Mein Leben und meine Hoffnung - Werner Großkopf - E-Book

Mein Leben und meine Hoffnung E-Book

Werner Großkopf

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Beschreibung

"Mein Leben und meine Hoffnung" ist die autobiografische Geschichte des Werner Großkopf. Aufgewachsen in einem Dorf im Brandenburgischen unweit der Oder wird der begeisterte Sportler und Segelflieger im letzten Kriegsjahr als Elitekämpfer zu den Fallschirmjägern eingezogen. Bei äußerst verlustreichen Kampfeinsätzen in Italien und Frankreich wird seine Einheit fünfmal "wieder aufgefüllt". Da ist er gerade 17 Jahre alt, zehn Tage vor seinem 18.Geburtstag gerät er in die Gefangenschaft durch die Amerikaner. Der gnadenlose Überlebenskampf und die nachfolgende Gefangenschaft in den USA und Schottland prägen ihn nachhaltig und machen ihn zum überzeugten Kriegsgegner bis an das Ende seiner Tage. "Ihr wisst nicht, was Krieg ist!" - ist seine mantrahafte Botschaft an die Nachgeborenen, besonders an seine Familie. Die ist mit den elf Kindern groß und auch für DDR-Verhältnisse außergewöhnlich. Fast alle haben Abitur gemacht und studiert und später das kleine Dorf im Oderbruch verlassen. Hier ist Werner Großkopf nach dem Kriegstrauma auf der Suche nach neuen Idealen und Herausforderungen. Die findet er als einer der jüngsten LPG-Vorsitzenden in den frühen fünfziger Jahren und lebt sie als "Führungskader in der sozialistischen Landwirtschaft" fortan aus bis zur Obsession. Die Konflikte des Leistungsbeseelten mit den politisch Mächtigen sind vorprogrammiert und bestimmen wichtige Phasen seines Lebens. Es ist die authentische Beschreibung der Widersprüchlichkeiten der DDR-Wirtschaft , in der viele hoch engagierte Leiter ihr Bestes geben und zusehen müssen, wie diese letztlich scheitert. Und trotzdem hat er seine Probleme mit dem, was danach kommt - die Wende. Es ist der zweite radikale Umbruch in seinem Leben. Mit dem Kapitalismus kann und will er sich nicht arrangieren. Glücklicherweise schon im Ruhestand und materiell abgesichert, analysiert, kritisiert und verflucht er das System. Die alten Erfahrungen aus dem Krieg kommen durch und er warnt wieder und wieder vor den neuen Gefahren. Das Gute ist, er hat nie seine Hoffnung verloren. Dass das alles nicht so bleiben muss und sich alles wieder ändern kann.....

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Seitenzahl: 591

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Nach Nationalsozialismus, Sozialismus, Kapitalismus zu einer gerechten Gesellschaftsordnung

INHALT

Gedanken zur Niederschrift

Jugend, Lehrjahre, Soldat, Gefangenschaft. Heimkehr

Heirat, Einzelbauer, Genossenschaftsbauer, Vorsitzender, Studium, Leiter von Genossenschaften

Wende, Rentner

Schlussfolgerungen

Schlusswort

Neuküstrinchen im Oderbruch

Familie Großkopf 1996

Von links: Thomas. Jörg, Gudrun, Jutta, Christina, Stefan, Mama Christel, Haiko, Papa Werner, Matthias, Karsten, Michael, Andreas

1. Gedanken zur Niederschrift

Die Entwicklung in Natur und Gesellschaft wird immer mehr durch subjektive und objektive Einflüsse bestimmt. Der Mensch wird davon beeinflusst und geprägt. Dabei spielt es eine große Rolle, welchen Einfluss die jeweilige Gesellschaft auf den Menschen ausübt. Da jede Gesellschaftsordnung ihre eigenen Ziele verfolgt, wird der Mensch diesen Zielen untergeordnet. Sein, Bewusstsein und Charakter bestimmen jedoch letztendlich das Verhalten des Menschen. Egal in welche Gesellschaftsordnung man hineingeboren wurde oder lebt, am Ende braucht man nur sich selbst und niemandem sonst darüber Rechenschaft ablegen. Entscheidend ist nicht die Gesellschaft, in der man lebt, sondern wie man sich gegenüber den Menschen verhalten hat. Wie war nun das Leben, in das ich hineingeboren und hineingewachsen bin?

Ich will versuchen, meine Erfahrungen zu schildern und zu werten. Damit verbinde ich gleichzeitig die Hoffnung, dass meine Kinder und Nachkommen die eigenen hinzufügen und weitergeben. Damit kann man zwar nicht die Welt verändern, aber die nächsten Angehörigen, vielleicht sogar darüber hinaus, erfahren etwas über Zeiten, die sie nur vom Hörensagen oder aus Büchern und Filmen kennen. Ich halte das für sehr wichtig, dass man sein eigenes Leben schildert und nicht, dass irgendwelche Leute darüber ihr Urteil abgeben. Das eigene Erleben, die Nähe am Geschehen birgt zwar die Gefahr der subjektiven Betrachtungsweise, hat aber den Vorteil, weil nicht manipuliert, der objektiven Wahrheit ein Stück näher zu kommen.

Ich habe aufgeschrieben, was ich bisher erlebt habe. Ich werde weiterschreiben, bis es nicht mehr möglich ist. Meine Vorfahren und niemand aus der Familie haben bisher eine schriftliche Erinnerung hinterlassen. Deshalb mache ich den Anfang damit. Das sind 70 bis 80 Jahre eigene Erfahrungen. Hinzu kommen die Erzählungen der Eltern und Großeltern. Ich kann also über drei Generationen berichten. Ausführlich über meine Generation und weniger über die meiner Eltern und Großeltern, weil die mündlichen Überlieferungen nur kurze Ausschnitte ihres Lebens widerspiegeln. Aber in der Familie sind inzwischen zwei neue Generationen heran gewachsen. Die ausführlich über die kommenden 70 oder 80 Jahre berichten können. Jede Generation macht ihre eigenen Erfahrungen und kommt zu unterschiedlichen Erkenntnissen. Wenn das in Schriftform vorliegt, kann sich die Nachfolgegeneration (in der Familie) ihr eigenes Urteil bilden. Ich wünsche mir, dass künftig möglichst viele aus unserer Familie das Begonnene weiterführen, vielleicht wird daraus einmal eine richtige Familienchronik.

2. Jugend, Lehrjahre, Soldat, Gefangenschaft, Heimkehr

Mein Geburtsort ist Altglietzen, dort kam ich am 19. August 1926 auf die Welt. Meine Eltern, Willi und Marie Großkopf, waren Bauern. Sie besaßen einen Bauernhof und betrieben einen Milchhandel. Auch beide Großelternpaare kamen aus dem Bauernstand. Meine ersten Erinnerungen sind das Gackern von Hühnern, das Grunzen von Schweinen, das Muhen der Kühe und das Wiehern der Pferde. Später kamen noch Enten, Gänse, Puten, Tauben, Hunde und Katzen dazu. Wir hatten auch Kaninchen, gezähmte Krähen und Elstern. Es gab alles, was ein Bauernhof haben musste, aber auch was er haben konnte. Die Gebäude, Haus und Stallungen, waren neu und für die damalige Zeit sehr modern eingerichtet. Mein Großvater väterlicherseits hatte in früherer Zeit das Grundstück erworben und so waren meine Eltern in der Lage, ein neues Gehöft aufzubauen. Für mich war das, was dort stand, keuchte und fleuchte eine ganz normale Sache, denn ich hatte nichts anderes kennengelernt. Erst später wurde mir klar, wie viel Fleiß und Schweiß darin steckte. Vieles wurde dem Hof untergeordnet. Das war damals eine Selbstverständlichkeit und wurde nie in Frage gestellt. Ich hatte noch drei Geschwister. Zwei Schwestern und einen Bruder. Herta, Hilde und Kurt. Sie waren vier, drei und anderthalb Jahre älter als ich. Das hatte Vor-und Nachteile. Vorteile, weil ich manches schon früher bekam als allgemein üblich. Nachteile, weil ich manches schon machen musste, was auch nicht immer üblich war.

Auf dem Hof lebten meine Großeltern väterlicherseits, meine Eltern, meine Geschwister, eine Magd und ein Knecht. Der Knecht blieb immer derselbe. Die Mägde wechselten, meist um in den Stand der Ehe zu treten, selten aus anderen Gründen.

In den ersten Kinderjahren war Großvater eine wichtige Bezugsperson, denn er hatte die meiste Zeit. Die anderen waren im Haus, auf dem Feld oder mit dem Milchgeschäft beschäftigt. Großvater genoss sein Altenteil. Er machte im Dorf seine Runden und wenn er zurückkam, erzählte er mir aus seinem Leben, und das in reinstem Plattdeutsch. Ich kann heute noch nicht gutes Platt sprechen, aber dafür jedes Wort verstehen. Wir saßen an warmen Tagen im Schatten auf einer Bank und im Winter in Großvaters Stube am Ofen. Wenn er erzählte, waren das die schönsten Stunden. Er erzählte mir sein Leben mit den traurigen und harten Kinder- und Jugendjahren. Er war der Sohn eines Bauern. Der frühe Tod seiner Eltern war gleichzeitig das Ende seiner behüteten Jugend und auch das des Bauernhofes. Die Arztkosten hatten den Hof aufgefressen. Er kam unter den Hammer. Großvater kam als Hütejunge zu Bauern, wurde zum Essen und Schlafen von Bauer zu Bauer weitergereicht, durfte nicht zur Schule und durfte nur arbeiten. Dass er nicht wie andere Kinder zur Schule durfte, ist ihm besonders nahe gegangen. Später hat er sich das Lesen und Schreiben selbst beigebracht. Dann, den Kinderjahren noch nicht ganz entwachsen, begann sein sozialer Aufstieg. Er wurde Knecht bei einem Bauern. Jetzt wurde er nicht mehr weitergereicht. Jetzt war er nur eines Bauern Knecht.

