Ausgaben, finden Sie bei www.fischerverlage.de

Impressum

 

 

Covergestaltung: hißmann, heilmann, hamburg

Coverabbildungen: ullstein bild

Karten: Peter Palm, Berlin

 

Erschienen bei FISCHER E-Books

 

Die amerikanische Originalausgabe erschien 2012 unter dem Titel

»Mao: The Real Story« bei Simon & Schuster, New York.

2007 erschien das Buch in einer anderen Version in Russland bei Molodaia Gvardiia

unter dem Titel »Mao Tszedun«.

© 2007, 2012 A. V. Pantsov

 

Für die deutsche Ausgabe:

© S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2014

 

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

Dieses E-Book ist urheberrechtlich geschützt.

ISBN 978-3-10-401639-9

 

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Inhalt

Russische Namen werden in [...]

[Widmung]

Hinweis zur Aussprache chinesischer Wörter

[Karten]

Einleitung Mythen und Wirklichkeit

Erster Teil Der Lehrling

1. Kapitel Das Ziehkind des Bodhisattva

2. Kapitel An der Schwelle zu einer neuen Welt

3. Kapitel »Ich denke, also bin ich«

4. Kapitel Der Klang von Schritten in einem verlassenen Tal

5. Kapitel Träume von einer Roten Kammer

6. Kapitel Die groSSe Union der Volksmassen

7. Kapitel Der Atem der Weltrevolution oder der Zauber der Diktatur

8. Kapitel »Dem russischen Weg folgen«

9. Kapitel Die Lehren aus der bolschewistischen Taktik

Zweiter Teil Der Revolutionär

10. Kapitel Der Eintritt in die Guomindang

11. Kapitel Hoffnungen und Enttäuschungen

12. Kapitel Ein Spiel mit Chiang Kai-shek

13. Kapitel Der Zusammenbruch der Einheitsfront

14. Kapitel Der Weg zu den Räten

15. Kapitel Das Rote Banner über den Jinggang-Bergen

16. Kapitel Aus einem Funken kann ein Steppenbrand entstehen

17. Kapitel Unter den Fittichen der Komintern

18. Kapitel Hund frisst Hund, auf kommunistische Art

19. Kapitel Der Lange Marsch

20. Kapitel Der Xi’an-Zwischenfall

21. Kapitel Der kokettierende Philosoph

22. Kapitel Festigung der Kontrolle über die KP Chinas

23. Kapitel Stalin, Mao und die Neue Demokratische Revolution in China

Dritter Teil Der Diktator

24. Kapitel Besuch im Roten Mekka

25. Kapitel Das Korea-Abenteuer

26. Kapitel Die Widersprüche der Neuen Demokratie

27. Kapitel Sozialistische Industrialisierung

28. Kapitel Die grosse Wende

29. Kapitel Die Emanzipation des Bewusstseins

30. Kapitel Der Grosse Sprung nach vorn

31. Kapitel Hunger und Angst

32. Kapitel »Hai Rui wird seines Amtes enthoben«

33. Kapitel Rebellion ist gerechtfertigt

34. Kapitel Die Tragödie der Roten Garden

35. Kapitel Das Geheimnis um Projekt 571

36. Kapitel Der Tod des Roten Kaisers

Nachwort

Personenverzeichnis

Anhang 1: Zeittafel zu Mao Zedong

Anhang 2: Mao Zedongs Genealogie

Bibliographie

Danksagung

Bildnachweise

Register

Russische Namen werden in der englischen Umschrift wiedergegeben, da dies dem internationalen wissenschaftlichen Standard entspricht.

Zur Erinnerung an meinen Großvater

Georgii Borisovich Ehrenburg (1902–1967) –

ein russischer Sinologe,

einer der ersten Biographen Mao Zedongs

und ein Autor, dessen Werke mich sehr inspiriert haben.

 

Alexander V. Pantsov

Hinweis zur Aussprache chinesischer Wörter

Die in diesem Buch verwendete lateinische Umschrift chinesischer Wörter und Namen folgt dem offiziellen internationalen Pinyin-System in seiner neueren Fassung; die diakritischen Zeichen, die den Tonwert angeben, wurden der leichteren Lesbarkeit halber weggelassen. Zur Aussprache der Umschrift folgt hier eine kleine Auswahl mit dem Schwerpunkt auf einer vom Deutschen abweichenden Aussprache.

Vokale

a

langes a wie in »Vater«

e

unbetontes e wie der Schlusslaut in »Falle«

i

langes i wie in »Sieb«, außer nach zh, ch, sh, r, z, c und s; dort kaum hörbar wie im amerikanischen »Sir«

o

offenes o wie in »Joch«, nach b, f, m, p wie uo (siehe dort)

u

langes u, nach j, q und x wie ü

ai

wie in »Mai«

ao

au wie in »Haus«

ei

wie im englischen »day«

ia

wie in »ja«

ie

wie im englischen »yes«

iu

io wie im englischen »Yoga«

ou

wie im englischen »low«

uo

wie im englischen »water«

ya

wie in »ja«

ye

wie im deutschen »jeder«

yu

wie in »Yoga«

eng

ong wie im englischen »song«

ong

ung wie in »Hunger«

Konsonanten

c

tz wie in »platzen«

ch

tsch wie in »Matsch«

h

ch wie in »machen«

j

dj wie in »Jeans«

q

tj wie im englischen »cheese«

r

wie im englischen »wrong«

sh

sch wie in »Schauer«

z

ds wie in »Landsknecht«

zh

dsch wie in »Dschungel«

Wenn zwei aufeinanderfolgende Vokale getrennt ausgesprochen werden, wird ein Apostroph dazwischen gesetzt. So besteht Xi’an aus zwei Silben, xian dagegen nur aus einer.

EinleitungMythen und Wirklichkeit

Historische Gestalten verdienen objektive Biographien. Doch solche Biographien stellen selbst unter den besten Umständen beängstigende Anforderungen. Der Biograph muss eine scheinbar endlose Spur veröffentlichter und unveröffentlichter, oft in einer Vielzahl von Sprachen verfasster Quellen verfolgen, erschöpfend den Inhalt zahlreicher Archive durchforsten, Wahres von Falschem, Tatsachen von Gerüchten scheiden, das rechte Gleichgewicht zwischen der öffentlichen und der privaten Person finden und deren Weisheit wie auch Torheit über die Spanne eines ganzen Lebens hinweg beurteilen. Diese Schwierigkeiten vervielfachen sich noch, wenn es sich beim Gegenstand der Biographie um den Führer einer geschlossenen Gesellschaft handelt, die ihre Geheimnisse eifersüchtig bewahrt. Das gilt ohne Zweifel für Mao Zedong, den Gründer des modernen China. Aber heute, mehr als dreißig Jahre nach seinem Tod im Jahr 1976, nach der Freigabe wichtiger neuer Dokumente aus China und der Öffnung großer Archive in der ehemaligen Sowjetunion, lässt sich ein klareres, nuancierteres und vollständigeres Bild des wichtigsten chinesischen Führers der Moderne zeichnen.

Mao war natürlich Gegenstand zahlreicher Biographien in westlichen Sprachen, seit der amerikanische Journalist Edgar Snow Maos Lebensgeschichte erstmals niederschrieb, und zwar im Juli 1936, als Mao gerade seine Lebensmitte erreicht hatte. Ein Jahr später veröffentlichte Snow diese Geschichte als Kernstück seines einflussreichen Buchs Roter Stern über China, das Geschichte machte und bis heute erhältlich ist. Wegen seiner Bedeutung für die gesamte Tradition der in westlichen Sprachen verfassten Mao-Biographien – eine Tradition, von der die vorliegende Biographie beträchtlich abweicht – ist es sinnvoll, darzulegen, warum es zu dieser Begegnung zwischen dem Guerillakommandeur und Führer der Kommunistischen Partei Chinas und dem jungen amerikanischen Reporter kam.

Snow, der Mitte der 1930er Jahre bereits ein namhafter Journalist war, brachte der kommunistischen Bewegung in China größte Sympathie entgegen, obwohl er kein Marxist war. In den Mainstream-Medien, für die er schrieb, darunter die New York Herald Tribune, Foreign Affairs und die Saturday Evening Post, stand er im Ruf, geistig unabhängig zu sein – im Unterschied zu vielen anderen linksgerichteten Reportern in China, die ihre prokommunistische Einstellung offen zur Schau stellten.

Genau dieser Ruf hatte die Aufmerksamkeit der Führer der Kommunistischen Partei Chinas auf ihn gelenkt, darunter auch Mao Zedong. Sie hatten die Absicht, den einunddreißigjährigen Amerikaner zu benutzen, um ihr Bild in der Öffentlichkeit zu verbessern und ihren politischen Einfluss zu erweitern. Snow hatte seine eigenen Gründe, Mao aufzusuchen. Als ehrgeiziger Journalist mit einem Instinkt für die große Story nutzte er nur zu gern die Gelegenheit zu einem Sensationsbericht. Beide Männer hatten die Absicht, den jeweils anderen für ihre Zwecke zu benutzen. Am 13. Juli 1936 traf Snow in Baoan in der nördlichen Provinz Shaanxi ein, nur zwei Tage nachdem Mao Zedong selbst in dieser trostlosen, entlegenen Stadt Quartier bezogen hatte. Mao war auf der Flucht vor Generalissimus Chiang Kai-shek, dem Präsidenten der Nationalregierung und Führer der Nationalpartei Guomindang (GMD), deren Streitkräfte der chinesischen Roten Armee eine empfindliche Niederlage bereitet hatten.

