Maybe he is my life - Sam Jones - E-Book
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Maybe he is my life E-Book

Sam Jones

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Beschreibung

Stell dir vor, du erwachst mitten in der Nacht in einem leeren, dunklen Zug, ohne zu wissen, wo du bist.
Genau das passiert Lyel, doch zum Glück kommt ihm der attraktive Schotte Dylan zur Hilfe, von dem er nicht nur das Geld für ein Zugticket bekommt, sondern auch dessen Telefonnummer.
Obwohl in Lyels Leben im Moment kein Platz für eine neue Liebe ist, beginnen die beiden eine vorsichtige Freundschaft. Vorerst nur via WhatsApp, aber schon beim ersten Wiedersehen besiegelt sich ihr Schicksal, was für Lyel allerdings bedeutet, Dylan über den wahren Grund seines Schottlandaufenthaltes aufklären zu müssen.
Kann die junge Liebe der Last seiner dunklen Vergangenheit widerstehen, oder wird Dylans Herz ein weiteres Mal enttäuscht?
Ein emotionaler Kampf beginnt, denn beide wollen dieses gemeinsame Leben, auch wenn der Weg dorthin manchmal fast unüberwindbar scheint.

Die Maybe Reihe besteht aus in sich abgeschlossenen Romanen. In jedem Teil geht es um ein anderes Paar und es kann jedes Buch unabhängig von den anderen gelesen werden.

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Kurzbeschreibung:
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
27. Kapitel
28. Kapitel
29. Kapitel
30. Kapitel
31. Kapitel
32. Kapitel
33. Kapitel
34. Kapitel
35. Kapitel
36. Kapitel
37. Kapitel
38. Kapitel
39. Kapitel
40. Kapitel
41. Kapitel
42. Kapitel
43. Kapitel
44. Kapitel
45. Kapitel
46. Kapitel
47. Kapitel
48. Kapitel
49. Kapitel
50. Kapitel
51. Kapitel
52. Kapitel
Danksagung
Über die Autorin:
Weitere Bücher der Autorin
Your secret Wish Reihe
Decsions of Love Reihe
Maybe – Reihe
Qual der Wahl

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Maybe he is my life

© 2021/ Sam Jones

www.facebook.com/SamJonesAutorIn/

Alle Rechte vorbehalten!

 

Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung des Autors.

 

Umschlaggestaltung:

Sam Jones/ Bilder: istock.com; pixabay.com

 

Bildmaterial Buchlayout

istock.com, pixabay.com

 

Lektorat/ Korrektorat

Elke Preininger

 

Erschienen im Selbstverlag

Karin Pils

Lichtensterngasse 3–21/5/9

1120 Wien

 

Dieser Roman wurde unter Berücksichtigung der neuen deutschen Rechtschreibung verfasst, lektoriert und korrigiert. Es handelt sich um eine fiktive Geschichte. Orte, Events, Markennamen und Organisationen werden in einem fiktiven Zusammenhang verwendet. Alle Handlungen und Personen sind frei erfunden. Alle Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Markennamen und Warenzeichen, die in diesem Buch verwendet werden, sind Eigentum ihrer rechtmäßigen Eigentümer. Das Buch enthält explizit beschriebene Sexszenen und ist daher für Leser unter 18 Jahren nicht geeignet.

 

Für alle, die nie aufhören für ihr Glück zu kämpfen!

 

Kurzbeschreibung:

 

Stell dir vor, du erwachst mitten in der Nacht in einem leeren, dunklen Zug, ohne zu wissen, wo du bist.

Genau das passiert Lyel, doch zum Glück kommt ihm der attraktive Schotte Dylan zur Hilfe, von dem er nicht nur das Geld für ein Zugticket bekommt, sondern auch dessen Telefonnummer. Obwohl in Lyels Leben im Moment kein Platz für eine neue Liebe ist, beginnen die beiden eine vorsichtige Freundschaft. Vorerst nur via WhatsApp, aber schon beim ersten Wiedersehen besiegelt sich ihr Schicksal, was für Lyel allerdings bedeutet, Dylan über den wahren Grund seines Schottlandaufenthaltes aufklären zu müssen.

Kann die junge Liebe der Last seiner dunklen Vergangenheit widerstehen, oder wird Dylans Herz ein weiteres Mal enttäuscht?

Ein emotionaler Kampf beginnt, denn beide wollen dieses gemeinsame Leben, auch wenn der Weg dorthin manchmal fast unüberwindbar scheint.

1. Kapitel

 

Von Rottönen durchzogenes Dunkel! Ein Blitz hellt alles auf. Er wärmt mich, zieht mich hoch in die Luft, nur um mich danach reichlich unsanft wieder zu Boden zu schleudern. Natürlich lande ich nicht wirklich auf Beton oder dergleichen, denn ich sitze ja auf dieser mickrig kleinen Zugtoilette. Meinen Fuß habe ich zur zusätzlichen Festigung meiner Haltung auf dem Klo abgestützt, am besten lernt man nun einmal aus Fehlern. Meiner passierte in einer ähnlichen Situation, als ich mal in einer langgezogenen Kurve seitlich abgerutscht und mit der abstützenden Hand in der ekligen Klomuschel gelandet bin.

Ich lasse meinen Hinterkopf gegen die Wand hinter mir sinken, genieße den Flash, den mir die Substanz meiner Wahl einhaucht und spüre, wie sich wie von selbst ein dümmliches Grinsen auf mein Gesicht schleicht. Arie hat recht – der Stoff von Jorge ist das Beste, was momentan auf dem Markt zu bekommen ist.

Es hämmert gegen die Tür, doch so breit, wie ich bin, erschrecke ich nicht, sondern hebe lediglich träge meinen Kopf ein wenig.

»Verdammt! Sie sitzen jetzt schon fünfzehn Minuten da drin. Vielleicht muss jemand anderer auch mal!« Die weibliche Stimme ist schrill und würde mir durch und durch gehen, würde ich nicht momentan in fremden Sphären schweben. Trotzdem erinnere ich mich vage daran, welche unglücklichen Folgen es hätte, würde die Tussi draußen beschließen, den Schaffner zu holen, also murre ich ein »Mir ist schlecht, benutzen Sie lieber die am anderen Ende des Waggons« zurück. Mit dieser Erklärung hat sie sich gefälligst zufriedenzugeben, was offensichtlich auch zutrifft. »Frechheit«, dringt noch herein, dann höre ich sie davoneilen.

Ich entspanne mich wieder, schalte alles aus, außer das Gefühl des Schwebens, das mich erneut mit in meinen düsteren Himmel nimmt. Blaue Blitze sind es nun, die mich ab und zu streifen. Nicht schmerzhaft, eher sanft streichelnd berühren sie mich, stupsen mich in eine neue Richtung, und jede Drehung, die dadurch entsteht, macht mich auf wunderbare Weise schwindlig. Am Ende meiner Reise wartet wohltuende Schwärze – mein ewiges Ziel. Ruhe und ein Vakuum ohne Schmerzen und Gefühle. Mit einem erleichterten Seufzer schließe ich die Augen und lasse mich hineintreiben.

 

Das Nächste, was mich in meiner fantastischen Schwerelosigkeit stört, ist das Vibrieren meines Telefons in meiner Hosentasche. Einen leisen Fluch ausstoßend öffne ich die Augen. Zuerst bin ich verwirrt, dann wird mir klar, was hier nicht stimmt. Ich sitze verdammt noch mal im Dunkeln. Witzig – da hat wohl irgendein Spaßvogel das Licht ausgeschaltet.

Mühsam rapple ich mich hoch, mein rechtes Bein knickt jedoch ein, sobald mein Fuß den Boden berührt, weil das ganze blöde Ding eingeschlafen ist. Erneut vibriert es hinten in meiner Hose, doch vorerst liegt meine Priorität beim Verlassen dieses Raumes. Der Trip ist vorbei, weshalb ich jetzt auch wieder den intensiven Geruch nach Pisse wahrnehmen kann.

Angewidert schiebe ich den Riegel der Tür zur Seite und trete auf den Gang hinaus. Hier ist es ebenfalls dunkel und außerdem verdächtig ruhig. Ich mache ein paar Schritte, sehe mich um, der Waggon ist leer. Auch die Welt da draußen bewegt sich nicht mehr, es ist nur eine dunkle Wand zu erkennen. Erstaunt blicke ich zur anderen Seite hinaus, hier kann ich zumindest erahnen, dass wir im Bahnhof angekommen sind, die Seitenwand eines Zuges, die sich schwach im Dunkeln abzeichnet, lässt mich darauf tippen.

Vorsichtig gehe ich weiter bis zu meinem Sitzplatz, wo ich das Verschwinden meiner Reisetasche feststellen muss. Perfekt, da sind all meine Papiere drin!

Etwas ratlos stoße ich erst mal lautstark die Luft aus. Vielleicht war der Stoff von Jorge nicht ganz rein? Den Trip geschmissen habe ich zirka neunzig Minuten vor Edinburgh, bezieht man also die Zeit ein, die nötig ist, um den Zug vollkommen zu leeren, muss er mich somit für mindestens zwei oder sogar zweieinhalb Stunden ausgeknockt haben.

Etwas ratlos gehe ich zum nächsten Ausstieg. Die Knöpfe sind dunkel, also rüttle ich erst mal an dem Griff an der Tür. Zuerst passiert nichts, doch plötzlich geht die rechte Seite so abrupt auf, dass ich fast aus dem Zug stürze. Ich luge vorsichtig nach draußen, der benachbarte Zug endet ein Stück hinter meinem Waggon, dahinter herrscht nur Dunkelheit. Nachdem sich mir ohnehin keine Alternative bietet, verlasse ich den Zug. Meine Füße landen in Kies, zumindest deuten die Geräusche und das Gefühl unter meinen Sohlen darauf hin. Wieder sehe ich mich um, entschließe mich, am Zug entlang zu gehen. Kaum ist das entschieden, macht mein Handy erneut Terror. Genervt greife ich danach, gleichzeitig fällt mir ein, dass es eine Taschenlampenfunktion besitzt, also ignoriere ich die eingegangene Nachricht und mache stattdessen Licht.