Aus dieser Zeit sind mir besonders die Gruselgeschichten in Erinnerung geblieben, die Großvater besonders gern im Herbst oder Winter in der Grummelstunde am Ofen erzählte und von denen er überzeugt war, dass sie der Wahrheit entsprachen.

Eine ging so. Es war an einem Winterabend. Frischer Schnee war gefallen, er hatte sich gerade „en poar Hosen verknöpt“ (seine Worte) und der Hof war gut zu übersehen. Da stand plötzlich mitten auf dem Hof eine schwarze Gestalt mit Gehrock und Zylinder. Großvater hat seine Hosen angeknöpft und ging auf die Gestalt zu. Doch die war weg. Weder die Gestalt noch Spuren im Schnee waren zu sehen. Trotzdem war er davon überzeugt, dass die schwarze Gestalt leibhaftig vorhanden gewesen sei. Der Beweis für das Übernatürliche war das Verschwinden des Fremden, ohne auch nur eine Spur zu hinterlassen.

Ich erinnere mich noch an eine weitere Spukgeschichte von meinem Großvater. Eines Tages, es wurde schon dunkel, hatte er eine Fuhre Mist aufs Feld hinaus gefahren. Auf dem Rückweg nach Hause hatten die drei Pferde keine Mühe, den leeren Wagen zu ziehen. So ging es flotten Schrittes heimwärts. Doch plötzlich wurde die Fahrt immer langsamer und die Pferde zogen an dem Ackerwagen wie an einer schweren Last. Sie zogen so lange, bis sie entkräftet und schweißgebadet stehenblieben. Sie stampften mit den Hufen und schnaubten ängstlich. Auch Großvater wurde es unheimlich. Er stieg vom Wagen ab und sah, dass feurige Kugeln an allen vier Rädern hingen. Er trieb die Pferde an, doch die Kugeln blockierten alle vier Räder. Nach vielen vergeblichen Versuchen gab Großvater es auf. Die Pferde brachten den Wagen keinen Schritt weiter voran. Plötzlich verschwanden die feurigen Kugeln, die Pferde konnten wieder ziehen und der Wagen rollte wieder wie eh und je.

Später in der Schule, als wir Goethes „Erlkönig“ durchnahmen, habe ich oft an Großvater denken müssen. Besonders an der Stelle: „Dem Vater grauset, er reitet geschwind, erreicht den Hof mit Müh und Not…“. So ähnlich muss Großvater sich gefühlt haben. Er hatte seinen Erlkönig erlebt - ein junger Knecht, fast noch ein Kind, allein im Dunkeln auf einem Weg im Oderbruch, der von Erlen und Weiden begrenzt war, die vom Wind hin- und hergepeitscht wurden. Dazu vielleicht noch Feuchtigkeit und Nebel und ein knurrender Magen? Es kann alles Mögliche gewesen sein. Die damalige Zeit, die fehlende Schulbildung oder was auch immer. Für Großvater waren es Kobolde mit feurigen Augen und dabei soll es auch bleiben. Ansonsten war er Realist. Die harten Kinder- und Jugendjahre waren ein guter Lehrmeister. Er begriff, dass ein Knecht immer ein Knecht blieb, und wer den größten Bauerhof im Dorf besaß, gleichzeitig der angesehenste unter den Dorfbewohnern war. Der Knecht war nichts und hatte nichts. Er hatte weder Geld noch Ansehen. Das zeigte sich auch im Verhalten der Bauern, deren Söhnen und Töchtern gegenüber den Mägden und Knechten. Sogar die Tanzvergnügen-Erntefeste feierten die Bauern getrennt von Mägden und Knechten. Großvater wollte nicht Knecht bleiben und sich seinen Platz im Leben erarbeiten. Das war beim Bauern nicht möglich, denn ein Knecht bekam kaum Geld für seine Arbeit und arbeitete fast nur fürs Essen. So wurde Großvater Arbeiter und er muss schwer gearbeitet haben, bis es zum Häuschen und zur Heirat mit Großmutter reichte. Aus der Ehe sind 12 Kinder hervorgegangen. Mein Vater war der Jüngste. Von meinen Tanten habe ich nur zwei kennengelernt. Die eine war Tante Emma aus Oderberg, ihr Mann war Sattlermeister, die zweite war Tante Martha aus Neuenhagen, deren Mann Bäckermeister war. Von meinen Onkeln habe ich nur noch einen kennengelernt. Es war Onkel Fritz aus Berlin und der war Zimmermann von Beruf. Von den anderen Kindern meiner Großeltern weiß ich nur aus Erzählungen, dass sie früh gestorben sind. Ein Onkel fiel im ersten Weltkrieg bei Langemark.

Mitte der Dreißigerjahre ist Großmutter gestorben und kurz danach wurde dann auch Großvater beerdigt. Er hat Großmutter nicht lange überlebt. Beide hatten ein schweres, aber auch erfolgreiches Leben. Sie legten den Grundstein zu unserem Bauernhof, haben jeden Groschen in Grund und Boden angelegt und Jahr für Jahr Land dazugekauft, Morgen für Morgen, haben sie sich nichts gegönnt, bis sie ihr Ziel erreichten und wieder Bauern waren. In den letzten Lebensjahren wurden sie für vieles entschädigt. Sie waren über das Dorf hinaus angesehene Bürger, denn sie hatten es zu etwas gebracht. Bis zum Tode nahmen sie am Tagesgeschehen teil. Auf dem Hof, im Haus, im Stall und auf dem Feld. Sicherlich hätten sich meine Großeltern mehr Ruhe gönnen können, aber sie wollten ihren erreichten Wohlstand nicht genießen, wie es für sie möglich gewesen wäre. Das war für sie undenkbar. Sie lebten ihr Leben zufrieden und bescheiden bis zum Schluss.

Besonders Großmutter war immer mit irgendetwas im Haus beschäftigt. Entweder in der Küche, beim Wäsche ausbessern, beim Stopfen oder Stricken. Oma war immer freundlich und gut zu uns Kindern. Sie hat nie geschimpft, außer mit Opa, wenn er versuchte, mich mit seinem Krückstock unter dem Bett zu erwischen. Das passierte meist abends. Meine Schwestern, die Magd und Großmutter machten ihre Handarbeiten und Großvater und ich saßen auf der Ofenbank. Die Altenstube war groß. In ihr standen ein Sofa, ein großer Tisch mit dazugehörigen Stühlen, ein Ohrensessel, ein Vertiko, ein Kleiderschrank und zwei große breite Betten. Über der Stubentür hing ein Spruch von Kaiser Wilhelm: „Lerne leiden ohne zu klagen!“. Wenn ich Großvater wieder mal richtig geärgert hatte, nahm er auf den Spruch leider keine Rücksicht. Dann stand er auf, um seinen Krückstock zu holen und für mich wurde es jetzt höchste Zeit, in Deckung zu gehen. Dazu waren die breiten Betten am besten geeignet. Großvater versuchte, mich mit dem Stock unter dem Bett zu erwischen. Aber egal von welcher Seite er es auch versuchte, ich war immer auf der anderen. Je länger das Spiel dauerte, desto wütender wurde Großvater. Er brüllte: „Kimmste nu balle rut, du Unjelicke!“ Die Mädels und die Magd quietschten vor Vergnügen. Großmutter aber schimpfte mit Großvater: „Lot doch dän Jongen! Du wäscht ok immer dösiger! Je öller - je dämlicher!“ Das war Balsam in meinen Ohren und für Großvater die Möglichkeit aufzuhören, ohne sich viel zu vergeben. Am Ende musste er selbst lachen. Und so war er bis zum nächsten Mal wieder friedlich. Großmutter ist ihr ganzes Leben mit Großvater durch dick und dünn gegangen.

Jedoch ist auch Großmutter einmal ihren eigenen Weg gegangen. Großvater wollte nämlich nach Westpreußen. Dort konnte er zu günstigen Bedingungen einen Bauerhof erwerben. Er hatte sich vor Ort alles angesehen und den Kauf abgeschlossen. Das eigene Haus und den Acker verkaufte er und die Reise zu ihrem Hof in Westpreußen hätte beginnen können. Nichts stand dem noch im Wege. Nur Großmutter wollte, als es nun ernst wurde, nicht weg von der vertrauten Umgebung. Sie hatte Angst vor dem Neuen, Fremden und Unbekannten. Für meinen Großvater brach eine Welt zusammen. Er hat geredet und geredet, Großmutter hat geweint und geweint. Letzten Endes musste Großvater schweren Herzens vom Kauf zurücktreten und einen neuen Anfang machen. Er erwarb ein Haus in Altglietzen, welches mein Geburtshaus war, und kaufte wieder Ackerflächen und Wiesen. Immer Stück für Stück, ein Morgen nach dem anderen. Großmutter war wieder die Alte und unbewusst hatte sie durch ihre Weigerung genau das Richtige getan. Nach dem ersten Weltkrieg ist Westpreußen nämlich an Polen gefallen und die meisten dort ansässigen Deutschen sind ins Mutterland zurückgekehrt. Wie so oft im Leben hatte es sich ergeben, dass manches Mal weniger mehr sein konnte.