Mao kam Snows Bitte um eine Reihe von Interviews nach, in deren erstem er ausführlich über seine Kindheit und Jugend sprach, bevor er seine Laufbahn als kommunistischer Revolutionär schilderte. Die Kommunisten hatten mit Snow eine geschickte Wahl getroffen. Der leicht zu beeindruckende Amerikaner sah in Mao schließlich einen weisen Philosophenkönig, in der Erscheinung an Lincoln erinnernd, scharfsinnig, gelassen und selbstbewusst. »Er glaubte fraglos daran, daß ihn das Schicksal zum Herrscher bestimmt hatte«, erinnerte er sich.[1] Als Snow Maos Monologe während langer Nächte in der von Kerzen erhellten Höhle, die ihren Treffpunkt bildete, in sein Notizbuch übertrug, war er schon bald eher Maos Schreibhilfe als ein kritischer Journalist. Als seine Mission erfüllt war, kehrte Snow mit seinen kostbaren Notizen nach Beijing zurück und begann sogleich mit der Arbeit an dem Manuskript, aus dem Roter Stern über China werden sollte.

Wie Mao und Snow gehofft hatten, sorgte das Buch für eine Sensation, vor allem bei liberalen Intellektuellen und Linken im Westen. Das intime Porträt Maos als eines romantischen Revolutionärs fand großen Anklang bei westlichen Lesern, die von der strengen Gestalt eines immer autoritäreren Chiang Kai-shek enttäuscht waren. Snows wegweisende Arbeit setzte den Grundton für zahlreiche spätere Bücher von Autoren, deren Darstellung Maos ebenso wohlwollend oder noch positiver ausfiel. Nur in einem wesentlichen Punkt unterschieden diese späteren Werke sich deutlich von Snows Buch. Während Snow in Mao einen getreuen Anhänger des Sowjetmarxismus sah, behaupteten andere Autoren, die Kommunistische Partei Chinas (KPCH) habe unter Maos Führung schon in den späten 1930er Jahren einen eigenständigen und autonomen Weg eingeschlagen. Nach dieser Sicht hatte Mao, ein unabhängiger Denker und Akteur, sich grundlegend von Moskau distanziert, im Unterschied zu den chinesischen Stalinisten, die er in innerparteilichen Kämpfen geschlagen hatte. Mao ragte heraus, er stand für sich selbst, er war ein echter chinesischer Revolutionär, kein Handlanger Stalins. Darin lag seine größte Anziehungskraft auf Autoren, die amerikanischen Lesern die Chinesische Revolution zu erklären versuchten.

Schon in den späten 1940er und frühen 1950er Jahren formulierten führende amerikanische Wissenschaftler, darunter John King Fairbank, Benjamin I. Schwartz, Conrad Brandt und Robert North, die bald schon klassische These zu Maos »Unabhängigkeit« sowohl in seinem Verhältnis zu Stalin als auch in seinen Vorstellungen von China.[2] Sie schrieben, Stalin misstraue Mao und halte ihn eher für einen »Bauernnationalisten« als für einen Kommunisten. Außerdem widerlege der unter Maos Führung erfolgte Aufschwung der Chinesischen Revolution auf dem Lande offenbar die marxistische Auffassung von der »führenden Rolle« der Arbeiterklasse. Chinas »Bauernrevolution« schien der Auftakt zu einem dramatischen Zeitalter der Bauernrevolutionen in der gesamten postkolonialen Welt zu sein. Nach dem Bruch zwischen den Kommunistischen Parteien der Sowjetunion und Chinas Anfang der 1960er Jahre vertraten russische und chinesische Autoren ähnliche Auffassungen.

Inzwischen erlebte Mao eine Verwandlung vom volksnahen Revolutionskommandeur zum »Herrn der blauen Ameisen«, wie ein Biograph ihn Anfang der 1960er Jahre mit Blick auf die von allen Chinesen getragene blaue Kleidung nannte.[3] Nach der Ausrufung der Volksrepublik China (VRCH) am 1. Oktober 1949 zog Mao in die Verbotene Stadt, das einstige Domizil des Kaisers. Während sich in den folgenden Jahren der Kult um seine Person entwickelte, wurde er zunehmend unerreichbar, außer für enge Mitarbeiter und Mitglieder seiner unmittelbaren Umgebung. Seine öffentlichen Auftritte wurden nun sorgfältig inszeniert, seine Interviews und Erklärungen gewannen zunehmend einen delphischen Charakter. Die zu Maos Lebzeiten in westlichen Sprachen veröffentlichten Biographien, darunter auch die beste, die von dem prominenten Sinologen Stuart R. Schram 1967 publiziert wurde[4], stützten sich weitgehend auf von der Kommunistischen Partei veröffentlichte Dokumente, auf die publizierten Schriften, Reden und Erklärungen Mao Zedongs, auf Eindrücke ausländischer Besucher, denen Mao eine Audienz gewährt hatte, auf ein paar Memoiren politischer Vertrauter oder Gegner und auf eine Vielzahl anderer verstreuter Quellen. Die These der Unabhängigkeit Maos und seiner schöpferischen Anpassung des Marxismus an die chinesischen Verhältnisse stand weiterhin im Mittelpunkt.

Auf den ersten Blick schien diese These wohlbegründet. Bis Ende 1949 hatte Mao Moskau nicht ein einziges Mal besucht, und Stalin kannte ihn nicht persönlich. Zugleich erreichten aus diversen Informationsquellen innerhalb und außerhalb der Kommunistischen Partei Chinas regelmäßig negative Berichte den Kreml, die Mao als »Antileninisten« bezeichneten und ihn der Todsünde des »Trotzkismus« bezichtigten. So erscheint Khrushchevs Behauptung, Stalin habe Mao für einen »Höhlenmarxisten« gehalten, als durchaus folgerichtig.[5] In den späten 1950er Jahren, nach der Verurteilung des Stalinismus auf dem 20. Parteitag der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, erinnerte Mao selbst oft daran, dass er Stalins Misstrauen ihm gegenüber gespürt habe.[6]

Bei genauerem Hinsehen erweist sich jedoch das überkommene Bild der Beziehung Maos zu Stalin und der Sowjetunion als falsch. Wie aus erst in jüngster Zeit zugänglichem russischem und chinesischem Archivmaterial hervorgeht, war Mao in Wirklichkeit ein getreuer Anhänger Stalins, der sich sehr bemühte, seine Loyalität gegenüber dem Kremlchef zu demonstrieren, und es erst nach Stalins Tod wagte, vom sowjetischen Vorbild abzurücken.

Diese Enthüllung ist einer der vielen Gründe, weshalb eine gründliche Neubewertung Maos berechtigt ist. Die Wahrheit hat lange in den Geheimarchiven der KPCH, der KPDSU und der Komintern geschlummert. Erst kürzlich sind diese Archive, vollständig oder in Teilen, zugänglich geworden. Die interessantesten unter den zahllosen Enthüllungen zu Maos Politik, seinen Ansichten und seinem Privatleben finden sich in unveröffentlichten Dokumenten zu Mao, seinen Feinden und seinen Freunden, die im ehemaligen Zentralen Parteiarchiv des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der Sowjetunion in Moskau aufbewahrt werden. Die Bolschewiken begannen mit dem Aufbau des Archivs kurz nach der Oktoberrevolution von 1917. Von Anfang an hatte es die Aufgabe, Dokumente nicht nur zur Geschichte der bolschewistischen Partei, sondern auch zur Geschichte der internationalen Arbeiterbewegung und der kommunistischen Bewegung zu sammeln. Nach der Liquidierung der Komintern 1943 wurden alle dortigen Dokumentensammlungen in das Zentrale Parteiarchiv überführt. In den 1950er Jahren wurden auch die Archive des Kommunistischen Informationsbüros (Kominform) dorthin verlagert. Und im Juni 1999 verschmolz man das Archiv des ehemaligen Kommunistischen Jugendverbands mit der Sammlung. Heute tragen diese vereinigten Archive den Namen Russisches Staatsarchiv für sozialpolitische Geschichte. Ein kurzer Überblick über die Bestände dieses Archivs verdeutlicht deren Bedeutung als Quelle neuer Informationen, die wir für unsere Biographie Mao Zedongs gründlich durchforstet haben.

Erstens birgt das Archiv den weltweit größten Bestand an Dokumenten zur internationalen kommunistischen Bewegung und zur Geschichte der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPDSU). Dazu gehören zwei Millionen schriftliche Dokumente, 12105 fotografische Abbildungen und 195 Dokumentarfilme, die in 669 thematische Teilbestände untergliedert sind. Einen zentralen Bestandteil des Archivs bildet eine umfangreiche Sammlung von Dokumenten zur kommunistischen Bewegung Chinas. Dazu gehören umfangreiche Dossiers der KPCH-Delegation beim Exekutivkomitee der Kommunistischen Internationale (EKKI), Unterlagen zu diversen Konten sowie Kassenbelege des Zentralkomitees der KPCH, Direktiven der Komintern und der bolschewistischen Partei an China, Papiere von Lenin, Stalin, Trotsky und anderen bolschewistischen Führern, Geheimberichte von Vertretern der chinesischen Kommunisten und Nationalisten bei der Komintern und persönliche Dossiers zu vielen führenden chinesischen Revolutionären.

