Mein Leben und wie ich es zurückgewann - Kirsten Bruhn - E-Book
Beschreibung

Nach einem Motorradunfall sitzt Kirsten Bruhn im Rollstuhl. Da ist sie einundzwanzig. Und inkomplett querschnittgelahmt. Die junge Frau tragt schwer an den Folgen ihrer Verletzung. Neben den Schmerzen plagen sie Wut und Verzweiflung. Das Schwimmen wird ihre Therapie, im Wasser fühlt sie sich lebendig und unbeschwert. Sie kämpft - gegen ihr Schicksal, gegen sich selbst, und wird eine der erfolgreichsten Behindertenschwimmerinnen der Welt. Kirsten Bruhns Mut und Wille sind beispielhaft, und ihr Weg zeigt, dass sich ein Unglück in zahlreiche Glücksmomente verwandeln kann.

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Seitenzahl:168

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Impressum

ISBN eBook 978-3-355-50031-9 ISBN Print 978-3-355-01844-9

© 2016 Verlag Neues Leben, Berlin Umschlaggestaltung: Buchgut, Berlin, unter Verwendung eines Fotos von Kai Müllenhoff

Die Bücher des Verlags Neues Leben erscheinen in der Eulenspiegel Verlagsgruppe.

www.eulenspiegel.com

Kirsten Bruhn

Mein Leben

und wie ich es

zurückgewann

Inhalt

Prolog

Geleitwort von Franziska van Almsick

Kirstens Geschichte ist eine mutige Geschichte von Britta Steffen

Die Tragödie, der Unfall

Kindheit und Jugend

Das Abitur und die Pläne

2356 Kilometer nach Hause

Meine Rehabilitation

Rettungsanker und Richtungswechsel

Durchbruch und erste Erfolge

Drei Paralympics, viele Medaillen

Der Film »Gold – Du kannst mehr als Du denkst«

Ein Reh im Regal – Die Bambi-Verleihung

Die Bedeutung der Rehabilitation

Was ich nicht verstehe

Dank an meine Eltern

Das letzte Wort von Sandra Saenger

Die Querschnittlähmung – Eine Begriffsklärung von Petra Ahmann

Daten und Zeiten meiner Karriere

Besondere Auszeichnungen

Herausragende Ereignisse

Prolog

Liebe Leserinnen und Leser,

Sie halten mein Buch in den Händen. Möglicherweise haben Sie meinen Namen bereits in den Zeitungen gelesen oder sind durch eine Vortragsreihe auf mich und mein Schicksal aufmerksam geworden. Ich befinde mich in meinem fünften Lebensjahrzehnt, sitze im Rollstuhl und bin bei drei Paralympischen Spielen angetreten. Ich habe gewonnen, habe Rekorde aufgestellt und Medaillen mit nach Hause genommen. Alle Anstrengungen haben sich gelohnt, auch wenn sie manchmal mit vielen Entbehrungen verbunden waren.

Ich liebe meinen Sport. Ob ich jedoch auch als Athletin ohne Querschnittlähmung so erfolgreich gewesen wäre, möchte ich lieber nicht hinterfragen. Zwar habe ich nach meinem Unfall lange Zeit gebraucht, um wieder zu einer gewissen, zu der mir möglichen Normalität und damit in die Spur des eigentlichen Lebens zurückzufinden, doch so viel scheine ich dabei nicht falsch gemacht zu haben. Wenn ich den Zuhörern meiner Impuls-Vorträge von meinem Schicksal berichtete und davon, wie ich anfangs verzweifelt bin, weil mir die Kraft gefehlt hat, mich gegen die Schmerzen und die Mutlosigkeit aufzulehnen, hörte ich oft, ich solle meine Erfolgsgeschichte aufschreiben.

