Mein Herz, Mein Kompass - Denise Yahrling - E-Book

Mein Herz, Mein Kompass E-Book

Denise Yahrling

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Beschreibung

Vom Mut, den Blick nach innen zu wenden "Denise glaubt die Erfüllung im Außen gefunden zu haben, von der sie geträumt hat. Dennoch toben in ihr stets innere Kämpfe: Gefühle, Sorgen und Ängste, die insbesondere mit ihrer chronischen Krankheit, Mukoviszidose, in Zusammenhang zu stehen scheinen, übermannen sie immer wieder. Um sich dem zu stellen, trifft sie eine folgenreiche Entscheidung: Sie wird allein nach Kolumbien reisen, um zehn Tage bei einem Vipassana-Retreat in Stille meditierend den Blick nach innen zu wenden. Obwohl sie nicht weiß, was sie erwartet, folgt sie ihrem Herzen und nimmt somit die bisher größte Herausforderung ihres Lebens an. Was sich ihr dabei zeigt, stößt einen Prozess der Heilung an und schafft neue Klarheit für ihren weiteren Weg, um gehegte Träume in die Realität umzusetzen… Eine persönliche und berührende Geschichte, in der Denise von ihren Erfahrungen und Erkenntnissen über Leben und Tod, Angst und Mut erzählt und wie man die Balance zwischen äußerer Erfüllung und innerer Zufriedenheit erlangen kann. Zwischen zum Träumen einladenden Beschreibungen findet der Leser auch eine besondere Tiefe, die zum Nachdenken anregt. Lasse dich mitnehmen auf die spannendste Reise, die wir unternehmen können - die Reise nach Innen." "Unser Herz - es ist nichts anderes als unser Kompass. Es führt uns immer dorthin, wo wir hingehören, es bringt uns immer auf den richtigen Pfad. Unserem Herzen zu folgen bedeutet, unsere Bestimmung zu leben." - Denise Yahrling, "Mein Herz, Mein Kompass"

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Seitenzahl: 305

Veröffentlichungsjahr: 2020

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MEIN HERZ, MEIN KOMPASS

Eine Geschichte über Mut, Hingabe und Vertrauen

Denise Yahrling

© 2020 Denise Yahrling

www.deniseyahrling.com

www.travelousmind.com

Autor: Denise Yahrling

Umschlaggestaltung: Tamas Cserep

RAW AF artworks.

www.rawaf.shop

Foto, Autorentext: Florian Schulz

Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN: 978-3-347-18346-9

Hinweis auf das Urheberrecht: Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne die Zustimmung des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Die Namen und charakteristischen Identifikationsmerkmale einiger Personen, die in diesem Buch auftreten, wurden abgeändert. Obwohl die Ereignisse in diesem Buch der Wahrheit entsprechen, wurden sie teilweise verdichtet, gekürzt oder neu angeordnet. Alle Ereignisse, sowie Dialoge, habe ich, laut meiner Erinnerung, so genau wie möglich wiedergegeben.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d- nb.de abrufbar.

Denise Yahrling, 1991 in Bernkastel-Kues geboren, ist leidenschaftliche Weltenbummlerin, Indie Autorin, Content Creator und Teilzeitnomadin. Anfang 2016 startete sie ihren Blog, Travelous Mind, um über das Leben und Reisen mit chronischer Erkrankung, sowie andere Herzensthemen zu schreiben. Heute nutzt sie vor allem ihre Bücher als kreativen Outlet und teilt so ihre Geschichte und Gedanken zu Themen wie persönlichem Wachstum, Selbstreflexion und Achtsamkeit mit. Denise lebt seit ihrer Geburt mit der chronischen Stoffwechselerkrankung Mukoviszidose, die sie dennoch nicht von einem erfüllten Leben und der eigenen Selbstverwirklichung abhält.

Fotos

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VORWORT

Wenn das Leben uns ein Zeichen schickt, tut es dies zunächst auf eine eher subtile Art und Weise. Kleine Stupser in die richtige Richtung. Ungehört und ungesehen jedoch werden sie lauter, eindeutiger, unverkennbarer. Wenn wir unsere Augen und unser Herz für sie öffnen, lenken sie uns sachte, weisen uns den Weg. Sie ermutigen uns und breiten sich, in der Regel wenn wir sie am meisten brauchen, vor unseren Augen aus, damit wir in unserer Angst und Unsicherheit unserem Ziel nicht den Rücken kehren. Und gleichzeitig stellt das Leben uns in diesen Momenten auch auf die Probe. „Immer, bevor ein Traum in Erfüllung geht, prüft die Weltenseele all das, was auf dem Weg gelernt wurde,“ schrieb Paulo Coelho dazu. Eine Reise, ob es sich um eine physische handelt, eine Reise zu sich selbst oder diejenige Reise, die uns zur Verwirklichung eines Traumes hinführt, ist zu Beginn oft von Klarheit, Euphorie und Leichtigkeit geprägt. Die Dinge fließen einfach, wir fühlen uns verbunden. Nähern wir uns dem Ziel, das wir verfolgen, wird die Reise holpriger und birgt oft mehr Schwierigkeiten, als wir meinen, bewältigen zu können.

„So schwer kann das doch nicht sein!,“ mag man sich dann denken und vielleicht glauben wir, dass der Weg doch falsch gewählt sei. Doch wenn wir auf unser Herz hören, verrät es uns, ob es das ist, was wir wirklich wollen.

Mein starker Wunsch, nach Südamerika zu reisen und dort an einem zehntägigen Schweigeretreat teilzunehmen, obwohl ich nicht mal genau wusste, was ich mir davon erhoffte oder was mich erwarten würde, hatte mich an diesen Moment in Raum und Zeit katapultiert. Und nun stellte mich das Leben auf die Probe. In diesen Momenten weiß ich, dass es an mir liegt, zu ergründen und zu beweisen, wie sehr ich es will.

