Meine Pflicht war die Flucht - Witold Milewski - E-Book

Meine Pflicht war die Flucht E-Book

Witold Milewski

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Beschreibung

In diesem Buch erzählt der polnische Offizier Witold Milewski anschaulich und packend, ab und zu mit einem unerwarteten Aufblitzen von Humor, über eine dramatische Phase in seinem Leben. Als der Zweite Weltkrieg beginnt, dient er in der traditionalistischen Kavallerie der polnischen Armee. Bald bricht der militärische Widerstand der Polen zusammen, und Milewski wird Kriegsgefangener der Deutschen. Doch er ist entschlossen, die Sache seines Landes nicht aufzugeben. In ihm reift der Plan, aus dem Gefangenenlager auszubrechen und den Kampf gegen die Deutschen im Untergrund fortzusetzen. Kann sein kühner Plan gelingen?

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Seitenzahl: 280

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Witold Milewski

Meine Pflicht war die Flucht

Für Alexandra und Tatjana

Vollständige E-Book-Ausgabe der in der Edition Förg erschienenen deutschen Ausgabe 2024

© 2024 Edition Förg GmbH, Rosenheim

www.rosenheimer.com

Titel der polnischen Originalausgabe: Obowiązek Uciekać

erschienen bei Ministerstwo Obrony Narodowej, Warszawa 1989

Titelfoto: Privatbesitz Izabella Dorota Rüger

Abbildungen im Innenteil: Privatbesitz Izabella Dorota Rüger

Lektorat: Richard Prechtl, Rosenheim

eISBN 978-3-475-55032-4

Über den Autor

Witold Milewski

Die stürmischen Jahre des Ersten Weltkriegs bestimmten die Kindheit von Witold Milewski. Mit seinem Vater, dem Kommandanten des 4. Regiments des I. Polnischen Korps in Russland unter General Dowbor-Muśnicki, teilte er alle Kriegsstrapazen und Kriegsgefahren. Die Familientradition verband ihn sein Leben lang mit der Militäruniform.

Als Oberleutnant des 3. Schlesischen Ulanen-Regiments kämpfte er ab September 1939 um die Verteidigung der mit so großer Mühe wiedergewonnenen Unabhängigkeit seiner Heimat. Die Bitterkeit der Niederlage wurde ihm nicht erspart.

Vom ersten Tag der deutschen Gefangenschaft an hielt er es für eine Ehrensache und für seine Soldatenpflicht, aus der Offiziersgefangenschaft zu entkommen, um den Kampf gegen die Deutschen fortzusetzen.

Im Herbst 1941 gelang es ihm, Untergrundkämpfer der Heimatarmee in Warschau zu werden.

Unter dem Pseudonym Mestvin kommandierte er eine Partisanenkompanie, die unter anderem zwischen dem 4. und 6. Mai 1945 dreihundert Frauen aus dem Konzentrationslager bei Neuměře in der Tschechei befreite (worüber er leider keine Aufzeichnungen hinterließ). Dafür erhielt er die Ehrenurkunde der Stadt Neuměře.

Nach dem Krieg war er als polnischer Offizier in Einheiten der US-Armee in Ingolstadt, Bayern, stationiert. Dort gründete und kommandierte er eine polnische Kompanie.

Als freier Journalist schrieb er jahrelang Artikel über die Weltkriege für die Lokalzeitung »Prawo Ludu« in Kielce und hielt zahlreiche Vorträge zu diesem Thema.

Witold Milewski, Oberstleutnant der Heimatarmee, der mit vielen Verdienstorden ausgezeichnet wurde, starb im Alter von 89 Jahren am 10. Januar 1997 in Kielce.

Ehrenurkunde der Stadt Neuměře

Vorwort

Die Übersetzung dieses Buches entstand erstmals für meine Töchter, denen ich den langen und spannenden Lebensweg meines geliebten Vaters veranschaulichen wollte. Es ist eine historische Dokumentation eines Augenzeugen der Geschehnisse des Zweiten Weltkrieges und der Umstände, die Menschen miterleben mussten.

Mit lebendigen und subjektiven Schilderungen stellt mein Vater das Leben der polnischen Offiziere in deutscher Kriegsgefangenschaft dar.

Nach der Kapitulation der letzten polnischen Truppen am 6. Oktober 1939 gerieten etwa 400000 polnische Soldaten, davon etwa 16000 Offiziere, in deutsche Gefangenschaft. Ungefähr 10000 polnische Kriegsgefangene starben, darunter auch Zivilisten.

Die bildliche Dokumentation habe ich aus dem privaten Fotobesitz vielfach ergänzt. Die Passagen, die der kommunistischen Parteidoktrin nicht entsprachen und sich nur im Manuskript, aber nicht in der ponischen Originalausgabe befanden, habe ich eingefügt.

1989 wurde das Buch in Polen mit großem Interesse aufgenommen und von den Medien positiv kommentiert.

Im Besitz der Familie befand sich ein Manuskript zum zweiten Teil des Buches, in dem mein Vater sein weiteres Schicksal im Untergrundkampf als Kommandant einer Partisaneneinheit sowie die Lebensumstände der polnischen Offiziere der Heimatarmee (AK – Armia Krajowa) bei der US-Armee schildert, die ab 1945 in Bayern stationiert war.

Danksagung

In erster Linie möchte ich mich ganz herzlich bei Harald Noeggerath bedanken für die Unterstützung und die Motivation zu dieser Übersetzung.

Ebenfalls auch für den unermüdlichen Einsatz von Hayden Verry, der mir bei der Bildbearbeitung geholfen hat. Meiner Nichte Maja Gilmore danke ich für die Hilfestellung, das Engagement und die Beratung.

Ganz besonders danke ich Heide Woeske, die die Korrekturen des Manuskripts mit Hingabe durchgegangen ist, und Franziska Beckmann Jacobs für ihre stets engagierte Beratung zu Syntax und sprachlichem Ausdruck.

