Milchstraße - Cora Andrash - E-Book

Milchstraße E-Book

Cora Andrash

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Beschreibung

Der Duft von frischem Brot und Räucherspeck wärmte. Der Hunger der Familie ­wartete. Das Kind wartete. Eva löste die Schnur vom Bettelsack. Das Kind schluckte. Der Hunger zog Wasser. Hungerwasser schmeckte bitter. Eine Scheibe Brot gab es und zwei Speckstückchen. Das Kind saß in einer Ecke, weil es immer in einer Ecke saß. Ecken schützten. Daumen und Zeigefinger zupften Brothäppchen, legten sie auf die Zunge. Die Zähne kauten. Der Speichel wurde süß. Der Hunger schluckte Wasser und Brot mit süßem Speichel. Eva teilte zu. Jedem Tag seine Portion. Für den Hunger einer ganzen Woche musste es reichen. Das Kind würde nicht mehr haben wollen, als es bekam.

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EPUB
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Seitenzahl: 464

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Cora Andrash

Milchstraße

Perspektiven eines Kriegskindes

ROMAN

Das Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und der Autorin unzulässig. Dies gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

© 2020 Cora Andrash

Lektorat: Ursula Hahnenberg • www.buechermacherei.de

Satz & Layout: Gabi Schmid • www.buechermacherei.de

Covergestaltung: Gabi Schmid • www.buechermacherei.de

Covergrafik: #347874886 | AdobeStock

Druck und Vertrieb: tredition GmbH, Halenreie 40-44,22359 Hamburg • www.tredition.de

978-3-347-15870-2 (Paperback)

978-3-347-15871-9 (Hardcover)

978-3-347-15872-6 (e-Book)

Alle in diesem Roman beschriebenen Geschehnisse basieren auf biografischen Überlieferungen von Zeitzeugen. Die meisten Ortsnamen und alle Personennamen wurden aus Datenschutzgründen geändert. Etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Personen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

PROLOG

Der junge Vater hielt sein Kind auf dem Arm, küsste es auf die Stirn. Das Kind griff in sein Haar. Kräftiges hellbraunes Haar in weichen Kinderhänden. Ein vertrautes Spiel zwischen Vater und Kind.

„Kind, du wirst deinen Vater nie mehr wiedersehen“, sagte er.

Das Kind auf seinem Arm lachte. Der Vater lachte nicht. Die junge Mutter weinte.

Zu seiner achtzehnjährigen Schwester sagte er: „Wenn ich nicht zurückkomme, nimm meine Frau an meiner Stelle an, als deine ältere Schwester.“

Seine Schwester versprach es, bei allem, was ihr heilig war. Um das Kind sorgte sich der Vater nicht, es war sein Fleisch und Blut und sowieso Teil seiner Familie.

Vor den Portalen der Kaserne wollten an jenem Nachmittag unzählige junge Familien die Zeit stillstehen lassen, sie festhalten, für immer. Jedoch schon in der darauf folgenden Nacht musste die Einheit los. Sich der Ostfront entgegenstellen. Mit dabei, der junge Vater mit Rosa, der Stute seiner Schwiegereltern. Auch Rosa hatte ihr Fohlen zu Hause im Stall zurückgelassen. Es sollte zum Reitpferd ausgebildet werden. Nach dem Krieg. Wenn der Vater zurück sein würde. Er hatte sich für die ungarische Kavallerie entschieden. Kanonenfutter. Die Stute und er. Er wusste das. Die Stute nicht. Er hätte auch als Dolmetscher zur Stabsführung der Deutschen gehen können. Motorisiert bis zum Endsieg. Schließlich beherrschte er alle drei Sprachen der Region in Wort und Schrift und er kannte sich in der Gegend gut aus. Die Deutschen hatten ihn haben wollen, vor einem Jahr. Seine Familie sei bestens versorgt, sollte ihm je etwas zustoßen. Es werde ihm aber nichts zustoßen.

„Der Endsieg ist sicher.“ Eigentlich hätte er zu den Deutschen gehen müssen. Sein Gewissen stimmte dagegen.

Mit Familienbildern im Kopf und dem Wunsch, „Komm gesund zurück!“, zogen die jungen Männer in den Krieg.

„Komm gesund zurück!“ Als ob je ein Soldat gesund aus einem Krieg zurückgekommen wäre.

„Ich komme wieder heim, ganz bestimmt, ich komme wieder“, sagte die junge Mutter einige Monate später beim Abschied von ihrer eigenen Mutter und ihrem knapp zwei Jahre alten Kind. Die Großmutter nahm das Kind in Obhut.

„Macht euch keine Sorgen, ich komme zurück“, wiederholte die junge Mutter.

Alle deutschen Arbeitsfähigen der Region zwischen sechzehn und fünfundvierzig Jahren sollten zu Aufräumarbeiten hinter der Front innerhalb Jugoslawiens eingesetzt werden. Das ließ man sie glauben, nachdem die Ostfront die Donau mit rotem Wasser und Soldatenleichen zurückgelassen hatte.

Mitzunehmen seien warme Kleidung, Schlafdecken und Proviant für vierzehn Tage. „Wer flieht, wird erschossen!“, so der Marschbefehl. Vor der Arbeit floh niemand. Das mit den Aufräumarbeiten im eigenen Land, das war allerdings ein sträflicher Irrtum. Sträflich in des Wortes wahrstem Sinn.

„Jetzt hab ich nicht eine Mami und nicht einen Papi“, stellte das Kind in Omis Obhut auf dem Nachhauseweg fest. Dass die Omi weinte, fiel dem Kind nicht auf. An ihrer Hand fühlte es sich sicher.

DAS KIND MIT DEM FALSCHEN NAMEN

Am Morgen trugen sie die Toten der Nacht hinaus auf die Korridore. Wehrlose Kadaver im Niemandsland. Die Toten hatten es geschafft.Wer von den Überlebenden noch Kraft hatte, beneidete sie. Die aus den Sterbeschuppen lagen obenauf. Hau-Ruck! Hau-Ruck! Hau-Ruck! Starre Bündel flogen vom Gehweg auf die Karre. Eine volle Karre. Eine zweite. Eine dritte. Niemand zählte. Zu viele waren es. Die erste Grube hinter dem alten Friedhof war letzten Monat gefüllt worden. Die zweite letzte Woche. In der dritten Grube war noch Platz. Hau-Ruck! Hau-Ruck! Hau-Ruck!

Versteckt auf dem Wall im Dickicht am Friedhofsrand saßen Kinder. Schmutzige verlauste kleine Menschen. Neugierig. Reglos. Sprachlos.

Die Sterbeschuppen in den Hinterhöfen der Häuser waren bis vor einigen Monaten Geräteschuppen gewesen. Wer jetzt in einem dieser Schuppen lag, kam nicht mehr lebend heraus. Tante Resi lag schon lange dort im beißenden Atem verwesender Körper. Neben ihr saß ein Kind. Das Kind.

„Geh weg! Ich will schlafen! Geh, sie dürfen dich nicht finden. Geh und versteck dich!“

„Wohin?“ – „Wohin soll ich gehen?“, fragte das Kind ein zweites Mal.

Tante Resis Augen wurden groß und weiß.

Draußen schien die Sonne. Das Kind saß an der Hauswand. Die Brettertür des Sterbeschuppens stand offen. Zwei Männer schleppten Bündel heraus. Durch den Hinterhof, durch den Vorderhof, auf die Straße. Tante Resis Flickendecke war auch dabei. Das Tor zuckte in den Rahmen. Danach war alles still. Das Kind schluckte leer. Das Pochen an seinem Hals stockte. In seinen Ohren zirpte die Ohnmacht.

Später erwachte es in Onkel Willis Armen. Es war dunkel.

Onkel Willi sagte: „Schlaf weiter.“

Fünfzehn Menschen lagen aneinandergepresst auf feuchter Erde zwischen eisigen Mauern. Die Fußbodenbretter waren bereits vor Monaten verheizt worden. Eine Stunde Hände wärmen. Mehr war da nicht. Wenn Onkel Willi nicht da war, wartete seine Decke auf ihn. Eine eingeknickte Flickenrolle rechts oben in der Stubenecke. Dort roch es nach trockener Erde wie Onkel Willis Hände. Das Kind wartete. Onkel Willi würde kommen. Er würde seine Flickendecke nicht für immer zurücklassen.

Eines Morgens war sie aber weg und Onkel Willi auch. Er hatte nicht „Auf Wiedersehen, behüt’ dich Gott, mein Kind“, gesagt. Er war für immer fort. Aber sein Geruch und seine Worte blieben. „Dort, wo die Tränen wohnen, wohnt auch das Lächeln. Nach jedem Regen scheint die Sonne, ganz bestimmt, irgendwann.“

Eva war schwerhörig, geschmeidig, lautlos. Hinter einem tief in die Stirn gezogenen verwaschenen Kopftuch ruhten wasserblaue Augen in runden Höhlen. Zusammengepresste Lippen verschlossen einen zahnlosen Mund. Gebende Hände mussten betteln lernen, um nicht zu verhungern. Dieses Mal war Eva viele Tage und Nächte weg gewesen. Ihr Bettelsack lag auf dem Fußboden. Prall gefüllt. Auf nackter Erde. Der Duft von frischem Brot und Räucherspeck wärmte. Der Hunger der Familie wartete. Das Kind wartete.

