Max Reinhardt in Leopoldskron - Gusti Adler - E-Book

Max Reinhardt in Leopoldskron E-Book

Gusti Adler

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Beschreibung

Die Erinnerungen der langjährigen engsten Mitarbeiterin Max Reinhardts an den bedeutenden Theatermann - ein faktenreiches, packendes, menschlich ergreifendes Charakterportrait aus unmittelbarer Nähe, das aufgrund der Einbeziehung zahlreicher noch von der Hand Max Reinhardts stammender biographischer Aufzeichnungen, Briefe und Reden ein unschätzbares Dokument zur Theater- und Zeitgeschichte dieses Jahrhunderts darstellt. Der Herausgeber hat Kapitel, das Schloss Leopoldskron und Salzburg betreffend, in diesem ersten Band der Edition Leopoldskron zusammengestellt.

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Impressum

 

Dieses Buch basiert auf dem 1980 erschienenen Bandes Gusti Adler »... aber vergessen Sie nicht die chinesischen Nachtigallen« Erinnerungen an Max Reinhardt. Max Reinhardts Leben in und Beziehung zu Leopoldskron stehen im Mittelpunkt der ausgewählten Texte.

Herausgeber: Leonhard M. Fiedler

Erste Auflage dieser Ausgabe 2021 © Korrektur Verlag Mattighofen∙Wien 2021 Edition Leopoldskron

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung, des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotografie, Mikrofilm oder andere Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. Satz und eBook Erstellung: Aumayer Druck & Verlag, Munderfing Made in Austria

Cover: 1935 MAX REINHARDT auf Schloss Leopoldskron © Archiv der Salzburger Festspiele/Photo Ellinger_Blatt 581

ISBN Printausgabe: 978-3-9519832-3-3 ISBN eBook: 978-3-9519832-4-0

Zur Begleitung

Was für ein Glück für Salzburg, dass sich Max Reinhardt als zwanzigjähriger Schauspieler am neu eröffneten Landestheater in unsere Stadt verliebte. Es sei die glücklichste Zeit seines Lebens gewesen. Den Kauf von Schloss Leopoldskron 1918 und die Gründung der Salzburger Festspiele 1920 empfand er deshalb als Nachhausekommen. So erlebte es seine Privatsekretärin »Fräulein Gusti Adler« – eine Anrede auf die sie größten Wert legte.Die ehemalige Schulfreundin von Helene Thimig war zwanzig Jahre lang an Reinhardts Seite, wurde ihm so unentbehrlich, dass, so scherzte Thimig, »mir ab und zu nichts anderes übrigblieb als eifersüchtig zu sein«. Sie war seine ideale und idealistische Privatsekretärin, seine engste Mitarbeiterin. Sie übersetzte seine Texte, erledigte alles Behördliche, beantwortete böse Briefe der Banken, besorgte Kunstwerke, Möbel und Orangenbäume für Leopoldskron – das Reinhardt selbst seine schönste Inszenierung genannt hatte.

»Vergessen Sʼ die chinesischen Nachtigallen nicht!«, soll Reinhardt dem Fräulein Gusti nachgerufen haben, als sie für ihn bei Hagenbeck »exotisches Federvieh, seltene Zierenten, Reiher, Flamingos und Pelikane« bestellte. Und zudem hat sie noch bei allen Inszenierungen wie eine Regieassistentin mitgearbeitet. 1939 folgte sie Reinhardt ins amerikanische Exil. Nach dessen Tod 1943 arbeitete sie in der Dokumentationsabteilung von Warner Bros. in Hollywood und kümmerte sich um den Nachlass des großen Theatermachers. 1964 erschien ihr Buch Max Reinhardt – Sein Leben, 1980 … aber vergessen Sie nicht die chinesischen Nachtigallen.

Das Buch ist so aufregend, so außergewöhnlich, so anrührend wie Max Reinhardt selbst. Daher ein besonderes Dankeschön an Thomas Biebl, Vice President des Salzburg Global Seminar, Carl Aigner, verlegerischer Leiter von Artbook und Heiner Gann, Geschäftsführer vom Korrektur Verlag, zum 100-Jahr-Jubiläum der Festspiele diese Erinnerungen von Fräulein Gusti Adler an unseren Gründervater Max Reinhardt wieder aufzulegen.

»Seit ich am Theater bin, will ich Schauspieler und Zuschauer zusammenbringen, so dicht aneinandergedrängt wie nur möglich« – formulierte Max Reinhardt. Das gelang ihm auch mit unserem Gründungsstück, dem Jedermann. Fräulein Gusti Adler lässt uns durch dieses Buch teilhaben an der Strahlkraft des großen Magiers Max Reinhardt.

Als Salzburgerin und als Präsidentin der Salzburger Festspiele erfüllt mich große Dankbarkeit: – Max Reinhardt erträumte die Festspiele »als eines der ersten Friedenswerke nach dem Ersten Weltkrieg« (O-Ton Reinhardt). – Max Reinhardt erdachte die Festspiele als künstlerisches, politisches und ökonomisches Gesamtkunstwerk. – Max Reinhardt pries die Festspiele als Leuchtturm deutscher Kultur auf österreichischem Boden mit einem, heute würde man sagen, Marketing-Geschick sondergleichen. Gerade die kräfteraubende Zeit der Pandemie hat gezeigt, wie wahr Reinhardts Diktum ist. Kunst ist Lebensmittel. Dass wir gespielt haben, möge er als Verantwortung gegenüber seinem Erbe sehen. Es hätte ihm gefallen.