Weil ich den Kampf gegen mich selbst gewonnen hätte. Da draußen gäbe es bereits unzählige Biografien – da fehle meine mit Sicherheit nicht, wich ich regelmäßig aus. Zudem hatte ich Bedenken, so viel Persönliches preiszugeben. Meine größte Sorge war, mit einem Buch meinen eigenen Ansprüchen nicht gerecht zu werden. Doch die Idee blieb lange Zeit im Hinterkopf.

Als die Nachfragen schließlich immer zahlreicher und fordernder wurden und mir dann Jörg Lühn, ein sehr kompetenter Sportjournalist aus meiner Heimatstadt Neumünster, nach einem Interview ebenfalls gut zusprach, beschloss ich, das Projekt in die Tat umzusetzen. Jörg und ich kennen uns seit vielen Jahren, schon aus der Zeit, als ich noch Fußgängerin war. Aufmerksam hat er meine Karriere verfolgt, schrieb über meine sportlichen Leistungen und Stationen. Er stand am Beckenrand und am roten Teppich, verfasste Texte, in denen ich mich wiedererkannte. Und er wurde mir ein guter Freund. Vor über zwei Jahren schlug er mir vor, mich beim Schreiben meiner Biografie zu unterstützen.

Vielleicht ist mein Leben ja doch an der einen oder anderen Stelle interessant und kann diejenigen motivieren, die ebenfalls eine persönliche Krise bewältigen müssen. Das hoffe ich und wünsche ich mir sehr!

Natürlich habe ich in dieser Biografie versucht, meine Geschichte so authentisch wie möglich zu schildern. An viele Details kann ich mich noch sehr gut erinnern, andere sind mir im Laufe der Jahre entfallen oder sind unscharf geworden. Vieles und eben auch manch Unschönes ist verblasst – sicherlich eine Schutzmaßnahme des Körpers, ohne die mein Weg noch schwerer zu bewältigen gewesen wäre.

Meine Eltern und meine Geschwister waren mir beim Erinnern eine große Hilfe. Durch ihr Erzählen haben sie mit mir zusammen alles noch einmal durchlebt und sind damit eigentlich ein zweites Mal durch die Hölle gegangen. Es war damals, Anfang der Neunziger, für uns alle keine einfache Zeit gewesen, denn das sogenannte normale Leben war gewaltig auf den Kopf gestellt worden. Nur gemeinsam konnten wir das durchstehen.

Das Schwimmen half mir, gegen mein Unglück, gegen die Schmerzen anzukämpfen, und bescherte mir einzelne, später immer mehr Glücksmomente. Ich schwamm, um zu überleben; ich bin ins Leben zurückgeschwommen.

Nach der Europameisterschaft im Jahr 2014 im niederländischen Eindhoven habe ich meine internationale Sportlerkarriere beendet. Inzwischen wohne ich zusammen mit meinem Freund Phillip, der als Diagnostik- und Techniktrainer am Olympiastützpunkt Berlin arbeitet, in der Hauptstadt, und auch beruflich habe ich mich neu orientiert. Seit April 2012 bin ich Angestellte des Unfallkrankenhauses Berlin, einem hochmodernen klinischen Zentrum zur Rettung und Rehabilitation Schwerverletzter aus dem gesamten Bundesgebiet, und tätig in der Pressestelle als Botschafterin für Reha und Sport. Ich halte Impuls- und Motivationsvorträge.

Inklusion, also die bedingungslose Zugehörigkeit des Einzelnen zu einer Gruppe, ist dabei für mich eines der wichtigsten gesellschaftlichen Themen geworden. Der Kinofilm »Gold – Du kannst mehr als Du denkst«, in dem ich mitgewirkt habe, spielt für die Vermittlung dieses Gedankens eine zentrale Rolle. Er wird zur Sensibilisierung an Schulen, Universitäten und in anderen Institutionen gezeigt. Zusammen mit der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) ist es den Produzenten Andreas F. Schneider und Hendrik Flügge sogar gelungen, dass der Film in Hamburg und Bremen verpflichtend ins Schul- und Unterrichtssystem aufgenommen worden ist. Es wäre schön und wünschenswert, stünde Inklusion dauerhaft und flächendeckend auf dem Lehrplan. Erst dann ist es möglich, Vielfalt tatsächlich einen Raum zu geben.