Dr. Rudolf Georgi möchte ich meinen besonderen Dank aussprechen für sein Engagement beim Lesen des Manuskripts, seine Textkorrekturen und seine fachlichen Hinweise bezüglich des Inhalts und der Gestaltung. Ebenso bedanke ich mich für die Mithilfe bei meinen Freundinnen ganz herzlich: Monika Neldner, Annilie Hillmer und Marlies Nickel.

Izabella Dorota Rüger

Idyllische Jahre – keine himmlischen Jahre

Autor mit Vater in Weißrussland, Mochylew 1916

Ich bin 1908, einige Jahre vor dem Ersten Weltkrieg, in Zamość, einer polnischen Stadt im Bezirk Lublin, geboren. Unser ständiger Wohnsitz war die kleine Stadt Wladimir Wołyński (das heutige Wolodymyr in der Ukraine), wo mein Vater Michał Piotr Milewski als Berufsoffizier in der russischen Armee diente.

Dort kommandierte er die Leibgarde namens »Zar Alexander III«. Obwohl er Pole war, stieg er in diesem Regiment vom Leutnant bis zum Rang eines Hauptmanns auf. Dies war, wie er selbst sagte, in der zaristischen Armee eine außergewöhnliche Ausnahme.

In der Offizierskaserne stand uns eine schöne, geräumige Wohnung zur Verfügung, in welcher eine patriotische Atmosphäre herrschte. Bis heute klingt noch die Melodie des berühmten Marsches Tausende Kämpfer verlassen Warschau von 1831 in meinen Ohren. Auf unserem Grammofon, das einen riesigen Trichter besaß, wurde dieser Marsch oft gespielt. Zu Hause sprachen wir ausschließlich Polnisch und lasen polnische Literatur.

Ich hatte zwei Schwestern, Lunia und Irka. Ein junges Kindermädchen betreute die Kinder. Es gab auch den Offiziersburschen Ignat, der für uns unentbehrlich war. Er konnte fast alles, auch Wäsche waschen und bügeln.

Es ging uns sehr gut. Manchmal hörte ich sogar, wie meine Mutter meinem Vater Vorwürfe machte, weil er seinen Lohn nicht in Geldscheinen, sondern in goldenen Münzen nach Hause brachte – davon gingen wohl die Hosentaschen kaputt.

Die Mutter des Autors: Janina, geb. von Puck (1925)

Den Sommer verbrachten wir meistens in Szczebrzeszyn, einem Ort in der Nähe von Zamość. Dort besaßen meine Großeltern einen großen Gutshof am Fluss Wieprz. In der Stadt wohnten sehr viele Juden. Häufig führte ich mit den Sprösslingen der bärtigen, schläfenlockigen Anwohner so erbitterte Kämpfe, dass ich mich oft nur dank meiner schnellen Beine vor ihnen retten konnte.

Trotz meiner Rangeleien mit den kleinen Vertretern Israels schwärmte ich von den wohlschmeckenden Hefezöpfen, von den Brezeln und von den knusprig gebackenen Kuchenplätzchen mit Zwiebeln und Mohn, die ich später nirgendwo mehr finden konnte.

So verging meine unbeschwerte Kindheit frei von jeglichen irdischen Sorgen. Diese idyllische Kinderzeit dauerte aber nicht mehr lange. Zwei tödliche Schüsse, die Gavrilo Princip auf das Erzherzogspaar in Sarajevo am 28. Juni 1914 abfeuerte, veränderten plötzlich die Weltgeschichte. Kurz danach begann Russland mit der Mobilisierung seiner Armee.

Einen Monat später zog unser Vater in den Krieg. Wir hingegen fuhren mit unserer Mutter auf das Gut der Großeltern nach Szczebrzeszyn, wo es noch ruhig war. Doch die Front kam schnell in die Nähe unseres Zufluchtsorts. Die russische Armee zog sich in Eile zurück, nachdem sie mit dem heftigen Widerstand der feindlichen Truppen konfrontiert wurde. Im Frühsommer 1915 – meiner Meinung nach völlig sinnlos – flohen große Menschenmassen Richtung Osten. Um den immer näherkommenden preußischen Truppen zu entfliehen, schloss sich auch unsere Familie der Flüchtlingswelle an. Mittlerweile dauerte der Krieg schon fast ein Jahr, die vier legendären apokalyptischen Reiter hielten eine reiche Ernte.

Für längere Zeit hielten wir uns in Chełm Lubelski auf, wo gewaltige Flüchtlingsströme sämtliche Straßen und Plätze der Stadt versperrten. Es fehlte an Wasser, Nahrung und Medikamenten. Kein Wunder, dass bald die Choleraepidemie ausbrach, an der viele Menschen starben.

Auch unsere Familie wurde von einem schweren Schicksalsschlag getroffen. Die älteste Schwester Lunia – eine sehr gute Schülerin – hatte sich in der Nachbarschaft angesteckt. Bereits am zweiten Tag der Erkrankung mussten wir von ihr Abschied nehmen. Sie starb an Cholera, weil sie ohne ärztliche Versorgung und Medikamente zurückgelassen wurde. Lunia war gerade elf Jahre alt geworden.

Obwohl der Rest unserer Familie auch erkrankte, überlebten wir, weil diese heimtückische Krankheit bei uns nur einen milderen Verlauf nahm. Nach der Genesung sahen wir jedoch so erbärmlich wie Schatten unserer selbst aus.

In diesen schweren Zeiten kam uns Tante Stasia zu Hilfe. Sie lud unsere Familie auf ihren Gutshof Czwarte in Wołyń ein, wo ihr Vater Felicjan Motwiłł Forstmeister war.

Auf diesem Landsitz genossen wir himmlische Ruhe und konnten uns bald erholen. Nicht selten brachte uns Herr Motwiłł, ein begeisterter Jäger, einen Auerhahn oder ein anderes Wild, das er geschossen hatte.

