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Nur wenige Wissenschaftler haben so intensiv über die Natur ihrer Berufung und deren Auswirkungen auf die Menschheit nachgedacht wie Max Perutz. 1914 wurde er als Sohn einer wohlhabenden Wiener Textilfabrikantenfamilie jüdischer Herkunft geboren, jedoch in der römisch-katholischen Konfession erzogen. Nach seinem Chemiestudium an der Universität Wien ging er 1936 nach Cambridge an das Labor des legendären kommunistischen Denkers J. D. Bernal, um die Strukturen jener Moleküle zu erforschen, die das Geheimnis des Lebens bergen. 1940 wurde er interniert und nach Kanada deportiert (Displaced Person). Für ein streng geheimes Kriegsprojekt holte man ihn nach England zurück. Sieben Jahre später gründete er eine kleine Forschungsgruppe, in der Francis Crick und James Watson die Struktur der DNA entdeckten. Unter seiner Leitung wuchs sie zum weltberühmten Laboratorium für Molekularbiologie (LMB) heran. Max Perutz selbst erforschte den roten Blutfarbstoff Hämoglobin und entwickelte eine neue Methode, um Proteinstrukturen zu entschlüsseln. Seine Arbeit, für die er 1962 den Nobelpreis erhielt, läutete die heutigen erstaunlichen Fortschritte bei der Erforschung der genetischen Grundlagen von Krankheiten ein. Aus seiner eigenen Erfahrung als Flüchtling schöpfend, setzte er sich furchtlos für die Menschenrechte ein und war ein engagierter Verfechter der Wissenschaft. Georgina Ferrys fesselnde Biografie ist eine wunderbare Hommage an einen großen Wissenschaftler.
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Seitenzahl: 647
Veröffentlichungsjahr: 2022
GEORGINA FERRY
UND DAS GEHEIMNIS DES LEBENS
Aus dem Englischen von Alfred Goubran
Diese Publikation wurde gefördert durch den Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus.
Die Originalausgabe erschien unter dem Titel „Max Perutz and the Secret of Life“, bei Pimlico, Random House, London 2008. Übersetzung aus dem Englischen von Alfred Goubran.
Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
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1. Auflage 2022
© 2022 by Braumüller GmbH
Servitengasse 5, A-1090 Wien
www.braumueller.at
Coverfoto: © MRC Laboratory of Molecular Biology
Bildteil Seite 229–241: © Archiv der Familie Perutz
ISBN E-Book: 978-3-99100-345-8
Vorwort und Danksagung
1Szenen einer Kindheit in Wien
2„Es war Cambridge, das mich gemacht hat“
3„Die gefährlichsten Charaktere von allen“
4Heim und Heimatland
5Die Berge und Mahomet
6Wie das Hämoglobin nicht entschlüsselt wurde
7Annus mirabilis
8Auf der Suche nach Lösungen
9Eine Struktur für die Wissenschaft – das LMB
10Das atmende Molekül
11Gesundheit und Krankheit
12Die Wahrheit siegt immer
Ausgewählte Bibliografie
„Viele nennen mich einen berühmten Wissenschaftler“, schrieb Max Perutz wehmütig an einen Freund, „doch die wenigsten wissen, wofür ich eigentlich berühmt sein soll.“ Das ist das Los von Wissenschaftlern, selbst Nobelpreisträgern, deren Arbeit nicht unter Beteiligung der Öffentlichkeit stattfindet, durch die den Künstlern, Schriftstellern, Politikern, Schauspielern und Sportlern automatisch Berühmtheit zukommt. Doch Max war die Nachwelt nicht egal, und als er sich seinem Lebensende näherte, ohne Zeit gehabt zu haben seine eigene Biographie zu schreiben, ließ er mich an sein Krankenbett rufen und fragte mich, ob ich diesen Job übernehmen wolle.
Als Wissenschaftsbiografin sieht man sich mit einem Dilemma konfrontiert: Wissenschaft ist ein kollektives Unterfangen, und daher kann es irreführend sein, wenn man den Fokus auf das Leben einzelner „großer Frauen und Männer“ legt. Max Perutz’ 70-jährige berufliche Laufbahn als Wissenschaftler begann, als andere die ersten Versuche unternahmen, das Leben auf der Ebene einzelner Moleküle zu verstehen, und endete, als internationale Datenbanken die vollständige Auslesung des menschlichen Genoms für alle verfügbar machten. Seine zweiundzwanzig Jahre andauernde Suche nach der Struktur des Hämoglobins – jenes Moleküls, das Sauerstoff transportiert und das Blut rot macht – wurde mit dem Nobelpreis belohnt; doch er wäre der Erste gewesen, zuzugeben, dass er dies niemals alleine zuwege gebracht hätte. Seine Geschichte ist auch die Geschichte einer internationalen Gemeinschaft von Männern und Frauen, die ihr Leben der Enthüllung der Geheimnisse des Lebens gewidmet haben.
Gleichzeitig erhalten wir durch die unterschiedlichsten Persönlichkeiten und die Erfahrungen einzelner Wissenschaftler faszinierende Erzählungen von kreativen Unternehmungen – und in dieser Hinsicht unterscheiden sich Wissenschaftler nicht von Künstlern, Dichtern oder Politikern. Deshalb denke ich nicht, dass ich mich dafür entschuldigen muss, Max in den Fokus meines Interesses gerückt zu haben. Sein Exil von Wien, wo er geboren wurde, und die Annahme einer neuen Identität als Engländer liefern einen starken Kontrapunkt zu seinen Bemühungen, dem Mainstream einen neuen Zweig der Wissenschaft nahezubringen. Er betrachtete die Wissenschaft nicht als ein abstraktes Mysterium für einen exklusiven Klub von Eingeweihten, sondern als wesentlichen Bestandteil der menschlichen Kultur und Zivilisation, und versuchte durch seine Schriften seine eigene Forschungsleidenschaft mit anderen zu teilen. Er bestand ausdrücklich darauf, dass er kein Übermensch, sondern ein menschliches Wesen mit dem üblichen Anteil an menschlichen Schwächen sei. Max Perutz zu verstehen, wird Ihnen vielleicht nicht dabei helfen, Proteinmoleküle zu verstehen, doch dem Leben eines Wissenschaftlers zu folgen, wird Ihnen gewiss vieles über die alltägliche Praxis der Wissenschaft erzählen.
Als ich zu Max fuhr, um ihn wenige Wochen vor seinem Tod zu sehen und mit ihm über die Möglichkeit zu sprechen, sein Buch zu schreiben, erwähnte ich auch die Unmenge an persönlichen Briefen und anderer unveröffentlichter Schriften, auf die ich, einige Jahre zuvor, für meine Lebensbeschreibung von Dorothy Hodgkin zurückgegriffen hatte. Er machte ein langes Gesicht und sagte, dass ich in seinem Fall nicht denselben Luxus haben würde – er hätte kaum etwas aufbewahrt.
Max hatte jedoch nicht mit den konservatorischen Tendenzen seiner Familie gerechnet. In den Monaten nach seinem Tod stellte sich heraus, dass seine Frau Gisela jeden Brief, den er jemals abgeschickt hatte, aufbewahrt und an den unmöglichsten Orten im Haus abgelegt hatte. Auch seine Kinder und Enkel hatten Max’ oft wunderschön geschriebene Briefe aufgehoben, die von seiner Arbeit berichten, doch auch voller Sympathie und väterlicher (und großväterlicher) Ermunterung sind. Zur selben Zeit stellte sich heraus, dass Max selbst viel mehr aufbewahrt hatte, als er angedeutet hatte. Hierzu zählt im Besonderen eine große Menge an Briefen, die er (nach dem Tod der jeweiligen Empfänger) wiedererhalten hat, darunter solche, die er in seinen Jugendjahren in Wien an seine Freundin Evelyn Baxter (später Machin), seine Schwester Lotte Perutz, an seine Eltern und an seine Schwiegereltern geschrieben hatte.
Ich stehe in der Schuld von Robin und Vivien Perutz, die mir uneingeschränkten Zugang zu sämtlichen seiner erhaltenen privaten Korrespondenzen gewährt haben und mir gestatten, daraus ausgiebig zu zitieren. Es gäbe noch viele weitere Passagen, die ich hätte zitieren können, doch wäre damit der Umfang des Buches gesprengt worden, und so bin ich erfreut darüber, dass Cold Spring Harbor Laboratory Press eine Auswahl seiner Briefe, editiert von Vivien, veröffentlichen wird.1
In Max’ Korrespondenzen begegnen wir vielen herausragenden Persönlichkeiten, deren Schriften offiziell archiviert sind. Ich danke folgenden Menschen und Institutionen, dass sie mir Zugang zu diesen Materialien ermöglichten und mir, wo es angemessen schien, gestatteten, daraus zu zitieren: der American Philosophical Society Library in Philadelphia (Valerie-Ann Lutz und Horace Freeland Judson persönlich) für das Judson-Archiv; der Bodleian Library Oxford (Colin Harris) für die Schriften von Dorothy Hodgkin, John Kendrew und David Phillips; dem British Library Sound Archive; der Cambridge University Library (Adam Perkins) für die Bernal-Schriften; Christie’s in New York (Francis Wahlgren), wo die Perutz-Schriften nun im Venture Institute-Archiv vorübergehend aufbewahrt werden; dem Cold Spring Harbor Laboratory Archives (Ludmila Pollock, Teresa Kruger und James D. Watson) für die James D. Watson Collection; dem literarischen Nachlass von Lord Dacre of Glanton (Blair Worden); der Lilly Library, University of Indiana, Bloomington, Indiana (Becky Cape und Rachel Maranto für die Hilfe bei der Recherche), für die Haurowitz-Schriften; dem Medical Research Council (Philip Toms); dem MRC Laboratory of Molecular Biology (Annette Faux); den National Archives, Kew, für die Habbakuk-Schriften und das MRC-Archiv; dem Nuffield College, Oxford, für die Cherwell-Schriften; der Oregon State University, Special Collections, für die Schriften von Ava Helen und Linus Pauling; der Pontifical Academy (Mgr Marcelo Sánchez Sorondo); den Rockefeller Foundation Archives, Rockefeller Archive Center, Sleepy Hollow, New York (Charlotte Sturm und Ken Rose); der Royal Institution (Frank James) für die Bragg-Archive; der Royal Society; den Archiven der Universität Wien und der Wellcome Library in London.
