2,99 €
Jeder Mensch wird in seinem Leben irgendwann mit dem Thema Tod und Trauer konfrontiert werden. Dieses Buch nimmt einem ernsten Thema den "Schrecken". Tod und Abschied rücken auf "leichte" Weise näher in das Bewusstsein und das Leben der Leser.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 133
Veröffentlichungsjahr: 2021
Hildegard von Eyff
Mit freundlichen Grüßen ins Jenseits
Nachdenkliches und Kurioses aus dem Tagebuch einer Trauerrednerin
© 2021 Hildegard von Eyff
Verlag und Druck:
tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
Grafik und Layout: Horst Lang BrainworX
ISBN
978-3-347-32650-7 (Paperback)
978-3-347-32651-4 (Hardcover)
978-3-347-32652-1 (e-Book)
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Alle Personen und Handlungen sind (nicht ganz) frei erfunden, aber im Sinne des Schutzes der Persönlichkeit so weit verfremdet, dass eine namentliche, räumliche oder zeitliche Zuordnung nicht möglich sein sollte. Im Sinne besserer Lesbarkeit wurde auf die Verwendung von Gendersternchen verzichtet.
Ich danke meinem Ehemann Bernd für die vielen Stunden, die er auf gemeinsame Zeit mit mir verzichten musste
und
meinen beiden Schwestern Martha und Anna-Maria die mich bei der Entstehung des Buches immer wieder motiviert und begleitet haben.
In den letzten Jahrzehnten hat sich ein neuer Humanismus entwickelt, eine weltliche Alternative zur Religion, eine Weltsicht, die ohne Götter, Propheten und Priester auskommt. Dieses „neue oder andere Denken“ kennt keinen Gott, kein heiliges Buch und keine Dogmen, sondern orientiert sich an den ethischen Normen, den fundamentalen Bedürfnissen und Interessen der Menschen.
Folge dieser Säkularisierung ist eine individuelle Loslösung von Institutionen und Ritualen des gesellschaftlichen Lebens mit der Konsequenz, dass diese ersetzt werden müssen.
So konnte sich - durch die immer größer werdende Zahl der konfessionsfreien Menschen in unserer Gesellschaft - ein völlig neuer Beruf etablieren, der Beruf des Trauerredners/der Trauerrednerin.
Für mich persönlich ist das ein großes Geschenk, da ich zusätzlich zu meiner therapeutischen Tätigkeit noch eine weitere sinnerfüllte Aufgabe gefunden habe.
Dieses Umdenken in unserer Gesellschaft führt immer mehr dazu, dass sowohl Trauungen als auch vor allem Trauerfeiern, die noch vor ein paar Jahren fast ausschließlich von kirchlichen Mitarbeitern ausgeführt wurden, heute von freien Rednern übernommen werden.
Trauernde Menschen haben im Laufe der letzten Jahre neue Abschieds- und Jenseitsvorstellungen entwickelt. Dies zeigt die stetig wachsende Zahl der säkulären Trauerfeiern und deren Gestaltungsformen. Trauerfeiern sind individueller, persönlicher und selbstbestimmter geworden.
Während meiner Gespräche mit den Angehörigen eines verstorbenen Menschen kommen sehr häufig Zweifel und Unsicherheit auf, wenn ich die Frage nach einem gemeinsamen Gebet stelle.
Für viele von ihnen scheint es tröstlich zu sein, an irgendeine höhere Macht zu glauben, sie jedoch nicht „Gott“ zu nennen. Oftmals ist es eine Kraft- oder Lichtquelle oder auch eines der faszinierenden, freundlichen Himmelswesen, ein Engel zum Beispiel.
Ich selbst orientiere mich ausschließlich am Diesseits und bin durchaus skeptisch gegenüber allem, was für sich Gültigkeit und Wahrheit beansprucht, ohne dafür wenigstens plausible Gründe angeben zu können. Bei alledem ist mir sehr bewusst, dass die Wissenschaft bis heute noch Vieles nicht erklären kann und dass unser Wissen sicher sehr begrenzt ist.
Ein gemeinsam gebetetes „Vaterunser“ gehört ganz offensichtlich für viele Menschen auch bei einer weltlichen Trauerfeier dazu. Ungeachtet dessen sollte auch nicht unerwähnt bleiben, dass sich einige Trauernde ihren Trauergästen gegenüber nicht als gottlos offenbaren möchten.
