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Kurzbeschreibung:
Als nicht geouteter Homosexueller lebt Josh im Grunde nur für seinen Sohn und seine Bäckerei. Als ihm der mysteriöse Major, der Chef der Agentur Your secret Wish, einen lukrativen Auftrag in Aussicht stellt, ahnt er nicht, dass er sich dadurch die personifizierte Versuchung ins Haus holt.
Denn dieser Auftrag ist mit einer Bedingung verknüpft: Josh muss einen neuen Mitarbeiter einstellen, allerdings nach Wahl des Majors. Der entscheidet sich für den kürzlich auf Bewährung entlassenen Miles und damit ausgerechnet für jemanden, den Josh lieber von sich und vor allem seinem Sohn Caden fernhalten möchte. Aber das ist gar nicht so einfach, denn der geheimnisvolle Mann zieht ihn schneller in seinen Bann, als ihm lieb ist.
Doch auch Miles hat zu kämpfen. Mit seiner Vergangenheit, den Vorurteilen, die ihm seit der Entlassung ständig begegnen, und nicht zuletzt damit, dass sein vermeintlich heterosexueller Chef süßer als jede Schokolade ist.
Und über allem schwebt die Frage, wer hinter dem ominösen Auftrag an den Major steckt.
Auf wessen Wunsch hin sollten sich Miles und Josh kennenlernen?
Die YOUR SECRET WISH - Reihe besteht aus in sich abgeschlossenen Romanen. In jedem Teil geht es um ein anderes Paar und es kann jedes Buch unabhängig von den anderen gelesen werden.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
YOUR SECRET WISH – Chocolate
© 2022/ Sam Jones
https://samjones.at
Alle Rechte vorbehalten!
Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung des Autors.
Umschlaggestaltung:
Sam Jones/ Bilder: Shutterstock
Bildmaterial Buchlayout
Shutterstock
Lektorat/ Korrektorat
Korrektorat Zeilenfuchs
Erschienen im Selbstverlag
Impressum
Sam Jones
c/o WirFinden.Es
Naß und Hellie GbR
Kirchgasse 19
65817 Eppstein
Dieser Roman wurde unter Berücksichtigung der neuen deutschen Rechtschreibung verfasst, lektoriert und korrigiert. Es handelt sich um eine fiktive Geschichte. Orte, Events, Markennamen und Organisationen werden in einem fiktiven Zusammenhang verwendet. Alle Handlungen und Personen sind frei erfunden. Alle Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Markennamen und Warenzeichen, die in diesem Buch verwendet werden, sind Eigentum ihrer rechtmäßigen Eigentümer.
Für alle Fans des süßen Lebens!
Lasst euch von niemandem sagen, ihr dürft es nicht genießen!
Auf meiner Homepage (https://www.samjones.at/Meine-Buecher/Triggerwarnungen/) findet ihr etwaige Triggerhinweise. Dieser ist für Menschen gedacht, die sensibel auf bestimmte Inhalte reagieren, vielleicht weil sie selbst bestimmte Traumata erlebt haben. Sie können aber Spoiler enthalten.
Als nicht geouteter Homosexueller lebt Josh im Grunde nur für seinen Sohn und seine Bäckerei. Als ihm der mysteriöse Major, der Chef der Agentur Your secret Wish, einen lukrativen Auftrag in Aussicht stellt, ahnt er nicht, dass er sich dadurch die personifizierte Versuchung ins Haus holt.
Denn dieser Auftrag ist mit einer Bedingung verknüpft: Josh muss einen neuen Mitarbeiter einstellen, allerdings nach Wahl des Majors. Der entscheidet sich für den kürzlich auf Bewährung entlassenen Miles und damit ausgerechnet für jemanden, den Josh lieber von sich und vor allem seinem Sohn Caden fernhalten möchte. Aber das ist gar nicht so einfach, denn der geheimnisvolle Mann zieht ihn schneller in seinen Bann, als ihm lieb ist.
Doch auch Miles hat zu kämpfen. Mit seiner Vergangenheit, den Vorurteilen, die ihm seit der Entlassung ständig begegnen, und nicht zuletzt damit, dass sein vermeintlich heterosexueller Chef süßer als jede Schokolade ist.
Und über allem schwebt die Frage, wer hinter dem ominösen Auftrag an den Major steckt. Auf wessen Wunsch hin sollten sich Miles und Josh kennenlernen?
Kapitel 1
»Und achte bitte darauf, dass die Creme nicht vom Deckel des Kartons eingedrückt wird. Schließlich soll es nett aussehen. Du weißt, wie pingelig die Damen des Bowlingvereins sind.« Vera verdrehte die Augen, während sie mich mit einem schiefen Lächeln bedachte.
Als ob sie nicht genauso pingelig ist, dachte ich still. Laut würde ich das jedoch niemals sagen. Bei der momentanen Auftragslage konnte ich froh sein, dass ich über eine zwar kleine, aber äußerst treue Gruppe von Stammkunden verfügte.
»Ich gebe mir Mühe«, erwiderte ich höflich, während ich das letzte der achtzehn Tortenstücke gewissenhaft und vor allem sehr vorsichtig in die vorbereitete Schachtel schichtete.
Vera gehörte definitiv zu meinen Lieblingskundinnen. Ihre Schokoladesucht und Beziehungen zu den unterschiedlichsten Clubs in der Gegend brachten mir regelmäßig Aufträge ein, die ich äußerst dringend benötigte, um mich und meine Bäckerei über Wasser zu halten. Dementsprechend breit war das Lächeln, das ich aufsetzte, als ich mich schließlich aufrichtete.
»Und könntest du mir den Schriftzug bitte extra einpacken, ja? Ich werde ihn dann dort auf der Platte mit den Törtchen platzieren.« Sie war ein Mensch, der aus dem Bauch heraus lächelte, wie es Brianne, meine leider bereits verstorbene Wahl-Grandma immer genannt hatte.
»Natürlich. Das mache ich.«
Eigentlich war es nicht nötig, mich auf so etwas hinzuweisen. Solche Dinge waren für mich eine Selbstverständlichkeit. Es lag schließlich in meinem Interesse, dass alles so perfekt wie möglich am Ziel ankam.
Besagter Schriftzug, ›Marbels-Bowling Elf‹, war aus drei verschiedenen Schokoladen gefertigt. Aus dunkler, weißer und rosa – genannt Ruby-Schokolade. Um ihn bestmöglich zu schonen, würde ich ihn in Seidenpapier eingeschlagen und einen eigenen Karton verwenden.
»Choco war wirklich ein grandioser Einfall.« Vera streckte sich ein wenig, damit sie über den Rand der Vitrine hinweg auf den kleinen Elfen blicken konnte, der den Schriftzug veredelte. Er hatte spitze Ohren, die gleichzeitig die Nummer Elf darstellten, was die Anzahl der Bowlingclubmitglieder symbolisierte. Das Kerlchen war meine Idee gewesen, als Vera vor etwa einem Jahr bei mir eine Jubiläumstorte zum zehnjährigen Bestehen des Clubs geordert hatte. Als Überraschung hatte ich die niedliche Figur aus Schokolade kreiert, die daraufhin einstimmig zum Clubmaskottchen gekürt worden war.
»Er passt einfach wunderbar«, stimmte ich zu. Mittlerweile zierte er nicht nur die Bowlinguniformen, er war sogar in Form eines Tattoos auf dem Busen der Vorsitzenden Mrs. Roberts verewigt. Was ich leider selbst bewundern hatte dürfen, als sie einmal mit Vera vorbeigekommen war. Ein Anblick, den ich mir gerne erspart hätte, da besagte Brust die Größe einer Wassermelone besessen hatte, aber nicht deren Festigkeit.
Doch es war nicht nur Dankbarkeit, die ich für Vera oder andere meiner Kundinnen empfand, sondern echte Zuneigung, die der einer Freundschaft ähnelte. Weil sie mich durch die Liebe zu meinen süßen Kreationen ein Teil ihres Lebens werden ließen. Okay, sie waren vielleicht ein wenig verrückt, doch viel mehr wog ihre Freundlichkeit und Herzlichkeit. Was machte es da schon, dass ich für regelmäßige Umarmungen herhalten musste? Das gehörte bei Briannes Quelque Chose de Doux, meiner Bakery, zum Service.