Ich erinnere mich daran, dass ich eines Tages am Himmel den zigarrenförmigen Körper eines riesigen Zeppelins sah. Als ich voller Staunen und Furcht dastand, holte Herr Motwiłł seine Flinte und schoss zweimal in Richtung des merkwürdigen Himmelskörpers. Seit dieser heroischen Tat war Herr Motwiłł für uns Kinder der größte Held der Welt.

Bald erfuhren wir, dass ein Teil unserer Familie sich in Sumy im Gouvernement Charkòw in der Ukraine angesiedelt hatte. Also nahmen wir Abschied von unseren gastfreundlichen Helfern und zogen nach Sumy. Dort bekamen wir eine Zweizimmerwohnung mit Gartennutzung und Verpflegung bei Frau Cybulnikow in der Kostiukowa-Straße 38. Trotz des Krieges gelang es unserer Wirtin, uns mit gutem Essen zu verwöhnen.

In Sumy gab es bereits eine große polnische Kolonie. Ich erinnere mich an die Familien: Kalcki, Bujacki, Wałdo und Potocki. Vor unserer Ankunft wohnten dort auch unser Onkel Stanisław, Onkel Zygmunt und Tante Stefa sowie die beiden Schwestern des Vaters, Tante Pola und Tante Hela. Bei den häufigen Zusammentreffen unserer großen Familie wurden alle Neuigkeiten ausgetauscht, wobei die Frontnachrichten die größte Rolle spielten.

Oft kamen zu uns Gäste, um Préférence oder ein anderes Kartenspiel zu spielen. Manchmal tanzten die Erwachsenen den damals berühmten Walzer Na sopkach Mandżurii, den Herr Wałdo meisterhaft auf einem Haarkamm spielen konnte. Bei solchen Anlässen leerten unsere Gäste Mutters Konfitürengläser, die sich auf dem Küchenschrank befanden.

Zu dieser Zeit begannen meine Schuljahre. Ich musste in die Schule gehen, oft gegen meinen Willen, vor allem an Tagen mit Sonnenschein und Vogelgezwitscher. An solchen Tagen wurde ich von dem seichten Fluss Psjol, der durch Sumy floss, mit seinem sandigen Boden magisch angezogen.

In Sumy besuchte ich zum ersten Mal ein Kino, das man damals als »Illusion« bezeichnete. Ich erinnere mich an das Kino »Lux«, wo man in der Wochenschau die aktuellen Kampfereignisse beinahe aus ganz Europa verfolgen konnte; mit vor Staunen geöffnetem Mund, fasziniert und versunken im Kinosessel, nahm ich die neuesten Berichte auf. Ab und zu besuchten wir das Polnische Haus. Dort hing an einer Wand eine Landkarte Polens vor der Teilung, an der gegenüberliegenden Wand ein Porträt von Tadeusz Kościuszko, einem polnischen Nationalhelden, flankiert von zwei Bahnen der polnischen weiß-roten Nationalfahne.

In dieser Zeit kämpfte mein Vater an der Nordfront gegen die Deutschen in der Nähe von Dünaburg und Illuxt. Offenbar hatte er sich dort verdient gemacht, weil er ständig befördert wurde und viele Male eine neue Auszeichnung erhielt.

Mein Vater wurde viermal verletzt und zweimal bei einem Gasangriff fast vergiftet. Das war das erste Mal, dass die Deutschen an der Ostfront Giftgas einsetzten. Nach der letzten schweren Vergiftung wurde mein Vater ins Lazarett nach Zarskoje Selo gebracht, das für die Garderegimenter bestimmt war. Sein Zustand war sehr bedrohlich, und die Ärzte rechneten mit einer viermonatigen Behandlung.

Aufgrund dieser Diagnose und nach der persönlichen Nachricht von Zarin Alexandra, die die Ehefrauen verwundeter hoher Offiziere nach Zarskoje Selo einzuladen pflegte, beschloss meine Mutter, zu ihrem Mann zu fahren.

Während der Abwesenheit unserer Mutter kümmerte sich Frau Danilowska um uns, die in dieser Zeit bei uns wohnte. Kurz vor Ostern 1916 erhielten wir eine wunderschöne Postkarte aus Zarskoje Selo, die einen Ausschnitt der Hauptfassade der Zarenresidenz zeigte. Nach einem Monat kehrte unsere Mutter zurück. Tagelang erzählte sie von ihren Erlebnissen am Hofe des russischen Imperators: Unmittelbar nachdem sie in Zarskoje Selo angekommen war, wurde ihr eine luxuriöse Zweizimmerwohnung zugewiesen.

Die gesamte Zarenfamilie erwies sich im Alltag als zugänglich und sehr freundlich gegenüber meiner Mutter. Zarin Alexandra mit ihren ältesten Töchtern Olga und Tatjana versorgte in der Ordenstracht der Barmherzigen Schwestern verwundete Soldaten im Krankenhaus. Der Kronprinz Alexej stand aufgrund seiner vererbten Hämophilie unter Obhut eines riesigen Kosaken, der dem Thronfolger nicht von der Seite wich. Besonders begeistert war unsere Mutter von den prächtigen Chören in der Hofkapelle und von den bezaubernd schönen Vorführungen des russischen Balletts. In Anbetracht der Pracht der höfischen Umgebung und der glamourösen Uniformen der Gardisten war es kein Wunder, dass die Zeit in Zarskoje Selo noch lange das Hauptthema in unserem Familienkreis war.

Nach der Genesung kam endlich unser Vater zu einem zweiwöchigen Urlaub nach Hause, diesmal im Rang eines Oberstleutnants.

Die gemeinsame Zeit mit unserem Vater verging wie im Fluge. Danach wurden wir wieder mit unseren Sorgen und der politisch unsicheren Zukunft allein gelassen.