Leider hatte ich nie die Gelegenheit, Max selbst zu interviewen, doch ich habe von den Interviews profitiert, die andere aufgenommen haben, besonders von jenen, die sich im British Library Sound Archive und dem Imperial War Museum befinden, sowie von den Transkripten der Interviews, die Horace Judson mit Max für sein Buch The Eighth Day of Creation geführt hat.
Der kürzlich pensionierte Direktor des LMB, Richard Henderson, spielte eine entscheidende Rolle, indem er als Vermittler fungierte, als Max den Entschluss fasste, mich zu kontaktieren, um mich zu fragen, ob ich diese Aufgabe übernehme. Henderson und seine Mitarbeiter, besonders Annette Faux und Michael Fuller, hätten während der langen Reifezeit des Buches nicht entgegenkommender sein können. Es war mir eine Freude, mit vielen von Max’ früheren Kollegen, Freunden und Familienmitgliedern zu sprechen oder zu korrespondieren: Don Abraham, Raymond Appleyard, Uli Arndt, Joyce Baldwin, Sir Hermann Bondi, Sydney Brenner, Andrew Brown, Maurizio Brunori, Christine Carpenter, Robin Carrell, Henry Chadwick, Jean-Pierre Changeux, Anne Corden, Carol Corillon, John Constant, Francis Crick, Tony Crowther, David Blow, Mark Bretscher, David Davies, Guy Dodson, Raymond Dwek, Manfred Eigen, Fritz Eirich, Sir Alan Fersht, John Finch, Michael Fuller, John Galloway, Marie-Alda Gilles-Gonzalez, Andrew Grace, Sir John Gurdon, Freddy Gutfreund, Roger Hanna, Peter Harper, Samir Hasnain, Richard Henderson, Chien Ho, Hugh Huxley, Vernon Ingram, Joy Fordham, Ken Holmes, Lindsay Johnson, Martin Karplus, Olga Kennard, Ann Kennedy, John Kilmartin, Sir Aaron Klug, Blaise Machin, Graeme Mitchison, Kiyoshi Nagai, Robert Olby, Steffen Peiser, Gerda Perutz, Gisela Perutz, Robin und Sue Perutz, Vivien Perutz, Gottfried Peloschek, Gretl Petziwal, Gerhard Pohl, Alex Rich, Matt Ridley, Daniela Rhodes, Michael Rossmann, Fred Sanger, David Sayre, Alan Schechter, Jon Sessler, Robert Shulman, Robert Silvers, Fritz Stern, Alice Frank Stock, Mac Stock, Sir John Meurig Thomas, Marion Turnovszky, James Watson, Meta Werner, Nancy Wexler, Bob Williams. Und viele andere, die ich nicht offiziell interviewte, erzählten mir Geschichten über ihn. Leider haben einige in dieser Liste nicht so lange gelebt, um das Buch in Druck zu sehen.
Mein kurzer Versuch, Deutsch zu lernen, erwies sich als ungenügend für die Aufgabe, die engbeschriebenen handschriftlichen Briefe des jungen Max zu lesen. Für ihre Hilfe bei der Übersetzung schulde ich folgenden Personen einen herzlichen Dank: Linde Davidson, Ronald Gray, Barbara Hott, Vivien Perutz, Daria von Esterházy, Alice Frank Stock und Mac Stock. Marion Turnovszky, die einzige heute noch in Wien lebende nahe Verwandte von Max, gab mir einen wunderbaren Einblick in diese Stadt und arrangierte es für mich, dass ich mich mit drei Freunden aus Max’ Studentenzeit treffen konnte. Gottfried Peloschek, ein ehemaliger Mitschüler, zeigte mir Max’ alte Schule, das Theresianum. Für ihre Gastfreundschaft bin ich sehr dankbar.
Max’ Bekanntenkreis war international, und dank eines großzügigen Zuschusses der Alfred P. Sloan Foundation war es mir möglich, Kontakte in Nordamerika und Kontinentaleuropa zu besuchen und die meisten meiner anderen Ausgaben, die bei der Recherche für dieses Buch notwendig waren, zu decken. Ich wurde sehr ermutigt durch die Behutsamkeit, mit der Jenny Uglow bei Chatto meinen Text redigiert hat: Der Rückhalt, den sie mir bei diesem Projekt gab, von der Planung bis zur Veröffentlichung, war ungemein wichtig für mich. Sowohl sie als auch meine Agentin Felicity Bryan sind bewundernswert geduldig gewesen.
Robin und Vivien Perutz haben mit äußerster Sorgfalt die Entwürfe in jedem Stadium gelesen; ihre Anregungen waren stets unterstützend und nie aufdringlich. Ich bin auch vielen meiner anderen Interviewpartner dankbar, dass sie relevante Passagen überprüften, möchte hier jedoch besonders Aaron Klug, Alice Frank Stock und Guy Dodson erwähnen, die große Abschnitte gelesen haben. Etwaige Fehler, die noch enthalten sind, gehen ganz allein auf mein Konto.
Georgina Ferry
Februar 2007
1Das Buch wurde 2009 publiziert: Vivien Perutz (ed.), What a Time I Am Having: Selected Letters of Max Perutz, Cold Spring Harbor Laboratory Press, 2009. Anm. d. Übers.
La science n’a pas de patrie, mais le savant doit en avoir une.(Wenn die Wissenschaft auch kein Vaterland hat, so soll doch der Wissenschaftler eines haben.)
Louis Pasteur
Max Perutz kam 1936 als 22-jähriger, hoffnungsvoller Doktorand aus Wien in Cambridge an und sollte es nie mehr verlassen. Er brannte darauf, all die Fragen über die Geheimnisse des Lebens zu stellen, und blieb, um jenes Forschungslabor zu gründen, das später eines der größten Mysterien lösen sollte – wie die DNA, die physikalische Basis unseres genetischen Erbes, die Anweisungen kodiert, um einen lebenden Organismus zu schaffen. Seine eigene Forschung über den Aufbau von Proteinen bildet das Fundament für einen Großteil der modernen Biologie und wurde mit der höchsten Ehrung für einen Wissenschaftler, dem Nobelpreis, belohnt. Das von ihm gegründete Medical Research Council Laboratory of Molecular Biology erhielt insgesamt zwölf Nobelpreise, ein Rekord, der bisher von keiner anderen Institution vergleichbarer Größe übertroffen wurde.
Doch Max war weit davon entfernt, dass er für sich in Anspruch nahm, diesen Ruhm für seine Wahlheimat und seine altehrwürdige Universität errungen zu haben, sondern sah sich in erster Linie persönlich dadurch belohnt. „Wäre ich in Österreich geblieben“, schrieb er,
selbst wenn es keinen Hitler gegeben hätte, hätte ich nie das Problem des Proteinaufbaus lösen oder das Laboratory of Molecular Biology gründen können, das den Neid der wissenschaftlichen Welt weckte. Ich hätte nicht die Mittel gehabt, ich hätte nicht die hervorragenden Lehrer und Kollegen gefunden oder die wissenschaftlichen Methoden erlernt; ich hätte des Stimulus ermangelt, der Vorbilder und der Tradition wichtige Probleme, wie schwierig sie auch sein mögen, in Angriff zu nehmen, die Cambridge mir bot. Es war Cambridge, das mich gemacht hat, und dafür werde ich stets dankbar sein.1
Es war vielleicht keine große Überraschung, dass Max, 1914 in Wien geboren, der Vater Tscheche, die Mutter Wienerin, schließlich in England landete. Die elegante Wohnung, in der er aufwuchs, teilte sich das Gebäude mit der Britischen Botschaft in der Richardgasse Nr. 10, im schicken 3. Gemeindebezirk. Gegenüber der klassizistischen Fassade aus dem 19. Jahrhundert befand sich die Anglican Christ Church2, ein bescheidener Ziegelbau mit einem steilen Giebeldach ohne Turm, dem einzigen Gotteshaus im österreichisch-ungarischen Kaiserreich, in dem es der Church of England gestattet war, Messen abzuhalten. Außerdem hatte sein Vater Hugo, der Besitzer eines Textilunternehmens, seine Lehrzeit in Manchester verbracht und war bekennender Anglophiler.
Natürlich ist es romantischer Unsinn zu behaupten, diese harmlosen Einflüsse seiner frühen Kindheit hätten Max dazu bewogen, sich seiner österreichischen Heimat zugunsten Englands zu entschlagen. Es war vielmehr die Leidenschaft für die wissenschaftliche Forschung, die ihn zu diesem Schritt veranlasste, ehe das Zwillingsübel der rassischen Unterdrückung und des Krieges seine Wahl unwiderruflich machte. Jedoch war Max, als es so weit war, zweifellos besser als die meisten anderen Flüchtlinge darauf vorbereitet, ein neues Leben als britischer Untertan zu beginnen.
So mag ihm vielleicht eine Liebe für alles Englische im Blut gelegen haben, doch die Wissenschaft mit Sicherheit nicht. Max Ferdinand Perutz wurde in eine große Familie von erfolgreichen Industriellen hineingeboren. Seine jüdischen Vorfahren stammten aus einer kleinen Stadt in Böhmen namens Rakonitz (oder Rakovník), 60 Kilometer westlich von Prag. Dort besaß sein Urgroßvater Josef Perutz ein Tuchwarengeschäft und hatte sich auch eine gewisse gesellschaftliche Stellung in der Stadt erarbeitet. Josef und seine Frau Charlotte hatten zwölf Kinder, mehr als in das Geschäft aufgenommen werden konnten. Deshalb, in einem Anflug von Unternehmergeist, wie er in der Familie wieder und wieder zutage treten sollte, entschieden die zwei ältesten Söhne, Sigmund und Leopold, nach Prag zu gehen, um sich dort selbstständig zu machen. Noch keine dreißig Jahre alt, gründeten sie im Jahr 1862 Brüder Perutz und bezogen ein kleines Geschäft in einer ruhigen Seitenstraße.