Geleitwort von Franziska van Almsick

Liebe Kirsten,

endlich habe ich einmal die Gelegenheit, Dir ein paar Worte mit auf den Weg zu geben: Ich finde, dass Du eine unglaubliche Athletin bist. Was Du im Schwimmen erreicht hast, das habe ich in meiner zwölfjährigen Laufbahn trotz aller Anstrengungen nicht geschafft.

Es ist einfach unfassbar, wenn man einen Blick auf deine Vita wirft: Weltrekorde und Europarekorde reihen sich aneinander. Dazu hast du Gold-, Silber- und Bronzemedaillen bei Europa- und Weltmeisterschaften sowie Olympischen Spielen gewonnen. Wahnsinn!

Natürlich habe ich die Paralympischen Spiele in London 2012 verfolgt. Als erste Athletin hast Du zum dritten Mal Gold über 100 m Brust nach 2004 in Athen und 2008 in Peking gewonnen. Um diese Leistung in Worte zu kleiden und entsprechend zu würdigen, fehlen mir die Superlative.

Vor Dir und Deiner Leistung kann wirklich jeder nur den Hut ziehen. Du bist eine ganz tolle Botschafterin für den Sport – gerade für das Schwimmen. Wer Dir die Hand reicht, spürt: Du bist eine ganz starke Frau.

Herzlichst

Franziska van Almsick

Kirstens Geschichte ist eine mutige Geschichte

von Britta Steffen

Meine erste Begegnung mit Kirsten bleibt mir unvergessen. Es passierte im Frühjahr 2008, im Sportforum Hohenschönhausen in Berlin. Ein Tag, an dem mich zufällig meine Mutter beim Training besuchte. Ich befand mich zu dieser Zeit in der intensiven Vorbereitung auf die Olympischen Spiele in Peking und hatte nur das eine große Ziel vor Augen – den Olympiasieg. In dieser Phase galt es, mich auf mich selbst zu konzentrieren und stets bei mir zu bleiben. Das hieß zugleich auch, dass ich keine Erweiterung meines Freundes- oder Bekanntenkreises suchte. Trotzdem interessierte ich mich sehr für Kirsten, und ich wollte gern erfahren, warum sie im Rollstuhl sitzt. Eine Frage, die man nicht mal eben so en passant unter der Dusche stellt.

Meine Mutter erzählte mir ganz aufgeregt, was für eine nette Frau Kirsten sei, und ich wünschte mir, dass sie bald wieder zum Training ins Sportforum kommen würde. Und so war es dann auch. Wir begannen, uns gegenseitig mit einem Lächeln zu grüßen und manchmal auch ein paar Worte zu wechseln. Wir näherten uns langsam an.

Im Herbst 2009 wurden Kirsten und Phillip Semechin ein Paar. Phillip ist ein sehr guter und besonderer Freund von mir, und so kam es, dass ich über ihn Kirsten richtig kennenlernte. Wir gingen zusammen frühstücken, und ich mochte ihre Klugheit, ihre zurückhaltende und bedachte Art sofort. Sie war anders, sie beeindruckte mich. Ich war von ihr begeistert und fasste schnell Vertrauen. Immer, wenn sie in Berlin war und es die Zeit erlaubte, trafen wir uns, tranken einen Kaffee, aßen zusammen beim Italiener, lachten viel und erzählten uns unsere Geschichten, die sich mal glichen, mal unterschieden – die aber ein Band knüpften, wie ich es bis dahin noch nicht kannte.