Meine Großeltern mütterlicherseits wohnten in Hohenwutzen, einem Nachbarort von Altglietzen. Obwohl nur wenige Kilometer von zuhause entfernt, sahen wir uns nur an Besuchstagen. Dafür war es aber dann auch immer besonders schön und interessant. Schon deshalb, weil ihre Wohnung ganz anders eingerichtet war als wir es gewohnt waren. Sie hatten lange in Russland gelebt und einige russische Gewohnheiten angenommen. Da gab es für uns fremdartige Möbel, Teppiche, Büsten, Samowar und vieles mehr. Bei den Großeltern in Hohenwutzen war es immer so ein bisschen wie Weihnachten. Nicht nur die Einrichtung, auch die Wutzener Großeltern waren anders als die Glietzener. Das lag nicht nur daran, dass wir uns seltener sahen, sie waren irgendwie aus einem anderen Holz geschnitzt. Beide stammten aus Ostpreußen. August Dietrich, mein Großvater, ist in Russland geboren, in Ostpreußen zur Schule gegangen und gleich danach nach Russland zurückgekehrt. Dort gab es damals viele deutsche Dörfer. Die damalige russische Zarin Katharina hat zu ihrer Zeit viele Deutsche als Siedler ins Land geholt. Großvater hat diese Möglichkeit genutzt. Sie blieben jedoch deutsche Staatsbürger, mit allen Rechten und Pflichten. Seinen Wehrdienst musste er in Deutschland ableisten. Er lernte Großmutter kennen und nach der Hochzeit zogen sie gemeinsam nach Russland. Sie hatten zuerst einen Bauernhof in der Ukraine und später am Ural. Meine Mutter ist in der Ukraine geboren. Sie war bis zum schulpflichtigen Alter bei ihren Eltern und später bei einer Tante in Hannover. Dort ist sie zur Schule gegangen. Nach deren Beendigung kehrte sie zu ihren Eltern nach Russland zurück. Meine Mutter und Großmutter haben viel von ihrer russischen Zeit erzählt. Damals muss es in Russland ein schönes Leben gewesen sein. Sie erzählten von den gutmütigen und hilfsbereiten Russen und dass sie immer gut mit ihnen ausgekommen sind. Sie haben zusammen gearbeitet und gefeiert. Besonders Großvater hatte ein sehr gutes Verhältnis zu den Russen. Er sprach gut deren Sprache. Das war eine wichtige Vorraussetzung für ein erfolgreiches wirtschaftliches Ergebnis. Aber er war nicht nur Bauer in Russland, er hat auch viel mit ihnen gehandelt. Beides hat dazu beigetragen, dass sich meine Großeltern dort ein kleines Vermögen erarbeiteten. Wenige Monate vor Ausbruch des ersten Weltkriegs erhielten die deutschen Staatsbürger in Russland von der deutschen Botschaft die Warnung, dass es zum Krieg zwischen beiden Staaten kommen könne. Es war also höchste Eile geboten. Sie konnten ihr Eigentum noch verkaufen und kehrten vor Kriegsbeginn zurück. Eine bei Crossen erworbene Bauernwirtschaft mussten sie wieder verkaufen. Großvater erkrankte und er war nicht mehr in der Lage, die hohe Belastung dieses Berufes durchzustehen. Aus diesem Grund haben sie sich das Haus in Hohenwutzen gekauft. Hier wollten sie mit dem erworbenen Vermögen ihren Lebensabend verbringen. Doch der verlorene Weltkrieg, die gezeichnete Kriegsanleihe und die Inflation brachten sie um ihr Vermögen. Nur das Haus blieb ihnen sowie eine kleine Spargelanlage, von der sie nun leben mussten. Großvater und Großmutter waren trotzdem immer guter Dinge. Wir spürten das, wenn wir bei ihnen zu Besuch waren. Großvater hat immer was Lustiges angestellt und brachte uns damit immer zum Lachen. Leider verstarb er schon 1933. Viel zu früh für uns alle und besonders für Großmutter. Sie hat in späteren Jahren immer wieder aus ihren Leben mit Großvater erzählt.

Auch in Altglietzen ging unser Leben weiter. Es gab viel Arbeit auf so einem Bauernhof mit einer Milchhandlung. Jeder hatte seine Aufgabe. Täglich wurde die Milch der Bauern aus Hohenwutzen ab Hof abgeholt und danach tiefgekühlt. Für den Kunden musste sie zu jeder Jahreszeit frisch zum Verkauf bereit sein. Besonders im Hochsommer und bei Gewitter säuert die Milch sehr leicht, wenn sie nicht die richtige Temperatur hat. Mit einer Vorrichtung wurde der Wagen im Sommer mit Eisbarren beladen, um die Milch zu kühlen. Außerdem verkauften wir auch Sahne, Quark und Butter. Alles wurde am Vorabend vorbereitet. Mit dem Milchwagen wurden Neuenhagen, Bralitz und Oderberg beliefert. Das Milchgeschäft wurde ausschließlich von meinen Eltern betrieben. Ihr Arbeitstag begann um 04.00 Uhr und endete um 22.00 Uhr. Ausnahmen waren die Sonn- und Feiertage. Während Vater die Milch von den Bauern abholte, wurde zuhause das Vieh versorgt. Es musste ausgemistet, gefüttert und gemolken werden. Wenn Vater zurückkam, war das erledigt. Die Milch wurde abgeladen und gekühlt. Zwischendurch wurde gefrühstückt. Danach wurde der Milchwagen beladen und das Pferd gewechselt. Die Fahrt zu den Kunden begann. Das Pferd, meist war es ein Schimmel, kannte seine Kundschaft. Es blieb selbstständig stehen und lief selbstständig weiter. Es wusste genau, wann es loslaufen und wo und wie lange es stehenbleiben musste. Jedes Pferd hatte bei uns einen Namen. Außer der Schimmel hieß Schimmel, und dieses milchweiße Tier gehörte einfach mit zum Milchgeschäft. Ich glaube, dass er zur Umsatzsteigerung beigetragen hat. Als Kinder durften wir manchmal mitfahren. Mir sind diese Fahrten immer in Erinnerung geblieben. Besonders eine werde ich nie vergessen.

Ich war noch nicht schulpflichtig und wusste nichts Richtiges mit mir anzufangen. In der Scheune war eine Wäscheleine gespannt, die an einer Leiter befestigt war. Ich wollte sie abbinden. Mit einer Hand habe ich mich an der Leine festgehalten, mit der anderen habe ich die Leine gelöst, mir also den Ast abgeschnitten auf dem ich saß. Der Scheunenboden war sehr hart. Ich bin mit der linken Schulter aufgeschlagen und es hat sehr weh getan. Ich konnte den Arm nicht bewegen. In Oderberg gab es eine alte Frau, die Arme einrenken konnte. Erst am nächsten Morgen fuhr der Milchwagen wieder in diese Richtung. Die alte Frau wohnte ganz am Ende der Tour. Das letzte Stück des Weges mussten wir laufen. Es ging steile Stufen hoch bis zu einem alten windschiefen Haus. Die Frau war noch älter als ich dachte und sie sah aus wie die Hexe aus dem Märchenbuch. Sie fing an, mir den Arm einzurenken, und ich war weg wie der Blitz. Meine lieben Eltern im Galopp hinterher. Das hatte der Schimmel auch noch nicht erlebt. In rasender Fahrt an den Kunden vorbei. Erst am anderen Ende von Oderberg haben sie mich eingeholt. Ich bin nur unter der Bedingung wieder aufgestiegen, dass ich nicht zum Hexenhaus zurück musste. Jetzt endlich sind sie mit mir zum Arzt gegangen. Dr. Kempe, ein Jude, hat sofort festgestellt, dass ich mir einen Schlüsselbeinbruch zugezogen hatte. Er sagte: „An seiner Stelle wäre ich auch ausgerückt.“ Nachdem er mich verarztet hatte, durfte ich ins Wartezimmer. Meinen Eltern muss er noch einiges erzählt haben, denn sie waren danach außergewöhnlich besorgt um mich.

Dr. Kempe war ein guter Bekannter meiner Eltern. Als die Repressalien gegen die Juden immer härter wurden, kam er oft zu uns nach Hause. Wir Kinder mussten dann den Raum verlassen. Er kam immer, wenn es schon dunkel war. Nicht nur zum Einkaufen. Er hat sich immer sehr lange mit meinen Eltern unterhalten. Manchmal habe ich, wenn er etwas lauter wurde, Worte und Sätze gehört, aber nicht verstanden. Er hat immer auf einen Staat und auf Leute geschimpft, die ich gar nicht kannte. Nach kurzer Zeit hörten seine Besuche auf. Er hat es noch geschafft und ist mit seiner Verwandtschaft aus Oderberg nach Amerika emigriert. Einen Neffen von Dr. Kempe habe ich noch auf der Mittelschule in Bad Freienwalde kennengelernt. Er war vier Jahr älter als ich. Wir hatten mit den älteren Schülern selten Kontakt. Aber wir bekamen doch mit, dass er in seiner Klasse der Prügelknabe war. Die Kempes sind noch vor der berüchtigten Kristallnacht nach Amerika geflüchtet. Wir haben damals von dieser Nacht in der Schule erfahren. Einige Jungen aus der Klasse hatten Juden als Nachbarn. Sie erzählten ehrlich empört, was sie gesehen hatten. Die zerstörten Scheiben und Einrichtungsgegenstände wirkten abstoßend. Das war das Gegenteil von dem, was man von klein auf gelernt hatte: Nichts zerstören, nicht das Eigene und auch nicht das von Anderen. Wir Kinder haben diese blinde Zerstörungswut abgelehnt. Später wurde über diese Dinge kaum noch gesprochen. Ich habe auch nie einen Erwachsenen darüber sprechen hören. Nicht mal die Kommunisten. Bei den meisten sicher aus Gründen der Vorsicht.

In Altglietzen gab es den Ortsteil Neuenhagen-Ausbau. Bei den Glietzenern hieß dieser Ortsteil Klein-Moskau. Die meisten aus diesem Ortsteil waren Kommunisten. Jedenfalls vor 1933. Am 30. Januar 1933 haben die Kommunisten der Insel Neuenhagen in Altglietzen den Aufstand geprobt. Sie hatten sich bei einem Bauern, auch Kommunist, in der Scheune verschanzt und wollten das Wahllokal stürmen. Sie wurden verraten und von einer Hundertschaft Polizei entwaffnet. Es fiel dabei kein Schuss. Später wurden fast alle Kommunisten zu Haftstrafen verurteilt. Sie erstreckten sich von einigen Monaten Schutzhaft bis zu Zuchthausstrafen und KZ. Die letzten Glietzener Kommunisten sind 1938 aus dem Zuchthaus entlassen worden.