Eva löste die Schnur vom Sack. Das Kind schluckte. Der Hunger zog Wasser. Hungerwasser ist bitter. Es lässt sich nicht einfach hinunterschlucken. Eine Scheibe Brot gab es und zwei Speckstückchen. Das Kind saß in einer Ecke, weil es immer in einer Ecke saß. Ecken schützten. Daumen und Zeigefinger zupften Brothäppchen, legten sie auf die Zunge. Die Zähne kauten. Der Speichel wurde süß. Der Hunger schluckte Wasser und Brot mit süßem Speichel.

Eva teilte zu. Jedem Tag seine Portion. Für den Hunger einer ganzen Woche musste es reichen. Das Kind wollte nicht mehr haben, als es bekommen hatte. Eva, die große Mutter eines kleinen Kindes in einem Vernichtungslager. Eines Kindes, das nie spielen gelernt hatte, weil es nichts zum Spielen gab. Eines Kindes, das keine leiblichen Eltern kannte. Der Vater war in den Krieg gezogen, die Mutter zur Zwangsarbeit in Russlands Kohlegruben.

„Das ist mein Kind“, hatte Eva bei der Registrierung gesagt. Lebensgefährlich war das. Denn alle deutschen Waisenkinder mussten zu Sammelstellen gebracht werden. Ihrer Identität beraubt, sollten sie in jugoslawischen Kinderheimen als jugoslawische Waisen erzogen werden und später dem Land dienen, die Schuld ihrer Eltern sühnen.

Eva würde sich nie daran gewöhnen können, um milde Gaben bitten zu müssen, abgewiesen zu werden, sich gegen eine aufgehetzte Hundemeute zu stellen. Sie würde sich nie daran gewöhnen können, jede noch so entwürdigende Arbeit annehmen zu müssen, um nicht zu verhungern. Sie wollte nicht mehr darauf vertrauen, dass sie die Wachposten bei ihrer Rückkehr von draußen nicht erwischten. Sie wollte nicht mehr immer wieder geschlagen und eingesperrt werden. Und wenn sie viel zu spät mit einem leeren Sack zurückkehrte, ertrug sie die Augen des wartenden Hungers nicht mehr. Aber sie hatte keine Wahl.

Dann war da noch Michel. Das Kind wusste nicht, wer er war. Er kam irgendwann von irgendwo ins Lager. Er kam einfach dazu. Eva, Kranau Oma, Tante Resi und Onkel Willi kannten ihn. Das Kind kannte ihn nicht. Irgendwann sagte jemand: „Michel ist der Großvater.“

Vergewaltigen, misshandeln, erschießen war nach einigen Jahren offiziell verboten. Nach Alkohol und Zigaretten stinkende Uniformierte polterten nicht mehr nachts mit den Gewehren herein und zerrten schreiende Frauen hinaus. Für das Kind war diese Zeit nicht vorbei.

Der Gewehrlauf brennt auf der Stirn, Frauen schreien Hilfe, so helft mir doch, um Gottes Willen, Evas raue Hand drückt auf Mund und Nase, keine Luft zum Atmen, das Kind darf nicht schreien, dann der Knall, der Abdruck des Gewehrlaufs überlebt den Traum.

Das Kind hatte um sich geschlagen. Eva war wach geworden, die anderen auch: „Gib endlich Ruhe und schlaf!“

Das Kind gab Ruhe und wartete. Der Schlaf im Vernichtungslager war so vielfältig wie die Foltermethoden der Peiniger. Er spiegelte das Selbstverständnis des Unmenschlichen wider. Im monotonen Rhythmus des Grauens. Draußen war der Himmel unendlich schwarz. Das Kind saß auf der letzten Stufe der Treppe zum Hof und wartete auf Onkel Willis Stimme.

Ein Stück Brot ist Glück und ein Schluck sauberes Wasser und wenn einen die Miliz nicht erwischt, oder wenn sie schießen und einen nicht treffen und wenn einer lebend aus dem Gefängnis kommt, das alles ist Glück.

Onkel Willis Hände wärmten. Sie rochen nach trockener Erde. Seine Stimme erzählte aber keine richtigen Geschichten mehr wie früher.

Dort, wo die Tränen wohnen, wohnt auch das Lächeln, vergiss das nicht, mein Kind. Wir sind die einzigen Lebewesen auf dieser Erde, die lächeln können.

Onkel Willis Stimme und seine Wärme verloren sich in der Traumzeit. Nur sein Geruch blieb noch eine Weile.

Evas Geschichten waren anders als die von Tante Resi und Onkel Willi. Eva erzählte von daheim. Dabei zuckten ihre Mundwinkel. Ihre Augen suchten irgendwo in der Weite nach Bildern.

„Wo ist dieses schöne Daheim jetzt?“, fragte das Kind.

Eva drückte ihr Taschentuch mit beiden Händen auf die Augen. Ihr Körper zitterte. Das Kind fragte nicht weiter.

DER ZERSCHOSSENE SALLASCHI

Eva, Michel und das Kind. Weil die drei aus dem Vernichtungslager einen deutschen Namen hatten, waren sie noch immer rechtlos, mittellos, minderwertig. Aber sie durften nicht mehr in Massenlagern gehalten werden. Auf Anordnung von oben mussten die Arbeitsfähigen zwar weiterhin hart arbeiten, allerdings mit Anspruch auf Wohnraum. Die Schwaben würden sich schon wieder einrichten, dessen waren sich die neuen Herren sicher. So wurde die Ruine eines kleinen Gehöfts, das jahrhundertelang zum Gut Melcherhof gehört hatte, zum neuen Zuhause der drei.

Von den ursprünglich fünf Räumen des Wohntrakts war nur noch die Giebelstube überdacht, Wände und Plafond durchlöchert. Einige Patronen steckten fest. Mäuse schauten vom Dachboden durch die Schusslöcher in die Stube hinunter. Aber zum ersten Mal nach einer halben Ewigkeit lebten keine fremden Menschen mit im Raum. Und zum ersten Mal lag das Kind in einem Bett, wenn auch nur auf den Kanten zwischen Eva und Michel. Die Unterlagen in den Betten hießen Strohsäcke. Drin war aber Bast. Michel und Eva hatten eine dicke Gänsefederdecke und ein großes Kissen. Das Kind bekam ein kleines Kissen und eine Schafwolldecke. Wenn das Kind im Schlaf von seiner kantigen Mitte zu Michel rutschte, bekam es einen Fauststoß. Und wenn das Strampeln nicht aufhörte, konnte auch Eva nicht schlafen. Das Kind wollte lieber wieder auf dem Fußboden liegen wie bisher. Es hatte sich mit dem Lagerleben arrangiert. Eva nicht.

Vor den Betten stand ein Tisch aus rohem Akazienholz. Die beiden Lehnstühle gehörten Michel und Eva. Das Kind musste auf dem Hackklotz an der Längsseite sitzen. Unter den Fenstern standen zwei Truhen, eine für Kleider und Wäsche, die andere war bis obenhin mit Essensvorräten gefüllt. Niemand außer Eva durfte etwas herausnehmen. In der Kleidertruhe waren auch Evas Schätze. Das kleine Buch mit schwarzem Einband und vielen schwarzen Zeichen war ein Gebetbuch, die schwarzen Zeichen waren Buchstaben. Die Perlenkette war ein Rosenkranz, ein heiliger Rosenkranz. Besonders heilig war das goldene Kreuz, an dem ein nackter Mann hing.

„Das ist Jesus. Böse Menschen haben ihn ans Kreuz genagelt“, sagte Eva. „Die Partisanen waren es nicht. Das mit Jesus am Kreuz geschah vor sehr langer Zeit. Damals gab es noch keine Partisanen. Und jetzt hör endlich mit den dummen Fragen auf!“

Das Kind schlich durch Ruinen und Stallungen. Es hatte noch nie zuvor so viele Tiere gesehen. Die Tage waren viel heller als im Vernichtungslager, und die Felder reichten bis ans Ende der Welt. Im Hof gab es einen Brunnen mit morschem Holztrog. Das Blechdach über dem Brunnen war auch zerschossen, die Brüstung fehlte ganz. Eva musste weiter Wasser schleppen.

Das Kind sollte aufpassen, dass es nicht in den Brunnen fiel, denn aus einem Brunnen kam niemand lebend herauf. Im Vernichtungslager stürzten sich viele freiwillig in einen Brunnen. Meistens Frauen. Manche nahmen ihr kleines Kind mit. Danach wurden diese Brunnen zugeschüttet, weil man das Wasser nicht mehr trinken konnte.

Auf der anderen Seite des Brunnens lag eine vom Blitz gespaltene Akazie. Das Kind kletterte nach oben. Dort war die Welt hoch und weit.