Es brach das Jahr 1917 an. Im Frühling ereignete sich für mich, einen kleinen Jungen, etwas Seltsames. Auf einmal breitete sich in der polnischen Kolonie eine gewisse Unruhe und Aufregung aus. Noch gut kann ich mich daran erinnern, dass ich wichtige Unterlagen an bestimmte Adressen liefern sollte. Ich war sehr stolz darauf, etwas Nützliches tun zu können, und lief oft hochnäsig herum. Mit dem näher kommenden Herbst wurde die Atmosphäre in der Stadt angespannter. Aus der Ferne vernahm man immer häufiger Gewehrschüsse – zuerst nur sporadisch. Später hörte man dann Tag für Tag das Dröhnen der Salven und heftige Explosionen. Weil ich mich während der Schießereien auf den Straßen herumtrieb, um leere Geschosshülsen zu sammeln, bekam ich einige Male von meiner Mutter eine tüchtige Tracht Prügel. Ich erinnere mich auch, dass das örtliche Kadetten-Korps bei diesen Kämpfen teilgenommen hatte. Dann kam der 7. November 1917. Der Kanonenschuss, der vom Schlachtkreuzer »Aurora« auf das Winterpalais in Sankt Petersburg abgefeuert wurde, überrollte dröhnend das gesamte Russische Reich, durchquerte die ganze Weltkugel und verkündete den Anfang einer neuen Epoche: Die goldenen Kuppeln der byzantinischen Tempel stürzten nieder, die Pracht der Großfürstenpaläste fiel zusammen, die letzten Reliquien des Zarentums verschwanden. Wir Polen jubelten vor Freude, die Hoffnung auf Freiheit berauschte uns wie ein kräftiger Wein. Während der Revolutionskämpfe fanden oft polnisch-patriotische Versammlungen und Demonstrationen statt. Man trug dabei weiß-rote Schleifen an der linken Brust.

Ende 1917 erhielten wir vom Vater die Nachricht, dass er zu polnischen Truppen gestoßen war, die sich in der Nähe von Mohylew und Shlobin (Weißrussland) unter Führung von General Józef Dowbor-Muśnicki formierten.

Um unsere Familie zusammenzubringen, beschlossen wir, uns unserem Vater anzuschließen. Wir hatten eine außergewöhnlich harte Frostperiode abgewartet, um zu Beginn des Frühlings eine lange Zugreise von mehr als 500 Kilometern anzutreten. Unter schwierigsten Bedingungen fuhren wir an Konotop (Ukraine) und Homel (Weißrussland) vorbei. Da keinerlei Fahrpläne existierten und die Züge nach Lust und Laune fuhren, war es für uns ein Horrorgedanke, noch zweimal umsteigen zu müssen.

Die Züge beförderten damals Tausende von heimkehrenden Soldaten der auseinanderfallenden Armee. Und ebendiese bestimmten die Fahrtrichtung sowie die An- und Abfahrtzeiten, öfter unter Drohungen mit ihren Revolvern. Aber sogar bei derartig gewaltsam erzwungener Fahrt gab es noch lange keine Garantie für eine erfolgreiche Weiterreise. Denn plötzlich blieb der Zug mitten im offenen Feld stehen, nachdem der Lokführer lakonisch erklärt hatte, eine kleine Reparatur der Lokomotive durchführen zu müssen. Daraufhin sammelten die Reisenden das notwendige Lösegeld, wonach die Reparatur erstaunlich schnell beendet wurde; ein anhaltender Pfiff der Lokomotive quittierte das erfolgreich abgeschlossene Tauschgeschäft. Unsere Reise dauerte über zwei Tage und zwei Nächte. Unter Berücksichtigung der damaligen Zustände konnte man dies als einen Erfolg ansehen. Auf den Bahnhöfen und in den Zügen herrschte ein unbeschreibliches Gedränge. Die Zugplätze konnte man nur mit Gewalt und nicht selten nur durch Einsteigen durch die Waggonfenster erstürmen. Bis heute ist mir unverständlich, wie meine Mutter mit uns beiden Kindern zurechtkam. Sehr behilflich waren die mitreisenden Soldaten. Als sie sahen, dass sie zwei kleine Kinder bei sich hatte, halfen sie, so gut sie konnten.

Eine Nacht lang fuhren wir in dem rüttelnden Zug wie die Heringe zusammengepresst, und ich verlangte jammernd nach einem bequemeren Schlafplatz. Zufällig reisten mit uns Matrosen der Baltischen Flotte. Diese riesenstarken Kerle galten damals als Helden der Revolution. Ein über mir liegender Matrose fragte mit donnernder Bassstimme, warum ich denn so lamentiere. Und dann tauchte plötzlich eine mächtige Tatze des »Möchtegern-Admirals« vor meiner Nase auf. Seine Hand packte mich sanft am Nacken wie einen Hundewelpen, hob mich empor und machte mir einen Liegeplatz an seiner Seite frei. Mit derartigen Zwischenfällen erreichten wir unser Reiseziel. Wir hielten uns in Mohylew auf, wo Vater mit seinem Regiment stationiert war. Das I. Korps wurde im Gebietsdreieck Bobrujsk–Mohylew–Shlobin verteilt.

Aufgrund des Ultimatums der deutschen Militärführung und um das überflüssige Blutvergießen zu vermeiden, begann das I. Korps zu demobilisieren. Dieser Zustand dauerte drei Monate lang, vom Juli bis zum Oktober 1918.

Erneut waren wir gezwungen, mit unseren Habseligkeiten in einen Güterzug zu steigen, um nach Polen, in unsere Heimatstadt Szczebrzeszyn, zu fahren. Diesmal konnten wir uns bequem im Zug ausbreiten, und die Reise verlief recht angenehm. Nach einigen Tagen kamen wir an unserem Reiseziel an und ließen uns im Hause unserer Großeltern nieder.

Ende 1919 wurde mein Vater zum General befördert und nach Großpolen abkommandiert, um dort neue Truppen zu formieren.

Auch für mich wurde gesorgt. Ein angestellter Nachhilfelehrer bereitete mich auf das Gymnasium vor. Mit viel Geduld versuchte er mir klarzumachen, dass sich mein sorgloses Leben endgültig dem Ende näherte. Nun sollte ich mir Gedanken über meine Zukunft machen. Wohl oder übel wurde ich gezwungen, mich zusammenzunehmen und die Sorglosigkeit meiner Kindheit zu vergessen.