»So, Vera.« Ich schloss den Karton, stapelte die beiden Schachteln übereinander, schlang routiniert ein Band darum und knotete es am Ende fest. Der so entstandene Tragegriff würde ihr mehr Bequemlichkeit beim Transport verschaffen. Diesen Trick hatte ich mir aus dem Internet abgeschaut. Es sah nett aus und war außerdem zweckmäßig.
»Ich danke dir vielmals, mein Lieber.« Sie schenkte mir ein mädchenhaftes Lächeln, das die etwa Sechzigjährige automatisch um zwanzig Jahre jünger aussehen ließ. Ein Geldschein wanderte über die Verkaufstheke, während sich Vera streckte, um das Paket erreichen zu können. »Wir werden an dich denken, wenn wir es uns schmecken lassen.«
»Du bekommst noch fünfzehn Dollar zurück«, wandte ich ein, obwohl ich im Grunde wusste, was sie darauf erwidern würde.
Sie enttäuschte mich nicht. »Behalte den Rest. Kauf dem Kleinen was Schönes.«
Damit war Caden, mein zwölfjähriger Sohn, gemeint. Früher hatte er gerne Zeit hier bei mir im Geschäft verbracht und so natürlich auch viele meiner Kunden kennengelernt. Und die meisten von ihnen hatten sich in ihn verliebt. In den niedlichen, ständig lächelnden Jungen, der mittlerweile nur leider gar nicht mehr so niedlich war. Ganz abgesehen davon, dass er auch kaum noch lächelte. Zumindest nicht in meiner Gegenwart.
»Vielen Dank«, sagte ich ein wenig verlegen. Obwohl ich es gewohnt war, von Vera Trinkgeld zu bekommen, war das schließlich keine Selbstverständlichkeit.
»Man sieht ihn gar nicht mehr so oft. Hat wohl andere Dinge im Kopf, jetzt, wo er fast ein Teenager ist.« Sie lächelte verständnisvoll.
Das fiel mir schon schwerer. Wenn ich nur wüsste, was in dem blonden Lockenkopf meines Sohnes vorging!
»Wir waren ja alle mal jung«, stellte ich fest.
Sie lachte. »Aber du bist doch noch jung.«
»Und du jung geblieben.« Mein Kompliment zauberte eine sanfte Röte auf ihre Wangen und einen glücklichen Glanz in ihre Augen.
»Ich wünsche dir noch einen wunderschönen Tag.« Sie zog das Paket vom Pult, schenkte mir ein letztes Lächeln und verließ den Laden.
Das Glöckchen über dem Eingang bimmelte zu ihrem Abschied, machte aber ohne Unterlass weiter, weil sofort die nächsten Kunden hereinkamen.
Mein Blick fing die Neuankömmlinge ein. Der Unterschied zwischen Vera und den beiden eintretenden Männern hätte gravierender nicht sein können.
Ihre Aura eilt ihnen voraus, deklarierte ich in meinen Gedanken, denn genau das traf zu. Ihre Anwesenheit war in einer Intensität spürbar, die mir Gänsehaut bescherte. Gleichzeitig wurde ich von der Vorfreude erfüllt, sie kennenzulernen. Anders ließ sich das Gefühl nicht beschreiben.
All das lag nicht nur an der tadellosen Kleidung, die, meiner Meinung nach, von Armani oder einem ähnlichen Label stammte. Beide Männer trugen Anzüge und lange, offenstehende Mäntel. Für einen Moment sah ich richtiggehend vor mir, wie sie diese Oberbekleidung zur Seite schoben und beidhändig Gewehre hervorzogen.
Würde zu Chicago passen, dachte ich amüsiert. Nur dass das nicht zu ihnen passen würde. Eleganz und Ruhe waren die Eigenschaften, die ich ihnen zuordnete. Schlichte Schönheit, die nichts mit dem Aussehen zu tun hatte. Eher damit, welches Gefühl sie vermittelten.
»Willkommen bei Briannes Quelque Chose de Doux«, begrüßte ich sie mit ausgesuchter Höflichkeit. Das Lächeln, das meine Lippen formte, kam automatisch.
»Guten Tag.« Es war der jüngere der beiden, der antwortete. Er bewegte sich, wie antrainiert, immer einen Hauch hinter dem anderen. Ganz so, als wäre es für ihn ein absolutes Muss, ihm den Vortritt zu lassen. Seine Miene war ernst, aber freundlich.
»Guten Tag.« Die Stimme des zweiten Mannes ging mir durch und durch, und zwar im positiven Sinn. Sie war melodiös und dennoch von einer angenehmen Tiefe.
»Was kann ich für Sie tun?« Ich straffte mich ein bisschen, um größer zu wirken, da ich trotz meiner eins fünfundachtzig das Gefühl hatte, die beiden würden mich überragen. Was stimmte, wenngleich nicht in dem Maß, dass es ungewöhnlich gewesen wäre.
»Mr. Reed ist Besitzer eines … sagen wir mal exklusiven Clubs«, erklärte der Jüngere. Er rieb seine Handflächen aneinander. »Sie wurden uns empfohlen, deshalb sind wir hier.« Mit einer beiläufigen Bewegung wich er ein minimales Stück zur Seite, was seinen Begleiter – wie ich jetzt wusste, Mr. Reed – in den Fokus rückte.
Dieser spiegelte mein Lächeln, als wäre es ihm die reinste Freude, mir gegenüberzustehen. »Ich liebe es, meine Kunden zu überraschen. Man könnte fast sagen, ich kann nicht anders, als das regelmäßig zu tun. Mein Club feiert in wenigen Wochen Geburtstag. Es wird ein riesiges Fest geben und ich würde Sie gerne mit dem Dessert-Catering beauftragen.« Seine Lippen kräuselten sich für einen Moment, ehe das Lächeln sie wieder glättete. »Ich stelle mir Pralinen vor. Verziert mit dem Logo des Clubs, außerdem eine eigens für uns kreierte Torte. Beides sollte von Geschmack und Aussehen unsere exquisite Note widerspiegeln.«
»Sehr gerne.« Das war genau mein Ding, weshalb ich mich schon jetzt auf diesen Auftrag freute. »Dazu müsste ich allerdings einiges über Ihren Club erfahren.«
»Mein Name ist Rouven Reed. Aber ich werde Major genannt.« Der Clubbesitzer streckte mir seine für einen Mann äußerst feingliedrige Hand entgegen, die ich sofort ergriff.
Die Weichheit seiner Haut war auffällig. Genauso wie die Tatsache, dass seine Nägel länger waren als üblich. Außerdem hatten sie eine Maniküre genossen und waren mit leichtem Goldglanz überzogen. »Darf ich Sie Josh nennen? Oder bevorzugen Sie Joshua?«
»Josh ist okay«, erwiderte ich automatisch, fragte mich gleichzeitig, woher er meinen Namen wusste. Dann wurde mir klar, dass er mit Sicherheit jemand war, der sorgfältig den Hintergrund eines Unternehmens beleuchtete, ehe er es beauftragte.
»Also, Josh.« Er sah sich um und nickte in Richtung des der Verkaufstheke am nächsten stehenden Tisches. »Vielleicht könnten wir das Ganze bei einer Tasse Kaffee besprechen.«
Eine Stunde später rauchte mir der Kopf, trotzdem war ich regelrecht euphorisch, was diesen Auftrag anging. Rouven – der Major – war ein ausgesprochen angenehmer Gesprächspartner und Kunde. Weil er genau wusste, was er wollte, dies aber im Gegensatz zu vielen anderen auch in Worte fassen konnte. Mir schwirrten bereits zahlreiche Ideen durch den Kopf und am liebsten hätte ich sofort damit begonnen, sie weiterzuspinnen.
»Dann sind wir uns also einig?« Die Frage war rhetorisch, denn er müsste blind sein, wenn er meine Begeisterung noch nicht bemerkt hatte. Was definitiv nicht zutraf – seine Aufmerksamkeit war allgegenwärtig.