„Du wirst dir den Hals brechen, wenn du nicht sofort herunter kommst.“

Das Kind kletterte, wenn Evas Stimme nicht da war. Eva arbeitete in der Genossenschaftskäserei und brachte jeden Abend Milch mit, manchmal ein paar Eier, die in einem braunen Weidenkörbchen auf den Markt warteten. Die Milch wartete in Tonkrügen auf dem Fensterbrett, bis sie sauer war, mit einer dicken Rahmschicht obendrauf. Eva sammelte den Rahm in einem Tonkrug, auch für den Markt.

Abends saß Eva lange am Tisch und murmelte mit sich selbst. Das Kind saß auf Michels Stuhl, wenn er nicht da war, und schaukelte mit sich selbst. Die Nacht schaute tiefschwarz durch die Fensterscheiben. Zwischen den Ritzen der gusseisernen Plattenringe zauberte das Herdfeuer Schattenspiele an die Zimmerdecke. Wenn Evas Finger mit den Perlen des Rosenkranzes spielten, nannte sie das Beten und Andachthalten. Aus Evas Augen sickerten kleine Wassertropfen. Ihre Wangen waren feucht. Das Andachthalten endete immer mit einem lauten Amen. Danach rollte sie alles, was zum Andachthalten gehörte, in ein dunkles Samttuch ein und steckte es in die Truhe zurück.

Sobald Michel kam, floh das Kind in seine Stubenecke. Ecken haben beherbergende Arme. Eine Tarnkappe wäre gut gewesen, so eine, wie sie in Onkel Willis Geschichten vorkam. Das Kind wusste nie, ob es brav gewesen war oder nicht. Das entschied Michel immer erst am Abend. Zuerst redete er mit Eva. Wenn er mit ihr redete, schrie er, und wenn er schrie, fluchte er ungarisch oder serbisch oder beides. Deutsche Flüche gab es wahrscheinlich keine. Das Kind hatte noch nie jemanden auf Deutsch fluchen gehört.

Wenn Eva tagsüber nicht in der Käserei arbeitete und auch nicht kochte oder sonst im Haus etwas zu tun hatte, buddelte sie draußen auf den Feldern die Wurzelballen der Maisstauden aus. Das hieß Stumpenlesen. Eva ließ die Stumpen an der Sonne trocknen, schlug die Ballen büschelweise auf den Boden, bis die Erde sich gelöst hatte, und schon war aus den Wurzeln Brennholz geworden. Außer Eva ging niemand zum Stumpenlesen. Das Kind musste auf den Weiden trockene Kuhfladen sammeln, weil auch sie gut brannten. Zuerst suchte es aber dampfende Kuhfladen für seine eisigen Füße. Der Teller war weit oben, wenn das Kind auf dem Holzklotz vor der Tischplatte saß. Auf dem Holzklotz knien durfte es nicht, weil man am Tisch sitzt und nicht kniet. Das Kind musste mit dem Löffel essen lernen. Im Lager hatte es keine Teller und kein Besteck gegeben. Die Lagersuppe, ein trübes Wasser mit schwarzen Punkten, hatte das Kind aus seinem blauen Blechkännchen getrunken.

„Kinder müssen den Mund halten, wenn Erwachsene reden.“

Michel und Eva redeten aber nicht. Das Kind musste so lange auf seinem Holzklotz sitzen bleiben, bis Michel mit dem Essen fertig war. Er schmatzte, schlürfte und schlabberte. Das Kind durfte das nicht. Damit die Suppe nicht spritzte, brockte er Brotstücke ein. Das Brot sah aus wie ein nasser Paprikaschwamm. Der Schwamm klatschte zurück in den Teller. Wenn Michel fertig war, stieß er den Stuhl mit dem Fuß zur Seite und ging. Das Kind durfte nicht vom Tisch gehen wie die Sau vom Trog. Das durfte nur Michel. Eva brauchte zum Essen viel länger, weil sie meist erst begann, wenn Michel fertig war. Das Kind musste abräumen helfen. Der neue Rock war zu lang. Das Kind stolperte. Der Rock musste hoch bis unter die Arme. Er war immer noch zu lang. Er musste hoch bis zum Hals. Später spielte das Kind draußen im Hof Vogel flieg. Die Füße verhedderten sich im Rockstoff, der Vogel lag im Dreck. Warum Vögel nach oben fliegen können und Kinder nur nach unten, war wieder eine dumme Frage.

Der Brunnen bekam ein neues Blechdach, einen neuen Holztrog und eine halbhohe Brüstung. Das Rad mit der Kurbel quietschte. Die Kette rasselte in die Tiefe. Der Eimer klatschte unten auf wie eine dumpfe Ohrfeige. Eva kurbelte so lange Wasser nach oben, bis der Trog voll war.

„Endlich Wasser. Ab jetzt werden morgens Gesicht und Hände gewaschen und abends alles von oben bis unten“, sagte Eva.

„Wieso? Im Lager musste ich mich nicht so oft waschen.“

„Weil kein Wasser da war, ab jetzt waschen wir uns regelmäßig. Wir sind doch kein Gesindel.“

„Was ist Gesindel?“

„Verwahrloste Faulpelze. Taugenichtse, die im Dreck leben.“ „Waren wir im Vernichtungslager Gesindel?“

Statt einer Antwort gab es eine Kopfnuss.

Evas Herd bekam ein neues Abzugsrohr und eine Backröhre. Trotzdem stachen graue Schwaden in die Augen.

„Hier stinkt es wie in einem alten Selchloch“, sagte Eva. Zuerst kehrte sie, dann staubte es, dann beklagte sie sich über den Staub und dann rutschte sie auf den Knien mit Wassereimer und Wischlappen durch die ganze Stube. Das Kind durfte nicht hinein, ehe der Fußboden trocken war. Auf der Türschwelle sitzen und Eva zuschauen bedeutete: „Den Weg versperren“. Vor der Tür stehen und zuschauen, hieß „im Weg herumstehen“.

An manchen Tagen gingen Eva und Michel nicht zur Arbeit. Sie mussten sich ausruhen, damit sie an den anderen Tagen arbeiten konnten. Das Kind sollte sich auch ausruhen. Es lag wach auf den harten Brettern zwischen Eva und Michel und schwitzte, weil es sich nicht bewegen durfte. Der weißblaue Tag war da. Auf dem Dachboden trippelten die Mäuse. Das Kind schaute hinauf, die Mäuse schauten durch die Schusslöcher herunter. Draußen zwitscherte, bellte, blökte, gackerte, schnatterte und quiekte es. Das Kind ordnete die Laute den jeweiligen Tieren zu und malte Traumbilder.

In Tante Resis Geschichten konnten die Tiere sprechen. Vielleicht verstanden die Tiere ja wirklich etwas, nur sprechen konnten sie nicht. Tagsüber waren die Bilder bunt, nachts schwarzweiß-grau.

Graue Flügel kleben an weißen Armen, die geflügelten Arme reichen bis in den farblosen Himmel, die Füße stoßen die schwarze Erdevon sich, die Flügelarme tragen nach oben, schwarze Füße strampeln hinter den weißen Armen, die schwarzen Fußsohlen stehen in weißen Furchen, das Kind schwebt weit über den Häusern, endlich hat es den Abstand zur Erde geschafft, doch das große Loch im Gewehr ist schneller, der Schuss kracht.

Das Kind wachte auf, den Druck des Gewehrlaufs auf der Stirn und das Hämmern in den Ohren. Es hatte um sich geschlagen. Eva puffte zurück, sie wollte schlafen. Irgendwann schlief auch das Kind wieder ein.

Am Morgen war das Leintuch nass. Die Stubenecke, normalerweise Zuflucht und Schutz, wurde an diesem Tag zum Arrest. Auf der Sonnenseite der Wand gegenüber saßen Fliegen. Im Lichtschattenspiel erschien der Plafond mit Hängebauch. Die Mäuse steckten ihre Köpfe in die Löcher. Später kamen noch mehr Fliegen in die Sonne und noch mehr Mäuseköpfe in die Plafondlöcher. Tagesarrest dauerte länger als Schläge.

Inzwischen suchten die Mäuse ihr Futter in der Stube. Sie versteckten sich nur, wenn der Fußboden krächzte, weil Evas Füße über die Bretter schlurften. Sobald es still war, schlüpften sie wieder aus ihren Löchern zwischen Wand und Boden heraus. Eva brachte eine Katze aus der Genossenschaft mit. Ihr Fell hatte von jeder Katzenfellfarbe etwas. Die Katze zeigte ihre Zähne, flüchtete unter die Betten. Das Kind krabbelte hinterher. Die Katze fuhr ihre Krallen aus. Sie sprang über die Betten zum Fenstersims. Einer der beiden Milchtöpfe kippte. Die Katze wollte mit dem Kopf durch die Fensterscheibe. Es klirrte. Der Milchtopf war hin. Die Sauermilch war hin. Der Rahm war hin. Eva riss die Tür auf und fegte die Katze mit dem Stubenbesen hinaus. Sie kehrte das Grobe zusammen, wischte ihre Wut und die Schmiere auf. Ihr Kinn berührte dabei fast ihre Brust, damit niemand ihre Augen sehen konnte. Trotzdem stellte sie ein Schüsselchen Wassermilch vor die Tür.

