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Wie war es denn damals bei euch so in der DDR? Ja, wie war es? Wo fängt man an zu erzählen? Alles begann mit der Flucht und Umsiedlung meiner Eltern, die dann zufällig in der Magdeburger Börde gelandet sind. Sie lebten immer mit und in ihrer Vergangenheit, versuchten sich umzuorientieren, neu anzufangen, protestierten leise, unterstützten uns vier Kinder und fanden sich schließlich mit ihrem Schicksal in diesem Land ab. Ich wurde 1949 in die DDR hineingeboren und habe nichts anderes kennen gelernt.
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Seitenzahl: 372
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Vorwort
Flucht aus Ostpreußen
In der neuen Heimat
Ich habe mein Leben in der ehemaligen DDR Revue passieren lassen: Kindheit, Schulzeit, Studium und meine Arbeit als Lehrerin.
Bis zur Wende. Das ist jetzt lange Jahre her.
Wenn wir nach der Wiedervereinigung auf Reisen waren und Leute aus den alten Bundesländern trafen, wurden wir oft gefragt: Wie war es denn damals bei euch in der DDR, erzählt doch mal, dann möchte man gerne davon berichten.
Aber wo fängt man an? Wie viel Zeit und Geduld hat mein Gegenüber?
Was interessiert ihn wirklich?
Nun habe ich unser Leben in der ehemaligen DDR aufgeschrieben, so wie ich es erlebt und in Erinnerung behalten habe, denn Geschichte soll nicht vergessen werden…
Wenn es den Nationalsozialismus nicht gegeben hätte, wäre mein Leben anders verlaufen.
Dann wäre ich heute vielleicht in Ostpreußen zu Hause oder in der Pfalz.So wurde meine Heimat die Magdeburger Börde in der DDR.
Und weil die Zufälle in meinem Leben so präsent waren und ich mit drei Dialekten aufgewachsen bin und meine Eltern eine so große Rolle in meiner Entwicklung gespielt haben, habe ich mit dem Fluchttagebuch meiner Mutter aus Ostpreußen angefangen, das ich aufgehoben habe und dessen Tinte langsam am Verblassen ist.
Meine Eltern haben sich mit ihrem Schicksal in der DDR abgefunden, obwohl es ihnen schwerer gefallen ist als uns Kindern, die wir nichts anderes kannten.
Aber auch wir hatten alle unsere Träume im „Märchenland“.
Am 22. 1. 1945
fing unsere Fahrt ins „Blaue“ an. Um 14.30 Uhr starteten wir in Kalgendorf zum Flüchten, Frau Wilzewski mit ihren vier Kindern, dazu Dieter und Berndlein.
Der Anhänger und auch das Auto, in dem wir fuhren, waren mit Kleidern, Schweinefleisch, gebratenen Gänsen und Weckgläsern gefüllt. Tränenden Auges ging`s von Hause los.
Noch einmal sah man sich nach dem trauten Heim um, das man wahrscheinlich nie mehr wieder sehen wird. In Klausen hieß es: Halt! Die Straße war überfüllt. Also zurück über Kalgendorf - Dippelsee, Neuhof.
Unterwegs ging`s manchmal schlimm her. Der Wagen wollte nicht, und so musste stellenweise geschoben werden. Trecks über Trecks waren auf der Chaussee. Zwischen Pammern und Freiort waren wir aufgeschmissen. Der Wagen wollte nicht mehr.
Wir standen mutterseelenallein auf der Landstraße. Um uns ballerte es. Das Gefühl war nicht schön, und es wurde Abend.
Ein L.K.W nach dem anderen fuhr an uns vorbei. Mancher wollte uns schon anhängen, aber er hatte zu schwer geladen. Wir hielten auch jedes Auto an. Endlich, nach langem Warten und Weinen, kam ein Wagen und nahm uns mit. Ein Soldat setzte sich in unser Auto ans Steuer. Doch auch diese Herrlichkeit hatte bald ein Ende. Schon riß das so schlecht angebrachte Tau ab. Bums, da saßen wir vorne im L.K.W drin. Da war auch das geschehen. Der Kühler war kaputt.
Die Soldaten fuhren natürlich los. Ein Oberst, der gerade vorbei kam, war um uns besorgt, und wir mussten von anderen Autos, die ankamen, bis zum nächsten Dorf Freiort abgeschleppt werden. Aber das ging auch nicht gut, denn nach kurzer Zeit saßen wir wieder mit dem Kühler im L.K.W drin.
Wir waren dann doch endlich im Dorf angekommen. Wir wurden von der Wehrmacht, die gerade abrückte, in ihre Quartiere eingewiesen. Dort war es sehr schön warm. Doch der Russe saß uns auf den Hacken, und das Gefühl war nicht gerade sehr schön. Endlich nach langem Wachen verging die Nacht. Trecks zogen vorbei, aber kein Auto kam. Das Dorf war sonst vollkommen leer. Doch nur Geduld, bald kam ein L.K.W.
Wir baten die Soldaten, uns in Schlepp zu nehmen. Zuerst wollten sie das nicht, aber dann konnten sie es nicht übers Herz bringen, uns weinenden, bittenden Frauen allein zu lassen. Also taten sie es. Wir schnell die Kinder aus dem Bett genommen, angezogen und los.
Die Hälfte blieb natürlich im Haus liegen vor lauter Aufregung.
Unterwegs kamen wir an einem Verpflegungslager vorbei, das aufgeteilt wurde. Da gab`s herrliche Sachen! Kekse, Schokolade und anderes mehr.
Und so fuhren wir bis 9km hinter Rastenburg, Lamgarben. Unterwegs labten wir uns dann an der herrlichen Schokolade und den anderen Sachen, die uns die Soldaten gaben. In Lamgarben bekamen wir gleich Quartier beim Gutsinspektor. Zu Essen hatten wir genug mit. Ein Herd stand uns auch zur Verfügung. Aber etwas fehlte noch, nämlich, dass der Wagen wieder in Ordnung käme. Ein Oberfeldwebel nahm sich dessen sehr an, aber es fehlten Ersatzteile. Bis abends um halb elf arbeitete der arme Kerl daran, leider doch ohne Erfolg.
Am nächsten Tag zogen wir nach Rastenburg bis zum Opel-Geschäft. Und es war ein eisig kaltes Wetter. Teils ging`s zu Fuß, teils fuhren wir mit dem Schlitten. Wir kamen ins Geschäft rein und richtig, wir fanden alles. Kupplungsscheibe, neuen Kühler. Voller Freude zogen wir heim.
Doch nun kam der wunde Punkt: wer baut alles ein! Das tat niemand. Am nächsten Tag wollten es zwei Polizisten tun, die dort auch in Quartier lagen. Freudestrahlend und seelenruhig legten wir uns wieder auf die traute Lagerstätte, die sehr schön war. Aber so ruhig blieb es nicht. Es war im Haus ein einziges Hin- und Herlaufen.