»Wie viele Mitarbeiter hast du, Josh?« Der Major strich mit der Unterseite des Löffels über den Rand der Tasse, was ein leises, klirrendes Geräusch erzeugte.
»Nur mich.«
Meine Erwiderung schien ihn nicht zu erstaunen, trotzdem konnte ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass ihm diese Tatsache missfiel. Was zutraf, wie seine folgenden Worte bewiesen.
»Und du denkst nicht, dass es sinnvoll wäre, jemanden einzustellen? Wenn ich mit deiner Leistung zufrieden bin … und ich bin sicher, dass ich das sein werde … könnten sich rasch Folgeaufträge ergeben. Zu meiner Klientel zählen zahlreiche Geschäftskunden. Der eine oder andere wird dich ebenfalls buchen wollen.«
»Buchen?«, entkam es mir, worauf Barkley – inzwischen wusste ich auch den Namen meines zweiten Besuchers – leise lachte, ehe er mit amüsiertem Tonfall anmerkte: »Das ist vielleicht nicht der richtige Ausdruck. Wobei man ein Catering schon bucht, wenn ich mich nicht irre.«
»Dir Aufträge zukommen lassen«, korrigierte sich der Major, warf aber seinem Begleiter gleichzeitig einen genervten Blick zu. Er war es offensichtlich nicht gewohnt, kritisiert zu werden, und ich spürte instinktiv, dass er Barkleys Bemerkung derart auffasste.
Um Zeit zu gewinnen, blies ich erst mal die Luft aus. »Ich weiß nicht recht, ob Catering für mich das Richtige ist«, musste ich zugeben. »Ich habe nicht mal einen Führerschein.«
Die linke Augenbraue des Majors zuckte hoch. Sie war akkurat in Form gezupft und, wenn ich nicht irrte, zusätzlich nachgefärbt. Im gleichen mahagonifarbenen Ton wie sein etwa eineinhalb Zentimeter kurzes Haar. »Wie das?«, entkam es ihm, sein Erstaunen kaum kaschierend.
»Darüber möchte ich nicht sprechen. Aber ich finde auf jeden Fall jemanden, der euch beliefert. Ich habe da einen Kontakt, den ich ab und zu …« ein Grinsen stahl sich auf mein Gesicht. »… buche.«
»Wenn wir noch mal auf die Möglichkeit zurückkommen, dass ich dir einige Aufträge vermitteln könnte, solltest du eventuell darüber nachdenken, eine Hilfe einzustellen.« Er bemühte sich, es so klingen zu lassen, als wäre ihm der Gedanke spontan gekommen. Nur, dass ich ihm das nicht abnahm.
»Und hättest du da jemanden im Sinn?«, erkundigte ich mich unschuldig, obwohl in meinem Hinterkopf bereits die Gewissheit pochte, worauf das hier hinauslaufen würde.
»Wenn du schon fragst.« Er grinste. Schien mir zeigen zu wollen, dass er mich genauso durchschaute, wie ich es offensichtlich bei ihm getan hatte.
»Ich kann mir nur keinen Angestellten leisten. Zumindest im Moment.« Das war eine Tatsache, die er unbedingt kennen musste.
»Ich könnte das Gehalt der ersten beiden Monate übernehmen. Als Entgegenkommen meinerseits. So ist dir geholfen und ich brauche mir keine Gedanken zu machen, ob du etwaige zukünftige Buchungen stemmen kannst.«
Die Betonung des Wortes ließ meine Mundwinkel zucken. Normalerweise würden bei so einem Angebot alle meine Alarmglocken schrillen. Dass sie diesmal schwiegen wie friedliche Lämmchen, wunderte mich zwar, überraschte mich aber doch weniger, als es sollte. Der Major betrog oder linkte nicht. Dessen war ich mir einfach sicher.
»Um wen geht es? Ein Verwandter von dir?«, erkundigte ich mich, nun wirklich neugierig geworden.
»Nein. Wo denkst du hin?« Er lachte auf. Es klang genauso angenehm wie seine Stimme, wenn er sprach. Es hatte etwas Bezauberndes, wie er agierte. Egal, wie offensichtlich manipulativ es war. »Ich kenne nur jemanden, der jemanden kennt …«
Mein Blick fing seine langen, eindeutig getuschten Wimpern ein, als er mir zuzwinkerte.
»Sagen wir mal, du hilfst mir dabei, einen Wunsch zu erfüllen.«
Kapitel 2
Rasselnd glitten die Gittertüren zur Seite und gaben mir den Weg zurück in die Welt frei. Der Beamte nickte mir zu – freundlicher, als ich es jemals zuvor bei einem von diesen Robotern gesehen hatte.
Noch fühlte ich mich nicht bereit, in ein Leben zurückzukehren, das ich in Wahrheit nicht mehr kannte. Die Jahre im Gefängnis hatten mich gelehrt, welchen Vorteil es brachte, die Vergangenheit hinter einem Nebel der Vergessenheit zu verbergen. Eine Schutzmaßnahme, ohne die ich nicht zurechtkam. Die ich benötigt hatte, um die Angst in den Griff zu bekommen, die meinen Alltag seit meinem ersten Tag in Haft gefüllt hatte.
Blinzelnd blickte ich hoch in die Sonne. Freute mich für einen Moment darüber, wie sie die Haut meines Gesichtes streichelte. Es fühlte sich anders an. Besser. Immerhin war es vier Jahre her, dass ich sie zuletzt in Freiheit gespürt hatte.
»Miles Williams?« Die tastende und gleichzeitig gelangweilt klingende Stimme ließ mich meinen Blick wieder senken.
Vor mir stand ein grimmig dreinsehender Mann, der mir kaum bis zum Kinn reichte. Dafür war er etwa zweimal so breit wie ich. Wobei diese Masse vom Fettanteil seines Körpers beigesteuert wurde, nicht von Muskeln, wie bei mir. Ein Vorteil, den meine Haftstrafe gebracht hatte: Was meinen Körperbau anbetraf, war der Unterschied zu früher geradezu himmelschreiend groß.
»Ja«, lautete meine knappe Antwort. Bei diesem Typen konnte es sich nur um meinen Bewährungshelfer handeln. Wer sonst sollte mich abholen? Da gab es niemand. Schon seit Ewigkeiten nicht mehr!
Mein letzter Verwandter, der, ganz nebenbei bemerkt, an meiner Inhaftierung die Schuld getragen hatte, war vor zwei Jahren verstorben. Harvey James, mein Erzeuger, mit dem ich nicht einmal den Nachnamen geteilt hatte, weil ich zwar bei ihm aufgewachsen, aber nach meiner Mutter benannt worden war.
Der Name stellte das Einzige dar, was diese Schlampe mir je gegeben hatte. Sie hatte mich fünf Tage nach meiner Geburt vor der Haustür meines Erzeugers abgelegt. Gleich neben der Sonntagszeitung – so hatte er es mir immer erzählt. Und er hatte sich meiner angenommen – wenn auch widerstrebend.
Trotzdem waren die ersten Jahre unseres gemeinsamen Lebens verhältnismäßig gut verlaufen. Zumindest bis er beschlossen hatte, seine damals noch kleinen Drogengeschäfte im großen Stil abzuwickeln.
»Ich bin Ihr Bewährungshelfer. Da drüben steht mein Wagen«, erklärte mir mein Ein-Mann-Willkommenskomitee knapp und deutete mit dem Kopf über die rechte Schulter hinter sich.
Seinem Hinweis mit dem Blick folgend, entdeckte ich eine schwarze Stretchlimousine mit getönten Scheiben, was mir Überraschung auf die Miene zauberte.
Der Typ wandte sich ebenfalls um und stieß ein raues Lachen aus, das einen unangenehmen Touch von Verächtlichkeit trug. »Es ist der Chevy«, erklärte er, als wäre meine Annahme, ich würde mit einem Luxusschlitten abgeholt werden, völlig irre. Was sie ehrlicherweise auch war.