Die Katze war ein Kater. Er kam und ging, wann er wollte, aber er fing eine Maus nach der anderen. Eva nannte ihn „Mitz-Mitz“, deshalb sagte das Kind auch „Mitz-Mitz“. Wenn er gestreichelt werden wollte, schlich er um die Beine. Manchmal brachte Mitz-Mitz von draußen eine Maus mit und ließ sie los. Die Maus zitterte. Eva griff zum Besen. Mitz-Mitz war schneller. Die zitternde Maus blieb in der Stube sitzen. Eva packte sie mit Daumen und Zeigefinger am Schwanz und warf sie in hohem Bogen in den Hof hinaus.

Die ameisenähnlichen Krümel auf dem Tisch waren Mäusescheiße.

„So etwas nimmt man nicht in die Hand.“ Eva klatschte dem Kind auf die Finger und fegte die Mäusescheiße vom Tisch. Das kleine Holzbrettchen mit verknotetem Draht, das auf dem Tisch lag, war eine Mausefalle. Eva klemmte ein kleines Stückchen Speck zwischen den Draht, zog die Klappe mit der Feder zurück und stellte die Falle vor ein Mauseloch.

„Wieso kriegen Mäuse jetzt Speck?“

Das Kind wollte den Speck lieber selbst essen.

„Sie werden den Speck riechen. Sobald sie sich den Happen holen wollen, schnappt die Feder zurück und …“

Eva deutete auf eine Stelle vor der Feder. Blitzschnell griff das Kind mit Daumen und Zeigefinger nach dem Speckstückchen. Es klackte. Die Mausefalle hing am Zeigefinger. Eva schrie. Das Kind schrie nicht. Eva klatschte mit der flachen Hand in das starre Kindergesicht und zerrte die Mausefalle vom Kinderfinger. Der Finger blutete nicht.

„Es muss bluten. Wenn man lange genug drückt, blutet jede Wunde“, sagte Eva, „und jetzt sei still! Ich will nichts hören. Du bist selbst schuld.“ Eva rührte Mehl und Honig zu einer Paste. Das Kind musste auf dem Holzklotz sitzen bleiben. Eva wickelte Leinenstreifen um die ganze Hand. Das Kind hielt es aus. Wenn Michel kam, würde er seinen Hosenriemen Wellen schlagen lassen. Dann würde er einen roten Kopf bekommen und keine Lust mehr zum Schlagen haben. Er würde das Kind von seinen Knien auf den Boden stoßen. Das Kind würde liegen bleiben, bis er wieder gegangen ist. An diesem Abend zog Eva aus groben Stoffresten einzelne Fäden heraus und zwirbelte daraus Nähgarn. Der Glaszylinder der Petroleumlampe war trüb. Auch Evas Augen waren trüb. Das Kind lag mit seiner eingewickelten Hand bereits im Bett, als Michel kam.

„Ich habe dort drüben eine Mausefalle aufgestellt“, sagte Eva.

„Eine einzige Mausefalle für diese verfluchte Brut wird nicht reichen. Ich werde morgen Rattengift mitbringen“, knurrte Michel. Seine Arbeitshose mit dem Riemen hing über seinem Stuhl.

Der Schmerz stach und klopfte in der Kinderhand. Draußen pfiffen Ratten. Auf dem Dachboden raschelten Mäuse. Das Kind krabbelte aus dem Bett, weil es zum Donnerbalken musste. Eva rüffelte, weil sie ihre Ruhe haben wollte.

Der Finger musste jeden Tag ins Kamillenteebad. Der Nagel wurde gelb, braun, schwarz. Eva träufelte Schnaps auf die Wunde. Im Kopf des Kindes rauschte die Traumzeit. Es gab immer mehr helle Abende ohne Petroleumlampe. Eva erzählte von einem Hasen, der den Kindern an Ostern bunte Eier und Süßigkeiten ins Nest lege, „Aber nur, wenn sie brav waren und ein Nest für ihn gemacht haben. Und morgen ist Ostern.“

Eva schnäuzte in ihr Taschentuch, verbarg ihre Augen hinter dem Kopftuch. Das Kind wartete, weil das mit dem Naseputzen manchmal sehr lange dauerte.

Evas Eierkorb sollte zum Nest für den Osterhasen werden.

„Da muss frisches Gras rein, damit der Osterhase weiß, wohin er seine Eier legen soll“, sagte Eva, „morgen früh wird sich zeigen, ob du brav gewesen bist.“

In der Genossenschaft legten Hasen keine Eier. Hühner legten Eier und Gänse und Enten und die Vögel. Alles, was Federn hatte, legte Eier. Die anderen Tiere legten gleich fertige Junge, auch die Hasen.

Wenn Eva sagte: „Der Osterhase legt Eier“, würde das Kind es glauben und nicht wieder dumm fragen. Und woher der Osterhase wusste, ob brav oder nicht brav, würde es auch nicht fragen.

Draußen vor dem Graben wuchs hellgrünes Gras. Das Kind lutschte Grashalme. Frische Grashalme schmeckten wässrig süß. Wenn man eine Schnecke aus ihrem Haus herausholte, war sie schleimig und bald tot. Sie schmeckte aber nicht. Wenn man einen Regenwurm in mehrere Teile teilte, zappelten alle Teile weiter. Wenn man in einen Wurm hineinbiss, zog er sich zusammen. Ein Regenwurm schmeckte auch nicht. Und weil das Kind nicht wusste, ob man Schnecken aus den Häuschen pulen und in Regenwürmer hineinbeißen durfte, wusste es auch nicht, ob es für den Osterhasen brav genug gewesen war.

Die silberne Fee aus Tante Resis Geschichten kommt und nimmt das Kind mit in den blauen Himmel, weit unten sind die Häuser, die Wachen, die schreienden Toten, der peitschende Hosenriemen schlägt ins Leere, das Kind kniet auf Maiskörnern in der dunklen feuchten Stube, die Knie bluten, Stiefel poltern, dunkle Riesen grölen, das Loch am Gewehrlauf drückt auf die Stirn, Evas Hand presst dem Kind den Mund zu, bis es keine Luft mehr kriegt, Frauen schreien „Hilfe!“

Das Kind schrie. Eva hörte es nicht.

Es roch nach geschmolzenem Speck und gerösteten Zwiebeln. Es roch nach Einbrennsuppe. Eva stand am Herd und rührte im Topf. Das Kind krabbelte aus dem Bett.

„Einbrennsuppe für alle? Mit Mehlklößchen?“ Das Kind stand neben Eva auf den Zehenspitzen.

„Schau mal nach deinem Nest!“ Eva lächelte.

Das Kind beobachtete die schwimmenden weißen Teignocken in der roten Suppe.

„Geh schon! Schau nach!“

Im Eierkorb-Osternest lagen zwei rotbraun gemusterte Eier und viele dunkelgrüne Kügelchen.

„Das sind Zuckerl“, sagte Eva.

Das Kind wusste nicht, was Zuckerl bedeutet, schob trotzdem eine Handvoll in den Mund.

„Zuckerl muss man einzeln lutschen so wie Grashalme. Wenn du alle auf einmal aufisst, kriegst du Bauchweh“, sagte Eva.

Das Kind kaute schnell und schob die anderen nach, damit Eva sie nicht mehr wegnehmen konnte. Bauchweh? Egal.

Michel war nicht da. Am Abend saß Eva wieder mit ihren Schätzen am Tisch. Die Perlen ihres Rosenkranzes rollten wie trockene Erbsen durch ihre Finger. Ihre Lippen zitterten. Im Gebetbuch gab es außer den vielen Buchstaben auch bunte Bilder. Heiligenbilder. Auf einem Bild schwebte ein großes Mädchen im Nachthemd mit weißen Flügeln auf dem Rücken über einem kleinen Jungen, der über eine Brücke ging. Das Gesicht des Mädchens lächelte. Die langen blonden Haare ließen sich vom Wind tragen.

„Das ist kein Mädchen, das ist der Schutzengel dieses Buben“, sagte Eva, „jeder Mensch hat einen eigenen Schutzengel, auch du. Schutzengel sind unsichtbar, trotzdem sind sie immer da. Auch dein Schutzengel beschützt dich vor Gefahren.“

„Aber im Lager war kein Schutzengel da, oder?“

„Doch, das war aber ganz was anderes.“

„Wieso war im Lager alles anders?“

„Jetzt frag nicht so viel.“

Das Kind fragte nicht weiter, es malte für sich einen Schutzengel, der genau so aussah wie der auf dem Heiligenbild.

Die Schatten der Akazie glitten schräg über den Hof. Sonnenlicht drängte durch das Geäst. Mückenmassen summten. Das Kind saß im knorrigen Dreieck des Stammes. Das frische Holz verbreitete einen feuchtkühlen Duft. Die Rinde kratzte an der Zunge.