Um 22.30 Uhr kam der Quartierwirt zu uns rein und sagte, dass die Brücken in kürzester Zeit alle gesprengt werden würden. Wenn wir noch rüber wollten, sollten wir es sofort tun.
Nun Hals über Kopf!. Das Nötigste wurde eingepackt. Alles war noch schön mit Draht im Anhänger angebunden. Das ging alles so „wunderschön“ ab. Endlich hatte ich den Kinderwagen runter. Dann ging das Aufschnüren los. Nun wurde alles auf die Erde geworfen und das Hauptsächlichste rausgesucht. Auf die Sachen wurde Berndlein in den Kinderwagen gelegt. Dieterlein, der noch richtig schlaftrunken war, wollte gar nicht laufen. Aber als wir ein Stück so gegangen waren, hatten uns Soldaten auf ihren Pferdewagen genommen. So ging`s schon besser. Nur schrecklich kalt war es. Aber die Soldaten sorgten sehr für uns.
Die Fahrt begann am 27. 1. gleich nach Mitternacht und dauerte furchtbar lang. Die Nacht wollte gar nicht vorübergehen. Endlich wurde es hell. Doch bis Bartenstein war noch ein ganzes Stück zu fahren. Meine größte Angst war es, daß die Kinder erfrieren könnten. Der Kinderwagen stand ganz oben. Aber die Soldaten hatten einige Decken rüber gedeckt.
Bernd sagte die ganze Zeit keinen Ton. Öfter fasste ich dann rein und glaubte ihn schon erfroren. Aber wie froh war ich, als er noch warm war und schlief. Dieter lag in Betten, die Wilzewskis mit hatten.
Um halb drei nachmittags waren wir endlich vor Bartenstein, hungrig und durstig und sehr durchgefroren. Als der Treck vor der Stadt hielt, gingen wir runter und zogen in ein Gutshaus. Gerne wollten uns die Leute nicht aufnehmen, aber sie sahen ja unsere Not.
Erst wurde Bernd gefüttert. Vom vorigen Abend 7 Uhr hatte er nichts mehr gegessen und getrunken. Auch Dieter mundete das trockene Brot an seinem 4. Geburtstag sehr gut.
In dem Raum fühlten wir uns aber nicht wohl, wie in einem Altersheim. Dort wurde nur geflucht und geschimpft. Es waren furchtbar ordinäre Leute drin. Und das Lager auf der Erde ohne Stroh war auch nicht schön.
Am 28.1.
machten wir uns daher auf. Wir wollten nach Heilsberg zu unserem Papi. Doch als wir auf den Markt kamen, wurde durch Lautsprecher bekannt gegeben, dass alle Flüchtlinge Richtung Landsberg fahren sollten. Und Wilzewkis waren auch nicht zu bewegen, nach Heilsberg zu fahren. So zogen wir also auch mit dem Flüchtlingsstrom mit.
Die Autos waren alle voll. Wir konnten alle nicht mehr weiter, der Frost steckte uns noch zu sehr in den Gliedern, aber wir mussten es ja. Und da hatten wir wieder Glück gehabt. Ein leerer L.K.W. nahm uns mit, der wurde aber auch bald voll. So fuhren wir los.
Auf dem Auto lagen Pelzfußsäcke und Pelzjacken, die wir benutzen durften. So war es ganz schön warm. Wir fuhren und fuhren und kamen nicht zum Ziel. Und der Fahrer fuhr wie ein Wilder, der hakte überall an, wo es nur ging, sei`s am Treckwagen oder am Baum. Wir sahen uns schon mal in den Abgrund stürzen. Aber alle atmeten auf, als es hieß: Landsberg. Mittlerweile war es auch dunkel geworden. Wo der Mann mit uns rumgefahren war, wussten wir nicht, denn es war doch gar nicht so weit! Wir suchten uns gleich ein Quartier. Es war ein sehr schönes Zimmerchen mit Küchenbenutzung. Wir wohnten da mit noch zwei älteren Damen und deren beiden Töchtern.
Dort war es unsere größte Sorge, unsere Angehörigen unter den vielen Flüchtlingen zu finden, die durchkamen. Aber leider!
Weniger schön war das Anstehen nach Brot und Fleisch. Stundenlang stand man da. Wenn`s gut ging, bekam man ein halbes Brot, andernfalls hieß es nach zwei bis drei Sunden Wartezeit: Brot ist ausverkauft. Sonst war das Leben dort ganz erträglich, denn das Zimmer war warm.
Am 1.2.
zogen wir aber auch von dort los, denn der Russe war uns wieder nachgekommen. Wir gingen an die Wegkreuzung und warteten, dass uns jemand mitnehmen sollte. Aber alles war schon überfüllt. Vorher kam noch Frau Wyludda mit Norbert zu uns. Die zogen dann mit Wilzewskis zu Fuß los. Ursel ließen sie mir im Glauben, dass wir mit dem Auto wegkommen würden. Aber es war nichts zu machen.
So blieb uns nichts anderes übrig, als zu Fuß loszugehen, und es regnete so schön. Dieter konnte nicht mehr laufen und so nahm ich ihn dann auf den Kinderwagen rauf. Ursel konnte ebenfalls nicht mehr weiter. Aber wir mussten weg. Als wir etwa 6 km gegangen waren, konnte Ursel nicht mehr weiter. Wir gingen zu einem Gut, das dicht an der Straße lag; aber da war auch alles überfüllt. So waren wir gezwungen weiter zu marschieren. Zu Essen hatten wir gar nichts, das war furchtbar. Auf der Landstraße verfrachtete ich Ursel und Dieter dann auf einen Wehrmachtswagen. Ich selbst wollte mit dem Kinderwagen daneben gehen. Da fuhr ein L.K.W vorbei. Ich traute meinen Augen nicht, er war leer. Ich lief schnell hin, um den Fahrer zu fragen, ob er uns mitnehmen könnte. Er fuhr aber nur fünf Kilometer; aber besser wie gar nichts. Also, alle rauf! Er fuhr zu einem Gut. Dort blieben wir dann auch zur Nacht. Es gab Milch für die Kinder und heißen Kaffee. Das tat gut. Ein Stück Brot bekamen wir von Leuten, die noch mit uns in einem der netten Zimmerchen lagen.
2.2.
Mit Angst und Bangen warteten wir darauf, von der Wehrmacht weiter mitgenommen zu werden. Sie taten es auch und wir fuhren bis Lindenau mit. Unterwegs kamen ca. 20 russische Flieger, taten uns aber wie zum Glück nichts, sondern bombardierten ein anderes Ziel.
Erleichterten Herzens fuhren wir weiter; dabei überholten wir unsere Kalgendorfer: Mrozas, Litt-wins, Wilzewskis und vor allem Opa.
