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Für den hoch verschuldeten Louis erscheint der Job bei der Agentur Your secret Wish als willkommener Ausweg aus seinem finanziellen Chaos. Außerdem bringt er den Vorteil, regelmäßig Spaß haben zu können, ohne sich emotional auf einen Mann einlassen zu müssen.
Der zurückgezogen lebende Autor Ethan Clark wäre der optimale Kandidat für ein längerfristiges Arrangement, doch leider eröffnet ihm dieser nach einer heißen Nacht, ihn nie wiedersehen zu wollen.
Wer ist dieser Mann, dessen Seele im Dunkeln gefangen zu sein scheint? Von dem Louis sich beinahe magisch angezogen fühlt. Noch mehr, als ihn Ethan dennoch ein weiteres Mal zu sich bittet.
Bald muss sich Louis eingestehen, dass Gefühle sich nicht an Pläne halten, und auch Ethan kann sich nicht länger dagegen wehren, dass Louis Licht in seine Düsternis bringt.
Wie die Morgendämmerung, deren Helligkeit trotz aller Gegenwehr durchbricht, und die Nacht zur Flucht zwingt, egal, wie oft sie zurückzukehren versucht.
Die YOUR SECRET WISH - Reihe besteht aus in sich abgeschlossenen Romanen. In jedem Teil geht es um ein anderes Paar und es kann jedes Buch unabhängig von den anderen gelesen werden.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
YOUR SECRET WISH – Dawn
© 2022/ Sam Jones
https://samjones.at
Alle Rechte vorbehalten!
Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung des Autors.
Umschlaggestaltung:
Sam Jones/ Bilder: Shutterstock
Bildmaterial Buchlayout
Shutterstock
Lektorat/ Korrektorat
Korrektorat Zeilenfuchs
Erschienen im Selbstverlag
Impressum
Sam Jones
c/o WirFinden.Es
Naß und Hellie GbR
Kirchgasse 19
65817 Eppstein
Dieser Roman wurde unter Berücksichtigung der neuen deutschen Rechtschreibung verfasst, lektoriert und korrigiert. Es handelt sich um eine fiktive Geschichte. Orte, Events, Markennamen und Organisationen werden in einem fiktiven Zusammenhang verwendet. Alle Handlungen und Personen sind frei erfunden. Alle Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
Markennamen und Warenzeichen, die in diesem Buch verwendet werden, sind Eigentum ihrer rechtmäßigen Eigentümer.
Für Maria, Tony und Martin
Ihr werdet immer in meinem Herzen sein!
Auf meiner Homepage (https://www.samjones.at/Meine-Buecher/Triggerwarnungen/) findet ihr etwaige Triggerhinweise. Diese sind für Menschen gedacht, die sensibel auf bestimmte Inhalte reagieren, vielleicht weil sie selbst bestimmte Traumata erlebt haben. Sie können aber Spoiler enthalten.
Für den hoch verschuldeten Louis erscheint der Job bei der Agentur Your secret Wish als willkommener Ausweg aus seinem finanziellen Chaos. Außerdem bringt er den Vorteil, regelmäßig Spaß haben zu können, ohne sich emotional auf einen Mann einlassen zu müssen.
Der zurückgezogen lebende Autor Ethan Clark wäre der optimale Kandidat für ein längerfristiges Arrangement, doch leider eröffnet ihm dieser nach einer heißen Nacht, ihn nie wiedersehen zu wollen.
Wer ist dieser Mann, dessen Seele im Dunkeln gefangen zu sein scheint? Von dem Louis sich beinahe magisch angezogen fühlt. Noch mehr, als ihn Ethan dennoch ein weiteres Mal zu sich bittet.
Bald muss sich Louis eingestehen, dass Gefühle sich nicht an Pläne halten, und auch Ethan kann sich nicht länger dagegen wehren, dass Louis Licht in seine Düsternis bringt. Wie die Morgendämmerung, deren Helligkeit trotz aller Gegenwehr durchbricht, und die Nacht zur Flucht zwingt, egal, wie oft sie zurückzukehren versucht.
Kapitel 1
Mit wild pochendem Herzen stürmte ich die Treppen nach unten und aus dem Haus. Verdammt! Wie hatte ich nur derart verschlafen können?
Es folgte der nächste Schockmoment, als ich zielsicher den in meiner Erinnerung an gestern Abend aufpoppenden Parkplatz in der Nebenstraße ansteuerte. Hier stand allerdings nicht meine grelllila Vespa, die meinen Hintern üblicherweise durch die Gegend transportierte, sondern eine grotesk aufgemotzte Honda.
»Wo zur Hölle ist Cindy?« Angepisst sah ich mich um, während die Minuten auf meiner Uhr gnadenlos weiter tickten.
In meinen Gehirnwindungen ratterte es schmerzhaft. Das konnte doch nicht wahr sein. Jeden Wochenbeginn das Gleiche! Wieso funktionierte mein Hirn prinzipiell erst ab Montagmittag?
»Na, Principessa? Hast du deine Kutsche verloren?«
Es war unnötig, mich umzudrehen. Ich wusste auch so, wer hinter mir stand.
»Guten Morgen, Mister Fisher.« Mein Gruß war weit höflicher, als dieser homophobe Griesgram es verdient hätte. Nur war Brooks, das Städtchen, in dem ich wohnte, nicht groß genug, um sich Feinde zu machen. Und er außerdem mein Vermieter, mit dem man sich bekanntlich ja eher nicht anlegte.
Ich lebte offen schwul, was aber nicht hieß, dass ich mich jemals an die klischeehaften Beleidigungen gewöhnen würde, die mir hin und wieder begegneten. Müsste ich mich selbst beschreiben, würde ich mich als durch und durch männlich klassifizieren. Meine braunen Haare waren kurz geschnitten, nur am Oberkopf ließ ich sie länger, was mir einen – wie manch einer es nannte – Frisch-aus-den-Federn-Look bescherte. Ich trug Kleidung, die in der Heterowelt als normal galt, außer ich trat mit meiner Band auf. Musik war meine Leidenschaft, wenn ich sie auch nicht als Lebensinhalt bezeichnen würde. Was vor allem daran lag, dass mein Gesangstalent zwar vorhanden, aber sicher nicht für die große Bühne geeignet war. Somit war ich vollends damit zufrieden, ab und zu mit den Jungs vor dem queeren Volk des 4UwithLove zu rocken. Der Club in Portland gehörte meiner Freundin Franky. Sie war eine Transfrau, die das von ihrem Vater geerbte Hummer-Lokal kurzerhand in eine Cocktail-Bar verwandelt hatte, die sich im Laufe der Jahre als Gay-Club in der Community etabliert hatte.
»Dein rosa Flitzer steht vor dem Buchladen des anderen Glitzersternchens der Stadt«, fuhr mein Vermieter fort. Er wusste nichts von meiner Musik-Leidenschaft, aber natürlich war ihm bekannt, dass ich dem starken Geschlecht zugeneigt war – schließlich machte ich kein Geheimnis daraus. Und da sein Auge bei jeder Gelegenheit an seinem Türspion hing, entging ihm nicht einer meiner männlichen Besuche, und genauso wenig, dass eben manch einer über Nacht blieb.