Ich bewundere Kirsten für ihre Stärke, ihren Mut und ihren Charakter. Es ist immer eine Freude, sie zu sehen und Zeit mit ihr zu verbringen. Ich bin gespannt auf dieses Buch, weil die Zeit noch nicht ausgereicht hat, um Kirsten so gut kennenzulernen, wie man Freunde kennen sollte. Sie hat mein Leben enorm bereichert, und durch ihre eigene Geschichte kann sie auch anderen Mut machen, das Leben so zu nehmen, wie es eben ist. Denn das große Glück zu erkennen, das wir Menschen in der heutigen Zeit haben, fällt vielen schwer. Es tut daher gut, mutige Geschichten zu hören und zu erfahren, dass das Leben vielfältig ist. Gerade wegen seiner Brüche ist es interessant – und vor allem lebenswert.

Alles Liebe

Die Tragödie, der Unfall

Hinter mir liegt eine turbulente Phase. Wegen der akuten Krankheit meines Bruders habe ich meine Au-pair-Zeit in Amerika etwas verkürzt und bin früher nach Hause zurückgekehrt als geplant. Jan hat mit dreiundzwanzig Jahren eine Herztransplantation gut überstanden. Alle sind ziemlich mitgenommen, doch langsam kehrt in unsere Familie wieder Ruhe ein.

Auch ich will die Aufregung der letzten Wochen vergessen und ein bisschen ausspannen. Mein Freund Hauke hat zwei Wochen Griechenland-Urlaub für uns gebucht. Er ist Torwart und wird mit seiner Wasserballmannschaft von meinem Vater trainiert. So haben wir uns kennengelernt. Ziel unserer Reise ist die Mittelmeerinsel Kos, drittgrößte Insel in der östlichen Ägäis, der türkischen Küste vorgelagert. Es ist unser erster gemeinsamer Urlaub. Seit knapp einem Jahr sind wir nun ein Paar, haben uns davon jedoch viereinhalb Monate nicht gesehen. Eine lange Zeit der Trennung, besonders, wenn man einundzwanzig ist. Doch jetzt wollen wir endlich zusammen Spaß haben, die Zeit nachholen. Den Alltag mal links liegen lassen und gemeinsam Sommer, Sonne, Strand und Meer genießen.

Die griechische Sonne brennt. Das macht mir kaum etwas aus. Ich liebe diese Wärme, die Hitze. Am Tage herrschen weit über dreißig Grad. Hauke hat damit schon größere Probleme. Er verzieht sich am liebsten unter den Sonnenschirm, eine Art Riesenstrohhut, den wir zusätzlich mit den beiden Liegen für einen stolzen Preis am Strand mieten. Mit den anderen Urlaubern liegen wir in Reih und Glied. Wie panierte Ölsardinen. Doch das alles stört uns nicht. Hauke und ich wollen richtigen Strandurlaub machen. Lesen, Baden, Wasserski Fahren, Schnorcheln – ein bisschen relaxen, ein bisschen Nervenkitzel.

Angesichts unseres schmalen Budgets haben wir nur »Bed and Breakfast« gebucht. Zum Glück. Schlange stehen vor einem überfüllten Hotelbüffet muss nun wirklich nicht sein. Nach dem Strand springen wir erst einmal unter die Dusche. Unser Bad ist klein, sehr klein. Nach jeder Dusche ist alles überschwemmt. Wir nehmen es gelassen, cremen uns dick mit After-Sun-Lotion ein und spazieren dann los, um uns für den Abend eine kleine gemütliche Taverne zu suchen. Wir wollen Händchen halten und nebenbei die griechischen Köstlichkeiten genießen.

Die Temperaturen sinken auch am ersten Abend nur auf knapp vierundzwanzig Grad. Ständig wedeln wir mit irgendwelchen Servietten, Postkarten oder Ausflugsflyern vor unsern Gesichtern rum. Die einzige erholsame Erfrischung liefert uns der Inselwind, der dann und wann als leichte Brise um die Ecke weht. Da es im Hotelzimmer keine Klimaanlage gibt, ist die Nacht strapaziös. Der Schweiß läuft unaufhörlich.