Leider fuhren die Wehrmachtsautos weiter, und wir mussten mit. In Lindenau übernachteten wir in einem Insthaus. Dort lagen wir mit Soldaten und Volkssturmmännern in einer Stube zusammen. Wir bekamen sogar ein Bett, während die anderen auf der Erde lagen, es war aber warm. Das war die große Hauptsache. Und Abendbrot machten uns die Leute auch: Bratkartoffeln und Milchsuppe. Da wir kein Stück Brot hatten, war das ein Hochgenuß. Schlimm war es mit Ursel, die doch nicht alles essen durfte. Morgens gaben uns die Soldaten Brot, Butter und Marmelade und noch ein halbes Brot mit. Da war wieder Land.
3.2.
Wir sahen uns immer nach unseren Leuten mit dem Treck um, aber es war nichts zu sehen. Lasarcziks lagen uns gegenüber in einem Haus, wovon wir aber nichts wussten. Der Iwan ließ uns auch nicht in Ruhe. Dicht hinter unserem Haus setzte er eine ganze Menge Bomben ab. Dann fuhren wir mit den Volkssturmmännern mit dem Wagen Richtung Braunsberg. Unterwegs bekamen wir von einer Feldküche schönes Mittagessen. Das hat vielleicht geschmeckt!
Die Fahrt verlief sonst ganz gut, nur die Flieger waren dauernd in der Luft. Aber wir hatten Glück gehabt. Unterwegs bot sich uns bei Vogelsang ein grauenvolles Bild. Auf der Chaussee sah man große Blutlachen, dazwischen tote Pferde, kaputte Wagen und Leichen. Auf der Bahnstrecke ließ sich ein Mann überfahren. Ja, der Verzweiflung waren wir alle nahe!
Gegen Abend waren wir in Braunsberg. Dort suchten wir uns ein Quartier. Es ging ja nicht sehr schnell, aber wir fanden dann endlich ein kleines Stübchen, leider ganz unterm Dach. Doch ein Gutes hatte es: Wir wurden von den Leuten sehr gut verpflegt, dazu war im Haus noch die Heeresbäckerei. Also mangelte es auch nicht an Brot.
4.2.
Dieser Tag verlief sonst ganz ruhig. Nur mittags ging`s mir bald schlecht. Während ich zum Markt Nachrichten hören ging, kamen russische Flugzeuge mit Bomben und Bordwaffen.
Ca. 50 Meter von mir entfernt hauten ein paar Bomben rein. Es gab wieder Tote und Verwundete. Als der schlimmste Bomben- und Bordwaffenhagel vorüber war, konnte mich nichts mehr halten. Ich lief schnell zu den Kindern, die vor Angst alle in die Toilette geflüchtet waren.
5.2.
Da begann der Russe schon gleich morgens mit seiner Arbeit. Um 8 Uhr mussten wir bereits in den Keller Und das dauerte bis 17 Uhr. In einer Tour flogen die Bomben, die dicken Kellerwände bebten immer. Manchmal dachte man, das letzte Stündlein hätte geschlagen. Im Nebenhaus gab`s einen Volltreffer, natürlich Verwundete und Tote.
Wir saßen alle wie die Mäuschen und wagten uns nicht zu rühren.
An diesen Angriff werde ich mein ganzes Leben denken.
Abends, als wir in unser Zimmer zurückkehren wollten, hieß es: alles raus, in dieser Nacht ist mit einem Großangriff mit Phosphorbomben zu rechnen. Das wollten wir nun nicht auch noch erleben.
Wir ließen die vorbereiteten Bratkartoffeln stehen, zogen uns schnell an und zogen los. Da hatte ich noch Wäsche eingeweicht, die nun natürlich stehen blieb. Über die Trümmer und Schutthaufen ging`s. Man kam kaum weiter. Auch weiterhin war der Weg sehr schlecht. Dieter konnte nicht mehr laufen, so musste ich ihn wieder auf den Wagen packen.
Und dann die Löcher im Weg! Manches Stück musste er noch laufen, denn es ging nicht anders. Um 23 Uhr waren wir in Passarge. Vor uns lag das Haff, und wir gingen nicht gerne rauf.
Im Ort wäre Dieter bald weggekommen. Die Kinder hatten Durst gehabt.
Während ich ihnen etwas zu trinken besorgen wollte, ist er weggelaufen. Nach langem Suchen und Jammern fand ich ihn dann ein ganzes Stück weiter vorn weinend und suchend. Es war ein furchtbarer Augenblick, als er weg war. Und Wasser bekam ich trotzdem nicht für die Kinder, denn die Leute dort gönnten uns nicht mal einen Schluck Wasser. Wir gingen nun kurz vor Mitternacht mit gemischten Gefühlen auf das Haff.
6.2.
Als wir erst drauf waren, schwand auch die Angst. Es ging ganz gut.
Dieter musste ich wieder fahren. Ein Kilometer nach dem anderen wurde runtergerissen. Wir konnten alle nicht weiter, aber wir mussten ja.
Stellenweise war das Eis sehr mürbe und wir mussten vorsichtig sein. Am Tage vorher hatte der Russe auf dem Eis fürchterlich gehaust. Tote Pferde, Wagen und tote Menschen lagen auf dem Eis. Man ging durch Blutlachen. Es waren auch große Bombenlöcher, wo viele Fuhrwerke einbrachen. Endlich, endlich waren wir um halb sieben wieder auf festem Land. Wir suchten zuerst nach einem Quartier, machten den Kindern etwas zu essen und legten uns schlafen. Das tat gut. Wir wussten gar nicht, wie wir eingeschlafen sind nach den großen Strapazen.
Aber das Haus dröhnte von den Abschüssen unserer Schiffsartillerie, die Marienburg beschossen hat.
So zogen wir am Nachmittag weiter nach Kahlberg. Aber das war ein Weg! Lauter Löcher und die noch voll Wasser. Wir konnten alle nicht mehr weiter. Erst hieß es: es sind noch 2 km bis Kahlberg. Nachdem wir schon ein paar Stunden gegangen waren, ein Stück weiter waren, waren es noch 3 km, und als wir die runter hatten, waren es noch 5 km.
Da riß uns bald die Geduld. Bald war die schöne Zeit des Fahrens für Dieter zu Ende, denn es wurde dunkel, und ich konnte den Steg kaum sehen. So stapfte er auch tapfer mit uns durch den Dreck. Wäre Bernd nicht gewesen, hätten wir vor lauter Müdigkeit im Wald übernachten müssen. Die Arie schoß über uns nach Kahlberg. Ursel verlor ihre Handtasche mit Papieren, Spritze und allem. Ich fand sie schließlich nach langem Suchen, und dann ging der Leidensweg weiter.
Endlich waren wir um 21 Uhr in Kahlberg. Quartier sollten wir in der Schule bekommen, doch wir wandten uns an die Soldaten, die nahmen uns freundlich in einem Hotel auf.
Das Zimmer war klein und eiskalt. Aber wir zerschlugen gleich zwei Kisten und wärmten uns am heißen Ofen. Unsere Stube war nun auch voller Flüchtlinge, denn jeder wollte es warm haben. Nur mit dem Essen für Bernd war es schlecht. Brot hatten wir noch etwas, aber nichts dazu. So aß er auch sein Brotchen mit Butterschmalz, und wie gierig war er dabei! Nachts war es aber ordentlich kalt und ich musste ein paar Mal aufstehen, um das Feuer frisch anzufachen. Wir waren froh, als der Morgen da war.