Die Sammlung privater Dokumente zu chinesischen Kommunisten ist besonders interessant. Im Unterschied zu vielen anderen Archivmaterialien wurden sie den meisten Wissenschaftlern auch während des kurzen ideologischen »Tauwetters« unter Yeltsin vorenthalten. Diese Sammlung wurde stets in einer streng geheimen Abteilung des Archivs aufbewahrt. Auch heute noch ist der öffentliche Zugang zu diesen Dossiers stark eingeschränkt. Nur sehr wenige Spezialisten, darunter einer von uns, Alexander V. Pantsov, erhielten Zugang zu diesen Materialien und genießen dieses Privileg aufgrund persönlicher Beziehungen zu Archivaren und Wissenschaftlern im heutigen Russland auch weiterhin. Diese zugangsbeschränkte Sammlung umfasst 3328 persönliche Dossiers, darunter solche von Mao Zedong, Liu Shaoqi, Zhou Enlai, Zhu De, Deng Xiaoping, Wang Ming und vielen anderen hochrangigen Mitgliedern der KPCh-Führung.

Das Dossier zu Mao Zedong ist das eindrucksvollste. Es umfasst fünfzehn Bände mit Unikaten, darunter seine politischen Berichte; private Korrespondenz, stenographische Mitschriften von Treffen zwischen Mao und Stalin, Stalin und Zhou Enlai sowie Mao und Khrushchev; Maos medizinische Akten, die von seinen sowjetischen Ärzten gesammelt wurden; Geheimberichte von KGB- und Komintern-Agenten; persönliche Materialien zu Maos Frauen und Kindern, darunter die Geburtsurkunde seines bislang unbekannten neunten Kindes, das in Moskau geboren wurde; Anschuldigungen gegen Mao aus der Feder von politischen Feinden innerhalb der KPCH-Führung; und eine Vielzahl von Geheimberichten der sowjetischen Botschaft und des KGB über die politische Lage in der VR China von den späten 1950er bis in die frühen 1970er Jahre. Wir sind die ersten Mao-Biographen, die all diese Materialien nutzen konnten – Materialien, die unschätzbare Dienste bei der Neubewertung des privaten und politischen Lebens Mao Zedongs zu leisten vermögen.

Neben den Quellen in russischen und chinesischen Archiven gibt es noch eine Vielzahl biographischer Materialien, Erinnerungen und Handbücher, die in den letzten Jahren in der VR China veröffentlicht wurden. Darunter befinden sich Memoiren und Tagebücher von Sekretären, Geliebten, Verwandten und Bekannten Mao Zedongs, die uns bei der Neuinterpretation seines Lebens hilfreich waren.

Nicht weniger wichtig sind Dokumente aus den immer noch stark zugangsbeschränkten Sammlungen des Zentralkomitees der KPCH in Beijing, die kürzlich dank der Bemühungen chinesischer Historiker bekannt geworden sind. Zu diesen Archivmaterialien gehören: eine dreizehnbändige Sammlung von Manuskripten Mao Zedongs, die mit der Gründung der VR China beginnt, eine siebenbändige Chronik des in Shaoshan ansässigen Mao-Clans, Aufzeichnungen von privaten Gesprächen Mao Zedongs und diverse Sammlungen bislang unbekannter Textentwürfe, Reden, Kommentare, Kritiken, Notizen und Gedichte Mao Zedongs.

Unsere Biographie Mao Zedongs basiert auf all diesen einzigartigen Archiven und erst seit kurzer Zeit zugänglichen Dokumenten sowie auf zahlreichen Gesprächen mit Menschen, die Mao kannten. Insofern ist sie auf dem neuesten Stand. Eine kürzlich erschienene Mao-Biographie von Jung Chang und Jon Halliday, Mao. Das Leben eines Mannes, das Schicksal eines Volkes, ist in der akademischen Welt wegen ihrer angeblichen Unzuverlässigkeit und wegen verzerrter Urteile kritisiert worden.[7] Wir haben versucht, solche Mängel zu vermeiden durch die sorgsame und kritische Verwendung eines breiteren Spektrums an Quellen, als bisher jemals angeführt wurde, durch eine sorgfältige Bewertung aller Belege und durch solide, aber entschiedene, von politischen Erwägungen unbeeinträchtigte Urteile. Diese unvoreingenommene Einstellung erlaubt es uns, den Großen Steuermann als die vielgesichtige Gestalt darzustellen, die er war – Revolutionär und Tyrann, Dichter und Despot, Philosoph und Politiker, Ehemann und Schürzenjäger. Wir zeigen, dass Mao weder ein Heiliger noch ein Teufel war, sondern ein vielschichtiger Mann, der sich in der Tat alle Mühe gab, seinem Land Wohlstand und internationales Ansehen zu bringen. Dennoch beging er zahlreiche Fehler, nachdem er sich selbst in der Sackgasse einer politischen Utopie gefangen hatte und in dem um ihn betriebenen Personenkult badete, während er sich mit unterwürfigen Höflingen umgab. Ohne Zweifel war er einer der größten Utopisten des 20. Jahrhunderts, aber anders als Lenin und Stalin war er nicht nur ein politischer Abenteurer, sondern ein nationaler Revolutionär. Er brachte nicht nur radikale ökonomische und soziale Reformen auf den Weg, sondern auch eine nationale Revolution in dem vormals halbkolonialen China, und er vereinigte das von einem Bürgerkrieg zerrissene chinesische Festland. Mao erneuerte das weltweite Ansehen Chinas und des chinesischen Volkes, das lange unter der Verachtung der entwickelten westlichen Welt und Japans hatte leiden müssen. Doch seine Innenpolitik führte zu nationalen Tragödien, die viele Millionen Chinesen das Leben kosteten.

Wir haben auch versucht, eine lebendige und interessante Geschichte zu schreiben, die dem Charakter, dem Privat- und dem Familienleben Maos ebenso große Aufmerksamkeit schenkt wie seiner politischen und militärischen Führungsrolle. Sie steckt voller faszinierender Geschichten aus Memoiren und Interviews, die Mao als Sohn, Ehemann, Vater, Freund und Liebhaber wie auch als Strategen, Theoretiker, Staatsmann und Kämpfer in politischen Rivalitätsstreitigkeiten zeigen. Aus vielen Blickwinkeln zeigen wir Mao als einen Mann mit komplizierten Stimmungen, der Anfällen tiefer Depression und Höhenflügen manischer Begeisterung ausgesetzt war, einen Mann mit großer Willenskraft und großem Ehrgeiz, der als Führer der Kommunistischen Partei Chinas und der Volksrepublik China eine nahezu grenzenlose Macht erlangte. Wir haben versucht, ein lebendiges Porträt zu zeichnen, das hoffentlich selbst solche Leser ansprechen wird, die wenig über Mao und China wissen. Wir haben auch versucht, das bunte Spektrum der Menschen, denen Mao begegnete, und der Orte in China zu beschreiben, an denen er lebte, studierte, arbeitete und sich entspannte, von seinem Heimatdorf Shaoshanchong bis hin zur Verbotenen Stadt in Beijing, wo er fast wie ein Kaiser residierte. In unserem Buch, das die Geschichte des modernen China durch das Leben seines bedeutsamsten Führers erzählt, versuchen wir das Gefühl, den Geruch, die Textur Chinas zu vermitteln.

Bei unseren Nachforschungen haben wir auch zahlreiche neue und überraschende Tatsachen über Maos Leben entdeckt, die uns zwingen, eine Reihe allgemein akzeptierter Vorstellungen zu revidieren: zur Geschichte der kommunistischen Bewegung in China, zur Geschichte der VR China und insbesondere zu Mao selbst. Auf der Grundlage umfangreicher Forschungen dokumentieren wir die durchgängige finanzielle Abhängigkeit der KPCH von Moskau, die von ihrer Gründung 1921 bis in die frühen 1950er Jahre bestand. Eine sorgfältige Untersuchung des Lebens Mao Zedongs legt den Schluss nahe, dass sich die Geschichte der KPCH in dieser Zeit nur verstehen lässt, wenn man deren fortdauernde Abhängigkeit von Moskau mit Blick auf eine autoritative politische Führung und Anleitung berücksichtigt. Archivmaterialien zu wichtigen Gestalten wie Zhang Guotao, Zhou Enlai, Liu Shaoqi, Cai Hesen, Qu Qiubai, Deng Zhongxia, Wang Ruofei, Chen Yu, Li Lisan, Gao Gang, Yu Xuxiong und anderen lassen gleichfalls den Schluss zu, dass die KPCH Stalin und seinen Stellvertretern untergeordnet blieb, die die Komintern kontrollierten und das Schicksal der KPCH-Führer in ihren Händen hielten. Das zeigen zum Beispiel die zahllosen erniedrigenden Verhöre und die Selbstkritik, die führende chinesische Kommunisten wegen angeblicher Fehler oder »trotzkistischer Aktivitäten« auf sich nehmen mussten. Es gibt sogar Hinweise darauf, dass Stalin 1938 einen großen Schauprozess gegen Funktionäre der Komintern plante, darunter Zhou Enlai, Liu Shaoqi, Kang Sheng, Chen Yun, Li Lisan und einige andere. Hätte er von diesem Plan nicht Abstand genommen, wären ihm möglicherweise viele hohe KPCH-Führer zum Opfer gefallen. Einige Dokumente legen allerdings die Vermutung nahe, dass er die meisten KPCH-Delegierten des im Juli und August 1935 abgehaltenen Siebten Kongresses der Komintern ermorden ließ.