Kurz darauf wurde ich unter Aufsicht nach Warschau geschickt, wo einer der Brüder meiner Mutter, Onkel Stach, lebte. In Warschau hatte er ein großes Zimmer bei Frau Ludwika Dabińska gemietet, einer molligen, gut aussehenden Brünetten mit großen Augen. Ich wurde bei meinem Onkel mit offenen Armen aufgenommen. Dies war insofern verständlich, als meine Mutter für meine Verpflegung außer Geld auch eine Fülle von Lebensmitteln mitgegeben hatte. Die finanzielle Lage der Bevölkerung war damals sehr schwierig, aber als Militärfamilie bekamen wir ein Lebensmittel-Deputat. Nach den Aufnahmeprüfungen wurde ich in Warschau in das exklusive Jan-Zamoyski-Gymnasium in der Smolna-Straße 30 aufgenommen. Dieses Gymnasium war eine humanistisch-konservative Schule mit hohem Niveau und einer langjährigen Tradition.

Wir trugen blaue runde Mützen mit einem Schulzeichen über dem Schirm. Der Schuldirektor, Herr Lipski, war ein erfahrener Pädagoge, ein Mann der älteren Generation, gerecht und zugleich sehr anspruchsvoll. Ich erinnere mich, wie er in meiner Anwesenheit einem Mitschüler, der am 1. Mai keine rote Krawatte trug, eine scharfe Rüge erteilte.

Ich besuchte die Klasse 1b. Unsere Klassenlehrerin Frau Jadwiga Kaczorowska, eine Brünette, deren üppiger Körper Frauendarstellungen von Rubens ähnelte, gab uns Polnischunterricht. Die Schule fing um acht Uhr an. Vor dem Unterricht begaben sich alle Klassen in die Schulkapelle, wo der Erdkundelehrer auf der Orgel das Lied Kiedy ranne wstają zorze (Wenn die Morgenröte aufgeht) spielte. Nachdem wir das Lied gemeinsam gesungen hatten, gingen wir in unsere Klassenzimmer.

Mit dem Lernen kam ich einigermaßen gut zurecht. Mein einziges Problem war Mathe – ich bekam immer wieder eine schlechte Note. 1920 wurde ich in die zweite Klasse versetzt, allerdings unter dem Vorbehalt in Mathematik.

Zu dieser Zeit führte Polen im Osten Krieg mit der Sowjetunion. Mein Vater hielt sich an der litauisch-weißrussischen Front auf. Nach dem Tod von General Dubinski befehligte er dort vorübergehend die 14. Großpolen-Division. Der Rest unserer Familie blieb in Szczebrzeszyn, weit entfernt vom Kriegsalltag und Kampflärm.

Anfang 1920 brachte mich der Adjutant meines Vaters nach Bobrujsk, wo ich meine Ferien verbringen sollte. Ebendort war die 14. Großpolen-Division unter der Führung des Generals Daniel Konarzewski stationiert. Zusammen mit Vater wohnten wir in der Szosna-Straße 20. Frei von den alltäglichen Sorgen tobte ich im Kreis der Soldaten aus Posen. Bereits viele von ihnen hatten den Albtraum des Ersten Weltkriegs auf den Schlachtfeldern in der Champagne oder bei den berühmten Kämpfen um Verdun miterlebt.

In Bobrujsk herrschte eine himmlische Ruhe bis zu jenem Tag, als unsere Front durch die russische Offensive zusammenbrach. Es wurde ein sofortiger Rückzug angeordnet.

Mein Vater übergab mich seinem Adjutanten und einer Wirtin des Offizierscasinos. Wir sollten beim Tross der Division in einen Güterzug in Bobrujsk einsteigen. In großer Eile fuhren von hier schon sämtliche Militärsonderzüge ab, hauptsächlich in Richtung Brest am Bug und Warschau. Als wir losfuhren, konnten wir den Feuerschein der Brände, Kanonengetöse und dumpfe Detonationen aus der Ferne wahrnehmen.

Einen Tag zuvor war ich Augenzeuge der Erschießung von vier Personen geworden. Sie wurden festgenommen, als sie versuchten, die neue Eisenbahnbrücke in Berezyn zu sprengen.

Unsere Fahrt war angenehm, weil wir auf dem Heu des Güterzuges bequem untergebracht wurden. Dank der zahlreichen Lebensmittel aus dem Offizierscasino waren wir auch gut versorgt.

Aber diese Reise hatte einen besonderen Charakter, denn unser Zug war ein Teil dieser Militärtransporte, die ohne Unterbrechung auf einer einzigen Bahnlinie in diesem Gebiet nach Westen fuhren.

Obwohl ich in Begleitung von zwei Schutzengeln war, dem Adjutanten und der Casinowirtin, kam ich in den Genuss unbegrenzter Freiheit. Von dem Moment an, als ich sie im Kornfeld beim Schmusen während eines Aufenthaltes erwischt hatte, konnte ich mich fast frei bewegen.

Unser Eisenbahntransport erfolgte gleichmäßig, außer wenn der Lokführer mit einem Pfiff der Lokomotive eine Reiseunterbrechung ankündigte. Dann strömte die ganze Reisegesellschaft aus den Waggons heraus, um auf einer Wiese die Sonnenstrahlen zu genießen. Wenn der Zug in der Nähe eines Dorfes anhielt, machten wir uns mit den Soldaten auf den Weg, um dort Obst und frische Milch zu ergattern; nachdem ein anhaltender Pfiff der Lok uns die baldige Abfahrt angekündigt hatte, eilten wir alle wieder zum Zug zurück.