TEIL I

STILLE

4. Januar 2018

„Das kann doch nicht wahr sein…,“ murmelte ich leise vor mich hin. Ich spulte zurück und hörte mir die gerade gehörte Passage ein zweites Mal an, während ich meine bisherigen Zweifel, diese Reise angetreten zu haben, langsam verblassen sah. Nachdem ich aus einem leichten Dämmerschlaf wieder aufgewacht war, hatte ich mit dem Gedanken gespielt, einen Film anzuschauen. Ich zappte durch die Filme, die „VivaColombia“, die Fluggesellschaft, mit der ich flog, zur Auswahl bot und schaltete zunächst einen Film an, der sich „How to be Single“ nannte. Ein grauenhafter Titel. Außerdem stellte sich heraus, dass der Film nur auf Französisch verfügbar war, was mir etwas seltsam erschien, da die Fluggesellschaft kolumbianisch war. Ich wählte einen anderen Film mit Jack Nicholson, den ich schon kannte und auf Spanisch ansehen wollte, um etwas an meinen Spanischkenntnissen zu feilen, doch auch dieser ließ sich nur auf Französisch abspielen. Nachdem ich feststellte, dass außerdem die Buchse zum Einstecken der Kopfhörer in der Armlehne neben mir defekt zu sein schien, gab ich es letztendlich auf und kramte meinen iPod aus dem Fach vor mir. „Ich habe doch genügend gute Podcasts, die ich mir anhören kann,“ dachte ich mir. Außerdem würde ich dabei möglicherweise weniger verblöden als beim Schauen eines eher sinnfreien Filmes.

Ich wählte eine Podcastfolge von Oprah Winfrey aus der „Super Soul Sunday“-Serie, die ich ganz gern hörte. Ihr Interviewgast war Elizabeth Gilbert, eine meiner liebsten Autorinnen und eine für mich sehr inspirierende Persönlichkeit. Ihr Roman „Eat, Pray, Love“ hatte damals in erheblichem Maße dazu beigetragen, dass ich zu meinen ersten Reisen allein aufgebrochen war und begonnen hatte, die Schönheit dieser Welt für mich zu entdecken. Das zweite Buch, das ich von ihr gelesen hatte, „Big Magic“ hatte mir beim Schreiben meines eigenen Buches geholfen. Sie sprachen im Interview zunächst über die sogenannte „Heldenreise“, eine Reise, auf die sich jeder machen kann, wenn er dem Ruf seines Herzens folgt. Der Aufruf nämlich, herauszufinden, wer und wozu wir hier sind und was unsere Bestimmung - unser „Warum“ - ist.

Mein „Warum“ hatte ich im Vorjahr für mich entdeckt, nachdem ich meiner inneren Stimme immer mehr gelauscht hatte. Seitdem hatte sich mein Leben maßgeblich verändert. Insbesondere die Erkenntnis, weshalb ich hier auf der Erde war oder zumindest die Ahnung dessen, gab mir immer wieder ein tiefes Gefühl von Vertrauen in das Leben und dass ich stets das Richtige tat, wenn ich nur meinem Herzen und meiner Intuition folgte. Zu dieser Erkenntnis war ich während des Schreibens meines ersten Buches „Das Leben passiert für dich: Mit Mukoviszidose und Rucksack um die Welt“ gelangt, nachdem ich meine ganze bisherige Lebensgeschichte niedergeschrieben hatte. Die Verknüpfungen, die ach so logischen Konsequenzen und Folgen einer jeden Begegnung, eines jeden Schicksalsschlages, eines jeden Momentes - all das hatte ich plötzlich schwarz auf weiß vor mir gesehen. Und ich kam nicht umhin zu realisieren, wie perfekt alles zusammen passte. Wie ein Puzzle, das sich im Laufe des Lebens nach und nach fügte, insofern man sich auf die Suche nach den einzelnen Puzzleteilen machte. Auch war mir letztendlich klargeworden, dass die Krankheit, die ich von Geburt an hatte und die mir über Jahre viele Sorgen, viel Traurigkeit und Missmut bereitet hatte, mich zu dem Menschen gemacht hatte, der ich war. Dass ich ohne sie nie so erfüllt gelebt hätte und meinen Träumen nachgegangen wäre wie ohne sie. Dass insbesondere sie ihren Sinn in meinem Leben hatte.

Den Buchdruck hatte ich dann mithilfe einer Crowdfunding Kampagne finanzieren können und die Erfahrung war eine einmalige gewesen. Mich erreichten immer häufiger Nachrichten und Emails von Menschen, die mein Buch gelesen hatten und deren Leben durch meine Erzählungen auf irgendeine Weise verändert worden war und es erfüllte mich jedes Mal mit Dankbarkeit und Liebe, wenn ich dieses bestärkende Feedback bekam.

Oprah fragte Liz im Interview dann, was ihre bisher größte Herausforderung im Leben gewesen sei und ihre Antwort haute mich zugleich innerlich um und jagte mir eine Gänsehaut über den Rücken. Es war ihr innerer Kampf, der Kampf gegen sich selbst, das Sitzen mit sich selbst und mit ihren eigenen Gedanken, Gefühlen, Ängsten und Sorgen, mit der Trauer und mit der Scham. Sie beschrieb genau diesen Konflikt, den ich schon lange in mir spürte, der in mir tobte und wütete, auch wenn ich glaubte, im Außen all die Erfüllung gefunden zu haben, von der ich geträumt hatte, sie zu finden. Auch, wenn ich mich immer in ausgeprägterem Maße selbst verwirklichte, meinen Träumen folgte und meinen ganz eigenen Weg im Leben ging, spürte ich diesen Kampf in mir laut und deutlich.