Den schmalen Gang zwischen den beiden Zügen ableuchtend versuche ich, mich zu orientieren. Wenn ich mich nicht irre, ist in etwa fünfzehn Metern Entfernung etwas, das einem Bahnsteig ähnelt, also bewege ich mich darauf zu. Dort angekommen, muss ich allerdings in Ermangelung einer Treppe meine Armkraft einsetzen, um hinauf zu gelangen. Kaum oben, sehe ich mich wieder um. Hier brennen zwar vereinzelt Lichter, sieht mir aber eher nach Notbeleuchtung aus, trotzdem mache ich die Taschenlampen App aus.

Meine Schritte hallen in der Stille der Nacht wider, es hat schon ein wenig etwas von einem Horrorfilm. Überhaupt wirkt der ganze Bahnhof verlassen, der ohnehin nur aus einem einzelnen niedrigen Gebäude zu bestehen scheint. Als ich nahe genug bin, kann ich den Schriftzug erkennen, der – natürlich unbeleuchtet – an der Außenwand angebracht ist. ›Wallyford‹ steht da, und ich stoße ein genervtes »Fuck« aus. Wo bin ich denn da verdammt noch mal gelandet?

»Kann ich helfen?«, erkundigt sich eine äußerst misstrauische Stimme hinter mir.

Ich drehe mich um, da steht ein kleiner dicker Mann mit riesiger, runder Brille. Er blinzelt mich an, und zwar auf diese eigentümliche Art, die extrem kurzsichtigen Menschen zu eigen ist. »Wo bin ich hier?«, frage ich, weil das tatsächlich das ist, was mich am meisten beschäftigt.

»Am Bahnhof von Wallyford«, antwortet er argwöhnisch. »Darf ich fragen, warum Sie von da vorne kommen …« Er deutet Richtung Bahnsteig. »… wo doch der letzte Zug vor über zwei Stunden angekommen ist?«

Zwei Stunden! Holy Fuck!, denke ich, laut erwidere ich: »Tja, das ist genau das Problem. Ich bin wohl eingeschlafen, und als ich vorhin aufwachte, stand der Zug bereits hier.«

»Sie sind im Zug eingeschlafen?«, hakt er misstrauisch nach.

»Ja.«

»Das kann aber nicht sein. Weil der Zugführer immer noch mal durchgeht, bevor er den Zug verlässt. Da hätte er Sie ja sitzen sehen.«

Ich seufze. »Ich war am Klo.«

»Wo?«, fragt er, sein Tonfall macht deutlich, dass er mich für vollkommen bescheuert hält.

»Am Klo. Mir war schlecht, und ich bin wohl eingeschlafen, ohnmächtig geworden, oder wie auch immer. Auf jeden Fall wurde ich erst wach, als alles dunkel war.«

»Die WC Kabinen werden ebenfalls überprüft«, gibt er mechanisch wie ein Computer von sich.

»Dann hat er in meiner vielleicht nicht nachgesehen?«, gebe ich sarkastisch zurück, weil mich der Typ langsam wirklich nervt.

»Das ist Vorschrift, also, dass alles überprüft wird.« Für ihn scheint klar, dass ich hier der Einzige bin, der Fehler macht.

»Wenn Sie mir einfach einen Tipp geben könnten, wohin ich mich wenden kann. Denn meine Tasche war nicht mehr im Abteil, als ich aus dem Klo kam.« Langsam bekomme ich Kopfschmerzen, wohl ein Nachhall meines Trips oder eben eine Folge dieser stumpfsinnigen Unterhaltung.

»Da wurde eine Tasche abgegeben«, verrät er mir großzügig.

»Wundervoll!« Ich fühle mich sofort erleichtert. »Die gehört mir. Wo kann ich sie abholen?«

»Können Sie sich ausweisen?«, fragt er wieder in diesem metallischen Tonfall.

Langsam, aber sicher muss ich wirklich einiges an Anstrengung aufwenden, um ruhig zu bleiben. »Nein. Weil mein Ausweis und auch meine Geldtasche in meiner Reisetasche sind. Sie können gerne reinsehen. Mein Name ist Lyel Davies.«

»Ich darf ohne Erlaubnis des Besitzers nicht in die Tasche sehen«, erklärt er mir erbost.

»Die gebe ich Ihnen ja hiermit.« Die Kopfschmerzen werden heftiger.

»Aber ich weiß ja nicht, ob Sie der sind, der Sie behaupten zu sein.«

»Deshalb sollten Sie in die Tasche sehen. Da ist mein Personalausweis drinnen, auf dem ein Foto von mir ist.«

»Aber …« Er kratzt sich am Kopf. »Ich sagte doch schon, laut den Vorschriften müssen zurückgelassene Gepäckstücke aufgehoben werden, bis der Besitzer sich meldet, oder an die Polizei übergeben werden.«

Holy Shit – ist der Typ anstrengend! Ich sehne mich nach einer Line, doch das Päckchen ist natürlich – oh Wunder – ebenfalls in meiner Reisetasche verstaut.

»Entschuldigen Sie.« Eine wahnsinnig angenehme Stimme ertönt irgendwo rechts von uns. Ich wende mich dorthin, und da steht einer der attraktivsten Männer, die ich seit langem gesehen habe. »Kann ich vielleicht behilflich sein?«, erkundigt er sich freundlich.

»Wer sind Sie denn?«, wird er prompt ebenfalls von unserem Bahnhofsgriesgram ins Verhör genommen.

»Mein Name ist Dylan McGee.« Er hat uns sichtlich schon länger zugehört, denn er weiß, was hier wohl Usus ist, und kramt seinen Ausweis hervor, den er dem Brillenheini hinhält.

Von dieser Voraussicht offensichtlich überfordert, nimmt der die kleine Karte entgegen und hält sie im Zentimeterabstand vor seine anscheinend fast blinden Augen. »Und wie denken Sie, uns helfen zu können?«, erkundigt er sich nach drei prüfenden Blickwechseln zwischen Foto und dem Gesicht des Mannes.

Ich starrte lieber nur den Typ an, der wirklich einen optischen Leckerbissen darstellt. Schwarze, etwas längere, lockige Haare und einen ausgeprägten Mindestens-drei-Tage-Bart, der die markanten Gesichtszüge äußerst vorteilhaft umrahmt.

»Ich kam mit dem gleichen Zug wie Mister …« Er lächelt mich an und ich ergänze artig »Davies«.

»Wie Mister Davies. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich ihn gesehen habe. Daher wäre es doch wirklich naheliegend, wenn die Tasche ihm gehören würde. Nicht wahr?« Er klingt sehr seriös, was dem Bahnhofangestellten wohl deutlich besser gefällt als das Geschwafel meinerseits. »Ich könnte vielleicht eine Ausnahme machen«, sagt er nämlich prompt.

»Das wäre wahnsinnig freundlich von Ihnen«, schmeichelt Mister McGee weiter, und zwar so übertrieben, dass ich mir ein Schmunzeln verbeißen muss.

»Dann mach ich das«, lautet die Antwort, gleich darauf trifft mich noch ein skeptischer Blick, bevor der Bahnhofswächter davontrabt.

»Danke!«, sage ich erfreut. »Das war echt sehr nett. Irgendwie kam ich nicht weiter.«

»Liegt vielleicht daran …« Er wedelt mit dem Finger zwischen seinem Mund und dem Kinn hin und her.

Mein seinen Worten folgender, planloser Blick lässt ihn kurz auflachen. »Da ist was«, erklärt er bereitwillig.

Meine Hand zuckt hoch und ich fühle getrocknete Spucke, oder vielleicht sogar Schlimmeres. »Fuck«, fluche ich, während ich es hektisch wegwische. Heiß schießt mir die Verlegenheit in die Wangen. »Das ist … mir war schlecht …«, stottere ich herum.

»Sie müssen mir nichts erklären«, antwortet er, und der Blick, den er mir sendet, sagt mehr als tausend Worte. Er weiß es, oder vermutet wenigstens, dass ich im Zug irgendetwas eingeworfen habe. Das macht mich traurig, weil ich mir nämlich wünsche, dass er mich genauso interessant findet, wie ich ihn. Mich nicht als Junkie oder Spinner sieht, was ich ja im Grunde auch nicht bin, zumindest nicht, was Zweiteres betrifft. Er ist auf jeden Fall ein wahnsinnig gutaussehender Mann. Total ausdrucksstarke Augen hat er – wenn ich es richtig erkenne, sind sie in einem stürmischen Blau gefärbt, einem wunderschönen Sommergewitter gleich. Seine Figur ist top, vielleicht einen Tick zu schlank, wirkt fast, als hätte er kürzlich unfreiwillig an Gewicht verloren.

»Warum sind wir eigentlich hier, der Zug sollte doch bis Edinburgh fahren?«, versuche ich, mit einer Frage abzulenken. Ihn von unserer ersten Begegnung im Zug und mich davon, ihn anzuschmachten.

»Irgendein Defekt. Ich warte auf den Anschlusszug. Weil ich zu wenig Geld habe, um mir ein Taxi zu nehmen.«

»Oh.« Ich grinse. »Meines reicht da sicher auch nicht.«

»Mister Davies. Ich denke, die gehört Ihnen.« Der Bahnsteigclown ist zurück, in der Hand meine Reisetasche. Seine nun fast freundliche Miene würde niemals vermuten lassen, wir hätten erst vor ein paar Minuten dieses furchtbar anstrengende Gespräch geführt.