 

Helga Rabl-Stadler Präsidentin Salzburger Festspiele

Gusti Adler in Leopoldskron

»Inszenierung Leopoldskron« – so hat Gusti Adler ein Kapitel ihrer großen Max Reinhardt-Biographie überschrieben. In der Tat kann man die Ausgestaltung des 1918 von dem »Theatrarchen« erworbenen Salzburger barocken Schlosses als Reinhardts größte und umfangreichste Inszenierung ansehen. Zwei Jahrzehnte lang – von 1918 bis 1937 – entwarf, baute und belebte er dieses von seinen Vorbesitzern in verfallenden Zustand hinterlassene Gehäuse, bis zu seiner Vertreibung durch die Nationalsozialisten. In einem Brief aus dem amerikanischen Exil schreibt er: »Ich habe es lebendig gemacht, jeden Tisch, jeden Sessel, jedes Licht, jedes Bild gelebt. Ich habe gebaut, gezeichnet, geschmückt, gepflanzt und geträumt davon, wenn ich nicht da war. Ich habe es geliebt im Winter und im Sommer, im Frühjahr und im Herbst, allein und mit vielen. Ich habe es immer feiertäglich geliebt. Es waren meine schönsten, reifsten Jahre.«

Kaum jemand hat Reinhardt auf so umfassende Weise geholfen, seine Leopoldskroner Träume zu verwirklichen wie Gusti Adler. Sie war von Kind auf die engste Freundin von Reinhardts Lebensgefährtin Helene Thimig, deren Laufbahn als Schauspielerin sie aus großer Nähe verfolgte.

Sie selbst, 1890 geboren, entstammte einem allen Künsten aufgeschlossenen Elternhaus. Der Vater, Bruder des Sozialistenführers Victor Adler, war Redakteur bei verschiedenen Wiener Zeitungen. Er widmete sich daneben eigenen musikalischen Kompositionen. Die Mutter, Gründerin des »Radierclubs Wiener Künstlerinnen«, schuf zahlreiche Ansichten vorwiegend mit Motiven aus

Wien. Die um zwei Jahre ältere Schwester Marianne war Restauratorin am Kunsthistorischen Museum. Beide Schwestern ließen sich mit eigenen Arbeiten von der Gruppe um Gustav Klimt und der »Wiener Werkstätte« inspirieren. Zu ihren bevorzugten, von den Eltern geförderten Beschäftigungen gehörten regelmäßige Theaterbesuche. Bereits als Fünzehnjährige sah Gusti

Adler ein Wiener Gastspiel von Max Reinhardts berühmter ersten Inszenierung von Shakespeares »Sommernachtstraum«. Sie holte sich bei dieser Gelegenheit eine Fotographie von Gertrud Eysoldt als Puck, die sie bis an ihr Lebensende bewahrte. Auch schriftstellerisch betätigte sie sich schon früh. Lange bevor sie selbst für Reinhardt tätig wurde, weist sie in einem kritischen Zeitungsbericht aus dem Jahre 1913 über eine Aufführung der Verdischen »Aida« in der Arena von Verona auf Reinhardts Massenregie als positives Gegenbild hin: »Was für Wirkungen gelänge es Reinhardt aus den Massen hervorzuzaubern! Seine Regie hätte dem Festmarsch zu ungleich größerer Wirkung verholfen und trotzdem selbst die kleinsten theatralischen Anklänge vermieden.« (Wiener Allgemeine Zeitung, 18. September 1913).

In der Folge begleitete sie Helene Thimig, die am Königlichen Schauspielhaus engagiert war, nach Berlin. Von dort aus berichtete sie als Berliner Korrespondentin für das Wiener »Fremdenblatt« und andere Zeitungen über die verschiedenartigsten Kulturereignisse; gelegentlich wurde auch ein Gedicht oder eine Erzählung von ihr gedruckt, wie ihre Feuilletons jeweils unter Pseudonym. Bereits 1917, zwei Jahre, bevor sie selbst zu Reinhardt kam, berichtete

sie in aller Ausführlichkeit über die Probenarbeit des großen Regisseurs. Helene Thimig, die indessen – nicht nur als Schauspielerin – bei Reinhardt engagiert war, hatte ihr den Zugang zur Bühne des Deutschen Theaters verschafft.

Als Reinhardt ihr im Sommer 1919 anbot, als Privatsekretärin für ihn tätig zu werden, brachte Gusti Adler in vielerlei Hinsicht ideale Voraussetzungen mit. Über zwei Jahrzehnte hin wurde sie Reinhardts rechte Hand an dessen Theatern in Berlin, Wien und Salzburg. Neben einer überaus umfangreichen Korrespondenz führte sie in Reinhardts Namen Verhandlungen mit Schauspielern, Dramaturgen, Dichtern und Behörden. Bei Proben notierte sie Reinhardts Bemerkungen und teilte sie den Schauspielern mit. Zunächst aber begannen Reinhardts Bemühungen um das Herzstück seines künftigen Wirkens, Salzburg und Leopoldskron. Die ersten Salzburger Festspiele wurden

vorbereitet, die Ausgestaltung des von Reinhardt ein Jahr zuvor erworbenen Schlosses als Reinhardts zentraler Wohnstätte und zugleich als Anziehungspunkt für seine aus vielen Ländern anreisenden Gäste nahm ihren Anfang. Reinhardt war es darum zu tun, das fürsterzbischöfliche Schloss in seiner historischen Substanz zu erhalten und zu ergänzen und es zugleich mit neuem