Das österreichisch-ungarische Kaiserreich hatte unter seinem langlebigen Monarchen Franz Joseph I. nur langsam zur Industriellen Revolution aufgeschlossen, doch eines seiner wenigen Zentren industrieller Entwicklung war Böhmen, und die sich am schnellsten entwickelnde Industrie war die Textilindustrie. Fabriken für Wolle-, Baumwoll- und Leinenstoffe schossen im industriellen Herzland des Kaiserreiches wie Pilze aus dem Boden. Die Perutz-Brüder arbeiteten hart, lebten bescheiden und bereits zehn Jahre nach ihrer Ankunft in Prag gelang ihnen der Sprung vom Verkauf zur Herstellung. Sie importierten mechanische Webstühle und Spinnmaschinen aus England, errichteten Fabriken in Böhmen und verkauften ihre Waren im ganzen Kaiserreich. 1935 besaß die Firma fünf Fabriken, die das Kernstück eines internationalen Unternehmens bildeten. Der bescheidene Laden wurde bald durch eine Reihe von zunehmend größeren Geschäftsräumen auf den Hauptboulevards von Prag, mit Nebengeschäftsstellen in Wien und Budapest, ersetzt.
Sigmund und Leopold heirateten die Schwestern Mathilde und Clara Weiner und hatten insgesamt zwölf Kinder. Hugo Perutz, Max’ Vater, war Leopolds dritter Sohn und der zehnte der zwölf Cousins. Sie konnten kaum alle in den Büros der Brüder Perutz untergebracht werden, auch nicht, nachdem Sigmund und Leopold bereits früh, in mittleren Jahren, verstorben waren. Während die zwei ältesten Söhne jeder Familie dafür vorbestimmt waren, das Geschäft zu übernehmen, erhielt Hugo (der zunächst zur Ausbildung nach England geschickt worden war) Geld, um sein eigenes Geschäft aufzubauen. Zu Beginn des neuen Jahrhunderts wurde er Teilhaber einer Baumwolldruckerei in Böhmisch Leipa, einer Stadt im Sudetenland, heute Česká Lípa in der Tschechischen Republik. Die Firma hatte ihren Hauptsitz in Wien, der Reichshauptstadt; wie viele andere aufstrebende Industrielle aus Böhmen ergriff auch Hugo die Gelegenheit und siedelte sich dort an.
Im Jahre 1904 begegnete und heiratete er Adele Goldschmidt, auch Dely genannt, die ihrerseits Erbin eines beachtlichen Textilvermögens war. Delys Vater Ferdinand Goldschmidt war zweimal verheiratet gewesen; nachdem seine erste Frau mit einem Schriftsteller durchgebrannt war, ehelichte er Thekla Ehrmann, die um einiges jünger als er war und aus Frankfurt stammte. Sie hatten vier Töchter: Dely, Valerie (Valli), Alice und Anni. Delys Vater verstarb in jungen Jahren und hinterließ seine Webereien Egon, dem einzigen noch lebenden Sohn aus erster Ehe. Mit Ausbruch des Ersten Weltkrieges wurde Egon als Reserveoffizier in die Kaiserliche Armee einberufen. Bei seiner ersten Mission, auf der Suche nach Unterkünften in Ungarn, wurde er irrtümlich von einem nervösen Grenzwachebeamten erschossen.
Dely hatte ihren draufgängerischen Halbbruder, der auch ein vollendeter Reiter gewesen sein soll und den sie in späteren Jahren ihren Enkeln als einen „Paragon“ beschrieb, bewundert. Ihre Schwester Valli jedoch erzählte eine andere Geschichte: Nachdem Egon das Unternehmen geerbt hatte, vergeudete er dessen Kapital für extravagante Anschaffungen, darunter einen Stall für vierzig Rennpferde und ein Château für eine fallengelassene Geliebte. Egons Tod traf Dely hart, war dieser doch nur das letzte Kapitel in einer Reihe von Tragödien, die ihre Geschwister betrafen. Rudolf, ein anderer Halbbruder, schied in jungen Jahren an den Folgen einer Krankheit aus dem Leben, und Else, eine Halbschwester, vielseitig talentiert, doch stets unglücklich, verübte Selbstmord. Delys jüngere Schwester Alice starb in ihren frühen Zwanzigern, nachdem sie sich, verzweifelt wegen einer gescheiterten Liebesaffäre, aus dem Fenster gestürzt hatte.
Nach Egons Tod erbten Dely und ihre zwei noch lebenden Schwestern Valli und Anni gleiche Anteile an den Fabriken. Aus Sicht der Perutz-Familie ergänzten sich Delys Webereien ideal mit Hugos Druckerei-Anteilen. Hugo jedoch betete Dely an, und es genügte ihm, dass sie schön und elegant war. Dely wollte wie eine Aristokratin leben, und Hugo, der klein war, verschlossen, ruhig, fleißig und mit perfekten Manieren – obschon nach Max’ Worten ein „eher hässlicher“ Mann – wollte nichts weniger für sie. Für den Haushalt stellten sie fünf einheimische Dienstboten an, und Dely richtete ihr Zuhause sehr stilvoll ein. Als sie 1914 ihre Erbschaft erhielt, gab sie in Reichenau, etwa 50 km südlich von Wien, den Bau eines charmanten Landhauses im Chalet-Stil in Auftrag, der späteren Villa Perutz. Die Marktgemeinde hatte größere Bedeutung erlangt, nachdem Kaiser Franz Joseph I. dort ein Jagdhaus errichtet hatte; viele Mitglieder der Wiener Gesellschaft flohen im Sommer aus der Stadt, um die heißen Sommermonate an der kühlen Bergluft zu verbringen. Obgleich es ihr wahrscheinlich nicht bewusst gewesen war, stellte dieses Haus eine kluge Investition dar, denn der Rest ihres Geldes würde durch die Inflation nach dem Ersten Weltkrieg wertlos werden.
1905 wurde Hugos und Delys erstes Kind, ihr Sohn Franz, geboren, 1909 ihre Tochter Lotte. Max, der fünf Jahre nach Lotte, im Jahr 1914 zur Welt kam, war eigentlich ein Nachzügler. Die Familienlegende besagt, dass die Schwangerschaft unerwünscht gewesen war und Dely zahlreiche Maßnahmen ergriffen hatte, um eine Fehlgeburt zu befördern. Doch Max überlebte und wurde in eine Welt geboren, die im Begriff stand, für immer unterzugehen. In den letzten Jahren der Regierung Kaiser Franz Josephs I., der den Thron 1848 bestiegen hatte, war das Kaiserreich ein politisches Mosaik sich gegenseitig ausschließender Interessen. Es gab die Teilung entlang der nationalen Grenzen, zwischen den Deutschsprechenden, die sich kulturell mit dem kürzlich vereinigten Deutschland identifizierten, und den Slawen und Ungarn im Osten, die sich mehr Autonomie wünschten. Das soziale Spektrum reichte von den Bauern im ländlichen Bereich, kleinen Ladenbesitzern und Kunsthandwerkern bis zu den zunehmend zahlreicher und mächtiger werdenden bürgerlichen Industriellen und Geschäftsleuten und jenen, die der alten imperialen Aristokratie anhingen. Da die Regierung nach und nach das Wahlrecht auf immer mehr dieser Gruppen erweiterte, handelten etwa fünfzig politische Parteien ständig wechselnde Koalitionen aus. Das System war zu instabil, um die kommende Krise zu überdauern.
Max war gerade einmal einen Monat alt, als ein serbischer Nationalist den Thronerben Erzherzog Franz Ferdinand in Sarajevo ermordete und Europa in einen vierjährigen Krieg gestürzt wurde. Österreich-Ungarn kämpfte an der Seite Deutschlands gegen die Briten, Franzosen und Italiener. Obgleich auf österreichischem Boden kaum Kampfhandlungen stattfanden, waren die Folgen nach der Niederlage im Jahre 1918 für Österreich mindestens so schlimm wie für alle anderen Kriegsteilnehmer. Franz Joseph I. war 1916 im Alter von 86 Jahren gestorben; sein Großneffe Karl I. folgte ihm nach, wurde jedoch, als Österreich 1918 die Republik ausrief, zum Thronverzicht gezwungen. Durch den Vertrag von Saint-Germain verstümmelten die siegreichen Alliierten das frühere Kaiserreich mehr oder weniger entlang der nationalen Grenzen. Ungarn und die Tschechoslowakei wurden unabhängig, und Österreich blieb als ein kleines Land zurück, mit einer völlig zerstörten Wirtschaft und nur wenigen natürlichen Ressourcen. Oder, wie es Barbara Jelavich in ihrer Geschichte des Landes ausgedrückt hat: „Die deutsch-österreichischen Länder bestanden aus einer Hauptstadt, in der etwa ein Drittel der Bevölkerung lebte, einer Industrie, die in hohem Maße von ausländischen Ressourcen abhängig war … und hauptsächlich einer sehr schönen Landschaft.“
Achtzig Prozent der industriellen Anlagen des früheren Kaiserreiches befanden sich nun in der Tschechoslowakei. Die politischen Verhältnisse in der neuen Republik, mit sozialistischen, nationalistischen und nationalsozialistischen Lagern, die um die Vorherrschaft kämpften, blieben unbeständig. Nichts illustriert die Identitätskrise besser als die Häufigkeit, mit der die Familie Perutz ihre Adresse wechseln musste, während sie im selben Apartment wohnen blieb. Ursprünglich Richardgasse, benannt nach dem Sohn des Kanzlers Clemens von Metternich, wurde die Straße 1919 zur Jaurèsgasse, deren Namensgeber Jean Jaurès war, ein französischer Sozialist, der von einem Nationalisten ermordet worden war, weil er ein Kriegsgegner und gegen den Ersten Weltkrieg gewesen war; 1934 wurde der Name zu Lustig-Preangasse geändert, nach einem General in der nationalistischen Heimwehr, und ab 1938, unter dem Naziregime, hieß sie Richtofengasse. (1945 wurde sie zur Lustig-Preangasse und 1947 letztlich wieder zu Jaurèsgasse zurückbenannt, doch da standen von dem Gebäude nur noch Ruinen und die Familie Perutz war längst weggezogen.)