»Danke, Mister Fisher. Ich wünsche noch einen wunderschönen Tag!«, rief ich und wandte mich gleichzeitig in Richtung Hauptstraße.
»Dir auch, Principessa«, tönte es hinter mir her.
»Da bist du ja«, begrüßte ich Cindy, nachdem ich sie erreicht hatte. Ein liebevolles Streicheln des leider schon ziemlich abgewetzten Sitzes folgte – die übliche Begrüßung für meinen bereiften Liebling, der im Grunde nicht rosa, sondern lila war. Und dass nur, weil sich das Indigoblau, in dem sie ursprünglich lackiert gewesen war, längst einer sonnenbedingten Blässe ergeben hatte.
Mir war es egal, wie sie aussah. Meine Dankbarkeit, sie zu haben, kannte keine Grenzen, denn ohne sie müsste ich meinen Knackarsch zu Fuß durch die Welt bewegen.
Das Ende meiner letzten Beziehung hatte für mich neben Herzschmerz eine bereits zwei Jahre andauernde Finanzkrise ausgelöst. Weshalb ich vor etwa zehn Monaten dazu gezwungen gewesen war, Romeo, meine geliebte Harley zu verpfänden. Was im Endeffekt bedeutete, wenn ich sie nicht innerhalb der nächsten zwei Monate auslöste, konnte ich sie als verloren ansehen. Romeo war ein Erbstück meines Lieblingsonkels, von dem sie ihren Namen hatte. Er war leider vor etwa einem Jahr verstorben, und zwar nicht bei einer seiner rasanten Motorradfahrten, wie alle ihm prognostiziert hatten. Stattdessen hatte ihn schlicht ein Herzinfarkt viel zu jung aus seinem Leben gerissen.
»Bereit für einen furchtbar langen Tag?« Meine Frage an Cindy blieb natürlich unbeantwortet. Ich zog den Rucksack von meinen Schultern und nach kurzem Kramen meinen Schlüsselbund aus dessen Seitentasche.
Der Verlust meiner großen Liebe hatte den der von uns gemeinsam geführten Bar nach sich gezogen. Seither schlug ich mich mit ständig wechselnden Mini-Jobs durchs Leben. Eine Sache, die mich wahnsinnig viel Kraft kostete und definitiv zu wenig einbrachte.
»Okay. Station Nummer eins.« Einen kurzen Seufzer ausstoßend zog ich mein Handy heraus und prüfte meinen Kalender. Nach ein paar unbezahlten Arbeiten aufgrund Zuspätkommens oder kompletter Versäumnis hatte ich mir angewöhnt, alle Termine fein säuberlich einzutragen. Die Miete zahlte sich nicht von allein und meine Schulden leider auch nicht.
»Das Vier-Pfoten-Hotel. Hundesitting für vier Königspudel.« Ich öffnete die Box, die ich gerne liebevoll als Cindys Knackhintern bezeichnete, zog meinen Helm erst heraus, dann über und schwang mich auf den Sitz. »Ich hoffe nur, sie haben dieses Mal die Kackbeutel vorrätig.«
Mit brennenden Füßen schleppte ich mich gegen dreiundzwanzig Uhr nach Hause. Mein dritter – und zum Glück für heute letzter – Job in einer Bar im Nachbarstädtchen war geschafft, genauso wie ich.
Cindy parkte ich dieses Mal vor dem Haus, was mich für morgen auf einen entspannteren Aufbruch hoffen ließ. Die dreiundvierzig Stufen, die mich in mein Einzimmerapartment über der ortsansässigen Bäckerei führten, kamen mir heute doppelt so steil vor wie gewöhnlich. Nicht mal der von Marcella, der Ladenbesitzerin, liebevoll vor meiner Haustür platzierte Fresskorb konnte mich aufheitern. Ich fühlte mich wie die kleine Meerjungfrau aus dem ›Hans Christian Andersen‹ Märchen: Jeder Schritt stach wie Messer in meine Fußsohlen.
»Guten Abend, Albert«, begrüßte ich den lebensgroßen Kleiderständer in Form eines dicken, bärtigen Kellners. Ich hatte ihn vor etwa einem Jahr bei einem Garagenverkauf erstanden. Einer der wenigen Vorteile, die meine – hoffentlich temporäre – Armut mit sich brachte. Seit ich jeden Dollar zwei Mal umdrehen musste, erlebte ich weit spannendere Einkaufstouren. Diese hatte mir neben Albert nämlich Corry eingebracht. Einen gutgewachsenen Sportlehrer, mit dem ich eine geile Nacht verbracht hatte. Somit hätte ich Albert auch nach ihm benennen können, nur war der Sex nicht sensationell genug gewesen, um eine nachhaltige Erinnerung zu schaffen.
Meine Lederjacke landete mit Schwung auf Alberts Kopf und der Rucksack zu seinen Füßen. Zu mehr fehlte mir die Energie.
»Ich hasse mein Leben!«, stieß ich inbrünstig aus, während ich meine Chucks auszog.
»Aber warum denn, Mäuschen?« Die Stimme aus dem Wohnzimmer überraschte mich nur mäßig.
»Hatten wir nicht ausgemacht, dass du den Schlüssel nur in Notfällen benutzt?«, meckerte ich hinüber, während ich mich in die Küche begab.
Dort erwartete mich kreatives Chaos. Aus dem Wohnzimmer drang die dazugehörige Erklärung meines Apartment-Besetzers: »Das war es, ich hatte keinen Käse mehr.«
»Und deshalb hast du gleich bei mir gekocht?« Die verwüstete Küche machte die Frage im Grunde überflüssig.
»Ich habe dir auch eine Portion vorbereitet. Steht im Kühlschrank.«
Grummelnd, aber mit gewisser Vorfreude schnappte ich mir besagten Teller. Wie schon die Spuren auf Herd und Arbeitsfläche hatten vermuten lassen, handelte es sich bei dem avisierten Abendessen um Makkaroni mit Käse. In Wahrheit das Einzige, was mein Nachbar und bester Freund Dean auf den Tisch brachte.
Er war vor eineinhalb Jahren mehr oder minder zufällig in Brooks gelandet. Auf der Flucht vor seinem Ex-Lover, der nicht fähig gewesen war, sich zwischen seinen zwei Lieblingsbeschäftigungen zu entscheiden. Nämlich ihn zu verprügeln und/oder andere Männer zu vögeln. Beides letzten Endes untragbar, weshalb Dean erst in einem Greyhound, dann auf unserem Mini-Busbahnhof und schließlich auf meiner Couch gelandet war. Mittlerweile bewohnte er das Apartment unter mir. Zumindest theoretisch, denn praktisch war er viel zu oft hier bei mir.