In unserer Jugendzeit bekamen wir wenig davon mit. Egal was die Eltern mal waren, die Dorfjugend hielt zusammen. Da merkte man keinen Unterschied. Die engeren Freundschaften wurden lediglich von den unterschiedlichsten Interessen, Veranlagungen und Charakteren bestimmt. Es kam selten vor, dass die Eltern sich einmischten. In Altglietzen waren für die Dorfjugend die natürlichen und gesellschaftlichen Voraussetzungen gegeben. Dadurch wurde es möglich, den eigenen Wünschen vielleicht eher als woanders nachzukommen. Die Landschaft des Ortes wurde von den Endmoränen der Eiszeit bestimmt. Eine Hügelkette begrenzt das Dorf zum Oderbruch und es gibt kleine Seen und Wäldchen an der anderen Seite des Dorfes. Wir hatten im Winter ideale Bedingungen zum Rodeln, Ski- und Schlittschuhlaufen. Im Sommer waren wir viel am Wasser. Es wurde gebadet, geangelt und Krebse gefangen. Ein See und die stillgelegten Tongruben der Ziegelei, aber auch die Gräben und Vorfluter im Oderbruch waren dazu hervorragend geeignet. Die Einwohner des Dorfes waren überwiegend Bauern, Arbeiter, Handwerker und Gewerbetreibende. Es gab einen Pastor und eine Kirche, einen Arzt und zwei Gemeindeschwestern. Eine Schule und zwei Lehrer. Es gab zwei Gaststätten und eine Kneipe. Sogar damals schon zwei Autowerkstätten mit den dazugehörigen Tankstellen. Vier Kaufläden, drei Bäcker, jeweils einen Bauunternehmer, Dachdeckerei, Stellmacherei, Fleischerei und Schmied. Der größte Betrieb war die Ziegelei. Aber noch wichtiger für den Ort war die Segelflug-Schule. Es waren täglich an die 200 Flugschüler im Ort. Die Segelflieger waren für unser Dorf ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Für uns Kinder stand die ideelle Seite im Vordergrund. Altglietzen hatte damals eine Infrastruktur, die über das landläufig Übliche hinausging. Auch die Verkehrsverbindungen waren günstig. Eine Landstraße führte von Berlin über Altglietzen nach Königsberg/Neumark. Eine Kleinbahn von Bad Freienwalde über Altglietzen nach Zehden. Viele Berliner fuhren an den Wochenenden hinaus ins Grüne. Unsere Gegend gehörte zu den bevorzugten Ausflugszielen. Es gab weiter im Dorf die üblichen Vereine: den Kriegerverein, den Gesangverein, den Turnverein, die Partei, die SA (mit Pferd und ohne) und die Feuerwehr, nicht zu vergessen. Manche waren in allen, manche in gar keinen Organisationen. Die Mädels und Jungen waren ab dem 10. Lebensjahr bei den Jungmädeln bzw. beim Jungvolk. In dieser Altersgruppe (10 bis 14) gab es keinen, der nicht im Jungvolk war. Anders dagegen bei der Altersgruppe 14 bis 17. Hier gab es schon unterschiedliche Interessen. Bei uns im Dorf waren die meisten in der Flieger-HJ, einige in der Marine-HJ, die wenigsten in der regulären HJ und schon gar nicht beim HJ-Streifendienst. Im Grunde hat sich zu meiner Zeit kaum jemand darum gekümmert, wo man drin war oder nicht. Es war schon Krieg, die meisten Männer im Krieg und die Arbeit musste gemacht werden.

Ich komme nun wieder zurück zu meinen Erlebnissen unter diesen Verhältnissen, immer mit dem Verstand eines Kindes und der heutigen Sicht. Wir wurden damals zum 1. April eingeschult. Es war die damals typische Volksschule. Es gab zwei Klassen. Vom 1. bis zum 4. und vom 5. bis zum 8. Schuljahr. Es gab auch nur zwei Lehrer. Einen für die Jüngeren und einen für die Älteren. Das Alter der Lehrer war entsprechend. Der Ältere hatte in unserer Schule die älteren Schüler. Er hat in unserer Klasse Religion und Gesang unterrichtet. Außerdem war er auch Organist in der Kirche. Bei schönem Wetter hat er nicht unterrichtet. An diesen Tagen hat er uns das Laufen beigebracht. Das heißt, er ist mit uns spazieren gegangen, aber nicht wie allgemein üblich, sondern mit Händen auf dem Rücken, Brust raus und tief einatmen. Er hat uns das vorgemacht. Krückstock auf dem Rücken, Arme darüber, Brust raus und den Kopf, er hatte eine Glatze, etwas vorgebeugt. So ist er mit uns spazieren gegangen. Wir alle hinterher, er hat geschnauft wie unsere Kleinbahn und war auch ungefähr so schnell wie diese. Er war ein Meister im Spazierengehen, sodass wir kaum hinterherkamen. Wir haben uns bemüht, aber uns fehlte der Krückstock und die richtige Körperhaltung. Ich habe mir dann einen Stock gesucht, bin hinter ihm auf Tuchfühlung gegangen und habe seine Art zu gehen und zu atmen nachgemacht. Ich hatte das spazieren gehen fast begriffen, da hat er sich umgedreht. Ich hatte den Eindruck, dass mein Versuch, so zu laufen wie er, keine Anerkennung bei ihm fand. Ich bin dann vorsichtshalber etwas weiter hinten spazieren gegangen. Seit der Zeit meinte er, wenn er dicht genug dran war: „Jetzt kommt der wahre Jakob.“ Ich habe das nie als eine besonders freundliche Begrüßung gehalten. Nach Möglichkeit bin ich ihm aus dem Weg gegangen. Er hatte keinen Sinn für irgendwelche Scherze. Er ging mit den Rohrstock dagegen an und war deshalb auch nicht sehr beliebt. Weder bei den Kindern, anscheinend auch nicht bei den Eltern. Es war allgemein bekannt, dass er in der ersten Unterrichtsstunde nach der Einschulung ein Gedicht hören wollte. Er wollte feststellen, ob die Eltern ihren Sprössling schon vor der Schule etwas beigebracht hatten. Er stellte also wie immer die obligatorische Frage: „Wer kann denn ein schönes Gedicht aufsagen?“ Einer hatte ein besonders schönes Gedicht gelernt. Sein Vater hatte sich mit ihm viel Mühe gegeben. Jetzt konnte er endlich zeigen, was er mühsam gelernt hatte. Er stand auf und schmetterte los. „Herr Schmidt“, so hieß der Lehrer, „Herr Schmidt - Herr Schmidt der sitt upt Schoop un schitt un harr ik em ne runger jeräten harrer det janze Schoop beschäten!“ Anstatt sich über das schöne Gedicht zu freuen, hat Herr Schmidt den Rohrstock genommen. Er hatte eben keinen Sinn für Scherze. Und dem Jungen hatte er für alle Zeiten den Sinn für Poesie genommen. So wird oft schon ein hoffnungsvolles Talent im Keime erstickt. Aber es gab auch andere Lehrer. Unser Klassenlehrer war nicht nur in der Schule für uns da, er war auch nach der Schule fast überall dabei. Beim Sport, Ski- und Schlittschuhlaufen, beim Geräteturnen und im Sommer beim Schwimmen. Der hat auch den Wasserscheuesten das Schwimmen beigebracht. Damals wurden bei Elternabenden Theaterstücke und sportliche Übungen vorgeführt. Er war immer dabei. Er hat mit uns geprobt und sich am meisten über jedes Dargebotene gefreut. Für diesen Lehrer sind wir durchs Feuer gegangen. Er war für uns Vorbild und Respektperson. Aber auch Kumpel und Kamerad. Was er sagte, wurde gemacht. Ich erinnere mich heute noch an eine Sache. Wir waren auf dem Sportplatz. Dienstags und freitags war an den Nachmittagen Sport. Im Sommer draußen. Im Winter im Saal. Es war Sommer. Ein Dienstag. Herr Albitz, unser Lehrer, sagte zu mir: „Am Freitag ist Schwimmen. Wie angesagt, werden die Prüfungen für Frei- und Fahrtenschwimmen abgelegt und du wirst dich am Freitag freischwimmen.“ Ich war acht Jahre und konnte noch nicht schwimmen. Aber am Freitag habe ich mich freigeschwommen. Dieser Lehrer hat einen großen Einfluss auf uns Kinder gehabt. Ich habe ihn sehr vermisst, als ich nach Abschluss der 4. Klasse zur Mittelschule wechselte.

