Mildred Scheel - Cornelia Scheel - E-Book

Mildred Scheel E-Book

Cornelia Scheel

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Beschreibung

Gegen den Strich – für die Menschen: das Porträt einer ungewöhnlichen Frau «Meine Mutter war der Schrecken eines jeden Protokollchefs. Sie sah es überhaupt nicht ein, den ganzen Abend neben einem hochdekorierten Ziegenbocksbeinoberunduntergeneralkriegskommandeursergeanten zu verbringen, wenn gleichzeitig eine viel mehr Spaß versprechende Künstlerin eingeladen war. Sie vertauschte die Tischkarten, und mein Vater raufte sich die silbernen Locken. Ich habe sie dafür geliebt und gleichzeitig bewundert.» Ärztin, alleinerziehende Mutter, Ehefrau des deutschen Außenministers Walter Scheel, später dann First Lady und Gründerin der Deutschen Krebshilfe – Mildred Scheel, eine der einflussreichsten Frauen der deutschen Nachkriegszeit, genoss national und international hohes Ansehen. Für viele Frauen ihrer Generation war sie ein Vorbild: klug, unabhängig, meinungsstark und tatkräftig. Bis heute wirkt ihr Engagement nach; sie enttabuisierte das Thema Krebs und rief eine der wichtigsten Gesundheitsorganisationen des Landes ins Leben. Ihre Arbeit für die Deutsche Krebshilfe war unermüdlich – umso tragischer, dass sie selbst 1985 an dieser tückischen Krankheit starb. 30 Jahre nach Mildred Scheels Tod erinnert sich ihre Tochter Cornelia in diesem sehr persönlichen Buch an ihre Mutter; an eine leidenschaftliche, warmherzige und kompromisslose Frau, die sich keine Sekunde um Konventionen scherte. «Eine Jahrhundert-Frau mit einer Jahrhundert-Idee.» Fritz Pleitgen

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Seitenzahl: 260

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Cornelia Scheel

Mit Regina Carstensen

Mildred Scheel

Erinnerungen an meine Mutter

 

 

 

Über dieses Buch

Gegen den Strich – für die Menschen: das Porträt einer ungewöhnlichen Frau

 

«Meine Mutter war der Schrecken eines jeden Protokollchefs. Sie sah es überhaupt nicht ein, den ganzen Abend neben einem hochdekorierten Ziegenbocksbeinoberunduntergeneralkriegskommandeursergeanten zu verbringen, wenn gleichzeitig eine viel mehr Spaß versprechende Künstlerin eingeladen war. Sie vertauschte die Tischkarten, und mein Vater raufte sich die silbernen Locken. Ich habe sie dafür geliebt und gleichzeitig bewundert.»

 

Ärztin, alleinerziehende Mutter, Ehefrau des deutschen Außenministers Walter Scheel, später dann First Lady und Gründerin der Deutschen Krebshilfe – Mildred Scheel, eine der einflussreichsten Frauen der deutschen Nachkriegszeit, genoss national und international hohes Ansehen. Für viele Frauen ihrer Generation war sie ein Vorbild: klug, unabhängig, meinungsstark und tatkräftig. Bis heute wirkt ihr Engagement nach; sie enttabuisierte das Thema Krebs und rief eine der wichtigsten Gesundheitsorganisationen des Landes ins Leben. Ihre Arbeit für die Deutsche Krebshilfe war unermüdlich – umso tragischer, dass sie selbst 1985 an dieser tückischen Krankheit starb.

 

30 Jahre nach Mildred Scheels Tod erinnert sich ihre Tochter Cornelia in diesem sehr persönlichen Buch an ihre Mutter; an eine leidenschaftliche, warmherzige und kompromisslose Frau, die sich keine Sekunde um Konventionen scherte.

 

«Eine Jahrhundert-Frau mit einer Jahrhundert-Idee.» Fritz Pleitgen

Vita

Cornelia Scheel, geboren 1963, wurde von ihrer Mutter allein erzogen. Nachdem ihre Mutter 1969 den späteren Bundespräsidenten Walter Scheel geheiratet hatte, wurde sie von diesem adoptiert und erhielt damit dessen Nachnamen. Cornelia Scheel studierte zunächst Medizin und arbeitete anschließend für die Deutsche Krebshilfe, deren Präsidentin ihre Mutter von 1979 bis zu ihrem Tod 1985 gewesen war. Cornelia Scheel lebt und arbeitet heute in Köln.

Impressum

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, Dezember 2016

Copyright © 2015 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

Umschlaggestaltung ANZINGER|WÜSCHNER|RASP, München

Umschlagabbildung privat

ISBN 978-3-644-04541-5

 

Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation

Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp

 

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www.rowohlt.de

Inhaltsübersicht

Anmerkung

Widmung

Vorwort

Und dann kam diese Kiste …

7. Juli 1983

I Just Called To Say I Love You

Toni Netzle – eine Freundin ganz nach ihrem Geschmack

Fünfzig Jahre und ein bisschen Waise

Vater werden ist nicht schwer …

«Das Kind ist schon ganz grün»

Die Kurzen kommen

Gipfeltreffen I

Gipfeltreffen II

TOK! TOK! TOK!