Leben zu erfüllen. Gusti Adler wurde bald zu seiner rechten Hand bei diesem Unterfangen. In ihren Aufzeichnungen, Erinnerungen und Briefen berichtet sie darüber. In Kontakten mit Handwerkern aller Art, mit Steinmetzen, Stukkateuren, Malern, Tischlern und Gärtnern wachte sie darüber, dass Reinhardts Visionen Wirklichkeit wurden. Wenn Reinhardt auf Gastspielreisen oder mit einer Inszenierung im Ausland weilte, übermittelte er Gusti Adler in manchmal zehn- oder gar zwanzigseitigen eng beschriebenen Briefen seine Wünsche. Ganz besonders ging es dabei darum, neue, von Reinhardt gewünschte Ein- und Umbauten als stilgerecht und original vorhanden erscheinen zu lassen. So erstand die Schlossbibliothek als eine Nachbildung der Klosterbibliothek von Sankt Gallen. Sie wurde zu einem der zentralen Orte des Schlosses, ohne dass der Besucher ahnen konnte, dass dieser Raum nicht schon seit dessen Erbauung vorhanden war. Oder dass eine nach Gusti Adlers Verhandlungen mit einem Wiener Kunsthändler erworbene und in der Eingangshalle des Schlosses in einer mit Stukkaturen verzierten Nische aufgestellte Madonnenfigur nicht »echt« war. Für das von Reinhardt selbst bis in jedes Detail entworfene »Venezianische Zimmer« besorgte Gusti Adler italienische commedia dell'arte-Bilder aus dem 18. Jahrhundert, die in die von Reinhardt skizzierten vergoldeten Umrahmungen eingelegt wurden. Einige der kleinen ornamentalen Darstellungen an der Zimmerdecke entstammen der Hand von Gusti Adlers Schwester Marianne. Ein von dem Venezianer Maler Pietro Longhi stammendes Frauenportrait fand Gusti Adler bei einem römischen Händler. Die berühmte amerikanische Stummfilmschauspielerin Lillian Gish, mit der Reinhardt an einem Filmprojekt arbeitete, schenkte es ihm zum Dank für seine Gastfreundschaft in Leopoldskron. Es wurde in eine Wand des Venezianischen Zimmers integriert. In Gusti Adlers Nachlass fand sich ein Skizzenbuch Reinhardts mit farbigen Zeichnungen für das Venezianische Zimmer. Desgleichen ein Blatt, auf dem er seine präzisen Vorstellungen für die Ausgestaltung seines Arbeitskabinetts neben der Bibliothek entwickelt. Gusti Adler sollte den Handwerkern die entsprechenden Anweisungen geben.

Mit den in Salzburg lebenden Schriftstellern Hermann Bahr und Stefan Zweig und mit dem Maler Anton Faistauer, der später das Große Salzburger Festspielhaus mit Fresken ausstattete, entwickelten sich enge Freundschaften. Die mit Bahr wurde auf eine harte Probe gestellt, als es Gusti Adler gelang, ihn dazu zu bewegen, Reinhardt eine im Garten des jenseits der Salzach gelegegenen Arensbergschlösschens, Bahrs Wohnsitz, aufgestellte Herkulesstatue Reinhardt für den Schlosspark von Leopoldskron zu überlassen. Die Figur fand ihren Platz in der Mitte eines kleinen Teichs neben dem Schloss, wo sie heute noch steht. Den Anweisungen Reinhardts zufolge hatte Gusti Adler dafür zu sorgen, dass das Moos, das die Skulptur im Lauf der Jahrhunderte angesetzt hatte, beim Transport nicht verletzt wurde. Hermann Bahr nahm den »Raub« schließlich nicht übel. In einem seiner an Gusti Adler gerichteten Briefe heißt es: »Metzl (ein Hilfsregisseur bei Reinhardt), mit dem ich neulich in Salzburg zusammen war, kann Ihnen bestätigen, wie traurig es mich macht, gar nichts mehr von Ihnen zu hören. Er behauptete übrigens, daß Sie persönlich gar nicht mehr vorhanden sind, sondern nur noch als Geist existieren, der Geist Max Reinhardts, über den Wassern schwebend.« (26. Mai 1924) In der Tat blieb Gusti Adler bei den vielen Aufgaben, mit denen sie Reinhardt betraute, selbst meistens im Hintergrund. Wichtig war jeweils das Resultat – ob es sich um die Aufstellung von Orangenbäumen aus dem Schloss Schönbrunn auf der Leopoldskroner Terrasse handelte oder um die Organisation von Tischordnungen für Einladungen im weißen Salon. Als sie sich im Sommer 1928 auf den Weg machte, Lillian Gish bei ihrer Ankunft im Hafen von Cuxhafen zu empfangen, bat Reinhardt sie noch in letzter Minute, bei dieser Gelegenheit bei Hagenbeck in Hamburg chinesische Nachtigallen für die bereits mit allerlei exotischen Vögeln bevölkerte Voliere im Park zu besorgen. (Daher der Titel ihres 1980 erschienenen Erinnerungsbuches an Max Reinhardt »…aber vergessen Sie nicht die chinesischen Nachtigallen«). Zu den am leidenschaftlichsten ausgeführten Tätigkeiten für Reinhardt gehörte der Erwerb von Büchern. Gusti Adler, aber auch ihr Vater, seinerseits ein bibliophiler Büchersammler und ihre Schwester gingen für Reinhardt in Antiquariate und auf Kunst- und Bücher-Auktionen, so dass die Regale der Leopoldskroner Bibliothek sich bald füllten. In einem Brief aus dem Jahre 1933 bedankt sich Reinhardt für die vielfältige Hilfe der Familie Adler: »Lieber, verehrter Herr Adler, Ihre freundlichen Worte und Wünsche zu meinem Geburtstag waren von einer deutlich spürbaren Gefühlswelle getragen, die mir nahe ging. So darf ich Ihnen und Ihrer Frau Gemahlin auf derselben Welle von Herzen danken für alle Freundschaft, die mir seit vielen Jahren von Ihrem Hause zuströmt und diesem Dank meine wärmsten Grüße und Wünsche für Ihr Wohlergehen beifügen.«Ihr Max Reinhardt. (18. September 1933).