»Danke«, sage ich, weil ich kurzfristig beschlossen habe, die Sache ebenfalls ruhen zu lassen, und nehme sie entgegen.

»Ich muss Sie allerdings bitten, nun den Bahnhof zu verlassen, oder sich in den Wartesaal zurückzuziehen.«

»Es gibt einen Kaffeeautomaten«, erklärt McGee lässig.

»Na dann. Darf ich Sie vielleicht auf einen Kaffee einladen? Als Dankeschön.« Ich schenke ihm ein Lächeln.

»Gern«, antwortet er, lächelt ebenfalls.

Na, das ist doch ein Anfang!

2. Kapitel

 

Der Kaffee ist zwar nicht gut, aber zumindest wärmt er. In diesem verfluchten Wartesaal zieht es nämlich, als besäße er keine oder nur sehr löchrige Wände.

Davies, von dem ich immer noch nicht den Vornamen weiß, sitzt neben mir – mit einem Platz Abstand allerdings – und nippt an dem Tee, den er sich aus dem Automaten gezogen hat. »Und, sind Sie auf der Heimreise, Mister Davies?«, frage ich, um das Gespräch irgendwie in Gang zu bringen.

»Bitte … Lyel«, erwidert er prompt und streckt mir die Hand entgegen, die ich sofort ergreife und schüttle. »Dylan, aber das hatten wir ja schon.«

»Ja. Danke noch mal.« Ein verlegenes Grinsen schleicht sich auf sein Gesicht, das übrigens sehr hübsch ist. Ich schätze ihn auf zwanzig – plus minus ein, zwei Jahre –, also deutlich jünger als ich, trotzdem darf ich ja feststellen, dass er attraktiv ist. Sein Haar geht ihm bis knapp über die Schulter. Es ist ein verwaschenes Schwarz oder vielleicht sogar Dunkelblau, doch der Nachwuchs ist aschblond mit einer Nuance Rot darin, und irgendwie ahne ich, dass das seine Naturfarbe ist. Genauso sicher bin ich mir, dass er Locken hat, die er mit dem Glätteisen oder energischer Föhnführung zu verstecken versucht. Dass er die Ohren gepierct hat, trifft zwar eigentlich so gar nicht meinen Geschmack, aber zu ihm passt es irgendwie. Überhaupt wirkt er auf mich, als wäre er eine Art Revoluzzer, oder wie jemand, der das Bedürfnis hat, aus irgendetwas auszubrechen. Zum Glück hat er zumindest keine dieser Tunnel, die finde ich nämlich wirklich abtörnend, vor allem, wenn sie eine gewisse Größe überschreiten. Nicht, dass ich jemanden deswegen ablehnen würde, aber Geschmäcker sind eben verschieden, und mir gefällt es nicht.

Lyel trägt an den Ohren eher außergewöhnliche Stecker, wenn ich mich nicht täusche, ist der Stein in deren Mitte echt. Auf jeden Fall ist es kein billiger Modeschmuck, etwas, das ich aufgrund seiner sonstigen Aufmachung erwartet hätte. Nicht, dass er schlampig aussieht, das trifft es nicht, eher wie ein absichtlich herbeigeführtes Chaos – ein weiteres Zeichen, das auf eine zumindest innere Revolution hindeutet. Seine blasse Haut, die dunklen Ringe unter den Augen und sein etwas verlorener Blick untermauern meinen Verdacht von vorhin im Zug, dass er ganz gerne mal Aufmunterung bei dubiosen Substanzen sucht. Doch wer bin ich, um über einen Fremden zu urteilen, auch wenn ihm vor ein paar Minuten noch Kotze am Kinn geklebt hat. »Also? Fährst du nach Hause?«, wiederhole ich meine Frage von eben.

»Ähm. Nicht ganz.« Er macht eine kleine Pause, wobei sein Blick den meinen loslässt. »Ich werde für die nächste Zeit bei einem Freund unterkommen.« Der verlorene Augenkontakt, gepaart mit dem veränderten Klang seiner Stimme, gibt seinen Worten den Anschein einer Ausrede, doch schließlich bin ich ein Unbekannter für ihn, wahrscheinlich geht mich die Wahrheit einfach nichts an.

»Ich bin auf dem Weg zurück zur Arbeit. Ich bin Lehrer, in einem Internat in der Nähe von Edinburgh.« Ich habe kein Problem damit, ihm mein tatsächliches Reiseziel zu verraten.

»Wow – ein Lehrer. Darauf wär ich nie gekommen«, staunt er.

»Wieso?«

»Na, weil du voll der geile Typ bist«, entgegnet er. Mit offener Charakterisierung hat er also anscheinend kein Problem.

»Danke, aber das eine schließt das andere ja nicht aus.« Zu meinem Leidwesen blitzt in meinen Gedanken das Bild eines anderen, äußerst attraktiven Lehrers auf. Eric, mein Ex. Den ich an seine Heimat und seine dort lebende große Liebe verloren habe. Es schmerzt, obwohl nun schon ein Monat vergangen ist, seit ich aus Österreich zurückgekommen bin. Ich habe das Aus akzeptiert, doch meine Trauer darüber noch lange nicht überwunden, was zu dem Spontanentschluss geführt hat, meine zwei freien Tage und das folgende Wochenende in London zu verbringen. Leider haben diese Tage der Auszeit die Erinnerung an ihn genauso wenig verscheucht, wie meine Liebe zu ihm gewichen ist, trotz der Bemühungen meiner dort lebenden Freunde. Bis dato habe ich nicht mal geahnt, dass es so viele geile Gay-Nightclubs in London gibt. Aber anonymer Sex, so gut er auch ist, kann nicht über Gefühle hinwegtrösten, die von demjenigen mit Füßen getreten wurden, den man doch niemals hatte verlieren wollen.

»Natürlich nicht. Aber meine Lehrer …« Er verzieht das Gesicht. »… ganz andere Liga.« Er schenkt mir ein tiefes Lächeln, das mich auf die Spur bringt, dass er zumindest offen für alternative Lebensweisen ist.

»Lebt dein Freund in Edinburgh?«, erkundige ich mich neutral, um mich selbst wieder von dem Gedanken abzubringen. Ich bin nicht auf der Suche – mein Herz ist nicht mal annähernd bereit.

»Es ist ein Freund, nicht mein Freund«, erwidert er verschmitzt lächelnd. »Und ja.«

Außer dem dezenten Hinweis, Single zu sein, scheint er wenig Wert darauf zu legen, mir sonstige Details seines Lebens zu verraten. Oder versucht er eher, wenige bis keine Einzelheiten seinen Aufenthaltsort betreffend preiszugeben? Meine Neugier ist auf jeden Fall geweckt, das ist schwer abzustreiten, aber unter Berücksichtigung meines eigenen privaten Chaos beschließe ich, das Thema zu wechseln. »Der Zug kommt laut Plan in etwa dreißig Minuten«, gebe ich also meinen – vorhin am Fahrplan mühsam erworbenen – Wissenstand weiter.

»Cool. Und brauchen wir da eine neue Fahrkarte?«

Das klang jetzt aber sehr unsicher, oder bilde ich mir das ein? Ich mustere ihn möglichst unauffällig. Schon bei unserem ersten Aufeinandertreffen ist mir das intensive Grün seiner Iriden aufgefallen, das durch einen schmalen grauen Rand nur noch mehr betont wird. Was sich verändert hat, ist sein Blick. Er wirkt nun klarer, könnte aber auch als erschrocken interpretiert werden. Mit einem Mal erscheint er mir in einem völlig anderen Licht. Verloren und voller Furcht, was in mir den Wunsch weckt, ihn zu beschützen. Gleichzeitig fällt mir ein, dass er dem Bahnhofsangestellten gegenüber seine Übelkeit erwähnt hat, was ja auch eine Erklärung für sein etwas auffälliges Verhalten im Zug sein könnte. »Geht’s dir wieder schlechter?«, erkundige ich mich daher.

»Was?« Er wirkt, als hätte er nicht die leiseste Ahnung, wovon ich spreche.

»Ob dir wieder schlecht ist«, konkretisiere ich also.

»Oh!« Seine Züge lichten sich ein wenig. »Nein. Es ist nur, …« Er zögert, legt dann den Kopf schräg und verzieht das Gesicht. »Ich hatte nicht damit gerechnet, dass ich eine zweite Karte kaufen muss. Also …« Er bricht ab, seine Verlegenheit ist offensichtlich.

»Ich kann dir das Geld leihen, wenn du willst«, beeile ich mich, ihm zu versichern. Was kann das Ticket für die paar Kilometer schon kosten? Selbst für den Fall, dass ich ihn nie wieder sehen werde, dürfte der Verlust wohl nicht zu groß sein.

»Das wäre wirklich nett. Ich zahl es dir auch zurück. Versprochen. Wir tauschen Nummern aus. Ja?« Er zückt sein Handy, und weil es die Höflichkeit verlangt, ziehe ich das meine ebenfalls aus der Jackentasche.

»Dylan, oder?« Nun ist sein Lächeln wieder vollkommen offen und vor allem von Dankbarkeit erfüllt.

»Ja«, erwidere ich, und sobald er das Tippen beendet hat, diktiere ich ihm die Nummer.

»Ich ruf dich kurz an, dann kannst du mich einspeichern«, erklärt er, kaum dass er fertig ist, was wir auch genauso umsetzen.

