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Nach einem Streit mit seinen Eltern finanziell auf sich gestellt, bewirbt sich Core bei der Agentur ›Your secret Wish‹ als Escort.
Unter dem Decknamen Storm erhält er bald seinen ersten Job: Aleksandar bucht ihn als Reisebegleiter für seinen Verlobten Gabriel.
Storm weiß nicht, was ihn erwartet, nur dass Gabriels Bedürfnisse befriedigt werden sollen und ihm dabei keine Grenzen gesetzt sind.
Aber was genau bedeutet das? Vor allem, da der junge Mann keinerlei Interesse an einem sexuellen Abenteuer zeigt?
Die Reise bringt es ans Licht und noch einiges mehr. Unerwartet schnell verweben sich die Lebensfäden der drei Männer ineinander.
Sie wieder zu entwirren, scheint unmöglich. Zumindest nicht, ohne dabei einen von ihnen zu zerreißen.
Die YOUR SECRET WISH - Reihe besteht aus in sich abgeschlossenen Romanen. In jedem Teil geht es um ein anderes Paar und es kann jedes Buch unabhängig von den anderen gelesen werden.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
YOUR SECRET WISH – Storm
© 2022/ Sam Jones
https://samjones.at
Alle Rechte vorbehalten!
Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung des Autors.
Umschlaggestaltung
Sam Jones/ Bilder: Shutterstock
Bildmaterial Buchlayout
Shutterstock
Lektorat/ Korrektorat
Ingrid Fuchs – Korrektorat Zeilenfuchs
Erschienen im Selbstverlag
Impressum
Sam Jones
c/o WirFinden.Es
Naß und Hellie GbR
Kirchgasse 19
65817 Eppstein
Dieser Roman wurde unter Berücksichtigung der neuen deutschen Rechtschreibung verfasst, lektoriert und korrigiert. Es handelt sich um eine fiktive Geschichte. Orte, Events, Markennamen und Organisationen werden in einem fiktiven Zusammenhang verwendet. Alle Handlungen und Personen sind frei erfunden. Alle Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Markennamen und Warenzeichen, die in diesem Buch verwendet werden, sind Eigentum ihrer rechtmäßigen Eigentümer.
Für alle, die nie aufhören, um und für die Liebe zu kämpfen!
Auf meiner Homepage (https://www.samjones.at/Meine-Buecher/Triggerwarnungen/) findet ihr etwaige Triggerhinweise. Diese sind für Menschen gedacht, die sensibel auf bestimmte Inhalte reagieren, vielleicht weil sie selbst bestimmte Traumata erlebt haben. Sie können aber Spoiler enthalten.
Nach einem Streit mit seinen Eltern finanziell auf sich gestellt, bewirbt sich Core bei der Agentur Your secret Wish als Escort. Unter dem Decknamen Storm erhält er bald seinen ersten Job: Aleksandar bucht ihn als Reisebegleiter für seinen Verlobten Gabriel.
Storm weiß nicht, was ihn erwartet, nur dass Gabriels Bedürfnisse befriedigt werden sollen und ihm dabei keine Grenzen gesetzt sind. Aber was genau bedeutet das? Vor allem, da der junge Mann keinerlei Interesse an einem sexuellen Abenteuer zeigt?
Die Reise bringt es ans Licht und noch einiges mehr. Unerwartet schnell verweben sich die Lebensfäden der drei Männer ineinander. Sie wieder zu entwirren, scheint unmöglich. Zumindest nicht, ohne dabei einen von ihnen zu zerreißen.
›Sie verlassen New Haven –
Wir freuen uns auf ein Wiedersehen!‹
»Mal sehen«, murmelte ich, als ich das Ortsschild passierte. Noch war ich mir nicht sicher, ob dieses Städtchen – denn das war es in meinen Augen, wenn ich es mit Manhattan verglich – einen weiteren Besuch wert war. Das würde sich in etwa zwanzig Minuten entscheiden, sobald ich dieses verdammte, auf dem Navibildschirm nervend blinkende Pünktchen erreicht hatte.
›Biegen Sie in hundert Yards links ab‹, befahl die Stimme des in der Mittelkonsole eingebauten Bordcomputers. Im Versuch, die Wand der wild tanzenden Schneeflocken da draußen visuell zu durchdringen, beugte ich mich etwas vor. Warum musste diese bescheuerte Wettertante aus dem Frühstücksfernsehen unbedingt recht behalten? Natürlich war das von ihr vorausgesagte Schneegestöber eingetreten, obwohl ich gut darauf hätte verzichten können. Wer brauchte schon ein vom Schneesturm beeinflusstes Verkehrschaos, wenn man ohnehin zu spät dran war?
Zwei Ampelphasen waren notwendig, ehe ich den gewünschten Richtungswechsel durchführen konnte. Das lag daran, dass jeder – auch ich – die Kurve im Schneckentempo nahm, da die rutschige Fahrbahn einfach nichts anderes zuließ.
›Folgen Sie dem Straßenverlauf für etwa neuneinhalb Meilen‹, teilte mir die Computerstimme in ihrem gleichbleibend freundlichen Tonfall mit. Sie ließ sich ihre gute Laune eben weder vom Wetter noch von nicht läutenden Weckern vermiesen, was meine eigene noch weiter dämpfte.
Diese verdammten Stromausfälle! Vielleicht sollte ich wirklich endlich auf die Weckfunktion meines Handys umsteigen, so wie es mir bereits einige Freunde empfohlen hatten? War wohl notwendig, denn so schnell würde sich meine Wohnsituation nicht ändern. Das war der Preis für meinen Wunsch, auf eigenen Beinen zu stehen. Ein Ausdruck, der natürlich nur bedingt den Tatsachen entsprach. Vielmehr war mir nichts anderes übrig geblieben, nachdem mein Sturkopf dafür gesorgt hatte, dass die finanzielle Unterstützung meiner Eltern abrupt versiegt war. Nach fünfundzwanzig Jahren in sorgenfreiem Leichtsinn hatten sich letztlich unsere unterschiedlichen Vorstellungen als unüberwindbare Hürde erwiesen. Mein Erzeuger sah meine Zukunft im Familienunternehmen, ich überall, nur nicht dort. Also war ich der elterlichen Umklammerung entflohen. Das Einzige, was ich mir mit dem bisschen Geld leisten konnte, das ich mit meinem Kellnerjob verdiente, war ein Zwei-Zimmer-Appartement in Queens. Leider legte mein Vermieter eher wenig Wert auf eine stabile elektrische Versorgung.
Ein hektischer Blick auf die Uhr zeigte, dass mir nur noch ein Wunder helfen konnte, um meinen Termin pünktlich einzuhalten. Alle bisherigen Kontakte zur ›YSW‹ hatten per Videochat oder Telefon stattgefunden. Aber heute ging es um den ersten richtigen Job und dazu hatte der Major – wie sich der Chef der Agentur nannte – ein persönliches Treffen erbeten.
Fluchend tastete ich mit der rechten Hand nach meinem Handy, das auf dem Beifahrersitz lag, statt in der dafür vorgesehenen Freisprecheinrichtung zu stecken, und riskierte schließlich einen Seitenblick. Ein Fehler, wie sich rasch herausstellte, denn das Auto geriet prompt aus der Spur und ins Rutschen.
»Fuck!« Der Schreck ließ meinen Herzschlag einen Zahn zulegen. Okay, dann musste es eben ohne Anruf gehen. Der Major würde mir schon nicht den Kopf abreißen. Schließlich ging es um einen Job als Escort und nicht um die Ernennung zum Vorstandsmitglied.