7.2.
Gleich lief ich früh los, um für Ursel für Insulin und Spritze zu sorgen, da sie beides nun doch noch verloren hatte. Vom Feldlazarett zum Privatarzt usw. Und alles umsonst! Ich konnte nichts bekommen. So zogen wir dann zur Polizei los, die uns auf Fahrzeuge verfrachten wollte. Wir wurden auch auf einen Treckeranhänger geladen. Und ab ging die Fahrt.
Aber nach ein paar Kilometern sagte der gute Fahrer, er hätte kein Benzin, müsste erst welches besorgen, das dauert bestimmt einen Tag.
So mussten wir dann wieder mit unserem guten Kinderwagen losschieben. Dieter saß auch teilweise oben. Als wir ca. einen Kilometer gefahren waren, ging ein Rad vom Wagen kaputt. Nun war guter Rat teuer. Wir fuhren erst auf drei Rädern weiter. Das Wetter war so herrlich, aber es war furchtbar schwer. Der Pelz wurde lästig, man kam ins Schwitzen. Doch Glück muß der Mensch haben. An der nächsten Ecke stand ein kaputter Kinderwagen, der hatte zum Glück noch ein Rad dran. Also umgewechselt, es passte! Nun weiter.
Als wir an einer Wehrmachtsstreife vorbeikamen, ließen wir uns auf ein Fuhrwerk verfrachten. Es war sehr eng. Fluchen und Schimpfen überschüttete uns von den Frauen, mit denen wir fuhren. Aber wir waren stur. Und das war eine Fahrt. Lauter Löcher, und es ging ziemlich schnell. Ich hatte alle Mühe, den Kinderwagen oben zu halten. Meine Kräfte versagten fast. Am Abend kamen wir endlich in ein Dorf. Dort wollten wir übernachten. Wir kamen in eine Jugendherberge. Am nächsten Tag sollten wir wieder mit demselben Wagen weiterfahren. Wir legten uns auf die Erde und schliefen. Ursel gefiel mir gar nicht. Sie sah furchtbar aus. Berndlein bekam noch Haferschleimsuppe. Wieder aß er es so gierig. Und wir hatten auch noch ein Stück Brot.
8.2.
Ich stand ganz früh auf und lief im strömenden Regen zur Sanitätsstelle, um für Ursel zu sorgen. Leider hatten die nichts. So mussten wir bis zur nächsten Stelle. In dieser Herberge wurde mir mein einziges Kleid und Sachen von Dieter und Bernd aus dem Kinderwagen gestohlen.
Ich verfrachtete Ursel und Dieter auf einen Wagen, und ich fuhr mit Bernd im Kinderwagen wieder nebenbei.
Bei der nächsten Sanitätsstelle, die 2 km entfernt war, gingen wir rein, und Ursel bekam ihre Spritze. Dort bekamen wir alle noch Nudelsuppe und Bernd vom Arzt viele Kekse.
Nun ging`s weiter. Die beiden hatte ich wieder auf einen Wagen verfrachtet. Ich hielt mich am Wagen fest und zog hinter mir noch den Kinderwagen. Das waren 7 km. Und wieder ein Hundsweg. Lauter Löcher mit Wasser gefüllt. Endlich kamen wir in Stutthof an. Aber meine Füße waren ganz naß. Wir kamen ins Auffanglager. Das war das Richtige!
Unten Pferdedung, darauf etwas Stroh. Gott sei Dank verging die Nacht auch. Wir lagen in Fabrikhallen und es war gar nicht verdunkelt. Die Flieger brummten über uns, und unsere Fenster waren ganz hell erleuchtet.
9.2.
Gleich morgens ging ich mit Ursel zum Arzt.
Danach haben wir uns gleich ein ordentliches Stück Wurst gekauft. Marken hatten wir ja genug gehabt. Und das hat geschmeckt nach langer Zeit. In einem Haus haben wir noch Mehlflinsen gebacken. Und Bernd hat gegessen! Der konnte nicht genug bekommen.
Dann gingen wir in die Stadt und wollten weiterfahren, als ich Herrn Lasarczik auf der Straße sah. Ich wusste nicht, was ich vor Freude anfangen sollte. Ich erfuhr, dass auch Frau L. da war. Die lag krank. Dort blieben wir dann gleich zur Nacht.
10.2.
Wir fuhren mit dem Dampfer nach Danzig.
Nachmittags kamen wir in Heubude an. Ursel ging es dermaßen schlecht, dass ich dort gleich mit ihr zum Arzt musste. Der schickte sie sofort ins Krankenhaus. Wir kamen zuerst in ein Hotel. Dort bekamen wir Milchsuppe und Brot. Gelegen haben wir auf Matratzen auf der Erde. Es war ganz gut, nur ziemlich kalt.
11.2.
Die Betreuerinnen suchten sich vernünftige Leute aus, um sie in Privatquartiere zu bringen. Darunter waren wir nun auch. Lasarczik kamen zu Familie Weinstein, ich mit den Kindern zu Sylvester. Nun fing ein geregeltes Leben an. Doch Berndlein gefiel mir nicht. Wir konnten uns ordentlich bereinigen und schliefen sogar in Federbetten.
12.2.
Bernd begann zu fiebern, aß nicht und weinte immer. Es machte mir große Sorge.
13.2.
Gleich morgens ging ich zum Arzt. Der verschrieb etwas. Er kam am Nachmittag und sagte, daß das Kind sehr gefährdet sei, es hätte eine schwere Lungenentzündung. Ich müsste mit allem rechnen.
Aber der Glücksengel begleitete ihn, so kam er durch und erholte sich zusehends.
Die Tage vergingen wie im Fluge. Es war eine schöne Zeit. Wir gingen ins Kurhaus Mittag essen, aßen abends meist Kartoffeln und sparten so Brot, das sehr knapp war. Berndlein wurde immer munterer. Dieter und ich fuhren auch mit der Straßenbahn nach Danzig, um Opa zu suchen, fanden ihn aber nicht.
24. 2.
Ich war nachmittags gerade beim Abwaschen, als es klingelte. Herr Sylvester kam zu mir rein und sagte, dass Vater da wäre. Ich wusste im Augenblick nicht, ob es Traum oder Wirklichkeit wäre. Aber richtig, er war es mit Wilzewski und Lothar. Das Glück war unbeschreiblich. Die beiden fuhren in ihr Quartier nach Danzig zurück, und Opa blieb bei uns.
Wir gingen noch zu Lasarczkis, und die waren nicht wenig erstaunt.
25. 2.
Wir fuhren noch nach Danzig in Opas Quartier, holten seine Sachen, und er blieb dann bei uns in Heubude, wo wir herrliche Tage verlebten.
7.3.