Ist nicht die Grundlage für ein Gebet der Glaube? Und gläubige Menschen leben mit Gott? Wie passt das zusammen? Ich erkläre mir das so:
Im Gebet überschreitet der Mensch sein Ich und die Grenzen seines Verstehens.
Er gewinnt Abstand zu sich selbst, möglicherweise auch zu einer Belastung oder einer schwierigen Situation. Der Mensch schöpft also Kraft und pflegt auf diese Weise langfristig Wünsche und Bedürfnisse, die zunächst unerfüllbar erscheinen.
Im Gebet unterscheidet der Mensch klar zwischen dem, was er selbst tun kann, und dem, was nicht in seiner Macht steht.
Möglicherweise ist die Anbetung von Gott für einige Menschen auch genau deshalb bei der Verarbeitung der Trauer so hilfreich, ist dies noch ein vertrautes Ritual aus ihrer Kindheit. Wenn sie beten, empfinden sie die Geborgenheit der Eltern, den Familienzusammenhalt und fühlen sich bei ihrer Trauer durch diese Gemeinschaft nicht allein.
Meine Aufgabe als freie Rednerin ist es, jeden Wunsch der Trauernden, soweit er im Rahmen ist, zu akzeptieren. Bei einer Trauerfeier für einen Jäger hatte ich von der Familie den Auftrag, auch diesen Text zu verlesen:
Ihr glaubt der Jäger sei ein Sünder,
weil selten er zur Kirche geht.
Im grünen Wald, ein Blick zum Himmel,
ist besser als ein falsch‘ Gebet.
Jede Trauerfeier, ob weltlich oder religiös ausgerichtet, ist ein ehrlicher Rückblick auf das Leben eines Verstorbenen – die Würdigung seiner Person und seines Lebenswerkes.
Eine christliche Trauerfeier beispielsweise ist etwas anders gewichtet. Hier steht Gott, der Schöpfer allen Lebens und das Zeugnis des Auferstehungsglaubens im Vordergrund.
Bei allem, was ich mir während eines Trauergespräches aufschreibe und später sagen werde, steht immer und ausschließlich der verstorbene Mensch mit seiner Biographie im Vordergrund, seine Fähigkeiten und Leidenschaften, seine Bedürfnisse und Wünsche, seine Ziele und seine Träume.
Ich sehe meine Aufgabe darin, Botschaften, Geschichten und Gefühle zu vermitteln. Wie persönlich und wie emotional eine Trauerfeier wird und was genau ich über einen Verstorbenen erzähle, hängt davon ab, wieviel ich über den verstorbenen Menschen erfahren habe.
Mir ist wichtig, dass in meinen Trauerreden allgemein gültige Phrasen keinen Platz finden.
Viele, wirklich gute und tiefgründige Texte oder Gedichte müssen aber in Ruhe und meist auch mehrmals gelesen werden, um sie in ihrer Ganzheit erfassen zu können.
Am liebsten wähle ich daher Texte aus, die den Zuhörer sofort erreichen, sein Herz berühren oder auch nur einen Moment zum Nachdenken anregen. Das Philosophieren über und das Interpretieren von Gedichten und Texten vermeide ich.
Die Aussage, dass nirgendwo so viel gelogen wird wie auf einer Trauerfeier, kennt jeder. Selbstverständlich ist eine Trauerfeier keine Abrechnung mit einem Verstorbenen, doch eines ist klar:
Die Trauergäste kennen den Verstorbenen vermutlich viel besser als ich und somit auch seine möglichen Schattenseiten. Es liegt also an mir, wie verantwortungsvoll ich mit diesen Informationen umgehe und sie in meine Rede mit einfließen lasse.
Wenn es mir bereits im Trauergespräch gelungen ist, die vielen Informationen, Geschichten und Sichtweisen aller Anwesenden aufzunehmen und mir damit ein umfassendes Bild des Verstorbenen zu verschaffen, dann gelingt es mir auch, dieses Bild später in der Trauerrede so bunt zu präsentieren, dass es vor den verschlossenen Augen der Trauergäste neu entstehen kann.
Und wenn meine Worte die Herzen der Trauernden erreicht haben, dann ist meine Aufgabe für diesen Trauerfall erfüllt.