In Altglietzen gab es noch eine Reihe anderer Dinge. Die meisten Jungen waren vom Segelfliegen begeistert. Schon von klein an waren wir am Hang und später am Windenplatz. Wir kannten den Ablauf genau. Kannten jedes Kommando. Wussten, wie ein Segelflugzeug geflogen wird, bevor wir selbst fliegen durften. Wir haben noch die Anfänge des Segelfliegens miterlebt. Es wurde anfangs nur am Hang geschult. Es gab derer drei. Je nach Windrichtung wurde gewechselt. Der Osthang war der meist beflogene. Es war die Hauptwindrichtung und eine geschlossene Bergkette von Altglietzen, Gabow bis Schiffmühle. Hier konnte man den Aufwind entlang der Hangkante nutzen. Die Könner unter den Segelfliegern hielten die Kiste stundenlang in der Luft. Aber dazu mussten erst die richtigen Segelflugzeuge entwickelt werden. Bis Mitte der 30er Jahre kamen die unterschiedlichsten Gruppen mit selbstgebauten Segelflugzeugen an den Hang. Die Bruchquote war entsprechend hoch. Danach kamen genormte Segelflugzeuge. Der SG 35 und 38, offen und mit Boot - damit wurde die A bzw. B geflogen. Dann gab es die voll verkleideten Hochleistungstypen. Die bekanntesten waren die Grunow-9, das Baby und als Doppelsitzer der Kranich sowie die G 4. Für uns Kinder waren die Anfangsjahre die schönsten. An den Sonn- und Feiertagen wimmelte es am Hang. Eine große Zuschauermenge war immer dabei. Sie wollten was erleben und sie kamen auf ihre Kosten. Es verging selten ein Flugtag ohne Bruch. Es gab selten ernsthafte Verletzungen. Mir sind aus dieser Zeit zwei tödliche Unfälle bekannt. Beide Opfer sind am Boden beim Starten eines Segelflugzeuges verunglückt. Die Segelflugzeuge wurden am Hang mittels Startseil gestartet. Das waren zwei dicke Gummiseile, die mit einem starken Ring verbunden waren. Der Ring wurde an der Schnauze des Gleiters eingehangen. Die beiden Seile wurden V-artig nach vorn ausgelegt. Die Startmannschaft nahm links und rechts an den Seilen Aufstellung. Am Rumpfende waren zwei kurze Tauenden zum Festhalten des Gleiters. Das machten zwei bis vier Jungen. An den Startseilen meist 14 bis 16 Jungen. Der Flugleiter hielt die Tragfläche und gab das Kommando. Es lautete wie folgt: „Haltemannschaft“ („fertig“ - Antwort der Haltemannschaft) - „Startmannschaft“. Es kam das „fertig“ der Startmannschaft. Danach Ausziehen, Laufen, Laufen, Durchlaufen und los. Die Haltmannschaft ließ die Tauenden los. Ein sogenannter Katapultstart. Die Startmannschaft musste nach dem Start den Gleiter im Auge behalten. Es kam vor, dass er nicht freikam. Es kam auch vor, dass das Startseil vom Haken noch unter Spannung wegschnellte. Beides waren die Ursachen für den Tod unserer Kameraden. Wir Jungen aus dem Dorf hatten Routine beim Starten von Segelflugzeugen. Oft gab es günstigen Wind, aber keine Start- und Haltemannschaft. Dann wurde die Dorfjugend zusammengetrommelt und das Starten hat immer einwandfrei geklappt. Mitte der Dreißigerjahre wurden Baracken für Flugschüler und Hallen für Segelflugzeuge errichtet. Es wurde alles straffer organisiert. Auch ein Windenplatz kam hinzu. Am Hang schulten sie nur noch die Anfänger. Es kamen neue Fluglehrer ins Dorf. Jetzt kamen die Segelflugschüler nicht nur aus Berlin und Umgebung, sondern aus ganz Deutschland. Altglietzen war ein anerkannter Segelflugstandort geworden. Hier wurden die zukünftigen Flieger für die Luftwaffe ausgebildet. Das tat unserer Begeisterung fürs Fliegen keinen Abbruch. Im Gegenteil, wir wollten ja alle Helden werden. Richthofen, Udet, Immelmann - diese Kampfflieger aus dem ersten Weltkrieg waren unsere Vorbilder. Wir hatten im Dorf viele Jungen, die unbedingt fliegen wollten. Das ging nur über die Flieger-HJ. Im Ort gab es genug Bewerber, um eine eigene Fluggruppe zu bilden. Wir hatten einen Schulgleiter für die Gruppe. Die Flugübungen erfolgten unter Aufsicht und Anleitung eines Fluglehrers. Erlaubnis zum Fliegen bekam man mit 15 Jahren. Ich habe schon mit 13 Jahren meine A geflogen. Die Fluglehrer tranken gerne Milch. Bei uns zuhause konnten sie erst wieder in Ruhe ihre Milch trinken, nachdem sie mir die Erlaubnis zum Fliegen gegeben hatten. Ich war der jüngste Flugschüler im Luftgau 8 (von Berlin und Umgebung). Wenn man ältere Geschwister hat, ist es natürlich, dass man nicht abseits stehen will. Ich erinnere mich noch sehr gut, wie das unter uns Geschwistern war. Wenn die Älteste ihre Freundin besuchen wollte, sind wir drei Jüngeren hinterher. Als Herta mit dem Jungmadel marschiert ist, ist Hilde in Holzpantoffeln hinterher, bis sie auch eintreten durfte. So ähnlich war es auch bei mir mit dem Jungvolk, dem Sportverein und der Flieger-HJ. Glücklicherweise lässt das mit zunehmendem Alter nach.

Wir waren damals unheimlich stolz auf unsere erste Uniform. Sie machte schon was her. Bundschuhe, graue Socken, kurze schwarze Manchesterhose, Braunhemd und schwarzes Halstuch mit Lederknoten. Das für den Sommer. Im Winter wurden schwarze Skihosen und Skiblusen getragen. Natürlich gehörte zur Sommer- und Winteruniform auch Koppel und Fahrtenmesser sowie Käppi und Skimütze. Auf dem linken Oberarm befand sich ein Winkel mit der Aufschrift „Kurmark“, auf der Klinge des Fahrtenmessers war die Aufschrift „Blut und Ehre“. Die Fahrtenmesser wurden als Ehrendolche betrachtet und nicht benutzt. Ich habe nie erlebt, dass jemand damit verletzt wurde. Im Jungvolk wurde man systematisch auf den Krieg vorbereitet. Uns wurde die Nibelungentreue richtig eingeimpft. Untereinander gab es eine gute Kameradschaft, aber auch eine große Härte. Ein deutscher Junge musste zäh wie Leder, flink wie ein Windhund und hart wie Kruppstahl sein. Wer das nicht war, wurde dazu gemacht. Die Folgen sind bekannt. Wer heute die jungen Pioniere mit der Hitlerjugend auf eine Stufe stellt, war nie dicht genug dran, um das beurteilen zu können. Wenn das stimmen würde, dann war die Vereinnahmung der DDR das gewesen, was für uns damals der Versailler Vertrag war. Jeder kann sich ausrechnen, dass es nicht so friedlich abgelaufen war. Auf unseren Heimabenden wurden die Lieder eingeübt, die wir fürs Marschieren und fürs Gemüt brauchten. Einige dieser Lieder werden jetzt schon wieder gesungen. Noch leise, aber ansteigend. Als Pimpfe haben wir damals laut und unüberhörbar gesungen. Der Inhalt dieser Lieder sagt viel aus, wozu man uns brauchte und vorbereitet hat. Wir sangen diese Lieder mit Begeisterung. Die meisten bis in den Tod.

Kameraden, unsere Speere werfen wir in fremde Meere, schwimmen nach und holen sie ein. Kameraden, unsere Speere sollen Ziel und Sieg uns sein.

Kameraden, hebt zur Stunde kühn das Angesicht in die Runde, eh der Fremde dir deine Krone raubt. Deutschland fallen wir Haupt bei Haupt.

Unsere Fahne flattert uns voran, in die Zukunft zieh‘n wir Mann für Mann. Wir marschieren für Hitler durch Nacht und Not, mit der Fahne der Jugend für Freiheit und Brot.

Unsere Fahne ist die neue Zeit, ja die Fahne führt uns in die Ewigkeit. Die Fahne ist mehr als der Tod.

Vorwärts, vorwärts schmettern die hellen Fanfaren.

Vorwärts, vorwärts wir sind der Zukunft Soldaten, mögen wir auch untergeh‘n. Deutschland bleibt besteh‘n.

Das sind einige Lieder, die wir damals gesungen haben. Aber es wurde nicht nur gesungen. Uns wurde immer wieder erklärt, dass nur die Roten und die Juden Schuld am verlorenen Krieg hatten. Sie sind den Soldaten an der Front feige in den Rücken gefallen. Der Versailler Schandvertrag muss außer Kraft gesetzt werden. Die Kolonien und die abgetrennten Gebiete Polen-Westpreußen, Danzig, Elsass-Lothringen müssen wieder an Deutschland angegliedert werden. Die Jugend ist der Garant, dass dieses Ziel erreicht wird. Jeder Hitlerjunge trägt den Marschallstab im Tornister. Wir wurden reif gemacht für das Massenmorden und -sterben. Dafür wurden uns die militärischen Grundbegriffe beigebracht. Wir beherrschten die Exerzierregel, konnten militärische Kommandos exakt ausführen - beim Marschieren, im Gelände und beim Schießen. Wir lernten, wie ein Koppel geputzt wurde, wie ein Tornister gepackt, Decke und Zeltplan gerollt und angeschnallt wird. Wie ein Zelt aufgebaut und eingerichtet wird. Als wir zum Arbeitsdienst und danach zur Wehrmacht kamen, konnte die Ausbildung verkürzt werden. Wir waren schneller reif für den Heldentod.

Ich war mit 12 Jahren vier Wochen in der Stülpnagel-Kaserne in Küstrin zur Ausbildung. Wir wurden nach der Heeresdienstvorschrift wie Rekruten ausgebildet. Es gab nur den Unterschied, dass wir noch nicht an Waffen ausgebildet wurden. Das wurde dann bei der Wehrmacht umso intensiver nachgeholt. Beim Jungvolk wurde allerdings schon mit KK-Gewehren geschossen. „Zielen ist die gedachte Linie durch die Mitte der Kimme über die Spitze des Korns zum Ziel.“ Wir konnten das und was ein Soldat wissen muss, um andere zu töten, schon damals im Schlaf hersagen. „Es zittern die morschen Knochen der Welt vor dem großen Krieg“, das wurde gesungen auf unseren Märschen, an Lagerfeuern in den Zeltlagern. Es war feierlich, wenn beim Feuerschein gesungen wurde. „Flamme empor! Steige mit loderndem Scheine von den Gebirgen am Rheine glühend empor.“ Und es war gruselig, wenn die Landsknechtlieder gesungen wurden. „Spieß voran drauf und dran, setzt auf jedes Dach den roten Hahn.“

Nach Abschluss der vierwöchigen Zeltlager am Rötesee bei Königsberg/Neumark wurde jeden Sommer die Stadt gestürmt. Die Angreifer haben immer gesiegt und sind dann laut rufend durch die Stadt gezogen: „Wir fordern Tribut, sonst fließt Blut!“ Alles was damals noch Spiel war - später wurde es schreckliche Wirklichkeit. Das Exerzieren, Marschieren, Zelten und Kriegspielen machte uns Jungen natürlich mächtig Spaß. Wir wollten Helden werden. Unsere Vorbilder waren Freiheits- und Kriegshelden aus der deutschen Geschichte - Germanen gegen Römer, Kaiser und Könige, gegen Hunnen und asiatische Horden. Gegen Franzosen und Engländer. Die Deutschen waren immer die Guten. Die Deutschen waren immer die Sieger. Es hatten sich Vaterlandsverräter, jüdisch-kommunistisches Gesindel in Deutschland breitgemacht. Sie, und nur sie waren schuld an der Niederlage im ersten Weltkrieg. An Not und Elend danach. Diese Schande musste getilgt werden. Der Führer, Adolf Hitler, war von der Vorsehung dazu auserwählt worden. Wir brauchten ihm nur in bedingungsloser Hingabe und Treue zu folgen. Dann würde unser Vaterland zu ungeahnten Höhen emporsteigen. Die Deutschen müssen sich endlich den Platz in der Welt erkämpfen, der ihnen zustand. Als Nachkommen der germanischen Rasse ist das deutsche Volk dazu bestimmt, über andere Völker und minderwertige Rassen zu herrschen.