Fünfunddreißig Minuten später brannten meine Augen vor Anstrengung, mich bei dem Scheißwetter auf der schlecht geräumten Straße zu halten. Entsprechend groß war meine Erleichterung, als endlich die mit Holz überdachte Gitterfachwerkbrücke auftauchte. Sie sah genauso aus, wie ich sie mir laut der Wegbeschreibung vorgestellt hatte. Die Autoreifen verursachten ein ratterndes Geräusch, als ich vorsichtig über die Holzbretter fuhr.
Unmittelbar nach der Brücke entdeckte ich den vom Wald fast gänzlich verborgenen Weg, den mir der Major beschrieben hatte. Die ersten hundert Meter führten durch unberührten Schnee, nur die rechts und links gepflanzten Bäume zeigten mir, wo ich zu fahren hatte. Umso größer war meine Überraschung, als nach einer zweiten, allerdings viel kleineren Holzbrücke der Weg als asphaltierte und vor allem geräumte, rutschfreie Zufahrt weiterführte.
Die nun folgende Strecke konnte ich etwas rascher zurücklegen, und endlich kam das Haus in Sicht. Wobei der Begriff Haus eine absolute Untertreibung war. Es glich eher einem Schloss – allerdings einem ohne Türme und sonstigem märchenhaften Schnickschnack. Kaum hatte ich den Gedanken zu Ende geführt, fiel mir jedoch ein, woran es mich wirklich erinnerte. An eines dieser englischen Herrenhäuser aus den Filmen oder Serien, die mein Ex-Freund Brad so gerne gesehen hatte. Er war ein Romantiker durch und durch. Noch heute kam mir nachträglich das Kotzen, wenn ich an die Stunden dachte, die ich seine Leidenschaft vermeintlich zufrieden geteilt hatte, nur um mal wieder an seinen Schwanz zu kommen.
Die Zufahrt endete direkt vor einer breiten Treppe, die zu dem beeindruckenden Eingang führte. Ich hielt den Wagen unmittelbar davor und versuchte, nicht allzu eingeschüchtert zu wirken, während ich ausstieg. Mit fünf großen Schritten überwand ich die Stufen, dabei suchte ich den Bereich um die zweiflügelige Tür erfolglos nach einer Türglocke ab. Also wagte ich oben angekommen, einen Blick durch das von gusseisernen Streben geschützte Fenster in der Mitte der Tür. Erschrocken zuckte ich zusammen, als sich diese zeitgleich öffnete.
»Hi«, sagte ich automatisch und schaffte sogar ein freundliches Lächeln, das jedoch von meinem Gegenüber in keiner Weise erwidert wurde. Furchtbar ernst und irgendwie auch sauer sah der Typ aus, der die Tür zwar weiter öffnete, den Eingang aber gleichzeitig mit seinem Körper verdeckte. Einem äußerst attraktiven Exemplar sogar. Ein heißer Bodybuilder im prüden Anzug, war mein passender Gedanke zu diesem Auftreten.
»Ich habe einen Termin beim Major«, ergänzte ich meine knappe Begrüßung, darauf hoffend, dass das mein Losungswort darstellen würde. Tat es nicht, zumindest meinte ich das aus dem eher ausdruckslosen Blick zu lesen, der mich traf. Mausgraue Augen in einem ansonsten wirklich hübschen Gesicht musterten mich durch eine schwarz umrahmte Brille. Die passte, ähnlich wie der Anzug, auf fast lächerliche Art nicht zum Gesamtbild des jungen Mannes. Genauso wenig wie die nasale Stimme, die jetzt erklang: »Und du bist …?«
»Core Eriksson«, stellte ich mich vor und streckte ihm gleichzeitig die Hand entgegen. »Der Major hat mich herbestellt. Leider hatte ich nicht mit dem Dreckswetter gerechnet, deswegen bin ich ein bisschen spät dran.«
Meine Hand geflissentlich ignorierend blickte er stattdessen auf die Uhr an seinem Handgelenk, ehe seine Augen mich wieder einfingen, um mich stumm zu mustern.
»Also. Kann ich jetzt reinkommen?« Ich kam mir vor wie ein Idiot, außerdem fror ich, weil mein Mantel im Wagen lag, wo ich ihn in der Aufregung vergessen hatte.
Nun ließ der Typ sich doch herab, mit mir zu sprechen. Natürlich in einem vorwurfsvollen, belehrenden Ton. »Termine werden bei uns sehr ernst genommen.«
»Sagte ich nicht schon, dass es mir leidtut?«, konnte ich mir nicht verbeißen.
»Nein.« Seine Stirn teilte sich in Falten. »Ich hab keine Entschuldigung gehört.«
Der Typ sah nicht aus, als wäre er ein Diener, nur dieser komische Anzug ließ irgendwie darauf schließen. Die etwas arrogante Art, mit der er sprach, zählte für mich eher als Indiz dagegen. »Okay. Also: Ich entschuldige mich für mein Zuspätkommen und dass der Major deswegen auf mich warten musste. Was er übrigens noch länger tun wird, wenn du mich nicht bald reinlässt.«
»Und das ist mein Problem, weil …?«
Wut kroch in mir hoch, doch dann erkannte ich endlich, was mir durch die Mischung aus Überraschung und Nervosität bisher entgangen war. Nämlich das unterdrückte Grinsen, das die vollen Lippen des Typens umspielte. »Du verarschst mich?«, entkam es mir ungläubig, wobei ich aber nicht verbergen konnte, dass ich im Grunde ebenfalls amüsiert war.
»Wir haben selten Besuch hier draußen, daher kann ich manchmal nicht widerstehen.« Nun brach die ernste Miene des anderen endgültig, ehe er zur Seite trat. »Also, Core Eriksson, herein mit dir.«
»Verrätst du mir jetzt auch, wer du bist?«, fragte ich, während ich mich an ihm vorbeischob.
»Barkley.«
»Echt? Ist das nicht ein furchtbar altmodischer Name für so einen jungen Typen?«
»Ich wette, Core ist die Abkürzung eines furchtbar trendigen und modischen Namens«, folgte prompt die Retourkutsche.
»Er kommt von Corentin und nein, der ist nicht besonders modern. Allerdings kann ja keiner was für seinen Namen, denn den sucht man sich selten selbst aus.«
Barkley würdigte meinen Einwand mit einem kurzen Nicken, kam dann aber wieder aufs Wesentliche zurück. »Da du keine Jacke trägst, erübrigt sich die Frage, ob du ablegen willst. Denn die restlichen Klamotten willst du ja anbehalten, oder?« Jetzt lag ein Hauch Anzüglichkeit in seiner Stimme, auf die ich mit einem Schmunzeln reagierte. »Noch, ja.«
»Okay. Dann folge mir bitte. Rouven erwartet dich bereits.« Er drehte ab und eilte durch den weitläufigen Eingangsbereich davon. Während ich ihm eilig folgte, sah ich mich um. Drei zweiflügelige Glastüren gingen von dem großen, quadratischen Raum ab. Die, an der Wand gegenüber des Eingangs und somit jene, die wir wohl ansteuerten, war jedoch die Einzige, hinter der keine Dunkelheit herrschte. Im Bemühen, Barkley einzuholen, beschleunigte ich meine Schritte und schaffte es so, unmittelbar nach ihm durch besagte Tür zu treten. Dahinter lag eine breite Treppe, die im Halbkreis in den ersten Stock führte.
»Du sagtest eben Rouven, nicht Major. Ich dachte, so will er nicht genannt werden?«, erkundigte ich mich, während wir nach oben stiegen. Diese Erfahrung hatte ich bei unserem zweiten Videochat gemacht. Nach einer intensiven Internetrecherche war ich in der irrtümlichen Annahme gewesen, das Insiderwissen, was den wahren Namen des Majors betraf, könnte mir Vorteile bringen.
»Ich darf ihn so nennen, du nicht«, erwiderte Barkley bestimmt.