Am Nachmittag fuhr ich mit Frau Lasarczik zu Zeisigs nach Zoppot. Doch nun hörte das schöne Leben auf.
9.3.
Da war ein ganz schöner Angriff auf Danzig. Etwas bekam auch Heubude ab. Diese Angriffe wiederholten sich immer.
25. 3.
An diesem Tag war es besonders schlimm. Da schoß auch die russische Arie schon nach Heubude rein.
26. 3.
Wir entschlossen uns, rauszugehen und zogen in aller Frühe nach Neufähr los. Geschlafen hatten wir nur noch im Keller. Die Kinder waren auch ganz ängstlich geworden. Sobald es krachte, raffte Dieter seine Sachen zusammen. Bernd kam auch wenig zum Schlafen, denn entweder war der Krach draußen, oder im Keller, wo so viel Menschen waren.
Der Gang nach Neufähr war ja auch entsetzlich. Über uns immer die Flieger, die ihren „Segen“ abwarfen. Die Ariegeschosse sausten auch immer um unsere Köpfe. Aber es ging noch gut. An dem Tag war es noch ziemlich warm, und wir schwitzten wie die Affen. Dieter hatte alle Kleiderchen an, die er besaß. Er half so tapfer, ohne ein Wort der Klage.
In Neufähr nahm uns eine Familie ins Zimmer rein. Und dort wurde bombardiert, immer die Hauptverkehrsstraße, die zum Glück ein Stück von uns weg war. Aber einige Bomben fielen auch dicht an uns.
Um dreiviertel Fünf gingen wir dann zur Werft und wollten mit dem Schiff losfahren. Da war die Hölle los! Dauernd wollten die Flieger auf uns Bomben abwerfen, trafen aber nicht einmal. Eine Welle kam nach der anderen, und das hörte gar nicht auf.
Wir lagen immer auf der Erde. Rings um uns brannte alles. Von Danzig war nur Qualm zu sehen. Dieter warf sich immer selbst hin, wenn die Flieger über uns waren und die Bomben auslösten. Und Berndlein zuckte immer zusammen und weinte.
Ein Dampfer nach dem anderen wurde voll und fuhr los.
Aber bis wir mit dem Kinderwagen hinkamen, waren die anderen schon vor. Endlich kamen wir dann auch auf einen Dampfer rauf. Wir störten uns nicht mehr um die Flieger, die nun auch nicht mehr so wild waren.
Uns führte ein Mann gleich nach unten in eine Kajüte, wo Betten standen. Die Kinder legte ich gleich rein, die schliefen auch sofort ein.
Um halb Acht fuhren wir im Bombenhagel los. Das Glück war bei uns, denn keine Bombe traf.
27.3.
Um 3 Uhr früh kamen wir auf Hela an. Wir blieben bis zum Morgengrauen in einem Wald. Danach kamen wir in ein Quartier in die Stadt. Zwei Nächte blieben wir da. Und die Flieger fanden uns auch dort. Aber es ging immer gut.
Am 28.3
wurden wir von der Wehrmacht, die das Haus beschlagnahmt hatten, rausgewiesen.
Aber die Soldaten, die reinkamen, waren sehr nett und behielten uns bei sich, solange wir bleiben wollten.
Aber unser Ziel war ja nicht Hela. Wir wollten weiter.
Am Abend gingen wir wieder zum Hafen. Alle Leute kamen zurück und sagten, dass das Schiff wegen Nebel nicht auslaufen kann. Ich ging aber trotzdem hin und ließ die anderen auf der Straße warten.
Nach langem Hin und Her kam es dann schließlich so weit, dass wir doch noch nachts bis zum großen Schiff fahren sollten. Ich im Dauerlauf zurück und unsere Leute geholt!
Wir kamen dann auch gut auf ein kleines Schiff rauf. Dann ging`s los. Des tollen Nebels wegen konnte es das große Schiff, mit dem wir weiterfahren sollten, nicht finden. Es wurden immer Signale gegeben und es war dadurch furchtbar laut. Berndlein zuckte bei jedem Blasen zusammen. Er konnte sich gar nicht beruhigen.
Es dauerte ziemlich lange, bis wir am großen Schiff ankamen.
Dann ging das Umladen los. Wir gingen längs einer Leiter hoch. Den Kinderwagen mit Bernd drin brachten zwei Matrosen rauf. Ich hatte große Angst, als er so in der Luft schwebte.
Nun waren wir endlich oben! Der Platz, den wir bekamen, war nicht toll. Aber wir standen ja auch noch lange.
28.3.
Am Nachmittag gab`s noch den Segen von oben, aber nichts traf unser Schiff. Um 18 Uhr fuhren wir erst los. Dann kamen wir in eine Kabine. Dort war es sehr warm, und die Kinder konnten sogar in einem Bett schlafen, das da drin stand. Wir saßen dann auf Stühlen und auf unserem Gepäck. Verpflegung gab es ganz wenig. Dörrgemüse und nochmals Dörrgemüse, dazu noch mit ungekochtem Wasser. Milch gab`s keine für die Kinder, so musste Berndlein schwarzen Kaffee trinken und trockenes Brot essen. Die Schiffahrt war sonst ruhig. Es sah abends wunderbar aus, wenn man oben stand. Die Begleitschiffe waren immer treue Wächter unseres Schiffes, das ca. 10 000 Menschen an Bord hatte.
31.3.
Am Vormittag kamen wir gut in Kopenhagen in Dänemark an. Wie gefährdet wir manchmal unterwegs waren, haben wir erst hinterher erfahren. Nun mussten wir unser schönes Zimmerchen verlassen, denn es kamen Matrosen wieder rein. Wir kamen in einen anderen kleinen Raum, der sehr überfüllt war. Man dachte dort, sich totschwitzen zu müssen. Ostern über blieben wir auf dem Schiff. Gemerkt haben wir aber nichts von dem Fest.
4.4.
Endlich, endlich wurden wir ausgeladen. Wir kamen gleich in einen Zug rein.
Dort gab`s Verpflegung und auch reichlich. Jeder hatte seinen Platz.
Abends kamen wir an eine Fähre und mussten übergesetzt werden.
Nach anderthalb Stunden kamen wir wieder auf festen Boden. Doch dann war es nicht so schön. Es waren Viehwagen und wir mussten da rein. Aber was war es da ungemütlich. Da waren auch Sechsbeiner vertreten!
Ich hielt es nicht aus und ging mit Bernd raus, der sehr den Durchfall hatte. Ich sagte das einem Unteroffizier und der brachte mich dann in einen Wagen 2. Klasse. Junge Mädchen mussten zusammenrücken, und ich holte Vater, Frau Lasarczik und Dieter. Da saßen wir sehr schön. Die Verpflegung war ausgezeichnet. Es gab so reichlich Brot, Leberwurst, Kekse für die Kinder und auf jeder Haltestelle etwas Warmes.