„Sie haben ihren Zielort erreicht“, sagt meine unentbehrliche Mitfahrerin „Sony“ mit freundlich sachlicher Stimme. „Bist du dir da ganz sicher?“, frage ich, ohne auf eine Antwort zu warten. Es wäre nicht das erste Mal, dass sie mir meinen Zielort verspricht und ich danach im Niemandsland gestrandet bin. Auch jetzt traue ich ihr nicht so ganz.
Mein Lieblingsbestatter hatte mich angerufen:
„Ich habe da etwas Spezielles für Dich, Du solltest aber unbedingt bei Tageslicht hinfahren – U-huweg.“ Da war ich noch nie, aber ich habe ja meine unentbehrliche Begleiterin „Sony“.
Es ist Februar, das mit dem Tageslicht ist nicht so einfach, denn es wird früh dunkel und natürlich konnte ich nicht so früh los, wie ich eigentlich vorhatte. Nach Sonys Hinweis steige ich aus dem Auto, gehe ein paar Schritte, schaue mich um und sehe – nichts. Dann, als sich meine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten, taucht einige Meter vor mir der schemenhafte Umriss eines Gebäudes auf. Ist das eine Falle? Meine Taschenlampe und mein Alarmgerät habe ich in der Handtasche – ich habe beides Bernd zuliebe immer dabei, finde es aber eigentlich lächerlich, damit zu Trauergesprächen zu gehen.
Wer soll denn hier wohnen? Hier im Stadtwald? Hier hat Ingo Wittloge gelebt? - Doch wohl eher gehaust, denke ich! Was für ein Mensch lebt hier? Ein Eremit? Ein Aussteiger? Ein mittelloser Mann ohne Arbeit?
Nun, offensichtlich bin ich hier richtig, denn die Haustür öffnet sich. Ein großer schwarzer Hund stürmt mir bellend entgegen und setzt sich direkt vor meine Füße. Mit tiefer Stimme knurrt er mich an und macht den Eindruck, als ob er mich nicht ins Haus lassen möchte.
Eigentlich habe ich keine Angst vor Hunden, im Gegenteil. Doch diesmal spüre ich deutlich: Das ist eine gefährliche Situation.
Mein Herz schlägt bis zum Hals. Soll ich jetzt an dem silbernen Band ziehen und den schrillen Alarm auslösen?
Bevor ich weiter überlegen kann, bewegt sich ein Lichtstrahl leicht tänzelnd auf mich zu und blendet mich. Für einen Moment ist alles schwarz vor meinen Augen und natürlich kaue ich - wie immer in angespannten Situationen - auf meiner Unterlippe herum.
Jetzt erkenne ich erst, dass der Lichtstrahl von einem kleinen Schatten begleitet wird. „Karlos aus“ ermahnt eine kindliche Stimme den Hund zu schweigen. Karlos entspannt sich sichtbar und ich auch. „Sie sind Frau Eyff?“, sagt das Kind. „Ich bin Kerstin“. - „Von “ korrigiere ich, „von Eyff“.
Karlos voraus stakste ich hinter Kerstins Silhouette her auf ein erleuchtetes Gebäude zu. Im Licht des Eingangs kann ich sehen, dass Kerstin kein Kind, sondern eine hübsche junge Frau Mitte Zwanzig ist.
In der Diele reizt ein fieser Geruch meine Nase. In meiner Kehle steigt Säure auf und sofort werden Erinnerungen an mein Praktikum in der Pathologie einer Offenbacher Klinik wach.
„Warum lüftet hier keiner?“, denke ich. Gerade hier, mit einem so pflichtbewussten Wachhund, könnte man Tag und Nacht die Fenster geöffnet lassen – naja, nicht immer, es ist schließlich Februar.
Wir gehen weiter in eine Werkstatt, die von der Diele nur durch einen muffig anmutenden und durchlöcherten Vorhang getrennt ist. Hier müssen Mäuse am Werk gewesen sein. Der Raum ist feuchtkalt und es riecht nach Diesel und Gummi.
Ein Auto sehe ich auf den ersten Blick hier nicht. Unter einer dunklen Folie ist der Umriss eines Motorrads erkennbar, an der Wand stehen hochaufgetürmt zahllose Getränkekisten und ein fast ebenso hoher Stapel Autoreifen. Alles andere scheint Altmetall zu sein.