»Ah. Okay. Und warum? Wer bist du eigentlich? Sein Partner, oder wie?«
Mich traf ein taxierender Blick, den er mir über seine Schulter zuwarf. »Meine Loyalität gehört Rouven, mehr musst du nicht wissen.«
»Schon gut.« Ich hob lächelnd die Hände zu einer besänftigenden Geste, was seine Miene entspannte, ehe er sich wieder nach vorn wandte. »Sorry. Aber wir sprechen hier nicht so gerne über Privates.«
»Ich meinte, ob du sein geschäftlicher Partner bist. Das andere wäre ja eher ungewöhnlich.«
»Und warum das?«
»Weil der Major doch älter ist. Oder? Zumindest dachte ich …« Meine Erklärung wurde jäh unterbrochen, als ich hart gegen Barkley prallte, der abrupt stehen geblieben war.
»Du wirst nicht fürs Denken bezahlt.« Mit einem Mal klang er so ernst, wie er anfangs an der Tür gewirkt hatte.
»Hey. Schon gut. Sorry, Mann«, gab ich mich eingeschüchtert, was ich in Wahrheit auch ein wenig war.
Kurz starrte er mich an, dann wandte er sich kopfschüttelnd ab und ich folgte ihm erneut – dieses Mal mit respektvollem Abstand.
Oben an der Treppe ging es weiter einen schmalen Flur entlang. Er war mit einem dicken, weinroten Teppich ausgelegt, der den Klang unserer Schritte buchstäblich verschluckte. An der Wand hingen dunkle Bilder. Fotografien in Schwarz-Weiß, auf denen erst beim genauen Hinsehen nackte Körper zu erkennen waren. Nicht alle waren männlich, aber die meisten davon.
»Wir sind da.« Barkleys Stimme lenkte meine Aufmerksamkeit zurück auf ihn, beziehungsweise auf die schwere Holztür, vor der wir nun anhielten. Er legte seine Hand an den Türknauf. »Stell keine blöden Fragen, ja?« Er wirkte nun wieder freundlich.
»Ich werde mich benehmen. Versprochen.« Es klang nicht so scherzhaft, wie ich es ursprünglich formulieren hatte wollen, doch im Nachhinein erschien mir das sogar gut. Vielleicht sollte ich mich darauf konzentrieren, warum ich hier war? Nämlich, um einen Job zu bekommen.
Ohne ein weiteres Wort öffnete Barkley die Tür – Anklopfen lag hier wohl nicht hoch im Kurs – und hielt sie anschließend für mich auf. »Hier ist Mr. Eriksson für dich, Major.«
»Soll reinkommen.« Die Freundlichkeit in der Stimme ließ mich weiter entspannen, trotzdem nahm ich noch einen tiefen Atemzug, ehe ich eintrat.
»Willkommen, mein Lieber. Komm doch näher!« Die Stimme des Majors kam mir tiefer und rauer vor als am Telefon oder über Video. Während ich seiner Aufforderung nachkam, fragte ich mich, ob das wohl damit zusammenhing, dass ich ihren Klang automatisch dem Aussehen meines Gegenübers zuordnete. Und das war, jetzt wo ich ihm von Angesicht zu Angesicht gegenüberstand, um ein Vielfaches faszinierender als zuvor.
Bereits bei unseren Videochats hatte ich seine für sein Alter ungewöhnliche Attraktivität bemerkt. Doch, gepaart mit der deutlich spürbaren geheimnisvollen Aura, musste ich diese Meinung erweitern. Er war eindeutig einer der gutaussehendsten Männer, die ich bisher kennenlernen durfte. Und das, obwohl ich grundsätzlich nicht auf Glatzen stand, schon gar nicht in Verbindung mit Bärten. Für mich verkörperte dieser Modetrend ein Paradoxon. Wenn oben keine Haare mehr wuchsen, züchtete man(n) sie stattdessen im Gesicht? Oder wie war dieses Phänomen zu verstehen?
Dennoch musste ich zugeben, dass dem Major dieser Trend außerordentlich gut stand. Seine Oberlippe zierte ein schmaler Schnurrbart, von dem rechts und links des Mundes dünne Ausläufer nach unten führten. Diese endeten in einem akkurat gestutzten Kinnbart, der eine Art Muster aufwies, das an das Fell eines Leoparden erinnerte.
»Freut mich, Sie endlich persönlich kennenzulernen.« Lächelnd streckte ich ihm meine Rechte zum Gruß entgegen und wir schüttelten uns die Hände. Die seinen waren äußerst gepflegt und fühlten sich weicher an, als ich es von Männerhänden gewohnt war. Doch wie der von mir eher nicht bevorzugte Haar- und Barttrend passte auch das zu ihm. Genauso wie die zarten, weißgoldenen Ohrringe, die er trug.
Er deutete auf den Stuhl, der dem seinen gegenüberstand. »Nimm bitte Platz.« Beide waren ausladend und wirkten extrem bequem. Ein Eindruck, der sich bestätigte, kaum, dass ich meinen knackigen Arsch darauf platziert hatte. Ich kam mir ein wenig underdressed vor mit meinen Jeans, dem weißen Hemd und dem eher legeren senffarbenen Jackett. Wenigstens hatte ich mich für meine neuen Lederstiefel entschieden, die ausnehmend gut zu dem beigen Mantel passten, den ich heute gewählt hatte. Leider nützte mir das nichts, denn den hatte ich ja im Auto vergessen.
Der Major stützte die Ellenbogen auf die Seitenlehnen und legte seine Fingerspitzen aneinander, um sein Kinn darauf zu stützen. Er war tadellos gekleidet, trug einen nachtblauen Anzug, dem anzusehen war, dass er nicht von der Stange stammte. »Und das Sie kannst du weglassen. Alle in der Agentur duzen sich. Außerdem nennen wir uns nur bei unseren Nicknamen. Für dich habe ich schon einen entsprechenden Vorschlag. Und jetzt wo ich dich live vor mir sehe, kann ich nur sagen: Er passt sogar noch besser als gedacht.«
»Nicknamen? Ah, verstehe, soll ja alles anonym ablaufen.« Ich lächelte. Oft genug hatte er diesen Umstand in unseren Vorgesprächen erwähnt.
»Das auch. Vor allem hat mir die Erfahrung der letzten Jahre gezeigt, dass es einfacher ist, in eine Rolle zu schlüpfen, wenn man ihr einen Namen gibt. Also versuche, deinen Nicknamen anzunehmen. Er wird dich hoffentlich eine Weile begleiten.«
»Und warum kann ich mir keinen aussuchen?« Die Idee eines falschen Namens klang cool, trotzdem bevorzugte ich es, solche Dinge selbst zu entscheiden.
»Deine Augen sind eisblau mit einem grauen Schimmer darin … nein … warte … er ist Silber … Sie sind wahnsinnig anziehend.«
»Danke für das Kompliment, aber was hat das mit dem Namen zu tun?«
»Storm.«
»Hmm?«
»Storm. Denn das ist doch die Bedeutung deines Namens, oder? Ich habe ihn gegoogelt, weil er so ungewöhnlich ist. Corentin steht für Sturm. Und genau daran muss ich denken, wenn ich dir in die Augen sehe. An einen Sturm. Voller Gefühle – voller Energie. Du wirst fantastisch ankommen bei deinem Kunden.«
Meine Augenbrauen zusammenziehend überdachte ich kurz die Erklärung des Majors. Verdammt, sie traf tatsächlich auf mich zu. Zumindest was die letzten paar Monate anging. Davor war ich praktisch willenlos durch mein Leben getrieben. Auf der Suche oder eher auf der Flucht.
»Klingt ganz gut«, gab ich zu.