Oft mussten wir unterwegs lange stehen, denn die Schienen waren an manchen Stellen gesprengt.. Es dauerte dann ziemlich lange, bis alles in Ordnung kam
6.4.
Nun hatten wir unser Ziel erreicht. Im Morgengrauen waren wir in Ringköbing. Wir wurden in Baracken untergebracht. Es gab gute Verpflegung, auch Milch, Weißbrot und Eier für die Kinder.
Die Soldaten bekochten uns. Jetzt, wo man in Ruhe hätte leben und die Kinder pflegen können, kam es anders. Das große Kindersterben begann.
10.4.
Und es hat auch unser Berndlein nicht verschont. morgens noch ziemlich munter, nachmittags tot. Er wurde nicht einmal 1 Jahr alt.
13. 4.
Er wurde mit noch vier anderen Kindern zur letzten Ruhe gebettet. Er hatte einen schönen weißen Sarg. Wir durften damals noch rausgehen, bekamen pro Tag eine Krone, und so konnten wir das Grabchen schön mit Blumen schmücken. Es war eine furchtbare Zeit.
Als wir vom Friedhof kamen, waren schon wieder zwei Kinder gestorben.
Es blieb nicht viel übrig von den Kleinen. Es kamen traurige Tage und Wochen.
Gerne wurden wir in der Stadt von den Dänen auch nicht gesehen.
Als Deutschland dann die Waffen niederlegen musste, war es auch mit unserer Freiheit aus. Wir waren nun Internierte.
Vor das Tor wurden dänische Posten gestellt, und wir saßen hinter Stacheldraht. Zum Friedhof durften wir nur in Begleitung einer Person mit der Armbinde gehen, zum Schluß sogar noch von einem dänischen Posten mit aufgepflanztem Bajonett begleitet. Das war uns sehr schwer, denn wir wollten ja nur unsere lieben Angehörigen besuchen, keine Absicht gehabt, irgendwie auszurücken oder jemand etwas zu tun, wehrlos wie wir waren.Zu allem Unglück bekam Dieter auch noch den Keuchhusten, der sehr lange anhielt.
Eines schönen Tages war großes Leben und Treiben in den Baracken.
Wir mussten alle raustreten, dänische Polizisten stellten sich vor die Baracken. Dann gingen sie in die Zimmer und durchsuchten unsere Sachen. Bei uns wurde Leibesvisitation gemacht.
Danach gingen wir in unsere Zimmer, wo die Polizei schon am Werk war.
So manches Stück wurde weggenommen. Aber das Leben ging weiter, in der Hoffnung, recht bald die Freiheit zu bekommen.
Aber das Warten dauerte noch lange. Die einzige Abwechslung war, dass wir zu unserem Bernd auf den Friedhof gehen durften. Manche Dänen waren auch rührend. Wie viel schöne Blumensträuße schenkten sie uns.
Auch manch eine Mohrrübe bekamen die Kinder, oder etwas anderes zum Essen. Aber das musste alles ganz heimlich geschehen.
Einmal hatte ich das Glück, mit dem Lastauto ins Lager Lodberghede zu fahren. Das war wie ein Geschenk Gottes! Nun munkelte man immer, dass wir wegkämen.
8.8.
Es war Wirklichkeit geworden. Mit Sack und Pack und tränenden Auges zogen 74 Mann hoch in Richtung Borris. Denn nun konnten wir unsere Lieben auf dem Friedhof nicht mehr besuchen.
In Borris kamen wir in neu gebaute Baracken. Wir waren 22 Personen drin. Zuerst kam es uns ganz komisch vor, dazu noch das Regenwetter.
Aber allmählich gewöhnten wir uns auch daran. Es gefiel uns von Tag zu Tag besser. Wir durften sogar allein auf die Heide gehen.
15. 8.
Die Dänen gefielen uns auch gut, denn sie fuhren uns mit dem Lastauto nach Ringköbing zu unseren Gräbern. Unterwegs hatten wir noch eine Reifenpanne. Das Pech wollte es, dass der Fahrer kein Reserverad mit hatte. So kam ein anderes Auto, um uns weiter zu bringen.
In Ringköbing wurden wir von unseren alten Kameraden, die ja nicht alle mitkamen nach Borris, recht herzlich begrüßt. Leider hatten wir nur eine Stunde Aufenthalt, so daß alles Hals über Kopf ging. Aber trotzdem freuten wir uns, daß wir hinfahren konnten.
Man gab uns noch ordentlich viel Brot mit, und so ging`s wieder zum Städtele hinaus. In Borris ging`s dann den alten Gang weiter. Bei schönem Wetter lagen wir im Wald, oder saßen am Fluß und sahen den Anglern zu.
24.8.
Gleich morgens musste ich schon der Hebamme Hilfe leiste.
Schön war es nicht, aber auch das ging vorbei, und die Erika Tolkemitt kam an.
1.9.
Nun hieß es wieder Abschied nehmen. Unser Ziel war Rom.
Da gab`s zu packen.
3.9.
Morgens um halb Acht starteten wir bei herrlichem Wetter in Lastautos. Mittags kamen wir in Rom an. Der erste Eindruck war der beste. Darüber zu sprechen ist sinnlos. Schlimmer konnte es nicht sein.
8.9.
Opa musste mit geschwollenem Fuß ins Krankenhaus. Ich war darüber glücklich, da hatte er wenigstens Ruhe. In unserem Zimmer war es nämlich furchtbar! Da war eine Frau mit fünf Kindern. Alle hatten sie Krätze, Läuse und gebrauchten die ordinärsten Schimpfwörter. Es war die Hölle auf Erden!
7.9.
Opa kam aus dem Krankenhaus und erlebte noch alles mit. Doch ein bißchen Glück muß der Mensch haben, und wir bekamen diese schlimme Familie raus.
25.9.
Bagunskis zogen mit Tollkemitts zu uns ein. Nun begann ein neues Leben.
26.9.
Ich hatte ein krankes Auge und wurde damit ins Krankenhaus eingewiesen.
Doch die schöne Zeit dauerte nicht lange, denn am
29. 9. kam ich schon wieder raus. Jetzt mussten wir wieder umziehen.
2.10.
Am 2.10. zogen wir nach Rom I, wo Opa unterrichten mußte.
Wir kamen in die Flugleitung, wo wir ein sehr schönes Zimmerchen hatten. Nur eisig kalt war es zuerst. Aber dem Übel wurde bald abgeholfen, es wurde „organisiert“. Nun waren wir wunschlos glücklich.
Aber etwas muß immer da sein. So wurde ich wieder krank. Ich hatte entsetzliche Halsschmerzen und ging zum Arzt. Der stellte schwere Angina fest und Diphtherie- Verdacht.
Sofort sollte ich auf Isolierstation.
5.10.
Ich überlegte hin und her und kam zu dem Entschluß nicht hinzugehen.
Denn was sollte aus meinen Leuten werden. Dieter hatte doch keinen Menschen, der ihn betreuen konnte.