Am liebsten hielt ich mich in Güterwaggons mit den Pferden auf, wo ich viele spannende Stunden verbrachte. Von dieser Fahrt blieb mir ein besonderes Ereignis in Erinnerung, das für mich beinahe tragische Folgen gehabt hätte. Während eines Aufenthaltes wurde ich von Soldaten in ein nahe gelegenes Dorf begleitet. Es war ein ungewöhnlich fruchtbares Jahr; die Obstbäume brachen buchstäblich unter der Last ihrer Früchte zusammen. Flink wie eine Katze kletterte ich auf den Wipfel eines ausladenden Birnbaums hinauf. Beim Essen der saftig-süßen Birnen vergaß ich die ganze Welt um mich herum. Die Soldaten bemerkten nicht, dass sie mich auf der Baumspitze allein ließen, und gingen in alle möglichen Himmelsrichtungen weiter.

Nach einer lang anhaltenden Stille hörte ich plötzlich Gespräche auf Russisch. Ich kletterte ein wenig hinunter und sah zu meinem Entsetzen unter dem Baum fremde Uniformen und Militärmützen mit roten Sternen. Mein Herz blieb vor Schreck fast stehen, ich spürte einen eisigen Schauer über meinen Rücken laufen. Aber weil ich ein mutiger Knirps war, fing ich nicht an zu flennen, sondern überlegte, wie ich mich verhalten sollte.

Inzwischen versammelten sich immer mehr fremde Soldaten unter meinem Birnbaum. Tapfer beschloss ich, den Baum zu verlassen, zu den Eisenbahngleisen zurückzukehren und in Fahrtrichtung des Zuges zu marschieren. Ich hoffte, dass ich meinen Zug mit etwas Glück irgendwo auf einem Feld stehend bald finden würde.

Diese kühne Idee setzte ich sofort in die Tat um. Es hatte mir sehr geholfen, dass ich nicht mehr ein so elegant gekleideter Knabe war wie bei der Abfahrt aus Bobrujsk. Die lange Reise hatte meine Kleidung verschlissen und beschädigt, sodass mich niemand beachtete, als ich von dem Baum herunterkletterte. Ruhig, die Soldaten der Roten Armee ignorierend, lenkte ich meine Schritte in Richtung Bahngleise, meiner letzten Hoffnung. Ab und zu eine Pause einlegend, marschierte ich geduldig den Gleisen entlang. Meine Gedanken waren nur mit einer Frage beschäftigt: Wie erreiche ich meinen Zug?

Glücklicherweise fand ich nach einem vierstündigen Marsch völlig erschöpft meinen Zug, der auf einem Feld angehalten hatte. Die Soldaten, die längst mein Verschwinden bemerkt hatten, führten mich sofort zu meinem Waggon. Dort angelangt, lag ich der verheulten Wirtin des Offizierscasinos und dem Adjutanten in den Armen. Besonders erleichtert war natürlich der Adjutant, den mein Vater persönlich beauftragt hatte, auf mich achtzugeben. Gleich nach der Begrüßung bekam ich ein paar Dosen süßer Kondensmilch, ein paar Schokoladentafeln und einen amerikanischen Zwieback, weiß wie Schnee. Auf diese Weise waren alle Beteiligten überglücklich.

Mit derartigen Abenteuern erreichte ich schließlich Warschau. Von Warschau aus ging es weiter – diesmal nur unter der Aufsicht des Adjutanten – nach Szczebrzeszyn. Als ich dort ankam, begrüßte ich meine Heimat mit einem Seufzer der Erleichterung.

Die heißen Sommertage näherten sich langsam dem Ende; im Garten schimmerte Mariengarn und breitete sich über die Wiesen am Fluss Wieprz aus. Meine Wonnezeit ging unwiderruflich zur Neige. Das Schreckgespenst der Schule stand mir vor Augen.

Die letzten Wochen meiner Ferien, die ich so sehr genossen hatte, verbrachte ich im Jagdhaus meines Onkels Luge. Zwei meiner Cousins aus Warschau, Romek und Janek, waren dort auch dabei.

Wir drei ungestümen Bengel konnten uns unbegrenzt austoben und unsere Freiheit in vollen Zügen genießen. Stundenlang schlenderten wir durch den Wald und suchten nach Munitionsresten und leeren Patronenhülsen aus dem Ersten Weltkrieg. In der frischen Luft vergnügten wir uns mit verschiedenen Kinderspielen, zum Zeitvertreib hüteten wir sogar Kühe. An regnerischen Tagen führten wir auf dem Dachboden erbitterte Kämpfe mit riesigen Hornissen, deren großes Nest am Dachgebälk festklebte.

Nach meiner Rückkehr nach Hause – zu dieser Zeit befand sich mein Vater dienstlich in Großpolen – beschloss meine Mutter, mich, das absolute Enfant terrible, in einem strengen Jungeninternat im berühmten Chyrów unterzubringen. Im Nachhinein finde ich, dass die vorsorgliche Entscheidung meiner Mutter doch richtig gewesen war, denn ohne die harte Hand des Vaters war es kaum möglich, mich zu bändigen.

In Szczebrzeszyn befanden sich noch zwei andere Früchtchen, mit denen man ähnliche Erziehungsprobleme hatte wie mit mir. So machten sich unsere Mütter mit uns dreien auf den Weg nach Chyrów.

Das berühmte St.-Josef-Internat lag in einem wunderschönen Vorgebirgsland. Das Internat wurde mit eiserner Disziplin von Jesuiten geführt, die bekanntermaßen zu den aufgeklärtesten und kämpferischsten aller christlichen Orden zählen.

Vom ersten Schuljahr an galt Latein in Chyrów als Pflichtfach. Weil ich in Warschau kein Latein hatte, wurde ich nicht in die zweite Klasse aufgenommen. Somit war ich ohne mein Verschulden gezwungen, das erste Jahr zu wiederholen.