Das wurde uns Kindern täglich eingehämmert und hatte sich tief eingefressen. Viele laufen heute noch mit diesem Virus herum oder sind davon infiziert. In der ehemaligen DDR gab es dafür keinen Nährboden. Die Gegner und Opfer der Nazis haben das nicht erlaubt. Aber nur deshalb, weil das ja auch eine Diktatur war. Dieses Virus hat nur in einer Demokratie seine Chance. Oder ist diese so genannte Demokratie nur sein Wegbereiter? Der Kapitalist regiert das Volk mit demokratischen Mitteln, solange es sich deren Interessen unterordnet, also dem Profit des Bank- und Monopolkapitals. Ist das mit wirklicher Demokratie nicht machbar, kommt die Diktatur des Geldes. Zur Durchsetzung braucht man rücksichtslose Radikale. Der beste Nährboden ist Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit, Ausländerhass und soziales Elend. Danach folgt logischerweise der Ruf nach dem starken Mann. Der Verursacher, Förderer und Initiator bleibt im Hintergrund und profitiert davon. Und wenn es schief geht, ist der starke Mann und das Volk schuld. Das ist die Moral der Banditen. Immer hat das Volk die Zeche bezahlt. Niemals der Schuldige. Solange die Kassandrarufer vom Volk nicht gehört werden, wird sich daran auch in Zukunft nichts ändern. Vielleicht zwingt die eskalierende Umwelt immer mehr Menschen zum Umdenken. Besonders die Jungen sollten endlich aus der Geschichte die richtigen Schlussfolgerungen ziehen. Dem Kapitalismus hängt der Geruch des Todes an. Generationen wurden im ersten und zweiten Weltkrieg hingemordet. Jeder Krieg aus der Vergangenheit war ein Verbrechen und jeder zukünftige Krieg ist ein neues Verbrechen. Es gibt heute keine Rechfertigung mehr für einen Krieg. Ob gerecht oder ungerecht. Wer einen Krieg beginnt, ist ein Verbrecher.

Aus der Erkenntnis schreibt Bertolt Brecht kurz nach dem zweiten Weltkrieg:

„An meine Landsleute. Ihr, die ihr überlebtet in gestorbnen Städten, habt doch nun endlich mit euch selbst Erbarmen! Zieht nun in neue Kriege nicht. Ihr Armen, als ob die alten nicht gelanget hätten: Ich bitt euch. Habet mit euch selbst Erbarmen!

Ihr Männer, greift zur Kelle. Nicht zum Messer! Ihr säßet unter Dächern. Schließlich jetzt, hattet ihr auf das Messer nicht gesetzt und unter Dächern sitzt es sich doch besser.

Ihr Kinder, dass sie euch mit Krieg verschonen. Müsst ihr um Einsicht eure Eltern bitten. Sagt laut ihr wollt nicht in Ruinen wohnen und nicht das Leiden was sie selber litten. Ihr Kinder, dass sie euch mit Krieg verschonen!

Ihr Mütter, da es euch anheim gegeben, den Krieg zu dulden oder nicht zu dulden. Ich bitt euch lasset eure Kinder leben! Dass sie euch die Geburt und nicht den Tod dann schulden. Ihr Mütter, lasset eure Kinder leben.“

Hätte man damals, Mitte der Dreißigerjahre, unseren Eltern dieses Gedicht vorgetragen, ich glaube, sie hätten es als kommunistische Hetze empfunden. Sie haben bis zur letzten Stunde nie an Krieg geglaubt, obwohl sie vor 1933 davor gewarnt wurden: „Wer Hindenburg wählt - wählt Hitler. Wer Hitler wählt - wählt den Krieg!“

Nach 1933 deutete eigentlich alles auf einen Krieg hin. Aber die Leute hatten Arbeit. Den meisten ging es viel besser als vor 1933. Es gab einen wirtschaftlichen Aufschwung. Es wurde nicht diskutiert. Es wurde gehandelt. Die Arbeit machte Spaß. Das Leben machte Spaß. Wer denkt da an Krieg? Für die Jugend im Dorf gab es außer Segelfliegen und Jugendorganisationen (Jungvolk, Jungmädel, Hitlerjugend, Bund deutscher Mädchen) auch noch den Turnverein. Die alte Tradition des Turnvaters Jahn wurde hochgehalten. Unsere Vorturner und Übungsleiter waren zwischen 20 und 30 Jahre alt. In der Regel die Besten in ihrer Disziplin. Solange es wetterseitig möglich war, wurde im Freien Sport getrieben. Neben der Leichtathletik wurde das Geräte- und Bodenturnen besonders gepflegt. Aber es wurde auch Fußball, Handball (Großfeld) und Faustball gespielt. Im Winter wurde das Geräteturnen im Saal durchgeführt. Es gab Sportfeste, verbunden mit Sportwettkämpfen. Der Sieger bekam einen Lorbeerkranz überreicht. Die Jugendwettkämpfe der NS-Jugend konzentrierten sich auf Kurzstrecken, 60 und 100 m, auf Weitsprung, Schlagball und auf Keulenweitwurf. Unsere sportliche Betätigung im Sportverein hat sich dabei auch im Schulsport und später positiv ausgewirkt.

In Altglietzen gab es unter den Jungen so etwas wie einen Geheimbund. Dieser Geheimbund hatte sein Domizil bei Pastors Walter. Walter war der Sohn von Pastor Schulze. Heute würde man sagen, ein Aussteiger. Er studierte nicht, wie es dem Sohn eines Pastors von Geburtswegen zustand. Er baute Kähne. Dazu nutzte er die ehemaligen Viehställe der Pfarrei. Er gab dem Geheimbund Unterkunft und vielerlei Anregungen. Vieles trug seine Handschrift, auch die Satzung des Geheimbundes. Nicht jeder konnte Mitglied werden. Es wurde vorab getestet, wer verschwiegen und zuverlässig ist. Die Jugend hat dafür ein gutes Gefühl. Wer für würdig befunden wurde, musste entsprechend der Satzung eine Aufnahmeprüfung bestehen. Sie bestand aus vier Mutproben. Erstens: Eine Stunde in einer Blechkiste aushallen. Die Kiste wurde verriegelt. Man brauchte Nerven, Luft und Ausdauer. Zweitens musste man eine Stunde in einen dunklen Keller. Dort unten, so wurde man informiert, gäbe es giftige Schlangen. Drittens musste man beim Kaufmann gegenüber für fünf Pfennig Stecknadelsamen kaufen. Wer das alles heil überstanden hatte, durfte die vierte und schwerste Prüfung ablegen. Der Geheimbund brauchte Geld. Dazu musste man paarweise im Nachbarort Gabow betteln gehen. Wir haben ein paar Vogelscheuchen geplündert und sind ans Werk gegangen. Betteln ist gar nicht so schwer. Du brauchst nur alte Klamotten, den Hut für das Geld und den Spruch „Ich bitte um eine kleine Gabe.“ Wer dann noch Vater und Mutter sterben lässt und selbst fast vor Hunger stirbt, der kommt zu was. Wir haben es zwar nicht zur höchsten Meisterschaft gebracht, aber immerhin die letzte Prüfung bestanden. Mein Kollege von damals grinst heute noch, wenn wir uns begegnen. Wir hätten damals weitermachen sollen. Alle sogenannten richtigen Rabauken waren im Geheimbund vertreten. Hier konnten sie, wenn sie gut waren, Oberrabauke werden. Die meisten hatten Spitznamen. Der bekannteste unter ihnen war Simba. Er sah aus wie ein Neger. Kurze dunkle, krause Haare, gebräunte Haut und leuchtend helle Zahne. Wenn Simba lachte, bekamen die Ohren Besuch. Weil er etwas Afrikanisches an sich hatte, hieß er Simba, Simba der Löwe. Alle mit gleichem Familiennamen heißen in Altglietzen Simba. Aber Simba l (es gibt II, III und IV) ist unübertroffen. Er saß acht Jahre in der Volksschule auf ein und demselben Platz. Er war vier Jahre älter als ich. Als ich eingeschult wurde, saß er schon da, und erst nach vier Jahren durfte er endlich den Platz in der Schule räumen. Aber außerhalb der Schule war Simba immer vorne dabei. Es gab nichts, was er nicht mitmachte.