Der Major löste seine Hände und lehnte sich zurück, sein Blick blieb dabei unverwandt auf mich gerichtet. Er hatte außergewöhnlich dichte, lange Wimpern. Für einen Moment vermutete ich, sie könnten falsch sein, doch das revidierte ich rasch. Sie waren echt – auf jeden Fall.
»Bevor wir zum eigentlichen Thema kommen, möchte ich dich noch etwas fragen. Es ist sehr persönlich. Sag also bitte, wenn du nicht antworten möchtest. Allerdings wäre es mir schon wichtig, dich in dieser Hinsicht richtig einordnen zu können.«
»Dann schieß los.« Um es mir ein wenig gemütlicher zu machen, ließ ich mich entspannt rückwärts gegen die hohe Lehne sinken.
»Warum willst du diesen Job? Meine Angestellten sind normalerweise aus finanziellen Gründen daran interessiert. Zum Beispiel, um schnell an gutes Geld zu kommen. Das ist in deinem Fall ja eher nicht notwendig.«
Ich fühlte mich ertappt, ließ meine Zunge über meine Lippen huschen, die plötzlich furchtbar trocken geworden waren. »Ich hab einen Job als Kellner in einem heruntergekommenen Diner in Queens. Wieso meinst du, ich wäre nicht auf das Geld …«
»Nicht lügen, Storm. Das mag ich nicht!« Die rechte Augenbraue des Majors, ebenso akkurat gestylt wie sein Bart, wanderte hoch. Zum Glück tat es ihr einer seiner Mundwinkel gleich. Für mich ein Zeichen, dass seine Verstimmung – sofern vorhanden – nicht besonders ausgeprägt war.
»Ich lüge nicht«, versicherte ich, denn das entsprach der Wahrheit – zumindest soweit es mich persönlich betraf –, doch natürlich bedurfte es eines Zusatzes. »Ich möchte von meinen Eltern unabhängig sein. Das ist mir wichtig.« Mehr musste er nicht wissen.
»Wichtig genug, um dafür deinen Körper zu verkaufen?« Noch immer umspielte der spöttische Zug die Lippen des Majors.
»Du sagtest in unseren bisherigen Gesprächen, dass ich entscheiden kann, wie weit ich in Bezug auf Sex gehe. Dass die Aufträge von mir nur angenommen werden müssen, wenn das Angebot für mich passt.«
»Das stimmt auch. Aber meine Agentur heißt ›Your Secret Wish‹ und dir ist sicher klar, dass einige Wünsche beziehungsweise Fantasien meiner Kunden zumindest teilweise mit Sex zu tun haben.«
»Natürlich. Und ich liebe Sex. Wenn du mir also nicht gerade den Glöckner von Notre Dame vor die Nase setzt, sollte das kein Problem darstellen.«
Der Major rieb sich mit der linken Hand über den Mund, eine Geste, hinter der er wohl seine Skepsis zu verstecken versuchte. »Hast du Probleme mit Menschen, die Behinderungen haben?«
Diese Frage überraschte mich, doch dann erkannte ich, dass er meine unbedachte Aussage von eben anscheinend falsch interpretiert hatte. »Überhaupt nicht«, beeilte ich mich, ihm zu versichern. »Das ist nur so ein blöder Spruch. Also, das mit dem Glöckner. Ich war sogar mal mit einem aus, der hatte nur ein Bein.«
Sein folgendes Nicken wirkte verhalten. »Dieser Auftrag, den ich dir heute anbieten möchte, verlangt Einfühlungsvermögen. Ich hatte dich anhand unserer Chats eigentlich als passend eingeschätzt.«
»Das bin ich. Ich bin nur nervös. Da macht sich mein verdammtes Mundwerk gerne selbstständig.« Ich spürte, wie sich meine Wangen erhitzten. Seit Wochen wartete ich nun darauf, endlich das erste Mal zum Einsatz zu kommen, und diese Chance wollte ich mir auf keinen Fall versauen.
»Okay. Sieh mal.« Eine Akte landete auf dem Tisch, der zwischen uns stand.
Ich nahm sie an mich und schlug sie auf. Das Bild eines Mannes – schätzungsweise in meinem Alter – sprang mir entgegen. Schüchtern, niedlich, Bottom. Diese drei Worte schossen mir sofort in den Sinn.
»Sein Name ist Gabriel. Wenn du den Job annimmst, wirst du ihn kommenden Montag in Springfield abholen. Und zwar mit einem Wohnmobil. Ihr werden gemeinsam nach Memphis fahren.«
»Okay?« Abwartend blickte ich in die amüsierten Augen des Majors.
»Sein Lebenspartner erwartet euch dort.«
Diese Ergänzung erleuchtete mich nicht. Sein Schmunzeln verriet, dass ihm das nicht verborgen blieb.
»Aleks – was übrigens die Kurzform von Aleksandar ist – wünscht sich Gesellschaft für Gabriel. Und dieser sind keine Grenzen gesetzt.«
Verwundert runzelte ich die Stirn. »Er will, dass wir Sex haben?«
»Wenn ihr das möchtet.«
»Haben die eine offene Beziehung, oder was?«
»Nein. Sie leben grundsätzlich monogam.« Sein Lächeln wich nicht, trotzdem kehrte ein gewisser Ernst in seinen Blick zurück.
»Ähm, kommt da noch mehr, oder wird das so ein Frage-Antwort-Spiel?«
»Aleks wünscht, dass du möglichst unvoreingenommen auf Gabriel zugehst. Herausfindest, was er braucht und sich wünscht. Denn das muss nicht unbedingt das Gleiche sein.«
»Ja, aber ich sollte doch wissen, was er von mir erwartet, oder?«
Der Major seufzte. »Der Auftrag lautet, jemanden zu finden, der Gabriel auf dieser Reise begleitet und dabei auf eine sehr einfühlsame Weise für ihn da ist.«
»Und ihn fickt. Zumindest falls er das wünscht.« Eine Idee leuchtete in mir auf und drängte meine bisher anhaltende Verblüffung zur Seite. »Sind Kameras in dem Wohnmobil? Geilt sich dieser Aleks dran auf, uns zuzusehen? Das ist es, oder?«
»Wenn du das unter einfühlsam verstehst, bist du doch nicht der Richtige.« Enttäuschung färbte die Stimme des Majors dunkel, was mir sofort ein schlechtes Gewissen bescherte.
»Ich hinterfrage nur gerne Dinge, das heißt nicht, dass ich nicht empathisch bin.«
»Storm.« Mir gefiel es immer besser, wenn er mich bei diesem Namen nannte. »Das hier ist kein Schmierentheater. Meine Kunden wünschen sich die Erfüllung ihrer Träume, aber nicht in der Form, dass ihnen etwas vorgespielt wird.«
»Du hast vorhin davon gesprochen, in eine Rolle zu schlüpfen, jetzt sagst du, die Kunden möchten nichts vorgespielt bekommen?«
»Eine Rolle kann auch etwas sein, das man vielleicht sogar tief in sich spürt«, lautete die geheimnisvolle Erwiderung. »Es ist meine Aufgabe, die richtigen Puzzlestücke zusammenzusetzen, damit das perfekte Bild entsteht. Euch zu führen, natürlich nur im indirekten Sinn und das, ohne euren Willen zu beeinflussen.«
»Also soll ich selbst rausbekommen, was von mir erwartet wird?«
»So ist es.«
»Eigentlich weiß ich das ganz gerne im Vorhinein.«
»Wirklich?« Seine Mundwinkel zuckten. »Und ich dachte, du hast genug davon, dass dir jemand vorschreibt, wie dein Leben aussehen soll. Dass du Rätsel liebst. Und zwar solche, die möglichst unlösbar erscheinen. Hier ist deine Chance. Sieh es als Abenteuer. Die Reise ist nur der Anfang. Danach bist du noch für einen Monat gebucht.«
»Als was?«
»Das wird sich ergeben. Du wirst sehen.«
»Aber ich möchte nichts falsch machen.«
»Das ist das Coole daran. Es gibt kein richtig oder falsch.«
»Verfluchte Dreckskarre!« Mein Herz pumpte die von leichter Angst geschwängerte Nervosität durch meine Venen, während ich versuche, keines der mich umgebenden Autos zu Schrott zu fahren. »Das kannst du vergessen, Major. Mit diesem Ding lande ich höchstens im nächsten Graben, aber sicher nicht in Memphis«, brüllte ich in die Freisprecheinrichtung.