Die Limo wirkte derart deplatziert, dass es schon fast etwas Komödiantisches hatte. Vor allem, weil besagter – ebenso schwarzer, aber komplett verrosteter – Chevrolet, der rechts neben ihr stand, wie eine Karikatur davon aussah. Die Limousine glänzte in der Sonne, während der Chevy staubbehaftet war. Das weckte in mir den Eindruck, er würde schon länger hier parken.
Das ungeduldige »Können wir dann los?« meines Bewährungshelfers ließ mich meine Nachfrage diesbezüglich schlucken. War doch ohnehin egal, mit welcher Karre ich abgeholt wurde.
»Wollen Sie mir nicht Ihren Namen nennen?«, fragte ich stattdessen. Selbst ein ehemaliger Knastbruder wie ich verdiente ein paar Umgangsformen, und dazu gehörte, sich vorzustellen.
»Wir können uns auf der Fahrt unterhalten!« Mehr als diese knappe Antwort bekam ich nicht, ehe er das Auto ansteuerte.
Mein Blick glitt ein weiteres Mal zu der Limousine, hinter deren getönten Scheiben wahrscheinlich gar niemand saß.
Mir meine Tasche greifend, ging ich ebenfalls los, wobei mich das Gefühl nicht losließ, dass da doch jemand im Wagen saß. Und dass derjenige mich beobachtete.
»Hereinspaziert, Prinzessin.« Sterling – ich wusste mittlerweile seinen Namen – warf mir einen seiner überheblichen Blicke zu, während er mir die Tür zu dem heruntergekommensten Apartmenthaus aufhielt, das ich je gesehen hatte. Daraus, wie sehr ihn meine Homosexualität amüsierte, machte er absolut keinen Hehl. Schon seit wir das Gelände des Gefängnisses hinter uns gelassen hatten, folgte eine Stichelei der anderen.
Woher er meine sexuelle Orientierung kannte, war mir nicht bekannt, aber im Grunde war es mir auch egal. Ich hatte noch nie ein Geheimnis daraus gemacht.
Bis jetzt hatte ich nicht auf seine Anmerkungen reagiert und hatte es auch weiter nicht vor.
»Sieht nett aus.« Eine Spur Sarkasmus konnte ich mir beim besten Willen nicht verbeißen. Dafür war das Gefühl zu präsent, mich in einem kitschigen, klischeehaften B-Movie zu befinden.
Ein penetranter Gestank schlug mir entgegen, als ich eintrat. Es war eine Mischung aus abgestandener Luft, billigem Parfum und kaltem Zigarettenrauch.
»Es ist kaum an dir, Ansprüche zu stellen«, blaffte Sterling mich an. Wie schon einige Male zuvor, missfiel es ihm eindeutig, dass ich nicht auf seine Provokationen einging.
Ich blieb dennoch bei meinem Kurs. »Natürlich nicht.« Von diesem homophoben Idioten ließ ich mich sicher nicht zu etwas verleiten, das meine Bewährung gefährden könnte. Ich hatte nicht vor, jemals wieder ins Gefängnis zu gehen. Dieses Versprechen an mich selbst würde ich auf keinen Fall brechen.
»Ich werde stichprobenartig kontrollieren, ob du deinen Verpflichtungen nachkommst. Das passiert selbstverständlich unangemeldet und zu jeder Tages- und Nachtzeit.« Sterling bedachte mich mit einem genervten Blick. »Du bist also besser hier oder zumindest erreichbar, wenn ich das mache.«
»Ich besitze kein Handy«, erklärte ich ihm, obwohl er das eigentlich wissen sollte.
»Jetzt schon«, parierte er überheblich, griff in seine Hosentasche und nur einen Moment später landete ein altmodisches Mobiltelefon in meinen Händen. Es war von einem Ladekabel umwickelt, das an einem Ende so abgeknickt war, dass ich an seiner Funktionalität zweifelte.
Auch wenn ich die letzten siebenundvierzig Monate weggesperrt gewesen war, erkannte ich, dass dieses Modell mehrere Jahre auf dem Buckel hatte.
»Danke«, murmelte ich, unsicher, was ich von all dem halten sollte. Freundlichkeit gehörte mit Sicherheit nicht zu Sterlings Persönlichkeit, was diese Geste etwas undurchschaubar erscheinen ließ.
»Es ist von einem Freund. Ein Geschenk.«
Ich nahm die Erklärung hin, ersparte mir jede Nachfrage, die von ihm ohnehin ignoriert werden würde. Das hatten mir die vorangegangenen Versuche gezeigt. Stattdessen nickte ich.
»Das hier ist Rosa.«
Seiner Handbewegung folgend erblickte ich eine korpulente, vom Alter her undefinierbare Frau. Sie konnte dreißig oder fünfzig sein. Die dicke, fast maskenhaft aufgetragene Schicht Make-up machte eine Einordnung unmöglich. Sie saß in einer durch Glas von uns abgetrennten Koje, die anscheinend die Rezeption darstellte. Ihre Miene war neutral, jedoch weit davon entfernt, als freundlich durchzugehen. Die blasse Haut stand im krassen Gegensatz zu ihren feuerroten – und sicher nicht von Natur aus so gewachsenen – Haaren.
»Hier sind die Hausregeln.« Sie schob ein Blatt Papier durch einen Schlitz in der Mitte der Trennwand, vor der ein Bord angebracht war. Das Holz war genauso abgenutzt wie die restliche Einrichtung, was jedoch perfekt zum allgemeinen Zustand des Gebäudes passte. Von den Wänden bröckelte der Putz und die Türen wirkten, als würden sie nicht mal einem Lüftchen standhalten, geschweige denn einem ernsthaften Versuch, hier einzudringen. Natürlich war die Frage, ob hier überhaupt irgendjemand hereinwollte. Ich sicher nicht, nur blieb mir nichts anderes übrig.
Verhalten schmunzelnd schnappte ich mir das Schreiben. »Es wird mir eine Freude sein, sie zu studieren.«
Ein Schlüssel folgte dem Blatt Papier. »Dein Zimmer ist im vierten Stock. Der Lift ist kaputt.« Sie gönnte mir ein falsches Lächeln. »Leider.«
»Schon okay. Bis ich mir ein Fitness-Center leisten kann, brauche ich ohnehin jedes Training, das ich bekommen kann.«
Mein ernst gemeinter Einwand prallte an den beiden ab, als wäre er nicht ausgesprochen worden. Was mich ärgerte, doch daran musste ich mich wohl gewöhnen. So war das eben, wenn man zum Abschaum der Gesellschaft gehörte. Man verlor seine Stimme, seinen Wert und vor allem seine Würde.
Sterlings Handy piepste und er zog es heraus, um die eingegangene Nachricht zu prüfen. Rosa hatte ihre Aufmerksamkeit bereits zurück auf ihr Klatschmagazin gelenkt.
»Dann bring ich mal meine Sachen nach oben«, teilte ich der Allgemeinheit trotzdem mit und zu meiner Verwunderung bekam ich sogar eine Rückmeldung.
»Warte mal.« Sterling warf erst einen prüfenden Blick auf seine Armbanduhr, ehe er wieder mich ansah. Genervt, aber längst nicht mehr so abweisend, wie das bisher der Fall gewesen war. »Wenn du willst, fahr ich dich zu deiner neuen Arbeitsstätte. Liegt auf meinem Weg«, schlug er vor, sogar in einem nahezu freundlichen Ton.
Und obwohl mit ihm Zeit zu verbringen das Letzte war, was auf meiner Wunschliste stand, sagte ich zu.
Ich hatte nicht damit gerechnet, dass Sterling mir bei dem Termin die Hand halten würde, damit, praktisch aus dem Wagen geschmissen zu werden, aber auch nicht. Ohne Abschiedswort oder einer entsprechenden Geste brauste er davon, kaum dass ich meinen Arsch aus dem Auto geschoben hatte. Ich wartete ab, bis er aus meinem Sichtfeld verschwunden war, dann schickte ich ihm meinen Abschiedsgruß hinterher: den gestreckten Mittelfinger.