Im Winter, bei ganz schwacher Eisdecke, ging es ins Bruch. Das Ziel war der Ritzengraben, ein Vorfluter. Wir hatten Holzschuh, Kurkel oder Holzpantoffel an den Füßen. Die Mutprobe bestand darin, mit Anlauf über das dünne Eis zu schlittern, ohne dass es bricht. Simba machte das vor. Oft ging das gut. Aber oft auch nicht. Wir hatten immer Streichhölzer bei uns. Simba musste erst getrocknet werden. Nass durfte er sich zuhause nicht sehen lassen. Es war manches Mal ganz schön kalt. Simba ist um das Feuer herumgesprungen, nackt und mit Gebrüll, bis alles getrocknet war. Nach der Schulzeit hat er ganz normal gearbeitet. Sich schicke Sachen zugelegt, langer Staubmantel, Hut verwegen ins Gesicht gezogen. Mein ehemaliger Bettelkumpan hatte die gleiche Kluft. Sie sahen aus wie Kriminalkommissar Eik, aus einem Film. Das haben sie weidlich ausgenutzt, sich als Kriminalisten ausgegeben, Mantelkragen hochgeschlagen. Hut tief ins Gesicht. So haben sie einen alten Mann verhaftet und in den Keller gesperrt. Alles wegen der schönen Tochter des Mannes. Später haben sie den alten Mann wieder freigelassen mit der Begründung, dass sich seine Unschuld herausgestellt hatte. Da die Tochter geschwiegen hat, hatte der alte Mann keinen Grund was zu sagen. Simba ist wie wir alle Soldat geworden. Ein Überlebender aus seiner Kompanie hat berichtet, wie Simba geendet ist. Ihre Einheit war in Russland im Einsatz. Es war Winter, starker Frost, die Kompanie lag in vorderster Linie in ihren Deckungslöchern. Simba hatte die Schnauze voll. Er hat einen Stiefel ausgezogen. Den Lauf in den Mund gesteckt und mit dem großen Zeh abgedrückt. In der Zeitung stand der damals übliche Nachruf: „Er starb den Heldentod für Führer, Volk und Vaterland“. Unsere damalige Heimatzeitung „Märkischer Stadt- und Landbote“ brachte damals täglich ganze Seiten mit diesen Nachrufen.

Vor dem Krieg, man kann sagen bis zum Winter 1941, ging das Leben im Dorf weiter wie eh und je. Ich ging nach Bad Freienwalde zur Schule. Lernte andere Lehrer und Schüler kennen. Zur Schule wurde im Sommer grundsätzlich das Fahrrad benutzt. Altglietzen lag noch günstig. Viele hatten einen weit größeren Anfahrtsweg. Wir hatten Schüler aus vielen Orten. Zehden, Hohensaaten, Oderberg, Falkenberg und Wriezen, um nur die wichtigsten zu nennen. Im Winter durften wir mit der Kleinbahn fahren. Eine Monatskarte kostete von Altglietzen bis Freienwalde immerhin 5,70 DR (Deutsche Reichsmark). Deshalb wurde nur im Winter mit dem Zug gefahren. Die Züge waren immer voll besetzt. Damals war es selbstverständlich, dass man älteren Mitreisenden den Sitzplatz abtrat. Die Achtung gegenüber älteren Menschen und fremdem Eigentum war in den ländlichen Gebieten sehr ausgeprägt. Dass Züge oder andere Sachen nicht beschädigt und zerstört werden, war für uns selbstverständlich. In den Dörfern wurde während der Dunkelheit viel Schabernack getrieben. So wurden ganze Ackerwagen auseinander- und auf Dächern wieder zusammengebaut und mit Mist beladen. Aber: Es wurde sorgfaltig darauf geachtet, dass nichts beschädigt wurde. Es wurde Schabernack gegenüber denen betrieben, die besonders geizig und besonders unfreundlich gegenüber der Jugend waren oder gegen die guten alten Dorfsitten verstoßen hatten. Es wurden Hoftore ausgehoben und ans andere Dorfende transportiert. Auch bei Hochzeiten gab es zu den Polterabenden harte Sitten. Wenn die Brauteltern oder die Braut nicht sehr beliebt waren, dann wurde nicht nur mit alten Gläsern und Töpfen gepoltert, sondern ganze Ladungen Müll abgeladen. Bräuten, die vor der Hochzeit besonders flott waren, konnte es passieren, dass am Hochzeitsmorgen vom Brauthaus bis zur Kirche der Weg mit Kaff (Spreu) gestreut war. Solches und ein Vielfaches an manchmal rauen Sitten gab es. Aber irgendwie musste es nachvollziehbar sein. Wenn etwas besonders gut gelungen war, hat das ganze Dorf geschmunzelt. Es wurde auch deutlich, was nicht gefiel. Wichtig war vor allen Dingen, dass niemand erfuhr, wer die Täter waren. Verschwiegenheit war oberstes Gebot. Jedes Dorf hatte damals seinen Landjäger (Gendarm). Er war immer zugegen und wurde immer ausgetrickst. Er hatte ein Fahrrad mit Karbidlampe. Die brannte auch wenn das Fahrrad stand. Wir konnten ihn ausmachen, aber der uns nicht. Wir haben manchmal stundenlang mit ihm Greifen gespielt. In Altglietzen war es üblich, dass sich die Jungen an einer bestimmten Stelle trafen. In kleinen Gruppen wurde das anstehende Problem beraten. Eines Abends erzählte Fritz ganz empört, dass die Frau des Doktors gesagt habe, sie würde nicht dazu kommen, ihre Stachelbeeren zu pflücken. Uns war sofort klar: Der Frau musste geholfen werden! Es war Mondschein und wir haben die ganze Nacht gepflückt. Nächsten Tag hat auf Geheiß der Frau Doktor der Landjäger die Stachelbeeren gesucht. Er hatte zwar ein Fahrrad und ein Reitpferd, aber keinen Hund. Beide waren zur Spurensuche nicht geeignet. Aber er hatte ja Augen im Kopf. Der Weg war markiert mit Schalen der Stachelbeeren. Vor einem Haus hörte die Spur auf. Der Landjäger hat messerscharf kombiniert: Die Täter kommen aus dem Haus, wo die Spur aufhört. Wir haben noch lange Stachelbeeren gegessen. Aber nicht mehr im Laufen. Ein Glück, dass wir zeitig genug aufgehört hatten, die Schalen auszuspucken. Frau Doktor hat uns natürlich sehr leid getan. Wir wussten zwar mehr als der Landjäger, konnten aber aus verständlichen Gründen unser Wissen nicht weitergeben.

Damals wurde die Frau eines Akademikers mit dem Titel ihres Mannes angesprochen. Sie hatte einen Titel, für den sie gar nichts konnte. Sie war aber dadurch berechtigt, sich von anderen die Arbeit machen zu lassen. Ich meine damit nicht nur Stachelbeeren pflücken. Sie hatte für Haushalt und Garten eine Dienstmagd. Frau Doktor musste immer gepflegt aussehen. Das war sie dem Titel ihres Mannes schuldig. Herr Doktor dagegen hatte andere Aufgaben. Aber seine ärztliche Kunst wurde nicht so oft in Anspruch genommen. Damals wurde ein Arzt nur im äußersten Notfall aufgesucht. Ein Dorfarzt hatte keinen Stress. Er hatte Zeit für seine Patienten und für sich. Es lag also nah, dass beide Heilkundigen des Dorfes näher zusammenrückten. Zwei Spezialisten. Einer für das leibliche Wohl und der andere für die Seele. Beide waren verwandte Seelen. Sie waren irdischen Freuden nicht abgeneigt. Sie liebten Wein, Weib und Gesang. Wobei der Gesang etwas zu kurz kam. Aber beim Wein, da haben sie sich fröhlich zugeprostet. „Prost Bruno!“ „Prost Johannes! Im Jenseits gibt es kein Wiedersehen!“ Sie hielten es mit Heine: „Wir wollen schon auf Erden glücklich sein, den Himmel überlassen wir den Engeln und den Spatzen.“ Beide hatten auch berufsbedingte Eigenarten. Wenn jemand zum Doktor ging, egal mit welcher Krankheit, sagte er grundsätzlich: „Das habe ich auch schon gehabt.“ Damit war jeder schon halb geheilt, wenn ein Doktor das auch schon hatte. Dann konnte es ja nicht so schlimm sein.