»Okay. Bleib ruhig.« Die entspannte, etwas amüsiert wirkende Art, in der mir mein Chef antwortete, zeigte, dass er meinen Aufstand mit Humor nahm. »Ich hab da jemanden in deiner Nähe. Er kann euch chauffieren.«
»Was?«
»Was was?«, fragte er zurück.
»Warte mal!« Erneut fluchend – nun allerdings leise – schaffte ich es, das verdammte Wohnmobil, das die Dimension eines Kreuzfahrtschiffes hatte, an den Straßenrand zu lenken. Erleichterung durchflutete mich, nachdem ich den Motor abgewürgt hatte. Ich atmete tief durch, um diese auf meinen gesamten Körper zu übertragen. Was eindeutig zu lange dauerte, zumindest zeigte mir das die ungeduldige Nachfrage, die kurz darauf aus dem Telefon tönte.
»Storm? Bist du noch da?«
»Ja.« Ich schnappte mir das Handy aus der Halterung, um es direkt an mein Ohr zu halten. »Ich muss nur zu Atem kommen.« Es gelang mir nicht gänzlich, meine Wut zu unterdrücken, dabei galt sie eigentlich mir und nicht dem Major. Wie so oft in meinem Leben drohte ich an meiner eigenen Selbstüberschätzung zu scheitern. Wie schwer konnte es sein, so ein Wohnmobil zu fahren?, war meine Überlegung gewesen. Die Wirklichkeit hatte mich eingeholt, kaum, dass ich den Parkplatz des Händlers verlassen hatte.
»Es ist okay«, beruhigte mich der Major, anscheinend war ihm bewusst, welchem Umstand meine Unzufriedenheit entsprang. »Ich hatte die Idee mit dem Chauffeur bereits zuvor ins Auge gefasst. Immerhin sollt ihr euch ja kennenlernen und Zeit miteinander verbringen – Gabriel und du. Was schwierig werden könnte, wenn du hinter dem Steuer sitzt.«
Das klang logisch und vor allem entspannte es mich ungemein, weil ich mir so nicht wie ein unzulänglicher Vollidiot vorkommen musste. »Klingt perfekt.«
»Gut. Schick mir deinen Standort. Francesco wird in spätestens dreißig Minuten bei dir sein.«
»Francesco?«, wiederholte ich erstaunt.
»Euer Chauffeur.«
»Und der ist so auf Abruf bereit?«
»Klar.«
»Okay?«, gab ich mich skeptisch. »Das klingt ja fast zu gut, um wahr zu sein.«
Ein angenehm weiches Lachen erklang. »Willkommen bei ›Your secret Wish‹, wo sogar die geheimen Wünsche der Angestellten in Erfüllung gehen.«
Neunundzwanzig Minuten später öffnete sich die Tür des Wohnmobils. »Jemand da?«
»Hier«, rief ich zurück und rappelte mich gleichzeitig vom Bett hoch, auf dem ich es mir zwischenzeitlich gemütlich gemacht hatte. Nur ein paar Sekunden später erschien ein Gesicht mit einem strahlenden Lächeln in der Tür zum Schlafzimmer. Es gab übrigens zwei davon. Sie lagen im hinteren Teil und waren durch einen schmalen Gang voneinander getrennt. Eine Wohltat, falls Gabriel schnarchte oder ich mir einen runterholen wollte. Dabei war mir Privatsphäre nämlich tatsächlich wichtig.
Der Kontrast zwischen den blendend weißen Zähnen und der Hautfarbe des Typen war grotesk auffällig. Offensichtlich hatte er Latino-Gene, dank denen er trotz des anhaltenden Winters einen sonnengebräunten Teint besaß, der schon fast unwirklich wirkte.
»Der Major schickt mich.« Sein Akzent bestätigte meine Vermutung endgültig. Müsste ich wetten, würde ich auf Brasilien setzen. Aus dem Inhalt seiner Aussage zog ich außerdem so meine Schlüsse. Das klang so, als würde er ständig irgendwelche Typen für den Major aufgabeln. Was wahrscheinlich sogar zutraf.
»Dann musst du Francesco sein?« Ich bemühte mich ebenfalls um ein freundliches Lächeln.
Seines wurde noch breiter. »Ja, oder Franco, wenn dir das lieber ist. Und du Storm?«
»So ist es. Der Typ, der zu blöd ist, ein Wohnmobil zu fahren.« Verschmitzt grinsend zwinkerte ich ihm zu.
»Jeder hat eben andere Talente.«
»Cool. Und deines ist das Navigieren von Schlachtschiffen auf vier Rädern?«
»Dieses Modell hat sechs Räder«, korrigierte er mich schmunzelnd.
»Ein Grund mehr für mich, das Ruder an dich zu übergeben.« Ich streckte ihm kurzerhand meine Hand entgegen. »Freut mich, dich kennenzulernen.« Das tat es tatsächlich. Er war äußerst attraktiv!
»Mich auch.«
»Wir sollten los. Du willst schließlich nicht zu spät kommen, oder?«
Für meinen Geschmack ließ er meine Hand zu schnell wieder los. Ein erstes Indiz, dass er hetero war, was Enttäuschung in mir hervorrief. Nur war ich eher nicht für vorschnelles Aufgeben bekannt, weshalb ich beschloss, nicht gleich die Flinte ins Korn zu werfen. »Ich setz mich zu dir nach vorne, wenn es dich nicht stört.«
Seine rechte Augenbraue wanderte hoch. Sie war sorgfältig in Form gezupft, was jedoch nichts heißen musste. Das Wort metrosexuell fiel mir ein. Hetenjungs, die sich genauso pflegten, wie wir queeres Völkchen es taten. »Wenn du möchtest, gerne«, erwiderte er, seine offensichtliche Skepsis oder eher Verwunderung nur schlecht kaschierend.
»Warum klingst du so überrascht?«, erkundigte ich mich.
»Sorry. Ich hatte nur irgendwie nicht damit gerechnet, dass du so … ich weiß auch nicht … entgegenkommend bist.«
»Sondern womit? Dass ich mich hier hinten dem Luxus ergebe, während du den Chauffeur gibst?«
»Ich bin der Chauffeur.« Nun grinste er, was ihm außergewöhnlich gut stand.
»Und ich der Callboy. Ist es das?« Dieser Gedanke war abrupt in mir aufgestiegen, doch seine Verblüffung nach meiner Aussage war zu echt, um gespielt zu sein.
»Nein. Also, natürlich weiß ich, was der Major für Geschäfte betreibt. Aber ich würde mir niemals anmaßen, darüber zu urteilen. Oder über dich.«
Das klang nicht nur ehrlich, ich spürte tief in mir, dass es das auch war. »Entschuldige. Warum fangen wir nicht noch mal von vorne an. Also …« Ich legte meinen Kopf ein wenig schräg, weil ich um die übliche Wirkung dieser Geste wusste. »Ich würde liebend gerne bei dir vorne im Cockpit sitzen. Schon alleine, um zu sehen, wie man mit diesem Ding richtig fährt.«
»Ich freue mich über deine Gesellschaft.« Sofort ging er auf meinen verspielten Tonfall ein.