„Du wirst dir den Hals brechen, wenn du herunter fällst.“ Evas Stimme war weit weg. Weiter als das Ende der Welt.

„Komm sofort runter. Du kletterst nicht mehr den Stamm hoch, verstanden?“

Das Kind nickte. Eva ging weg. Das Kind blieb mit sich zurück. Hinten in den Ruinen wohnten Mäuse mit hellem Fell und einem dunklen Streifen auf dem Rücken. Das Kind spielte Mäusefangen. Es hielt reglos Daumen und Zeigefinger vor ein Mauseloch. Lange warten, blitzschnell zufassen, hochhalten. Dann strampelte die Maus kopfüber zwischen Daumen und Zeigefinger. Sie quiekte wie Mitz-Mitz, wenn ihm jemand auf den Schwanz trat. Keine Maus ließ sich streicheln. Ab und zu lag auf den Resten einer umgestürzten Mauer ein eingerollter dicker Wurm.

„Das ist eine Schlange“, sagte Eva, „was hast du überhaupt dort hinten verloren? Wenn die Schlange dich beißt, kann dir niemand mehr helfen, dann musst du sterben. Du gehst nie wieder in die Ruinen! Hast du gehört?“ Eva rüttelte das Kind an beiden Schultern.

Später kratzte es mit den Fingernägeln Muster in die Erde und es kratzte Muster in seine Haut. Die Muster auf der Haut waren rot und brannten. Zwischen den eingestürzten Mauern wuchs, kroch und krabbelte die Natur. Nichts und niemand hinderte sie daran. Das Kind saß mittendrin. Es wartete auf die Schlange, weil es wissen wollte, ob sich ihre Haut wie ein Regenwurm anfühlt. Die Schlangenhaut war weich und trocken. Die Schlange löste sich in einer Staubwolke auf. Sie hatte nicht zugebissen. An einem anderen Tag war die Schlange wieder da. Aus ihrem weit aufgerissenen Maul zappelten Schwanz und Hinterteil einer Maus. Das Schlangenmaul war größer als der Kopf. Das Mauseschwanzhinterteil rutschte langsam in die Schlange hinein. Der Schlangenkörper beulte an der Stelle aus, an der das Mauseknäuel gerade durchrutschte.

Am Ende der Welt stieg morgens die Sonne aus dem Rauch und abends brannten auf der anderen Seite die Wolken. Manchmal ertrank die Sonne in einem Feuersee, manchmal tauchte sie in tiefschwarze Erde ein. Die Tage dufteten nach frischem Wasser. Grüne Farben drängten aus trockenen Ästen. Bäume und Büsche zwitscherten. Die Weidetiere fraßen sich draußen dicke Bäuche an. Auf den Feldern neben dem Fahrweg zur Genossenschaft hackten dunkel gekleidete Frauen mit Kopftüchern Furchen zwischen lange Pflanzenreihen. Die grünen Büschel mit ihren kleinen weißen Blüten mussten auf Dämmen stehen. Warum gerade diese Pflanzen auf Dämmen stehen mussten und andere nicht, war eine Frage ohne Antwort. Die kleinen weißen Blüten abzureißen war verboten. Die grünen Beeren, die nach dem Blühen wachsen würden, waren giftig. Essen konnte man nur die Knollen in der Erde, aber auch erst im Herbst.

An den Maisstängeln klebten Puppen mit weißgrünem Seidenhaar und dunkelgrünen Bastmänteln. Zöpfe flechten und Bubiköpfe schneiden machte Spaß. Aber die Maiskolbenpuppen mussten an den Stängeln bleiben, bis sie gelbe Körner hatten. Aus abgeknickten Maisstängeln durfte das Kind Tiere basteln. Nach einer Woche war der Bauernhof fertig: Schafe, Schweine, Kühe. Bei manchen Kühen waren die Zitzen am Euter länger als die Beine. Um nicht zu kippen, stützten sich die Maisstängelkühe auf ihren Zitzen ab. Bei Schweinen und Schafen sah man die Zitzen nicht, weil sie viel zu klein waren.

Zum Abendessen gab es gegarte Maiskolben. Weil Eva keine Zähne mehr hatte, schabte sie die weichen Körner mit einem Messer ab und aß sie mit dem Löffel. Wenn Michel in den Maiskolben biss, spritzte es aus seinem halb offenen Mund. Neben seinem Teller türmten sich abgenagte Maisbutzen. Nach dem Essen warf Eva alle Butzen in einen Eimer und kippte sie ins Hühnergatter. Die Hühner schlugen sich gegenseitig die Flügel um die Köpfe.

Am nächsten Tag war auch das letzte Maiskrümelchen aus den Butzen gepickt. Das Kind musste alle einsammeln und zum Trocknen in die Sonne legen. Getrocknete Maisbutzen, Stumpen und trockene Kuhfladen waren lebensnotwendiger Brennstoff.

„Wer essen will, muss arbeiten. Und wer arbeitet, hat auch immer was zu essen“, waren Evas Leitsätze, die sie an das Kind weitergab.

Am Rande der Getreidefelder blühten Kornblumen und Klatschmohn. Das Kind riss die Blütenköpfe ab, sammelte Farben, wollte sie für immer festhalten, aufbewahren für die Zeit der grauen Bilder. Das Jahr stand kurz vor seiner Mitte. Die Tage glühten. Das Ende der Welt flimmerte. Wenn Eva schon am Nachmittag mit ihrer Arbeit in der Käserei fertig war, ging sie hinüber auf den Vojitsch-Hof. Meistens nähte sie mit einer Drahtnadel aus alten Getreidesäcken neue Arbeitshosen oder sie half Mara im Gemüsegarten.

„Diese Leute haben mit den Dahergelaufenen, die uns umbringen wollen, überhaupt nichts zu tun. Früher, als wir noch daheim waren, gehörte das Gehöft Tante Resi und Onkel Toni. Milan und Mara wohnten damals schon hier.“ Evas Stimme sackte ab. „Als wir noch daheim waren …“

Das Kind saß zwischen den Zeiten. Es kannte Evas Daheim nicht. Es kannte nur das Lager. Als es bei Todesstrafe verboten gewesen war, Deutschen aus dem Vernichtungslager etwas zu essen zu geben, hatten Eva und das Kind bei Mara und Milan einen Zufluchtsort gefunden. Der Vojitsch-Hof war aber weit weg. Eva schleppte das Kind eine Weile auf ihrem Rücken. Ihr Rückgrat hielt nicht lange durch. Das Kind musste es alleine schaffen. Die Hunde auf dem Vojitsch-Hof kannten den Geruch der Menschen aus dem Lager. Das Kind verschlief den Tag auf sauberem Stroh im Stall. Dort roch es nach Gräsern und nach dem Pony, das meistens draußen auf der Weide herumtollte. Eva flickte die zerrissenen Jacken und Hosen der Arbeiter. Am Abend mussten beide wieder ins Lager zurück. Eva schleppte ihren Taglohn in einem Jutesack auf dem Rücken. Der Sack zwang sie zu buckeln. Sie gab nicht nach. Bevor der Mond aufging, mussten sie die Lagergrenze geschafft haben. Das Kind sollte kräftig an Evas Rockzipfel ziehen, wenn es etwas hörte. Doch Eva spürte die Gefahr, bevor das Kind sie wahrgenommen hatte. Evas Füße kannten jede Unebenheit des Weges. Sie gingen lautlos Schritt für Schritt zurück zu den Hungernden.

Jetzt war auf dem Vojitsch-Hof alles anders. Weil es das Vernichtungslager nicht mehr gab, müssten Eva und das Kind sich nicht mehr verstecken und der Stallknecht musste am Hoftor keine Gewehre mehr beschwichtigen. Das Kind durfte draußen im Hof auf dem Pony reiten. Das Pony schlug die Hinterbeine hoch, das Kind lachte, hielt sich in der verfilzten Ponymähne fest. Deutsch reden durfte aber niemand. Serbisch war die Sprache des Staates. Wer anders redete, war ein Verräter, wurde eingesperrt. Und wer eingesperrt war, konnte jederzeit zu den Nie-Dagewesenen gehören.

„Tod dem Faschismus! Freiheit dem Volke! Es lebe Genosse Tito!“ stand in den offiziellen Schreibstuben. In manchen Hinterstuben wurden weiter Deutsche verprügelt. Darüber zu reden, wäre lebensgefährlich gewesen. Die Wächter aus den Lagern wussten, wie es ging. Irgendwo mussten sie ja noch sein, die Uniformen mit den Ehrennadeln für tapferes Umbringen beim Schwabenschlachten.

Das Kind durfte mit Mara ins Geflügelgehege zum Füttern.

Mara rief: „Piep-piep-piep.“ Hühner, Gänse, Enten und Puten schrien sich die Kehlen heiß. „Truthähne sind Streithähne, deshalb müssen sie immer hinter Gitter“, sagte Mara, „du musst mir versprechen, niemals allein in das Gehege zu gehen!“ Maras dunkelbraune Augen und ihre weichen Hände erinnerten an Kranau Oma.