Tagsüber bewegen wir uns so wenig wie möglich. Ich bleibe am Strand, während Hauke loszieht und sich ein Motorrad mietet. Das Werbeschild haben wir am Straßenrand entdeckt. Mein Freund liebt es, Motorrad zu fahren. Auch zu Hause hat er eine Enduro. Das ist ein geländegängiges Motorrad, aber für den Straßenverkehr zugelassen und dementsprechend mit den nötigen Sicherheitsvorrichtungen ausgestattet. Nachdem Hauke sich am Morgen mit der Crossmaschine vertraut gemacht und schon ein paar Runden gedreht hat, kommt er zum Strand zurück, um mich für eine Erkundungstour über die Insel einzusammeln.

»Da gibt es eine wunderschöne Stelle, direkt am Meer, mit einem einmaligen Panoramablick«, versucht er, mich zu überzeugen. »Wirklich, die Sicht ist sensationell!«, setzt er hinzu und lächelt.

»Ich weiß nicht«, äußere ich meine Bedenken. Natürlich hat Hauke einen Motorradführerschein und ich bin zu Hause schon öfter bei ihm mitgefahren, aber die fremde Maschine und die griechischen Straßen sind mir nicht ganz geheuer. Außerdem fehlt uns die angemessene Schutzkleidung.

»Ich fahre vorsichtig, versprochen«, sagt er, und ich stimme schließlich zu. Die Maschine rattert los. Fest schlinge ich meine Arme um Haukes Bauch. Das ist erstmal recht schwitzig, bis der Fahrtwind angenehme Kühlung bringt. Meine Anspannung lässt nach, und ich freue mich auf unsere Inseltour.

Hauke fährt sehr vorsichtig. Er macht leichte Brems- und Beschleunigungsübungen. »Alles okay?«, ruft er, und ich recke meinen rechten Daumen in die Höhe. Er nickt. Ich fühle mich sicher.

Auf dem Weg nach Zia, das im Zentrum der Insel liegt, fahren wir vorbei an blühenden Gartenanlagen, hinauf in die Weinberge. Über ein paar Serpentinen erreichen wir das alte Dorf, das knapp dreihundertfünfzig Meter über dem Meeresspiegel liegt. Es ist ein mühevoller Weg, aber Hauke hatte recht: Zwischen Töpferwaren und Teppichen genießen wir den Ausblick über das weite Meer und die Küstenlinien. Fröhlich und ausgelassen beginnen wir am frühen Nachmittag unsere Rücktour. Unterwegs mache ich Fotos von der Landschaft, von den typischen weißen Häuschen mit blauen Fensterläden und üppigen Blumenrabatten. Hier und da lugt ein Kirchturm hervor, in dem die Glocken hängen und in der Sonne glänzen. Hauke fährt sehr besonnen und langsam. Schneller vorwärtszukommen, ist wegen der Straßenverhältnisse auch gar nicht möglich. Die Strecke ist kurvenreich, die Randstreifen unbefestigt. Wenn Gegenverkehr naht, wirkt es schon bedrohlich genug, da braucht man echt keine Raserei.

»Du Idiot!«, schreit Hauke plötzlich und meint damit den Jeepfahrer, der die Bergauf-Linkskurve schneidet. Ich blicke über die Schulter meines Freundes und wundere mich, warum der andere nicht auf Haukes Hupen reagiert, nicht einlenkt, sondern weiter direkt auf uns zukommt. Warum, verdammt noch mal, warum bremst du nicht?, hallt es durch meinen Kopf. Nur knapp zischt der Jeep an uns vorbei. Hauke versucht auszuweichen und vergrößert den Kurvenradius. Wir scheinen normal weiterzufahren, aber dann kann er die Maschine nicht mehr halten, die im Kurvenscheitel ohne Vorwarnung plötzlich abschmiert. Das Motorrad befindet sich in absoluter Schieflage.