Sie berichtete dann von ihrem viermonatigen Meditationsretreat in einem Ashram in Indien, wovon sie eine Woche in absolutem Schweigen verbracht hatte. Dort lernte sie, mit all diesen Gefühlen einfach nur zu sein und liebevoll mit sich umzugehen. Ich selbst befand mich gerade im Flugzeug gen Kolumbien, genauer gesagt nach Medellín, um dort, unter anderem, an einem zehntägigen Schweigeretreat teilzunehmen. Insgesamt sechs Wochen würde ich durch Kolumbien reisen, ein Land und auch ein Kontinent, das ich zum ersten Mal besuchte. Auch wenn ich schon so einige Reisen hinter mir hatte, ebenfalls allein und samt Rucksack ganz auf eigene Faust, fühlte sich das hier wie eine ganz andere Hausnummer an.

Schon lange interessierte ich mich für dieses faszinierende Land und nach Südamerika zu reisen, war ein großer Traum von mir. Schon bei meinen letzten beiden großen Reisen, wovon eine in den Süden Europas ging und die andere nach Marokko, hatte ich anfänglich Südamerika angepeilt, doch ich hatte mich dann letztendlich doch noch nicht bereit gefühlt, auch wenn ich mir die Route schon weitestgehend zurechtgelegt hatte. Im Nachhinein war ich froh darum, dass ich mir dieses Erlebnis aufgespart und meine ersten Reiseerfahrungen in bekannteren Gefilden gesammelt hatte. Daher war die Aufregung groß, als ich dann tatsächlich die Flüge buchte und somit fest plante, direkt zu Beginn des neuen Jahres 2018 nach Kolumbien zu fliegen.

Diese Reise per se hatte tatsächlich einen recht speziellen Ursprung. Was ich nämlich, von der Destination mal ganz abgesehen, schon lange tun wollte, war, an einem sogenannten Vipassana-Retreat teilzunehmen. Ich hatte schon einige Erzählungen von Menschen aus meinem Umfeld gehört und jedes Mal hatten sie ein Kribbeln bei mir in der Magengrube ausgelöst. Als ich dann, eher zufällig, nach Vipassana-Kursen in Lateinamerika Ausschau hielt, war einer der wenigen, noch verfügbaren Kurstermine genau dort, wo ich sowieso mal hinwollte: Kolumbien.

Was Vipassana ist?

Damit du dir ein besseres Bild davon machen kannst, wie diese Erfahrung für mich gewesen ist (und prinzipiell, wie wenig Ahnung ich hatte, was da auf mich zukam), beschreibe ich zunächst nur die Fakten, die ich zu dem Zeitpunkt selbst kannte.

Vipassana bedeutet in Pali, einer altindischen Sprache, soviel wie „die Dinge so zu sehen, wie sie sind“ und ist eine uralte Meditationstechnik, die von Siddartha Gautama, dem Buddha, wiederentdeckt und gelehrt wurde. Über Jahrhunderte von Lehrer zu Lehrer weitervermittelt, machte letztendlich ein Herr S.N. Goenka die Vipassana Technik erst für eine breitere Masse zugänglich und brachte die Vipassana Lehre in den Westen. Mein Wissen über die Technik selbst und die Zeit, die ich dort verbringen würde, war nicht sonderlich umfangreich. Ich wusste nur, dass man im Rahmen dieses Kurses etwa zehn Stunden täglich meditieren, es ziemlich hart und herausfordernd würde und dass man im Prinzip nur zwei Mal täglich zu essen bekäme. Das Wort „Retreat“ war also möglicherweise etwas irreführend, wenn man sich darunter eine entspannende Auszeit ausmalte. Wie hart die Zeit letztendlich wirklich, nicht nur körperlich, sondern auch mental, werden würde, wie lebensverändernd, konnte ich zu dem Zeitpunkt noch nicht wissen, obgleich ich es doch sicherlich ahnte.

Warum diese Podcastfolge und die Worte von Liz Gilbert also zu einem so gelegenen Zeitpunkt kamen und ich sie als eines dieser besagten Zeichen vernahm?

Wenn du eine Reise wie diese antrittst, dann gibt es viele von Zweifeln (und auch von Angst) erfüllte Bemerkungen von verschiedenen Menschen aus deinem Leben, wie zum Beispiel:

„Du willst doch nicht ernsthaft allein nach Kolumbien.“

„Hast du eine Ahnung, was dort abgeht? Willst du gekidnappt werden?“

„Da kommt doch dieser Pablo ‚noch was‘ her, oder?“

„Wie, zehn Tage schweigen? Und den ganzen Tag meditieren? Wird man da nicht wahnsinnig?“

Und dann natürlich noch die (nicht ganz unberechtigten) Sorgen in Bezug auf meine Grunderkrankung, die Mukoviszidose: „Sicher, dass das nicht gefährlich ist für deine Gesundheit? Das schadet dir doch! Wer weiß, ob du genügend Zeit für deine Inhalationen hast? Ob du genug zu essen kriegst?“

Die Krankheit, von der ich spreche und die mich schon mein Leben lang begleitet, nennt sich Mukoviszidose oder Zystische Fibrose (auch kurz „CF“ von „Cystic Fibrosis“ im Englischen). Sie ist eine angeborene, genetische Erkrankung, die durch ein Defekt im CFTR-Gen entsteht. Dieser Gendefekt bewirkt, dass der Austausch von Salz und Wasser im Körper nicht ordnungsgemäß funktioniert. Es kommt also zu einem Ungleichgewicht im Salz-Wasser-Haushalt, was dazu führt, dass der die Zellen bedeckende Schleim im Körper zu wenig Wasser enthält und zäh wird. Demnach „verstopfen“ viele verschiedene Organe und funktionieren nicht so, wie sie sollen. Dazu gehört vor allem die Lunge, aber auch die Bauchspeicheldrüse und weitere Organe.