Danach verschaffte ich mir fürs Erste einen Überblick. Auf dem Formular, das mir Sterling vorhin im Auto übergeben hatte, war der Betrieb vermerkt, in dem ich ab sofort tätig sein würde, und dessen Adresse. Wofür ich äußerst dankbar war, weil weit und breit kein Firmenschild oder etwas Ähnliches zu entdecken war, auf dem der Name zu lesen gewesen wäre. Briannes Quelque Chose de Doux – was auch immer das bedeutet.
Ich warf erneut einen Blick auf das Papier in meiner Hand, verglich die Hausnummer darauf mit der, die vor mir an der Mauer stand und schüttelte entnervt den Kopf. Dieser griesgrämige Arsch hatte mich doch tatsächlich falsch abgesetzt. Ein Check des Straßenschildes brachte ein weiteres Rätsel zutage. Die Straße stimmte ebenfalls nicht.
Leise fluchend wirbelte ich herum, um loszugehen, und stieß prompt mit einem halbwüchsigen Jungen zusammen, der mich dafür spontan mit einigen Schimpfwörtern bedachte, die ich nie zuvor gehört hatte.
»Sorry«, murmelte ich, obwohl mir eigentlich danach war, zurück zu schimpfen. Nur hatte ich im Gefängnis aus schmerzhafter Erfahrung gelernt, eher defensiv als zu forsch zu sein. Das war mir buchstäblich in Fleisch und Blut übergegangen, nachdem ein Missverständnis dieser Art für mich mit einem mehrtägigen Aufenthalt auf der Krankenstation geendet hatte.
»Pass halt auf, Mann!«, setzte der Junge nach, klang dabei aber ein wenig versöhnlicher, was mich einen Vorstoß wagen ließ.
»Kannst du mir mal helfen?«
»Wobei?«
Das Misstrauen in seiner Stimme brachte mich innerlich zum Schmunzeln. Der Kleine erinnerte mich an mich selbst als Kind. Nur dass mein fehlendes Vertrauen einen Grund gehabt hatte. Und zwar einen, den ich ihm, obwohl ich ihn nicht kannte, auf keinen Fall wünschte.
Mir ging auf, dass der Begriff Kleiner auf ihn nicht passte. Er war gar nicht klein im eigentlichen Sinn, denn er reichte mir bis zur Schulter, was in Anbetracht meiner Größe von eins neunzig beachtlich war. Es waren wohl seine eher kindlichen Gesichtszüge, die zu meiner gedanklichen Assoziation geführt hatte. Sein Kleidungsstil wiederum ließ darauf schließen, dass er schon älter war. Er trug locker sitzende Jeans, das T-Shirt hing lässig auf einer Seite heraus und seine Sneakers waren trendgemäß nicht zugeschnürt.
»Ich suche dieses Geschäft.« Unsicher, die Aussprache des französischen Namens korrekt hinzubekommen, hielt ich ihm lieber den Zettel hin.
Kaum hatte er einen Blick darauf geworfen, zuckte sein linker Mundwinkel hoch. »Was willst du denn da?«
Obwohl mich seine freche Art nervte, versuchte ich mich an einem Lächeln. Immerhin wollte ich etwas von ihm, daher bemühte ich mich, freundlich zu sein. »Mich dort melden, wegen eines Jobs.«
Kaum hatte ich das ausgesprochen, wanderte auch sein zweiter Mundwinkel nach oben. »Dann musst du der Knastbruder sein.«
Kapitel 3
Bei seinen Worten verrutschte mir die Miene, was ihn jedoch sichtlich weiter erheiterte. »Darf ich wissen, wie du darauf kommst?«, hakte ich bemüht gelassen nach.
Dass der Besitzer des Ladens meine Ankunft in der gesamten Nachbarschaft angekündigt hatte, würde mir gerade noch fehlen. Nicht, dass es mein Plan gewesen war, meine Vergangenheit zu verbergen, aber die Entscheidung, wem und vor allem was ich darüber erzählte, hätte ich lieber in eigener Hand gehabt.
»Das hat mir Josh erzählt.«
»Und Josh ist wer?« Mein Ärger war mir anzuhören, was mir nicht leidtat.
»Dein zukünftiger Chef.« Mein offensichtlich immer noch sehr erheitertes Gegenüber grinste breit.
»Aha«, stieß ich aus, nun wirklich auf hundertachtzig.
Der Typ konnte etwas erleben. Für einen Moment überlegte ich sogar, umzukehren und auf den Job zu pfeifen. Nur war mir klar, dass dies Schwierigkeiten mit Sterling bedeuten würde.
Langsam, aber sicher schien dem Jungen aufzugehen, wie seine saloppe Art, meine Vergangenheit betreffend, bei mir angekommen war. Eine zarte Röte schlich sich auf sein Gesicht und wanderte weiter bis hinunter auf seinen Hals.
»Ähm.« Er wirkte nun bemüht, die Stimmung wieder zum Guten zu wenden. »Warum bist du überhaupt hier hinten? Der Eingang ist auf der Vorderseite.«
»Hab mich wohl verlaufen«, konterte ich nur kurz angebunden. Erstens war ich immer noch ein wenig sauer und zweitens hatte ich keine Lust, meinen Bewährungshelfer und seine eher bescheidenen Ortskenntnisse zu erwähnen.
»Ist ja kein Problem.« Er lächelte zaghaft. »Ich kann dir den Weg zeigen.« Seinen linken Arm von sich streckend, deutete er die Straße hinunter. Seine lässige Art hatte sich in Luft aufgelöst und war von einer schüchternen Verlegenheit ersetzt worden.
Genau in diesem Moment ging mir auf, wie übertrieben meine Reaktion gewesen war. Vor mir stand ein Kind! Kombinierte ich Aussehen und Ausdrucksweise des Jungen, kam ich auf ein geschätztes Alter von vierzehn, höchstens fünfzehn. Somit galt er dann zwar schon als Teenager, was es aber nicht wirklich besser machte. Eines war sicher, egal, ob dieser Josh meine Geschichte herumerzählt hatte oder nicht, der Kleine konnte auf keinen Fall etwas dafür.
»Das wäre nett«, sagte ich daher, spürte, wie sich Zerknirschung in meine Züge zeichnete, was die verkniffene Miene des Jungen deutlich auflockerte.
»Brauch ich nicht«, erwiderte er schmunzelnd. »Es ist gleich hier. Du kannst den Hintereingang nehmen.«
Ich folgte seinem ausgestreckten Arm mit dem Blick und entdeckte eine schmale Tür, über der ein Schild angebracht war, das einen teilweise verblichenen Schriftzug zeigte. ›Staf__onl_‹, war zu lesen, mehr nicht. In meinen Gedanken suchte und fand ich die fehlenden Buchstaben. »Staff only«, murmelte ich, worauf ein leises Lachen erklang.
»Wir sollten es vielleicht mal erneuern. Nur war das bis jetzt nicht notwendig, denn du bist der erste Mitarbeiter, den wir haben.« Der Junge streckte mir seine Rechte entgegen. »Ich bin übrigens Caden. Joshs Sohn. Eigentlich heißt er Joshua, möchte aber nicht so gerne bei seinem vollen Namen genannt werden.«
Wir schüttelten uns die Hände, wobei sich ein zaghaftes Lächeln auf mein Gesicht legte. Es lag daran, dass seine Eröffnung mich weiter beruhigt hatte. Wenn er der Sohn des Ladenbesitzers war, bekam sein Wissensstand bezüglich meiner zurückliegenden Inhaftierung einen neuen Hintergrund. »Miles. Freut mich, dich kennenzulernen«, stellte ich mich vor.
»Ich freu mich auch.«
»Warum nennst du ihn so? Ich meine: Warum nicht Dad?«
Statt einer Antwort blies er lediglich die Luft aus und zuckte mit den Schultern.
»Schon gut.« Ich grinste. »Geht mich ja nichts an.«
»Nein. Es ist nur … Ich weiß gar nicht, warum ich das mache.« Sein Gesichtsausdruck erzählte mir, wie unzufrieden er selbst mit dieser Erklärung war, aber auch, dass ihm der Plan fehlte, wie er es ändern könnte.