Mit dem Hinweis darauf, dass dies Ingos Kreativ- und Hobbyraum war, unterstreicht Kerstin die Bedeutung dieses Raumes. Sie geht offenbar davon aus, dass er mich in einer Eigenschaft als Trauerrednerin interessieren könnte. Sie führt mich weiter in den Wohnbereich.
Die Frage, ob ich ablegen möchte, verneine ich wie aus der Pistole geschossen und schaue Kerstin erstmals in die Augen, um sie richtig zu begrüßen. Nur nicht ablegen denke ich mir, obgleich ich meine Jacke ohnehin zuhause waschen werde.
Ein endlos lang erscheinender Tisch biegt sich unter der Last unzähliger Flaschen, Gläser und überfüllter Aschenbecher. Darum versammelt sitzen schwarz gekleidete Männer. Nach ersten Schätzungen mindestens ein Dutzend. „Wie die Ritter der Tafelrunde“, denke ich. Am Tischende steht, an eine der Flaschen angelehnt, ein welliges Foto von einem jungen, attraktiven Mann. Es ist Ingo Wittloge. Ein schneidiger Typ urteile ich stumm.
Ich schaue in die Tafelrunde und denke: „Wie kann man sich nur so zurichten?“ Sind die Matchboxautoreifen in den Ohrläppchen der schwarzen Herren Ohrschmuck oder Ausdruck einer SM–Orientierung?
Ich lächle freundlich und so verklemmt, wie ich mich schon lange nicht mehr erlebt habe, in die große Runde und setze mich auf den einzigen freien Stuhl. Sofort legt sich Karlos auf meine Füße und platziert seine Schnauze auf meinen Schoß.
Erstaunlich, wie sich die kleine Kerstin als einzige Frau unter diesen schwarzen Männern offensichtlich wohl und sicher fühlt, während mir total mulmig zumute ist. Bisher blieben mir Situationen wie diese fremd. Ich kann diese Männer einfach überhaupt nicht einordnen. Und auch hier mag ich es überhaupt nicht, die Worte „mein Beileid“ auszusprechen. Es ist zwar so üblich, aber für mich eine abgenutzte hohle Phrase…
Ich blicke auf meine Gesprächsunterlagen, die ich bis jetzt immer noch auf meinem Schoß liegen habe. Von Bestatter Schwarze, mit dem ich seit 7 Jahren zusammenarbeite, bekomme ich immer nur per Mail die Geburts- und Sterbedaten der Verstorbenen. Mehr weiß ich also zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Für alle weiteren Details habe ich einen selbst ausgearbeiteten Fragebogen.
Ganz entgegen meinen üblichen Gewohnheiten muss ich mir heute einen Ruck geben, endlich mit meinen Fragen zu beginnen. Ich bitte Kerstin Prage, mir zu erzählen, was überhaupt passiert ist, wie es zu dem Tod gekommen ist.
Kerstin erzählt – die Männer rühren sich nicht. Ingo ist gestern verstorben. Ich erfahre, dass die Männer Ingos beste Freunde sind und sich bereits seit 10 Jahren aus dem „MC Fatboys“ kennen. In den letzten Wochen waren sie täglich im Uhuweg und haben in ihren Schlafsäcken auf der Diele übernachtet. „Vermutlich geht keiner von ihnen einer geregelten Arbeit nach“, denke ich.
Ich bemühe mich bei meiner Arbeit neutral und vorurteilsfrei zu sein, aber diese Muskelmänner erfüllen alle meine bekannten Klischees. Gleichzeitig beginnen sie aber auch, mich auch auf eine gewisse Art zu faszinieren. Irgendetwas ist da, was mich neugierig macht.
Vor genau drei Monaten wurde bei Ingo ein aggressiver Tumor festgestellt, der bereits die Leber und das gesamte Skelett befallen hatte. Die Ärzte machten ihm von Anfang an keine Hoffnungen. Ingos noch verbleibende Lebenszeit wurde auf nur ein paar Wochen vorausgesagt.
Kerstin erzählt weiter, dass Ingo ein absolut lebensbejahender Mensch war, der gerne zur Arbeit ging. Er war Dachdecker in einem kleinen Dreimannbetrieb.