Unser Internat war ein geräumig ausgebauter zweistöckiger Schulkomplex mit einer prächtigen Kapelle. Jede Klasse hatte einen eigenen Sportplatz, auch ein paar Tennisplätze waren vorhanden. Rigorosität und Disziplin beherrschten hier das Leben. Nur gegenüber den ältesten Schülern, die als Freiwillige am Ersten Weltkrieg teilgenommen hatten, war man großzügiger; sie durften sogar während der Spaziergänge Zigaretten rauchen.

Der Unterricht dauerte von morgens bis zur Mittagszeit. Danach folgte die Zeit des sogenannten Studiums. Das waren Pflichtstunden, in denen wir unsere Hausaufgaben unter Aufsicht eines Jesuitenlehrers machen mussten. Jeder Schüler hatte in einem dafür vorgesehenen Raum seinen eigenen Schreibtisch. Nach dem Abendessen hatten wir freie Zeit zum Lesen und für unsere privaten Angelegenheiten. In den Schulpausen durften wir je nach Jahreszeit im Rekreationssaal entspannen oder auf dem Sportplatz Fußball und Volleyball spielen.

In den Schulgängen galt absolute Ruhe. Im Refektorium, dem Speisesaal, bekamen wir dreimal täglich Mahlzeiten. Am Tisch wurden wir von sogenannten Lakaien bedient – Kartoffeln und Suppen waren nicht rationiert. Frauen wurden im Internat nicht beschäftigt. Während des Mittagessens teilte man uns unsere Post aus. Falls wir Lebensmittelpakete bekamen, waren wir verpflichtet, uns persönlich an Vater Preisner zu wenden – wir mussten die Ordensleute mit der Formel »mein Vater« ansprechen.

Zu meiner Zeit war Priester Stanisław Cisek der Rektor des Internats, und der Generalpräfekt war Priester Jósef Sas. Der Unterricht war sehr anspruchsvoll, und man verlangte viel von uns. Wir hatten ein bestens ausgestattetes naturwissenschaftliches Unterrichtszimmer und einen großen Zeichenraum. Es gab auch einen Theater- und einen Kinosaal sowie eine umfangreiche Bibliothek.

An den Wänden in den Schulgängen hingen in verglasten Rahmen dekorativ dargestellte Abiturzeugnisse der Internatsabsolventen. Im Erdgeschoss befand sich ein Parlatorium, das Sprechzimmer, wo wir uns mit unseren Besuchern, den Eltern und Verwandten, trafen. Die Musikzimmer für den Geigenunterricht waren in einem Teil des Erdgeschosses untergebracht. Unsere Schule besaß ein gutes Blas- und Streichorchester. Ich wurde für Klavierstunden eingetragen. Den Unterricht erteilte mir Professor Barcewicz.

Einmal monatlich mussten wir zur Beichte und anschließend zur Kommunion antreten. An Sonntagen und an anderen Feiertagen gab es in der Schulkapelle Gottesdienste, zu deren Teilnahme wir verpflichtet waren. Im Mai, Juni und Oktober besuchten wir die Kapelle sogar zweimal täglich. Angesicht dessen, dass wir noch an den Andachtsübungen und an den anderen kirchlichen Feiertagen teilnehmen mussten, fand ich, dass man mit den religiösen Praktiken übertrieben hatte. An sonnigen Sommer- und Herbsttagen unternahmen wir mit unserem Klassenlehrer Ausflüge. Bei diesen Gelegenheiten wurden wir mit reichlich Proviant ausgestattet.

In den ersten Schuljahren war körperliche Züchtigung in unserem Internat an der Tagesordnung. Bei einem größeren Vergehen musste man sich beim Generalpräfekten persönlich melden. Routinemäßig verpasste er dem Hintern des bereits liegenden Delinquenten etwa fünf Rutenhiebe. Ich hatte ebenfalls unter dieser »heiligen Sitte« zu leiden. Einmal, als mein Peiniger bemerkte, dass ich mir vorbeugend mehrere Schulhefte in die Hosen gesteckt hatte, bekam ich eine zusätzliche Strafe. Ab der vierten Klasse waren wir von derartiger Bestrafung befreit.

Eines Tages wurde ich im Zeichenunterricht dabei erwischt, wie ich eine Zeitschrift über den berühmten Indianerhäuptling Sitting Bull las. Vertieft in diese faszinierende Geschichte hatte ich die ganze Welt vergessen. Plötzlich ertönte die Stimme des Lehrers über meinem Kopf: »Milewski, was machst du denn da, du Bengel!«

»Ich bin dabei, die Geschichte der Indianer zu studieren, mein Vater«, sagte ich automatisch.

»Wenn du die Geschichte so sehr liebst, du Lausbub, dann zeichne mir für die morgige Stunde die Flucht der Juden aus Ägypten über das Rote Meer mit den sie verfolgenden Ägyptern.«

»Jawohl, mein Vater«, stotterte ich reumütig. Am nächsten Tag – weiterhin vertieft in die Geschichte meines Sitting Bull – hatte ich völlig vergessen, die biblische Szene zu zeichnen.

Kurz vor dem Unterricht erinnerte mich ein Mitschüler, mit dem ich die Schulbank teilte, an meine Hausaufgabe. Ich erstarrte, und weil mir keine Zeit mehr verblieb, griff ich zum Zeichenblock und bemalte eine ganze Seite mit roter Farbe. Die gefürchtete Zeichenstunde fing an. Hinter meiner Schulbank versuchte ich, der Unglückliche, mich so gut wie möglich zu verstecken, aber das Argusauge meines Lehrers entdeckte mich sofort. »Nun zeig mal, was du gezeichnet hast«, befahl der Jesuit. Halb tot vor Schreck holte ich das rot bemalte Blatt Papier hervor und überreichte es dem Schulmeister.

»Was soll das?«, dröhnte die Frage.

»Das Rote Meer«, entgegnete ich.

»Und wo sind die Juden?«, fragte er erbost.

»Die Juden sind schon über das Rote Meer geflüchtet, mein Vater.«

»Und wo sind die Ägypter?«

»Die Ägypter sind bereits ertrunken«, antwortete ich beinahe schluchzend.