Ich legte mich ins Bett. Als wir den Ofen bekamen, machte ich mir Tee, brühte die Füße und machte Umschläge. Und siehe da, am nächsten Tag war es besser und allmählich wurde es ganz gut.
21.10.
Lehrer Junga zog zu uns ein.
So ging das Leben ruhig weiter.
Dieter freundete sich mit einem Dänen an, der die Baracken baute. Er bekam jeden Tag seinen Zusatz von ihm in Form von belegten Stullen, Milch, Kuchen, Eiern und Bonbons. Das half sehr mit.
Sein „Onkel mit dem Hut“ ließ ihn nicht hungern. Auch der „Onkel mit dem blauen Kragen“ gab ihm öfter etwas. Man lebte aber sonst stur dahin. Essen, Schlafen, nach Mittag und Verpflegung gehen, Stube aufräumen und immer wieder dasselbe.
6.11.
Meinen Geburtstag beging ich auch ganz gut mit Kaffee und Kuchen. Leider passierte da etwas Furchtbares. Ich verlor meine treue Uhr. Das war ein großer Schlag, denn sie hatte mich überall begleitet, in Not und Gefahr, auch in guten Stunden.
24.11.
Wir fanden Tante Berta, und sie kam zu uns.
Vor Weihnachten ging ich noch zum Chorsingen, da hatte man wenigstens Abwechslung. Am meisten graute es mir vor dem Weihnachtsfest.
22.12.
Die ersten Weihnachtsfeiern begannen, wo wir singen mussten. Es war sehr schön.
24. 12.
Am Heiligabend waren drei Feiern für Kinder. Abends sangen wir noch zwei Mal im Krankenhaus. Um 18.30 Uhr waren wir glücklich zu Hause.
Heilig Abend verlief besser, als ich gedacht habe. Dieter wurde reich beschenkt und war überglücklich. Kuchen hatten wir auch gebacken und ein Tannenbäumchen hatten wir ebenfalls, sogar mit Lichtern, Kugeln und Papierketten. Nur eins fehlte: die Nachricht von den Lieben aus der Heimat. Unterm Tannenbaum standen die Bilder, immer wieder musste man sie ansehen und fragen: Wo seid Ihr? Lebt Ihr noch? Aber sonst verliefen die Feiertage ganz gut.
31. 12.
Am Silvesterabend gingen wir nach Rom II zum Variete`, das wir bereits zwei Mal gesehen hatten, und es daher langweilig wirkte.
Dieser Abend verlief schlechter als ich es mir gedacht hatte. Was uns 1945 gebracht hatte, das wussten wir, aber konnte uns das Jahr 1946 nicht noch Schlechteres bringen? Daß alle unsere Angehörigen tot sind? Na, man muß alles dem Schicksal überlassen und es bitten, dass es uns nicht gar zu hart anpackt.
Auch im neuen Jahr ging`s im alten Trott weiter. Bald trat eine Änderung ein: wir mussten unser schönes Zimmerchen in der Flugleitung verlassen und zogen mit Familie Schwarz in eine der neu aufgestellten Baracken. Den Unterschied sollten wir bald merken.
25.1.
Wir zogen um und gewöhnten uns auch bald daran.
Der Torf war trocken und Holz hatten wir genügend vom Barackenbau.
Zuerst war es ja sehr naß und kalt drin.
1.2.
Ich fing an, in der Schule zu unterrichten, bekam das 4. Schuljahr. Es machte mir riesigen Spaß.
5.2.
Aber ein wenig Herzklopfen hatte ich doch, als mich nach vier Schultagen schon der dänische Schulrat besuchte. Doch es ging alles sehr gut, dass er glaubte, ich hätte schon in Deutschland unterrichtet.
2.4.
Wir hatten das Glück gehabt, nach Ringköbing zu unseren Gräbern zu fahren. Das war eine große Freude, doch danach war man eine ganze Woche nicht zu gebrauchen.
9.u.10.4.
Wir gingen aus! Es wurde den Lehrkräften ein Ausgangsschein in die Hand gedrückt, und wir durften nach Lemvig, um uns das dänische Turnen anzusehen. Was für ein Gefühl wir hatten, als wir aus dem Tor rauskamen, kann sich keiner vorstellen. Freie Luft zu atmen! Unterwegs hatten wir viel Spaß. Liselotte Hans, Ursula Datkuhn, Mehnerchen und ich hielten treu zusammen. Jetzt begann wieder das Alltagsleben. Regen wechselte mit Sonnenschein, bis endlich die Erlaubnis gegeben wurde, dass wir nach Deutschland schreiben durften.
25. 4.
Ich schrieb an Anneliese, Fritz und dann vor allen Dingen nach Blumenberg. Wenn`s auch nur 25 Worte waren, die drauf durften, aber es war doch ein Lebenszeichen. Nun begann ein großes Warten. Von wem wird zuerst Post ankommen und wer mag noch leben!
18.5.
Das war eine Freude, als das erste Brieflein anflatterte. Und es war von Anneliese.
20.5.
Ich ging gerade nach Rom II, als unser Unterkunftsleiter erneut mit Post kam. Und siehe da, für mich war wieder ein Brieflein. Ich traute meinen Augen nicht. Er war von Papi. Kreidebleich hielt ich mich an dem Mann fest, um nicht vor Schreck und Freude umzufallen.
Ich lief gleich zu Tantchen. Als ich nach Hause kam, hatte sich diese Nachricht schon in der Baracke verbreitet. Mit Hallo wurde ich empfangen. Nun hatte man gleich anderen Mut bekommen, aber jetzt beseelte uns die Frage: Wann kann man dort hinfahren.
Inzwischen kamen auch Briefe von Grete und Fritz an.
1.7.
Es gab einen großen Abschied, der für uns recht traurig war. Denn unser Schulrat Hansen musste weg. Das tat uns wirklich leid. Im Saal von Rom II wurde das gestaltet. Wir sangen noch dazu.
2. 7.
Dieser Tag wurde festlich begangen, denn da wurde der Abschied im „engsten Familienkreis“ gefeiert. Aber nur die Lehrerschaft war dabei. Es war sogar Kaffee und Kuchen dazu. Nach langer Zeit Kuchen. Das Herz lachte, und das Wasser lief im Munde zusammen. Dieter bekam auch noch etwas davon ab.
3.7.
An Opas Geburtstag war es auch sehr schön. Die Kinder sangen gleich morgens Lieder. Blumen über Blumen schmückten den Tisch. Am Nachmittag gab`s dann Geburtstagskaffee mit „Torte“.
11.7.
Wir hatten das Glück, an die Nordsee zu fahren, aber nur die Lehrkräfte. Es war wie ein Feiertag, aber das wurde noch dadurch erhöht, als ich kurz vorher die Zuzugsgenehmigung bekam.. Nun war der Tag in Ordnung. Um 13 Uhr fuhren wir los. Das Wetter war auch sehr schön. Dieter durfte auch mit. Für den war es ebenfalls ein großes Erlebnis.
Gestärkt kamen wir abends nach Hause.