Bald nach den Salzburger Festspielen von 1937 reiste Reinhardt in die Vereinigten Staaten, um dort Filmprojekte zu verwirklichen. Er sollte nicht mehr zurückkehren. Im Frühjahr fand der »Anschluss« Österreichs an Deutschland statt. Leopoldskron und Reinhardts Theater in Berlin und Wien wurden von den Nationalsozialisten enteignet. Gusti Adler, die von Wien aus versuchte, für Reinhardt noch zu retten, was zu retten war, was aber in den meisten Fällen nicht gelang, verblieb zunächst in Österreich. 1939 folgte sie Reinhardt und Helene Thimig ins amerikanische Exil. In Hollywood fand sie eine Anstellung bei der Dokumentationsabteilung des Filmstudios der Warner Brothers, die sie bis in ihr achzigstes Lebensjahr mit großem Engagement beibehielt. In den ersten Jahren war sie dort neben ihrem neuen Beruf noch für Reinhardts Hollywooder Theaterschule tätig, freiwillig, ohne Gehalt. Danach widmete sie sich der ersten Fassung ihres Reinhardt-Buches, das 1964 im Salzburger Festungsverlag erschien. Gemäß ihrer angeborenen Bescheidenheit kommt sie selbst in diesem Buch nicht vor. Es hat ihre Freunde, denen sie gerne bei Fragen nach ihrer Tätigkeit für Reinhardt Auskunft gab, einiger Überzeugungskraft bedurft, sie dazu zu bewegen, eine Erweiterung ihres Buches, in der sie ihre eigene Rolle nicht verschwieg, zu verfassen. Es erschien 1980 im Verlag Langen Müller in München. In dem vorliegenden Bändchen finden sich die Passagen, die Leopoldskron betreffen, zusammengefügt.

Gusti Adler starb bei voller geistiger Verfassung im Alter von fünundzneunzig Jahren am 21. Januar 1985 in Hollywood.

Leonhard M. Fiedler

Ankauf von Leopoldskron

Helene Thimig, Victoriastraße 11, Berlin 16. April 1918

Leopoldvertrag unterzeichnet Gott schenke uns für dieses köstliche Gehäuse die glücklichsten Inhalte Bin froh gut dankbar erkenne wie wundervoll notwendig der Feiertag für den Menschen gespenstische Hindernisse einschrumpfen den Glauben an Erfüllung des Naturnotwendigen wachsen läßt Ich liebe Dich

Dieses Telegramm barg den Keim für alles Künftige. Mit dem Federzug der Unterschrift des Kaufvertrages von Leopoldskron wurden zwanzig Jahre im Leben Reinhardts schicksalhaft bestimmt.

Max Reinhardt hatte seit Jahren nach einem Haus gesucht, das seiner Vorliebe für das Barock entgegenkam. Er konnte, bis an sein Lebensende, niemals widerstehen, wenigstens mit dem Gedanken zu spielen, irgendein altes Schloss, ein altes Bauernhaus, das zum Verkauf ausgeschrieben war, zu erwerben, selbst lange nachdem er schon in Leopoldskron fest verankert war.

Eine solche Möglichkeit war lockend wie eine neue Inszenierung. In Gedanken richtete er dann dieses Haus bis ins letzte ein. Wohin er auch kam: die Suche nach einem derartigen Wohnsitz begann sofort – Kauf oder Miete –, und es war oft schwer, ihn davon abzubringen, sich in ein kostspieliges Abenteuer dieser Art zu verstricken. Freunde und Mitarbeiter wurden auf die Suche geschickt, Pläne mussten beschafft, eigensinnige Besitzer solcher Häuser überredet werden, ihr Haus zum mindesten zu zeigen.

Bei Leopoldskron spielte die Liebe zu Salzburg, dem Salzburg seiner Jugend, noch eine besondere Rolle. Er war verliebt in die Stadt, verliebt in die Landschaft, verliebt in das Barock des Schlosses. Der Gedanke, den Berliner Sorgen entfliehen zu können, eine Ruhe zu genießen, die wie eine Fata Morgana ein Leben lang vor ihm herschwebte, ein Haus zu schaffen, dessen Vollkommenheit er träumte, und wenigstens einen Teil des Jahres so zu leben, wie es seinem innersten Wesen entsprach – dieser Gedanke war zwingend. Die Inflation begünstigte ein solches Unternehmen und ermöglichte es ihm, diesen Besitz um einen erschwinglichen Preis zu erstehen. Es war zunächst eine leere Schale. Nur wenige Möbel standen in den vierzig Zimmern, aber kunsthistorisch wertvolle Stuckdecken, herrliche alte Barocköfen, Bilder, die Halle, das architektonisch vollendete Stiegenhaus, der Marmorsaal gaben Max Reinhardt den Leitton für die schönste Bau-Inszenierung seines Lebens. In den zwei Jahrzehnten, die ihm dort vergönnt waren, hat er diesem verwahrlosten, verfallenden Haus den Glanz seiner barocken Vergangenheit wiedergegeben. Was er hinbrachte, wurde mit empfindsamer Hand eingefügt. Es war für ihn in späteren Jahren immer eine besondere Freude, wenn Sammler oder Kunsthistoriker das Schloss besichtigten und Ursprüngliches nicht mehr von dem unterscheiden konnten, was er hineinkomponiert hatte. (Auch meine Schwester durfte zu dieser Komposition beitragen. Sie war Malerin und Restauratorin, und Max Reinhardt betraute sie mit verschiedenen Aufgaben in Leopoldskron. Er wollte unterhalb der Fenster im Venezianischen Zimmer Blumenstücke haben. Das Deckenbild in diesem Raum mit Commedia-dell’arte-Figuren stammt ebenfalls von ihrer Hand. Für das Speisezimmer malte sie zwei Blumenstücke, die dort in Stuckrahmen eingelassen sind.)