»Willst du es dir nicht aufwärmen?« Dean, der in ultrakurzen Shorts und bauchfreiem Shirt auf meiner Couch lümmelte, nickte in meine Richtung.
»Bin zu müde.«
»Gib her!« Augenrollend sprang er auf die Beine und nahm mir kurzerhand den Teller aus der Hand, um zurück in die Küche zu eilen.
Zufrieden grinsend kuschelte ich mich auf den von ihm so liebevoll vorgewärmten Platz. Auch wenn gerade mal der Spätsommer Einzug gehalten hatte, die Nächte wurden kühl, was mich in puncto Schlaf zwar nicht störte, dafür umso mehr abends beim Couchen.
Dem Summen und abschließenden »Ping« der Mikrowelle folgten Deans Schritte, ehe ein anklagendes »Hey« ertönte. Wohl eine Reaktion darauf, dass ich mir seinen Platz geschnappt hatte. Der aber ohnehin mir gehörte – war ja meine Wohnung!
Weshalb ich ihm auch lediglich die Zunge zeigte, mich dann jedoch zu einem »Danke, Darling« herabließ, als er mir mein nun appetitlich warmes Abendessen servierte.
Während ich aß, lauschte ich eher halbherzig Deans Bericht über seine letzten beiden Tage. In seinen Augen war die Zeit, die wir uns nicht gesehen hatten, eine kleine Ewigkeit. Ich nickte, wie ich hoffte, an den richtigen Stellen, was sich als zu vorschnell herausstellte, weil plötzlich ein erzürntes »Lou!« ertönte.
Irritiert meine Augen aufreißend wandte ich mich zu ihm um. Seine errötenden Wangen vermittelten mir das Gefühl, dass ich irgendetwas angestellt hatte. »Was?«, erkundigte ich mich daher etwas pikiert. Immerhin war er es, der mich ungefragt mit seiner Anwesenheit beglückt hatte. Da musste er damit leben, dass mein Gehirn eher kaum bis gar nicht aufnahmefähig war.
»Ob ich ihn anrufen soll?«
»Wen?«, outete ich mich nun wirklich als unaufmerksamer Zuhörer.
»Louis!«, beschwerte er sich prompt. In solchen Fällen verwendete er meinen vollen Namen. »Das ist wichtig für mich!«
»Was denn?«
»Na, das könnte der Mann sein, verstehst du. Der Eine, auf den ich immer gewartet habe.«
»Woher kennst du ihn?« Während ich einen weiteren Löffel voll Mac & Cheese nahm, versuchte ich mich zurückzuerinnern, welche seiner Aussagen ich überhaupt noch auf dem Schirm hatte. Doch da war nichts. Zumindest nicht nach dem »Hey«, weil ich mich auf seinen Platz auf meiner Couch gesetzt hatte.
»Er war bei mir im Laden. Hab ich doch gesagt. Und er hat diesen Gedichtband gekauft. Hörst du mir eigentlich irgendwann auch mal zu?«
Oh-Oh. Jetzt war er sauer. Die bis zur Schmerzgrenze hochwandernde Stimmhöhe verriet das deutlich. »Normalerweise lausche ich jedem deiner Worte mit Begeisterung, Darling, aber ich habe heute drei Jobs gemacht, war von sieben Uhr morgens bis vor etwa fünfzehn Minuten auf den Beinen. Und wenn du mich nicht mit deiner wunderschönen Anwesenheit überrascht hättest, wäre ich längst im Reich der Träume.« Weil ich ahnte, dass der von mir angeschlagene versöhnliche Ton nicht ausreichen würde, rückte ich gleichzeitig näher zu ihm und setzte einen treuherzigen Blick auf.
»Schau nicht so. Das ist nicht fair.« Seine Beschwerde zeugte von meinem Erfolg, weshalb ich mich lieber wieder den Resten auf dem Teller zuwandte.
»War ein spezieller Auftrag dabei?« Wie meistens kanalisierte sich Deans Interesse auf meine Einsätze für Your secret Wish. Einer Agentur, die sich – wie der Name schon sagte – auf das Realisieren der geheimen Wünsche ihrer Kunden spezialisiert hatte.
Ich war seit sechs Monaten dort registriert und bekam mehr oder weniger regelmäßig Einsätze zugeteilt. Die Seltenheit dieser Aufträge lag eher meinen Einschränkungen zugrunde. Jeder Mitarbeiter konnte frei wählen, wie weit er bei der Erfüllung der Wünsche zu gehen bereit war. Obwohl ich mich prinzipiell nicht als prüde einstufte, lag fetischorientierter Sex außerhalb meiner persönlichen Toleranzgrenze. Nicht, dass ich diese Art zu leben oder zu lieben ablehnen würde, nur war ich eben kein Fan davon.
»Erst am Wochenende wieder.«
»Geil. Weißt du schon, was anliegt?«
»Nein. Ich bekomm die Instruktionen am Freitag.«
»Das find ich so spannend. Ich bin richtig neidisch.« Dean rückte näher und lehnte seinen Kopf gegen meine Schulter.
»Du kannst dich gerne bewerben. Der Major sucht immer Leute.« Der letzte Rest der Makkaroni verschwand in meinem Mund. Sofort danach sank ich gegen die Lehne und schloss die Augen. Meine Müdigkeit interessierte sich wenig für unseren Besuch. Sie verlangte nach meinem Bett, das sich im Moment noch in zugeklappter Form als Couch unter meinem Arsch befand. Bei der Erinnerung an das riesige Schlafzimmer, das ich mir früher mit meinem Ex Jace geteilt hatte, kam Wut in mir auf, die jedoch sofort wieder verrauchte. Ich hatte es satt, in der Vergangenheit zu leben.
»Als hätte ich da Chancen. Du siehst mega aus, aber ich bin nur ein kleiner, fetter Trauerkloß.«
Dass mein Freund unter seinem eine Spur zu korpulenten Körper litt, war keine Neuigkeit. Nur leider weigerte er sich, etwas dagegen zu unternehmen, was meiner Meinung nach auch nicht notwendig war. Denn obwohl sein leicht pummeliger Körper in Schwulenkreisen zu erschwertem Flirterfolg führen konnte, war etwas Hüftgold längst nicht mehr so verpönt wie noch vor einigen Jahren. Dafür besaß Dean eines der hübschesten Gesichter, die ich kannte, und vor allem wunderschöne dunkelbraune Augen.
Leider sah er selbst das vollkommen anders. Er beneidete mich um meine blauen Iriden und schwärmte sowohl von der seidenen Beschaffenheit meiner braunen, bei feuchtem Wetter zu Locken tendierender Haarpracht als auch von meinem – wie er es nannte – perfekten Körper. Glücklicherweise war ich mit einem mehr als gut funktionierenden Stoffwechsel gesegnet, was mir jegliche Kaloriensünden verzieh. Ich war schlank, passte sowohl in jede trendige Modeerscheinung für Gay-Fashion als auch in die manchmal ausgefallenen Bühnenoutfits á la Freddy Mercury.