Der Krieg kostete zwei von Max’ Onkeln das Leben: Kurz nach Egons versehentlicher Erschießung wurde Victor, der jüngere Lieblingsbruder von Hugo, mit seinem Reiterregiment im russischen Maschinengewehrfeuer niedergemäht. Max’ engste Familie überlebte den Krieg und dessen Nachwirkungen relativ unbeschadet. Hugo, obgleich beinahe vierzig, wurde 1916 eingezogen und zu einer Mörserkompanie an der italienischen Front abkommandiert. Er kehrte unverletzt zurück, sprach jedoch nie mit Max über seine Erlebnisse, nur „einmal erzählte er meiner Schwester, dass es ihn freue, dass er nie jemanden getötet hatte“. Das mag wahr sein, doch dessen ungeachtet musste die Familie die Entbehrungen und Rationierungen ertragen und den Niedergang des Landes von seinem früheren Reichtum in „ein Trümmerfeld“ miterleben. Als die Lebensmittel in Wien knapp wurden – ein Zeitgenosse von Max erinnert sich daran, von 1917 bis 1929 beinahe ausschließlich von Kohlrüben gelebt zu haben –, übersiedelte Dely die Familie nach Reichenau, wo sie bei den örtlichen Bauern Kleidung gegen Lebensmittel tauschen konnte. Geld war in jenen Tagen der Hyperinflation wertlos.
Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten des Landes trafen die Mittelschicht ebenso hart wie die Arbeiter. Viele versuchten verzweifelt den äußeren Anschein zu wahren, während es ihnen unmöglich war, die Grundbedürfnisse zu decken, wie es Eric Hobsbawm unvergesslich in seiner Autobiographie beschrieben hat. Doch obgleich Dely und Hugo wegen der Inflation all ihre Ersparnisse verloren, verfolgte die Familie Perutz eine Reihe einfallsreicher Strategien, um ihr Vermögen wiederherzustellen. Während des Krieges versorgten die ungarischen und tschechischen Fabriken der Brüder Perutz die Armee des Kaiserreiches mit Uniformen, Rucksäcken und Ähnlichem und die Spitäler, welche die Verwundeten behandelten, mit Arbeitskleidung, Tragbahren und Verbänden. Als die Vorräte an Wolle zur Neige gingen, stellten sie Garn aus Papier her. Als sie gegen Kriegsende sahen, dass sich ihre Vorräte an Rohmaterialien erschöpften, gingen sie dazu über, Frauenmode aus Frankreich und der Schweiz zu importieren, bis sie ihre Fabriken wieder in Betrieb nehmen konnten. Im Angesicht großer Schwierigkeiten sicherten sich die Brüder Perutz so ein Einkommen; Hugos und Delys Firmen gelang es, wieder Waren in das zerstörte Land zu liefern, und nur wenige Jahre nach Kriegsende lebten sie so gut wie davor.
Die Wiener Gesellschaft war in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts für eine Familie jüdischer Herkunft voller Widersprüche. Die meisten ambitionierten Juden aus der Mittelschicht, die sich aus dem Osten in Wien angesiedelt hatten, ließen ihre religiösen Praktiken in den Dörfern ihrer Großeltern zurück. Hugo und Dely waren dabei keine Ausnahme – Max schrieb, dass sie „nie eine Synagoge betraten“. Das österreichische Gesetz institutionalisierte ein gewisses Maß an Antisemitismus, indem Juden etwa von einigen Regierungsämtern ausgeschlossen waren, wenn sie sich nicht zum Katholizismus bekehrten. Doch unter der gebildeten Mittelschicht in Städten wie Wien oder Prag hatte die Unterscheidung zwischen Juden und Gentilen (Nichtjuden) kaum Bedeutung. Mischehen waren normal und zweckdienliche Konvertierungen häufig. Als zum Beispiel Hugos Cousin Franz im Jahr 1918 starb, konvertierte sein 18-jähriger Sohn zum Katholizismus, während er gleichzeitig den Platz seines Vaters als Direktor der Brüder Perutz einnahm. Später heiratete er Hilde Guszty, eine Christin und die Tochter eines ehemaligen Offiziers der Kaiserlichen Armee, und sie erzogen ihre Kinder als Katholiken. (Ihre Tochter Marion war sich ihres jüdischen Erbes so wenig bewusst, dass sie Jahre später verblüfft war, als ihr jüdische Kollegen in New York im September ein „Gutes Neues Jahr“3 wünschten.)
Um jedes Risiko einer Diskriminierung zu vermeiden (dachten sie zumindest), ließen Hugo und Dely Max im Alter von sechs Jahren katholisch taufen, warteten damit jedoch, bis ihre betagten Großmütter starben, die noch eine gewisse Anhänglichkeit zu der alten Religion besessen hatten und darüber hätten verstimmt sein können. Die älteren Kinder, Franz und Lotte, wurden nie getauft – Lotte trug sich bei der Registrierung an der Wiener Universität als „konfessionslos“ ein. Cilly Jetztfellener, Max’ Kindermädchen, war eine bayerische Katholikin, unter deren sanftem Einfluss er „ein devoter kleiner Bub“ wurde und damit begann, regelmäßig zur Messe und Beichte zu gehen.
Obschon Juden nicht mehr als zwölf Prozent der Bevölkerung in Wien ausmachten, war ihr prozentueller Anteil an der urbanen Mittelschicht weit höher. In den freien Berufen wie Medizin, Justiz und Journalismus machte der Anteil an Menschen jüdischer Herkunft wenigstens ein Drittel und in manchen Fällen bis zu drei Viertel aus. Sie waren auch im Handel und in der Industrie gut vertreten. Ihre Söhne besetzten etwa ein Drittel der Plätze an den prestigeträchtigen akademischen Hochschulen und den Gymnasien. Eifrig und mühelos nahmen sie die kulturellen Traditionen des deutschen Humanismus an; dieser Bevölkerungsschicht der assimilierten Juden entstammten viele Schlüsselfiguren der Literatur, Musik, verschiedener Denkrichtungen und der bildenden Künste, darunter Arthur Schnitzler, Gustav Mahler, Gustav Klimt, Ludwig Wittgenstein und Sigmund Freud.
Hugo und Dely Perutz zählten zu dieser wohlhabenden, gebildeten Schicht, obwohl sie als Geschäftsleute in ihren politischen Ansichten, im Gegensatz zur liberalen Intelligenzija, dazu tendierten, eher konservativ zu sein. Sie gingen gelegentlich ins Theater, zu Konzerten und in die Oper, besaßen einen Steinway-Flügel, der kaum bespielt wurde, und eine Bibliothek mit Büchern in verschiedenen Sprachen, die zu lesen sie selten Gelegenheit fanden. Andere Familienmitglieder waren kreativer: Delys Schwester Valerie war eine talentierte Pianistin, und Hugos erster Cousin, der berühmte Fantasy-Autor Leo Perutz, ein Pionier jener Literaturgattung, die später als Magischer Realismus bekannt wurde. Max beschreibt seinen Vater als human und kultiviert, er sprach fließend Englisch, Französisch, Tschechisch und Deutsch, doch meist war er mit seiner Arbeit beschäftigt.
Dely, die auch gut Französisch und ein akzeptables Englisch sprach, war ihre soziale Stellung und die ihrer Familie ein Anliegen. Sie besuchte Theater und Kunstgalerien mit derselben Haltung, mit der sie um Aufnahme in den Golfclub ansuchte und in türkische Bäder ging – denn das war es, was man tat, wenn man sich in den richtigen Kreisen bewegte. Einmal pro Woche gab sie einen „jour“ für ihre Freunde, die dann in ihrem eleganten Salon saßen, Kaffee tranken, Kuchen aßen und Konversation machten – doch laut ihrer vorwitzigen jüngsten Schwester Anni, die Dely in Harnisch brachte, weil sie alles aufschrieb, was bei diesen Gelegenheiten gesagt wurde, drehten sich die Gespräche hauptsächlich um Dienstboten. Einmal im Jahr buchten Dely und ihr Mann einen luxuriösen Urlaub in St. Moritz. Zu Hause widmete sie sich der Vervollkommnung ihrer Fähigkeiten als Golferin und Tennisspielerin. (Eines der wenigen Besitztümer, das sie mitnahm, als sie Österreich verließ, war ein kunstvoll gefertigter Aschenbecher, den sie bei einem Golfturnier gewonnen hatte.) „Meine Eltern hatten weitgefächerte Interessen, die beinahe alles umfassten, ausgenommen die Wissenschaft“, resümierte Max.
Wie war er in diesem zwar humanistischen, doch relativ unintellektuellen Umfeld zu seiner lebenslangen Leidenschaft für die Wissenschaft und Chemie gekommen? Seine frühe Erziehung war nicht sehr vielversprechend. Vor seinem ersten Geburtstag erlitt er eine schwere Lungenentzündung, was sich noch zweimal wiederholte, ehe er fünf war. Seine früheste Erinnerung, schrieb er, war „der Schock in kalte, nasse Tücher gewickelt zu werden, um das Fieber zu senken“. Auch wenn seine Geburt ungeplant gewesen war, so war er doch nie ungeliebt gewesen. Seine Mutter schien ihn sogar mit einer Nachsicht behandelt zu haben, die sie seinen anderen Geschwistern nicht entgegenbrachte. Seine Hustenanfälle und Erkältungen als Kind führten unweigerlich dazu, dass er mit der Mutter und dem Kindermädchen im Haus bleiben musste und von ihnen in ständiger Aufmerksamkeit umsorgt und gepflegt wurde.
Im Bett liegend wartete ich auf die Besuche unseres Doktors, des Kinderarztes Professor Knöpfelmacher, der mich mit seinem Bart kitzelte, wenn er mir die Brust abhörte und mir Inhalationen mit salzhaltigem Wasserdampf aus einem kleinen Wasserkessel verordnete, der von einer übelriechenden Spiritusflamme erhitzt wurde.