In diesen frühen Jahren, unmittelbar nach dem Ankauf, trug Reinhardt die Vision dessen, was er aus dem leeren Haus machen wollte, bereits in sich. Auch diesen Traum hat er später verwirklicht: Kammermusik-Abende, Theatervorstellungen im Marmorsaal und im Gartentheater, Serenaden auf der Seeterrasse.

Die Einnahmen seiner Arbeitsjahre hat er in die Ausgestaltung dieses Hauses investiert. Wer wollte die Bilanz ziehen zwischen der schöpferischen Freude, die er dabei Jahre hindurch genoss, und der Sorgenlast, in die sich alles in den Jahren wirtschaftlichen und kulturellen Niederganges wandelte, bis zuletzt nur der unerfüllte Wunsch blieb, dem Moloch, zu dem dieser Besitz geworden war, zu entfliehen, sich der Schuldenlast durch Verkauf zu entledigen. Ungerechtfertigte Steuern, mit denen sein Berliner Theaterbesitz nach 1933 belastet worden war, um ihn der Regierung in die Hände zu spielen, hatten zu der Katastrophe beigetragen und im Zusammenhang damit auch seinen österreichischen Besitz bedroht. Schließlich beschlagnahmte die Gestapo im Juli 1938 Schloss Leopoldskron. Max Reinhardt nahm die Nachricht dieses Verlustes mit stoischer Ruhe auf. In einem Satz fasste er zusammen, was er dazu zu sagen hatte: »Ich habe es gehabt.«

Der Raub Leopoldskrons wurde nach der Einnahme von Salzburg durch die Amerikaner rückgängig gemacht. Max Reinhardt hat es nicht mehr erlebt.

»Jedermann«

Mitte April 1920 wurde von der Salzburger Festspielhausgemeinde feierlich beschlossen, trotz aller Ernährungsschwierigkeiten das »Sommerspiel« vorzubereiten. Man hatte sich entschlossen, auf das Schauspiel in einer Kirche zu verzichten und Reinhardts Vorschlag zu folgen, den Jedermann im Freien, auf dem Domplatz, aufzuführen. Fürsterzbischof Dr. lgnatius Rieder begrüßte dieses Vorhaben. Er schrieb am 21. Juli 1920 an Max Reinhardt:

Für das freundliche Schreiben do. 16. Juli ergebenst dankend, kann ich nur wiederholen, daß ich mich vom Herzen freue, wenn dieses tiefergreifende Spiel zur glücklichen Aufführung kommt; es wird einen mächtigen reinigenden Eindruck machen. Für alle Arbeiten, die Sie, hochgeehrter Herr, im Dienste idealer Zwecke machen, bestens dankend, bin ich

Ihr ganz ergebener

Dr. Ignaz Rieder

Fürsterzbischof von Salzburg

Als es dann im August tatsächlich dazu kam, schien sich zunächst alles gegen dieses Unterfangen zu verschwören: Unruhen in der Stadt und die Unsicherheit des Wetters, mit der man freilich in dem regenreichen Salzburg in bösen und in guten Zeiten immer rechnen musste. Max Reinhardt hat – zwanzig Jahre später – in Amerika in einem Brief geschrieben:

Die Salzburger Festspiele habe ich gegründet, als eine Hungerrevolte in der Stadt wütete und als man den Wein aus den Kellern des Hotel Europe auf die Bahnhofstraße laufen ließ. – Aber am Nachmittag brach die Sonne durch und die Leute saßen stramm auf dem Domplatz. Das ist freilich vorüber, aber es hat immerhin achtzehn Jahre gedauert, und die große Welt ist in die kleine Stadt gepilgert.

Alles, was in späteren Jahren so selbstverständlich schien, musste in diesem ersten Sommer geschaffen und erkämpft werden. Die Bühne auf dem Domplatz, die Tribünen für die Zuschauer, der Raum für Proben – in der Aula der alten Universität – die Verteilung der Schauspieler-Garderoben in die Häuser im Dombezirk, die Jedermann-Rufe von den Türmen der Stadt. In letzter Minute musste ein ansprechendes Programm für die Aufführung entworfen werden. Landeskonservator Eduard Hütter, ein fähiger Zeichner und Architekt, der auch für Reinhardt und die Festspiele tätig war, wurde mit dieser Aufgabe betraut. Aber er war in diesem ersten Festspielsommer so überanstrengt, dass ihm die Ausführung dieses Auftrags nicht leicht fiel. Ich hatte damals gerade Wilhelm Worringers »Altdeutsche Buchillustration« gelesen. Der Holzschnitt »Der reiche Narr und der Tod« aus Sebastian Brants »Narrenschiff« (Basel, Bergmann von Olpe, 1494) schien mir die Lösung des Programm-Problems zu bringen. So zeigte ich Hütter das Buch. Er sah die Reproduktion des Holzschnittes, und die Idee leuchtete ihm ein. Die Programmillustration für die erste Jedermann-Aufführung war gefunden. Eine große Erleichterung für Hütter und eine Freude für mich.

Reinhardt lag, begreiflicherweise, ungemein viel an dem Läuten der Kirchenglocken in entscheidenden Augenblicken der Aufführung. Es gab keinen Präzedenzfall dafür, und es schien hoffnungslos. Schließlich gelang es mir aber doch, es in seinem Namen bei den geistlichen Behörden durchzusetzen, und ich werde seinen Blick zu mir herüber nie vergessen, als bei der Premiere des Jedermann die Glocken zum ersten Mal zu läuten begannen.