»Dafür bin ich zu wenig aufgeschlossen«, brachte Dean einen weiteren, nicht zu verachtenden Punkt aufs Tapet. »Du weißt, ich suche die große Liebe.«
Das klang so verträumt, wie er aktuell dreinsah. Ich hatte noch nie jemanden kennengelernt, der romantischer war als er. Was ihn in meinen Augen zum potenziellen Opfer machte. Schließlich liefen da draußen mehr als genug Arschlöcher herum, die nur darauf warteten, das nächste Herz zertrampeln zu können. Davon konnte ich zweifellos ein Lied singen.
Kapitel 2
Wie immer vor den Aufträgen von Your secret Wish, verspürte ich Nervosität, als ich die Adresse ansteuerte, die mir der Major, der Chef der Agentur, geschickt hatte.
Der Kunde wohnte etwas außerhalb von Northport, einem Städtchen an der Küste, etwa dreißig Minuten von Brooks entfernt, und er wünschte Gesellschaft. Dieser dehnbare Begriff wurde gerne angegeben, stellte sich am Ende aber häufig als Umschreibung von ›Ich-will-Sex‹ heraus. Wofür ich prinzipiell zur Verfügung stand, wenn auch nur unter den Bedingungen, die in meinem Vertrag mit der Agentur festgelegt worden waren.
Grundsätzlich war ich offen für körperliches Vergnügen, solange mich der Kunde ansprach und seine Vorlieben nicht gegen meine Tabus verstießen. Diese Prinzipien waren bisher gewahrt worden, was ich darin begründete, dass der Major eindeutig seine Hausaufgaben machte. Wenn er zwei Parteien zueinander brachte, passte die Konstellation im Normalfall. Was mich für den heutigen Abend – oder sogar die Nacht – zuversichtlich stimmte.
Leichter Nieselregen hatte eingesetzt, der jedoch minütlich stärker wurde. Zum Glück war es erst siebzehn Uhr und somit noch relativ warm. Trotzdem spürte ich die Nässe in meine Kleidung kriechen und wischte mit meinem linken Unterarm über das Visier des Helmes, um besser zu erkennen, wie die nun steiler werdende Straße weiter verlief. Sie schlängelte sich an der flach abfallenden Küste entlang und sofern ich mich nicht irrte, war an der Spitze des vor mir liegenden Kaps bereits mein Ziel zu sehen.
Es bestand aus – wenn ich es aus der Entfernung richtig erkennen konnte – zwei Häusern, die so nah aneinander lagen, dass sie augenscheinlich zusammengehörten. Das Grundstück, das sie umschloss, fiel an drei Seiten steil zum steinigen Gestade ab. Ich sah das typische weiße Glitzern der Wellen, die sich an den Felsen brachen, und spürte, wie sich ein verträumtes Lächeln auf meine Lippen schlich, als ich den Schatten im Hintergrund der Häuser als Leuchtturm identifizierte. Auch wenn seine Bauweise ein wenig vom Üblichen abwich.
Als echtes Kind Maines liebte ich das Leben am Meer und am meisten die märchenhaften Küsten. Leider hatte ich bisher noch nie Gelegenheit gehabt, meiner größten Leidenschaft auf den Grund zu gehen. Leuchttürmen! Und jetzt würde ich vielleicht sogar einen von innen zu sehen bekommen. Eine coole Vorstellung, die mein Herz vor Aufregung schneller schlagen ließ. Ich liebte diese Dinger wirklich!
Der Eingang des Haupthauses war beleuchtet, als ich am Ende der Zufahrt ankam. Ich parkte Cindy ein Stück weiter rechts, wo sie von einem kleinen Vordach vom Regen geschützt sein würde, und verstaute meinen Helm in der hinten angebrachten Box.
Mein Klopfen an der Tür ging beinahe im Geräusch des mittlerweile stärker fallenden Regens unter. Außerdem sangen die ans Ufer peitschenden Wellen ihr Lied. Eine Komposition, die mir fast ebenso gut gefiel wie der Leuchtturm. Die Wartezeit auf das Öffnen der Tür nutzte ich, um einen sehnsüchtigen Blick auf ihn zu werfen. Er erschien mir niedriger, als sie es üblicherweise waren. Ich schätzte ihn auf etwa fünfzehn Meter. In seiner Spitze brannte kein Licht, was wohl bedeutete, dass er nicht aktiv genutzt wurde. Ansonsten müsste er doch den Schiffen da draußen ihren Weg leuchten?
Als ein reichlich steifes »Guten Tag« erklang, fuhr ich herum. Meine Faszination für den Leuchtturm hatte mich glatt übersehen lassen, dass die schwere Holztüre vor mir längst aufgegangen war. Um das zu kaschieren, setzte ich ein Lächeln auf. »Hi. Ich bin Dawn.«
Der von mir genannte Name war mein Nickname. Jeder Mitarbeiter der Agentur hatte einen. Er wurde verwendet, um die Anonymität zu wahren, sowohl den Kunden gegenüber als auch untereinander. Es war außerdem streng verboten, die Namen unserer Auftraggeber – sofern uns dieser überhaupt bekannt war – außerhalb des Auftrags zu erwähnen. Diesen Fehler hatte ich anfangs einmal begangen, was mir beinahe den Ausschluss aus der Agentur eingebracht hätte.
Der Mann, der mir geöffnet hatte, sah wirklich gut aus. Nein – richtig gut! ›Einen-zweiten-und-dritten-Blick-wert-gut‹, wie ich fand. Hätte ich ihn in einem Club oder auf der Straße getroffen, wäre er definitiv auf meiner Flirtliste gelandet. Und das, obwohl er eindeutig älter war als ich.
Ob er über mich ähnlich dachte, blieb offen. Der Blick, der mich traf, schien eher traurig als interessiert, außerdem folgte ein tiefes Seufzen, dem er ein unentschlossenes »Komm rein« folgen ließ.
Ich schob mich an ihm vorbei, wobei ich versuchte, zu ihm so viel Abstand wie möglich zu bewahren. Dazu gab es eine entsprechende Notiz in seiner Akte: Keine Berührungen ohne seine Aufforderung, zurückhaltendes Verhalten, bis er ein eindeutiges Zeichen gab, daran etwas zu ändern. Wobei dieser Hinweis nun, da ich ihn vor mir sah, unnötig erschien. Ich war weder blind noch gefühlsbeschränkt – seine Ablehnung, jeglichen körperlichen Kontakt betreffend, umgab ihn wie eine dunkle Wolke.
Nach ein paar Schritten blieb ich unschlüssig stehen und lugte zu dem Hausherrn hinüber. Er hatte die Eingangstür geschlossen und musterte mich etwas verhalten. So als wäre seine Gemütslage zu meinem Auftauchen zwiegespalten.
Das konnte ich nachempfinden, ging es mir doch ähnlich. Was sein Aussehen betraf, war der Abend vielversprechend. Er überragte mich nur um ein paar Zentimeter, was mir sehr entgegenkam. Zu große Männer waren nicht mein Fall. Wer hatte schon Lust sich einen steifen Nacken vom ewigen Hochsehen zu holen?