«Herr Präsident, die Küche brennt!»

Freiheit, die ich meine

Prinzessin im Herbst

15:LOVE

Ihre Kampfansage – Ihr Lebenswerk

Kontroverse mit den Göttern in Weiss

Kinder erben nix von fremden Leuten

«Frau Meyer» stirbt

Verlassen vom Lebensmut

Was ich dir noch sagen möchte

Das letzte Wort hat ihr viertes Kind

Danke

Bildnachweis

Tafelteil

Alle im Buch vorkommenden Personen sind solche des realen Lebens. Um ihre Privatsphäre zu schützen, habe ich einige von ihnen unter Pseudonym vorgestellt.

In tiefer Verbeugung vor meiner Mutter

Vorwort

Es ist drei Jahre her, dass mich im Frühling eine freundliche ältere Dame am Flughafen Köln/Bonn ansprach. Ich wartete dort auf einen Bekannten aus Berlin, um ihn abzuholen und in sein Hotel zu fahren. Die Dame fragte mich mit leiser Stimme: «Entschuldigung, sind Sie nicht das Fräulein Scheel? Die Tochter von Frau Dr. Mildred Scheel?» Als ich ihre Frage bejahte, sprudelte die Begeisterung über meine Mutter nur so aus ihr heraus. Sie war in ihrem Redefluss kaum zu bremsen und schwärmte ohne Punkt und Komma von dieser großartigen Frau, die leider viel zu früh von uns gegangen sei.

In den vergangenen Jahren wurde ich schon häufiger mit ähnlichen Situationen konfrontiert, und so sehr ich mich über die Komplimente freue, die meiner verstorbenen Mutter gelten, so unsicher fühle ich mich jedes Mal dabei. Mir bleibt in solchen Situationen nur, zustimmend mit dem Kopf zu nicken und den Ausführungen höflich mein Ohr zu schenken. In diesem Fall endete die Begegnung anders als gewohnt. Nachdem die Dame ihren freundlichen Monolog beendet hatte, überraschte sie mich mit der Frage:

«Können Sie mir nicht erzählen, wie Mildred Scheel als Privatperson war? Was war sie für eine Mutter? Wie kam es zu ihrem großen Engagement für die Krebsbekämpfung?»

Ich war von dieser Frage völlig überrumpelt und antwortete etwas verlegen: «Mildred Scheel war eine so spannende und wunderbare Frau, ich könnte ein Buch über sie schreiben.»

Da packte mich die Dame am Arm und fragte: «Und warum tun Sie das nicht?» Sie blickte mich noch einmal durchdringend an, drehte sich auf dem Absatz um und entschwand in der Menschenmenge.

Wie vom Donner gerührt stand ich da. Warum tun Sie es nicht?, hallte es in meinem Kopf nach. Die stürmische Umarmung meines Besuchs aus Berlin riss mich abrupt aus diesem Gedankenkarussell.

Immer wieder musste ich in den kommenden Tagen an die Unterhaltung mit der fremden Frau am Flughafen denken. In der Tat, sie hatte ja recht, warum schrieb ich meine ganz persönlichen Erinnerungen an meine Mutter nicht einmal auf? Sie war so besonders gewesen und hatte in ihrem Leben Großes geleistet – was hinderte mich daran? Der Grund war, so gestand ich mir ein: Ich hatte zu viel Angst vor den schmerzlichen Erinnerungen an den Menschen, der das Liebste und Wichtigste in meinem Leben war. In den vielen Jahren, die seit ihrem furchtbar qualvollen Tod vergangen sind, habe ich natürlich gelernt, ohne sie weiterzuleben. Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass ich sie nach wie vor wie bescheuert vermisse. Sie fehlt mir jeden verdammten Tag, der seit dem 13. Mai 1985 ins Land gezogen ist.

 

Vier Jahre vor ihrem Tod antwortete meine Mutter auf die Frage, was für sie das größte Unglück sei: «Jung zu sterben.» Zu diesem Zeitpunkt hatte sie nicht die geringste Ahnung, dass sie zwei Jahre später selbst den Kampf gegen dieses größte Unglück würde aufnehmen müssen. Sie wusste nicht, dass sie vier Jahre später jung sterben würde.

Nun habe ich doch ein Buch über Mildred Scheel geschrieben. Ich tat es, um dazu beizutragen, dass sie in der Erinnerung der Menschen weiterlebt. Eine Frau, die zu Lebzeiten so tiefe und beeindruckende Spuren hinterlassen hat, ist nicht tot. Sie kann gar nicht tot sein, da sie in den Herzen so vieler ihr nahen Menschen und in den Gedanken unzähliger weiterer lebt.

Ich wünsche mir, dass all diejenigen, die meine Mutter als unerschrockene Kämpferin gegen die Geißel Krebs erlebt haben, auch einen Einblick in die Seele dieser ungewöhnlichen Frau, Mutter und Freundin erhalten. Mit der Hoffnung, das Bild von Mildred Scheel in den Köpfen und Herzen der Menschen durch diesen sehr persönlichen Rückblick ein wenig zu vervollständigen, öffne ich hier mein Herz.