Als Max im Alter von neun Jahren erneut schwer erkrankte, beherzigte Dely Doktor Knöpfelmachers Rat und schickte ihn mit Cilly auf den Semmering, einen Kurort nahe dem gleichnamigen pittoresken Alpen-Übergang, etwa 90 km südlich von Wien. Vermutlich reisten sie auf der malerischen Eisenbahnstrecke, vollendet 1854, die sich von Wien südwärts die Berge hinaufschlängelt und über den Pass nach Mürzzuschlag führt. Max erfreute sich, die Nase an das Zugfenster gepresst, an der schwindelerregenden Aussicht. Sie blieben einige Wochen, die saubere Bergluft in 1000 Metern Höhe tat ihnen gut. Max erinnerte sich an das Rodeln in den Armen seines Kindermädchens, während sie den Abhang hinuntersausten. Die Behandlung schien anzuschlagen, er kehrte gesund zurück und litt auch später nie mehr an einem Wiederauftreten der Krankheit. Als er sich als Erwachsener nach dem Zweiten Weltkrieg einer routinemäßigen Bruströntgenuntersuchung unterzog, deutete ein verräterischer Schatten auf seiner Lunge darauf hin, dass er eine Tuberkulose überstanden haben könnte. Später wurde ihm bewusst, dass Doktor Knöpfelmacher diese Diagnose vielleicht schon für sich selbst gestellt, doch sie vor Dely verheimlicht hatte, um ihr keine Angst zu machen.
Ab seinem sechsten Lebensjahr besuchte Max, wenn es seine Gesundheit zuließ, eine kleine Privatschule, an die er, wie er sagte, jedoch keine Erinnerungen mehr besaß. Als kleines und kränkliches Kind empfand er die Raufereien und das Herumtoben auf dem Spielplatz als bedrohlich und hatte kaum Freunde. Zu Hause verbrachte er die meiste Zeit mit seinem ihn umsorgenden Kindermädchen, ein Umstand, dem Max später seine langsame intellektuelle Entwicklung zuschrieb: „Sie war nicht sehr intelligent – sie war ein sehr guter Mensch, liebenswürdig, und versuchte mich zur Ordnung anzuhalten, doch sie hat mich nicht gefördert.“
Max’ Mutter war ihm gegenüber duldsam, doch unnahbar, ein bezauberndes Wesen, das durch das Leben seiner Kinderstube irrlichterte. In einer Bemerkung, die er Jahre später einem Interviewer gegenüber machte, deutet er an, dass er sich nach mehr Aufmerksamkeit von ihr und seinem Vater gesehnt hatte: „Hätte ich mehr Zeit mit meinen Eltern verbracht, wäre ich vielleicht ein wenig aufgeweckter gewesen.“
Das Leben zu Hause zerfiel in zwei unterschiedliche Phasen. In Wien begleitete Cilly den jungen Max durch die Straßen der Innenstadt zur Schule und von der Schule nach Hause. Schließt man aus seinen eigenen vagen Erinnerungen, so war die Volksschule eine bedrohliche Umgebung, wo die Möglichkeit, auf dem Spielplatz einen Fußtritt zu bekommen, ständig gegenwärtig war. Seine Mutter zwang ihn dazu, Klavierstunden zu nehmen, obwohl ihn das Instrument nicht interessierte, und er gab es auf, sobald er sich „unabhängig genug fühlte“ sich ihrem Willen zu widersetzen. Sie ließ ihm auch Privatunterricht in Französisch und Englisch geben, was ihm Spaß machte. Seine Englisch-Lehrerin, Fräulein Rein, war eine alte Jungfer aus Hamburg, die als Gouvernante für die Familie eines englischen Aristokraten gearbeitet hatte, der mit einer amerikanischen Erbin verheiratet war. Obgleich sie Max den englischen Akzent nie wirklich beibringen konnte, inspirierte sie ihn mit ihrer Liebe zu dieser Sprache und deren Literatur, sodass er schon mit fünfzehn Jahren ein eifriger Leser englischer Bücher war.
Zu Hause, in der geräumigen Wohnung im dritten Stock in der Jaurèsgasse, besaß Max die besten Bücher und Spiele, die man für Geld kaufen konnte, doch hatte er kaum Freunde, mit denen er sie teilen konnte. Seine Eltern waren liebevoll, doch meist beschäftigt und abgelenkt. Aber die starke Bindung zwischen ihnen vermittelte ihm ein Gefühl für Sicherheit. Es gab auch Vergnügungen wie etwa die Besuche im Theater. Dely begann Max’ Theatererziehung, indem sie ihn, als er acht oder neun Jahre alt war, zu Stücken von Johann Nestroy und Ferdinand Raimund mitnahm, derbe Komödien aus der Glanzzeit des Wiener Volkstheaters im 19. Jahrhundert. Max lachte dabei so sehr, dass er einmal vom Sitz fiel.
Das Wiener Leben, egal wie komfortabel und elegant es auch war, konnte in Max’ Vorstellung niemals mit seinem anderen Leben in Reichenau konkurrieren. Jeden Sommer reisten Dely und die Kinder zur Villa Perutz, wo Hugo an den Wochenenden zu ihnen stoßen würde. Während der Jahre unmittelbar nach dem Krieg, als sie beinahe das ganze Jahr über dort wohnten, wuchs Max’ Liebe zu dem Haus, der umgebenden Landschaft, der größeren Freiheit, die ihm dort gestattet wurde, und weil er Gelegenheit hatte, mehr Zeit in Gesellschaft seiner Mutter zu verbringen: „Wenn ich um sechs Uhr morgens aufwachte, unter der Woche, wenn mein Vater in dem staubigen, heißen Wien arbeitete, schlich ich mich auf Zehenspitzen in das Zimmer meiner Mutter und stieg in ihr Bett, in die Behaglichkeit ihrer Wärme und einiger netter Geschichten.“
Die Villa Perutz besaß einen großen „Englischen Garten“ mit Obstbäumen und Blumen. Dely hatte einen Gärtner eingestellt, der auf dem Grundstück in seinem eigenen Haus wohnte und sie mit Früchten und Gemüse für die Küche versorgte. Er besaß einen riesigen Hund namens Lux, eine Kreuzung zwischen einem Bernhardiner und einem deutschen Schäferhund, an den sich Max mit Zärtlichkeit erinnerte: „Wenn ich dort war, war er mein ständiger Begleiter und enger Freund. Ich konnte stundenlang, meine Arme um ihn geschlungen, auf der Veranda sitzen.“ Mit dem Hund unternahm er Expeditionen in die Wälder auf der Suche nach Heidelbeeren oder Pilzen; später würde Max viel ambitioniertere Streifzüge in die umliegenden Berge unternehmen, doch schon von jungen Jahren an wurde ihm viel Freiheit zugestanden und er durfte auch außerhalb des Gartenzauns allein umherstreifen.
In seinen schriftlichen Erinnerungen zeichnet sich ein Bild von Max als einzelgängerisches und eigenständiges Kind, doch war er nicht ganz ohne Gesellschaft. Seinem Bruder Franz, der in die Schweiz aufgebrochen war, um dort zu studieren, als Max erst neun gewesen war, hatte er nie nahegestanden, doch mit seiner Schwester Lotte war das anders. Groß, blond und athletisch war sie körperlich das genaue Gegenteil ihres jüngeren Bruders. Gleichzeitig war sie intelligent und unabhängig und verschaffte ihm wahrscheinlich jene intellektuelle Förderung, die er von seiner Mutter vermisste. Sie stand ihm altersmäßig nahe genug, um eine Gefährtin zu sein, und bis zu ihrem Tod im Jahr 2000 blieben sie enge Freunde und Vertraute.
Einer der wenigen Berichte seiner Kindheit aus erster Hand von einem Außenstehenden ergänzt gut die skizzenhaften Erinnerungen, die Max selbst zurückließ und die sich beinahe ausschließlich auf seine herrlichen Sommer in Reichenau und die weniger herrlichen Schultage konzentrieren. Evelyn Baxter war die Nichte von Alfred und Mitzi Teller, den Nachbarn und Freunden der Perutz. Alfred, ein Architekt, hatte die Villa Perutz entworfen; Mitzi und Charlotte, Evelyns Mutter, stammten aus einer weiteren wohlhabenden, jüdischen Familie aus der Textilbranche. Möglicherweise wegen Spannungen in Charlottes Ehe mit Evelyns englischem Vater verbrachte Evelyn lange Zeitspannen bei den Tellers und wurde dabei manchmal von ihrer Mutter begleitet. Die eigenen Kinder der Tellers, Willy und Lilli, waren etwa im selben Alter wie Franz und Lotte und so verbrachten die Kinder viel Zeit damit, „die Straße mit ihren Fahrrädern auf und ab zu rasen, Tischtennis zu spielen oder einfach herumzulungern“. Da Evelyn erst zehn Jahre alt war, interessierten sich die Cousins nicht für sie – doch sie war „eine geeignete Freundin“ für Max, der ungefähr gleich alt war. Sie hatte den „blassen und zarten kleinen Jungen“ das erste Mal bemerkt, als sie für kurze Zeit dieselbe Grundschule besuchten.
Ich machte mit ihm beschauliche Ausflüge in den Wienerwald und ging in seine Wohnung zum Tee. Hier wurden mehrere Doppeltüren für uns aufgemacht, um Schienen auszulegen, Weichen, Bahnstationen, Drehscheiben und Signale für ein großes Eisenbahnnetz. Die Waggons und Lokomotiven waren superb und ich erinnere mich besonders an einen Rot-Kreuz-Wagen mit Betten, Patienten, Tragbahren und Krankenträgern. Ich spielte mit Max in völligem Einvernehmen.