»Na dann los.«
Gabriel stand schon vor der Tür des Appartementhauses, als wir dort eintrafen. Ein jammervoller Anblick – was sich eher auf seine vor Kälte schlotternde Gestalt bezog als auf sein Aussehen. Das war nämlich noch viel süßer, als das Bild in den Unterlagen des Majors hatte vermuten lassen.
»Wie alt ist der denn? Ich hoffe, wir machen hier nichts Illegales?« Francos Scherz klang nur bedingt wie einer. Zum Glück konnte ich ihn beruhigen. »Er ist fünfundzwanzig. So wie ich.«
»Dir nehm ich das ab, aber ihm? Mal ehrlich. Der Kleine sieht aus, als hätte er erst vor ein paar Tagen die Highschool abgeschlossen.«
»Wie alt bist du eigentlich?« Wir hatten uns auf dem Weg hierher gut unterhalten. Unsere persönlichen Daten waren bisher jedoch kein Thema gewesen.
»Vierunddreißig.«
»Ein Methusalem«, witzelte ich.
»Hör auf, mich zu ärgern, und hol lieber unseren Gast an Bord. Bevor er erfriert.«
Zehn Minuten und eine kurze, eher oberflächlich gehaltene Begrüßung später starteten wir unsere Fahrt. Ein wenig bedauerte ich, dass Franco nun allein die Fahrerkanzel besetzte, während Gabriel und ich hinten im sogenannten Salon Platz nahmen. Diese Bezeichnung klang etwas übertrieben, doch nur für jemanden, der nie in diesem Ding gewesen war. Der glänzende Holzfußboden und die exakt dazu passende Wandvertäfelung waren nur das Tüpfelchen auf dem I – wie mein Vater es nennen würde. Die Ausstattung war so erlesen, dass ich das Gefühl bekam, wir befänden uns in einem fahrenden Luxusappartement.
Nur unser neuer Mitfahrer fand offensichtlich keinen Gefallen daran. Genau so wenig, wie er auch nur die Spur von Begeisterung für mich und/oder die gemeinsame Fahrt aufzubringen schien. Mit hängenden Schultern und immer noch vor Kälte bibbernd hatte er sich in einen von zwei bequemen Ledersesseln gekauert, die gegenüber der breiten Couch standen, auf der ich saß.
Ich hatte uns in der luxuriös ausgestatteten Küche des Wohnmobils Tee gekocht. Der Geschmack erinnerte mich an Weihnachten und an meinen letzten Skiurlaub, den ich in Aspen verbracht hatte. In einem Haus, das ähnlich exquisit eingerichtet gewesen war, wie dieses fahrende Luxusmodell, das für die nächsten Tage unser Heim sein würde.
»Und du heißt Storm?«
Überrascht davon, Gabriels Stimme zu hören, sah ich auf. Seine haselnussbraunen Augen musterten mich schüchtern. Kurz war ich versucht, ihm meinen echten Namen zu verraten, unterließ es aber – vor allem auch deshalb, weil der nicht mal halb so cool klang. Auf der Fahrt hierher hatte ich, neben meiner Unterhaltung mit Franco, artig die Anweisungen von diesem Aleks – meinem Auftraggeber – gelesen. Ich wusste somit, was der sich von mir wünschte, nur hatte ich noch keinen richtigen Plan, wie ich das umsetzen sollte. Nähe aufzubauen war wichtig, dennoch versuchte ich, die Worte des Majors ebenso korrekt zu interpretieren. Es war sicher besser, gewisse Grenzen zu wahren. Immerhin handelte es sich um einen Job. Nicht mehr und nicht weniger.
»Ja. Und du Gabriel. Möchtest du auch so genannt werden?« Es erschien mir der richtige Zeitpunkt, ein bisschen persönlicher zu werden.
»Meine Freunde sagen Gabe.«
Ich war verwundert, wie verhalten er mir das mitteilte. Als handelte es sich um ein Geheimnis. Trotzdem durchströmte mich das Gefühl, er hätte gerne, dass ich ihn ebenfalls so nenne. Nur, dass es unklug wäre, so plump vorzugehen.
»Dann hoffe ich, wir werden auch welche«, sagte ich stattdessen.
Ein schüchternes Lächeln umspielte seine Lippen. »Das wäre schön. Weißt du, eigentlich hab ich in Wahrheit kaum Freunde.« Eine leichte Röte breitete sich auf seinen Wangen aus, was meinen Eindruck nährte, dass die Worte ihm unabsichtlich entschlüpft waren.
Aus diesem Grund verzichtete ich darauf, hier nachzuhaken. Ich ahnte, dass es besser war, bei ihm behutsam vorzugehen. Er war hübsch. Sehr sogar. Seine brünetten, etwa schulterlangen Haare lagen in leichten Wellen recht wirr auf seinem Kopf. Die um eine Nuance helleren Strähnen darin wirkten nicht, als wären sie künstlich von Friseurhänden hineingezaubert worden. Ich wettete, im Sommer würden sie noch heller werden und im Sonnenlicht schimmern. Und ich war sicher, Gabes Haut würde eine olivfarbene Tönung bekommen.
Ein Lächeln stahl sich auf mein Gesicht, weil ich mir in Gedanken erlaubt hatte, seinen Spitznamen zu verwenden. Es fühlte sich richtig an. »Franco oder Francesco, je nachdem wie du ihn nennen möchtest …« Ich nickte mit dem Kinn Richtung Cockpit. »… wird uns übrigens den ganzen Weg fahren, weil ich zu blöd dafür bin.«
»Hast du einen Führerschein?«, erkundigte sich Gabe leise, sein Blick blieb unverwandt auf mir.
»Ja. Und ich habe auch versucht, dieses Schlachtschiff zu steuern. Ist nur nichts für mich.« Ich zuckte mit den Schultern, um ihm zu verdeutlichen, wie überrascht ich im Grunde davon war.
»Ich nicht. Also, ich meine: Ich habe keinen Führerschein.«
Schmunzelnd beugte ich mich ein wenig in seine Richtung. »Und warum nicht?«
»Ist nichts für mich«, wiederholte er meine Worte von eben. Seine Mundwinkel zuckten dabei und ich musste ebenfalls grinsen. »Dann haben wir ja schon etwas gemeinsam.«
»Nicht ganz. Denn du fährst ja normalerweise Auto.«
»Ach?« Ich erlaubte mir ein kurzes Lachen. »Bist du so einer, der es immer ganz genau nimmt?«
Nun nickte er. Sah plötzlich sehr ernst aus, und mir wurde augenblicklich klar, dass es zutraf. Gabriel war ernsthaft. Er würde niemals etwas tun, das er nicht vollkommen durchdacht hatte. Und mit einem Mal wurde mir bewusst, was die Andeutung des Majors bedeutete.
›Aleks wünscht sich, dass du möglichst unvoreingenommen auf Gabriel zugehst. Herausfindest, was er braucht und sich wünscht. Denn das muss nicht unbedingt das Gleiche sein.‹, hörte ich die Wiederholung seiner Worte in Gedanken.
Das war also meine Aufgabe. Ich sollte diesen furchtbar ernsthaften, jungen Mann kennenlernen, um ihm dabei zu helfen, seine Wünsche und Bedürfnisse auf einen Nenner zu bringen. Denn er war einer, der sich niemals nach etwas sehnen würde, das nicht zu seinem Plan des Lebens passte. Egal, ob er es brauchte oder nicht.
»Ich versuche immer, das Richtige zu tun«, gab er zu. »Und um keine Fehler zu machen, bemühe ich mich, aufmerksam zuzuhören und mich an die Regeln zu halten.«
»Wir führen ein lockeres Gespräch, Gabriel. Da musst du nicht aufpassen, was du sagst. Lass los und genieß den Augenblick.« Mit einem Lächeln versuchte ich, meinen Worten Wärme zu verleihen.