„Darf ich immer hier wohnen und dir bei der Arbeit helfen?“

„Das geht nicht, du bist noch viel zu klein zum Arbeiten. Außerdem musst du bald in die Schule. Du musst lesen, schreiben und rechnen lernen.“

Schule? Onkel Willi nannte die Wachposten manchmal Dummköpfe, weil sie nie eine Schule von innen gesehen hätten. Das Kind wollte kein Dummkopf sein, es wollte lesen und schreiben lernen.

„Und wenn ich alles kann, darf ich dann wiederkommen? Du hast doch immer viel Arbeit.“

Mara zupfte ein paar Strohhalme aus dem verstaubten Kinderhaar.

„Du darfst immer kommen, egal, ob du lesen und schreiben kannst oder nicht“, sagte sie leise.

„Warum darf ich nicht schon jetzt hierbleiben?“

„Weil du zu Eva und Michel gehörst.“

Maras Gesicht hatte Hoffnung versprochen? Nichts war übrig geblieben.

Weil es auf dem Vojitsch-Hof viele Mäuse gab, waren auch viele Katzen da, große und kleine, junge und alte. Wie viele, wusste nicht einmal Mara genau. Wenn zu viele da waren, mussten die blinden Winzlinge in den Wassereimer. Das Kind sah sein eigenes Gesicht zwischen den Kleinen im Eimer zappeln. Es bekam keine Luft mehr. Seine Pupillen glitten nach oben. Es streckte Beine und Füße von sich genau wie die kleinen Katzen. Nach einer dunklen Weile spürte das Kind Maras Streichelhände an den Wangen. Es waren dieselben Hände, die die kleinen Katzen in den Wassereimer gesteckt hatten. Und später suchte die Katzenmutter überall nach ihren Jungen.

Das Kind kaute trockene Grashalme, weil die Stiele ganz unten noch immer süß waren und weil es überall trockenes Gras gab und weil man beim Graskauen keinen Hunger spürte. Es saß unter dem Kastanienbaum neben der Tränke. Auf den Weiden des Vojitsch-Hofs gab es zwei Tränken unter zwei mächtigen Kastanienbäumen. Im Trog wölbte sich der Himmel mit schwimmenden Blättern. Kühe kamen, saugten den Himmel in kräftigen Zügen in sich hinein. Dann kam Milan mit zwei Pferden. Der Himmel im Trog zitterte. Gegen Abend zog der Knecht eimerweise frisches Wasser aus dem Brunnen hoch, bis der Trog voll war. Der Knecht nahm sich viel Zeit für seine Worte. Während er redete, schaute er an dem Kind vorbei. Manchmal zuckte er mit den Schultern, ohne dass es dafür einen Grund gab. Er hatte fast so viele Haare im Gesicht wie auf dem Kopf. Die meisten Männer waren im Gesicht und auf dem Kopf kahl geschoren, wegen der Läuse. Der Knecht hatte trotz seiner vielen Haare keine Läuse. Sein rechtes Bein ließ sich vom linken Bein mitziehen. Seine Hände waren zu wenig aus Leder, als dass sie die Hände eines Knechtes hätten sein können.

„Ich war immer schon hier bei den Tieren auf der Weide“, sagte er, „deshalb hast du mich noch nie gesehen.“

Spätestens bei Sonnenuntergang musste das Kind wieder zum Vojitsch-Hof zurück.

„Nachts haben Kinder draußen nichts verloren“, hatte Eva gesagt, „bilde dir bloß nicht ein, dass ich dich suchen werde, wenn du verlorengehst.“

Das Kind liebte die Nacht, fühlte sich in ihr sicher. Es würde nicht verlorengehen. Außerdem freute es sich auf das Abendessen. Es durfte mit den Arbeitern am Tisch sitzen. Während des Essens durfte es reden, die Arbeiter redeten auch. Das Kind redete serbisch so wie alle. Sie lachten. Das Kind lachte auch. Der Keller auf dem Vojitsch-Hof steckte voll mit Säcken, Fässern und Gläsern. Überall war etwas zum Essen drin. Und draußen auf den Feldern und Weiden wuchs neues Essen nach. Das Kind wusste aus dem Vernichtungslager, dass alle größeren Kinder zu den Bauern arbeiten gingen und dafür Brot und Speck und Kartoffeln bekamen. Eines Tages würde es auch hier arbeiten und sein Essen verdienen.

Der Regen hatte aufgehört. Das Kind lief barfuß, weil es immer barfuß lief. Hätte es Schuhe gehabt, hätten die geschont werden müssen. Hinter der Genossenschaft trennte ein Zaun die Weiden von den Feldern. Am Rand wuchsen blaue und rote Farben zwischen wildem Gelb. Die Farben brannten in den Augen. Der Sommerduft kitzelte in der Nase. Das Kind zog Blütenköpfe von den Stängeln, gelber Staub blieb an den Fingern kleben. Die Glocke auf dem Türmchen der Käserei musste zwölf Mal schlagen, dann war Mittag. Zählen konnte das Kind nicht, es wusste aber ganz genau, wie zwölfmal Schlagen klingt. Hinter dem langen Stall neben der Käserei bei den vielen Brettertürchen sollte es auf Eva warten. Die Wachposten am Haupteingang schliefen im Schatten der Pappeln. Ihre Gewehre lagen neben ihnen. Sie schliefen wirklich, denn sie bemerkten den Schatten des Kindes nicht. Irgendwann ging eins der Türchen auf, Eva kam aus der Wand gekrochen. Sie blieb in der Hocke und fragte jedes Mal: „Bist du allein?“

Natürlich war das Kind allein. Eva stopfte einen matschigen Käseklumpen in den offenen Mund. Die Molke triefte zwischen ihren Fingern hindurch. Ihre Hände rochen wie Käse mit Molke. Das Kind würgte und schlürfte, weil es schnell essen musste und weil nichts verloren gehen durfte.

„Frischer Schafskäse ist das Beste, was es gibt“, meinte Eva.

Das Kind musste einen zweiten Kloß schlucken. Es wusste nicht, ob es Käse mochte. Es wusste nur, dass es nicht gestopft werden wollte.

Eva schaute sich immer wieder um, dabei zog sie beide Schultern hoch, als wollte sie ihren Kopf dazwischen verstecken. „Du darfst keiner Menschenseele von dem Käse erzählen, auch dem Schäfer nicht, hörst du?“

Das Kind nickte.

„Hast du mich verstanden?“

Das Kind nickte wieder. Es wusste, dass es nicht mit Branko reden durfte, weil niemand wusste, woher er tatsächlich kam, und weil jeder, der länger mit Branko redete, hinterher genauso stank wie er und seine Schafe.

Der Tag hatte ein schläfriges Gesicht. Es roch nach heißem Staub. Sommermücken surrten. Brankos Schafe suchten auf den Weiden der Genossenschaft nach Futter. Das Kind saß bei ihm unter einer Pappel neben dem Fahrweg. Sie kauten Gräser und halb trockene Blätter. Während der heißen Stunden dösten Brankos Hunde fast immer neben ihm im Schatten. Trotzdem spürten sie die kleinste Unruhe in der Schafherde. Bei Branko war das ähnlich. Selbst wenn er mit dem Hut auf dem Gesicht im Gras lag, bemerkte er alles, was um ihn herum geschah.

Das Kind mochte sich nicht hinlegen. Es schaute den schwarzen Vögeln zu. Drüben in den Akazien waren ihre Nester.

„Wieso haben manche Vögel so hässliche Stimmen?“

Branko wusste es auch nicht.

Auf dem Fahrweg polterte ein leerer Heuwagen hinter galoppierenden Pferden her, gejagt von einer mächtigen Staubwolke. Der Kutscher fluchte, drosch auf die Pferde ein. Brankos Hunde wollten mitrennen. Branko pfiff. Sie gehorchten. Die Schafe schreckten auf, blieben aber in der Herde. Der Wagen mit den geschundenen Pferden und dem peitschenden Kutscher verschwand im Hof der Genossenschaft. Branko und das Kind husteten. Die Staubwolke legte sich auf die Erde zurück. Wenn Branko von seinem Daheim in den Bergen erzählte, waren seine Augen immer zu.

„Das ist ganz weit weg von hier. Jede Großfamilie hatte ihre eigene Hütte. Im Winter lebten auch die Schafe mit in dieser Hütte. In der Mitte brannte Tag und Nacht das Feuer. Der Rauch zog durch ein Loch im Dach nach draußen. Über der Feuerstelle hing ein Kessel mit Maisbrei, der genauso roch wie die Menschen. Die Menschen rochen wie die Schafe, die die Menschen wärmten, wenn draußen der Schnee meterhoch lag, und der Käse roch wie der Maisbrei. Im Maisbrei steckten Holzlöffel, die auch wie Käse und Maisbrei rochen. Der frische Schafskäse roch wie Mutters Hände, weil er aus den Händen der Mutter gegessen wurde. Manchmal gab es weder Maisbrei noch Schafskäse, und als der Krieg kam, gab es gar nichts mehr. Es gab nur noch Messer, Gewehre, Bomben und Hass. Der Hass war das Schrecklichste. Er metzelte und brannte nieder, bis nichts mehr da war.“

Unter den Pappeln war es still. Auch das Kind fragte nichts. Die Felder lagen mit breiten Rissen im Heißluftsommer. An einem der vielen neuen Tage schlug die Glocke wieder Mittag. Hinter der Käserei stand aber nicht Eva, sondern Branko. Das Kind schaute seine Füße an, weil es keinen roten Kopf haben wollte. Brankos Augen rollten nach allen Seiten.