Zum ersten Mal trat der Spielansager vor, und über die Stille der Menschen auf dem weiten Platz kam der Auftakt des » Spieles vom Sterben des reichen Mannes« –

zum ersten Mal die Stimme des Herrn von der Höhe des Domes, in seiner Zwiesprache mit dem Tod –

zum ersten Mal der Auftritt Moissis aus der Reihe der Zuschauer, wo er in dunklem Mantel gesessen hatte –

zum ersten Mal der Arme Nachbar; – Schuldknechts Weib, Tiny Senders, mit zwei Salzburger Kindern –

zum ersten Mal die vergnügten Fackelbuben, die in vielen Proben in der Aula vom Hilfsregisseur Richard Metzl abgerichtet worden waren – die Buhlschaft von Johanna Terwin, der Gattin Moissis – das Auftreten der Tischgesellschaft aus den Domarkaden, ihr marionettenhafter Tanz – die lange Tafel, und zum ersten Mal Moissis Erschauern vor der Ungeheuerlichkeit des Todes –

zum ersten Mal Krauß als Tod und als Teufel – den Hofmannsthal allerdings lieber von einem Komiker als von einem Charakterdarsteller gespielt haben wollte. Hofmannsthal hatte dies in einem an mich gerichteten Brief für Reinhardt, in dem es um Besetzungsfragen ging, ausführlich begründet. Er schrieb, dass ihn

 …bezüglich der Besetzung von Jedermann alles befriedige bis auf den leidigen Punkt, daß nun abermals den Teufel ein Charakterspieler geben soll an Stelle eines Komikers; wenn auch ein sehr guter Charakterspieler, nämlich Krauß. Der Teufel ist nun aber einmal der Hanswurst, und gar in einer naiveren Sphäre, wie es das katholische und ländliche Salzburg ist, scheint mir alles darauf anzukommen, daß es in diesem Punkt stimmt. Die andere Figur, die unbedingt von einem Komiker gespielt werden müßte, ist der Dünne Vetter …

Zum ersten Mal Helene Thimig, die später den Glauben spielte, damals als Gute Werke, Dieterle, der Gute Gesell, Frieda Richard als Jedermanns Mutter – und dann der dunkle Leichenzug im Schatten des Domes, während Jedermanns Seele sich zum Himmel aufschwingt.

Zum ersten Mal die Jedermann-Rufe von den Türmen der Kirchen und, der erschütterndste von allen: der Jedermann-Ruf von der Festung, den der Wind geisterhaft herabtrug –

zum ersten Mal der Flug der Tauben, die, ihrem eigenen Stichwort folgend, unverhofft aus den Domtüren aufflogen, aber immer, so schien es, an einer Stelle des Dialoges, die ihrem Flug etwas Symbolisches gab –

zum ersten Mal das Spiel von Sonne und Wolken, von jähen Windstößen, die Todesschauer über die gebannte Menge der Zuschauer trugen –

zum ersten Mal die Dämmerung, die sich kühl über den Platz herabsenkte, so dass zuletzt nur noch die Türme des Domes im warmen Licht des Sonnenunterganges ragten. Leise vom Winde bewegt der gotische Faltenwurf des blauen Mantels des Glaubens, der aus der Dunkelheit des Domportales trat, die Engel – und schließlich der Jubel der himmlischen Chöre.

Zum ersten Mal Moissis erschütterndes Vaterunser.

Reinhardt saß in der Nähe des Fürsterzbischofs, dem in andächtigem Zuhören stille Tränen über die Wangen rollten. Als er Reinhardt nach der Vorstellung die Hand drückte, sagte er, dass diese Aufführung besser sei als eine Predigt.

So wurde am 22. August 1920 der Grundstein für ein wahres Festspiel gelegt, das, nach achtzehn triumphalen Jahren, die Okkupation Österreichs, Krieg und Nachkriegsnot überdauern sollte, um selbst heute noch weiterzubestehen.

Januskopf Salzburg

Die Stadt, in der ein Mozart geboren wurde und wirkte –

Die Stadt, deren Fürsterzbischof ein göttliches Genie, eben diesen Mozart, wie einen Dienstboten behandelte –

Die Stadt, über deren Bürger Mozart an seinen Vater 1779 den bitteren Satz schrieb: »Ich schwöre Ihnen bei meiner Ehre, daß ich Salzburg und seine Einwohner – ich rede von geborenen Salzburgern – nicht leiden kann. Mir ist ihre Sprache, ihre Lebensart ganz unerträglich.«

Die Stadt, in der ein Kirchenfürst wie Fürsterzbischof Dr. lgnatius Rieder, ein reiner Mensch von überragendem Menschentum, das Genie Max Reinhardts erkannte und die Aufführung des Jedermann auf dem Domplatz ermöglichte.

Die Stadt, in der ein verbrecherischer Bombenanschlag auf eben dieses Genie in Schloss Leopoldskron den Auftakt bildete zur Vertreibung von Max Reinhardt und Arturo Toscanini.

Die Stadt, die unter der Ägide eben dieser beiden Genies viele Jahre hindurch während der Sommerwochen die herrlichsten Festspiele veranstaltet hatte, zu denen Menschen aus aller Herren Ländern pilgerten.

Die Stadt, die alljährlich am Tage nach Festspielschluss – eben dieser Festspiele, von deren Ertrag sie dann das Jahr über lebte – Künstler, Veranstalter und Publikum beschimpfte. Der ewige Kleinstadtkampf der »Dasigen« gegen die »Zug’roasten«.