Unser Pastor Johannes überraschte uns im Konfirmandenunterricht sehr oft mit seinen überragenden pädagogischen Fähigkeiten. Wenn er in der Kirche das Evangelium erläuterte, schrieb er wichtige Bibelstellen mit dem Finger an die Kirchenwand. Wenn er diese Bibelstellen beim nächsten Unterricht wieder abfragte und keine Antwort erhielt, dann zeigte er auf die Kirchenwand und rief empört: „Da steht’s doch!“ Er musste eine besondere Gabe haben. Der sah etwas, was gar nicht da war. Empört über soviel Unvermögen unsererseits im Ablesen von mit Finger geschriebenen Wandsprüchen kam es grollend, laut und deutlich aus seinem Munde, so dass die Kirchenkuppel das Echo zurückwarf: „Verlasst das Lokal!“ Der liebe Gott, der ja alles hört, muss sich etwas gewundert haben. Wir taten das auch, sind aber seiner Aufforderung gern nachgekommen. Wir waren ja keine Säufer. Ich bin nur die letzten zwei Monate vor der Einsegnung in Altglietzen zum Unterricht gegangen. In der Zeit bin ich nur einmal rausgeflogen. Man musste, um eingesegnet zu werden, als Volksschüler zwei Jahre und als Mittelschüler ein Jahr am Konfirmandenunterricht teilnehmen. Da ich in Freienwalde zur Schule ging, musste ich auch dort den Unterricht besuchen. Das habe ich einmal gemacht und dann nie wieder. Dieser Pastor verwechselte die Kirche nicht mit einer Kneipe, aber Backpfeifen hielt er für Nächstenliebe. Jeder Pastor versteht eben Gottes Wort auf seine Art. Ich hab es auf meine Art ausgelegt und bin nicht mehr hingegangen. Aber Gottes Mühlen mahlen und die Einsegnung rückte näher. Die Einkleidung mit dem schwarzen Konfirmandenanzug war schon erfolgt. Es war alles zur großen Feier vorbereitet. Meine Eltern ahnten nichts davon, haben es auch nie erfahren, dass ich nicht am Unterricht teilgenommen hatte. Es musste also was geschehen. Unser Rektor hatte mit der Kirche nichts im Sinn, das wusste ich und habe bei ihm meine Sünden gebeichtet. Er hat mir eine Standpauke gehalten, denn das war er seinem Ruf als Pädagoge schuldig. Danach hat er mir eine Bescheinigung und den Rat gegeben: „Du gehst“, sagte er, „mit der Bescheinigung zu eurem Pastor in Altglietzen und sagst ihm, dass es für dich und deine Eltern günstiger ist, wenn die Konfirmation im Ort stattfindet.“ Ich habe mich bedankt und mir fiel ein Stein vom Herzen. Dann habe ich die Bescheinigung, aus der hervorging, dass ich in Freienwalde am Unterricht teilgenommen habe, abgegeben und konnte ab sofort meine biblischen Kenntnisse in Glietzen erweitern. Die wenigen Wochen bis zur Konfirmation habe ich intensiv gelernt. Ich wollte mich ja schließlich bei der Prüfung nicht blamieren. Die Methoden, wie der Pastor die Christenlehre verbreitete, erschienen mir nicht sehr überzeugend. Einiges hatte ich gehört, einiges selbst erlebt. Er fragte: „Was ist ein Himmelreich?“ Bekam er keine Antwort, fragte er: „Was ist ein Siruptopf?“ Wenn wieder keine Antwort kam, dann löste er das Rätsel. „Ein Siruptopf ist ein Topf mit Sirup und ein Himmelreich ist ein Reich im Himmel.“ Ich habe damals lange gesucht, aber von Sirup stand nichts in der Bibel. In der zweiten oder dritten Konfirmationsstunde wurde ich gefragt: „Sage mir mal, mein Sohn, wer wird selig gemächlich?“ Ich antwortete wahrheitsgemäß: „Das weiß ich nicht.“ Er rief laut, sehr laut „Sage ich, ich!“ Ich antwortete auch so laut „Ich. Ich!“ Er hat etwas gestutzt, bevor er weiter gefragt hat: „Nun sage mir mal mein Sohn, wer macht uns selig?“ Ich war so schon im Schwung und habe nochmals „Ich!“ gerufen. Der Pastor muss daran gezweifelt haben, denn der hat gerufen: „Verlass das Lokal!“ Die Unterrichtsstunden waren nicht besonders lehrreich, dafür aber unterhaltsam. Manchmal war das Schlüsselloch der Kirchentür verstopft. Wir kamen nicht in die Kirche. Und wenn wir drin waren, schossen die Jungs mit Katapulten an die Kirchendecke. „Das sind die Tauben, liebe Kinder“ sagte dann der Pastor. Wer gar nichts wusste, den nahm er mit nach Hause zum Nachsitzen. Sie bekamen eine Sirupstulle und durften bald wieder gehen. Es gab welche, die hatten immer Hunger. Aber der Pastor war auch irgendwie Realist und praktisch veranlagt. Er vertraute mehr auf sich als auf Gott. Jedenfalls hatte er nicht die Absicht, sich mit seinen Prüflingen vor der Kirchengemeinde zu blamieren. Er sagte am Ende der letzten Stunde: „Wer bei der Prüfung etwas weiß, der hebe die rechte Hand. Wer nichts weiß, der hebe die linke.“ So kamen manche etwas öfter dran und andere gar nicht. Aber bestanden haben alle. Wir waren in den Schoß der Kirche aufgenommen. Das gehörte damals einfach zur Tradition. Ich musste nach der Konfirmation noch einmal in die Kirche zum heiligen Abendmahl. Dabei musste man knien. Ich hatte meinen neuen Anzug an und anstatt zu beten, habe ich geflucht. Meine Mutter sagte: „Mit dir gehe ich nie wieder in die Kirche.“ Damit war ich völlig einverstanden.

Ich wollte auch nicht weiter zur Schule gehen. Ich wollte zur Unteroffiziers-Vorschule. Eine Art Kadettenanstalt. Der Krieg war schon voll im Gange. Polen, Dänemark, Norwegen, Holland, Belgien und Frankreich schon besiegt. Wir dachten, wir kommen zu spät. Jedenfalls war das bei den meisten der Fall. Die letzten Jahre vor dem Krieg waren wie im Flug vergangen. Ein Ereignis jagte das andere. Der Spanienkrieg war zu Ende, die Legion Condor wurde als Sieger gefeiert. Auch ein Altglietzener gehörte zu den Helden. Das Sudetenland und Österreich, die Ostmark kehrten zurück ins Reich. Wir hatten zuvor durch Radio und Wochenschauen den ungeheuren Jubel erlebt. Wir wollen heim ins Reich - „Ein Volk! Ein Reich! Ein Führer!“ Die Tschechoslowakei war deutsches Protektorat geworden. Der Führer wollte keinen Krieg. Er wollte nur Gerechtigkeit für die geknechteten Deutschen außerhalb des Reiches. Auch im alltäglichen Leben wurde Gerechtigkeit und Volksgemeinschaft großgeschrieben. Es gab das Winterhilfswerk - keiner soll hungern und frieren. Wir Jungen sammelten ständig für die Volksgemeinschaft. Es gab Eintopfsonntage. Wenn ich zurückdenke, gab es bei uns nie Eintopf am Eintopfsonntag. Dafür gab es Luftschutzübungen, mit richtiger Verdunkelung. Das war neu und aufregend. Sogar unser alter Landjäger musste seine Karbidlampe verdunkeln. Das alles wurde weder von den Alten, viel weniger noch von den Jungen ernst genommen. Damals gab es die großen Herbstmanöver mit Einquartierung und Manöverball. Eine willkommene Abwechslung fürs ganze Dorf. Der Anblick der Soldaten gehörte inzwischen zum Alltagsbild. Viele aus dem Dorf waren selbst Soldat. Nach der Musterung feierten die zukünftigen Soldaten feuchtfröhlich das Ergebnis. Es gab kaum jemanden, der nicht KV (kriegsverwendungsfähig) war. Wer nicht Soldat werden konnte, dem haftete irgendwie ein Makel an. Ich hatte mir im Alter von 12 Jahren den Ellbogen gebrochen. Der Chefarzt des Freienwalder Krankenhauses, bei dem ich in Behandlung war, sagte mir: „Wenn du nicht ständig die erforderlichen Bewegungsübungen immer und immer wieder durchziehst, dann wird dein Arm steif bleiben und du wirst nicht Soldat werden können.“ Das war das Schlimmste für mich, was überhaupt passieren konnte. Ich habe die Zähne zusammen gebissen und alles, was zur Verfügung stand, genutzt, bis der Arm wieder völlig beweglich war.

In den letzten Monaten vor dem zweiten Weltkrieg spitzte sich der Konflikt mit Polen immer mehr zu. Die Volksdeutschen in Polen wurden verfolgt und bestialisch ermordet. Jetzt sah wirklich alles nach Krieg aus. Da kam die Nachricht vom Nichtangriffspakt mit Russland. Da rückte für viele der Krieg wieder in weite Ferne. Niemand konnte wissen, dass Stalin und Hitler Polen bereits unter sich aufgeteilt hatten. Als die Mobilmachung kurz danach erfolgte, traf es die meisten wie eine kalte Dusche. Viele wurden sofort Soldat. Reservisten, Wehrpflichtige und ehemalige Soldaten des ersten Weltkrieges. Mein Vater wurde auch Soldat. Noch vor dem offiziellen Kriegsausbruch bezogen sie Stellung mit ihren Flugabwehrkanonen (Flak) und Fesselballons auf dem Gelände der Zellstoff-Fabrik in Niederwutzen. Die Einberufung meines Vaters war auch das Ende des Milchhandels. Die Lebensmittel wurden rationiert. Die Molkerei Wriezen lieferte die zustehende Menge für unseren Ort. Sie wurden von uns ab Haus und nur noch für Altglietzen verteilt. Wir bewirtschafteten jetzt kriegsbedingt den Bauernhof. Das war für meine Mutter nicht leicht. Meine älteste Schwester musste nach Hause kommen. Sie lernte Haushaltsführung bei dem Fabrikbesitzer Adelt, einem gutbürgerlichen Haus in Eberswalde. Die Arbeiten mussten von meiner Mutter, meinen Schwestern und dem Knecht erledigt werden. Ich ging noch zur Schule und mein Bruder lernte Werkzeugschlosser bei Bruggert in Freienwalde. In der Schule wurden die jüngeren Lehrer Soldat., sie wurden durch Pensionäre ersetzt. Der Polenfeldzug war in 18 Tagen beendet worden. Kaum Verluste dank der Blitzkriegstrategie. Die meisten Soldaten lagen jetzt am Westwall. Frankreich und England waren die nächsten Gegner. Die Wochenschauen zeigten spannende Beitrage der Frontberichterstatter, Spähtruppunternehmen und lustige Geschichten aus dem Soldatenleben. Der Krieg wurde als großes Abenteuer dargestellt. Es war zu der Zeit irgendwie ein gemütlicher und romantischer Krieg. Die erste Kriegsweihnacht war wie immer. Vater hatte Urlaub, sie lagen in der Nähe von Magdeburg, und alle ehemaligen Weltkriegsteilnehmer sollten bald entlassen werden. Wir konnten Weihnachten wie immer feiern. Bald danach wurde auch mein Vater entlassen. Er konnte sich jetzt ausschließlich der Landwirtschaft widmen. An der Heimatfront musste die Ernährungsschlacht gewonnen werden. Der Krieg plätscherte so dahin. Es wurde April. Jeder dachte, dass es nun gegen Frankreich bald richtig losgehen würde. Da wurde der Krieg nach Dänemark und Norwegen verlagert. In Norwegen gab es etwas Widerstand, der aber bald gebrochen wurde. Wieder ein Blitzsieg. So war es auch zwei Monate später gegen Belgien, Holland und dem Erbfeind Frankreich nicht anders. Sieg auf der ganzen Linie, das Schanddiktat von Versailles war getilgt. Jetzt fehlten nur noch die Kolonien. Der größte Feldherr aller Zeiten würde das schon machen. Erst mal bombardierten unsere Flugzeuge England. Sie machten es sturmreif, dachten wir. Inzwischen ging das Leben im Dorf seinen normalen Gang.