»Ich melde mich auf jeden Fall. Kann nur sein, dass es ein paar Tage dauert, ja?« Es hört sich an, als würde er nicht gerne etwas schuldig bleiben, was ein weiterer Punkt ist, der mich neugierig macht. Auch das passt nicht hundertprozentig zu dem ersten Eindruck, den der flüchtige Moment im Zug bei mir hinterlassen hat.

»Kein Problem.« Wir stecken die Telefone wieder weg, danach sehe ich auf die Uhr. Warum schleichen Minuten eigentlich besonders langsam voran, wenn man in zugigen Wartesälen sitzt? Meine Jacke enger um mich ziehend gähne ich erst mal ausgiebig. Obwohl ich im Zug eine Stunde oder so geschlafen habe, kann ich es kaum erwarten, in mein Bett zu kommen.

»Verdammt kalt für Anfang September, oder?« Lyel zupft ebenfalls an seiner Jeansjacke herum. »Das schottische Wetter ist eben unberechenbar.«

»Du kommst nicht von hier, oder?« Das ist eher eine Feststellung als eine Frage.

»Nein.« Er schmunzelt. »Hört man das?«

»Ein bisschen. Möchtest du mir sagen, woher du kommst?«

»Wo kommt der Zug her?«, erklärt er grinsend.

»Also aus London?«

»Einem Vorort, ja.«

Wieder eine vage Aussage, aber das ist sein gutes Recht. Ich habe da weniger Berührungsängste. »Ich komme aus Culloden.«

»Hey, hat dort nicht die berühmte Schlacht stattgefunden?« Seine Lippen formen ein ›Wow‹.

»Ja.« Ich verdrehe die Augen. »Für euch berühmt, ihr habt ja gewonnen.«

»Ihr?« Er grinst. »Also, ich dachte ja, wir wären mittlerweile ein glücklich vereintes Königreich. Hast du Jakobitenblut in dir, das nach erneuter Revolte schreit?«

Seinen Witz würdige ich mit einem kurzen Krausziehen meiner Nase. »Nur mehr sehr wenig«, beantworte ich dann seine abschließende Frage, was tatsächlich stimmt. Mein vor etwa sechs Jahren verstorbenen Großvater konnte zeit seines Lebens gar nicht aufhören, darüber zu reden, dass seine Vorfahren Teil des Jakobiten-Aufstandes gewesen waren. Ich bin da ja eher der Meinung, wer sich heute noch nicht mit der Geschichte ausgesöhnt hat, ist selbst schuld.

»Ich fand ja Highlander immer schon besonders interessant.« Seine Augenbrauen wackeln anzüglich.

Nanu, was sind denn das für Töne?, denke ich erstaunt, gehe aber nur bedingt darauf ein. »Ich nehme an, dir schwebt dabei Christopher Lambert vor? Das hat nicht wirklich viel mit der Realität zu tun.«

»Weiß nicht, wie der Typ heißt, aber der Film war cool. Oder findest du nicht?«

»Geht so«, antworte ich ausweichend, er muss ja nicht wissen, dass ich den Streifen niemals ganz gesehen habe. Einen Versuch hat es gegeben, der hat jedoch lediglich zu wirklich gutem Sex mit einem Kommilitonen geführt.

»Du bist aber schon schwul, oder?« Er lacht und ich verdrehe erneut die Augen. »Ist das Voraussetzung, um den Film gut zu finden?«

»Nein. Aber um diesen Typ heiß zu finden, außer man ist weiblich.«

»Ich steh eher nicht auf lange Haare gepaart mit zu ausgeprägtem Muskelaufbau«, gebe ich zu, was die ursprüngliche Frage zwar nicht beantwortet, Lyel jedoch als Bestätigung zu genügen scheint. Außerdem verleitet ihn das wohl dazu, mir nun ebenfalls offen seine sexuelle Orientierung mitzuteilen, wenn auch in indirekter Weise.

»Dann freu ich mich auf ein Treffen, werde mir extra die Haare schneiden, okay?« Sein Blick wird wahnsinnig intensiv, geht mir durch und durch.

»Vielleicht fragst du mich erst mal, ob ich Single bin«, versuche ich, ihm den Wind aus den Segeln zu nehmen, bevor er noch zu viel Fahrt aufnimmt.

»Bist du. Das spür ich.«

Gegen meinen Willen muss ich grinsen. Er ist mir sympathisch, soweit kann ich es mir selbst gegenüber zugeben. Auf mehr zu hoffen, ist jedoch Schwachsinn, dafür ist mein Herz zu gebrochen.

»Also treffen wir uns?« Er kommt mir näher, es reizt mich, zurückzuweichen, was ich aber unterlasse. Wir sehen uns in die Augen, die seinen haben sich noch mehr geklärt. Nun strahlt das Grün, was natürlich auch an der Beleuchtung hier drin liegen kann. Nur dass ich das nicht glaube. Ehe ich aber Gelegenheit bekomme zu antworten, öffnet sich die Tür des Wartesaales, und der Bahnhofsangestellte von vorhin taucht darin auf. »Der Zug wird in ein paar Minuten da sein, Sie sollten vielleicht rauskommen«, sagt er, zieht sich jedoch zurück, bevor wir die Chance haben, zu reagieren. Egal – der Augenblick ist vorbei, also greife ich mir meine Reisetasche und stehe auf.

Auch Lyel schnappt sich sein Gepäck, plötzlich sieht er wieder verlegen aus. »Sorry. Ich wollte dir nicht zu nahetreten«, murmelt er, dreht ab und setzt sich in Bewegung.

Ich sehe ihm nach, weiß nicht recht, was ich von all dem zu halten habe, doch dann beschließe ich, einfach abzuwarten. Sollte er sich wirklich irgendwann melden, bleibt immer noch genug Zeit, mir Gedanken zu machen.

3. Kapitel

 

Der Raum schrumpft von Minute zu Minute, zumindest fühlt es sich so an. Ob es sich nun um eine visuelle Täuschung oder eine Überreizung meiner überforderten Synapsen handelt – ich spüre regelrecht, wie die Atemluft rund um mich knapper wird. Mit einiger Kraftanstrengung gelingt es mir, mich auf den Rücken zu rollen, danach schnaufe ich, als läge ein Waldlauf hinter mir.

Eine kühle, feuchte Berührung an meiner Stirn lässt mich zusammenzucken, obwohl sie guttut. Meine trockenen Lippen gieren nach Wasser, daher greife ich hinauf, versuche, die Hand einzufangen, oder zumindest den Lappen. Es gelingt mir nicht, mein Arm fällt kraftlos wieder hinab.

»Mund auf!«

Ich folge dem Befehl. Bitterer Geschmack lässt meine Zunge taub werden, danach folgt endlich die ersehnte Flüssigkeit. Ich sauge sie gierig ein, doch viel zu schnell ist das Glas wieder weg.

»Schlaf«, lautet der nächste, wenn auch sanfte Befehl, und ich gehorche.

 

Ich erwache zitternd, mein gesamter Körper bebt. Kälte und Angst dominieren mein Denken, in einer Art, die mich hilflos zurücklässt, mich erschüttert und mich lähmt.

»Schaffst du es zum Frühstück?« Ein mitfühlender Blick aus babyblauen Augen trifft auf mich. Meine Mitbewohnerin, oder wie man das nennen möchte, hat sich zu mir hinabgebeugt, wobei ihr ihre langen dunkellila Haare über die Schulter nach vorn rutschen.

Sie schenkt mir ein freundliches Lächeln. »Allerdings würd ich eine Dusche vorschlagen. Erstens wird dir so wärmer und zweitens musst du dann nicht allein an einem Tisch sitzen. Du stinkst nämlich ziemlich, Sweety.«

Meine Lippen ploppen auf, und das im doppelten Sinn. Sie sind so trocken, dass sie praktisch zusammenklebten. »Ich bleib lieber hier.«

»Nichts da!« Henry, wie sich meine Mitleidensgenossin selbst nennt, weil sie ihren vollen Namen Henriette einfach hasst, grinst. Wieder einmal wundere ich mich darüber, wie jung sie wirkt, was nicht nur an ihrer ausgeflippten Frisur liegt. Sie ist sicher um die Vierzig! Das gibt sie zwar offensichtlich nicht gerne zu, aber es ist ihr in einem unserer Gespräche herausgerutscht. »Jeder Tag, den du nicht an der Gruppensitzung teilnimmst, kommt hinten an deinen Aufenthalt dran. Also raff dich auf, wasch dich und los. Du hast noch …« Sie blickt auf ihre Uhr. »… dreißig Minuten.«

»Ich hasse dich«, murmle ich, wofür ich einen Kuss auf meine Nasenspitze bekomme. »Nein, du liebst mich«, schießt sie noch fröhlich hinterher, dann ist sie genauso schnell wieder weg, wie sie vorhin aufgetaucht ist.

Ich bleibe liegen, darüber nachsinnend, ob ich das Aufstehen in Erwägung ziehen sollte. Appetit habe ich keinen, obwohl ich eigentlich halb verhungert sein müsste. Stattdessen brüllt mein Körper nach Ruhe, und so scheint mir der Sinn einer Nahrungsaufnahme nicht gegeben.

Leider habe ich die Rechnung ohne den Wirt – also Henry – gemacht. Eine Sekunde, nachdem sich meine brennenden Augen wieder geschlossen hatten, liegen ihre Lippen erst an meiner Wange, dann an meinem Ohr. »Komm schon, my beautiful«, säuselt sie. »Für mich, ja?«

»Ich wette, dieser Kosename kann nicht annähernd mit der Wahrheit mithalten«, wende ich ein, schaffe ein halbes Grinsen.