Was das also effektiv bedeutet? Ein CF-Betroffener hat in der Regel Probleme bei der Atmung, die Lunge muss regelmäßig von dem zähen Schleim „befreit“ werden, es müssen viele Medikamente eingenommen werden und Inhalationen müssen mehrmals täglich erfolgen, was einen erheblichen Zeitaufwand darstellt und mit viel Disziplin einhergeht. Gefährliche Keime, wie z.B. der Pseudomonas Keim, können sich in der Lunge festsetzen und im Laufe der Zeit zusätzliche Schäden anrichten. Ganz reguläre virale Infekte, die bei jedem „Gesunden“ möglicherweise nur für eine kurze Erkältung sorgen, können bei Muko-Betroffenen zum Beispiel zu Bronchitis oder gar Lungenentzündungen führen und so Langzeitschäden hervorrufen. In regelmäßigen Abständen stehen außerdem Antibiotikakuren an, wobei meist drei Mal täglich intravenös sehr starke Antibiotika verabreicht werden, um die Keime in der Lunge in Schach zu halten und um diese möglicherweise auch loszuwerden, wenn sie noch nicht lange in der Lunge gesessen haben.

Mukoviszidose ist eine recht seltene, chronische Erkrankung, dennoch dabei die häufigste Stoffwechselerkrankung und sie betrifft etwa 8000 Patienten in Deutschland und mehr als 70.000 weltweit. Heute lässt es sich mittlerweile bei einer adäquaten medizinischen Versorgung gut mit der Krankheit leben. Trotzdem ist die Krankheit eine fortschreitende, was bedeutet, dass die Lunge im Laufe der Jahre zunehmend beschädigt wird und ein Patient tendenziell mehr als weniger Einschränkungen mit den Jahren erleben wird. Dafür liegt die aktuelle durchschnittliche Lebenserwartung aber schon bei mehr als 50 Jahren, eine weitaus bessere Prognose für Patienten als noch vor einigen Jahrzehnten, als es bei einer Diagnose im frühen Kindesalter hieß, dass Betroffene nicht mal erwachsen würden. Die CF-Forschung geht mit riesigen Schritten voran, weshalb es ein Segen ist, in diesem Zeitalter und in einem medizinisch gut versorgten Land wie Deutschland zu leben.

Bezüglich dieser Reise war mir klar, dass meine Freunde, Familie und Bekannten sich nur Sorgen machten und dass diese Sorgen von Liebe erfüllt und die Bemerkungen nur gut gemeinte Ratschläge waren. Sie waren aber natürlich auch Ausdruck ihrer eigenen Verunsicherung und ich versuchte stets, diese Sorgen zu besänftigen, indem ich sie in meine Reiseplanung und Recherche mit einbezog, um ihnen zu versichern, dass ich wusste, was ich da tat. Ich hatte mit Leuten gesprochen, die selbst in Kolumbien gewesen waren, hatte recherchiert, in welchen Regionen und Orten ich mich bewegen konnte und worauf ich generell Acht geben musste. Dennoch wollte ich keine 0815-Touri-Erfahrung, sondern, wie bisher auch, ganz individuell reisen und voll und ganz in das lokale Leben eintauchen. Außerdem war mir bewusst, dass diese Zweifel ausschließlich von Menschen stammten, die selbst noch nie (oder zuletzt vor mehreren Jahrzehnten) in Kolumbien gewesen waren und deshalb kaum fundiert waren.

Bei all der Mühe jedoch, die Sorgen meiner Mitmenschen zu besänftigen und während ich dachte, dass all diese Zweifel einfach an mir abperlten und nicht an mich herankämen, merkte ich erst jetzt, als ich im Flieger saß, wie die Zweifel und die Angst langsam in mir aufstiegen. Scheinbar waren sie doch unbemerkt in mein Unterbewusstsein gesickert, ganz langsam, wie Wasser durch Gestein in die Erde tropft.

WELCOME TO COLOMBIA

19:30 Uhr. Medellín, Kolumbien.

Nach einem ziemlich holprigen Anflug landete die Maschine auf der Landebahn in Medellín. Mein Magen drehte sich gefühlt schon zum 30. Mal um. Mir war speiübel - ein Anzeichen meiner Angst und dem Gefühl des absoluten Kontrollverlustes. Die Angst ist ein Gefühl, das ich aus verschiedenen Situationen in meinem Leben schon kannte. Wir kennen sie alle. Der Sprung vom Baum, bei dem wir als Kind die Augen zusammenkniffen und auf eine seichte Landung hofften. Der Moment, in dem wir unseren ersten Bühnenauftritt in der Schule haben und das Publikum plötzlich still wird und alle Augen auf uns gerichtet sind. Der erste Kuss, die erste Reise, der erste Job. Eine Enge in der Brust, ein schnelles Schlagen des Herzens, Schweiß tritt auf die Stirn. Aber in diesem Moment überkam mich mehr als diese Angst. Ich rutschte in einen Panikmodus hinein, denn ich fühlte mich plötzlich mutterseelenallein. Und mir wurde klar, dass dieser holprige und harte Anflug auf der Landebahn sinnbildlich für die harte Landung in einer neuen Phase meines Lebens stand, dass dieser Flow-Zustand, der mich über die letzten paar Jahre begleitet hatte, vorerst ein Ende haben würde, dass nun herausforderndere Zeiten bevorstanden. Ich wusste es nicht, ich ahnte es nur, fühlte es.

Während des Fluges hatte ein Kopfkino meine Gedanken eingenommen, welches in Dauerschleife den selben Film abspielte: Wie ich in Medellín nach Einbruch der Dunkelheit ankäme (was schon nicht unbedingt ratsam war), in einem neuen Land auf einem neuen Kontinent und wie ich mich vom Flughafen auf den Weg zu meiner Unterkunft machen musste.