Max erwähnt Evelyn in den Berichten seiner frühen Kindheit nicht, obwohl sie sich später in seinen Teenagerjahren wiedertrafen und seit damals in Kontakt blieben. Der einzige gleichaltrige Freund, dem er eine herzliche Erinnerung gönnte, war Franz, der Sohn des Schusters in Reichenau, mit dem er, wenn es schön war, Fahrradausflüge machte oder Krocket und, wenn es regnete, Brettspiele oder Tischtennis spielte. „Er war stets furchtbar nett zu mir“, erinnerte sich Max. Als er nach dem Zweiten Weltkrieg versuchte, mit Franz und dessen Bruder wieder Kontakt aufzunehmen, erfuhr er zu seinem Kummer, dass beide an der russischen Front gefallen waren.
Das Aufblühen der ersten Herbstkrokusse war für Max ein gefürchtetes Omen – es bedeutete, dass es schon beinahe Zeit war, wieder nach Wien zurückzukehren und das nächste Schuljahr zu beginnen. Mit zehn Jahren schrieben ihn seine Eltern in das Theresianum ein, das von den elf Gymnasien in Wien über das kleinste jüdische Kontingent und das strengste katholische Ethos verfügte. (Der Kunsthistoriker Ernst Gombrich, fünf Jahre älter als Max, besuchte diese Schule ebenfalls – ein Zufall, den sie 1988 entdeckten, als sie einander im Buckingham Palace begegneten, wo beide den Verdienstorden erhalten sollten). Max zufolge wählten seine Eltern diese Schule aus, weil Knöpfelmacher ihnen geraten hatte, „mich nicht zu verhätscheln, sondern sicherzustellen, dass ich ausreichend frische Luft und Bewegung bekam“. Das Theresianum war 1746 von der Kaiserin Maria Theresia als Militärakademie für die Söhne österreichischer Aristokraten gegründet worden. Die Schule war in den Gebäuden eines königlichen Palastes aus dem 17. Jahrhundert, der Favorita, untergebracht, dessen Räumlichkeiten sorgsam konserviert worden waren: Die Schulbibliothek befand sich im ehemaligen Thronsaal, und im Peregrinsaal und dem Goldkabinett waren die gesamten Wandflächen prächtig dekoriert. Heute befinden sich in der Schule viermal mehr Schüler als zu Max’ Zeiten, und es werden auch Mädchen aufgenommen. Nach dem Ersten Weltkrieg stand der Weiterbestand des Theresianums zur Disposition: Es hatte viele seiner ungarischen Schüler verloren, und zwei der Ländereien in Mähren waren nun Teil der Tschechoslowakei. Zwischen 1918 und Mitte der 1920er-Jahre verhandelte die Schulleitung mit der Regierung über seine Zukunft, wobei die Schule sich nach den Wünschen ihrer Gründer eine gewisse Unabhängigkeit wünschte und das Unterrichtsministerium mehr Kontrolle. Als Max dort zur Schule ging, war das Theresianum Teil des öffentlichen Schulsystems der Stadt geworden, verlangte jedoch Schulgeld und hatte sich das Flair seines aristokratischen Erbes bewahrt.
Die Schüler waren zumeist wohlhabend und international. Die Klasse, in die Max 1924 eintrat, wurde auch von den Söhnen des schweizerischen, des bulgarischen sowie des österreichischen Botschafters in Rom besucht. „Es gab Barone, Grafen und Prinzen, die mich für den Rest meines Lebens vom Snobismus heilten.“ Die Hälfte der Schüler waren Knaben, die wie Max aus den umliegenden Bezirken stammten und von Montag bis Samstag jeden Tag von acht Uhr früh bis ein Uhr nachmittags den Unterricht besuchten. Die andere Hälfte waren Internatsschüler. Max’ Klassenkamerad Gottfried Peloschek zufolge, der aus Niederösterreich stammte, freundeten sie sich nur untereinander an und mischten sich gesellschaftlich nicht mit den Tagesschülern.
Kurz nach Beginn seines Schuleintritts versagte Max bei einer Mathematik-Schularbeit, und es stellte sich heraus, dass seine Antworten falsch gewesen waren, weil er die Fragen fehlerhaft von der Tafel abgeschrieben hatte. Schuld daran war eine Sehschwäche, die erstaunlicherweise bislang niemand bemerkt hatte, obgleich die Anzeichen dafür nur allzu offensichtlich gewesen waren. Max erinnerte sich, wie er einmal als kleiner Junge freudig auf eine Frau, die auf der Straße ging, zugestürzt war, weil er dachte, es sei seine Mutter, und sich in Grund und Boden geschämt hatte, als sich herausstellte, dass es eine völlig Fremde war. „Nach diesem Vorfall kniff ich meine Augen stets fest zusammen, um Menschen zu erkennen, was die anderen Jungen dazu bewog, mich deshalb aufzuziehen, weil ich so ein dummes Gesicht machte.“
Er erinnerte sich auch, dass er Wildvögel nie bestimmen konnte – sie sahen für ihn alle wie Spatzen aus. „Wäre meine Mutter immer bei mir gewesen, hätte sie das vielleicht schon früher erkannt“, bemerkte er gegenüber einem Interviewer. Nachdem die Lehrer sein Problem erkannt hatten, wurde ihm die nächste Demütigung (er war ein Schuljunge) zuteil: Eine Brille tragen zu müssen.
Max war weder dumm noch lernunwillig, aber er wollte zu seinen eigenen Bedingungen lernen und gewöhnte sich nicht an die Schulumgebung. In den ersten zwei Jahren lernte er Altgriechisch und Latein, doch 1927 änderte sich der Schultyp des Theresianums von Gymnasium zu Realgymnasium und Altgriechisch wurde durch Französisch ersetzt. Literatur, Geschichte, Religion (unterschiedlich gelehrt für Katholiken, Protestanten und Juden) und Mathematik waren die Hauptfächer. Während des Großteils der acht Jahre, die er dort verbrachte, empfand Max die Schulstunden als unendlich langweilig und die Prüfungen als sinnlos. Seine Schulleistungen spiegelten sein Desinteresse wider. Peloschek würde ihn jedes Mal, wenn er während des Unterrichts einzuschlafen drohte, in die Rippen stoßen. Solange er nicht dabei ertappt wurde, las er lieber unter der Bank Bücher – oft auch englische –, als dem Lehrer zuzuhören. Die regelmäßigen Schularbeiten in Latein und Mathematik, die in einer vorbestimmten Zeit fertiggestellt werden mussten, lösten bei ihm Anfälle von Diarrhöe aus, „die mich Zeit kosteten und beim Lehrer den Verdacht weckten, ich wollte hinausgehen, um zu schwindeln“. Doch das Gegenteil war der Fall: Max fürchtete die stinkenden Toiletten noch mehr als die Aussicht auf schlechte Noten.
Der Geschichtsunterricht barg bei einer derart internationalen Klientel seine eigenen Tücken. Nachdem er im Unterricht von den Siegen der Österreicher über die Ungarn gelernt hatte, erfuhr Max von seinen ungarischen Mitschülern, dass, als sie über dieselben Schlachten in ihrem Heimatland unterrichtet worden waren, die Ungarn die Sieger gewesen waren. Er kam bald zu dem Schluss, dass „nicht alles, was mir gelehrt wurde, notwendigerweise auch wahr sein musste“, eine wertvolle Lektion für einen zukünftigen Wissenschaftler. Zur selben Zeit verspürte er die ersten Anzeichen von religiösem Skeptizismus, als ihm bewusst wurde, dass in den protestantischen wie in den katholischen Religionsstunden gelehrt wurde, dass die Zugehörigkeit zur jeweils anderen Religion geradewegs in die Hölle führte. Nur ein Lehrer errang von Beginn an seinen Respekt, der Lateinprofessor Dr. Hrazky, der auch während der ganzen Schulzeit Max’ Klassenvorstand war; er reicherte seine Unterrichtsstunden mit Exkursionen in die Philosophie und die antike Geschichte an, durch die es ihm gelang, Max’ Aufmerksamkeit zu fesseln.
Von kleinem Wuchs – er wurde nie größer als 1,68 m –, bebrillt und sowohl der körperlichen Voraussetzung als auch der Neigung für Ballspiele ermangelnd, gewann Max anfangs wenige Freunde. Es deprimierte ihn, als er entdeckte, dass er – seiner Überzeugung nach – „für nichts ein Talent hatte, für keinen der akademischen Gegenstände, nicht für Zeichnen, Musik, Schauspiel, Tennis, Reiten oder Fußball“. Nur einmal, im Alter von vierzehn Jahren, erhielt er ein Mindestmaß an wohlwollender Aufmerksamkeit, als ihm die gesamte Klasse in einem Brief für einige schulfreie Tage dankte, weil er sich ein Scharlachfieber zugezogen hatte. Etwa ab fünfzehn begann sich seine Lage zu verbessern. In den Wintermonaten ging man nach der Schule und am Sonntagmorgen regelmäßig zum Eislaufen und Max stellte sich dabei sehr geschickt an. Sein älterer Bruder und seine Schwester waren begeisterte Skiläufer, und seine Mutter hatte ihm das Skifahren beigebracht, als er elf war. Bedenkt man seine anfangs schwächliche Konstitution, bewältigte er diese Herausforderung mit überraschender Leichtigkeit. Die Notwendigkeit, mit seinen um viele Jahre älteren Geschwistern mitzuhalten, machte aus ihm einen zähen und konkurrenzfähigen Skiläufer, und alsbald begann er sie auch bei ihren Kletterexpeditionen im Sommer zu begleiten. Max hatte sich körperlich verändert, wie Evelyn Baxter sofort feststellte, als sie, fünf Jahre nach ihrer ersten Begegnung, wieder einen ihrer ausgedehnten Besuche bei den Tellers machte: „Es war kaum möglich, den schwächlichen jungen Knaben in dem nun kräftigen Fünfzehnjährigen zu erkennen, der bereits ein leidenschaftlicher Bergsteiger und Skiläufer war.“
Er war jetzt alt genug, um seine ersten Erfahrungen im Gesellschaftsleben des jungen Wien zu machen. Evelyn berichtet von einer Begebenheit, die zeigt, wie wenig die wirtschaftlichen Turbulenzen jener Zeit – der Schwarze Freitag hatte sich ein Jahr zuvor ereignet, und die darauffolgende Wirtschaftskrise sollte bis 1937 dauern – den Lebensstil in der Jaurèsgasse beeinträchtigten:
Während dieses Aufenthaltes gaben seine Eltern einen Ball für ihre zwei ältesten Kinder, und ich wurde eingeladen, um Max Gesellschaft zu leisten. Alles war verschwenderisch und prächtig: Die Speisen üppig und fantasievoll wienerisch, und es gab wunderbare Kreationen mit Blumen und Vögeln, die aus Eiscreme gemacht waren. Max und ich amüsierten uns auf halb-erwachsene, halb-kindische Weise. Wir tanzten, rannten herum, grüßten die Tanzenden und machten Späße mit ihnen oder saßen knabbernd in einer Ecke und kommentierten das Geschehen. Der Höhepunkt war ein Kotillon. Die jungen Männer wurden in ein Nebenzimmer gerufen, und es wurden ihnen Blumensträuße gegeben, den Mädchen rosafarbene Plüschbeutel zum Umhängen, auf die unsere Namen gestickt waren. In den Beuteln waren Gunstbänder, die wir den jungen Männern anheften sollten. Die Kapelle spielte, und die Männer paradierten herein und gaben ihre Blumensträuße den von ihnen erwählten Mädchen. Ich bekam meinen natürlich von Max und heftete ihm meine Schleife an sein Revers, aber ich bekam auch andere und tanzte bald davon mit meinem Beutel voller Blumen. Es herrschte eine fröhliche, familiäre Atmosphäre bei dem Ball, da alle Gäste sich von der Schule her kannten, durch ihre Familien, vom Bergsteigen oder gemeinsamen Skifahren. Jeder war beschwingt, doch niemand wurde, trotz des guten österreichischen Weines, ausfallend.