Er sagte, Eva solle morgen auch für ihn Käse mitbringen.

Das Kind nickte, sein großer Zeh stocherte im Staub.

Branko ging zurück zu seiner Herde. Das Kind wartete. Eva kam nicht aus dem kleinen Türchen heraus. Der Abend brachte Ohrfeigen.

„Du weißt nicht, was du da angestellt hast, dumme Gans. Der hat längst alles in der Verwaltung gemeldet.“

„Ich habe Branko nichts gesagt. Er wusste schon vorher von dem Käse. Und er hat gesagt, du sollst ihm morgen auch welchen mitbringen.“

„Das ist doch eine Falle.“

Eva schrie selten, aber jetzt war ihre Stimme angstzornig.

„Der wartet morgen mit den Wachposten auf mich, nicht auf den Käse, das ist sicher.“

„Aber Branko wäre am liebsten wieder in seiner Heimat in den Bergen, wo er den Käse selber machen kann“, sagte das Kind.

„Was weißt du schon.“ Eva schüttelte den Kopf.

„Wenn er aus den Bergen kommt, ist er bestimmt einer von diesen Halunken, und mit denen haben wir nichts gemeinsam.“ „Aber Branko ist kein Halunke, nur weil er aus den Bergen kommt. Er weiß alles über Schafe und Hunde, und er weiß viel über Bäume, Wiesen und Gräser, und er kennt viele Sterne mit Namen. Ein Taugenichts ist er auch nicht, sonst hätte er das mit dem Käse längst verraten. Außerdem sagt er „Eure Leute“ oder „Deine Leute“ und nicht „Schwaba“ wie alle anderen.“

„Egal, ab jetzt gibt es keinen Branko mehr und mittags auch keinen Käse aus der Käserei.“

Die Zeit zog zähe Fäden. Bretterwagen mit vollen Säcken knarrten vorbei, schrumpften am Horizont. Die Augen des Kindes suchten Brankos Herde auf den Weiden. Ganz weit hinten bewegten sich dunkle Punkte. Die Glocke der Käserei schlug Mittag. Evas Speisetruhe war eine Fundgrube. Essen. Vorräte. Das reichte für viele Tage. Das Kind nahm sein Stück Brot aus dem Leinentuch und biss hinein. Beim Kauen tastete es die vielen verschnürten Säckchen ab. Zuckerstückchen. Ein ganzes Säckchen voller Zuckerstückchen. Eine ganze Handvoll Zuckerstücke und noch eine Handvoll und noch eine. Zuckerwasser im Mund. Zuckerwasser im Magen. Das Kind stopfte das leere Säckchen zurück an seinen Platz, wickelte die angebissene Brotscheibe wieder in das Brottuch, klappte den Deckel zu und setzte sich drauf, bis das Schloss klickte. Zucker macht durstig. Der Milchkrug war schnell leer. Der Bauch rebellierte. Das Ergebnis zeigte sich auch an Unterhose und Rock.

Der Abend kam unerbittlich. Eva merkte sofort, dass Zucker fehlte, dafür gab es den Kochlöffel auf den Kopf. Schlägen auszuweichen bedeutete noch mehr Schläge. Eva wechselte von Kochlöffelschlägen zu Ohrfeigen, obwohl das Kind nicht heulte. Der Schmerz war lautlos. Schwarze Punkte tanzten hinter den Augenlidern, in den Ohren zirpten Grillen. Das Kind kämpfte dagegen an. Eva wusste von alledem nichts. Und das Wasser in den Kinderaugen sah sie auch nicht. Die hellbraune Unterhose bemerkte sie erst am nächsten Tag. Dafür gab es aber nur Schelte.

Der Sommer brannte. Die Tage schwitzten. Brankos Schafe hatten nichts mehr zu fressen. Die Kastanienbäume an den Tränken wellten ihre Blätter. In den Trögen starb das Wasser.

„Dort vorne, wo es wie Wasser aussieht, ist keines. Im Sommer brennt die Sonne die Wolken weg, mit den Wolken nimmt sie uns das Leben. Sie macht das absichtlich, damit nur die überleben, die wenig Wasser brauchen. Wenn kein Wasser mehr da ist, gibt es auch kein Gras mehr, deshalb müssen wir weiterziehen“, hatte Branko gesagt, als das Kind noch mit ihm reden durfte. Nun zog er weiter, ganz früh, noch bevor der Feuerball aus den Feldern stieg. Seine drei Hunde trotteten neben der Herde her. Die Ebene schwankte.

Nachts roch es anders als am Tag. Das Kind kannte die Nacht und den Misthaufen, den Donnerbalken und den Gestank. Die Zeit der Nacht war dem Himmel näher als die Zeit des Tages, nicht nur im Vernichtungslager. Die Nacht hatte Katzenaugen und einen glühenden Schweif, der bis zur Erde reichte. Die Nacht war das sicherste Versteck. Die Türschwelle im Schatten des Türrahmens war auch ein Versteck. Nur der Mond und die Milchstraße wussten davon. Genau wie in Gakovo. Ob es dort, wo Onkel Willi jetzt war, auch eine Milchstraße gab? Das Kind versank in Lagerbildern.

„Nebel zieht über die Milchstraße, weil sie traurig ist. Der himmlische Wind weht ihre Sternschnuppen zu uns herunter. Sie müssen unterwegs zur Erde verglühen. Damit ihr Sterben einen Sinn hat, erfüllen sie jedem Menschen, der ihr Licht ausgehen sieht, einen Wunsch“, hatte Onkel Willi gesagt, als er noch da war. „Immer wenn du eine Sternschnuppe siehst, musst du dir ganz schnell etwas wünschen. Und wenn du mit niemandem darüber redest, geht dein Wunsch in Erfüllung.“

Das Kind hätte gerne an Onkel Willis Sternschnuppen-Geschichten geglaubt. Es wusste aber nicht, was es sich wünschen durfte. Der Mond stieg groß, rund, mächtig aus den Wolken. Akazienschatten hielten inne. Nachtvögel krächzten. In den Ställen der Genossenschaft bretterten Hufe gegen Lattenverhaue. Ein Hund bellte Alarm, alle Hunde der Nachbarhöfe antworteten.

Das Kind auf der Türschwelle breitet seine Arme aus, die Erde schwankt, das Kind stößt sich von der Erde ab, schwebt in die Vogelperspektive, sieht sich selbst, das Haus mit dem kaputten Dach, die Scheune, die Pappelallee, die Genossenschaft und Brankos Schafherdeziehen vorbei, werden immer kleiner, die Wiese hinter dem Friedhof von Gakovo und die tiefe Grube sind weit unten, die nackten Toten winken, das Kind winkt auch, Tante Resis Augen sind groß und weiß.

„Was machst du bloß hier draußen mitten in der Nacht?“ Evas Hand zerrte das Kind hinein. Im Halbschlaf kletterte es ins Bett. Das mit dem Davonfliegen klappte aber nicht mehr. Der Schlaftraum war zerstört. Auf dem Dachboden trippelten Mäusefüße. Von der Zimmerdecke bröselten Staubkörner. Katzen jammerten wie verlassene kleine Kinder.

Am nächsten Morgen drohte Evas Finger: „Du gehst nachts nicht mehr in den Hof hinaus!“ Am Abend stand ein Potschamber unter dem Bett. Nein. Auf einen Topf würde sich das Kind nicht setzen. Niemals. In den nächsten Nächten musste es gar nicht raus.

„Siehst du, es klappt auch so, ich wusste, du bist ein großes Mädchen.“ Evas Hand streichelte.

Das Kind wollte ein großes Mädchen sein. Es wollte brav sein, aber die Nachtträume waren stärker.