»Ich kann hinter deine verschwitzte, drogenverseuchte Fassade sehen, Sweety, und dort ist ein wunderschöner junger Mann versteckt.«

Ihre Worte sind Balsam auf meiner vor Leid heulenden Seele. Ich kenne diese Frau kaum achtundvierzig Stunden, und davon habe ich sie vielleicht dreißig Minuten bewusst wahrgenommen. Doch das ist nicht mein erster Entzug, also weiß ich, dass die Zeit, an die ich mich nicht erinnern kann, die ist, die zählt. Fakt ist, ich liege hier, in trockener Kleidung und ohne Kotze in meinem Bett, was im Klartext bedeutet, sie hat sich um mich gekümmert. Ob nun selbst oder in der Form, regelmäßig eine Schwester zu holen, ist im Grunde egal.

»Gib mir fünf Minuten«, bitte ich, denn sie hat ja vollkommen recht. Jeder Tag, den ich es früher schaffe, mich den Regeln des Hauses unterzuordnen, ist Zeit, die ich weniger hier verbringen muss.

Also krieche ich aus dem Bett und begebe mich ins Badezimmer. Mein Anblick im Spiegel ist ein Schock, obwohl ich ihn eigentlich genauso gewöhnt sein sollte, wie die Entzugserscheinungen. Es ist das fünfte Mal, dass ich zur Entwöhnung verdonnert wurde, aber das erste Mal, dass ich mehr als nur im Ansatz dazu bereit bin, aktiv mitzuwirken. Nicht wegen der Tatsache, dass mein Vater mir ansonsten den Unterhalt streichen würde, sondern weil ich mich entschlossen habe, zu leben! Für einen Menschen – für den einen Menschen, den ich einfach nicht verlieren darf!

 

Eine Viertelstunde später betrete ich neben Henry den Speisesaal. Ich schrecke vor der Lautstärke darin zurück, doch ihr fester Griff lässt eine Flucht nicht zu.

»Ruhig bleiben, eventuell lächeln und vor allem – Klappe halten«, belehrt sie mich flüsternd, zwinkert mir zu und zieht mich weiter. »Da drüben sitzen die Alkis. Unangenehme Typen. Der Fette hat seine Frau krankenhausreif geschlagen. Er ist nur hier, um dem Knast zu entgehen.«

Die üblichen Insider-Stories. Auch zu diesem Thema gibt es nicht viel, was ich noch nicht gehört habe.

»Hier drüben hast du die Designerdrogen, da würdest du eigentlich hingehören.« Sie lacht leise, stupst mich mit dem Zeigefinger in die Seite. »Aber du musst mit uns vorliebnehmen.«

Wir sind an einem der hinteren Tische angekommen, an dem ein wirklich bunter Haufen verschiedenster Typen sitzt. »Hey Leute, das ist Lyel, und das ist …« Ihr Arm deutet in die Runde. »… die Loser-Fraktion!« Das Lächeln, das dieser Vorstellung folgt, wirkt auf mich deplatziert, doch das empfinde wohl nur ich so. Die anderen vier Personen am Tisch grinsen mir entgegen – sie scheint die Bezeichnung also nicht zu stören.

»Das ist Link.« Henry deutet auf einen Typen mit einem dreifachen Nasenring, außerdem hat er Tunnel in den Ohren, deren Größe wahren Durchblick gewähren. »Hi!« Er hebt die Hand zum Gruß. »Ich bin auf H.«

»Okay«, kann ich nur erwidern, diese Offenheit ist dann doch etwas ungewöhnlich. In den Kliniken, in denen ich meine bisherigen Entzüge absolviert habe, wurden diese Dinge eher in der Gruppe besprochen.

»Und das sind Bridie und Rank«, macht Henry mit der Vorstellungsrunde weiter.

Die beiden heben abwechselnd die Hand, jeweils begleitet von der Feststellung ihrer bevorzugten Droge. »Ich hab auch H gedrückt«, erklärt Bridie, während Rank sein »Koks und reichlich Sex« mit einem Zwinkern untermalt.

»Ich bin Sarah. Koks und Alkohol.« Die Letzte der Runde schenkt mir ein kurzes Lächeln.

»Ich bin Lyel, wie Henry ja schon erwähnt hat.« Ich will mich zieren, spreche es dann aber doch aus, weil ich nicht von Anfang an als Snob gelten möchte. »Koks, Alkohol und sonstige Spaßmacher der Pharmazie.«

»Willkommen im Club!« Henry schiebt mich zu einem der zwei leeren Stühle, ich setze mich und sie nimmt neben mir Platz. »Es gibt nur Kaffee ohne und das Essensangebot ist genauso langweilig.«

Ich blicke über den Tisch, in dessen Mitte zwei Körbchen mit Brotscheiben stehen und genauso viele Kannen. Ansonsten gibt es noch Butter, undefinierbare Wurst und einen Teller mit Käse. Bei diesem Angebot bereue ich es sofort, nicht doch auf dem Zimmer geblieben zu sein. Obwohl ich nicht hungrig bin, habe ich zumindest auf Koffein gehofft.

»Du siehst aus, als wärest du einen höheren Standard gewöhnt.« Link betrachtet mich etwas argwöhnisch, vor allem meine Kleidung. Eigentlich habe ich für meinen Aufenthalt hier absichtlich meine billigsten Klamotten ausgewählt, doch auch die sind natürlich nicht vom Wühltisch.

»Alter, sind das echte Diamanten?« Sarah greift nach meinem Ohrring und bringt ihre neugierige Nase direkt davor.

»Okay, lasst Lyel mal in Ruhe, ja?« Henry stößt ihre Hand unsanft weg und greift sich eine der Kannen, um mir meine Tasse mit extrem dünnem Kaffee zu füllen. »Iss etwas«, fordert sie mich auf, und klatscht, weil ich keine Anstalten mache, ihrer Aufforderung nachzukommen, eine Schnitte Brot, zwei Scheiben Wurst und Käse auf meinen Teller.

»Danke«, murmle ich, doch in Wahrheit kämpfe ich gerade damit, mich nicht zu übergeben. Die Übelkeit, die mich die vergangene Nacht immer wieder terrorisiert hat, ist zurück, und hat zu meinem Bedauern auch noch ihren Lieblingsbegleiter, nämlich pochende Kopfschmerzen, mitgebracht.

»Komm schon.« Henry stößt mir ihren Ellenbogen zart in die Seite. »Lass dir nichts anmerken, nur ein paar Bissen.« Die Sanftheit ihrer Stimme verrät, wie gut sie meine momentane Verfassung versteht. Bei unserem Kennenlernen vor drei Tagen hat sie mir Koks als ihre Hauptdroge genannt, doch wie bei mir, gibt es da leider ebenfalls noch andere Laster. Die Begleiterscheinungen einer Entwöhnung vom wohl berühmtesten weißen Pulver sind nicht ohne, auch wenn sie vorwiegend psychischer Natur sind. Die körperlichen Beschwerden, die mir im Moment zusetzen, sind eher dem zuzuschreiben, dass ich, seit ich hier bin, keinen Schluck Alkohol getrunken habe. Außerdem fehlen mir die kleinen runden Pillen, die es so schön schaffen, mich von der jeweils aktuellen Gefühlslage in die gegengesetzte zu katapultieren.

Mit zitternden Händen breche ich ein Stück der von Henry vorbereiteten belegten Schnitte ab und stecke sie resolut in meinen Mund. Das Kauen erscheint mir furchtbar laut, doch zu meiner Freude stellt sich schnell heraus, dass ich es wohl schaffen werde, den Bissen bei mir zu behalten. Ein Schluck vom Kaffee folgt, der mir zwar nicht mundet, aber wenigstens meinen angegriffenen Magen wärmt.

»Dein wievieltes Mal ist das hier?« Sarah mustert mich neugierig.

»Das erste Mal«, lüge ich, wobei ich gar nicht weiß, warum.

Henry schickt mir einen verwirrten Blick, was kein Wunder ist. Schließlich habe ich ihr im Laufe unseres Kennenlernens die Wahrheit gesagt. Ich war sogar ziemlich gesprächig, was vor allem daran lag, dass ich mir vor dem Einchecken noch eine Nase gegönnt habe.

»Warum warten wir mit den Fragen nicht bis nachher in der Gruppe?«, schlägt Henry ausweichend vor und meine Kopfschmerzen nehmen sofort zu, als mir klar wird, dass diese Runde hier nicht nur meine Essenspartner sind. Auf diese Gesprächskreise habe ich ja mal so überhaupt keine Lust. Nur dass mir leider nichts anderes übrigbleibt, dank meiner eigenen Blödheit! Diese hat mich nämlich hierhergebracht, zwar auf Umwegen, aber doch. Grob gesagt: Mein alter Herr konnte nur durch mein Flehen erweicht werden und setzt nun auf Schocktherapie, obwohl er seine Hoffnungen auf Erfolg in Wahrheit längst begraben hat. Auf jeden Fall ist es meine letzte Chance, wie er es bezeichnet, und die liegt anscheinend in einer Einrichtung im fernen Schottland, deren Schwerpunkt Gruppenheilung heißt.

In den vergangenen fünf Jahren habe ich vier Entzüge absolviert, allesamt in sündhaft teuren Privatkliniken. Dies wurde mir durch den Reichtum meines Vaters ermöglicht, wofür ich jedoch weder Dankbarkeit noch Durchhaltevermögen zeigte. In diesen, in wahren Luxusanlagen untergebrachten Einrichtungen, besteht das größte Problem darin, sich von den Therapiegesprächen nicht zu viel Zeit stehlen zu lassen. Schließlich gilt es, die Fitnessanlagen und Tennisplätze zu genießen, und nicht zuletzt die exquisite Verpflegung eines all-inclusive Services, der jeden Luxusferienclub neidisch machen würde. Ganz abgesehen von den Privatzimmern, zu denen selbstredend eine private Krankenschwester gehört.