Stalin setzte Mao nicht auf seine »Schwarze Liste«. Tatsächlich unterstützen er selbst und die Komintern Mao bei seinem Aufstieg an die Spitze der Kommunistischen Partei Chinas. Mao lässt sich gewiss nicht mit Ulbricht in Ostdeutschland, Todor Zhivkov in Bulgarien oder anderen abhängigen Führern kommunistischer Parteien in Mittel- und Osteuropa vergleichen, aber es kann inzwischen kein Zweifel mehr bestehen, dass er gegenüber Stalin loyal war und dessen Anleitung wie auch Unterstützung suchte. (Unsere Behandlung der Begegnungen zwischen Mao und Stalin im Dezember 1949 und im Januar 1950 ist hier sehr aufschlussreich; ebenso Maos unbehagliche Beziehung zu Stalin während des Koreakriegs. Stalin ging es nicht um die Vereinigung Koreas; er wollte die Vereinigten Staaten schwächen, indem er sie in einen Krieg nicht nur mit Nordkorea, sondern auch mit China hineinzog. Und damit versuchte er zugleich, auf der ganzen Welt Revolutionen auszulösen.) Erst nach Stalins Tod im März 1953 begann Mao, auf Distanz zur sowjetischen Führung zu gehen. Er hielt Khrushchev für einen unzuverlässigen Possenreißer und behandelte ihn bewusst mit Verachtung. Wir zeigen, dass die persönliche Feindschaft zwischen Mao und Khrushchev einer der Hauptgründe für das Zerwürfnis zwischen China und der Sowjetunion war. Ende der 1960er Jahre hatte dieses Zerwürfnis sich in einem Maße verschärft, das oft unterschätzt wird. Wie wir mit Hilfe von Dokumenten aus den ehemaligen sowjetischen Geheimarchiven zeigen, waren die chinesisch-sowjetischen Beziehungen in den späten 1960er Jahren derart angespannt, dass die sowjetische Führung sogar über eine bewaffnete Einmischung in die Politik der VR China nachdachte, etwa über einen Atomangriff auf industrielle Zentren in China oder über die Sprengung chinesischer Atomanlagen.

Wir haben auch versucht, ein lebendiges und objektives Bild des alternden Mao zu zeichnen, vom Ende der 1950er Jahre bis zu seinem Tod im September 1976, einer Periode, die von Maos kühnen Versuchen geprägt war, die chinesische Gesellschaft durch den »Großen Sprung nach vorn« (1958–1961) und die Kulturrevolution (1966–1976) nach den Grundsätzen eines rein maoistischen Sozialismus umzumodeln – Versuche, die zu gewaltigen Katastrophen führten. All diese Ereignisse untersuchen wir auf der Grundlage des neuen Archivmaterials und in der Absicht, die übergreifenden Ziele und persönlichen Rivalitäten innerhalb der Parteispitze aufzuzeigen, die Mao, der mit zunehmendem Alter immer paranoider wurde, geschickt für seine Zwecke manipulierte.

Im Unterschied zu herkömmlichen Auffassungen zeigen wir, dass die Kulturrevolution nicht nur Maos Endkampf um die Macht war, sondern ein ernsthafter, wenn auch mangelhafter Versuch, seine utopische Vision zu verwirklichen und einen neuen, idealen Bürger in einer neuen, idealen Gesellschaft zu schaffen. Mitte der 1960er Jahre war Mao zu der Auffassung gelangt, dass der sozialistische Umbau der sozialen und politischen Verhältnisse unzureichend war. Selbst nach dem Aufbau des Sozialismus blieben die Menschen träge und egoistisch. In jedem Menschen stecke ein habgieriges Ich, das zum Kapitalismus zurückkehren wolle. Wenn man zuließ, dass die Dinge ins Rutschen gerieten, könne sogar die Kommunistische Partei selbst entarten. Deshalb gelangte er zu der Überzeugung, dass es unmöglich sei, den Kommunismus aufzubauen, wenn man nicht zuerst die alten traditionellen Werte der chinesischen Kultur zerstörte. Aber offensichtlich unterschätzte er die menschliche Natur. Dieses Fehlurteil führte zum Scheitern nicht nur der Kulturrevolution, sondern des gesamten maoistischen Projekts. Das System des Kasernenkommunismus, eine starke, reglementierte Gesellschaft, wie Mao sie anstrebte, starb mit ihm.

Als Historiker ist es nicht unsere Aufgabe, Mao zu tadeln oder zu loben. Es ist längst zu spät, um irgendwelche Rechnungen mit ihm zu begleichen. Er ist tot und, wie er selbst es ausdrückte, nur gegenüber Karl Marx rechenschaftspflichtig. Wir machten es uns vielmehr zur Aufgabe, einen der mächtigsten und einflussreichsten politischen Führer des 20. Jahrhunderts in allen wesentlichen Einzelheiten zu porträtieren. Wir hoffen, dieses Buch wird den Lesern helfen, ein tieferes und genaueres Verständnis Mao Zedongs und seiner Zeit zu erlangen, wie auch des Landes, das ihn hervorbrachte, und jenes Chinas, das er geschaffen hat.

Erster TeilDer Lehrling

1. KapitelDas Ziehkind des Bodhisattva

Das in der südchinesischen Provinz Hunan, im Bezirk Xiangtan gelegene Dorf Shaoshanchong drückt sich in ein enges Tal, umgeben von Bergen mit immergrünen Bäumen und Reisfeldern, darüber der blaue Himmel. In der Ferne erkennt man den Shaoshan-Berg, der dem Dorf seinen Namen gibt und bei Buddhisten besondere Verehrung genießt. Von Changsha, der Provinzhauptstadt, führt eine Eisenbahnstrecke in die nächstgelegene Stadt, die gleichfalls Shaoshan heißt. Der Regionalzug braucht etwa drei Stunden für die gut hundertfünfzig Kilometer. Auf dem großen Platz vor dem Bahnhof warten aufgereihte Busse auf Besucher. »Geburtsort des Vorsitzenden Mao, Geburtsort des Vorsitzenden Mao«, ruft der Fahrer. Nach einer halbstündigen holprigen Fahrt erreicht man eine Dorfstraße, die vorbei an überfluteten Reisfeldern und Teichen voller Lotusblumen zu einem großen Lehmziegelhaus mit dreizehn Zimmern und angegliedertem Museum führt. Zur Linken und zur Rechten stehen gleichartige oder etwas kleinere Bauernhäuser ähnlicher Prägung. Die Atmosphäre ist die einer typischen Landgemeinde. Ein kleines Dorf wie so viele andere in Hunan, aber ausgezeichnet durch den Status, Geburtsort eines Mannes zu sein, der die Geschichte seines Landes änderte und dessen Einfluss auch lange nach seinem Tod noch in aller Welt zu spüren ist.

Viele Bewohner des Dorfes in diesem Tal trugen den Familiennamen Mao. Denn dort hatte ihr Clan sich niedergelassen. Alle Träger des Namens Mao führten ihre Abstammung auf den kühnen Krieger Mao Taihua zurück, der aus der Nachbarprovinz Jiangxi stammte und seine Heimat Mitte des 14. Jahrhunderts verlassen hatte, um sich am Feldzug der kaiserlichen Armee in der Provinz Yunnan gegen die Mongolen zu beteiligen, die China seit den 1270er Jahren beherrschten. Die Hauptstreitmacht der Mongolen wurde von der Rebellenarmee des Mönchs Zhu Yuanzhang geschlagen, der sich 1368 selbst zum Kaiser einer neuen chinesischen Dynastie, der Ming, erklärte. Dort, im fernen Yunnan, heiratete Mao Taihua ein einheimisches Mädchen und ging 1380 mit ihr und den gemeinsamen Kindern nach Huguang (heute Hunan), wo sie sich im Bezirk Xiangxiang südlich von Xiangtan niederließen. Etwa zehn Jahre später zogen zwei seiner Söhne weiter nordwärts in die Provinz Xiangtan und machten Shaoshanchong zu ihrer Heimat. Sie waren die Vorfahren des Mao-Clans in Shaoshan.[1]

Der zukünftige Oberste Führer Chinas wurde in eine dieser Familien hineingeboren, in die von Mao Yichang, und zwar – nach dem Mondkalender – am neunzehnten Tag des elften Monats des Jahres der Schlange. Nach der offiziellen dynastischen Zeitrechnung war es das neunzehnte Jahr der Regierung Kaiser Guangxus aus der Qing(Mandschu)-Dynastie, die seit 1644 in China herrschte. Die Guangxu-Zeit (Guangxu bedeutet: strahlender Anfang) hatte 1875 begonnen, ausgerufen im Namen des damals vierjährigen Kaisers Zaitian, von seiner Tante mütterlicherseits, der Kaiserinwitwe Ci Xi. Nach dem westlichen Kalender fiel die Geburt des Sohnes, in jeder chinesischen Familie ein freudiges Ereignis, auf den 26. Dezember 1893.