Und dann kam diese Kiste …

… an einem drückenden Tag Mitte August 2012.

Beim Leeren des Briefkastens fiel mir ein Abholschein der Post in die Hände. Ein Paket, das an mich adressiert war, lagerte auf dem Hauptpostamt in der Kölner Innenstadt. Zunächst überlegte ich, ob ich etwas bestellt hatte, und grübelnd studierte ich den Namen der Absenderin. Ich konnte ihn nicht zuordnen. Na bravo! Genervt und erschöpft von der Hitze wollte ich es dem Wetter gleichtun und mich vor der Abholung drücken. Ich machte mich am nächsten Tag aber doch mit gedämpfter Vorfreude auf den Weg. Es war noch heißer als am Vortag, und ich reihte mich in die lange, schweißnasse und nicht wirklich wohlriechende Schlange vor der Paketausgabe ein.

Nach einer gefühlten Stunde überreichte mir der rotgesichtige Beamte eine verbeulte, tonnenschwere Sendung.

Langsam wurde ich neugierig. Mit langen Armen schleppte ich die ominöse Fracht ins Auto. Zu Hause hatte ich nichts Eiligeres zu tun, als den Karton aufzureißen und mir von dem Inhalt des ramponierten Pakets ein Bild zu machen: noch eine Kiste, wahrscheinlich aus den sechziger Jahren, sowie ein Brief, der an mich gerichtet war. Unter anderem las ich den Satz: «Ich bringe es nicht fertig, alles wegzuwerfen, und möchte das Ihnen überlassen, es ist Ihre Familie.» Das Ihre war unterstrichen.

Allmählich beschlich mich eine Ahnung, wer diese Kiste an mich geschickt hatte. Die einzige Schwester meiner Mutter, Lilian, war am 6. Dezember 2004 gestorben. Sie war mit einem Mann namens Jürgen Retsch verheiratet gewesen, der auch nicht mehr lebte. Bei seiner Beisetzung war ich seiner Tochter aus erster Ehe begegnet. Diese Tochter hatte mir nun nach all den Jahren das Paket geschickt. Eine andere Erklärung gab es nicht.

Aufgeregt fing ich an, die Kiste zu durchstöbern und dieses ungeordnete Sammelsurium näher in Augenschein zu nehmen. Zunächst arbeitete ich mich durch eine Unmenge Schwarzweißfotos mit Zackenrändern, die meine Tante in jungen Jahren an der Seite ständig wechselnder junger Männer in Uniform zeigte. Dem Alter meiner Tante nach zu schließen – sie war sieben Jahre älter als meine Mutter – stammten die Aufnahmen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. Die Reihe ihrer Verehrer wollte kein Ende nehmen. Es war so ziemlich jeder Rang auf den Bildern vertreten, bis hin zum Ziegenboxbein-Oberunduntergeneralkriegskommandeursergeanten.

Doch dann hatte ich ihn in der Hand. Den Schatz! Mir völlig unbekannte Fotos meiner Mutter! Als Kleinkind. Als Schulmädchen mit geflochtenen Zöpfen. Als junge Medizinstudentin.

Ich erkannte das vertraute und junge Gesicht sofort, und mein Pulsschlag erhöhte sich. Meine Mutter hatte stets bedauert, anderen keine Bilder von sich aus ihrer Kinder- und Jugendzeit zeigen zu können, da es angeblich keine gab. Und jetzt, knapp dreißig Jahre nach ihrem Tod, saß ich vor dieser Goldgrube und konnte eine bebilderte Reise in ihre Vergangenheit machen. Mein Herz überschlug sich vor Begeisterung über dieses aufgeweckte Kind und über die unbeschwert-fröhliche, glückliche junge Frau, die mir dabei begegnete. Mir kamen die Tränen, vor Freude und Schmerz zugleich. Alles war so präsent, all die vielen Erinnerungen an meine geliebte Mutter.

Schließlich legte ich sämtliche Fotos wieder fein säuberlich in die Kiste, schloss sie – und schob sie in die hinterste Ecke meines Arbeitszimmers. Danach schrieb ich der Absenderin einen Dankesbrief. In den kommenden Wochen versuchte ich, nicht mehr daran zu denken, zu sehr überforderte mich im Moment der Gedanke daran, wie ich nun mit diesem Schatz umgehen sollte.

Die Kiste ließ sich aber nicht so einfach aus meinen Gedanken verdrängen. Immer wieder, in den alltäglichsten Momenten, tauchte sie vor meinem geistigen Auge auf. Die vormalige Besitzerin, die ich nicht wirklich kannte, hätte sie auch wegwerfen können. Aber sie hatte sich die Mühe gemacht und das schwere Ding auch noch zur Post gebracht. Sie hätte es leichter haben können – einfach den «alten Krempel» in einen Müllsack stopfen, und schon wäre er für immer weg gewesen. Das hatte sie jedoch nicht getan – und dafür möchte ich ihr an dieser Stelle nochmals von ganzem Herzen danken.