»Möchtest du etwas trinken?« Seine Stimme war leise, wurde fast vom Klopfen der Regentropfen gegen die Fensterscheiben übertönt. Er wirkte sympathisch, trotz oder vielleicht sogar wegen seiner Zurückhaltung.
»Gerne«, erwiderte ich, wunderte mich jedoch, warum er mich nicht erst in den Wohnraum bat. Das Kennenlerngespräch würde doch hoffentlich nicht hier im Vorraum stattfinden.
»Ich habe Tee gemacht. Magst du Tee?«
Seine schüchterne Frage verleitete mich zu einem Schmunzeln. Seinem Aussehen nach würde ich ihn auf um die vierzig schätzen und somit etwa fünfzehn Jahre älter als ich. An den Schläfen waren seine Haare grau meliert, was sich recht deutlich von der ansonsten schwarzen Haarpracht abhob. Außerdem gab es da eine zartgraue Strähne, die ihm links in die Stirn hineinfiel.
»Sicher«, antwortete ich.
»Dann komm mal rein. Du könntest deine Jacke dorthin hängen.« Er deutete mit der Hand zu der an der rechten Wand angebrachten Garderobe, doch sein Blick hatte sich an meinem Schuhwerk festgebissen.
Verwundert blickte ich nach unten, und kaum geschehen, kroch mir die Röte der Verlegenheit ins Gesicht. Meine schweren Lederstiefel, die schon bessere Tage gesehen hatten, trugen deutliche Spuren des Regenwetters in Form von reichlich Schmutz. Außerdem bildete sich bereits eine kleine Pfütze unter meinen Sohlen.
»Upps«, stellte ich fest, was meinem Gastgeber ein schiefes Grinsen entlockte. Er selbst trug einladend weich aussehende und vor allem absolut saubere Mokassins.
Meine Zehen plädierten sofort dafür, in ebenso einen Genuss zu kommen, was ich, da die Schuhproblematik meinen Gastgeber wirklich zu beschäftigen schien, zumindest teilweise gleich mal in die Praxis umzusetzen versuchte. »Soll ich vielleicht die Schuhe ausziehen?«
»Das wäre mir recht«, wurde meine Vermutung prompt bestätigt. Er betrachtete nun ebenfalls sein Schuhwerk, ehe er mich wieder ansah. »Ich kann dir auch welche geben.« Womit er offensichtlich diese kuschelig warm wirkenden Teile meinte.
»Ja, bitte«, stimmte ich zu, denn meine etwas unterkühlten Zehen sehnten sich nach einer Trockenlegung.
»Mein Name ist Ethan«, stellte sich der Hausherr vor, während er mir die versprochenen Mokassins reichte. Ein verstecktes Lächeln zupfte dabei an seinen Mundwinkeln. Ihm war anscheinend nicht entgangen, mit welcher Erleichterung ich dem Wechsel meiner Schuhe entgegensah.
»Na dann. Schön, dich kennenzulernen, Ethan«, erwiderte ich, ließ mir meine leichte Irritation nicht anmerken.
»Ebenfalls. Dawn. Richtig?« Er nickte mir zu, ehe er sich in Bewegung setzte.
Ich folgte ihm durch ein mit gefühlt tausend Büchern bestücktes Arbeitszimmer in einen großen Raum, der ihm offensichtlich als Wohnzimmer diente. Mittig an der hinteren Wand verströmte ein gemauerter, offener Kamin seine Wärme und zauberte sanfte, wellenartige Schattenspiele auf seine unmittelbare Umgebung. Was mir aber am besten gefiel, war das riesige Erkerfenster, von dem aus man einen traumhaften Blick auf den Leuchtturm hatte.
Dorthin zog es mich, obwohl mir Ethan, ganz der höfliche Gastgeber, einen Platz auf der Couch angeboten hatte. »Das ist der Wahnsinn«, sprach ich aus, was mein Herz mir diktierte. »Ich würde nur hier sitzen, wenn das mein Haus wäre.«
Es war nicht allein der hoch aufragende, weiß getäfelte Turm, der mich faszinierte. Das Spiel der ihn umkreisenden Wolken war es. Wie sie ihre Tropfen sanft wie eine Liebkosung auf ihn regnen ließen. Und das Abendrot, versteckt hinter der sich stetig verschiebenden Wolkenmauer, ohne die Möglichkeit ein Durchkommen zu finden.
Schon immer hatte mich das sich ständig wiederholende und doch nie exakt gleich aussehende Farbenspiel des Horizonts bezaubert. Genaugenommen hatte diese Vorliebe den Agenturchef zu meinem Your secret Wish-Namen inspiriert. Es war nur eine kurze Erwähnung während des Bewerbungsgespräches gewesen, was jedoch offensichtlich genügt hatte.
Der Major besaß die Gabe, aus einer Vielzahl von Worten diejenigen herauszuhören, die für ihn bedeutend waren – auch wenn mir nicht völlig klar war, warum er genau dieses als so wichtig erachtet hatte. Dawn – die Morgendämmerung – passte, meiner Meinung nach, nämlich nur im weitesten Sinn zu mir. Ich liebte es, dieses Naturschauspiel zu bewundern, aber damit identifizieren konnte ich mich nicht. Da war kein Morgen, auf den ich wartete, oder ein Neuanfang. Selbst wenn das kaum zu meinem Alter von fünfundzwanzig passte, ich hatte mich in mein Schicksal gefügt.
Beziehungen gehörten nicht in mein Leben. Jetzt nicht mehr! Ich wollte nichts dulden, das negative Auswirkungen auf mein Herz haben könnte. Zu vertrauen und verraten zu werden, schmerzte nämlich. Und es brachte Schwierigkeiten mit sich. Daher galt für mich: Scheiß auf die Liebe – die hatte ihre Chance gehabt!
Das hatte ich dem Major nicht erzählt, trotzdem fühlte ich mich auf beinahe bedrängende Weise von ihm durchschaut. Ein Gefühl, das aber aufwertend wirkte, was meine Beziehung zur Agentur betraf. Zu spüren, was der Kunde brauchte und gleichzeitig, in welchem Maß wir – sein Heer der Herzen, wie er uns gerne nannte – damit harmonierten, gehörte zu den herausragendsten Eigenschaften des Majors. Wofür ich ihn mittlerweile bewunderte.
»Magst du Leuchttürme?« Ethan hatte inzwischen auf dem rechten der beiden Lehnsessel Platz genommen, die der mir zugewiesenen Couch gegenüberstanden.
»Ich liebe sie«, gab ich ohne Umschweife zu. »Ich war als Kind mal mit meiner Familie hier in Maine und ab da wollte ich unbedingt in einem Leuchtturm wohnen.« Nachdem ich die Höflichkeit während kurz meinen Blick zu ihm gewandt hatte, richtete ich ihn wieder nach draußen.