Die Scheunenruine mit dem dicken Balken und dem Dachboden, von dem aus man die Nachbarhöfe sehen konnte, war jetzt ein Hühnerstall mit Freilauf für fünf Hühner und einen Hahn. Das Kind durfte nicht mehr aus dem Hof, weil es Hühnerdiebe gab, und es musste jedes Ei gleich einsammeln, weil es Eierdiebe gab. Wie Hühnerdiebe oder Eierdiebe aussahen, war abermals eine dumme Frage, auf die Eva nicht antwortete. Das Kind füllte Wasser in die alte Blechschüssel im Gehege, warf Gras und Körner hinein, sah den Hühnern beim Picken zu. Das Gatter musste immer fest verriegelt bleiben. Das Kind war mit sich zufrieden. Es fühlte sich zu etwas nütze. Die Rotznase, der Nichtsnutz, den Michel in Gakovo immer wieder davongejagt hatte, weil er ihm nicht länger das Maul stopfen wollte, gab es nicht mehr. Der Hosenriemen blieb in den Schlaufen. Essen war genug da. Eva kochte für Michel morgens Einbrennsuppe. Sie und das Kind aßen Milchsuppe mit eingebrockter Brotkruste. Satt wurden alle. Neben dem Teller lag ein Löffel, weil man die Suppe mit einem Löffel aus dem Teller isst. Und den Löffel musste man immer in der rechten Hand halten.

„Wieso immer dieselbe Hand?“ Auch wieder eine dumme Frage.

Auf dem Herd standen drei schwarze Töpfe, daneben zwei große Schüsseln. Im noch größeren Holzzuber auf der Bank spülte Eva das Geschirr. Wenn Waschtag war, schleppte sie den Zuber hinaus in den Hof, dort hing ein riesiger Wasserkessel an einem Dreifuß über dem offenen Feuer. Die Wäsche warf Blasen, wenn Eva sie mit einem langen Holzlöffel in das heiße Kesselwasser drückte. Das Wasser schäumte. Evas Gesicht stand unter Dampf. Ihre Augen tropften. Der Zuber, das Waschbrett und jedes dreckige Wäschestück drückten ihren Rücken ein bisschen weiter nach unten.

Auf den Markt ging Eva immer alleine. Sie tauschte Eier, Sauerrahm und Weißkäse gegen Dinge ein, die das Kind nicht kannte. Dieses Mal waren es vier weiße Tücher. Eva nahm eines nach dem anderen aus ihrem Korb, breitete es aus und faltete es wieder zusammen. Ihre rauen Hände streichelten den Stoff. Das Kind schaute mit offenem Mund.

„Gehört das alles dir?“

„Uns“, antwortete Eva, „das alles gehört uns“.

„Jetzt sind wir aber nicht mehr arm. Oder“?

„Ach, Kind.“ Eva suchte zwischen den Rockfalten nach ihrem Taschentuch. Es war immer feucht, weil Taschentücher in Rockfalten nicht trocknen.

„Das sind Leintücher, man legt sie über die Strohsäcke.“

Sie zerrte die Flickendecken von den Betten und griff nach einem Leintuch. Ihre Arme wurden zu Vogelschwingen. Das Tuch plusterte sich auf und senkte sich über die Strohsäcke. Evas Finger zogen, zupften, glätteten. Auch das Kind bekam eine weiße Unterlage. Evas flüchtiges Lächeln blieb dieses Mal etwas länger. Der Liegeplatz auf den Bettkanten zwischen Michel und Eva war nicht weicher als der Fußboden in Gakovo. Im Schlaf rutschte das Kind ständig aus der Mitte. Auf der einen Seite stieß Michels Faust. Auf der anderen Seite schob Evas Hand.

„Gib endlich Ruh!“ Beide wollten ihr Bett für sich alleine haben.

Die Nachtträume kamen und zogen weiter. Sie ließen das Kind warm und feucht auf dem neuen weißen Laken in Evas Betthälfte zurück. Eva röchelte leise. Michel schnarchte laut. Zwischen ihnen auf den Bettkanten quälte sich das Warten in den Morgen hinein.

Dieses Mal war es Eva. In einer Hand die Kinderzöpfe, mit der anderen rückte sie den Stuhl vom Tisch. Das Kind lag bäuchlings auf ihren Oberschenkeln. Hemd hoch, nasse Hose runter! Handschläge wurden nie gezählt, nur Riemenschläge, und die gab es nur von Michels Hosenriemen, manchmal zehn, manchmal zwanzig. Evas Hand klatschte so lange, bis sie nicht mehr konnte. Große Mädchen weinen nicht. Weinen machte alles nur noch schlimmer. Es war aber da. Das Weinen. Lautlos. Tief innen. Dort, wo es für immer unsichtbar, unhörbar blieb. In den nächsten Tagen kletterte das Kind nachts ständig aus dem Bett. Auf dem Potschamber sitzen, quälte die Blase. Sie wollte nicht. Das Kind wollte lieber wieder auf dem Fußboden schlafen. Eva hätte ihre Ruhe, alles wäre wie im Lager.

„Soweit kommt’s noch“, sagte Eva, „wir schliefen lange genug auf der Erde. Diese Buße haben wir Gott sei Dank hinter uns.“

Nachdem immer Wasser im Trog war, wurde die Dreckkruste nicht mehr von der Haut abgerubbelt wie im Lager. Täglich gründliches Bürsten und Einseifen forderten Zeit und Geduld und hinterließen eine rote Haut. „Hättest du im Hof gespielt, statt im Gebüsch herumzukriechen, würde deine Haut nicht brennen.“ Wenn eine Wunde nach dem Kernseifenbad nicht ganz sauber war, musste mit Schnaps und Leinenlappen nachgearbeitet werden. Das war schlimmer als Michels Riemen. Aber schneller vorbei.

Eines der Mutterschweine bekam Ferkel. Die Kleinen flutschten aus dem Hinterteil wie Schleimknäuel. Weil das Kind fast den ganzen Tag im Schweinestall gewesen war, wurde Evas Wasser-Bürste-Kernseifen-Prozedur am Abend zum Brennglas.

„Ich werde nicht neben einem Ferkel schlafen. Im Lager mussten wir genug Gestank und Dreck schlucken. Wir leben fast wieder wie zivilisierte Menschen, da gelten andere Regeln.“

Das Kind hörte „Ferkel, Gestank, Dreck“. Das andere verstand es nicht. Es verstand auch nicht, wieso Ferkel streicheln verboten war. Hunde durfte es nicht streicheln, „weil sie zubeißen könnten und weil alle Hunde Flöhe und wer weiß was sonst noch haben“. Katzen aus der Genossenschaft durften auch nicht gestreichelt werden, weil die auch zu den „Wer-weiß-was-sonst-noch-haben“ gehörten. Trotzdem hüpften morgens kleine schwarze Punkte über die weißen Laken. Evas Gesicht stand still. Sie schüttelte die Laken im Hof kräftig durch. Das Stillstehen in ihrem Gesicht blieb. Nachts waren die Mini-Blutsauger wieder da. Sobald das Kind bei sich tagsüber einen schwarzen Punkt entdeckte, ließ es ihn kurz zustechen, weil er dann nicht weghüpfen konnte. Zwischen beiden Daumennägeln knackte es. Auf der Haut blieb ein platter schwarzer Tupfen mit Miniblutfleck. Am Ende gewann Eva mit ihrem weißen Pulver. Keine Flöhe mehr. Auch die Läuse waren weg. Trotzdem zog Eva dem Kind jeden Abend den Läusekamm durch das Haar. Sie suchte nach Nissen. „Das sind Läuseeier, aus denen später richtige Läuse werden.“ Wie Läuse Eier legen und diese ausbrüteten, waren dumme Fragen ohne Antwort. Woher die Tränen kamen, wenn man an den Haaren zog, blieb auch unbeantwortet.

Hinter undurchdringlichen Wolken rumpelte es schon seit dem frühen Morgen, als würde jemand riesige Steine über den Asphalt rollen. Die Wolken waren zum Versteckspielen nah. Eva musste in die Käserei.

„Du bleibst in der Stube und rührst dich nicht vom Fleck, hast du verstanden?“ Evas hochgezogene Augenbrauen, die Falten auf ihrer Stirn und der senkrechte Zeigefinger wollten kein „Aber“ hören.

Aber das mit dem „Nicht vom Fleck rühren“ konnte sie nicht wörtlich gemeint haben. Das Kind kletterte auf die Truhe. Von dort schaute es durch das Fensterglas. Draußen schossen glühende Drähte aus einem wütenden Himmel. Es krachte wie die Gewehre der Lagermiliz. Die Scheiben zitterten in ihren Rahmen. Wassermassen drückten gegen das Glas. Der Wind rüttelte an der Tür. Durch die Mauselöcher im Plafond rieselte Sand auf die Betten. Draußen flogen Latten, Ziegelscherben und Äste mit herabstürzenden Wolken in den Hof. Das Wasser brodelte wie in Evas Waschkessel. Der hintere Teil der Ruine knickte ein. Das Kind presste seine Handflächen fest auf beide Ohren. Es stand mitten in der Stube und starrte auf das Wasser hinter den Fensterscheiben.

Irgendwann zogen die zerfetzten Wolken ab. Zurückgeblieben waren ein Schlammsee im Hof und das Zimmer mit dem Kind, das sich nicht vom Fleck gerührt hatte. Die Fensterscheiben hatten dichtgehalten, die Tür auch. Das Kind stand im Türrahmen. Das Wasser reichte bis zur Schwelle. Die Felder der Genossenschaft rauchten wie ein Feuer aus feuchtem Holz. Es roch aber nach verbranntem Holz.