Natürlich weiß ich zu genau, was diese letzte Chance für mich bedeutet – was für mich auf dem Spiel steht! Das hat meine Mum nur allzu klar gemacht, doch das kann ich hier niemandem erzählen, schon gar nicht in der Gruppentherapie!

»Lyel?«, unterbricht Henrys Stimme meine Überlegungen.

Ich wende mich ihr zu, spüre, wie ich blass werde, weil mich mit einem Mal erneut eine drückende Übelkeit erfasst. »Sorry«, kann ich noch hervorstoßen, dann stürze ich los, und erst nach ein paar Metern wird mir klar, dass ich keine Ahnung habe, wo hier die Toiletten sind.

 

Nachdem ich meine eigene Sauerei vom Flurboden gewischt habe, darf ich mich für den Rest des Tages auf das Zimmer zurückziehen. Als kleine Belohnung für den Versuch, am Gemeinschaftsleben teilzunehmen, werden mir zehn Minuten mit meinem Handy erlaubt. Auf meinem Bett liegend scrolle ich also durch meine Nachrichten. Jorge, der Dealer meines Vertrauens, hat mir geschrieben, er vermisst mich wohl als Einnahmequelle. Außerdem ist da ein Bild von Jamie, das mir meine – offensichtlich masochistisch veranlagte – Mutter geschickt hat. Ich kann es lediglich kurz betrachten, weil sein Anblick nicht nur das in mir auslöst, was meine Mum damit bezweckt hat.

Natürlich spornt mich sein Lächeln an, durchzuhalten. Es macht mich aber auch traurig, weil es die Angst in mir weckt, es könnte wieder schiefgehen. Doch daran will ich jetzt nicht denken, also schiebt mein Daumen es zur Seite. Als Nächstes nehme ich mir die Nachricht meines Vaters vor. Es dauert nicht lange, denn sie lautet: ›Halte durch!‹ Ein Sinnspruch, der auf unserem Familienwappen stehen sollte. Was wir übrigens tatsächlich haben – also, das Wappen.

Meine Familie ist seit Urzeiten mehr als wohlhabend. Wir besitzen jede Menge Grundstücke in und um London und könnten wohl allein von diesen Mieteinnahmen gut leben. Zusätzlich führt mein Dad die Anwaltskanzlei seines Vaters weiter, der Firmensitz liegt in Knightsbridge, mit Blick auf den Hydepark. Seine Klienten sind ähnlich reich wie er, jederzeit bereit, die völlig überteuerten Honorare seiner Anwälte zu akzeptieren. Aber wer bin ich, mich darüber zu beschweren, schließlich genieße ich den Luxus, den mir diese privilegierte Abstammung bietet, zumindest, solange es mir noch möglich ist. Meine Drogensucht und mein ausschweifender Lebensstil sind nämlich nichts, was diese Stellung festigt. Ganz im Gegenteil.

Ich stoppe, als ich bei einer der letzten WhatsApp Nachrichten angelangt bin.

›Hoffe, du bist angekommen. Dylan‹, steht da, und mein Herz beginnt schneller zu schlagen, während meine Wangen erhitzen. Verdammt, das – oder besser gesagt ihn – hatte ich vollkommen vergessen.

Meine Unterlippe zwischen die Zähne ziehend setze ich mich auf. Ich habe keine Ahnung, ob ich vor Ablauf der fünf Wochen, die ich fürs Erste hier eingesperrt sein werde, auch nur eine Chance habe, hier rauszukommen. Was soll ich ihm also schreiben?

›Bin hier ziemlich eingespannt. Ist es schlimm, wenn ich dich noch um eine kleine Schonfrist bitte?‹, tippe ich, überlege kurz und schicke es ab.

An meinem Daumennagel kauend beobachte ich, wie erst ein Häkchen erscheint, dann beide, und sie sich schließlich blau färben. Mein Magen dreht sich ein bisschen im Kreis. Ich bin mir nicht sicher, ob die Übelkeit zurückkommt, oder mich das Warten auf seine Antwort so aufwühlt. Kaum ist er nämlich wieder in meiner Erinnerung aufgetaucht, sehe ich ihn nur zu deutlich vor mir. Er sah verdammt gut aus, daran entsinne ich mich auf jeden Fall, auch wenn mir einige Details verborgen bleiben. Das sind die Momente, in denen ich wirklich verstehe, welche Vorteile ein Leben ohne Drogen bringen würde. Zumindest fielen die Blackouts und Lücken weg, die der Rausch der vermeintlichen Freiheit eben allzu gerne hinterlässt.

›Hey, kein Ding. Wollte nur mal hören, ob es dir gut geht. Meld dich einfach, wenn es passt‹

Seine Antwort zaubert Falten auf meine Stirn, weil ich nicht genau weiß, was ich davon halten soll. Das klingt nicht nach ›Wo bleibt meine Kohle‹ sondern fast so, als hätte er nicht warten wollen, bis ich mich melde. Möglicherweise, weil ich auch bei ihm Eindruck hinterlassen habe?

Diese Interpretation lässt mich schmunzeln, ist sie doch wohl eher meinen eigenen Wunschträumen geschuldet. Denn ich möchte ihn auf jeden Fall wiedersehen. Und zwar bald!

4. Kapitel

 

Das Telefon segelt auf die andere Seite der Matratze. Ich sehe böse hinüber, als wäre es die persönliche Schuld dieses Mobilfunkgerätes, wie schlecht ich drauf bin. Leider bietet diese Aussicht auch freie Sicht auf das verdammte zweite Kissen, das da immer noch liegt, was meine Laune natürlich nicht bessert.

»Ich scheiß auf dich«, erzähle ich dem daunengefüllten Stoffgebilde, selbstverständlich gelten meine Worte nicht ihm, sondern demjenigen, der monatelang sein verdammt hübsches Köpfchen darauf gebettet hat. Eric, mein Ex, der mir so sehr fehlt, dass es mir körperliche Schmerzen bereitet.

Er war der perfekte Fehler, den man sich wohl einmal im Leben erlauben muss, nur dass ich immer noch keine Ahnung habe, wie ich mich davon erholen soll. Monate voller Höhen und Tiefen liegen hinter mir, doch da ist nicht die Spur eines Lichtblicks in Sicht.

Eric kam als neuer Lehrerkollege an das Internat, in dem ich bereits seit vier Jahren tätig bin. Ich verliebte mich auf den ersten Blick in ihn, obwohl ich da noch nicht einmal sicher sein konnte, dass er überhaupt in meinem Team spielte – was sich aber rasch bestätigte. Ein Thema, das ebenfalls schnell präsent wurde, war sein gebrochenes Herz und der Mann, der daran schuld war. David – ein Name, der von Anfang an dafür sorgte, dass wir einfach keine Chance hatten. Ein Urlaub in Erics Heimat besiegelte schließlich unser Schicksal, er blieb – ich kehrte allein zurück.

»Du verdammtes Arschloch«, hauche ich in die Düsternis des Zimmers. Da ich heute keinen Unterricht habe, lockt mich nichts aus diesen vier Wänden – das Wetter schon gar nicht. Es ist trüb und regnet bereits seit dem frühen Morgen.

Natürlich ist Eric kein Arschloch, nicht mal ansatzweise. Er hat mich nie darüber im Unklaren gelassen, wie tief er für David empfand, und eben nicht für mich. Die unzähligen Male, in denen er mich freizugeben versuchte, sprechen ebenfalls für ihn. Das Einzige, was man ihm anlasten könnte, ist die Halbherzigkeit dieser Angebote, doch genau das ist es auch, was mich ein wenig tröstet. Weil ich ihm wichtig genug war, Reue zu verspüren, und seine Gefühle für mich ihn zumindest für diese kurze Zeit an mich fesselten.

Ich schließe die Lider, drücke sie regelrecht zu, suche meinerseits Trost. Vielleicht finde ich sie in der Dunkelheit, doch statt Schwärze sind da sanft grün leuchtende Augen, die mich ansehen. Laut seufzend öffne ich die meinen wieder, drehe den Kopf und blicke zum Fenster hinaus.

Ich weiß nicht recht, was ich von Lyel halten soll. Er war eindeutig stoned, als ich ihn im Zug das erste Mal gesehen habe, und genauso eindeutig hat er sein Interesse an mir gezeigt. Trotzdem hat er sich nicht gemeldet und auf meine heutige Nachfrage ein wenig reserviert reagiert. Dabei bin ich mir selbst nicht mal sicher, wie es einzuordnen ist, dass ich ihm geschrieben habe. Im Grunde wollte ich nur wissen, warum er es nicht getan hat.

Mein Blick gleitet zurück auf das Handy und somit auch auf Erics ehemaliges Kissen. Eine Ecke von Letzterem befindet sich plötzlich in meiner Faust und gleich darauf landet das blöde Ding auf dem Fußboden hinter dem Bett.

Ich fühle mich tatsächlich ein wenig besser, obwohl Gewalt ansonsten eher das Gegenteil bei mir auslöst. David, Erics Ex und nun wieder Freund, hätte ich zum Beispiel ganz gern eine reingehauen, bei unserer ersten persönlichen Begegnung. Er hatte diesen ›Aber-ich-bin-doch-so-unglücklich-Blick‹ drauf, was mich innerlich fuchsteufelswild gemacht hätte, wäre da nicht auch dieser unsagbare Schmerz in seinen Augen gewesen!

Mein Handy vibriert, und ich ziehe es näher. Da blinkt das Licht, das den Eingang einer WhatsApp Nachricht symbolisiert. Neugierig löse ich die Tastensperre und prüfe das Display.