„Du kannst eigentlich jedes gelbe Taxi nehmen, da solltest du gar keine Probleme haben,“ war die Anweisung meines Airbnb-Hosts hinsichtlich meiner Anreise. Ich würde also den Shuttlebus vom Flughafen ins Zentrum nehmen und von dort in ein Taxi steigen. No problem. Im Flugzeug jedoch hatte ich mit einem Mitreisenden gesprochen, der etwa im selben Alter war wie ich und der aus Bogotá, der Hauptstadt Kolumbiens, kam. Ich hatte mir erhofft, dass er mich etwas beruhigen könne, schließlich war er Einheimischer und wusste, wie die Dinge hier zugingen. Allerdings wirkte er selbst wenig überzeugt, als er sagte, dass Medellín ja „eigentlich ganz sicher sei“. Seine Reaktion zog den Knoten, der in meiner Magengrube saß, noch fester und ich wurde noch unruhiger. Im Prinzip wusste ich, dass ich auf mein Bauchgefühl vertrauen konnte, aber ich war nun so sehr in meinen Kopf gerutscht, in meine Sorgengedanken, dass ich mein Bauchgefühl gar nicht mehr wahrnahm.

Die Szenen, die sich in meinem Kopf abspielten, waren lebhaft. Szenen aus der Netflix-Serie „Narcos“ kamen mir in den Sinn, doch ich schob sie so gut es ging wieder beiseite und bemühte mich, wieder klar zu denken. Mir blieb nun sowieso nichts anderes mehr übrig, es gab kein Zurück. Ich musste darauf vertrauen, dass ich die richtige Entscheidung getroffen hatte. Ich würde springen und mich fallen lassen… und sehen, wo und wie ich dabei aufkäme.

Die Ankunft in Medellín, die Bus- und Taxifahrt, vor der ich mich so gefürchtet hatte, war wie in Trance an mir vorbeigezogen. Ich war in eine Art „Funktioniermodus“ gewechselt und auch wenn es mich einige Anstrengung gekostet hatte, war ich sicher an meiner Unterkunft angekommen. Wir waren hoch über das im Dunkel des Abends hell erleuchtete Medellín in den Ortsteil „Laureles“ hinuntergefahren - mit das einzige Bild, was mir von meiner Anreise noch in Erinnerung geblieben ist. An meiner Unterkunft angekommen und aus dem Taxi steigend, fing mich eine Dame ab, die gerade auf dem Nachhauseweg war und die mit fragendem Blick auf mich zukam.

„Mi cariña, was machen Sie denn um diese Uhrzeit hier? Wo müssen Sie denn hin?“ Ich nannte ihr die Adresse meiner Unterkunft und sie brachte mich zu dem Haus, das nur wenige Schritte von uns entfernt lag, da der Taxifahrer mich ziemlich exakt vor dem richtigen Haus abgeliefert hatte.

„Hopp, schnell rein mit dir,“ sagte sie dann auf Spanisch und bedeutete mir, das Außentor und die Haustür nach dem Betreten hinter mir wieder fest zuzuziehen. Alle Fenster der Häuser rings um mich herum waren vergittert, was einerseits meinen Vorstellungen entsprach, andererseits sehr befremdlich auf mich wirkte. Ich bedankte mich bei der Dame und gab den Code für die Haustüre ein, den mein Gastgeber mir vorab per Email geschickt hatte, woraufhin die Tür sich öffnete und ich samt meinem Rucksack eintrat.

*

Im Laufe unseres Lebens gibt es bestimmte Glaubenssätze, die wir uns, meist unbewusst, aneignen. Glaubenssätze sind praktisch Schlussfolgerungen, die wir in bestimmten Situationen oder in Folge gewisser Erfahrungen ziehen. Eine meiner fest verankerten Glaubenssätze war, dass ich immer dachte, ich müsse stark sein. Dass kein Raum für Angst und „Schwäche“ da war, oder ich zumindest nicht äußern sollte, wenn ich mich fürchtete oder unsicher war. Keine Fehler machen dürfen, „perfekt“ sein. Dieser Anspruch steckt in so vielen von uns.

In dieser Zeit in Medellín wurde ich mir über diesen Glaubenssatz bewusst. Oft gehen wir durch’s Leben ohne uns dieser Glaubens- und dementsprechenden Verhaltensmustern bewusst zu werden. Wir lernen etwas über das Leben, verinnerlichen den Glauben und unser Verhalten geht fast automatisch mit diesem Glaubenssatz einher, ohne dass wir es überhaupt mitkriegen. Wenn wir uns darüber bewusst werden, ist meist nicht alles von jetzt auf gleich gelöst und unser Verhalten verändert, aber es breitet sich eine wundervolle, neu gewonnene Klarheit über das eigene Innenleben aus.

Wie mein Glaubenssatz, immer stark sein zu müssen (welcher natürlich nicht der einzige war und ist, der sich durch mein Leben zog), entstanden war, war nicht schwer zu erkennen. Ich war mit einer Krankheit groß geworden, die viel Disziplin und Stärke bedurfte und vor allem meinen Eltern gegenüber wollte ich nie zeigen, dass es auch Tage gab, an denen mein Alltag mit all den Therapiemaßnahmen extrem frustrierend war. Nicht, dass sie es nicht verstanden hätten. Ich hatte nur immer die Sorge, dass sie sich umso mehr sorgen würden, wenn ich all das offenlegte. Meine spätere Angst über die Bedeutung dieser Krankheit für meine Zukunft, war für mich nicht in Worte zu fassen. Auch mir selbst gegenüber fand ich die Worte nicht. Bis mich die Erkenntnis dessen mit Anfang 20 mit voller Wucht traf und mich kopfüber in eine Depression stürzte. All das waren Themen, die immer wieder aufkamen und einer der Gründe, weshalb ich mich für das Vipassana-Retreat entschieden hatte. Ich wollte vor alledem nicht mehr wegsehen und mich meinen tiefsten Ängsten stellen.

Meine ersten Tage in Medellín sollten also die erste Lektion meiner Reise werden. Ich wollte nicht nur dieses Neuland Schritt für Schritt erkunden, sondern mir vor allem selbst deutlich machen, dass ich mich verletzlich und „schwach“ zeigen durfte, auch denjenigen gegenüber, bei denen ich am meisten fürchtete, mich so zu zeigen.