Maos Vater konnte sein Glück kaum fassen, aber seine Mutter machte sich Sorgen. Das Kind war sehr groß, und sie hatte Angst, sie könne es vielleicht nicht ausreichend mit Milch versorgen. Sie hatte bereits zwei Söhne geboren, die im Säuglingsalter gestorben waren. Sie packte den Säugling in Windeln und machte sich auf den Weg zu einer buddhistischen Nonne, die in den Bergen lebte. Mit Tränen in den Augen bat sie die Nonne, sich um das Kind zu kümmern. Aber die lehnte ab. Das Kind sehe sehr gesund aus, und es gebe keinen Grund, sich Sorgen zu machen. Die Einsiedlerin riet der verstörten Mutter, das Kind zu behalten und für sein Wohlbefinden zu beten. Die Mutter nahm ihr Kind und eilte zu dem in einem Nachbarbezirk gelegenen Haus ihres Vaters. Dort hielt sie vor einem kleinen Tempel, der auf einem vier Meter hohen Felsen errichtet und dem Bodhisattva Guan Yin, der Göttin des Mitgefühls, gewidmet war. Körperlich und emotional erschöpft warf sie sich dort nieder und betete, die Göttin möge bereit sein, die Ziehmutter ihres Sohnes zu werden.[2]

Gemäß der Tradition informierte man die Eltern der Kindsmutter rasch über die Geburt eines Jungen, indem man ihnen einen Hahn zukommen ließ. Wäre es ein Mädchen gewesen, hätten sie eine Henne erhalten.

Den Chinesen galten die im Mutterleib verbrachten neun Monate als das erste Lebensjahr eines Kindes, und so war es bei der Geburt in ihren Augen ein Jahr alt. Nach einem alten Ritual musste das Neugeborene in Tücher gewickelt werden, die man aus alten Hosen des Vaters genäht hatte. Weitere alte Hosen hängte man über die Wiege, weil man glaubte, sie absorbierten jegliche Art von Ansteckung. Der Säugling wurde erst am dritten Tag gebadet, in Anwesenheit von Gästen, die ihn nun zum ersten Mal sehen durften. Am Tag des ersten Badens brachte der Vater den Geistern der Ahnen Opfer dar und gab in das heiße Badewasser eine Zwiebel und eine Ingwerknolle, die Verstand und Gesundheit symbolisierten. Die Mutter nahm das Kind auf und reichte es der Hebamme, die bei der Geburt geholfen hatte. Die Hebamme hielt die Zwiebel an den Kopf des Säuglings und begann mit singender Stimme: »Erstens, sei klug, zweitens, sei weise, drittens, sei schlau!« Anschließend drückte sie ein Schloss oder einen Riegel auf Mund, Arme und Beine des Kindes und sagte: »Sei ruhig!« Man stellte eine Waage auf die Brust des Säuglings, damit er viel wiege, und hielt ihm gekochte Eier an die Wangen, die ihm Glück bringen sollten. Um sein Handgelenk band man eine rote Schnur, an der Silbermünzen hingen. Nach einem Monat wurde der Kopf des Säuglings geschoren, nur an den Schläfen und im Nacken ließ man einige Locken stehen – ein wichtiges Ereignis, bei dem das Kind seinen Namen erhielt. Erneut kamen Gäste zusammen und brachten als Geschenke Geld, Schweinefleisch, Fisch, Obst und verzierte Eier mit.

1) Mao Zedongs Vater Mao Yichang.

Seit unvordenklichen Zeiten griffen Eltern bei der Wahl des Namens für ihre Kinder auf die Hilfe daoistischer Wahrsager zurück. Wie es der Tradition entsprach, konsultierte Mao Yichang den einheimischen Geomanten, der ihn auf die Notwendigkeit hinwies, dass der Name seines Sohnes das Zeichen für »Wasser« enthalten müsse, weil es in dessen Horoskop fehle.[3] Die Wünsche des Geomanten passten gut zu den Anforderungen, die der Clan im Blick auf die Ahnentafel stellte. Jeder Generation wurden bestimmte Schriftzeichen zugewiesen, die in den Namen aller männlichen Mitglieder dieser Generation Verwendung finden mussten. Die Namen konnten ganz verschieden sein, aber alle mussten die gemeinsamen Schriftzeichen enthalten, in denen die Zugehörigkeit zu der betreffenden Generation zum Ausdruck kam. In der Generation, der Yichangs neugeborener Sohn angehörte (der zwanzigsten Generation des Mao-Clans), war dieses Erkennungsmerkmal das Schriftzeichen ze, in dessen linkem Teil sich die drei Striche für das Element »Wasser« finden. Das Schriftzeichen ze hatte zwei Bedeutungen: Es stand für Feuchtigkeit und Befeuchten wie auch für Freundlichkeit, Güte und Mildtätigkeit. Als zweites Schriftzeichen für den Namen seines Sohnes wählte Mao Yichang das Zeichen dong, das für »Osten« steht. Der Name Zedong war ungewöhnlich schön, bedeutete er doch »Wohltäter des Ostens«. Zugleich erhielt das Kind gleichfalls gemäß der Tradition einen zweiten, inoffiziellen Namen, der nur bei besonderen zeremoniellen Anlässen verwendet wurde: Runzhi, das heißt »Taufrische Orchidee«. Maos Mutter gab ihm noch einen weiteren Namen, shi, »Stein«, der ihn vor jeglichem Unglück schützen und auf seine Verwandtschaft mit dem Bodhisattva hindeuten sollte. Da Mao der dritte Sohn der Familie war, nannte seine Mutter ihn shisanyazi, das heißt wörtlich »Drittes Kind namens Stein«.

2) Mao Zedongs Mutter Wen Qimei.

Mao Zedong wurde in einen kleinen Haushalt hineingeboren. Außer seinem Vater und seiner Mutter lebte noch sein Großvater väterlicherseits darin. (Mao Zedongs Großmutter väterlicherseits, die den Namen Liu trug, war neun Jahre vor seiner Geburt am 20. Mai 1884 mit siebenunddreißig Jahren gestorben.) Die Familie bewohnte nur eine Hälfte des Hauses, die östliche Hälfte oder den linken Flügel. In der anderen Hälfte lebten Nachbarn. Vor dem Haus lagen Reisfelder und ein Teich, dahinter Kiefern- und Bambushaine. Fast alle in dem gut sechshundert Haushalte umfassenden Dorf waren arm. Die harte und erschöpfende Arbeit auf den winzigen Bodenparzellen brachte nur wenig Ertrag.

Mao Zedongs Großvater väterlicherseits, Mao Enpu, war sein Leben lang arm gewesen und hatte seinem Sohn nur Schulden hinterlassen. Mao Zedongs Vater, Mao Yichang, konnte sich jedoch aus der Armut herauskämpfen. Yichang wurde am 15. Oktober 1870 als einziges Kind der Familie geboren. Im Alter von zehn Jahren wurde er mit einem dreieinhalb Jahre älteren Mädchen namens Wen Qimei verlobt. Fünf Jahre später heirateten sie. Kurz danach wurde Yichang wegen der Schulden seines Vaters in die örtliche Xiang-Armee eingezogen (Xiang, der traditionelle Name Hunans, wurde nach dem Xiang-Fluss benannt, der durch diese Provinz fließt.) Als Mao Yichang nach langer Abwesenheit zurückkehrte, konnte er mit dem angesammelten Sold das Land zurückkaufen, das sein Vater verloren hatte, und wurde ein unabhängiger Bauer. Er war grob und aufbrausend, aber sehr fleißig und genügsam. Wie Mao Zedongs Tochter berichtete, die das offenbar von ihrem Vater gehört hatte, sagte Mao Yichang oft: »Man ist nicht arm, weil man zu viel isst oder zu viel ausgibt. Man ist arm, weil man nicht rechnen kann. Wer rechnen kann, wird auch genug zum Leben haben; wer es nicht kann, wird selbst Berge von Gold verschleudern.«[4] Yichangs Frau, die im Dorf wegen ihres Fleißes und ihrer Güte Suqin (»Einfache Arbeiterin«) genannt wurde[5], unterstützte ihn bei seinen Bemühungen, sich hochzuarbeiten. Als Mao Zedong zehn Jahre alt war, damals starb sein Großvater, hatte Mao Yichang es durch unglaubliche Anstrengungen geschafft, ein wenig Geld zusammenzusparen und etwas mehr Land zu kaufen.[6] Acht Jahre zuvor war ein jüngerer Bruder, Zemin, geboren worden, und ein Jahr nach dem Tod des Großvaters kam ein weiterer Bruder hinzu, der den Namen Zetan erhielt. Außer diesen Kindern und den beiden Söhnen, die vor Mao Zedongs Geburt gestorben waren, hatten Maos Eltern noch zwei Töchter, die jedoch schon im Säuglingsalter starben.

3) Das Haus im Dorf Shaoshanchong, in dem Mao geboren wurde.

Maos Mutter versuchte, den Söhnen ihre eigenen religiösen Gefühle zu vermitteln. In seiner Kindheit und Jugend begleitete Mao seine Mutter oft zu einem buddhistischen Tempel, und sie träumte davon, dass ihr ältester Sohn Mönch wurde. Maos Vater teilte ihre Wünsche nicht, wandte aber auch nicht sonderlich viel dagegen ein. Er begegnete Buddha insgeheim mit Respekt, ließ sich davon aber äußerlich nichts anmerken. Einmal war er nicht weit vor dem Dorf auf der Straße einem Tiger begegnet. Maos Vater hatte entsetzliche Angst, aber dem Tiger ging es offenbar nicht anders. Mann und Tiger liefen in entgegengesetzte Richtungen davon. Maos Vater deutete dies als eine Warnung von da droben. Er war bis dahin ein religiöser Skeptiker gewesen, nun begann er sich vor einem überzogenen Atheismus zu fürchten.[7]

4) Das Zimmer, in dem er geboren wurde.