Immer häufiger begann ich mir vorzustellen, wie es wäre, tatsächlich ein Buch über meine Mutter zu schreiben. Der Wunsch war mir ja nicht ganz fremd. In den vergangenen Jahren hatte ich schon häufiger mit diesem Gedanken gespielt, und er war mir nicht erst nach der Begegnung mit der Dame auf dem Flughafen gekommen. Wäre es nicht eine gute Idee, meine ganz eigenen Erinnerungen und Erlebnisse mit meiner Mama festzuhalten? Doch jedes Mal hatte mich kurze Zeit später der Mut verlassen.

So war es auch dieses Mal.

Dann, am 13. Mai 2013, auf den Tag genau achtundzwanzig Jahre nach ihrem Tod, stand ich lange am Grab meiner Mutter auf dem Bonner Alten Friedhof und dachte abermals über die Buchidee nach. Da ich nun im Besitz der kostbaren Kiste war, sah ich mich in der Lage, dieses Buch immerhin mit einer umfangreichen Fotostrecke zu versehen. Doch schon auf der Rückfahrt verwarf ich den Plan erneut.

Dennoch begann ich ganz unverbindlich die «Elisabeth Noelle-Neumann für Arme» zu geben und startete eine Art demoskopische Befragung. Bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit stellte ich Leuten, die nicht bei drei auf den Bäumen waren, die Frage, ob sie mit dem Namen Mildred Scheel etwas anfangen, etwas verbinden könnten. Bei denen, die unter dreißig waren, schaute ich oft in leere Gesichter. Und mit jedem Schulterzucken meines Gegenübers reifte in mir das Vorhaben, meiner Mutter ein kleines Denkmal zwischen zwei Buchdeckeln zu setzen.

7. Juli 1983

Es war ein wunderschöner Sommertag in Köln; mein Leben war leicht, liebens- und lebenswert. Ich hatte ein weiteres Medizinsemester in Innsbruck erfolgreich abgeschlossen und verbrachte ein paar Wochen bei meiner Familie. Täglich telefonierte ich mit meinem Freund in Österreich, und wir planten eine gemeinsame Reise für den zweiten Teil unserer Semesterferien. Die Welt lachte mich an, und ich strahlte zurück.

An diesem 7. Juli 1983 hatte meine Mutter frühmorgens einen Termin, von dem ich nichts wusste. Im Nachhinein wunderte ich mich über die Uhrzeit, da sie in der Regel sämtliche Verabredungen und Termine auf den Nachmittag oder den Abend legte. Da sie meist bis tief in die Nacht hinein arbeitete, stand sie für gewöhnlich erst am späten Vormittag auf. Als ich dann gegen Mittag unser Haus verließ, kam sie gerade in ihrem silbernen Golf GTI um die Ecke gebrettert. Mit quietschenden Reifen hielt sie neben mir, kurbelte das Fenster runter und sagte: «Cornelia, komm auf der Stelle mit in die Krebshilfe. Wir müssen reden.» Sie war sehr blass, und ihre Gesichtszüge wirkten ungewöhnlich angespannt. Ich bekam einen Riesenschreck, und begleitet von einem unguten Bauchgefühl setzte ich mich auf den Beifahrersitz.

Schweigend fuhren wir die 200 Meter in ihr Kölner Büro. Dort wartete schon ihre persönliche Referentin Annemarie Kerp auf uns. Mir schlug das Herz bis zum Hals, als ich meine Mutter sagen hörte: «Die Darmuntersuchung hat einen Befund ergeben. Ich werde in drei Tagen operiert. Heute ist Donnerstag, morgen feiert Walter seinen Geburtstag wie gewohnt mit einem großen Gartenfest bei uns, und den Samstag benötige ich zur Vorbereitung für die Operation. Ich habe mit den Ärzten schon alles organisiert.» Sie ratterte den von ihr geplanten Ablauf der kommenden Tage runter, als würde sie die Einkaufsliste der nächsten Woche vorlesen.

Ich versuchte mir meine Fassungslosigkeit nicht anmerken zu lassen und fragte heiser: «Was haben die Ärzte denn festgestellt? Was für einer Operation musst du dich denn unterziehen?»

«Bei der Untersuchung wurde auffälliges Gewebe im Dickdarm entdeckt», antwortete sie scheinbar gelassen. «Das muss entfernt und schnellstmöglich eingeschickt und untersucht werden.» Dann lachte sie auf und meinte zu Annemarie Kerp und mir: «Ihr zwei seht aus wie erschrockene Eichhörnchen. Wahrscheinlich ist es völlig harmlos, aber die Ärzte wollen auf Nummer sicher gehen.» Ich konnte ihre unterschwellige Panik deutlich spüren. In diesem Moment war mir völlig klar: Das ist das Todesurteil für meine Mutter! Sie hatte es indirekt soeben selbst formuliert.

Ich war wie betäubt und vernahm nur noch Wortfetzen wie absolute Geheimhaltung und den Kindern – damit waren meine beiden jüngeren Geschwister gemeint – irgendwas von einer Blinddarmentzündung erzählen. Mit den Worten: «So, jetzt habe ich Wichtigeres zu tun. Ich muss mich um die Belange der Krebshilfe kümmern» komplimentierte sie mich schließlich mit gespielter Heiterkeit hinaus.