Es scheppert. Metall schiebt sich über den Asphalt. Wie auf einer Wolke fliege ich durch die Luft, im Kopf bleibt das Bild in Zeitlupe hängen. Bin ich gleich tot? In Sekundenbruchteilen läuft vor meinem geistigen Auge mein bisheriges Leben ab. Alle wichtigen Momente meiner einundzwanzigeinhalb Lebensjahre: Kindergarten, Schule, Schwimmmeisterschaften, Abitur, Amerika, Mama, Papa, meine vier Geschwister. Aber die vermeintliche Wolke löst sich in Luft auf; die Landung auf der Erde ist knallhart. Ich falle in eine Kuhle am Straßenrand. Im ersten Moment spüre ich keine Schmerzen. Nach den ersten Schrecksekunden will ich mich aufrappeln. Doch es geht nicht. Mich durchfährt ein Schreck. Ein spürbarer Ruck ist das Letzte, was ich wirklich bewusst wahrnehme. Mein Schutzengel ist verreist.

Als ich die Augen wieder aufschlage, fehlt mir jegliche Orientierung. Wo bin ich? Wie lange habe ich geschlafen? Ich liege rücklings auf dem Boden. Im Sand. Auf Steinen. Ich kann sie mit meinen Händen fühlen. Ich starre in den blauen Himmel. An meine Beine denke ich in diesem Moment nicht.

»Wir sind gestürzt«, teilt mir Hauke mit angstvoll geweiteten Augen mit. »Ist alles in Ordnung, kannst du aufstehen?«

Meine Gedanken sausen durch alle Gliedmaßen, bis in die Fingerspitzen, bis in die Zehen. Es ist wie ein inneres Abtasten, doch ich erhalte keine Rückmeldung. Ich versuche vorsichtig, mich zu regen. Nichts rührt sich. Die Anweisungen an meinen Körper verpuffen. Ich liege und schaue, mehr nicht. »Nein, ich kann nicht aufstehen!«, platzt es aus mir heraus.

Hauke will mir hoch helfen, lässt dann aber von mir ab. Er beginnt zu rufen: »Wir brauchen einen Arzt, schnell!«, und läuft aufgeregt hin und her. Touristen, die neben uns anhalten, versuchen, mir so gut wie möglich beizustehen. Mit Handtüchern spenden sie Schatten, flößen mir etwas zu trinken ein. Der Jeep hingegen, der den Unfall verursacht hat, ist längst weitergefahren. Der rasante Fahrer hat weder sein Fehlverhalten noch unser Unglück bemerkt. In seinem Leben hinterlassen wir keine Spuren.

Einheimische scharen sich um die Unglücksstelle. Die Verständigung ist schwierig – wir sprechen kein Griechisch, die anderen kein Deutsch. Alle mühen sich im Englischen, um wenigstens irgendwelche Absprachen zu treffen. Das nächste Haus sei weit entfernt, versucht uns ein Grieche verständlich zu machen. Ein Krankenwagen ist offenbar nicht aufzutreiben. Nach Ewigkeiten hält neben uns ein Kleinbus. Wie ein Rettungsfahrzeug sieht der allerdings nicht aus. Vielmehr ähnelt er einem Bus vom Militär. Die Bänke sind entfernt.

Vier Männer legen mich – an Armen und Beinen anfassend – gemeinsam auf die Ladefläche. Ich habe Schmerzen, schreie, muss weinen. Hauke hockt neben mir, hält meine Hand, versucht sich in tröstenden Worten. Er hat nur ein paar Schürfwunden an Armen und Beinen davongetragen, muss später an einem Zeh genäht werden. Über Stock und Stein fahren wir ins Staatliche Krankenhaus Hippocrates nach Kos-Stadt. Ohne eine wirbelsäulenschonende Vakuum-Matratze, die mir, so erfahre ich später, wohl mein Leid erspart hätte.

So gelange ich ohne eigenes Zutun in die Hände von Hippokrates’ Erben. Ich sehe provisorische Kabel von der Decke hängen. An den Wänden der Notaufnahme stehen rostige Gasflaschen herum. Mein Vertrauen in die medizinische Versorgung, sofern ich es überhaupt habe, schwindet zusehends. Die Schmerzen werden unerträglich. Ich verfalle in Selbstgespräche. Singsangartig flehe ich meinen Körper an, alle Hilfszellen zu aktivieren.