Obwohl Mao Yichang Buddha achtete und fürchtete, hielt er es für nützlicher, wenn sein ältester Sohn die Weisheit des Konfuzianismus in sich aufnahm, der traditionellen, aus den Sprüchen des antiken Philosophen Konfuzius (551–479 v. Chr.) und seiner Nachfolger abgeleiteten Lehre. Das politische System Chinas basierte auf konfuzianischen Prinzipien, die von den Menschen eine sittliche Vervollkommnung verlangten. Nach Konfuzius musste der Mensch die vom Himmel aufgegebenen Pflichten (li) erfüllen, deren wichtigste Menschlichkeit (ren), kindliche Pietät (xiao) und Tugend (de) waren. Nur durch die Beachtung dieser Himmlischen Gesetze konnte man das höchste sittliche Ideal erreichen, das Ziel, nach dem der Konfuzianismus strebte.

Das individuelle Bewusstsein bestimmte, ob man tatsächlich den Lehren des Konfuzius folgte, doch auf praktischer Ebene war es unmöglich, ohne Kenntnis der Aussprüche des Philosophen Karriere zu machen. Die Fähigkeit, mit Konfuzius-Zitaten zu jonglieren, war unerlässlich, um eine staatliche Stellung zu erhalten. Wer die Gespräche des Konfuzius und die übrigen Bücher des klassischen Kanons nicht kannte, zu dem auch die Bücher des Menzius über die Bildung und über die Goldene Mitte gehörten, der galt als ungebildet.

So kann es kaum verwundern, dass Maos Vater, der nur zwei Jahre die Schule besucht hatte, sehr darauf bedacht war, dass sein ältester Sohn eine konfuzianische Ausbildung erhielt. Yichang hatte einen Prozess um eine kleine, an einem Hügel gelegene Parzelle verloren, weil er sein Anliegen nicht durch Konfuzius-Zitate untermauern konnte. Das Gericht gab seinem Gegner recht, der seine tiefreichende Kenntnis der Klassiker demonstriert hatte. Maos Tochter schreibt, ihr Großvater habe damals den Entschluss gefasst: »Mein Sohn soll ein ebenso gebildeter Mann werden und dann für mich sprechen.«[8] So wurde Mao Zedong denn auf eine private Grundschule in Shaoshan geschickt, wo er die konfuzianischen Klassiker auswendig lernen musste.

Mao prägte sich die Sprüche der verehrten Philosophen aus reinen Nützlichkeitserwägungen ein, um andere in Streitgesprächen zu besiegen, indem er genau im richtigen Augenblick ein geeignetes Zitat einführte, aber die moralisch-sittlichen Grundsätze des Konfuzius scheinen keinerlei Spuren in seiner Seele hinterlassen zu haben. Maos Tochter erzählt, wie ihr Vater einmal sogar seinen Lehrer in einem Streit übertrumpfte:

An einem heißen Tag, als der Lehrer nicht in der Schule war, schlug Vater seinen Klassenkameraden vor, zum Schwimmen an einen Teich zu gehen. Als der Lehrer sah, dass seine Schüler nackt badeten, hielt er das für äußerst unschicklich und beschloss, sie zu bestrafen. Aber Vater parierte mit einem Zitat aus den Gesprächen, in dem Konfuzius das Baden in kaltem Wasser preist. Vater öffnete sein Buch, suchte das benötigte Zitat und las die Worte des Konfuzius laut vor. Nun erinnerte der Lehrer sich, dass Konfuzius dies tatsächlich gesagt hatte, aber er durfte nicht sein Gesicht verlieren. Wütend ging er zu Großvater, um sich bei ihm zu beklagen.

»Dein Runzhi ist absolut unerträglich. Wenn er einmal mehr weiß als ich, werde ich ihn nicht mehr unterrichten.«

Ebenso geschickt setzte Mao Konfuzius-Zitate in privaten Streitigkeiten mit seinem Vater ein, der seinen Sohn immer wieder als respektlos und faul beschimpfte. Manchmal trug Mao den Sieg davon, aber meistens endete der Streit schlimm für ihn. Der Vater, der unter allen konfuzianischen Grundsätzen die kindliche Pietät an die erste Stelle setzte, schlug seinen Sohn, wenn er es wagte, ihm zu widersprechen. »Ich bringe dich um, solch ein Straßenköter, der keinerlei Achtung vor Regeln hat«, schrie er Mao an.[9] Auch seine beiden anderen Söhne schlug er mit der Peitsche. Maos Mutter zitterte um ihre Lieblinge und versuchte, sie in Schutz zu nehmen, scheiterte damit aber in der Regel.

Die Streitereien innerhalb der Familie, die Grausamkeit seines Vaters und die Schutzlosigkeit seiner Mutter, die er sehr liebte und bemitleidete, schlugen sich unausweichlich in Maos Charakter nieder. Er wuchs zu einem leidenschaftlichen und stolzen Rebellen heran, nicht weniger unbeugsam als sein Vater, mit dem er große Ähnlichkeit hatte.[10] Obwohl ihn die Härte seines Vaters irritierte, wurde er selbst immer harscher, bitterer und eigensinniger.

Seine Unbeugsamkeit mag ethnopsychologische wie auch familiäre Wurzeln gehabt haben. Die Bewohner von Hunan, die ihr Essen recht freizügig mit scharfen Pfefferschoten würzen, sind berüchtigt für ihre Hitzköpfigkeit. »Scharf wie ihr Essen«, so werden sie gewöhnlich beschrieben.

Viele Jahre später lieferte Mao eine nicht ganz ernst gemeinte marxistische Erklärung für die Konflikte in seiner Familie. Als er dem amerikanischen Journalisten Edgar Snow im Juli 1936 ein Interview gewährte, sagte er:

Als mittlerer Bauer besaß mein Vater schließlich fünfzehn mou [ein mou entspricht etwa 0,67 Hektar] … [Den] Überschuß benutzte mein Vater, etwas Kapital zu ersparen und nach einer Weile sieben weitere mou zu kaufen, die der Familie den Status von »reichen« Bauern gaben …

Zu der Zeit, als mein Vater ein mittlerer Bauer war, begann er Getreide aufzukaufen, es in die Stadt zu transportieren und es dort mit Gewinn zu verkaufen. Nachdem er ein »reicher« Bauer geworden war, widmete er den größten Teil seiner Zeit diesem Geschäft. Er stellte einen Knecht ein und ließ Kinder und Frau auf dem Hof arbeiten. Ich begann mit der Landarbeit, als ich sechs Jahre alt war. Mein Vater hatte keinen Laden für sein Geschäft. Er kaufte einfach das Getreide von den armen Bauern und transportierte es dann zu den Händlern in der Stadt, wo er einen höheren Preis erzielen konnte. Im Winter, wenn der Reis gesetzt wurde, stellte er einen weiteren Arbeiter für die Hofarbeit ein, so daß zu dieser Zeit sieben Mäuler zu füttern waren … Er gab uns nie das kleinste bißchen Geld, und wir bekamen nur wenig zu essen … Mir gab er niemals Eier oder Fleisch …

Etwas später fügte Mao lachend hinzu:

Es gab zwei »Parteien« in der Familie. Die eine war mein Vater, die herrschende Macht. Zur Opposition gehörten ich selbst, meine Mutter, mein Bruder und manchmal sogar die Arbeiter. [Mao meint hier seinen Bruder Zemin, denn sein Bruder Zetan war zu dieser Zeit noch nicht geboren.] In der »Einheitsfront« der Opposition gab es jedoch Meinungsverschiedenheiten. Meine Mutter befürwortete eine Politik der indirekten Angriffe. Sie kritisierte jede offene Gefühlsäußerung und alle Versuche offener Rebellion gegen die herrschende Macht. Sie sagte, es sei nicht die chinesische Art … Meine Unzufriedenheit wurde größer. Der dialektische Kampf in unserer Familie entwickelte sich dauernd weiter.

Streitereien zwischen einem Vater und seinem ältesten Sohn waren ungewöhnlich. Sogar in Anwesenheit anderer geriet Mao in heftigen Streit mit seinem Vater – eine unerhörte Respektlosigkeit. In seinem Gespräch mit Snow sagte Mao über seinen Vater: »Ich lernte ihn zu hassen.«[11]

Maos sparsamer Vater arbeitete sich schrittweise hoch, kaufte anderen Bauern Land ab und konnte schließlich ein recht beträchtliches Vermögen von zwei- bis dreitausend chinesischen Silberdollars ansammeln. Die Mehrzahl der chinesischen Bauern lebte in schrecklicher Armut. Ganz allgemein war China im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert ein äußerst rückständiges, wildes und mittelalterliches Land. Der Kapitalismus steckte noch in den Kinderschuhen und hatte noch keinen großen Einfluss auf die Gesellschaft. Die kapitalistischen Unternehmen dieser Zeit wurden in Shanghai, Tianjin und Wuhan errichtet, weitab von Shaoshan. Nur in diesen wenigen Städten fand sich ein wachsender wirtschaftlicher Wohlstand. In den Dörfern ging das Leben so weiter wie seit uralten Zeiten. Die große Mehrheit der Bauern erwartete keine Vorteile von den Märkten. Im Herbst mussten die meisten von ihnen auch Teile des Getreides, das sie selbst benötigten, zu Tiefstpreisen an Profiteure wie Maos Vater verkaufen, um ihre Schulden bezahlen zu können. Im Frühjahr, wenn die Preise wieder gestiegen waren, mussten sie eine ähnliche Menge Getreide zurückkaufen, um nicht Hungers zu sterben, und erlitten bei diesen Transaktionen empfindliche finanzielle Verluste.[12] Die Armen und die ländliche Unterschicht, darunter Landstreicher, obdachlose Bettler und anderes Gesindel, die einen beträchtlichen Teil der Bevölkerung bildeten (etwa 40–45 Millionen der gut 400 Millionen Menschen zählenden Gesamtbevölkerung), waren den gewöhnlichen Geschäftsleuten und Händlern besonders übel gesinnt. Ein ganzes Zehntel der chinesischen Bevölkerung war arm und ohne Arbeit.[13] Das waren die Menschen, die Bauern wie Maos Vater verächtlich als tuhao (Grundherren) oder Blutsauger bezeichneten. Da es in den Städten nur wenige moderne Unternehmen gab, die den Arbeitswilligen einen Arbeitsplatz anbieten konnten, saß die große Masse der Bevölkerung in ihren Heimatorten fest. Zumindest einige von ihnen konnten dort Gelegenheitsarbeiten finden, vor allem in den Zeiten des Reispflanzens und der Reisernte. Aber die meisten hatten nicht so viel Glück. Horden zerlumpter und schmutzstarrender Menschen streiften über die Landstraßen und bettelten. Auf den Marktplätzen sah man häufig Bauern mit einem Schild, auf dem sie ihre kleine Tochter und gelegentlich auch ihren kleinen Sohn, die sie in einem geflochtenen Weidenkorb mitgebracht hatten, zum Kauf anboten.