Völlig orientierungslos stand ich auf der Straße, und das Leben war nicht mehr mein Freund. Die Sonne, die mich eben noch aus dem Haus gelockt hatte, wollte ich nun verhüllen. Fassungslos beobachtete ich das fröhliche Spiel der Nachbarskinder und dachte: Das darf doch nicht wahr sein. Meine Mutter hat eine todbringende Krankheit, und hier draußen geht das normale, das fröhliche Leben einfach so weiter. Plötzlich war sie da: eine nie gekannte Angst. Sie nahm schlagartig von mir Besitz, und ich hatte das Gefühl, mein ganzer Körper sei gelähmt; ich konnte mich nicht von der Stelle bewegen. Ich weiß nicht, wie lange ich so da stand. Irgendwann schaffte ich es, nach Hause zu gehen. Aber nicht allein. Die Angst ging mit mir und wurde von da an zu einer treuen Begleiterin.

In der folgenden Nacht hielt sie mich konsequent davon ab, im Schlaf ein wenig Ruhe zu finden. Ich suchte nach Positivem in dieser schrecklichen Nachricht: Es ist bestimmt rechtzeitig erkannt worden. In der Früherkennung liegt die bestmögliche Heilungschance. Oder: Sie ist in der Kölner Uniklinik in den allerbesten Händen. Die erfahrensten Ärzte in Deutschland operieren und behandeln sie.

Aber meine stechende Angst ließ diese hoffnungsvollen Gedankenblasen immer wieder zerplatzen.

 

Am Freitag war meine Mutter den ganzen Tag mit den Vorbereitungen für das große Fest meines Vaters beschäftigt. Er feierte seinen vierundsechzigsten Geburtstag, und am Abend wurden zahlreiche Gäste erwartet. Meine Mutter wirkte bestens gelaunt, unterwies das Personal freundlich, aber bestimmt, und scherzte mit den Köchen in der Küche. Auch auf dem Fest feierte sie, ohne sich etwas anmerken zu lassen, gewohnt ausgelassen und beschwingt bis in den Morgen. Manchmal sahen mein Vater und ich uns kurz an, und in seinem Blick erkannte ich neben der Partyfröhlichkeit eine gewisse Traurigkeit. Ich bin mir sicher, keiner der Gäste ahnte auch nur im Entferntesten etwas.

Am Samstag bereitete meine Mutter sich in aller Ruhe auf den Eingriff vor. Tags darauf unterzog sie sich einer großen Operation. Es war der Anfang eines langen und schweren Leidenswegs. Sie wehrte sich fast zwei Jahre – und verlor diesen ungleichen Kampf in der Nacht zum 13. Mai 1985.

Nach ihrem Tod gab mir Annemarie Kerp das handgeschriebene Testament meiner Mutter. Es trägt das Datum des 7. Juli 1983.

I Just Called To Say I Love You

Das Wagnis beginnt. Für ein paar Tage will ich im Sommer 2014 in den Süden der Republik reisen, um mehr über meine Mutter herauszufinden. Um mich überhaupt wieder an alles zu erinnern. Auch an das, was ich eigentlich schon weiß.

In München möchte ich eine enge Freundin meiner Mutter besuchen. Ich hoffe, von ihr zu erfahren, wie meine Mutter als Freundin war. Ich weiß, dass die beiden Frauen viel Zeit miteinander verbracht haben und dass der Kontakt nie abgerissen ist. Anschließend plane ich, in Bad Tölz meinen Patenonkel zu treffen. Er war bis zu dem Tag, an dem Walter Scheel mich adoptierte, mein Vormund gewesen. Das wurde bei einer alleinerziehenden Mutter in den sechziger Jahren wohl als notwendig erachtet. Einen leiblichen Vater gab’s auch, leider jedoch einen, der zum Zeitpunkt meiner Zeugung bereits verheiratet war und sich nicht wegen meiner Mutter und mir von seiner Frau trennen wollte. Aber an ihn will ich erst einmal nicht denken, dazu komme ich später noch.

 

Meine erste Etappe soll also München sein. In dieser Stadt erblickte ich am 28. März 1963 das Licht der Welt. In dieser Stadt lebte ich fünf Jahre allein mit meiner Mutter zusammen.

Am liebsten möchte ich jetzt, nach knapp 300 zurückgelegten Kilometern, wieder umkehren. Die Angst vor meinen Erinnerungen steigert sich von Minute zu Minute. Was werde ich wohl erfahren? Etwas, was mir womöglich nicht gefällt? Eine dunkle Vorahnung befällt mich.

Später werde ich wissen, dass sie berechtigt war.

Während ich auf der grauen Autobahn Kilometer für Kilometer hinter mir lasse, denke ich über meine Mutter nach. Schon das Datum, das sie für angemessen hielt, um auf die Welt zu kommen, war spektakulär gewesen. Sie wurde Silvester kurz vor Mitternacht geboren. Zeit ihres Lebens ärgerte sie sich, für ihre Ankunft nicht den Neujahrstag abgewartet zu haben, denn dann wäre sie ein Jahr jünger gewesen.