Nicht nur zu Hause begann Max Eindruck zu machen, auch seine Klassenkameraden waren erstaunt über sein Können, welches er bei einem zehntägigen Skilager, das von der sozialistischen Regierung der Stadt Wien jeden Februar organisiert wurde, unter Beweis stellte. Sein Ansehen stieg, als er mit sechzehn Mitglied des dreiköpfigen Teams war, das die Trophäe der Hochschulen gewann. Bescheiden schrieb er ihren Erfolg dem dritten Wettkämpfer Walter Innerebner zu, einem „furchtlosen Tiroler“, der den ganzen Lauf „im Schuss“ absolviert hatte und in Rekordzeit ins Ziel gelangt war. Dessen ungeachtet „wurde ich das erste Mal in meinem Leben mit einem gewissen Respekt behandelt“.
Akademisch sah es auch gut aus. Als Max sechzehn wurde, lockerte die Schule die Diät der Klassiker und Deutschen Literatur mit den ersten Chemie-Unterrichtsstunden auf:
Der Chemielehrer unterrichtete auch an der Technischen Universität Wien; er war von einem anderen Kaliber als die anderen Lehrer und weckte tatsächlich mein Interesse an Chemie … Er organisierte auch einmal die Woche Praxisstunden am Nachmittag, mischte Chemikalien, und all diese hübschen Farben faszinierten mich.
Max war davon beeindruckt, dass die Experimente des Lehrers immer funktionierten, während beim Physiklehrer – eintönige Demonstrationen mit Pendeln – dies oft nicht der Fall war. Sein Chemieprofessor Dr. Arthur Praetorius lebte lange genug, um noch zu erleben, wie sein schläfriger Schüler, den er inspiriert hatte, den Nobelpreis gewann. Angespornt durch dieses neue Interesse, riss sich Max zusammen und erzielte schließlich ein halbwegs vorzeigbares Ergebnis bei der Matura.
Etwa zur selben Zeit kamen zwei neue Schüler in seine Klasse, die lebenslange Freunde von Max werden sollten: René Jaeger, Sohn eines Schweizer Diplomaten, der Max’ Vorliebe für die Berge teilte, und Werner Weissel, der gern mit ihm über Literatur und Ideen debattierte und während der letzten zwei Schuljahre neben ihm saß. Erst in späteren Jahren ging Max auch mit Jaeger regelmäßig klettern, Weissel hingegen, sein Bruder und ein anderer Mitschüler namens Titi Hoefft waren ständige Begleiter bei seinen Skiausflügen und Bergwanderungen, die er jede Ferien, von seinem sechzehnten Lebensjahr an bis er Österreich 1936 verließ, unternahm. Vivian erinnert sich: „Er war mit Werner viel angeregter als mit jedem anderen, und die Gespräche wechselten von Literatur zur Geschichte, Politik, Wissenschaft und Medizin, stets von Scherzen unterbrochen, die ich wegen meiner schlechten Deutschkenntnisse nie verstand.“
Weissel war ein wichtiges Mitglied einer Gruppe von Jungen und Mädchen, der auch Max, manchmal schüchtern und ein wenig abwesend, angehörte, während er allmählich erwachsen wurde. Unter den Mädchen waren die Steyrers: Elisabeth, Gerda und ihre jüngeren Zwillingsschwestern, die auch ein Haus in Reichenau besaßen. Franz, er war inzwischen aus der Schweiz zurückgekehrt und arbeitete jetzt im Familienbetrieb mit, schien die Hauptattraktion des Perutz-Haushaltes gewesen zu sein (Jahre später heiratete er Gerda); Max vergnügte sich mit Eislaufen, Kartenspielen und Kinobesuchen mit den Steyrer-Schwestern. Sein Leben lang hatte er sich gut selbst beschäftigen können, mit Büchern, Spaziergängen und seiner neuen Leidenschaft, der Fotografie – jetzt lernte er in Gesellschaft zu sein. Alle Bemühungen seiner Mutter, ihn dazu zu bringen, mit den „richtigen Leuten“ zu verkehren, blieben jedoch weitgehend erfolglos:
Im alten Österreich hing das Weiterkommen von der „Protektion“ ab, worunter man etwas Ähnliches wie das „old boy system“ in England verstand: sich in den richtigen Kreisen zu bewegen, bekannt zu sein und sich des Wohlwollens der Leute in hohen Positionen zu versichern. Um als junger Mann „Protektion“ zu bekommen, musste man gut tanzen, gut Tennis und Bridge spielen. Ich enttäuschte meine Mutter, da ich ein hoffnungsloser Fall in allen dreien dieser Künste war. Weder das Skilaufen noch das Felsenklettern verschafften dir Zutritt zur besseren Gesellschaft.
Im Frühjahr 1932 besuchte Evelyn Baxter zum letzten Mal Wien. Sie war zu einer ernsthaften jungen Frau herangewachsen, die ihre freie Zeit dazu nutzte, Gedichte zu schreiben, und dazu bestimmt war, nach Oxford zu gehen. Von ihrer ehemaligen Mitschülerin verschmäht, die sich zu einer Salon-Schönheit gewandelt hatte, erinnerte Evelyn sich an den Spielgefährten aus ihrer Kindheit:
Glücklicherweise gab es da noch jemanden, dessen Freundschaft festere Wurzeln hatte: Max Perutz war ein leidenschaftlicher Photograph und hatte die Angewohnheit, an den meisten Tagen nach der Schule vorbeizukommen, um die Dunkelkammer zu benutzen, die man im Obergeschoß unserer (i.e. der Tellers) Appartements eingerichtet hatte. Er schaute immer, ob ich zu Hause war, und warb mich alsbald als Assistentin an, lehrte mich Abzüge zu entwickeln und Vergrößerungen zu machen … es fanden sich bald viele gemeinsame Interessen, die wir teilen konnten. Sein echt österreichischer Sinn für Humor passte gut mit meinem englischen zusammen, und er zog mich schonend auf, wenn ich zu ernst war und meine Berufung zur Schriftstellerin zu wichtig nahm. Unsere Freundschaft wuchs auf natürliche und liebevolle Art.
Max lud Evelyn ein, die letzten Wochen ihres Aufenthaltes in Reichenau zu verbringen, wo sie idyllische Tage mit Schwimmen und Spaziergängen verbrachten. Er nahm sie, eine völlige Novizin, auch einmal auf eine abenteuerliche, ganztägige Kletterexpedition mit, bei der sie sich, weil plötzlich ein Sommersturm über sie hereinbrach, in einem Biwak-Zelt zusammenkauern mussten. Als Max sie am Bahnhof verabschiedete, war er so unwillig, Adieu zu sagen, dass er es versäumte, den Zug rechtzeitig zu verlassen und mit ihr zur nächsten kleinen Station mitfuhr: „Wir lachten, als wir uns trennten, und er rannte winkend neben den Gleisen her, bis ich ihn aus den Augen verlor. Es erfüllte mich mit Traurigkeit, Abschied von ihm zu nehmen.“
Kaum war sie abgereist, verfasste er den ersten Brief, der den Beginn einer vierjährigen Korrespondenz markierte. Beinahe alle Briefe von Max sind erhalten, doch die von Evelyn leider nicht. Für ihn war aus einer Kindheitsfreundschaft seine erste Liebe geworden. Seine Briefe sind jedoch keine typischen Liebesbriefe; sie sind meistens ausufernd und geschwätzig, manchmal angeberisch, manchmal selbstironisch, ernst oder voll lausbübischen Humors. Wenn sie mit der Antwort säumig war, werden seine Briefe im Ton gereizt und verdrossen. Max schien Evelyn um jeden Preis beeindrucken und ihre Aufmerksamkeit fesseln zu wollen. Sie hingegen sah in ihm eine verwandte Seele, jedoch keinen Anwärter für eine Romanze. Max wäre wahrscheinlich gekränkt gewesen, hätte er erfahren, dass sie ihn in einem Brief an ihre Mutter als einen „urkomischen kleinen Mann“ beschrieben und wegen seiner Bereitwilligkeit, ihr das Entwickeln von Fotografien beizubringen, als „nützliche Person zu kennen“ bezeichnet hatte. Zum Glück für seine Biographin brach ihre Korrespondenz nicht ab, als er, wenig mehr als ein Jahr, nachdem sie sich verabschiedet hatten, erfuhr, dass sie sich mit Max Machin verlobt hatte.