»Jetzt nicht mehr?«, fragte Ethan. Die Geräusche in meinem Rücken verrieten mir, dass er dabei war, mir von dem auf dem Tisch vorbereiteten Tee einzuschenken. Interessanterweise hatten, schon als wir hereinkamen, zwei Tassen dagestanden. Somit hatte er wohl mit meiner Zusage gerechnet.
»Doch natürlich. Aber als Erwachsener träumt es sich nicht mehr so leicht.« Mich an meine Aufgabe erinnernd, riss ich mich von der Aussicht los und ließ mich auf der Couch nieder.
Ethans aufforderndes Nicken bewegte mich dazu, nach meiner Tasse zu greifen und einen Schluck zu nehmen. Der Tee war stark und fruchtig. Ich mochte ihn.
»Träume sind potentielle Irrläufer des Lebens. Ich frage mich oft, inwieweit deren Erfüllung somit erstrebenswert bleibt.«
Seine Aussage erschütterte mich ein wenig. Oder vielmehr, die Traurigkeit, mit der er sie aussprach. Weit hinten in meinem Kopf fragte ich mich, warum er dann eine Agentur beauftragt hatte, die ihm seinen Wunsch erfüllen sollte, wenn er doch an der Sinnhaftigkeit genau davon zweifelte. Denn was waren Träume anderes als Wünsche?
Der Gedanke brachte mich darauf, dass ich eigentlich gar nicht genau wusste, was Ethan sich gewünscht hatte. So agierte der Major nicht. Plumpe direkte Anweisungen würden uns lediglich blockieren – so pflegte er es auszudrücken. Gemäß meines Auftrages war ich für einen gemütlichen Abend mit der Option einer Verlängerung für die ganze Nacht gebucht worden. Dieser musste von uns beiden einvernehmlich zugestimmt werden. So war es festgelegt.
»Aber was sind wir ohne Träume?«, wagte ich nachzufragen. »Wir wären dem Stillstand ausgeliefert und zumindest ich befinde mich nicht in der Lage, mein momentanes Leben als Endstation zu akzeptieren.«
»Warum? Bist du unzufrieden?« Er lehnte sich zurück und stellte seine Tasse auf seinem Oberschenkel ab.
Erst jetzt fiel mir auf, wie sexy er gekleidet war. Allerdings auf eine natürliche Weise. Sein beiges Hemd stand bis zur Hälfte offen, ließ auf seine gut definierte Brust blicken. Die wenigen, weich anmutenden Härchen, die dort wuchsen, waren heller als sein Haupthaar. Aus der Entfernung war es nicht genau zu erkennen, aber es konnte sein, dass sie ebenso grau meliert wie das Haar an seinen Schläfen waren.
Ich notierte diesen Punkt als Pro auf meiner gedanklichen Liste, während ich meine eigene Tasse auf dem Tisch abstellte. »Zumindest nicht vollends zufrieden.«
»Ich auch nicht. Nur fehlt mir die Motivation, etwas zu ändern.«
Dieses Statement hatte ich nicht erwartet. Weil er absolut nicht wirkte, als wäre er der Typ, der sich mit irgendetwas Ungewolltem zufriedengab. Und nichts anderes würde es bedeuten, wenn er nur aus – was weiß ich – seelischer Müdigkeit auf ein Vorankommen verzichtete.
»Darf ich dich etwas fragen?« Die eher vertrauliche Art und Weise, mit der ich mich vorwagte, bereitete mir Unbehagen, doch Ethan schien sich nicht daran zu stören.
»Du darfst alles fragen. Genauso wie ich kein Blatt vor den Mund nehmen werde. Nur sind weder du noch ich zu Antworten verpflichtet. So halte ich es für gewöhnlich.«
»Für gewöhnlich?«, pickte ich mir das für mich Wichtigste heraus. Auch wenn ich das schon vermutet hatte, war so ein Arrangement wie heute für ihn also Usus.
»Das ist nicht das erste Mal, dass ich mir Gesellschaft ins Haus hole, wenn es das ist, worauf du anspielst.«
Ich lächelte, weil ich mir einbildete, in seinen grau-blauen Augen etwas Humor aufblitzen zu sehen. »Es ist auch nicht das erste Mal, dass ich so eine Einladung angenommen habe«, erklärte ich ihm leise.
Was mich anging, war die Situation visuell sehr ansprechend. Daher beschloss ich, mich darauf einzulassen. Egal, was kommen würde.
Kapitel 3
Dawn gefiel mir.
Oh, wie gut er mir gefiel.
Gefährlich gut!
Ich klammerte mich regelrecht an meiner Teetasse fest. Kam mir dabei furchtbar dumm vor. Warum nur hatte ich nicht auf mein Bauchgefühl gehört?
Mein Arrangement mit der Agentur Your secret Wish dauerte schon vierzehn Wochen, und bis jetzt hatte mich der Major mit der Auswahl der Männer, die er zu mir schickte, niemals enttäuscht. Er übermittelte mir ein Bild mit einem kurzen Dossier des potenziellen Kandidaten und ich sagte zu oder eben nicht. Letzteres war nie vorgekommen, was ich auf den Geschmack und die Treffsicherheit des Majors zurückführte. Dieses Mal jedoch …
Immer noch konnte ich die Aufregung fühlen, die mich beim Betrachten von Dawns Bild erfasst hatte. Die Warnung in Form meines augenblicklich wild schlagenden Herzens hatte ich ignoriert. Mich darüber hinweggesetzt, was mir meine innere Stimme zugeschrien hatte. Dass er gefährliche Ähnlichkeit mit Laurel besaß. Dem Mann, der mich in den Himmel geführt hatte, nur um mich am Ende in der Hölle zurückzulassen.
»Wohnst du allein hier?«
Dawns Frage verwunderte mich nicht. Die meisten seiner Vorgänger hatten sie gestellt, doch bei denen war sie mir stets als Floskel erschienen. Bei ihm war das anders. »Ja«, beantwortete ich sie daher.
»Schon immer?«
Diese spezifischere Nachfrage löste in meinem Magen einen Erdrutsch aus. Wieso sprach er sie aus? Worauf spielte er an? Oder war sie so harmlos gemeint, wie sie geklungen hatte?
»Darauf möchte ich nicht antworten«, erwiderte ich misstrauisch. Schon bereute ich, mit meiner üblichen Tradition, alle persönlichen Fragen unbeantwortet zu lassen, gebrochen zu haben.
»Okay.« Seine entspannte Miene hielt sich trotz meiner Ablehnung, wofür ich ihm Respekt zollte. Nur ein Hauch Unsicherheit hatte sich hineingeschlichen, was sich in seiner Stimme niederschlug, als er weitersprach. »Ich dachte nur. Vielleicht bist du ja schon hier aufgewachsen?«
Sofort bereute ich meine schroffe Reaktion, obwohl es mir eigentlich egal sein sollte, was dieser Typ von mir hielt. Er war hier, um mir zu gefallen, meine Bedürfnisse zu stillen. Nur dass mir dieser sonst übliche Gedanke heute nicht gefiel.