18.7.
Jetzt schien uns das Glück hold zu sein. Ich wurde zur Lagerleitung gerufen, und da hieß es, dass wir morgen nach Ringköbing fahren durften. Vater und Dieter durften auch mit.
19.7.
Der Himmel war zwar ziemlich trübe, und als wir dort ankamen, regnete es auch. Es schien fast so, als ob der Himmel mit uns trauerte.
Dann wurde es aber herrlich. Bei schönstem Wetter fuhren wir nach Hause. Es war wieder ein großes Erlebnis.
Nun schlichen die Tage weiter so hin. Man wusste nicht, woran man war.
3.10.
Dann kam ein großer Tag. Gleich morgens kam der Lagerleiter zu uns und sagte, dass die Schule bis auf Weiteres ausfallen müsse, denn die Räume würden für Schreibarbeiten gebraucht. Auch die Lehrkräfte müßten zum Schreiben kommen. Es wäre eine Aufstellung betreffs der Heimführung der Flüchtlinge zu machen.
Wir führten gleich Freudentänze auf. Wir glaubten nun, in kurzer Zeit heimzukommen. Aber das Warten war doch noch lange.
Der Oktober verging.
6.11.
Der November ebenso. Nur meinen Geburtstag werde ich nicht vergessen. Morgens um halb Acht sang mir der Lagerchor drei Lieder. Aber die größte Überraschung kam noch, als ich die Klasse betrat. Es herrschte da eine feierliche Stille. Als ich eintrat, sangen die Kinder „Lobe den Herrn“.
So schön hat es mir nie geklungen. Es lag etwas Reines, Schönes, Kindliches darin. Darauf gratulierten sie mir alle im Chor und wünschten mir zum Schluß eine recht baldige Heimfahrt. Ich traute meinen Augen nicht, als ich vorne den Tisch sah. Blumen über Blumen. Ich empfand richtig die Liebe der Kinder. Und man konnte ihnen nichts geben.
12.11.
Endlich fuhr ein Transport, aber leider in die britische Zone, die Hannoveraner. Der Dezember verging auch, ohne dass sich was mit der russischen Zone ereignet hatte. Man sagte wohl im Radio, dass der Russe 15 000 aufnehmen will. Die Zeitung brachte es, dass der Abtransport am 1. Dezember beginnt. Aber nichts geschah. Weihnachten sahen wir wieder mit Grauen entgegen
25.12.
Doch es ging, wie im Vorjahr, besser als wir es uns dachten. Das neue Jahr kam nun auch näher ran. Der Silvesterabend war schrecklich. Was wird es uns bringen? Das war unsere Frage.
27. 1.
Dieters Geburtstag begingen wir auch recht festlich. Es waren Gäste da, und es gab Kaffee, Kuchen und Schlagsahne. Die Zeit verging, und wir warteten immer noch. Aber nichts geschah.
13.2.
Vater traute seinen Augen nicht, als er einen Brief bekam. Und als er richtig hinsah, war er von Edgar. Die Freude war sehr groß.
18.2.
Nun hatte ich keine Ruhe mehr und ging zum dänischen Lagerleiter.
Man wusste nicht, woran man war. Freudig war ich, als er mir sagte, dass die russische Delegation heute über die Grenze gehen soll. Und richtig! Diesmal stimmte es. Die Russen verhandelten in Kopenhagen.
Ende Februar setzte zu dem starken Frost, der seit Weihnachten herrschte, noch ein starkes Schneetreiben ein. Man konnte die Hand vor den Augen nicht sehen. Die Stuben waren eisig, man hatte ja wenig Brennmaterial. Der Torf naß wie Mist. Aber etwas Freudiges geschah für uns doch.
1.3.
Heute mussten wir zur Aufnahme zur Lagerleitung gehen.
Ein halbes Jahr warteten wir nun schon auf diesen Tag. Im tollsten Schneetreiben gingen wir dann hin. Nun hatte man doch mehr Hoffnung gehabt.Eines Tages hatten wir dann noch eine Freude, es kam Professor Savory, der Leiter der Musikabteilung. Der sprach so nett, war auch richtig deutschfreundlich. Wir hatten richtig Spaß an allem. Auch der März verging mit seinen 31 Tagen, an denen sich nichts für uns ereignete. Unsere Hoffnungen richteten wir nun auf den April. Sollte der uns auch enttäuschen?
Doch nein, eines Tages bekamen die Berliner den Packbefehl.
Dann hieß es, dass die Abfahrt der übrigen russischen Zone bis Juli warten muß. Das war wieder eine Nervenpille. Aber auch das durfte man nicht glauben.
26.4.
Heute bekamen die Brandenburger ein kleines Scheinchen in die Hand gedrückt, dass sie ihr Gepäck am 31.4. zur Baracke 65 zwecks Abreise in die Heimat bringen sollen. Nun war großes Hallo im Lager. Die russische Zone rollt.
1.5.
Über 200 Personen fuhren ab - und wir sahen ihnen nach!
Am 5.6. fuhren auch die Mecklenburger. Und immer noch saßen wir.
Am 6.6. bekamen die ersten Leute aus der amerikanischen Zone Bescheid. Ja, wann würde unser Stündlein schlagen?
7.6.
Wie immer ging ich treu und brav zur Schule. Ich war gerade dabei, die Fehler einer Niederschrift zu besprechen. Ich wurde von einer Frau rausgerufen, die mir den Schein zeigte, auf dem stand, dass die russische Zone, Provinz Sachsen, am 19.6. fährt. Nun war es mit meiner Geduld aus. Ich hin zur Unterkunftsleiterin. Richtig, auch mein Schein war da. Nun ging ich nicht in die Klasse, sondern rannte.
Aber ich wusste gar nicht, wie mir geschah. Gezittert habe ich am ganzen Körper vor Aufregung. In der Klasse wurde ich mit einem Indianergeheul empfangen. Als ich meine Abfahrt bestätigte, zogen doch so einige Mädels ihre Taschentücher. Aber einmal muß ja der Abschied kommen.
Als ich noch einmal raus ging und zurückkam, tönte mir ein Liedchen entgegen, welches sie in der kurzen Zeit meiner Abwesenheit gedichtet hatten: Frau Kemmer fährt nach Deutschland, tralalala…
Die Tage vergingen immer ziemlich langsam, auch hatten wir ewig leise Angst, dass es eines Tages abgeblasen würde, denn so lange vorher Bescheid, das kam uns recht komisch vor. Aber es schien nichts Schlechtes kommen zu wollen. Wir zählten die Nächte, in denen wir noch die Wanzen nähren müßten. Dieses und jenes mußte noch gemacht werden. Dann mußten wir ja allmählich ans Packen denken.
16.6.
In der Schule gab es noch einen würdigen feierlichen Abschied. Die Kinder brachten noch kleine Andenken. Sie betrauerten mein Abfahren sehr. Mir fiel das Abschiednehmen auch recht schwer, aber es ging ja nach Hause.
17.6.