Die ganze Klasse erstarrte in angespannter Erwartung; es herrschte Totenstille. Plötzlich unterbrach ein homerischer Lachanfall des Lehrers die beklemmende Stille der Klasse, die vom herzlichen und lauten Mitlachen der Mitschüler begleitet wurde.

»Diesmal hast du Glück, du Frechdachs«, hörte ich. »Das nächste Mal wage es bloß nicht, deinen Sitting Bull mit in die Klasse zu bringen.« Ich war mit einem blauen Auge davongekommen!

Während des vierjährigen Aufenthalts in Chyrów an einer Schule mit hohem Niveau hatte ich zweifellos eine ausgezeichnete Ausbildung erhalten. Das Einzige, was ich nicht mochte, war, dass sie dort Kriecher und Petzer tolerierten.

Seit 1924 wohnte ich mit meinen Eltern in Posen (Poznań), wo mein Vater Garnisons- und Festungskommandant war. Wir bezogen eine schöne, große Dienstvilla mit Garten in der Grunwaldstraße 29 im Stadtteil Jeżyce. Ich wurde in das Maria-Magdalena-Gymnasium am Bernardyński-Platz aufgenommen, das eine der besten Schulen in Posen war. Als frühere berühmte Lubrański-Akademie hatte diese Schule einen hervorragenden Ruf. Gerade zu meiner Zeit feierte man das dreihundertjährige Schuljubiläum. Unsere Schule, die man in der Umgangssprache Maryńka nannte, hatte ein sehr hohes Niveau. Wir hatten zum Beispiel Griechisch als Pflichtfach ab der vierten Klasse. Direktor Ostrowski und der ganze Lehrkörper waren hervorragende Pädagogen, die sich sehr bemühten, uns ihr Wissen so gut wie möglich zu vermitteln. In der ersten Schulphase hatte ich, obwohl ich von dem berühmten Chyrów kam, einige Lernschwierigkeiten. Das war darauf zurückzuführen, dass es Anfang der Zwanzigerjahre in jedem annektierten Landesteil Polens unterschiedliche Schulbücher und Lernfächer gab.

Besonders gut organisiert war in unserer Schule der Sportunterricht. Es gab eine ganze Reihe von Sportarten, ein Sportstadion, Tennisplätze und einen großen Ruderklub, in den ich eingetreten war. Aufgrund der exponierten Position meines Vaters besaß unsere Familie das sogenannte Passepartout, also Freikarten für sämtliche Kinos und Theater der Stadt. Diese Vergünstigung bestand auch für den wunderschönen Zoologischen Garten, der mir als Zufluchtsort beim Schulschwänzen diente. Leider konnten wir nicht lange in dieser Stadtburg des Fürsten Przemysław verweilen.

1925 wurde mein Vater in der gleichen Position ebenfalls als Stadt- und Festungskommandant nach Brest am Bug versetzt. Wir wohnten in der Stadtfestung an der Gabelung der Flüsse Bug und Muchawiec. Die Festung Brest umfasste fünf Inseln: die Zentral-, die Flughafen-, die Spital-, die Nord- und die Südinsel. Auf der Spitalinsel 219 hatten wir ein Appartement mit fünf Zimmern im ersten Stock.

Die Brester Festung war ein sich rasch entwickelndes Militärzentrum. Innerhalb dieser in Polen einmaligen Garnison befanden sich Büros der Korpskommandantur, Kasernen, einige Truppenformationen sowie andere Militärinstitutionen.

Zu den ständigen Anwohnern der Festung zählten 250 Offiziersfamilien und 500 Familien der Unteroffiziere und Militärbeamten. Wie in jeder anderen Stadt gab es auch hier sämtliche öffentliche Einrichtungen: eine Garnisonskirche, eine Grundschule, ein Krankenhaus, ein Hotel, ein Postamt, Wasser- und Elektrizitätswerke, einen gut ausgestatteten Lebensmittelladen und eine eigene Stadtverwaltung.

Die Verbindung zu der drei Kilometer entfernten Stadt Brest war eine zuverlässige und in ihrer Art einmalige Militärbahn.

Auf der Zentralinsel befand sich das bekannte Weiße Palais, das Garnisonscasino. Eben in diesem Palais wurde 1918 der Friedensvertrag zwischen dem Deutschen Reich und Sowjetrussland abgeschlossen. Während dieses Treffens soll Trotzki verkündet haben: »Ni mira – ni wojny« (Weder Frieden noch Krieg).

In Brest besuchte ich das staatliche Romuald-Traugutt-Gymnasium, eine Koedukationsschule, also eine Schule für Mädchen und Jungen.

Aus verschiedenen Gründen hielt ich persönlich diese Gemeinschaftserziehung für einen schlechten Einfall. Der Katechet, Priester Fabian Szczebicki, übte eine Alleinherrschaft über unsere Schule aus.

Außer unserem Gymnasium gab es noch das Lewicki-, das Jüdische, das Russische und das Mädchengymnasium. Die Anforderungen unserer Schule reichten bei Weitem nicht an die Jesuitenschule oder an die Schule in Posen heran.

Brest selbst hatte mit seinen niedrig gebauten Wohnhäusern einen typisch östlichen Charakter. Der Handel lag überwiegend in jüdischen Händen, und einige Geschäfte boten eine breite Palette von Waren an, oft zu niedrigen Preisen.

Ende 1927 trat mein Vater in den Ruhestand und beschloss sich für immer in Kielce niederzulassen. Bis heute ist mir nicht ganz klar, welche Gründe ihn dazu bewogen hatten, diesen Entschluss zu fassen. Mag sein, dass die zentrale Lage der Stadt oder ihre schöne Umgebung mit dem gesunden Klima eine entscheidende Rolle spielte.

In der Prosta-Straße 24 erwarb mein Vater eine Parzelle und baute ein Haus. Hinter dem Haus breitete sich ein großer Garten aus, hinter dem sich die Wasserwerke – das war der höchste Punkt der Stadt – befanden.