Nachdem ich den ersten Abend in meiner Unterkunft mit meinen drei WG-Mitbewohnern bei einem Aguardiente, dem typisch kolumbianischen Schnaps, einem leckeren Hühnchen-und-Reis-Dinner und holprigen Gesprächen auf Spanisch (zwei meiner Mitbewohner kamen aus Buenos Aires und waren dementsprechend schwer zu verstehen) verbrachte, machte ich mich am nächsten Tag auf in ein Coworking-Space in der Nähe, in dem ich ein wenig arbeiten wollte. Ein Coworking-Space ist eine Einrichtung, in der insbesondere Selbstständige und Freelancer, die kein eigenes Büro haben oder viel unterwegs sind, die dortige Infrastruktur, in der Regel bestehend aus Arbeitsplätzen und Highspeed-Internet, nutzen können. In erster Linie allerdings, wollte ich mich in einen Raum begeben, der mir, neben meiner WG im Laureles-Viertel, geschützt erschien. Der Weg dorthin kostete mich wahnsinnig viel Überwindung. Ich schaute im Wechsel auf mein Handy, um mich zum Space zu navigieren, und in meine Umgebung, gleichzeitig darum bemüht, mir die Angst, die in meinen Knochen steckte, nicht anmerken zu lassen. Ich war in einem mir unbekannten Ort noch nie so ängstlich gewesen und ich erkannte mich selbst kaum wieder, während ich so angespannt durch die Straßen von Medellín lief.

Im Coworking-Space angekommen, ließ ich mir die Räumlichkeiten zeigen, quatschte ein wenig auf Englisch mit Coworkern, die aus verschiedenen Ländern, insbesondere aus den USA, kamen, und setzte mich dann an einen freien Platz in Nähe der großen Fensterfront, um mich einigen Aufgaben zu widmen, zu denen ich in den letzten Tag nicht gekommen war - ein Videoschnittprojekt, das zu Ende gebracht werden wollte, ein neuer Blogpost für meinen Blog und eine kleine Aufgabe für den Reiseblog, an dem ich als virtuelle Assistentin arbeitete, standen an. Doch ich konnte mich einfach nicht konzentrieren. Diese Angst und das unwohle Bauchgefühl krochen wieder in mir auf. Ich wollte von alledem, was in mir vorging, wegsehen, doch ich konnte vor dem Gefühl nicht flüchten und ich würde auch die kommenden Tage nicht ständig wie ein verschrecktes Mäuschen durch die Straßen rennen können. Also richtete ich den Blick nach innen und nahm all das wahr, was in mir vorging:

„Wenn dir etwas passiert, hast du’s versaut. Dann bist du nicht mehr die selbstständige Frau, die allein und selbstsicher um die Welt reist.“

„Du hast wohl gedacht, du könntest nach Kolumbien kommen und auf coole Reisebloggerin machen, ja? Wen wolltest du denn verarschen?“

„Jetzt bist du aber plötzlich ganz schön kleinlaut. Und vorher große Töne gespuckt, was? Gib’s doch auf und begib dich wieder nach Deutschland - in Sicherheit.“

Meine innere Kritikerin sprach laut zu mir und was sie zu sagen hatte, machte mich wütend. Ich geriet in Gedankenspiralen, die mich mit festem Sog in die Tiefe zogen. Ich zweifelte stark an mir selbst. Dann spürte ich die Tränen in mir aufsteigen, nahm wahr, wie mein Hals sich zuschnürte. Ich musste jetzt mit einer mir bekannten Person sprechen, eine Stimme hören, die sanfter und liebevoller mit mir sprach als meine innere. Ich zog mich in einen kleinen Raum zurück, der für Meetings unter Coworkern gedacht war und nahm mein Telefon zur Hand, um meine Freundin Lisa anzurufen.

Lisa hatte ich gerade mal wenige Monate zuvor kennengelernt auf einer Reise nach Ägypten, aber wir hatten dennoch innerhalb kürzester Zeit eine tiefe Freundschaft zueinander aufgebaut. Wir waren uns in vielerlei Hinsicht sehr ähnlich, hatten häufig dieselben Gedanken und persönliche Herausforderungen, Träume und Wünsche. Daher hörte sie innerhalb der ersten Sätze, dass etwas nicht mit mir stimmte. Sie hörte sich jedes Wort an (sie ist mit die geduldigste und liebevollste Person, die ich kenne), sprach mir gut zu und riet mir zuletzt, mal mit Florian zu sprechen. Auch wenn die Hemmschwelle momentan eher groß war, das zu tun, wusste ich, dass es genau das war, was ich tun sollte.

„Hey,“ sagte er, als er meinen Anruf annahm. Ich hörte eine gewisse Heiterkeit heraus, darüber, dass ich diejenige war, die anrief, doch abgesehen davon, klang er wie ein anderer Mensch. Ein Mann, den ich einerseits kannte, der mir aber auch in gewisser Weise fremd war.

„Hey, ich dachte ich rufe mal an. Ich hoffe das ist OK.“

„Natürlich ist das OK. Immer.“

Mein Magen zog sich kurz zusammen. Das traf mich. Auf eine gute Weise. Ich spürte jetzt schon die Nähe zu ihm, obwohl uns tausende von Kilometern voneinander trennten.

„Wie geht es dir?,“ fragte ich ihn, obwohl ich eigentlich bereits die Antwort kannte.

„Naja,“ sagte er mit bedrückter und dunkler Stimme. „Ich komme schon irgendwie klar. Wie geht’s dir?“

Ich dachte kurz darüber nach und ließ mich dann einfach fallen.