»Okay.« Ich blickte auf meine Armbanduhr. Sie war eines der wenigen wertvollen Dinge, die ich besaß, und hatte die knapp vier Jahre meiner Haft auf mich gewartet. Eingelagert mit meinen anderen persönlichen Habseligkeiten. Sie war ein Geschenk meines Vaters zu meinem sechzehnten Geburtstag gewesen und gleichzeitig sein Abschiedsgeschenk. Damals hatte ich naiver Vollidiot nicht geahnt, dass sie von schmutzigem Geld gekauft worden war. Das hatte sich mir erst viel später erschlossen, nachdem ich für einen Drogendeal verhaftet worden war, den er durchgezogen hatte.
»Ich sollte rein. Laut meinen Anweisungen erwartet mich dein Dad …« Ich schielte auf den Zettel, den ich in meiner rechten Hand hielt. »… in den nächsten fünf Minuten.«
»Klar. Hier geht’s lang.« Mit einem Schlüssel, den er aus seiner Hosentasche gefischt hatte, öffnete er eilig die Tür und trat danach zur Seite, um mich einzulassen. »Sag ihm nicht, dass ich dich reingelassen habe. Ich will noch zu einem Freund. Sonst bekomm ich Ärger, weil ich eigentlich meine Schularbeiten machen müsste.« Plötzlich wirkte er erheblich jünger, als ich ihn bisher geschätzt hatte.
Ich schenkte ihm ein Lächeln. »Bleibt unter uns.«
»Danke. Und …« Er lächelte ebenfalls. »Viel Spaß. Es wird dir sicher gefallen. Josh ist eigentlich sehr nett.« Schon war er herumgewirbelt und schlenderte davon.
Eigentlich? Nervös zog sich mein Magen zusammen. Vielleicht sollte ich nicht auf meine Interpretation der Worte dieses Teenies hören, sondern mir selbst ein Bild machen?
Ich straffte mich, trat durch die Tür und stand in einer Art Lagerraum. Das Erste, was mir auffiel, war der durchdringende süße Geruch. Einer der Art, der Hunger auslöste, egal ob man ihn zuvor verspürt hatte oder nicht.
Langsam folgte ich dem schmalen Gang zwischen den fein säuberlich aufgereihten Kisten und Kartons, steuerte den Lichtstreif an, der am Ende zu sehen war. Seine Quelle stellte sich als Tür heraus, die einen Spalt breit offenstand. Behutsam schob ich sie weiter auf.
Zwei Schritte später stand ich in einer fast schon steril sauberen Backstube. Ich bewegte mich vorsichtig weiter, sah mich neugierig um. Dabei stieg meine Unsicherheit, ob die Idee, durch die Hintertür einzutreten, so brillant gewesen war. Schließlich konnte ich Caden nicht als Ausrede nehmen, denn der hatte Geheimhaltung von mir erbeten.
»Verdammt!«, drang es von nebenan zu mir. Ausgestoßen von einer sehr jungen Stimme, somit dürfte es sich kaum um diesen Josh handeln. Der musste in den Dreißigern sein – immerhin hatte er einen halbwüchsigen Sohn aufzuweisen.
»Hallo?«, rief ich. Es erschien mir vernünftig, mich zumindest anzumelden, wenn ich schon aus einer unerwarteten Richtung kam.
»Wer ist da?« So verunsichert klang die Stimme noch jünger.
»Ich …«, begann ich, brach aber ab, als die Doppeltür aufschwang, durch die vorhin der Ruf gedrungen war.
»Was machen Sie hier?« Ein verdammt junger Mann starrte mich an, die Hände an die offenen Schwingtüren gestemmt.
Als bekennender Kuss-Fan fielen mir zuallererst seine unheimlich vollen und auffallend sinnlichen Lippen auf. Rosa schimmernd, als wären sie von Lipgloss betont, was aber mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht zutraf.
»Mein Name ist Miles Williams«, stellte ich mich vor und setzte ein Lächeln auf. »Ich bin aus Versehen beim Personaleingang rein.« Meinen Daumen als Wegweiser nutzend, bemühte ich mich, ihm mit meiner Mimik zu symbolisieren, wie unangenehm mir die Sache war.
»War der nicht versperrt?« Seine Stirn kräuselte sich. »Ich bring den Bengel um.«
Jetzt offiziell auf Caden zu schließen, würde dessen Deckung auffliegen lassen. Andererseits blieb so der Verdacht aufrecht, er hätte die Tür unverschlossen gelassen. Beide Optionen gefielen mir nicht, daher beschloss ich, zu schweigen.
»Gut. Aber dafür kannst du ja nichts.« Ein äußerst angenehmes Lachen erklang.
Er kam auf mich zu und streckte mir seine rechte Hand entgegen. »Ich bin Joshua Sanders. Ich bevorzuge es jedoch, Josh genannt zu werden. Freut mich. Ist doch okay, wenn wir uns beim Vornamen nennen, oder?«
»Klar.« Ich nutzte unser Händeschütteln, um meinen zukünftigen Boss näher zu betrachten. Er war ein paar Zentimeter kleiner als ich, auf jeden Fall schlanker beziehungsweise weniger trainiert. Was aber am deutlichsten hervorstach – neben den bereits von mir registrierten Lippen – waren seine aufregend braunen Augen. Zusammen mit dem hier in der Backstube anhaltenden süßen Geruch kam mir automatisch die Assoziation zu Schokolade. Und der goldene Schimmer, der seine Iriden glänzen ließ, schenkte ihr in meiner Vorstellung den Beigeschmack von Honig.
»Warum gehen wir nicht in mein Büro?« Er löste unsere Hände und rieb die seinen aneinander. »Ich habe eigentlich keine Ahnung, was man bei so einem Gespräch überhaupt macht, aber …« Er brach ab, schnitt eine amüsiert-verzweifelte Grimasse. »Nichts aber.« Er grinste, und zwar auf eine äußerst anziehende Weise.
Erneut kam mir das Attribut Süß in den Sinn, dieses Mal hatte es jedoch nichts mit Gerüchen oder Schokolade zu tun. Er entsprach absolut meinem Geschmack bei Männern, so viel stand fest.
»Wobei mir einfällt. Der Laden ist offen und mein Sohn ist leider noch nicht hier. Vielleicht sollten wir eher dort miteinander reden.« Er warf mir einen auffordernden Blick zu, drückte die Schwingtür wieder auf und ging hindurch.
Kapitel 4
Ich folgte ihm, in meinem Kopf die Zusammenhänge suchend. Wenn Caden der leibliche Sohn von Josh war, wann zur Hölle war er dann Vater geworden? Meiner Schätzung nach konnte er selbst höchstens fünfundzwanzig sein!
So direkt konnte ich ihn das natürlich nicht fragen, immerhin wusste er ja nicht, dass ich Caden bereits kannte. Daher wählte ich einen Umweg. »Wo ist denn dein Sohn? In der Schule?«
»Nein. Die war schon vor zwei Stunden aus. Wie ich ihn kenne, ist er mit seinem Freund unterwegs.«
Wir durchquerten einen engen Gang, in dem außer einigen Kühlschränken nichts zu finden war, und betraten den Verkaufsraum. Kaum hatte ich die Schwelle überschritten, hielt ich jedoch an, während Josh plaudernd weiterging.
»Wir haben da einige Meinungsverschiedenheiten im Moment, weshalb er es vorzieht, so viel Zeit wie möglich überall anders als hier zu verbringen.« Joshua hatte sich, während er gesprochen hatte, hinter die Verkaufstheke begeben, die sich über die gesamte rückseitige Wand des Geschäftsraumes erstreckte. Nun sah er sich zu mir um und seine Mundwinkel wanderten hoch. Ich nahm an, als Reaktion auf meine erstaunte Miene.
Ich fühlte mich in die Schokoladenfabrik von Willy Wonka versetzt. Noch nie in meinem Leben hatte ich so viel süßes Zeug und vor allem Schokolade gesehen! Egal wo man hinsah, ob in den Regalen, in den Vitrinen oder im Schaufenster. Kuchen, Torten, die unterschiedlichsten Gebilde aus Schokolade wie Statuen, Häuser und Fahrzeuge waren hier zu finden. Teilweise verpackt in Zellophan oder in Papier eingeschlagen, doch egal was, alles trug den verspielten Schriftzug, den ich auf den Notizen gesehen hatte, die mir Sterling überreicht hatte.