»Das ist gerade nicht so einfach für mich.« Leise und unendlich traurig klang seine Stimme. »Ich weiß ja nicht, was dir dieser Major über uns erzählt hat, aber wir machen im Moment eine schwere Zeit durch. Aleks und ich.«
Das hatte ich tatsächlich aus den Andeutungen des Majors herausgehört, dennoch überraschte es mich, wie betroffen mich Gabriels Worte machten. Was vor allem daran lag, in welch gedrückter Art sie ausgesprochen worden waren. »Möchtest du drüber reden?«, fragte ich entsprechend sanft.
Er seufzte tief. »Nein. Aber danke, dass du gefragt hast.«
»Wir haben einige Tage Fahrt vor uns. Wenn du also deine Meinung änderst, bin ich da.«
»Danke.« Er löste den Blick von mir und gähnte übertrieben. »Das war eine kurze Nacht. Vielleicht hau ich mich einfach ein bisschen hin.«
»Tu das«, erwiderte ich prompt. »Ich hab es mir im linken Schlafzimmer gemütlich gemacht. Wenn das für dich in Ordnung ist.«
»Klar. Dann nehm ich das andere.« Ein tiefes Seufzen erklang. »Wo wird denn Francesco schlafen?«
Gute Frage, dachte ich, sah mich um. Die Couch bot auf jeden Fall ausreichend Platz, weshalb ich meinen Arm einladend darüber schwenkte. »Hier, nehm ich an.«
»Oh. Aber ist das bequem genug? Ich könnte ja hier übernachten. Ich bin sicher der Kleinste von uns.«
Und der, dessen Freund all das bezahlt, ergänzte ich in Gedanken. Diese Tatsache schloss ja wohl aus, dass er auch nur ein wenig des Luxus entbehren musste, den diese Riesenkarre hier bot.
»Das ist sicher nicht notwendig. Wenn überhaupt, werde ich mich mit Francesco abwechseln, was das Nachtlager angeht.« Oder er schläft bei mir im Bett, warf mein innerer Draufgänger ein. Diese Option erschien mir am vorteilhaftesten – immer vorausgesetzt, Franco besaß doch eine homosexuelle Ader und fand mich genauso attraktiv wie ich ihn. Wir mussten ja nicht ficken - zumindest nicht so laut, dass der süße, kleine Gabriel es mitbekam. Nur dass sexueller Spaß mit dem Chauffeur sicher nicht zu meinen Aufgaben in diesem Job gehörte. Wenn, dann sollte ich wohl den traurigen Gabriel beglücken, was mich – ehrlicherweise – ebenfalls nicht stören würde. Option drei war also, mit ihm das Bett zu teilen. Nur dass ich mir ziemlich sicher war, dass er das nicht wollen würde. Jetzt nicht, und wahrscheinlich sogar niemals.
»Das können wir ja später entscheiden.« Er erhob sich. Sein schlanker Körper hatte endlich aufgehört zu zittern. »Ich werde noch mit Aleks telefonieren. Ihm erzählen, wie nett du mich hier willkommen geheißen hast.«
»Hab ich das?« Mein Lächeln verrutschte etwas, weil ich mir tatsächlich nicht sicher war, ob ich hier gerade meinen Job gut machte.
»Klar. Ich finde dich sehr nett. Obwohl ich Aleks’ Idee anfangs für nicht so toll hielt, bin ich jetzt fast froh, dass ich die Fahrt nicht alleine machen muss.«
»Dann lass ihn unbekannterweise schön grüßen. Und schlaf gut.«
»Danke.« Er schenkte mir ein halbherziges Lächeln und entfernte sich in Richtung der Schlafräume.
Ich sah ihm hinterher und spürte eine Mischung aus Mitleid und Neugier in mir aufsteigen. Was ging nur in seinem Kopf vor? Ich würde es gerne wissen. Aber zuerst musste etwas anderes geklärt werden. Ich schnappte mir meinen Tee und begab mich zu Franco. Mal sehen, ob sich eine Lösung für das Schlafproblem ergab, wenn ich die richtigen Fragen stellte.
»Der Wohnwagen ist wirklich toll.« Und das Bett sehr bequem, ergänzte ich im Stillen. Was den Tatsachen entsprach. Obwohl die Bezeichnung Schlafkoje sicher passender war, denn die Matratze wurde an drei Seiten von der Wand eingegrenzt. Vor dem Bett standen ein Hocker und eine schmale Kommode. Sie dienten wohl dazu, um ein wenig von dem Eindruck abzulenken, das hier wäre ein Schlafwagenabteil.
»Wohnwagen?« Aleks’ wundervoll tiefes Lachen erklang. »Nur du kannst dieses Luxuswohnmobil Wohnwagen nennen.«
»Sorry.« Ich fühlte, wie mir die Röte in die Wangen stieg.
»Ach, Süßer. Du weißt, wie sehr ich es liebe, dass du immer sagst, was du denkst.«
»Ich sollte länger nachdenken, ehe ich spreche«, erwiderte ich, nicht ganz so scherzhaft, wie ich es gerne gehabt hätte. Trotz meines Versprechers fühlte ich mich jedoch nicht wirklich von Aleks herabgesetzt. Er liebte mich, das war mir klar. Und zwar genauso, wie ich eben war.
»Wie geht es dir?«
Seine Besorgnis um mich war offensichtlich. Was unpassender nicht sein konnte. Ich musste mich um ihn sorgen, doch das ließ er ja partout nicht zu.
»Gut. Und dir?« Wohl wissend, dass er meine Frage ohnehin nur oberflächlich beantworten würde, stellte ich sie dennoch.
»Dir geht es nicht gut. Zumindest hörst du dich nicht so an.«
Da war kein Vorwurf in seiner Stimme. Nur ehrliche Sorge. »Das Gleiche könnte ich dir antworten.«
»Und ich würde dir sagen, es ist mir viel wichtiger, dass es dir gut geht.«
»Wir drehen uns im Kreis.« Ich seufzte.
Seit Aleks vor drei Wochen in diese Spezialklinik – oder eher in das betreute Wohnheim – in Memphis verlegt worden war, liefen unsere Telefonate in etwa gleich ab. Wir logen uns gegenseitig vor, stark zu sein, obwohl wir gleichzeitig um diese Blendung wussten.
»Ich freue mich auf dich«, drang seine Stimme weich an mein Ohr.
»Wirklich?«
»Natürlich.« Nun war es an ihm zu seufzen. »Zweifle nicht daran. Dieser Abstand, den ich gebraucht habe, hat nichts mit dir zu tun. Der war nur dazu da, mein Schicksal zu akzeptieren.«
»Du meinst unser Schicksal?«
»Nein, mein süßer, kleiner Prinz. Ich hatte diesen Unfall. Weil ich zu schnell und zu waghalsig gefahren bin. Du hattest damit nichts zu tun. Ganz im Gegenteil. Ich weiß, wie sehr du es gehasst hast, wenn ich mit dem Bike unterwegs war.«
»Das mag stimmen, aber ich liebe dich, deshalb ist dein Leben auch das meine.«
»Dieser Meinung bin ich nicht.« Ein bestimmender Tonfall hatte sich in seine Stimme geschlichen. Was prinzipiell passierte, sobald ihm eine meiner Aussagen nicht gefiel. So viel zum Thema: Du weißt, wie sehr ich es liebe, dass du immer sagst, was du denkst.
»Warum sprechen wir nicht darüber, wenn ich bei dir bin?«, versuchte ich abzulenken. Meine Lust, mit ihm zu streiten war gering bis nicht vorhanden. Vor allem nicht telefonisch. Eigentlich ging ich Konfrontationen grundsätzlich lieber aus dem Weg. Eine Schwäche, zu der ich stand.