Inzwischen eilen Ärzte und Schwestern herbei. Hauke versucht, ihnen den Unfallhergang zu schildern und meine Lage klarzumachen. In einer Sprache, die mehr durch Hände als durch Wörter bestimmt wird. Kaum einer versteht ihn. Hilflosigkeit und Furcht sind ihm ins Gesicht geschrieben. Er ruft unsere Reiseleiterin an, die sich sofort auf den Weg zu uns macht.

Die Ärzte sprechen viel und schnell. Und alle durcheinander. Ich habe Angst und bekomme wahrscheinlich Beruhigungsspritzen und Schmerzmittel verabreicht. Bei dem ganzen Firlefanz schreie ich vor Schmerzen so laut wie nie zuvor und nie mehr wieder.

Eines wird mir in diesen Momenten immer klarer: Ich kann meine Beine nicht bewegen, habe kein Gefühl in den Füßen. Angestrengt schaue ich auf meine Zehen, die unter der Bettdecke hervorlugen. Eine Frage rast durch mein Gehirn: Warum spüre ich nichts? Die Ärzte signalisieren meinem Freund nach einer Reihe von Untersuchungen, dass sie hier, auf der Insel, nichts für mich tun könnten. Ich solle zur weiteren Begutachtung aufs Festland. Offenbar fehlt es auf Kos an den notwendigen Geräten.

Endlich erscheint die Reiseleiterin auf der Bildfläche und klärt für mich die Frage der Weiterbehandlung. »Die Ärzte raten dringend, Sie nach Deutschland zurücktransportieren zu lassen«, übermittelt sie mir. Ich bin wahrscheinlich ihr erster Fall, für den es nicht nur Ausflugsziele und Flugdaten zu koordinieren gilt. Einerseits sehe ich im Rücktransport die Chance, mit den modernsten und besten Methoden und Geräten untersucht und behandelt zu werden und bei meiner Familie zu sein, andererseits wird mir bange, wenn ich an die Flugzeit von über drei Stunden denke. Außerdem haben Hauke und ich keine Auslandskrankenversicherung abgeschlossen. Das wird also teuer.

Hauke versucht, Kontakt zu meinen Eltern in Neumünster herzustellen. Ich werde in ein tristes Krankenzimmer geschoben.

»Ein Flugzeug vom Deutschen Rettungsflug ist unterwegs«, sagt Hauke nach einem Telefonat mit Mama und Papa. »Wir fliegen noch heute Abend nach Hause.« Er atmet tief durch und versucht, bei seiner Ansage ruhig und beherrscht zu wirken. Ich merke aber, wie besorgt und ängstlich er ist.

Etwa vier Stunden später ist endlich der Rettungsflieger da. Ich werde als Schwerverletzte auf einer wackeligen Trage an Bord geschoben. Inzwischen ist es wieder Morgen geworden. Ich atme die noch kühle Luft ein, um klare Gedanken fassen zu können. Ich will nur noch nach Hause. Hauke nimmt auf dem Notsitz Platz und sinkt augenblicklich in sich zusammen.

»Wir können nicht starten«, höre ich plötzlich den Piloten aus dem Cockpit sagen, »das Fahrwerk zeigt einen Fehler an.« Die Vorderachse des Flugzeugs sei gebrochen, erklärt man uns. Die Maschine hält quietschend am Ende der Startbahn. Der Wahnsinn geht weiter. Kommando zurück. Man rollt mich in den Sanitätsraum der Abflughalle, zurück zu den Dilettanten aus der Klinik, bei denen ich mich weder ruhig noch sicher fühle. Stattdessen spüre ich Schmerzen und Angst, Wut und Verzweiflung. Eine furchtbare Mischung. Hauke hält meine Hand.