»Willkommen im Schokoladenhimmel«, witzelte Josh. Ihm war anzusehen, wie stolz er auf seinen Laden war.
»Was zur Hölle ist das?«, konnte ich nur fragen.
»Brianne – die es übrigens tatsächlich mal gegeben hat – hat diese Bakery vor mehr als sechzig Jahren eröffnet.« Er lehnte sich entspannt an die Theke, sein Gesichtsausdruck bekam etwas Verträumtes. »Sie hat echte Schokolade gekocht. Du weißt schon, zum Trinken, meine ich. Und das wurde der Renner hier in der Gegend. Dazu bot sie typisch französisches Gebäck an, stellte jedoch rasch fest, dass ihre Begabung darin lag, Schokolade zu verarbeiten, und dass das weit mehr brachte als das Backen und Verkaufen von Croissants und Macarons. Sie kreierte ausgefallene Kuchen und Torten und perfektionierte nebenbei ihr Talent, Schokolade zu modellieren.«
Während Joshs Erläuterung hatte ich mich weiter umgesehen und wahre Kunstwerke entdeckt. Am meisten faszinierte mich eine Harley Davidson, komplett aus Schokolade, die so detailliert gefertigt war, dass ich meinte, nur den Anlasser drücken zu müssen und sie würde losfahren. »Und du führst den Laden jetzt?«, erkundigte ich mich beeindruckt.
»Klar.« Wiederum zeigte er seinen Stolz, dieses Mal spiegelte er sich in seiner Stimme wider.
»Und das hast du gemacht?« Ich deutete, immer noch überwältigt, auf die Harley.
»Ja. Alles, was du hier siehst.«
»Wow!«, brachte ich nur hervor, was genauso ehrfürchtig gemeint war, wie es sich anhörte. »Und dabei soll ich dir helfen? Meinst du, dass ich das lernen könnte?« Begeisterung kam in mir auf. Das würde mir gefallen. So eine coole Arbeit hätte ich niemals hinter diesem Job vermutet.
»Na ja«, schwächte Joshua meine Euphorie jedoch ab. »Es ist eher …«
»Was?« Ich fuhr zu ihm herum, gleichzeitig ging mir ein Licht auf. Natürlich würde er einen Hilfsarbeiter nicht in solch eine edle Kunst einweihen. Sofort kam ich mir vor wie ein Idiot. »Okay. Dann werde ich verkaufen?«, mutmaßte ich.
»Hm?« Jetzt wirkte er ein wenig betreten und seine Wangen röteten sich. »Fürs Erste könntest du die Einkäufe für mich übernehmen. Die Organisation – hinten im Lager. Teige anrühren, Saubermachen und so.«
»Ach.« Ich spürte, wie auch mein Gesicht an Wärme gewann. »Klar.«
Was hatte ich mir denn gedacht? Ich war ein Ex-Knacki. Natürlich passte da diese Arbeit eher zu mir.
»Aber wenn es dich interessiert, könntest du ja nach und nach …« Sich selbst unterbrechend, blickte er fast unglücklich zu mir hinüber.
»Alles gut. Ich freu mich über jeden Job. Wirklich.«
Das war gelogen, doch ich fand, es ginge als Notlüge durch. Schließlich hatte ich keine Lust, den Mann vor den Kopf zu stoßen, der mir eine Chance gab. Was mich auf eine andere Sache brachte, die ich gleich mal ansprach.
»Wie bist du auf die Idee gekommen, jemanden einzustellen, der …« Ich zögerte, weil es auszusprechen mir schwerfiel. Auch nach all den Jahren war ich nicht mit meinem Schicksal ausgesöhnt, und am meisten belastete mich, dass nichts mich von dieser vermeintlichen Schuld reinwaschen konnte. Was letzten Endes ohnehin egal war. Ich hatte diese Zeit an das Gefängnis verloren und niemand konnte sie mir zurückgeben.
»Ich habe da einen großen Auftrag an Land gezogen. Daher war es notwendig, jemanden einzustellen.«
Seltsamerweise hatte ich das Gefühl, diese Erklärung wäre nicht alles, was dahintersteckte, verbiss mir aber eine Nachfrage. Er hatte sicher Gründe, mir nicht mehr zu erzählen.
Stattdessen stellte er mir eine Gegenfrage. »Und wie bist du zu dem Jobangebot gekommen? Hängt so was im Gefängnis aus?«
Seine Worte versetzten mich in Erstaunen, dennoch antwortete ich mit »Nein«.
Das konnte doch nicht ernst gemeint sein? Ein Blick in sein erwartungsvolles Gesicht zeigte mir, dass es das sehr wohl gewesen war. Seine unbedarfte Art machte ihn mir noch sympathischer, als er es ohnehin schon war.
»Sterling, mein Bewährungshelfer, hat mir bei der Entlassung heute mitgeteilt, dass ich mich hier zu melden habe.«
»Du bist erst heute entlassen worden?« Nun klang er doch etwas entsetzt.
»Das wusstest du offensichtlich nicht«, stellte ich fest und schob noch einen Seufzer hinterher.
Er bemühte sich redlich, seine Gesichtszüge unter Kontrolle zu bekommen, schaffte sogar ein Lächeln. »Es ist doch ohnehin egal. Also, dass du eine bewegte Vergangenheit hast. Das ist nebensächlich und geht ja niemanden etwas an.«
Außer Caden, dachte ich still. Wirklich böse war ich jedoch nicht mehr. Natürlich hatte er seinen Sohn vorgewarnt. Ob Josh wusste, wofür ich verurteilt worden war?
Obwohl es mich interessiert hätte, unterließ ich es, nachzufragen. Stattdessen gönnte ich mir eine weitere Betrachtung meines Neo-Chefs.
Wie schon vorher festgestellt, war ich ihm an Muskelmasse sicherlich überlegen, dafür übertraf er mich definitiv an Attraktivität. Er hatte ein fein geschnittenes, aber durch und durch männliches Gesicht und jede Menge dunkelbraunes Haar, das er zu einem lockeren Dutt hochgesteckt hatte. Die paar Strähnen, die sich herausgestohlen hatten, verrieten mir, dass er Naturlocken hatte. Jedoch keine von der Art, die einer Krause ähnelten. Ich würde wetten, dass sich jede einzelne davon perfekt um meinen Finger legen würde.
Er blinzelte nervös, was mir verriet, dass ihm meine längere Musterung nicht entgangen war. Schnell sah ich weg, fixierte statt des gutaussehenden Mannes lieber erneut die Harley.
Josh räusperte sich leise, dann erklang seine Stimme in einem entschuldigenden Tonfall. »Ich habe meinem Sohn von dir erzählt. Nicht, was du genau gemacht hast, nur dass du eben … auf Bewährung bist.«
Ich hasste es, dass er das Gefühl hatte, sich rechtfertigen zu müssen. Es war nur zu natürlich, dass meine Vergangenheit ihn vorsichtig machte.
»Schon gut. Das ist dein Recht.«
Das war es wirklich, dennoch musste ich zugeben, dass es mir lieber gewesen wäre, die beiden unter anderen Umständen kennengelernt zu haben.
»Und wenn wir grad bei diesem Thema sind.«
Es war offensichtlich, wie unangenehm es ihm war, darüber zu reden, daher warf ich ihm einen auffordernden Blick zu.
»Eines muss ich doch festhalten: Ich mag keine Drogen.« Die ruhige Art, mit der er das ausgesprochen hatte, täuschte nicht über die Anspannung hinweg, die dieses Thema in ihm auslöste. Warum auch immer?