Tatsächlich besteht eine gewisse Uneinigkeit, ihr Geburtsjahr betreffend. In fast allen Veröffentlichungen wird das Jahr 1932 angegeben. Auf ihrem Grabstein aber steht: «Dr. med. Mildred Scheel, geborene Wirtz – Geb. 31. Dez. 1931.»

Sie selbst war bis zum Sommer 1970 der festen Überzeugung, sie sei am 31. Dezember 1932 zur Welt gekommen. Tatsächlich wurde sie aber ein Jahr früher geboren. Im Anschluss an die Volkszählung vom 27. Mai 1970 wandte sich ein findiger Beamter an sie und klärte sie über das Durcheinander auf. Er fand heraus, dass das Geburtsdokument, versehen mit dem Ausstellungsdatum 04.01.1932, unmöglich die Geburt vom 31.12.1932 verzeichnen konnte. Als mein Großvater Hubert Wirtz im neuen Jahr zum Standesamt gegangen war, hatte er es wohl mit einem wahrscheinlich verkaterten Mitarbeiter zu tun gehabt, der noch heftig unter den Nachwirkungen eines rauschenden Wochenendes litt. Da man mittlerweile das Jahr 1932 schrieb, trug er, geistig noch nicht voll auf der Höhe, diese Jahreszahl hinter den Geburtstag ein. Fortan fand sich dieses Datum auf allen Papieren und Dokumenten wieder, und meine Mutter sah keinen Grund, daran zu zweifeln. Ich kann nur vermuten, dass ihre Eltern sie in diesem Glauben ließen, da sich ja so ihr Wunsch, ein Jahr später geboren worden zu sein, heimlich doch erfüllt hatte.

Meine Mutter war also bis zum Sommer 1970 sicher, dass sie zu diesem Zeitpunkt siebenunddreißig war, und sie tat einen Teufel, das jetzt noch richtigzustellen. Ich kann sie da sehr gut verstehen. Auch mir gegenüber hatte sie ihr wahres Geburtsjahr erwähnt, und so staunte ich nicht schlecht, als mein Vater, der anscheinend eingeweiht war, beim Planen des Grabsteins auf das tatsächliche Datum bestand. Ausgiebig und heftig diskutierte ich mit ihm, um ihn zu überzeugen, dass auf dem Gedenkstein ihr Wunschdatum verewigt werden sollte. Leider ohne Erfolg. Er ist einfach in allen Dingen sehr korrekt – ein Beamter eben.

Ich hingegen möchte ihre kleine Legende aufrechterhalten und betrachte 1932 als ihr Geburtsjahr.

 

Als ich noch klein war, erzählte sie immer wieder gern, kaum habe sie ihren ersten Schrei getan, sei ein gigantisches Feuerwerk losgegangen. Allein ihr zu Ehren habe man es veranstaltet. Lange Zeit hatte mir das vollkommen eingeleuchtet. Lediglich die Tatsache, dass an meinen Geburtstagen in der Nacht so gar nichts los war, bedrückte mich jedes Jahr aufs Neue ein wenig.

Meine Mutter kam in der schönen Domstadt Köln zur Welt. Ihre Mutter, eine gelernte Modezeichnerin, war eine waschechte Amerikanerin. Anna Elsie Wirtz, geborene Brown, erblickte in New York am 12. November 1897 das Licht der Welt. Oma Elsie war die Tochter eines Weinimporteurs, der Deutschland verlassen und es an der amerikanischen Ostküste zu beachtlichem Wohlstand gebracht hatte. Ihr Vater bestand darauf, dass seine Tochter eine solide Ausbildung erhielt. Zu diesem Zweck schickte er sie im zarten Alter von vierzehn Jahren auf ein Internat in Wilhelmshöhe bei Kassel. Dort begegnete sie auf einem Sommerfest einem gewissen Johann Hubert Maria Baptist Wirtz, angehender Mediziner und ihr Tischherr. Dieser junge Mann war fünf Jahre älter als Elsie und entstammte einer alteingesessenen Brauereifamilie. Sein Geburtsdatum: 10. September 1892, sein Geburtsort: Pier im Kreis Düren.

Diese Begegnung und die Verbindung, die sich auf dem Internatsfest ergab, schien beide so nachhaltig zu beeindrucken, dass Elsie und Hubert sich am 2. Mai 1922 auf dem Standesamt in Köln das Jawort gaben. Zwei Jahre später wurde die erste Tochter geboren, Lilian. Kurz darauf bekamen sie einen Sohn, der jedoch unmittelbar nach seiner Geburt in Folge einer Spina bifida, einem offenen Rücken, verstarb. Das Ehepaar wünschte sich von Anfang an ein Geschwisterpaar. Immer wieder erzählte mir meine Mutter, dass mit dem Sohn die Familienplanung abgeschlossen gewesen sei. Sein früher tragischer Tod gab ihr die Chance zu leben.