An den Wochenenden fuhr er mit seinen Jungs und seiner heißgeliebten Honda Black Shadow Spirit 750 über Land. Einfach nur so, des Fahrens wegen.
Kerstin, 22 Jahre alt und somit 12 Jahre jünger als Ingo, lernte ihn erst vor ein paar Monaten kennen. Zu diesem Zeitpunkt fühlte er sich bis auf eine schnelle Ermüdbarkeit und eine auffallende Gewichtsabnahme noch topfit.
Das Haus mit dem jahrzehntelangen Investitionsstau hatte Ingo erst ganz kürzlich, zusammen mit dem Boxerrüden Karlos, von seinem Onkel geerbt.
Ich frage mich: „Wie kann ein 32-jähriger Mensch mit einer derart traurigen und vollkommen aussichtslosen Prognose überhaupt fertig werden und was fängt er mit seiner wenigen, noch verbleibenden Zeit an?“
Nach Kerstins Einschätzung war Ingo kein Mensch, der schnell aufgab. Er war ein Positivdenker mit einem wunderbaren Humor und schien tatsächlich mit dieser extremen Lebenssituation gut umgehen zu können.
In den Tagen nach der Diagnosestellung saß er oft stundenlang an seinem Computer. Er bestellte sich T-Shirts mit ebenso provozierenden wie makabren Aufdrucken wie z. B. „behindert aber nicht blöd“.
Die Jungs am Tisch sind also alle Ingos Freunde. Sie wechselten sich anfangs noch mit Besuchen ab, übernahmen Arbeiten im und am Haus, besorgten Ingo Medikamente und fuhren ihn regelmäßig zu Therapien und Untersuchungen in eine nicht gerade nahegelegene onkologische Praxis. Kerstin gesteht mir, dass sie emotional mit dieser ganzen Situation komplett überfordert war.
Bei einer Einkaufstour für Ingo löste einer der Kumpels die unzähligen leeren Pfandflaschen im Supermarkt ein und sorgte für Biernachschub.
Auch Ingos Lottoschein wurde bei dieser Gelegenheit wieder für 2 Wochen verlängert. Bereits seit seinem 18. Lebensjahr tippte Ingo konsequent die gleichen Zahlen. Aber diesmal war alles anders: Nicht Ingo verlängerte den Lottoschein, sondern sein Kumpel Eddy - und es passiert das Unfassbare: Ingos Glückszahlen machten ihn zum Millionär.
Strahlend erzählt Kerstin, dass Ingo sich kurzerhand einen lang ersehnten Traum erfüllte und sich eine große Harley Davidson kaufte. Seine Kumpels, natürlich alle Motorradfahrer, lud er zu einer gigantischen und unvergesslichen Reise in die USA ein und fuhr mit ihnen auf der legendären Route 66. Mit Ingos Worten gesprochen war dies „die geilste und intensivste Zeit“ seines Lebens“.
Kaum wieder zu Hause angekommen spürte Ingo extremen Schwindel mit massiven Sehstörungen – der Anfang vom Ende. Ab jetzt begann für ihn der Wettlauf mit der Zeit, denn jetzt ging es ihm mit jedem Tag schlechter. Deutlich spürte er, dass ihn seine Kräfte rasant verließen. Täglich kamen neue Krankheitssymptome hinzu.
Sein unfassbares Vermögen teilte Ingo großzügig unter seinen Kumpels auf. Von diesem Tag an feierte er täglich mit ihnen das Leben. An jedem Tag der Woche, ohne auch nur eine einzige Ausnahme, fand eine Party im Uhuweg statt. Ein Partyservice lieferte die feinsten Leckerbissen, bis in die frühen Morgenstunden dröhnte Heavy Metal Musik und es floss viel, sehr viel Alkohol. So ausgelassen wie in dieser Zeit hatten ihn seine Kumpels bis dahin nie erlebt. Von seiner letzten Party am 28. April verabschiedete sich Ingo ungewöhnlich früh, um 22.30 Uhr. Gegen 00.05 Uhr rief Kerstin den Bestatter an.
Ich habe nun genug Informationen für meine Trauerrede zusammengetragen und verabschiede mich. Sehr nachdenklich fahre ich nach Hause.