Viele Bauern schlossen sich mafiaähnlichen Banden wie den Triaden an und beteiligten sich an Raubüberfällen auf die tuhao. Grausame Aufstände waren an der Tagesordnung, nicht nur in Hunan, sondern auch in anderen Provinzen.

Im kalten Winter 1906 steckte der gut 250 Kilometer von Shaoshan entfernte Bezirk Pingxiang tief in einem ausgedehnten Aufstand, den die Hongjiang-Gesellschaft (Wohlstandsgesellschaft) ausgelöst hatte, ein Zweig der mächtigen Hongmeng (Rote Bruderschaft), die in vielen Provinzen Süd- und Südostchinas verbreitet war. Besonders aktiv war sie an der Grenze zwischen Hunan und Jiangxi, zwischen Shaoshan und Pingxiang. Sie verfolgte das Ziel, die Qing-Dynastie zu stürzen, damit der Fremdherrschaft der Mandschus ein Ende zu setzen, die China Mitte des 17. Jahrhunderts erobert hatten, und die Ming-Dynastie wiederherzustellen, die davor geherrscht hatte. Die Mitglieder der Gesellschaft – der »Bruderschaft des Schwertes«, wie sie selbst sich stolz nannten – waren durch ein einzigartiges religiöses Ritual miteinander verbunden, das vor Uneingeweihten geheim gehalten wurde. Sie waren verpflichtet, einander in allen Lebenslagen beizustehen, und sie glaubten an den magischen Exorzismus der Daoisten und Buddhisten wie auch an Schamanismus und Hexerei. Sie übten sich in Kampfkünsten, weil sie der Überzeugung waren, eine Reihe physischer und spiritueller Übungen (wushu und qigong) machten sie unverwundbar.

Als die Hongjiang-Gesellschaft den Aufstand in Pingxiang auslöste, proklamierte sie offen ihre Ziele mit zwei Parolen: 1. »Stürzt die Qing und setzt die Ming wieder ein!« 2. »Vernichtet die Reichen und helft den Armen!« Gerüchte über den Aufstand verbreiteten sich rasch in den benachbarten Bezirken in Jiangxi und Hunan. Mit Säbeln, Lanzen und Schwertern bewaffnet, terrorisierten die Rebellen die umliegenden Bezirke, griffen die Häuser von tuhao an und plünderten die lieshen (wörtlich: die üblen Vornehmen), ein Ausdruck, den die armen Bauern für den reichen Landadel verwendeten. Sie machten sich mit dem Geld und den Vorräten der relativ wohlhabenden Bauern davon und feierten damit wilde Orgien. Einen Teil der geraubten Güter verteilten sie an die Armen. Nach zehn Tagen hatten Regierungstruppen den Aufstand niedergeschlagen, aber noch lange kam die einheimische Bevölkerung nicht zur Ruhe. Zhang Guotao aus Pingxian, der damals zehn Jahre alt war und später einer der Gründer der KPCH und Maos größter Rivale im Kampf um die Macht werden sollte, sympathisierte mit den Aufständischen, war aber dennoch entsetzt. Er erinnerte sich später an das Geschehen:

Auf der Straße kamen und gingen die Leute, manche mit leeren Händen, andere trugen Dinge bei sich – und alle in schweigender Eile. Aber wir drei Jungs sahen nichts Außergewöhnliches, als wir dort entlangtrotteten. Nach fünf li [ein li entspricht etwa 500 Metern] kamen wir an einen kleinen Laden, der den Wens gehörte … Der Ladenbesitzer warnte uns, allein weiterzugehen … Da er allein war und den Laden nicht verlassen konnte, um uns zu begleiten, schlug er vor, wir sollten etwas essen und über Nacht bleiben. Wir nahmen seine freundliche Einladung mit Freuden an.

Es muss um Mitternacht gewesen sein, als eine Horde schwerbetrunkener, mit Säbeln bewaffneter Männer uns aus dem Bett zerrte und in eine Ecke stellte …, die Säbel auf uns gerichtet. »Schneidet den Kindern die Köpfe ab und tränkt unsere Fahnen mit ihrem Blut!« rief einer. »An denen könnten wir gut unsere Säbel ausprobieren«, grölte ein anderer. »Bringt sie nicht um!«, meinten wieder andere. »Wir fesseln sie und bringen sie weg, dann können ihre Familien sie mit großen glänzenden Silberdollars freikaufen.«

Der Ladenbesitzer bemühte sich verzweifelt, uns zu retten. Er flehte, wir sollten zurück ins Bett dürfen, er bot ihnen Wein, Lebensmittel und alles an, was in seinem Laden war. Und weil er, wie wir später erfuhren, zu ihrer Bande gehörte, hörten sie auf ihn. Der Höllentanz ging noch eine Weile weiter, aber schließlich ließen sie von uns ab, und wir krochen zurück in die Schlafkammer. Als unsere Angst langsam nachließ, kehrten wir auch wieder ins Dorf des Schlummers zurück.[14]

Zu ähnlichen Rebellionen kam es auch an anderen Orten, darunter auch Changsha, die Hauptstadt der Provinz Hunan. In Shaoshan erhoben sich Mitglieder der Älterer-Bruder-Gesellschaft, und schon bald schlossen sich andere arme Bauern ihnen an. Sie forderten Hilfe von den reichen Bauern und setzten eine Bewegung in Gang, die sie Iss kostenlosen Reis nannten. »Mein Vater war Reishändler und exportierte trotz der Knappheit viel Getreide aus unserem Distrikt in die Stadt. Eine seiner Sendungen wurde von den armen Dörflern beschlagnahmt – seine Wut war unermeßlich. Ich hatte kein Mitgefühl mit ihm. Gleichzeitig dachte ich jedoch, daß die Methoden der Dorfbewohner ebenso falsch waren.«[15]

Die Rebellion wurde brutal unterdrückt. Ein neuer Gouverneur ließ die Anführer des Aufstands unverzüglich festnehmen, viele von ihnen wurden enthauptet, man steckte ihre Köpfe auf Pfähle und stellte sie zur Abschreckung zukünftiger Möchtegernrebellen zur Schau. Auch gegen die Ältere-Bruder-Gesellschaft in Shaoshan ging man mit Soldaten vor. Ihr Anführer wurde gefangen und enthauptet.

Hinrichtungen führte man in China öffentlich durch. Man steckte die Kriminellen in ärmellose Westen, auf denen in schwarzen Schriftzeichen »Bandit« oder »Mörder« stand. Die Hände wurden ihnen auf dem Rücken gefesselt, man fuhr sie auf einem offenen Karren durch die Stadt oder das Dorf, vorneweg Soldaten mit Gewehren oder Säbeln. Auf beiden Seiten des Zuges drängten sich die Menschen. Viele von ihnen begleiteten den Karren auf seinem gesamten Weg. Auf einem Platz, auf dem dichtgedrängt die Zuschauer standen, stießen die Soldaten der Eskorte den Verurteilten schließlich vom Karren. Einer von ihnen übergab seinen Säbel einem Kameraden, näherte sich dem Delinquenten, kniete vor ihm nieder und bat ihn um Vergebung für das, was er nun tun musste. Dieses Ritual ermöglichte es dem Verurteilten auch, sein Gesicht zu wahren, da man ihm einen letzten Rest von Respekt zollte. Der Delinquent musste sich auf den Boden knien, und der Soldat schlug ihm mit einem raschen Hieb den Kopf ab. Danach zerstreute sich die Menge. Das Dorfleben war recht langweilig, und so stieß das Schauspiel einer öffentlichen Hinrichtung auf echtes Interesse. Ganz besonders schätzte man es, wenn der Delinquent während der Prozession Tapferkeit bewies, indem er Lieder sang oder Parolen rief. Dann antwortete in der Menge sicher jemand: »Hao! Hao!« (Bravo! Bravo!)