Vor einer halben Stunde hat man mir erzählt, dass Du Dich verlobt hast. Ich kann nicht sagen, dass ich mich darüber freue – angeblich pflegt man das bei Gratulationsbriefen zu schreiben –, aber Du wirst mir hoffentlich glauben, dass ich Dir so viel Glück wünsche, als nur irgend möglich ist.
Während sein Liebesleben einen unerfüllten Anfang nahm, erwies sich seine akademische Laufbahn als vielversprechend. Weil er die Unterrichtsstunden von Dr. Praetorius so sehr genossen hatte, entschied er sich, Chemie für seinen Abschluss zu wählen, wobei er den Rat von einem Freund seines Vaters befolgte, eines „sehr klugen Mannes“ namens Dr. Strauss:
Er sagte mir, dass es doch gar keinen Sinn hat, heute auf 4 bis 5 Jahre ein Programm zu machen, und dass ich das studieren soll, was mich am meisten interessiert; ich glaube, dass er ganz recht hat, und werde daher Chemie studieren, da es doch wirklich sinnlos ist, sich bei den heutigen Verhältnissen darüber den Kopf zu zerbrechen, was ich nachher damit machen werde. Allerdings habe ich den Beschluss erst beim Schreiben dieses Briefes gefasst und muss noch mit meinen Eltern darüber reden.
Chemie war jedoch nicht Teil des Planes, den seine Eltern für ihn hatten. Max’ Bruder Franz war nach Zürich geschickt worden, um Ingenieurswissenschaften zu studieren und ihn darauf vorzubereiten, den technischen Bereich im Familienbetrieb zu übernehmen, während Max dazu ausersehen war, Rechtswissenschaften zu studieren, damit er sich später um die geschäftliche Seite der Firma kümmern könnte. Doch Fritz Eirich, ein älterer Freund aus seinem Skiläufer-Zirkel, der an der Universität Wien Chemie unterrichtete, schaffte es, Hugo umzustimmen. Max inskribierte im Oktober 1932 an der Universität Wien; es war der Beginn einer siebenjährigen Ausbildung in Chemie, die ihren Abschluss 1939 im Doktorat finden sollte.
Die Nationale, wie das Registrierblatt, das er am Beginn des ersten Semesters ausfüllte, damals hieß, zeigt, dass er sich für Chemie, experimentelle Physik, Psychologie und angewandte Chemie anmeldete. Während sieben der acht Semester seines vierjährigen Studiums belegte er wöchentliche Praxisstunden bei Professor Ernst Späth, dem Leiter des zweiten Chemischen Institutes der Universität, das auf organische Chemie spezialisiert war. Späths Forschung über die Synthese von Naturstoffen, die aus Pflanzen gewonnen werden, hatte ihm internationale Reputation eingebracht, und seine Studenten kamen von weit her; von 1929–1931 hatte er die Doktorarbeit des amerikanischen Chemikers Percy Lavon Julian betreut, der mit einer beeindruckenden Menge von Laborgläsern anreiste und später, nach seiner Rückkehr in die USA, eine Reihe von Entdeckungen im Bereich der Naturstoffchemie machte. Späth war ein strenger Lehrmeister, doch er lehrte mit Fingerspitzengefühl, und Max wusste die Qualität des Unterrichts, den er erhielt, durchaus zu schätzen.
Die Stars der Wissenschaft in den ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts kamen beinahe alle aus Deutschland. Seit Gründung des Deutschen Kaiserreiches im 19. Jahrhundert befand sich die Wissenschaft an vorderster Front einer selbstbewussten gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Entwicklung. Die neuen Kaiser-Wilhelm-Institute für Chemie, Physik und Medizin gaben der wissenschaftlichen Forschung den Stempel fürstlichen Prestiges. Die meisten dieser Institute befanden sich in Berlin, das eine Phalanx führender Physiker, darunter Max Planck, Albert Einstein und Erwin Schrödinger, anzog. Auch Wien hatte seinen Anteil an Berühmtheiten, darunter den Physiker Ludwig Boltzmann und den Physiologen Karl Landsteiner, der die Blutgruppen entdeckte. Die österreichischen Universitäten teilten mit ihren deutschen Gegenstücken die Tradition rigoroser Forschung, die häufiger als an den britischen Universitäten an die industriellen Entwicklungen geknüpft war. Obgleich die meisten talentierten österreichischen Studenten, wie etwa Schrödinger, nach Deutschland tendierten, boten die Wissenschaftsabteilungen der Universität Wien zweifellos Unterricht und Forschung nach internationalen Standards.
Max’ gesamte Einstellung zu akademischer Arbeit änderte sich mit seinem Eintritt in das Universitätsleben, da es ihm ermöglichte, sich einem Gegenstand zu widmen, der ihn faszinierte.
Ich, der noch nie in seinem [sic!] Leben etwas gearbeitet hat, fing wie ein Wilder zu arbeiten an. Gleich am zweiten Tag führte ich den 14-Stundentag ein. Ich ging um 8h ins Laboratorium, arbeitete ohne Mittagspause durch bis 6h Abend, fuhr nach Hause und arbeitete weiter bis nach 10h nachts.
Er begann eine vierjährige Studienzeit (die vorgeschrieben war, ehe Studenten mit ihrer Doktorarbeit beginnen konnten), in der strikt nach dem Lehrbuch vorgegangen wurde – oder genauer: nach zwei Lehrbüchern. Der 759-seitigen Anorganischen Chemie von Karl A. Hofmann und dem 866-seitigen Lehrbuch der organischen Chemie von Paul Karrer, die beide mehr oder weniger auswendig beherrscht werden mussten. Max betrachtete dies als eine Leistung, „die mir eine gewisse sportliche Befriedigung verschaffte, wie wenn ich von Land’s End4 nach John O’Groat’s5 wandern würde“. Was das Studium jedoch nicht lieferte, war eine Erklärung dafür, warum Materie spezifische Eigenschaften besaß. Warum war ein Diamant hart und Graphit weich, bestanden doch beide aus Kohlenstoff? Die Einführungssemester in organischer und anorganischer Chemie gaben nicht einmal ansatzweise eine Antwort auf diese Fragen: Sie wurden als empirische Untersuchungen mit wenig theoretischem Hintergrundwissen gelehrt. Die Studenten arbeiteten sich durch eine Reihe von praktischen Experimenten, zuerst qualitativ, dann quantitativ, testeten Tag für Tag im Labor Proben, um deren Komponenten zu isolieren. Einmal, als er während eines Urlaubes eine Kohlenanalyse für einen Freund ausführte (man hatte ihm 20 Schilling dafür versprochen), schaffte es Max, das Labor in die Luft zu sprengen und entging nur knapp einer Erblindung; er wurde in die Unfallabteilung eines Krankenhauses überführt, wo man ihm die Glassplitter aus den Augen entfernte. Der Vorfall scheint einmalig gewesen zu sein, denn ansonsten erwies er sich bei der Laborarbeit als kompetent und verrichtete sie stets gern.
Vom sozialen Standpunkt gesehen, wie er sich eingestand, war er von der Chemie-Abteilung „angemessen enttäuscht“.
Ich habe mir vorgestellt, es würde eine furchtbar feindselige, gespannte Atmosphäre dort sein; inzwischen ist die Atmosphäre aber nur ziemlich stinkig, aber sonst innig freundlich. Ich habe überhaupt noch nie jemanden streiten sehen; Juden, Hakenkreuzler, Christlichsoziale und Sozialisten arbeiten in bester Freundschaft miteinander (wenigstens bis jetzt) in einer Uniform, dem weißen Mantel, unter dem mit dem politischen Abzeichen scheinbar auch die Überzeugung verborgen bleibt. Wenn man irgendwo ein wüstes Bahööh hört, so ist es höchstens eine kleine Wasserschlacht im Laboratorium, die veranstaltet wird, weil der Assistent gerade nicht da ist. Der ganze Betrieb ist unerhört angenehm und gemütlich; (…) vorläufig gefällt es mir viel besser wie in der Schule – hauptsächlich kann man ja kommen und gehen, wann man will, zwischen 8h Früh und 6h Abend. Mädchen gibt es in allen Auflagen von klein, schwarz, dick bis groß, blond, schlank und schön.
Nach dem Theresianum genoss es Max sehr, jetzt auch Mitstudentinnen zu haben. Ein Foto der Studierenden aus einem Labor für organische Chemie aus dem Jahre 1935 zeigt vierzehn Männer und fünf Frauen, kein schlechtes Verhältnis für jene Zeit. Er teilte seine Laborbank vier Jahre lang mit Gretl Schlögl, die blond und sehr attraktiv war. Sie erinnert sich, dass sie sehr gute Freunde waren; manchmal würde sie an den Wochenenden hinaus nach Reichenau fahren, wo er sie, genauso wie er es bei Evelyn gemacht hatte, dazu nötigte, den nächsten Berg mit ihm zu besteigen. „Es war schrecklich“, erinnert sie sich, „aber ich hab es geschafft.“ Scheinbar musste Max noch lernen, dass seine Freundinnen dazu zu zwingen, jene Fertigkeiten zu erlernen, die er als essenziell betrachtete, nicht notwendigerweise der geeignete Weg war, ihr Herz zu erobern. Dessen ungeachtet überdauerte seine Freundschaft mit Gretl seine Vorstellung, dass zwischen ihnen mehr sein würde:
Ursprünglich war ich gar nicht in sie verliebt, wie sich aber meine Freunde Wildstrehel und Weissel in sie vernarrten, packte mich die Eifersucht und ich verliebte mich doch in sie. Da steh’ ich nun, ich armer Tor, und bin eine Funktion ihrer Launen, je nachdem, ob sie heute gerade mit mir oder meinen Freunden weilt, bin ich höchst vergnügt oder zu Tode betrübt. Im Übrigen kristallisiert sich der Fall so aus, daß sie sich in den Weissel verliebt und mich unendlich gern hat (was hab’ ich schon davon), was ja mein gewöhnliches Schicksal ist.