Max Reinhardt kannte den Januskopf dieser Stadt, er gab sich keinen Illusionen hin. Ungetrübt davon bestand daneben, was er an Salzburg liebte: das Ewige, Unverwüstliche, das Österreichische. Die Landschaft, die uralte Kultur, die sich in den Gebäuden so herrlich offenbart. Er hat darüber geschrieben:

Hier wuchs nichts wie sonst zufällig. Ein mächtiger Baumeister hat die ganze Stadt gebaut. Wenig oder nichts verändert. Freudige prunkvolle Ekstase der Gebäude – die barocken Linien der Kirchen, Paläste und Häuser gegen die Höhen der Berge, die in den Himmel ragten – ist Musik.

Max Reinhardt verbrachte einen großen Teil des Sommers und Herbstes 1919 in Leopoldskron. Alles war damals im Werden: Haus, Garten, Landwirtschaft, vor allem aber die Festspiele. Max Reinhardts Plan, in Salzburg Festspiele zu veranstalten, reichte Jahre zurück. Unmittelbar vor dem Krieg war er durch das Obersthofmeister-Amt an den alten Kaiser mit dem Vorschlag herangetreten, Hellbrunn zu einem internationalen Festspiel-Zentrum zu machen. Der Erlös sollte den Invaliden zugute kommen. Der Ausbruch des Weltkrieges und der Tod des Kaisers erstickte dieses Projekt im Keim.

Eine Welt lag in Trümmern, aber den »Heimkehrer« Max Reinhardt umfing in dieser Landschaft, in dieser kulturumwitterten Stadt der alte Zauber mit erneuter Kraft. In Hofmannsthal zog er einen Mitarbeiter heran, einen Dichter, dessen Wissen und Weltklugheit den Plan förderten, schwerflüssige Verhandlungen ins Rollen brachten und der Reinhardts Begeisterung teilte. Klarer denn je hoben sich Ewigkeitswerte von dem düsteren Hintergrund dieser Jahre ab. Ein Kaiserreich war untergegangen, aber die unsterbliche Seele des Landes Österreich brannte wie eine Flamme in den Berufenen. In Weihnachtsspielen, in Calderons Welttheater, im alten Mysterienspiel des Jedermann sollte, was aus der Seele des Volkes geboren war, auferstehen und dem Volke wiedergegeben werden. Nicht einigen wenigen Bevorzugten, sondern Menschen aller Stände, aller Länder, in denen die Freude am Theater, an der Erhebung durch ein Schauspiel ruhte und der Erweckung harrte.

Im Herbst 1919 war es vor allem ein Weihnachtsspiel, das Max Reinhardt zu verwirklichen hoffte. Eine der ersten Aufgaben in dieser Zeit war es damals, die Erlaubnis zu erwirken, dieses Weihnachtsspiel in der Franziskanerkirche aufzuführen. Im geheimnisvollen Dunkel dieser frühen gotischen Kirche, umrahmt von den hohen Säulen, vor uralten Gittern, die Einfachheit des Halleiner Weihnachtsspieles – draußen die schneeklare Winternacht! Es sollte ein Auftakt zu den sommerlichen Festspielen sein. Die Verhandlungen waren überaus schwierig, aber schließlich gelang es, die Hindernisse zu überwinden, was Reinhardt ungemein beglückte.

Er war davon überzeugt, dass noch viele unbekannte Volksschauspiele in den Salzburger Bibliotheken zu entdecken sein müssten. Beim Zusammenstellen einer Bibliographie fand sich die Comedi vom Jüngsten Gericht in der weißkühlen staubduftenden Studienbibliothek. Der Gedanke an eine Bearbeitung und Inszenierung dieses Werkes beschäftigte ihn lange. 1755 zum ersten Mal in Altenmarkt bei Radstadt aufgeführt, hatte es in seiner Bitterkeit sehr viel Zeitgemäßes, das an das bestehende Nachkriegselend anknüpfte.

Reinhardt hörte um diese Zeit auch von einem sogenannten Herbergspiel, das in Oberndorf aufgeführt worden war. Man sagte ihm, dass Grundinger, ein Briefträger in Oberndorf, der im Nebenberuf Dichter und Direktor des Oberndorfer Heimattheaters war, den Text kenne, der nur in mündlicher Überlieferung existierte. Leider wusste Grundinger nur noch das Mittelstück … Da sein Beruf es ihm nicht gestattete, ein Gespräch in seinem Hause zu führen, musste man ihn beim Austragen der Briefe begleiten, während er rezitierte, was ihm noch im Gedächtnis war. Er hatte viel gelesen, geriet aber manchmal mit schwierigen Worten in Konflikt, wie etwa Wallensteins »Trikolore«. Verzweifelt versuchte ich, etwas von dem alten Herbergspiel festzuhalten, aber ich brachte nur die Erinnerung an eines der vielen Originale, die im Salzburgischen leben und noch etwas von der uralten Kultur überliefern, mit.