»Wo seid ihr denn schon? Seid ihr pünktlich weggekommen?«
»Keine Ahnung, wo wir sind. Auf einem Highway?«
»Es gibt einen eigenen Kanal, den du dir auf dem Fernseher ansehen kannst. Dort siehst du genau, wo ihr euch befindet.«
Sein Bemühen, mich abzulenken in allen Ehren, doch ich war im Moment keineswegs in Stimmung für solche Spielereien. »Mir ist ziemlich gleichgültig, wo wir sind. Hauptsache es ist der schnellste Weg zu dir.«
»Aber du sollst die Fahrt genießen.«
»Wozu?«
»Weil ich will, dass es dir gut geht.«
»Dann hättest du mir besser einen Flug spendiert, statt diesen überteuerten Reisebus hier zu chartern. Inklusive Chauffeur und Callboy.« Mein Ärger war mir deutlich anzuhören.
»Schmoll nicht, mein Süßer. Mach mir einfach die Freude und genieße die Fahrt. Ja?« Natürlich ging er nicht auf meine Provokation ein! Außerdem klang er so verdammt müde. So erledigt. Als würde jede Minute dieses Gespräches ihm ungemeine Kraft kosten.
»Aleks, das Einzige, was mir Freude machen kann, wäre dich so schnell wie möglich wiederzusehen.« Das konnte ich mir einfach nicht verbeißen. Er musste es hören, auch wenn er es lieber nicht würde.
»Wir sehen uns in einer Woche, Querida. Und bis dahin telefonieren wir, so oft es eben geht.«
Es war schön, ihn endlich wieder dieses Kosewort für mich verwenden zu hören. Liebling auf Spanisch, der Muttersprache meiner Mamá. Doch nicht einmal das konnte diese andere Enttäuschung in mir tilgen. Warum ging er nicht auf meine Worte ein? Wieso sprach er nicht mit mir über das Offensichtliche: Dass er mich mied oder zumindest gemieden hatte.
Seit diesem verdammten Anruf der Polizei hatte ich ihn nur einmal gesehen. Im Krankenhaus von Salem, in das ihn die Ambulanz unmittelbar nach dem Crash gebracht hatte. Blutüberströmt, mehr tot als lebendig. Bleich und schwach hatte er ausgesehen. In Unmengen von weißen Mull gehüllt, durch dessen Stoff sich das Blut fraß, das einfach nicht aufhören wollte zu fließen. Die Ärzte hatten ihm kaum Überlebenschancen eingeräumt, doch er hatte es geschafft. Nur eben nicht mit meiner Hilfe. Sein verdammter Anwalt hatte mich ferngehalten. So als wäre ich wirklich das schwache Schäfchen, das Aleks so gerne in mir sah. Armer, schützenswerter Gabriel. Ihn konnte man solch einer seelischen Belastung natürlich nicht aussetzen. Er musste behütet werden. Was für ein Schwachsinn? Warum verstand er nicht, dass er mich gerade dadurch verletzt hatte? Nicht bei ihm sein zu können, hatte nämlich mich beinahe umgebracht.
Das alles sagte ich ihm selbstverständlich nicht. Stattdessen wisperte ich: »Bis später. Ich liebe dich.« Dann legte ich auf.
Beim Erwachen aus meinem Schläfchen verspürte ich unsagbare Hitze. Das war es wohl auch, was mich geweckt hatte. Das Problem behob ich, indem ich mich mühsam aus der Decke schälte, in die ich mich, einem Burrito gleich, eingerollt hatte. Diese Eigenart fiel mir schwer abzulegen. Der Therapeut, den zu besuchen Aleks mich am Anfang unserer Beziehung liebevoll gezwungen hatte, war überzeugt, dies käme davon, dass ich während meiner Kindheit eine beinahe unnatürlich enge Bindung zu meinen Eltern gehabt hatte. Und als ich nach Boston an die Yale-Universität gegangen war, hätte mich der Verlust der Nestwärme in ein kleines Trauma geschleudert. Deshalb mein Zwang, eine gewisse Festigkeit um mich zu spüren, was sich dadurch zeigte, dass ich fehlende Nähe gerne mittels um mich geschlungenen Kleidungsstücke oder Decken kompensierte. Gut, so ganz von der Hand zu weisen, war diese Erklärung nicht. In puncto Umarmungen zu verteilen rangierte meine Familie sicher im absoluten Spitzenfeld.
›Man sucht nach dem, was einem fehlt‹, war eine der Weisheiten, die Dr. Schuhmann, wie er geheißen hatte, nahezu in jeder Sitzung von sich gegeben hatte. Leider war er nicht der Einzige gewesen, der sich dazu eine Meinung gebildet hatte.
Aleks hatte mit der seinen ebenfalls nicht hinter dem Berg gehalten. ›Du hast dich nie richtig von deiner Familie gelöst und dich so praktisch bei der Trennung von ihnen in den freien Fall begeben. Und wer keinen Halt im Leben besitzt, würde alles tun, um ihn zu erlangen. Aber ich will nicht dein einziger Halt sein – diese Verantwortung kann und will ich nicht übernehmen, mein Süßer!‹ In diesen, für ihn eher übertrieben schwulstig formulierten Worten hatte er es zusammengefasst, nachdem ich nach unserem ersten Streit praktisch zusammengebrochen war. Und mich zu der Therapie verdonnert, um die – wie er es nannte – unnatürliche Verlustangst in den Griff zu bekommen.
Betrachtete man den kleinen Stoffhaufen an meiner Seite, hatten die sündteuren Stunden bei Dr. Schuhmann jedoch nur bedingt Erfolg gebracht.
Seufzend rappelte ich mich hoch und streckte mich nach dem Fenster an der Seite, um es zu öffnen. Sofort strömte angenehm kühle Luft herein, was mich darauf brachte, zu prüfen, warum es hier drin überhaupt so warm war.
Ein Blick auf das neben der Tür angebrachte Thermometer inklusive Zeitanzeige schenkte mir zwei Erkenntnisse. Erstens hatte irgendjemand die Heizung hochgestellt und zweitens brauchte ich mich nicht zu wundern, dass mir der Magen knurrte. Es war mittlerweile dreizehn Uhr.
Als ich den Hauptraum betrat, stieg mir ein wundervoller Duft in die Nase. Storm stand, eine schwarze Schürze umgebunden, an der direkt hinter dem Cockpit liegenden Küchenzeile und rührte abwechselnd in einem Topf und einer Pfanne, von der sich eindeutig dieses traumhafte Aroma verbreitete.
»Wow. Das riecht fantastisch.« Ich blieb neben ihm stehen und begutachtete den Inhalt. »Spaghetti. Mmh.« Mein Magen teilte meine Begeisterung und machte mit einem leisen Knurren auf den Missstand aufmerksam, dass er seit gestern keine Nahrung erhalten hatte. Verlegen suchte ich Storms Blick, der mir, kaum eingefangen, signalisierte, dass ihm dieser Protest nicht entgangen war.
»Ist gleich fertig, Schlafmütze.« Er zwinkerte mir zu.
Unglaublich, wie schön seine Augen waren. Ihre Besonderheit war mir bereits vorher bei unserem Gespräch aufgefallen. Ein helles Blau, in dem ein aufregendes Funkeln wohnte. Eines, das Geheimnisse versprach, die man einfach lösen wollte.
Nur, dass es mich nicht interessieren durfte, wie gut er aussah! Ich würde bei Aleks’ Plan nicht mitspielen. Auf keinen Fall!
Trotz dieser Erkenntnis kostete es mich einige Anstrengung, mich davon loszureißen. Um mich abzulenken schlug ich vor, den Tisch zu decken.