Ich setzte an, etwas zu sagen, als er überraschend schnell seine beiden Hände anhob, die Handflächen in meine Richtung gestreckt. »Nein. Das ist falsch. Ich hasse Drogen!«
Seine Geste gab mir das Gefühl, dass er mich zurückwies, was in puncto meiner vermeintlichen Drogenvergangenheit mit Sicherheit zutraf. Es brannte mir auf der Seele, ihm jetzt zu sagen, dass er sich irrte. Dass es nicht der Wahrheit entsprach. Dass ich noch nie einen Joint geraucht und niemals auch nur ein Gramm Kokain oder Ähnliches konsumiert, geschweige denn verkauft hatte. Aber natürlich tat ich das nicht. Das stand mir nicht zu.
»Ich war und bin clean und habe nicht vor, jemals mit Drogen in Berührung zu kommen!«, verpackte ich meine Botschaft stattdessen in geradezu harmlose Worte, die aber zumindest im Ansatz ausdrückten, was ich gerne gesagt hätte. Absichtlich ließ ich das wieder in meiner Erklärung weg, weil es gelogen gewesen wäre. Schließlich hatte ich noch nie mit Drogen zu tun gehabt. Nur auf dem Papier, auf dem meine Anklageschrift gestanden hatte.
Josh straffte sich, blies hart die Luft aus. »Wenn ich jemals auch nur den Verdacht habe, es könnte anders sein, oder … Gott bewahre … ich das Gefühl bekomme, mein Sohn könnte in Gefahr geraten …«
»Niemals!« Jetzt musste ich ihn einfach unterbrechen. Das durfte er nicht von mir denken. Das würde ich nicht verkraften. Bei all dem, was mir passiert war, würde ich keinesfalls jemanden so in Gefahr bringen. Und schon gar nicht ein Kind!
Für ein paar Momente sahen wir uns einfach nur an. Taxierend. Wartend. Bis Josh langsam nickte und einen Abklatsch seines vorhin noch so lockeren Lächelns zurückkehren ließ. »Willkommen bei Briannes Quelque Chose de Doux«, sagte er leise.
»Ich freue mich, hier zu sein«, erwiderte ich. Ein synchrones Seufzen ausstoßend, hielten wir den Blickkontakt. Interessanterweise fühlte ich mich wirklich wohl bei dem Gedanken, ab sofort hierher zu gehören. Natürlich nur arbeitstechnisch. Obwohl es mich nicht stören würde, etwas private Zeit hier zu verbringen.
Kapitel 5
»Ich bin fertig. Was soll ich als Nächstes machen?«
Das war bereits das dritte Mal, dass ich das heute von Miles hörte. Der Typ war unheimlich schnell und außergewöhnlich gründlich. Vier Stunden dauerte sein erster Arbeitstag bis jetzt und im Grunde hatte ich keinen Plan mehr, was ich ihm noch auftragen sollte.
Obwohl der Major mir das Datum von Miles’ Arbeitsbeginn mitgeteilt hatte, war ich von dem Ganzen ein wenig überfahren worden. Eine Woche war es erst her, dass dieser in meinen Laden marschiert war und mir dieses verlockende Angebot gemacht hatte. Innerhalb von achtundvierzig Stunden hatte ich das Rezept für die Your secret Wish-Torte entwickelt und sowohl den Einkaufsplan als auch den Ablauf für das Catering vorbereitet.
Das Fest selbst würde jedoch erst in ein paar Wochen stattfinden, daher gab es ehrlicherweise nichts, um Miles wirklich zu beschäftigen. Was ich ihm aber nicht sagen konnte, denn die Rolle des Majors als Arbeitsvermittler sollte ein Geheimnis bleiben. Warum, hatte der mir, zu meinem großen Bedauern, nicht näher erläutern wollen.
»Eigentlich sind wir für heute fertig. Wieso machst du nicht Schluss?«, schlug ich daher vor.
»Schon?« Enttäuscht wirkend blickte Miles auf seine Uhr.
»Ja. Du musst doch total erledigt sein.« Ich wäre es zumindest, hätte ich all die Kisten aus- und umgeräumt und in die Lagerregale geschichtet. Diese Aufgabe hatte ich die letzten zwei Monate vor mir hergeschoben, weil sie mir zu aufwendig erschienen war. Es grenzte an Ironie, dass Miles dafür nur drei Stunden benötigt hatte.
»Eigentlich nicht. Aber du bist der Boss.« Er zeigte ein Lächeln, das jedoch nicht seine Augen erreichte. Sie schimmerten in einem mysteriösen Grün. »Kannst du mir sagen, wo hier die nächste Hochbahn-Station ist?«
»Das kommt drauf an, wo du hinwillst.«, erwiderte ich.
Farbe kroch auf seine Wangen und sein Blick bekam einen panischen Touch.
»Alles okay?«, musste ich einfach fragen.
»Ich weiß es nicht«, wisperte er. »Das heißt, die Adresse kenne ich nicht.« Offensichtlich war ihm seine Unwissenheit peinlich. »Aber da war eine Station eine Querstraße weiter. Sie hieß …« Er runzelte die Stirn, bis sich seine Miene plötzlich erhellte. »Western. Das war’s.«
»Weißt du, welche Line? Die Bahn quert die Western, soweit ich weiß, mit drei verschiedenen Linien.«
»Ich bin mir ziemlich sicher, dass es die Orange ist.«
»Die fährt hier nicht. Dann musst du mit der Red Line Richtung Süden und bei der Roosevelt in die Orange umsteigen. Die nächste Station der Red ist ein paar Blocks entfernt.«
»Kein Problem. Das werde ich schon finden.«
»Wie bist du hergekommen?«, fiel mir ein.
»Mein Bewährungshelfer hat mich gefahren.«
»Tja.« Ich zuckte mit den Schultern. »Ich kann mich leider nicht als Chauffeur zur Verfügung stellen, ich habe keinen Führerschein. Außerdem ist der Laden noch offen.« Irgendwie hatte ich plötzlich ein schlechtes Gewissen, weil ich ihn so abrupt nach Hause schickte. Was im eigentlichen Sinn nicht zutraf. Denn er hatte kein Zuhause – zumindest keines im üblichen Sinn. Immerhin wusste er nicht mal, wo genau er hinmusste. Schwer breitete sich Mitgefühl in mir aus.
»Kein Ding.« Er versuchte sich an einem Lächeln.
Mir fiel auf, wie viel jünger er wirkte, wenn er so verloren dreinsah. In diesem Moment hätte ich ihm nicht einmal das Klauen eines Kaugummis zugetraut, geschweige denn einen Drogendeal. Überhaupt erschien es mir fast absurd, dass er dieser harte Kerl sein sollte, den man hinter seiner Lebensbeschreibung erwarten würde.
»Wann soll ich morgen hier sein?«
»Um acht?«
»Okay.« Nun lächelte er richtig. »Danke noch mal für die Chance. Ich werde dich nicht enttäuschen. Versprochen.«
Ich nickte nur. Meine Kehle war eng geworden. Wie sanft und ergeben er klang. Obwohl er, bedingt durch seinen muskulösen Körperbau, weit stärker wirkte als ich, überkam mich das Gefühl, ihn in die Arme nehmen zu müssen, um ihn zu trösten.
»Schönen Abend noch. Oder eigentlich …« Seine Mundwinkel zuckten. »Schönen Nachmittag.«
»Dir auch.« Er drehte sich um und verschwand im Lager, kehrte aber gleich darauf, nun seine Jacke tragend, wieder zurück. »Einfach die Straße rauf?«, fragte er, nach draußen und Richtung Stadtmitte deutend.
Ich schüttelte den Kopf und zeigte mit dem Daumen in die entgegengesetzte Richtung. »Da lang. Die Ashland ein Stück hoch, dann rechts die Bryn Mawr entlang.«
»Danke.« Ein Seufzen erklang, ehe er losging und den Laden verließ.
»Josh?«
Cadens tastende Stimme ließ mich gegen neunzehn Uhr von den Geschäftsbüchern aufsehen, denen ich mich die letzten eineinhalb Stunden gewidmet hatte. Dies gehörte definitiv zu den Aufgaben meines Jobs, für die ich meinen inneren Schweinehund überwinden musste. Weshalb ich darin – harmlos ausgedrückt – nicht besonders gut war.