„…Ich habe wahnsinnige Angst. Ich kann kaum von A nach B, ohne panisch zu werden. Keine Ahnung, was mit mir los ist, aber irgendwie habe ich das Gefühl, ich muss gerade durch das hier durch. Aber ich fühle mich so allein. Es fühlt sich nicht richtig an, ohne dich zu sein.“

„Ich weiß. Mir geht es genauso. Aber ich glaube, da müssen wir jetzt durch. Geh es langsam an. Schritt für Schritt. Mach’ dir selbst nicht so viel Druck. Und lass’ all das da sein, diese Angstgefühle und die Trauer. Das steht dir alles zu.“

„Ich denke ständig, ich werde an der nächsten Straßenecke aufgegabelt und entführt. Dabei weiß ich doch, dass ich mit Verstand reise und auch auf mein Bauchgefühl hören kann. Ich glaube die Angst ist nur der Ausdruck von etwas anderem.“

„Du bist das erste Mal allein in Südamerika. Du wirst dieses Retreat machen und das ist alles sehr viel, was du dir da vorgenommen hast - sehr viel neues und unbekanntes. Aber es ist wichtig, dass du all das tust. Da wo die Angst ist, da zieht es dich hin. Da sollst du hin. Da wo die Angst ist, da ist auch Wachstum.“

Ich schwieg, denn ich wusste natürlich, dass er Recht hatte. Schließlich hatte ich diese Worte selbst schon häufig in den Mund genommen. Aber warum fiel es mir jetzt so verdammt schwer? Und warum lähmte mich meine Angst dieses Mal so sehr?

„Dir steht eine sehr intensive Zeit bevor, wo du nochmal viel über dich lernen wirst, wo du viel aufdecken und einige deiner Ängste bewältigen kannst. Das ist klar, dass dein Körper sich gegen all das sträubt.“

Er sprach voller Mitgefühl und schien genau zu wissen, was ich gerade durchmachte. „Ich liebe diesen Mann so sehr…,“ schoss es mir durch den Kopf und mein Herz zog sich vor Liebe zusammen.

„Danke,“ sagte ich einfach nur und pausierte. „Du findest immer genau die richtigen Worte und kennst mich so gut. Auch wenn du so weit weg bist, fühle ich mich verbundener mit dir denn je.“

„Mir geht’s genauso… Du fehlst mir.“

Von den beiden Gesprächen wieder aufgebaut, machte ich mich die nächsten Tage daran, mein Viertel weiter zu erkunden und mich Schritt für Schritt vorzutasten. Ich ging im Einkaufscenter in der Nähe meiner Unterkunft bummeln und machte meine Einkäufe im Supermarkt. Der nächstgelegene Park samt Spielplatz, in den ich mich dann mal vorwagte, war von freundlich dreinblickenden, bewaffneten Security Guards bewacht - eine Tatsache, die mir etwas befremdlich erschien, mir aber in meiner derzeitigen Phase auch ganz recht war. Hier konnte ich mich das erste Mal mit meinem Notizbuch unter freien Himmel setzen. Etwas, das ich nicht nur auf Reisen, sondern auch sonst regelmäßig tat, um meine Gedanken zu sortieren und wieder bei mir anzukommen. Unter dem Schutz der Wächter traute ich mich sogar, mein Handy aus der Tasche zu holen und die eine oder andere Sprachnachricht an Freunde und Familie zu versenden. Ich hatte außerdem gerade eine weitere, für mich in jenem Moment recht große Hürde überwunden: Ich hatte eine SIM Karte besorgt, alles auf Spanisch, was sich als eine recht komplizierte Angelegenheit entpuppt hatte. Ich merkte, wie ich langsam auftaute.

Ich sprach im späteren Verlaufe des Tages außerdem mit einer weiteren Freundin und zuletzt mit meiner Mutter, der ich ganz offen erklärte, dass ich gerade eine schwierige Phase durchmachte und gestand, dass ich mich fürchtete, ich mich auch nicht mehr als „die Starke“ geben wollte. Was ich zurückbekam, waren Verständnis, Zuspruch und Dankbarkeit für meine Ehrlichkeit, was mich wahnsinnig bestärkte. Häufig fürchten wir uns vor der Reaktion anderer Menschen, wenn wir unser wahres Gesicht zeigen und uns verletzlich machen. Wenn man es jedoch wagt und sich so zeigt, ist die Reaktion allzu oft eine weitaus positivere, als wir es uns vielleicht ausgemalt haben. Die Menschen, die uns lieben, schätzen in der Regel unsere Ehrlichkeit und sind dankbar, dass wir uns ihnen zeigen, denn das bedeutet, dass wir ihnen unser Vertrauen schenken.

Die Tage bis zu meiner Abreise zum Vipassana-Retreat verbrachte ich noch damit, allein oder mit meinem WG-Mitbewohner Graham das restliche Medellín Stück für Stück zu erkunden. Wir gingen oft in ein kleines mexikanisches Restaurant essen, in dem man seine gewünschten Gerichte auf einem Papiermenü ankreuzen und sich so nach und nach durch das gesamte Speiseangebot durchprobieren konnte, was wir innerhalb dieser paar Tage auch taten. Preisgünstiger hatte ich bis dahin auswärts kaum gegessen, auch in Marokko nicht. Ich besuchte voller Faszination den „Parque Explora“ am anderen Ende der Stadt, eine Art interaktives Museum, das in verschiedenen Ausstellungen Themen wie Zeit, den menschlichen Geist oder das Gehirn behandelt und dem das größte Süßwasseraquarium Lateinamerikas innewohnt.

Gemeinsam besuchten wir außerdem die Innenstadt mit ihrem quirligen Treiben und den „Plaza Botero“, auf dem die weltweit bekannten Statuen des Künstlers Fernando Botero - das sind die Figuren mit den riesigen Hinterteilen aus Bronze - stehen. Außerdem machte ich noch einen Ausflug nach Guatapé, einem Ort etwa zwei Stunden von Medellín entfernt, der für seine bunten, historischen Gebäude, den Fels „El Peñol“ und den ihm umgebenden Stausee bekannt war. Es war ein ziemlich großer Schritt, wenn ich bedachte, dass ich erst eine Woche zuvor kaum vor die Haustüre hatte treten wollen.