Ich habe es leider versäumt, sie zu fragen, ob sie diese Tatsache belastet hat. Auch habe ich mir in jungen Jahren nie Gedanken darüber gemacht, was für einen schweren Schicksalsschlag meine Großeltern mit dem Tod des einzigen Sohnes erlitten hatten. Heute bin ich davon überzeugt, dass meine Mutter, vielleicht unbewusst, die schmerzhafte Lücke ausfüllen wollte. Der verstorbene Sohn sollte mit Sicherheit eines Tages die väterliche Praxis übernehmen. Die junge Mildred erfüllte, ja, sie übertraf sämtliche Erwartungen, die der Vater einst an seinen Sohn hatte. Die beiden verband ein inniges Verhältnis. Sie war ein ausgesprochenes Papakind, und er vergötterte seine jüngste Tochter. Jeden Abend setzte er sie auf seinen Schoß und erzählte ihr geheimnisvolle Märchen, erklärte ihr die Sterne oder beschrieb, wie der Mensch von innen aussieht.

Johann Hubert Wirtz war Röntgenologe, der erst in Köln und dann, in den letzten Kriegsjahren, in Amberg in der Oberpfalz praktizierte. Meine Mutter erzählte mir einmal, dass sie ihren Vater als kleines Mädchen regelrecht anbettelte, damit er sie mit in seine Praxis nahm. Solange sie noch nicht zur Schule ging, wollte sie ihren Vater so oft wie nur möglich dorthin begleiten. Er hatte das kleine fröhliche Mädchen gern um sich, und so verließen sie morgens häufig gemeinsam das Haus im Kölner Stadtteil Marienburg und fuhren in einem Buick zum Habsburgerring nahe der Kölner Oper. Dort befand sich die geräumige und beeindruckende Praxis ihres Vaters.

Die kleine Mildred war stets aufs Neue begeistert von der großen Zahl an Patienten, die sich bereits am frühen Morgen im Wartezimmer der Praxis eingefunden hatte. Etwa sechzig bis achtzig Männer, Frauen und Kinder begrüßten ihren Vater höflich und mit Respekt, fünfzehn Mitarbeiter warteten auf erste Anweisungen ihres Chefs. Mit seiner Ankunft verwandelte sich die Praxis in einen Ort emsiger Geschäftigkeit.

Das Sprechzimmer, das sie ebenfalls betreten durfte, war ein großer, imposanter Raum. Hinter einem mächtigen Schreibtisch saß ihr Vater. Er hatte die Gabe, seinen Patienten Sicherheit zu vermitteln und Vertrauen zu schaffen, was die Grundlage für ein offenes Gespräch zwischen Arzt und Patient ist, und er wandte sich seinen Patienten stets mit einer Mischung aus Offenheit und menschlicher Wärme zu, die für meine Mutter lebenslang Inbegriff und Voraussetzung ärztlichen Handelns war.

An diesem Ort wurde ihr schon in jungen Jahren vor Augen geführt, was es bedeutet, Kranken zu helfen, und schon damals wurde in ihr der Wunsch geweckt, es ihm eines Tages gleichzutun.

All ihre Puppen mussten sich zu diesem Zeitpunkt der einen oder anderen schweren Operation unterziehen. Um ein Puppenleben zu retten, musste schon mal die Amputation einer Gliedmaße vorgenommen werden. Auch lebenserhaltende Eingriffe am – zu ihrem großen Bedauern – nicht vorhandenen Herzen schienen unvermeidlich. Während die ältere Schwester Lilian ihre Puppen stets in feine, selbst genähte Kleider aus feinster Seide hüllte, hatte Mildred ausschließlich in Mull verbundene Invaliden in ihrem Kinderkrankenzimmer zu versorgen.

Oma Elsie schilderte mir einmal, wie Mildred am Weihnachtsabend 1938, kurz vor ihrem sechsten Geburtstag, unter dem Weihnachtsbaum ihre erste teure Käthe-Kruse-Puppe auspackte. Die Puppe hatte bewegliche Augen, das war zu der Zeit eine Sensation. Die kleine Dr. med. Mildred in spe war völlig begeistert und zog sich leise und vom Rest der Familie unbemerkt in ihr Zimmer zurück. Irgendwann registrierte meine Oma ihr Verschwinden und suchte ihre Tochter. Sie fand sie schließlich hoch konzentriert bei einer «großen Operation» am offenen Kopf der neuen Puppe. Mildred hatte einfach hinter das Geheimnis der rollenden Augen kommen wollen und musste sich daher einen Blick ins Schädelinnere verschaffen. Der komplizierte Eingriff war folglich unumgänglich.

Ich erinnere mich an eine weitere Geschichte, die mir meine Oma erzählte. Einmal bekam das Dienstmädchen der Familie eine scheußliche Gürtelrose im Gesicht. Sie litt Höllenqualen und wollte sich nur in ihrem Zimmer verstecken. Es war wohl wirklich ein schlimmer Anblick, und mein Opa, Dr. Wirtz, bat vergebens darum, sie behandeln zu dürfen. Das Dienstmädchen wies alle Bemühungen und Hilfe verschämt zurück, wollte in ihrem Zimmer verharren und auf baldige Linderung hoffen.