»Ich wohne schon immer hier«, erwiderte ich prompt, womit ich mein eigenes Denken überrumpelte.
»Cool!« Wieder klang er, als wäre das sein Ernst, was mich nicht nur beruhigte, sondern sogar auf seltsame Weise locker machte.
Wie schlimm ist es, ihm ein wenig von mir zu erzählen?, fragte ich mich stumm. Ich werde ihn nach heute nie wiedersehen. Und noch bevor ich meine innere Frage beantwortet hatte, entschieden sich meine Lippen dafür, auf etwaige Bedenken zu pfeifen. »Ich bin hier aufgewachsen. Mein Vater fuhr zu See, bis er in den Ruhestand ging.« Ich hörte meine eigenen Worte, konnte aber nicht fassen, dass ich sie tatsächlich ausgesprochen hatte. Seit es Laurel nicht mehr in meinem Leben gab, war es von tiefem Misstrauen erfüllt. Jedem gegenüber, der darin aufgetaucht war.
Warum gefiel es mir dann, dass Dawns Verhalten mir suggerierte, ihm vertrauen zu können? Zumindest in dieser harmlosen Form der Unterhaltung. Er besaß wunderschöne blaue Iriden, wie ich schon bei meinem ersten Blick auf ihn festgestellt hatte. Die Intensität des regelrecht leuchtenden Azurs hatten mit die Fotos von ihm verwehrt. Doch jetzt strahlte sie mir umso deutlicher entgegen. Schickte ein kühles Erdbeben durch mein Innerstes, das mich dennoch nicht frösteln ließ. Es nistete sich ein, erzeugte eine seltsame, aber nicht unangenehme Leere in mir, die danach verlangte, gefüllt zu werden. Von Dawns Anwesenheit, seiner Stimme, seinen Berührungen.
Ich erschauerte, war aber froh, dass ich es nicht nach außen zeigte. Er durfte nicht merken, wie sehr er mir unter die Haut ging. Diese Waffe würde ich ihm nicht in die Hand geben.
»Und wer hat den Leuchtturm betrieben? Sag mir bitte, dass deine Mom es war. Dass sie für das Licht gesorgt hat, das ihren geliebten Mann nach Hause gelotst hat. Fuck, das klingt, als wäre ich ein hoffnungsloser Romantiker.« Er stieß ein angenehm lockeres Lachen aus. »Das bin ich … wenn überhaupt … allerdings nur, solange es um Leuchttürme geht. Ansonsten bin ich Realist, fürchte ich.«
Ich stimmte in sein Lachen ein, obwohl mir nicht danach war. Ich war früher ein rettungsloser Romantiker gewesen. Früher! Was lange her und praktisch vergessen war. »Es ist ja kein richtiger Leuchtturm«, klärte ich ihn auf.
»Also funktioniert das Licht gar nicht?«
»Ich fürchte nicht. Obwohl es oben eine Lampe gibt. Doch die leuchtet nicht annähernd so weit, wie ein echter Leuchtturm es tun müsste.«
»Schade.« Er zog seine Nase kraus, während er sich seine Teetasse griff. »War sie niemals oben? Deine Mutter meine ich.«
Ich schmunzelte versteckt über die Enttäuschung in seiner Stimme. Sah plötzlich meine Mom vor mir. Sie hatte ein manchmal regelrecht kindliches Wesen besessen. Zumindest wenn es um ihre Liebe zu meinem Vater gegangen war. In meiner Erinnerung sauste sie die kleine Anhöhe hinauf zum Leuchtturm, die Freude über Dads Heimkehr im Gesicht. Und ich wollte Dawn daran teilhaben lassen. »Sie war immer dort, wenn mein Dad seine Rückkehr angekündigt hatte.«
Warm lächelnd griff Dawn sich einhändig an sein Herz. »Danke. Das rettet mir wirklich meine Träume.« Er hob seine Tasse an, stellte sie jedoch schnell wieder ab, ohne getrunken zu haben. Stattdessen fing er meinen Blick ein. »Sorry. Du möchtest ja nicht über Träume sprechen.«
»Das habe ich nicht gesagt«, widersprach ich ruhig. »Nur, dass ich ihren Sinn anzweifele.«
»Stimmt. Na dann.« Jetzt nahm er doch einen Schluck Tee, nur um mich danach über den Tassenrand hinweg zu fixieren. »Gibt es auch etwas Stärkeres als Tee?«
»Es wäre mir lieber, wenn du keinen Alkohol trinkst.« Was er wissen sollte. Das gehörte zu den Kriterien, die ich für diesen Auftrag vermerkt hatte.
»Stimmt. Sorry. Mein Fehler.« Er schenkte mir ein absolut hinreißendes Lächeln, wodurch es mir unmöglich war, ihm ernsthaft böse zu sein. »Ist nicht so, als würde ich regelmäßig trinken. Ich dachte nur … zur Auflockerung.« Eine Grimasse folgte, die genauso einnehmend war wie sein Lächeln.
Mein vorlautes Herz beschleunigte seine Schläge, und in meinem Kopf begann ein dumpfes Brummen. Ein Anzeichen dafür, dass sich die beiden uneinig waren. Was der eine begehrte, jagte dem anderen Angst ein. Höllische Angst, weil ich dem Ding in meiner Brust nämlich jede Mitsprache versagte! Kurz kam mir in den Sinn, das Ganze abzubrechen. Es wäre nichts dabei. Wenn der Major – wovon ich ausging – sich an meine Vorgaben gehalten hatte, wusste Dawn, dass es nicht unweigerlich zu Sex kommen musste. Nur, sofern wir beide einverstanden waren.
»Hey. Es tut mir leid. Ja?« Reue zeichnete sich in seine Züge. Er wirkte allgemein jünger als in seinem Infoblatt. Und noch so viel sympathischer und vor allem anziehender, als ich befürchtet hatte.
»Du spielst in einer Band?«, brachte ich das einzige Thema zur Sprache, das in der Lage war, mir ihn weniger schmackhaft zu machen.
Entgegen meiner üblichen Angewohnheit hatte ich die zusätzlichen Infos in Dawns Dossier regelrecht verschlungen. Dort konnte jeder der Begleiter freiwillige Angaben über seine Hobbys machen. Die meisten nutzten den Platz, um sexuelle Praktiken anzupreisen, in denen sie sich besonders begabt sahen. Dawn hatte ihn verwendet, um auf seine Leidenschaft für Rock ’n’ Roll hinzuweisen. Was mich gleichermaßen angezogen wie abgestoßen hatte. Ich selbst hörte ausschließlich klassische Musik und hatte für das Gedröhne aus E-Gitarren nicht viel übrig. Ich wusste noch, dass ich mich gefragt hatte, was ihn dazu bewogen hatte, diese Angabe über sich selbst zu machen. Und ich erinnerte mich außerdem daran, wie sehr mich meine Neugier erschüttert hatte. In etwa gleich stark wie Dawns optische Ähnlichkeit mit der Liebe meines Lebens. Der Grund dafür war ein einfacher. Ich durfte kein Interesse zeigen. An ihm nicht. An niemanden!