Meine Angst war von Minute zu Minute geringer geworden und ich fühlte mich nun bereit, meine nächste Challenge anzugehen: Das zehntägige Schweigeretreat in den Bergen bei Medellín.

Der Ausblick auf Medellín vom „Parque Explora“

In Guatapé nahe Medellín kurz vor meinem Vipassana Retreat…

DIE ANKUNFT

„Die größten Ereignisse - das sind nicht unsere lautesten, sondern unsre stillsten Stunden.“

- Friedrich Nietzsche

Es gibt diese Momente im Leben, in denen du weißt, dass etwas bevorsteht, das dich tiefgreifend verändern wird. Einer dieser Momente war, als ich in einem Auto saß, dessen Insassen mich gerade buchstäblich von der Landstraße aufgegabelt hatten, und wir dann in Richtung Berge fuhren. Weg von der Zivilisation, fernab geteerter Straßen, weit außerhalb des Kolumbiens, das ich bis dato kennengelernt hatte.

Ich war, tollpatschig wie eh und je, aus dem Bus, der mich aus dem Zentrum von Medellín hergebracht hatte, von der Schwere meines Rucksacks aus der Balance gebracht, heraus getaumelt und die Treppenstufen auf meinem Hinterteil hinuntergerutscht. Ein heldenhafter Abschied von allen Mitreisenden, die im Bus saßen. Es hieß in der Wegbeschreibung der Organisatoren, dass wir den Busfahrer informieren sollten, wo genau er halten solle. Die Anweisung in der Email war, mit dem Bus nach Guarne zu fahren, einer kleinen Gemeinde in der Nähe von Medellín, welche an der Landstraße nur durch das „Jardines de Orient“ Restaurant gekennzeichnet war. Weitere Anweisungen aus der Begrüßungsemail, die alle wichtigen Informationen für unser Retreat enthielt, waren die Ankunftszeit, Finanzierung (nämlich so viel, wie wir letztendlich am Ende bereit waren, zu zahlen), und alle Dinge, die wir mitbringen sollten. Dazu gehörten ein Meditationskissen, wenn möglich eine Bettdecke für kalte Nächte und Bettzeug, Schuhe, die leicht an- und auszuziehen waren, Regenschirm und -jacke, Hygieneartikel, ein Wecker, eine Taschenlampe, sowie Mückenspray. Außerdem hieß es, dass wir keine eng anliegende Kleidung tragen, kein eigenes Essen, keinen Lesestoff oder Notizbücher mitbringen und keinen auffälligen Schmuck tragen sollten. Ganz schön strenge Regulierungen für meinen Geschmack, doch ich ahnte, dass all das schon seinen Grund haben würde.

Nur wenige Meter war ich gelaufen, als schon das Auto neben mir angehalten hatte und eine der jungen Frauen, die im Auto saß, mich fragte, ob ich zum Vipassana-Center wollte und ob sie mich mitnehmen sollten. ‚Hallelujah, was ein Glück!,‘ schoss es mir nur durch den Kopf. Der Weg zum Center wäre ziemlich beschwerlich gewesen, vor allem mit dem schweren Rucksack, der auf meinen Schultern lastete. Ich setzte mich neben die anderen Mädels auf die Rückbank und nahm meinen Rucksack auf den Schoß. Wir fuhren entlang schlammiger Wege und kurviger Schotterstraßen, immer weiter die Berge hinauf. Unsere Rucksäcke und Handtaschen auf dem Schoß, die Koffer derjenigen Frauen, die in den nächsten zehn Tagen meine Mitbewohnerinnen werden würden, im Kofferraum. Es war ein Vater einer der etwas jüngeren Teilnehmerinnen, der uns nun zu dem Gelände fuhr, auf dem das Vipassana-Center stand und in das wir gleich einchecken würden. Ich saß eingepfercht zwischen zwei Mädels, die hektisch auf Spanisch von ihrer Anreise bis hierher erzählten, von ihren Erwartungen an die kommenden zehn Tage und auch von ihren Ängsten vor dem Ungewissen. Auch wenn ich nicht alles Wort für Wort verstand, so war die Grundstimmung doch bei uns allen dieselbe: Wir hatten alle keine Ahnung, worauf wir uns da eingelassen hatten. Das Schöne war, dass diese leise Vorahnung, nämlich dass sich für uns alle in nächster Zukunft so einiges verändern würde, uns alle miteinander verband und zwar unabhängig davon, welche Sprache wir sprachen und welcher Herkunft wir waren.

Ich versuchte noch verzweifelt, meiner Mutter eine letzte Nachricht zu schreiben, bevor es daran ging, mein Smartphone auszuschalten und an der Anmeldung abzugeben, damit sie wusste, dass ich heil am Retreat-Center angekommen war, doch hier in den Bergen war der Empfang so schlecht, dass meine Nachrichten einfach nicht versendet wurden. Eine der Mitfahrerinnen bot mir großzügigerweise ihr Handy an, denn sie hatte hier noch Empfang. Ich betete, dass meine Mutter die Nachricht noch las, damit sie sich die kommenden zehn Tage nicht völlig verrückt machen musste. Ich setzte mich mit dem Smartphone der jungen Frau, die ich auf der Fahrt hierher kennengelernt hatte, auf die kleine Grünfläche vor dem Grundstück und atmete, nachdem ich meine Nachricht abgesendet hatte, noch einige Male tief ein und aus. Als nächstes würde ich mich bei den zuständigen Mitarbeiterinnen anmelden und alles abgeben, das mich mit der Außenwelt - der mir in jenem Moment gefühlsmäßig sehr fernen Welt - verband. Die nächsten zehn Tage würde es nichts geben außer diesem Haus, dem es umgebenden Garten, den Menschen, die an diesem Retreat teilnahmen und mir selbst.

Das Vipassana Center - mein Zuhause für 10 Tage