›Nur, dass wir uns richtig verstehen. Ich möchte dich unbedingt wiedersehen, es liegt wirklich nur an den äußeren Umständen, dass ich dich vertrösten muss‹, steht da und am Ende ist dieser Zwinkersmiley.

Diese Worte wärmen mich von innen, aber es liegt mir fern, jetzt darüber nachzudenken, warum. Viel lieber genieße ich das Gefühl der Vorfreude, ihn tatsächlich noch einmal zu treffen.

Vielleicht sollte ich ihm das mitteilen?

›Ich freue mich ebenfalls darauf, dich wiederzusehen‹, tippe ich und schicke die Nachricht ab, bevor ich mich umentscheide. Danach warte ich, doch es kommt nichts mehr. Warum sollte er aber auch noch mal schreiben? Wir sind ja schließlich keine Teenagermädchen.

Immer noch lächelnd lege ich das Telefon weg, setze mich auf und hebe das blöde Ex-Eric-Kissen auf. Ich betrachte es, als wäre es ein direktes Zeitportal in die Vergangenheit. Ich kann gar nicht verhindern, sein trauriges Gesicht vor mir zu sehen, dass mir sein Duft in die Nase steigt beziehungsweise die Erinnerung daran. Egal ob Eric pur oder mit diesem perfekten Hauch von Parfum – der Ausspruch ›Man muss sich riechen können‹ hat seinetwegen einfach eine völlig neue Bedeutung für mich bekommen.

›Muss jetzt abdrehen, aber ich melde mich wieder. Vergiss mich nicht. Lyel‹, erscheint auf meinem Display, was mich zum Glück von den Gedanken an meinen Ex ablenkt.

›Werde ich nicht. Hoffe, es dauert nicht zu lange‹, tippt mein Daumen. Danach betrachte ich die Buchstaben ein paar Sekunden, lösche jedoch den zweiten Satz, bevor ich die Nachricht absende. Sicher ist es unklug, ihm das Gefühl zu geben, die Möglichkeit für ein Date wäre befristet. Sofern es überhaupt als solches zu bezeichnen ist. Was weiß ich denn eigentlich, worauf das hier hinauslaufen wird?

Ich werfe einen Blick aufs Display. Der Haken neben der Nachricht bleibt einsam und außerdem grau. Meine Stirn zieht sich in Falten. Anscheinend ist er tatsächlich nicht mehr online, was die Frage aufwirft, warum? Doch irgendwie möchte ich mir darüber keine Gedanken machen, wahrscheinlich ist es überhaupt klüger, ihn komplett daraus zu streichen. Wenn ich nämlich eines aus der Misere mit Eric gelernt habe, dann das: Es bringt nichts, sich im Vorfeld den Kopf zu zerbrechen, am Ende kommt ohnehin alles so, wie es kommen muss.

 

Während der nächsten Wochen gelingt es mir jedoch nicht besonders gut, Lyel komplett aus meinem Leben zu verbannen, aber die Tatsache, dass der neue Kollege, der Erics Stelle übernommen hat, mit einer deftigen Grippe ausfällt, macht es etwas leichter. Denn ich muss seine Vertretung übernehmen, was an Ironie nicht zu übertreffen ist, weil mir Eric dadurch irgendwie nicht nur mein Privatleben verpfuscht, sondern auch mein berufliches Leben erschwert hat. Wieder ein Grund mehr, sich darum zu bemühen, die Gefühle für ihn ein weiteres Stück erkalten zu lassen. Was gelingt, ob es nun der stetig wachsende zeitliche Abstand ist, oder wirklich der neue Mann in meinem Leben. Egal, ich begrüße diese Änderung, weil sie mein Herz einfach freier atmen lässt.

Was Lyel betrifft, schaffe ich es nur bedingt, mich in Geduld zu üben. Es dauert fast eine Woche, bis es mir möglich ist, nicht mehr nach jeder Unterrichtsstunde die Inbox meines Handys zu checken, und vor allem nicht enttäuscht zu sein, dass da niemals etwas von ihm zu finden ist.

Danach wird es ein wenig leichter. Was mir jedoch einen Strich durch die Rechnung macht, sind die Herbstferien. Zu viel freie Stunden, um nachzudenken und sogenanntes Brainfucking zu betreiben.

Ich schreibe einige WhatsApp Nachrichten an Lyel, die jedoch allesamt nicht gelesen und schon gar nicht beantwortet werden. Trotzdem tut es gut, ihn in mein Leben mit einzubeziehen, selbst wenn es ein einseitiges Unterfangen darstellt.

Brian, ein anderer hier angestellter Lehrer, mit dem ich ab und zu Zeit verbringe, hilft mir ein wenig, die schwierigen Tage zu überwinden. Er ist kein Vertrauter wie meine Freundin Rose, die ebenfalls hier arbeitet, darf aber gerne als deren temporäre Vertretung einspringen, da sie im Moment auf Heimaturlaub ist. Wie fast alle im Internat hat er meine Beziehung mit Eric mitbekommen. Im Gegensatz zu Rose spricht Brian aber eher nicht so gerne über meine Homosexualität. Er ist einer der typischen Dulder, wie ich sie bezeichne, was im Klartext heißt: Toleranz ja, Akzeptanz nein. Daher lassen wir meine sexuelle Orientierung einfach außen vor, und genauso halten wir es mit seiner Ex-Freundin, die ihn Anfang des Jahres abserviert hat. So wie er nicht über meine Männer sprechen möchte, bin ich kein Fan von Diskussionen, die fremdgehende Frauen betreffen. Unter dem Deckmantel dieser Verschwiegenheit nutzen wir daher die Zeit, den in den Ferien hiergebliebenen, ausländischen Internatszöglingen ihre vorübergehende Heimat näherzubringen.

Vor allem darüber halte ich Lyel auf dem Laufenden, auch wenn mir die ausbleibenden Lesebestätigungen nur allzu deutlich zeigen, wie sinnlos dies ist.

Erst zwei Tage vor der letzten, von Brian und mir geplanten Unternehmung, kehrt, wenn auch nur kurzfristig, die Hoffnung in mein Herz zurück. Denn obwohl da plötzlich diese beiden blauen Haken neben all meinen Nachrichten erscheinen, kommt keine Antwort, nicht einmal dieser blöde Daumen-hoch-Emoji. Also beschließe ich, diese Geschichte endgültig für mich abzuschließen, auch wenn es mir unverhältnismäßig schwerfällt.

 

Der letzte unserer Ausflüge führt uns nach Urquhart Castle am Ufer des berühmten Loch Ness. Da unsere kleine Gruppe lediglich aus sieben Leuten besteht, entscheiden wir uns für einen Kleinbus und gegen einen Fahrer. Immerhin ist der Großteil der Strecke identisch mit dem, mindestens dreimal im Jahr von mir zurückgelegten, Weg zu meinen Eltern. Nur helfen mir die Kenntnisse des Weges recht wenig, weil die Hinfahrt von einem anhaltenden Nieselregen und tiefliegendem, dichtem Nebel erschwert wird. Dementsprechend erledigt bin ich, als wir endlich an unserem Ziel angekommen sind.

Umso mehr überrascht es mich, dass gemeinsam mit uns die Sonne in Urquhart Castle eingetroffen ist. Sie drängt die Wolken zur Seite, nur der Nebel hält sich hartnäckig ein paar Zentimeter über dem feuchten Boden, was dem Anblick der berühmten Ruine allerdings äußerst dienlich ist. Eingefangen von einem mysteriösen Charme ragen die alten Steine vor uns auf. Und obwohl ich nicht das erste Mal hier bin, lasse ich mich vom wechselnden Farbenspiel zwischen dem satten Grün der Wiesen, dem Grau der Ruine und dem immer mehr aufleuchtenden Blau des Himmels bezaubern. Zumindest solange, bis ich bemerke, dass ein zweiter Bus auf uns zuhält. Irgendwie bin ich enttäuscht, obwohl es natürlich nur zu klar ist, dass wir nicht die Einzigen sind, die auf die Idee gekommen sind, hierher zu kommen.

Während Brian und ich die Jungs langsam den Hügel nach oben scheuchen, sehe ich immer wieder zurück. Ich weiß eigentlich gar nicht, warum, aber irgendetwas scheint mich regelrecht gefesselt zu haben – dank des mysteriösen Flairs der Location könnte man es vielleicht sogar eine Vorahnung nennen.

»Mister McGee«, ruft Jordan, ein amerikanischer Schüler, mir zu»

Was?«

»Was muss ich tun, um das Monster von Loch Ness anzulocken?« Er grinst breit und ich tue es ihm gleich, obwohl ich seinen Sarkasmus nicht mit vollem Herzen teile. Ich bin Schotte und somit mit der Legende dieses Ortes aufgewachsen. Und auch, wenn mein Erwachsenwerden die Schrecken der Kinder-Albträume verscheuchen konnte, bleibt dem fantasiereichen Teil meines Hirns wohl auf ewig ein klitzekleiner Zweifel erhalten.

»Behalte einfach dein freches Mundwerk offen, dann kommt es von ganz allein!«, rufe ich zurück, was allgemeines Gelächter unter den Schülern auslöst. Brian grinst ebenfalls. Gut, er ist nicht von hier und somit auch eher ein Skeptiker.

Der Klang von fernen Stimmen lenkt meine Aufmerksamkeit wieder zurück auf den zweiten Bus. Der hat mittlerweile neben unserem gehalten, wodurch deutlich wird, dass er um einiges größer ist. Dennoch sind es nur sechs Leute, die eher lustlos herausklettern, und als der Letzte von ihnen aus dem Schatten der Fahrzeuge hervortritt, setzt mein Herzschlag kurz aus. Es ist Lyel.