»Ja. Ich bin der Leadsänger und spiele, wenn es nötig ist E-Gitarre. Zu unserem Repertoire gehören zum größten Teil Coversongs. Wir treten etwa einmal pro Monat im 4UwithLove auf. Einem Club in Portland. Er gehört einer Freundin. Ich liebe es, Musik zu machen.«
Seine Offenheit beschämte mich und weckte gleichzeitig Neid in mir. Wann hatte ich das letzte Mal das Gefühl gehabt, mich jemandem öffnen zu können? Laurel hatte diesen Wunsch zerstört. Wie ich befürchtete, möglicherweise sogar für immer.
»Und wie lange schon?«, fragte ich, wie ich mir einredete, um mich abzulenken. Doch die Wahrheit kroch einem Druck gleich durch meine Brust und legte sich um mein Herz. Nur verzögert erlaubte ich mir, zu erkennen, wie sehr es mich verlangte, mehr über ihn zu erfahren. Einfach mehr. Egal was.
»Erst seit zwei Jahren. Ich bin auch nicht besonders gut. Da gibt es weit bessere. Aber es macht Spaß!« Leichte Röte kroch in seine Wangen. Er war stolz auf das, was er tat, das hörte ich an der Färbung seiner Stimme.
Die Enge rund um mein Herz verstärkte sich. Das lief überhaupt nicht so, wie es laufen sollte. Plötzlich sehnte ich mich danach, meine eigenen Regeln zu vergessen und mir ein Glas Portwein einzuschenken. Oder sogar etwas Stärkeres. Verzweifelt sann ich nach einem Ausweg aus dieser Situation, doch das Einzige, das mir einfiel, würde eher nicht dazu beitragen, Dawn weniger zu mögen.
»Ich wäre an Sex interessiert«, löste mein Mund das Problem, natürlich ohne mich gedanklich vorzuwarnen. Nun waren es meine Wangen, die sich rot färbten, außerdem traten mir Schweißperlen auf die Stirn. Ich konnte nicht fassen, was ich da gesagt hatte!
»Okay. Reichlich direkt, aber ich bin dabei.« Dawn war ähnlich überfordert, wie ich mich fühlte. Was wir beide zu verbergen versuchten.
Stille senkte sich über das Zimmer und über uns. Alles außer meinem hart pochenden Herzen schien in den Hintergrund zu rücken. Nein, das stimmte nicht. Dawns Mienenspiel beobachtend genoss ich die Vorfreude, die in mir aufstieg, gleichzeitig rang ich mich dazu durch, mit mir selbst einen Pakt zu schließen: Ich würde diese Nacht genießen. Es nicht nur bei einer schnellen Nummer belassen.
Ich wollte Dawn. Voll und ganz. Er sollte mir gehören, für die Stunden der Nacht, bis die Sonne uns aus dem Schlaf kitzeln würde. Ich würde mir holen, wonach ich mich sehnte. Und ihn danach gehen lassen.
Und nie wieder sehen!
Kapitel 4
Das ist mit Sicherheit nicht sein Schlafzimmer, dachte ich, als wir den eher unpersönlichen Raum betraten.
Schon während ich ihm die Treppe nach oben gefolgt war, hatte der Unglaube über die Situation in mir zugenommen. Es war mir unbegreiflich, wie schnell das Wohlgefühl verschwunden war, das mich erfüllt hatte, seit ich den Leuchtturm gesehen hatte. Mit jeder Minute, die Ethan und ich uns unterhalten hatten, war es gewachsen. Doch jetzt war es wie weggewischt, ersetzt durch eine Unsicherheit, die ich nicht erklären konnte.
Ich wusste nicht, was passiert war, aber irgendetwas hatte in Ethan einen Schalter umgelegt. Er war von freundlich und wundervoll schüchtern zu unpersönlich und fast schon ekelhaft sachlich gewechselt, und wenn ich auch sonst nicht viel wusste, mein Missfallen über diese Entwicklung stand fest.
Ich war mir nicht einmal mehr sicher, ob ich tatsächlich mit ihm ins Bett steigen wollte. Schon gar nicht in dieses äußerst unbequem wirkende Teil aus dunklem, morsch aussehendem Holz. Früher mochte es vielleicht ein Himmelbett gewesen sein, doch die Jahre und die feuchte Küstenluft hatten ihre Spuren in die Stützen geritzt, die den Baldachin trugen.
Ethan schritt an mir vorbei an die linke Seite des hölzernen Ungetüms. Einhändig sein Hemd öffnend vermied er jeden Blickkontakt zu mir. Schon seit wir uns unten im Wohnzimmer erhoben hatten, hatte er mich nicht mehr angesehen.
»Ich verwende meine eigenen Kondome«, sagte ich, nur um irgendetwas zu sagen. Sein Verhalten machte mich wütend. Sehr sogar. Mittlerweile bereute ich es, dem Sex zugestimmt zu haben.
»Natürlich. Wie du willst.«
Obwohl er mir antwortete, sprach er im Grunde mit dem Fenster, das links von ihm lag. Regen peitschte gegen die Scheibe, ließ die Sicht nach draußen verschwimmen, die aber aufgrund der Dunkelheit ohnehin eher dürftig gewesen wäre.
»Bist du sicher, dass du das hier willst?« Ich versuchte, seinen Blick in der Spiegelung des Fensters zu erhaschen, bekam jedoch lediglich ein schemenhaftes Abbild. Trotzdem war ich überzeugt, er konnte mich sehen. Mein Spiegelbild oder eben den Teil davon, der nicht von dem blöden Bettpfosten inklusive beigem Vorhang versperrt war, der zwischen uns aufragte.
Sein Mund ging auf, dann wieder zu. Zumindest bildete ich mir ein, das zu erkennen. Anschließend wirbelte er herum, so abrupt, dass ich regelrecht zurückschreckte. Eine drückende Kälte durchzog meine Brust, als ich den Kampf in seiner Mimik erkannte.
»Ethan.« Meine Stimme versagte beinahe. »Sag mir doch, was ich falsch gemacht habe.«
»Du? Nichts.« Er senkte den Blick, machte einen tiefen Atemzug. »Vielleicht hätte ich das heute lassen sollen?«
Es klang mehr, als würde er zu sich selbst sprechen, weshalb ich nicht auf seine Bemerkung einging. Stattdessen machte ich ein paar Schritte auf ihn zu. »Soll ich gehen?« Ein Teil von mir wünschte sich seine Zustimmung, doch der andere Part war viel größer. Der, der sich nach einem Nein sehnte.
Er gab es mir – das Nein – aber mehr gehaucht als ausgesprochen. Dafür sah er mich wieder an, und da flackerte Begehren in seinen blau-grauen Iriden.