Reinhardt wollte alle bodenständigen Quellen ausschöpfen, denn es war ihm bewusst, wie tief verwurzelt das Theater in diesen bajuwarischen Ländern war. Da waren Paradeisspiele, die Spiele der Laufener Schiffer, das Fischerstechen, die Küfertänze, die schönen und die wilden Perchten, der Salzburger Hanswurst in den Hanswurstspielen, die durch alle Länder gingen. Im Stein­theater von Hellbrunn waren ab 1615 Opern aufgeführt worden. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts wurde im Park des Mirabellschlosses ein Heckentheater errichtet. Hieronymus Colloredo ließ 1775 aus dem alten Ballhaus ein Theater für siebenhundert Personen bauen, wo Shakespeare, Schiller, Goethe, Lessing und auch Opern aufgeführt wurden, und schließlich zog 1780 noch Schikaneder mit einer Truppe dort ein. Das Aulatheater in der Universität war schon seit 1623 der Mittelpunkt für die Barock-Theaterwelt Süddeutschlands. Reinhardt war tief ergriffen von der Tragödie der Passionsspiele und der Marienklagen. Immer wieder hatte er gehofft, vielleicht durch einen einheimischen Dichter, eine würdige bühnenmäßige Gestaltung dafür zu finden. Der gotischen Einfachheit Helene Thimigs wollte er damals den Monolog einer der erschütternden Marienklagen anvertrauen. Seine Liebe zu den Schöpfungen mittelalterlicher Kunst stand seiner Freude an Werken des Barock nicht nach. Frühe Musik, Dichtung, Bildhauerei, vor allem aber Gemälde, hatten für ihn eine magische Anziehungskraft. Im damaligen Herbst sah er zum ersten Mal die Bilder des Meisters von Großgmain, die in der kleinen Kirche von Großgmain, fast versteckt vor der Außenwelt, Jahrhunderte überdauert haben. Immer wieder fuhr er in dieses Dorf, um sie zu sehen. Bis an das Ende seines Lebens zog er sie als Beispiel heran, wenn er eine bestimmte Absicht im Zusammenhang mit einer frühen Dichtung dieser Epoche klarmachen wollte. Ein Bild von Bartholomäus Zeitblom, der Heilige Petrus, das er ein Jahr vorher erworben hatte, war für ihn eine dauernde Quelle der Freude. Es war ein Tafelgemälde, »– auf goldenem Grunde gemalt –«, in leuchtenden Farben. Im Arbeitszimmer Max Reinhardts hat es in den langen Stunden seiner nächtlichen Arbeit auf ihn herabgeschaut, und, wenn es so etwas gäbe, müsste dieses Bild geladen sein mit der Intensität seiner andächtigen Betrachtung. Als er später die Bibliothek in das Schloss einbaute, machte er dieses Bild zum Mittelpunkt des Raumes. Es wurde dem Kamin gegenüber mit seinem dunklen Rahmen in das warme Goldbraun der Holztäfelung eingefügt. Zu den ersten Erwerbungen dieser Jahre gehörte auch noch eine geschnitzte Holzfigur: König David.

Mittelalterliche Mystik, Kirchenmusik, die gregorianischen Gesänge der Nonnen im Stift Nonnberg haben Reinhardt stets aufs Neue angezogen.

»Der Cherubinische Wandersmann« des Spätmystikers Angelus Silesius gehörte zu den Schriften, die er immer wieder las und in dessen Einfachheit er sich vertiefte.

Die Aufführung von Goethes Urfaust im Herbst 1920 im Deutschen Theater mag von seinem damaligen Aufenthalt in Salzburg beeinflusst worden sein. In Helene Thimig hatte er ein Gretchen, das sich in den gotischen Rahmen dieser Inszenierung besonders gut fügte. Der Berliner Kritik aber war dieser Rahmen zu eng, die Einfachheit zu groß.

Es wurde Ende September. Dem Plan der weihnachtlichen Aufführungen stellten sich neue Schwierigkeiten entgegen. Reinhardt hatte damit gerechnet, dass Hugo von Hofmannsthal das HalleinerWeihnachtsspiel bearbeiten würde. Doch dieser befürchtete offenbar, dass das Salzburger Grosse Welttheater, an dem er arbeitete und dessen Aufführung ursprünglich bereits für den ersten Festspielsommer vorgesehen war, dadurch beeinträchtigt werden könnte. In einem Brief an den Dichter – einem der ersten, die ich aus Leopoldskron schrieb – ließ Reinhardt durch mich mitteilen:

Von seiner letzten Unterredung mit Ihnen, sehr geehrter Herr Doktor, hatte [Reinhardt] den Eindruck mitgenommen, daß Sie einverstanden seien, das Spiel zu bearbeiten. Ohne daß natürlich etwas Bindendes darüber gesagt worden wäre. Deshalb hatte er damals gleich mit den Herren von der Festspielhausgemeinde über das Projekt gesprochen, die es mit solcher Begeisterung aufnahmen, daß es schwer wäre, die Sache jetzt direkt abzusagen. Mißtrauen gegen die späteren Unternehmungen könnte daraus allzu leicht entstehen. Aber Herr Professor Reinhardt ist überzeugt davon, daß die Sache nicht mehr zustande kommt, wenn er sie von nun an nicht mehr mit starker Energie betreibt. Von der Lyrik des Weihnachtsspiels wäre das großangelegte Welttheater wohl nicht geschädigt worden, denn die Verschiedenheiten sind doch in jeder Hinsicht so groß, daß die Gefahr einer Kollision wohl nicht zu befürchten gewesen wäre … Durch die Aufführung dieses schönen Weihnachtsspiels hätten viele Körperschaften der Stadt herangezogen, interessiert werden können. Der Festspielsache wäre – vorläufig nur in Salzburg selbst – guter Boden bereitet worden, was unter den augenblicklichen Verhältnissen gewiß nicht unrichtig ist.

Schließlich betraute Reinhardt den österreichischen Dichter Max Mell mit der Aufgabe, das Spiel zu bearbeiten, und Hofmannsthal schrieb mir:

 … kurz und gut, wenn die Wintersache zustande kommt, so werde ich ihr auch alle Teilnahme schenken und meinen Freund Max Mell so beraten, als ob ich selbst die Verantwortung dafür hätte. Bitte, verehrtes Fräulein, sagen Sie das noch Max Reinhardt.