5. Kapitel

 

»Und vergiss nicht. Wenn er tatsächlich hier ist, kein Wort davon, was das hier ist! Wir sind Freunde auf einer Erkundungstour. Nicht mehr und nicht weniger.« Nervös auf meinem Daumen herumkauend mustere ich Henry, die mich fast schon spöttisch mit hochgezogenen Augenbrauen und listigem Grinsen ansieht.

»Weil du mir sonst nachts Kröten ins Bett legst, oder wie?«, spottet sie, als wüsste ich nicht genau, wie abhängig ich von ihrem Wohlwollen bin.

Ich habe ihr von meinem seltsamen, in den letzten Wochen unnatürlich gewachsenen Eifer erzählt, diesen Mann wiederzusehen. Irgendwie ist er in der Zeit hier in Schottland zu meinem symbolischen Anker geworden. Die Drohungen von zuhause all die Konsequenzen betreffend, die einem Abbruch oder einem Versagen meiner Kur – wie sie es nennen – folgen würden, erschlagen mich buchstäblich. Ich verstehe nicht, warum sie nicht einsehen, wie hinderlich es ist, mich unter Druck zu setzen. Beweist meine Vergangenheit nicht zur Genüge, wie wenig ich funktioniere, sobald man mir das sinnbildliche Messer an die Kehle hält? Nur Jamies großen braunen Augen gelingt es, mir tatsächlich einen Grund zu geben, an mich und ein gutes Ende zu glauben. Seiner unendlich süßen Stupsnase und eben dessen markantem Pendant, das einem Schotten gehört, den ich hoffentlich in ein paar Minuten wiedersehe.

»Denkst du, die anderen halten dicht?« Das Klacken, als mein Nagel sich dem Angriff meiner Zähne ergibt, klingt lauter, als es wahrscheinlich ist. Ich spucke das Stück auf den Boden und sehe mich um. Oben an der Ruine ist eine kleine Gruppe, zwei Männer und einige Kinder – ich schätze mal im Alter von zwölf oder so?

»Okay, my beautiful, beruhig dich. Du weißt, Stress ist das letzte, was wir brauchen.« Henrys Stimme klingt nicht genervt, sondern tatsächlich, als hätte sie eine gewisse Angst vor ihrer Aussage, oder eher deren Inhalt. Das sind Gefühle, die nur ein Süchtiger nachvollziehen kann. Diese Furcht vor Dingen, die man genauso sehr herbeisehnt, wie verabscheut. Vor Gründen, um zu rechtfertigen, etwas zu tun, was nur den nächsten Nagel zu deinem Sarg symbolisiert. Sich eine Pille einzuschmeißen, weil man die Anspannung nicht erträgt, der Kampf um innere Ruhe, die weiter entfernt scheint, je mehr man sich danach sehnt.

»Tut mir leid«, sage ich, was ich auch so meine.

»Schon gut.« Ihre Hand, die meine festhält, drückt zu. »Siehst du ihn denn schon? Ist er einer der beiden da oben?«

Ich konzentriere mich, um einen besseren Blick zu erhaschen, was der ungewohnte Sehbehelf, der heute meine Nase ziert, erschwert. »Ich weiß nicht. Irgendwie seh ich mit diesem Ding nichts.«

»Wann hast du sie zuletzt getragen?«, erkundigt sich Henry mit einem skeptischen Blick auf meine Brille.

Die Wahrheit ist, dass ich vor etwa fünf Jahren auf Kontaktlinsen umgestiegen bin. Dementsprechend benötigt das Nasenfahrrad wohl ein Update, was ich nun knirschend zugebe.

»Was hat der Doc gesagt, warum deine Augen so jucken?«, fragt sie mitfühlend weiter.

»Eine Nebenwirkung der Stimmungsaufheller. Hatten meine Trips nie.« Ich zwinkere ihr zu, worauf sie jedoch nur die Augen verdreht.

»Was ist? Kommt ihr zwei, oder braucht ihr eine Extraeinladung?« Link hat seine hellen, fast weißen langen Haare heute zu einem Undone-Dutt nach oben gewunden. Sein Vier-Tage-Bart passt wunderbar zu seiner Aufmachung – eigentlich könnte er einem dieser Modemagazine entsprungen sein, wären da nicht die dunklen Schatten unter seinen Augen und der leere Blick. Er hat die körperliche Entwöhnung genauso hinter sich wie ich, trotzdem weiß ich, wie sehr er kämpft. Vielleicht sogar mehr als ich. H ist wohl die beschissenste Droge – soweit mir bekannt ist, kommt kaum jemand endgültig davon los.

»Wir kommen.« Henry zieht mich weiter, und ich stolpere hinter ihr her, den Blick immer noch auf den einen der beiden Männer gerichtet, der nur einen Moment später zu mir hinuntersieht.

Ich halte an und reiße dadurch Henry zurück, die mir sofort einen verwunderten Blick schickt. Es ist Dylan – jetzt erkenne ich ihn, und mein Herz beginnt augenblicklich schneller zu schlagen. Er lächelt, dennoch wirkt es nicht, als stünde da reine Freude dahinter.

Wahrscheinlich fragt er sich, was ich hier mache, denke ich und bereue es zutiefst, mich nicht dazu überwunden zu haben, ihm zurückzuschreiben. Irgendwie erschien es mir romantisch-spannend, dieses zufällige Treffen herbeizuführen, was es ja nicht wirklich ist, denn er hat mir ja geschrieben, dass sie heute hierher kommen würden. Dennoch blieb das Roulette um die Uhrzeit, und dass ich dabei auf die richtige Zahl oder eher Farbe gesetzt habe, erscheint mir zumindest als kleines gutes Omen.

»Oh.« Henry grinst plötzlich, sieht nach oben zur Ruine, dann zurück auf mich. »Er ist soooo süß«, flötet sie mir danach zu.

Meine Augen verdrehend versuche ich ihr zu demonstrieren, wie übertrieben ich ihre Reaktion finde, kann aber nur ebenfalls grinsen.

»Lyel, Henriette, kommt ihr bitte?« Miss Resantal, unsere Gruppentherapeutin und heutige Reisebegleiterin, blickt strafend zu uns zurück. Sie trägt einen so lächerlich großen Hut, dass ich jedes Mal von einem Lachanfall bedroht werde, sobald ich sie ansehe. Leider ist es nicht besser, wenn sie ihn nicht aufhat. Darunter sind nämlich ihre grauen, extrem spärlichen Haare versteckt, die zweifelsohne mit jedem ausgedienten Borstenpinsel in Konkurrenz treten könnten. Auch ihre Leibesfülle macht es nicht besser, oder die engen, in äußerst fragwürdigen Farben gehaltenen Kleider, die sie so liebt. Das heutige ist froschgrün und stellt somit beinahe Ranks Haare in den Schatten, die die gleiche Schattierung aufweisen.

»Marschieren – jawohl, Ma’am!«, kontere ich in meiner gerne angewandten, arroganten Version eines englischen Dukes, was die Schreckschraube nur leider gar nicht lustig findet. Doch das interessiert mich im Moment überhaupt nicht. Ich kann nur nach oben sehen zu Dylan, der sich jedoch abrupt abwendet und seiner Gruppe hinterher eilt.

»Was hat er denn?«, fragt Henry alarmiert.

»Er ist Lehrer und mit seinen Schülern hier«, erkläre ich ihr, was mir selbst, nach einem kurzen Schreck, gerade bewusst wurde.

»Und was sagst du ihm, wer wir sind?« Sie rümpft die Nase.

Ich kann nur mit den Schultern zucken. »Verwandtschaft? Weil die kann man sich ja bekanntlich nicht aussuchen.«

Wir lachen beide, doch Miss Resantal beweist nur erneut ihre Humorlosigkeit. »Aufschließen, oder wir machen uns sofort auf den Rückweg«, zischt sie uns nämlich gereizt zu, also unterdrücke ich das aufkommende Grinsen und ziehe nun meinerseits Henry mit mir weiter.

Dylans Gruppe ist bereits am Eingang der Festung angekommen, er selbst sieht immer wieder über seine Schulter zurück zu mir, was mein Herz jedes einzelne Mal hüpfen lässt. Natürlich ermahne ich mich wiederholt, daran zu denken, dass sein Interesse auch nur dem Umstand meines Auftauchens hier zu verdanken sein könnte. Dennoch habe ich die vage Hoffnung, er freut sich genauso über das Wiedersehen, wie ich.

Weil mir bewusst wird, dass es vorteilhaft wäre, wenn wir alle gleichzeitig die Führung durch die Ruine absolvieren könnten, dränge ich Henry zur Eile. Wir überholen die anderen sogar, nur bleibt mein Eifer am Ende anscheinend unbelohnt, denn als wir am Ticketschalter ankommen, sind Dylan und sein Gefolge bereits weg.

»Scheiße!«, stelle ich treffend fest und halte mir die Seite, die wegen der hastigen Aufholjagd von Seitenstechen gequält wird.

»Du bist ein Weichei«, zickt Henry liebevoll, dabei klingt sie nicht halb so außer Atem wie ich, was ich bedenklich finden sollte, immerhin ist sie um die zwanzig Jahre älter als ich. Sie eilt an mir vorbei zum Schalter und redet hektisch auf den armen Mann dahinter ein. »Miss Resantal«, verlangt sie danach eilig nach unserer Anstandsdame. »Die nächste Führung beginnt gleich. Wenn Sie die Güte haben, sich ein wenig zu beeilen, können wir noch mit.« Sie tritt elegant zur Seite und macht Frau mit Hut Platz, die etwas überrumpelt, jedoch bereitwillig unsere Tickets klarmacht.