Die damals achtjährige Mildred erkundigte sich bei ihrem Vater, wie man der armen Frau denn helfen könne. Er erklärte ihr, fast so, als würde er sich mit einer Kollegin unterhalten, dass das Gesicht täglich mehrmals gereinigt und dreimal am Tag mit einer speziellen Salbe eingecremt werden müsse. Mildred fragte daraufhin: «Papa, hast du die Salbe da?» Er gab ihr einen kleinen Topf mit einer Paste, die er zuvor von einem Apotheker hatte herstellen lassen. Damit ging sie zur Tür des Dienstmädchens und hörte nicht auf, zu klopfen, bis ihr endlich geöffnet wurde. Gänzlich unbeeindruckt von der schweren Entstellung, erklärte Mildred der Erkrankten, dass sie genau wisse, was zu tun sei, und die feste Absicht habe, sie gesund zu pflegen.

Dreimal am Tag brachte Mildred der jungen Frau nun etwas zu essen und zu trinken, reinigte vorsichtig die befallenen Hautstellen und trug anschließend die Salbe großzügig und voller Hingabe auf. Nach zehn Tagen intensiver Pflege trat die genesene junge Frau aus ihrem Zimmer, um ihren Dienst in der Familie wieder anzutreten. Meine Oma entsann sich, dass ihre jüngste Tochter weder Lob noch Dank für ihren Einsatz verlangte. Sie war einfach nur glücklich, dass sie der Kranken hatte helfen können. Das große Interesse an Menschen, verbunden mit dem Wunsch und der Begabung, sie zu heilen, war ihr in die Wiege gelegt worden.

 

Den Zweiten Weltkrieg in Marienburg – das Haus stand am Südpark – erlebte Mildred mit voller Wucht. Fast jeden Tag floh sie mit ihren Eltern in den Bunker, oft zweimal. Einmal morgens, wenn die Alliierten über Köln hinwegflogen, dann abends, wenn sie die Strecke zurück zu ihrer Ausgangsbasis antraten. Kam sie wieder aus dem Bunker heraus, war sie von brennenden Häusern umgeben, von Schutt und Asche und von vielen Toten.

In den Jahren des Krieges sollte meine Mutter schmerzhaft die Erfahrung machen, dass die Medizin auch an ihre Grenzen stoßen konnte. Eine Luftmine schlug eines späten Vormittags in ein Nachbarhaus ein, und ihr Vater eilte so schnell er konnte zur Unglücksstelle, um Erste Hilfe zu leisten. Dabei bemerkte er nicht, dass ihm seine jüngste Tochter folgte. Vor dem Nachbarhaus lagen fünf Menschen, und keiner von ihnen zeigte mehr ein Lebenszeichen. Eine ganze Familie, auch die jüngste Tochter, hatte keine Überlebenschance. Nachdem ihr Vater den Tod sämtlicher Bombenopfer feststellen musste, bemerkte er seine Tochter und sagte ganz ruhig zu ihr: «Mildred, hier können wir nichts mehr tun. Die gesamte Familie hat den Angriff nicht überlebt.»

Die Tochter weigerte sich jedoch, die Menschen allein auf der Straße liegen zu lassen. Sie hatte den verzweifelten Wunsch, ihnen doch noch helfen zu können, und konnte nicht verstehen, dass sie alle tot waren. Sie rüttelte an ihnen, versuchte sie aufzurichten und wich stundenlang nicht von ihrer Seite. Unbeirrt verharrte sie bei den Toten und betete um ein Wunder. Das Bild des kleinen getöteten Mädchens, das noch jünger war als sie selbst, verfolgte sie ihr ganzes Leben.

Vor meinem geistigen Auge sehe ich das verzweifelte Mädchen Mildred Wirtz deutlich vor mir. Sie war für ihr Alter überdurchschnittlich groß, sehr schlank, und lange geflochtene Zöpfe reichten bis über beide Schultern. Mehr als einmal erzählte sie mir, wie hässlich sie sich selbst damals fühlte, denn sie überragte ihre Klassenkameraden um einen Kopf und wünschte sich nichts sehnlicher, als sich weniger auffällig in die Klassengemeinschaft integrieren zu können. Ihrem Vater fiel sehr bald auf, dass seine Tochter jeden Morgen mit hängenden Schultern, geneigtem Kopf und tief verunsichert den Weg zur Schule antrat.

Eines Morgens zitierte er sie nach dem gemeinsamen Frühstück zu sich und sprach sehr ernst mit ihr: «Mildred, du bist eine außergewöhnliche junge Persönlichkeit. Du bist nicht so wie die anderen, aber so, wie du bist, bist du in meinen Augen perfekt. Ich befehle dir, dass du erhobenen Hauptes durchs Leben gehst und akzeptierst, dass du niemals der Norm entsprechen wirst.» Als sie mit neun Jahren die vierte Klasse überspringen durfte und als jüngste Schülerin im Kölner Lyzeum eingeschult wurde, konnte sie die Worte ihres Vaters verstehen und richtig einordnen. Von da an ging sie stolz und aufrecht durchs Leben.