Gewalt zeugte neue Gewalt. Solch ein Klima, solch eine Gesellschaft, in der menschliches Leben nichts wert war und die Menschen sich Tag für Tag plagten, um überleben zu können, in der Hoffnung, der Armut zu entkommen, prägten den Charakter Mao Zedongs, Zhang Guotaos und vieler anderer zukünftiger kommunistischer Revolutionäre. Der Bauernaufstand, so räumte Mao selbst ein, hinterließ in seiner Kindheit einen unauslöschlichen Eindruck bei ihm und beeinflusste ihn sein Leben lang.[16]

Nach Maos eigenem Bekunden hatten auch Werke der chinesischen Literatur, vor allem historische Romane über Aufstände, Erhebungen und Rebellionen gewaltigen Einfluss auf sein Weltbild und sein Bewusstsein. Immer wieder las er Bücher wie Die Lebensgeschichte des treuen Yu Fei, Die Räuber vom Liang-Shan-Moor, Der Aufstand gegen die Tang, Geschichteder Drei Reiche und Tsuan Tsangs Reisen in den Westen, Bücher, die von den Taten legendärer Ritter, Krieger und Abenteurer wie auch der Führer von Volksaufständen berichteten. Sie priesen die Ideale der Brüderlichkeit unter Kriegern und pflegten den Kult physischer Stärke. Ihre Helden riefen dazu auf, sich gegen die überkommenen Verhältnisse aufzulehnen.[17]

Maos Mutter betete vergebens zur Bodhisattva. Ihr geliebter Sohn wird nicht dem edlen heiligen Pfad des Allergnädigsten Buddha folgen, sondern den Weg des Blutes, der Gewalt und der Revolution einschlagen. Die Moralphilosophie des großen Humanisten Konfuzius wird ihn gleichfalls kaltlassen. »Ich kannte die Klassiker, liebte sie aber nicht«, gestand er Edgar Snow.[18] Schon in früher Kindheit, unter dem Einfluss seines despotischen Vaters, aufrührerischer Literatur und seiner Umgebung, gelangte er zu dem Schluss, dass offene Rebellion der einzige Weg sei, um seine Rechte zu verteidigen. Wer unterwürfig und gehorsam blieb, würde nur immer und immer wieder geschlagen.[19]

2. KapitelAn der Schwelle zu einer neuen Welt

Mao verließ die Schule mit dreizehn Jahren. Sein strenger Lehrer hatte harte Unterrichtsmethoden eingesetzt und seine Schüler oft geschlagen. Mao konnte diese Misshandlungen nicht länger ertragen, und sein Vater hatte nichts dagegen, dass er die Schule aufgab. »Ich wollte nicht, dass du ein xiucai wirst«, sagte er ihm und bezog sich dabei auf den untersten Abschluss, den man im kaiserlichen China durch die auf Bezirksebene abgehaltene Prüfung erlangen konnte. Die kaiserlichen Prüfungen[1] waren ohnehin schon abgeschafft, und es hatte keinen Sinn, dass er sein Studium fortsetzte. »Es gibt viel Arbeit zu erledigen, also komm nach Hause«, soll er gesagt haben.[1] Mao Yichang ging davon aus, dass sein Sohn sich um das Geschäft der Familie kümmern und insbesondere die Buchführung übernehmen würde, aber Mao wollte seine Studien auf eigene Faust fortsetzen. Das Lesen war ihm zu einer Leidenschaft geworden. Er verschlang alles, was ihm in die Hände kam, mit Ausnahme der klassischen philosophischen Texte. In der Regel las er nachts und verhängte das Fenster seiner Kammer mit einem blauen Tuch, damit sein Vater nicht den Schein der Öllampe bemerkte, bei deren Licht er las. Sein Vater geriet in Zorn, wenn er seinen Sohn mit einem Buch sah, selbst wenn Mao in seiner Freizeit las.

Um diese Zeit stieß Mao auf ein Buch, das sein Interesse an der Politik weckte. Es stammte von dem großen Reformer Zheng Guanying (auch unter dem Namen Zheng Zhengxiang bekannt) und trug den Titel Warnende Worte an ein wohlhabendes Zeitalter. Es war 1893 erschienen und ermahnte die Chinesen, »die Wissenschaft des Wohlstands und der Macht« zu studieren, das heißt, die Lehren der europäischen Industrialisierung für die Modernisierung Chinas zu nutzen. Darin sprach der Autor von der Notwendigkeit, im Reich der Mitte eine konstitutionelle Monarchie nach britischem Vorbild zu schaffen. Er wandte sich gegen die traditionelle konfuzianische Ordnung und warb für begrenzte bürgerliche Reformen zur Stärkung des Staates.[2]

Wenn wir die Rolle dieses Buches im Leben des jungen Mao verstehen wollen, müssen wir uns kurz die Situation im damaligen China vor Augen führen. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts befand China sich aufgrund der Aggression der entwickelten kapitalistischen Länder in einem Zustand halbkolonialer wirtschaftlicher Abhängigkeit. Die beiden Opiumkriege (1839–1842 und 1856–1860), der erste von England gegen China um die Durchsetzung freien Handels, der zweite von England im Bündnis mit Frankreich geführt, zwangen das Reich der Mitte zu ungleichen Verträgen mit den »behaarten ausländischen Teufeln«, wie die Chinesen die weißen Kolonialisten nannten. Der Sieger bemächtigte sich der Kontrolle über die chinesische Zollhoheit, und China verlor seine wirtschaftliche Unabhängigkeit. Ausländische Kaufleute wurden von den einheimischen Zollabgaben (lijin) befreit, die an den Grenzen zwischen den Provinzen erhoben wurden, was zu einer Benachteiligung der chinesischen Kaufleute führte. Die Ausländer sicherten sich das Recht, Niederlassungen in einer wachsenden Zahl von Häfen zu gründen, die für den Außenhandel geöffnet waren. Sie genossen das Recht auf Exterritorialität, das heißt, sie waren nicht der Rechtsprechung chinesischer Gerichte unterworfen.

Billige westliche Güter begannen die chinesischen Märkte zu überschwemmen und trieben Millionen von Handwerkern in den Ruin. Die Steuerlast stieg enorm an. Das in mehreren Kriegen besiegte China musste Entschädigungen an die Sieger zahlen.

Chinas Einbeziehung in die Weltwirtschaft führte zu einer tiefen wirtschaftlichen und sozialen Krise. Das Land wurde von einem gewaltigen Aufstand gegen die Mandschu-Herrschaft erschüttert, dem Taiping-Aufstand, an dem sich zahlreiche verarmte Bauern und Handwerker beteiligten. (Taiping bedeutet »Großer Friede«.) Der Anführer des Aufstands, ein aus einer ländlichen Region im südchinesischen Guangxi stammender Lehrer namens Hong Xiuquan, rief zur Gründung eines Himmlischen Reichs des Großen Friedens auf, das auf dem Grundsatz der Gleichheit basieren sollte. Von christlichen, insbesondere baptistischen und puritanischen Lehren inspiriert, behauptete Hong, Gott habe ihm in einem Traum offenbart, dass er der jüngere Bruder Jesu Christi sei. Das Himmlische Reich des Großen Friedens werde auf den Ruinen der korrupten Qing-Dynastie entstehen. Mit Feuer und Schwert sollten die Rebellen einen Weg zu idealem Frieden und idealer Gerechtigkeit bahnen und dabei nicht nur Mandschus ausplündern und töten, sondern auch tuhao und lieshen.

Mehr als zwanzig Millionen Menschen fanden in diesem Bürgerkrieg den Tod. Das Land geriet an den Rand des Zusammenbruchs, aber die Qing-Dynastie überlebte. Zwischen 1861 und 1894 bemühte sich der von der Kaiserinwitwe Ci Xi geführte Mandschu-Hof, unter dem Rubrum »Selbstermächtigung« eine Reihe von Reformen zum Aufbau des Staates durchzuführen. Ci Xi und ihr Geliebter, Prinz Gong, versuchten gemeinsam mit einflussreichen chinesischen Würdenträgern und Siegern über die Taiping-Rebellen, China zu industrialisieren und zu modernisieren, um das Land zu einer starken Militärmacht zu machen. Sie begannen, Industrieunternehmen, Waffenfabriken, Schiffswerften und Eisenbahnlinien zu bauen, moderne Universitäten zu schaffen und Zeitungen und Zeitschriften herauszugeben. Doch der Kapitalismus entwickelte sich in China nur sehr langsam. Obwohl der Staat sich formell nicht länger in die Privatwirtschaft einmischte, schränkten korrupte Staatsbeamte und lokale Bonzen weiterhin die Initiative einzelner privater Unternehmen ein, um Wettbewerb zu verhindern. Die meisten Industrieunternehmen befanden sich im Besitz staatsbürokratischen Kapitals und regionaler Oligarchen, deren mächtigste über eigene Privatarmeen verfügten. Von Anfang an war der Kapitalismus in China ein Monopolkapitalismus. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es kaum mehr als zwölf Millionen nichtlandwirtschaftliche Arbeitskräfte, von denen drei Viertel oder neun Millionen in Großunternehmen mit mehr als 500 Beschäftigten arbeiteten. Günstige Bedingungen für die Entwicklung kleiner und mittlerer Unternehmen blieben aus.

Fortschrittliche Patrioten, darunter Zheng Guanying, der die Selbstermächtigung unterstützte, kritisierten die monopolistische Wirtschaftspolitik hoher Mitglieder der Staatsführung. Sie rieten davon ab, kleine und mittlere Unternehmen zu behindern, traten für Reformen und in gewissem Maße sogar für radikale Reformen ein und sprachen sich gelegentlich auch für demokratische Ideen aus. Viele ihrer politischen Vorschläge betrafen die Notwendigkeit politischer und ökonomischer Reformen und einer Liberalisierung des rechtlichen wie auch des staatlichen Systems. Aber man hörte nicht auf sie, und das Reformprogramm scheiterte.