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Fritz Boss erzählt auf eindrückliche und persönliche Art von den Jahren als Verdingbub und wie er später, als Erwachsener, damit umgegangen ist.
Das E-Book "Morgen hole ich dich wieder" wird angeboten von Books on Demand und wurde mit folgenden Begriffen kategorisiert:
Betroffene von fürsorgerischen Zwangsmassnahmen, Verdingkinder, Wiedergutmachung, Lebenserzählung, Lebensgeschichte
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Seitenzahl: 67
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Ich widme meine Erinnerungen meinen Kindern Peter, André, Irene und Urs.
Einleitung von Lilian Fankhauser
Der angeknabberte Apfelkuchen
Rastlose Jahre
Ferien bei den Grosseltern
«Morgen hole ich dich wieder»
Die erste Zeit als Verdingbub
Das liebe Hanni
Ein Niemand zu sein
Lehrer Pulfer Köbu
Pferdekarrer Fritz
Die, die weggeschaut haben
Konfirmationsausflug mit Folgen
Der Besuch der Mutter
Als Knecht auf dem Hof
Lehrjahre
Wie es weiterging, das Leben
Epilog von Lilian Fankhauser
In Jahrzahlen
«Da wurde mir klar, dass ich ein Niemand bin.» Diesen Ausdruck, «ein Niemand zu sein» wiederholt Fritz mehrmals in seiner Erzählung und er trifft mich tief. Ein Kind, dem die Menschen rundum das Gefühl geben, ein Niemand zu sein. Und das doch jeden Tag aufsteht, arbeitet, zur Schule geht und alles tut, um nicht negativ aufzufallen. Jeden Tag, immer wieder, trotz allem. In der ganzen Zeit als Verdingbub gab es genau zwei Menschen, die sich hie und da für ihn eingesetzt haben: ein Lehrer und die Schwägerin des Bauern. Und die anderen? Die haben ihn behandelt, als wäre er ein Niemand. Weil man das damals einfach so machte.
Mir kommen immer wieder die Tränen, wenn Fritz erzählt, der Schmerz von damals ist so präsent in seiner Erzählung, er ist mit Händen greif- und fühlbar. Meine Tränen sind Tränen der Anteilnahme, der Ohnmacht, aber auch Tränen der Wut. Wut auf den Bauern, der nie ein liebes Wort für Fritz übrig hatte, nie. Wut auf eine Gesellschaft, die es bis vor wenigen Jahrzehnten richtig fand, einer Familie fünf von acht Kindern wegzunehmen, sie zu verdingen, jedes alleine auf einem Hof im Bernbiet. Aus jedem von ihnen einen Niemand zu machen, einfach so. Weil ihre Eltern arm waren und der Vater getrunken hat. Die Boss-Kinder waren nicht die einzigen. Es wird geschätzt, dass in der Schweiz insgesamt 85'000 Kinder aus fünf Generationen verdingt worden sind, erst 1981 wurde dies gesetzlich verboten. Alle diese Kinder wurden ihren Familien weggenommen und zur Arbeit auf einen Bauernhof gegeben oder kamen in ein Heim.
Die Geschichte von Fritz ist eine von vielen, aber es ist die Geschichte von «unserem» Fritz, dem langjährigen Partner meiner Mutter und damit der Grossvater meiner Kinder. Deshalb nahm mich seine Geschichte wunder und er hat sie mir erzählt, in mehreren Etappen, mal hatte er Tränen in den Augen, mal ich, mal hat er gelacht und ich dann mit ihm. Ich habe die Geschichte möglichst so aufgeschrieben, wie er sie mir erzählt hat, in seinen Worten, in einer fast mündlichen Sprache. Fritz hat alles gelesen und korrigiert und für gut befunden und das soll so sein. Es ist seine Geschichte. Wir haben uns entschieden, die Geschichte zu anonymisieren, damit nicht nachvollziehbar ist, auf welchem Hof Fritz als Verdingbub gelebt hat.
Fritz war neun Jahre alt, als er verdingt wurde, ein kleiner fröhlicher Zweitklässler. Heute ist er über achtzig Jahre alt und er ist weder verbittert, noch schicksalsergeben, noch wütend. Er ist einer der liebsten und freundlichsten Menschen, die ich kenne. Ich weiss nicht, wie es möglich ist, dass er trotz allem freundlich, humorvoll und offensichtlich psychisch gesund ist. Ich weiss nicht, wie es möglich ist, aber ich bin sehr froh darum.
Ich bin am 11. Juli 1938 zur Welt gekommen. Wir haben damals in Dampfwil gewohnt, das ist ein Dorf am Nordfuss des Frienisbergers. Die Geburt war offenbar schwierig, jedenfalls musste meine Mutter ins Frauenspital nach Bern gebracht werden, weil ich einfach partout nicht auf die Welt kommen wollte. Und als ich dann endlich da war, wussten die Ärzte und Hebammen nicht, ob ich überhaupt überleben würde. Das war ein dramatischer Start ins Leben. In Dampfwil haben wir ziemlich lange gewohnt, bis ich ungefähr vier Jahre alt war, das war für unsere Verhältnisse eine lange Zeit. Später habe ich mit meiner Familie sehr oft gezügelt – in einem Jahr, da war ich in der zweiten Klasse, waren es fünf Umzüge im gleichen Jahr, aber dazu komme ich später. An diese ersten Jahre in Dampfwil habe ich natürlich nicht so viele Erinnerungen, ich war ja noch klein.
Aber das Haus sehe ich noch vor mir und ich weiss, dass wir einen Garten vor dem Haus und Hühner hatten. Übrigens sehe ich das Haus auch heute noch ab und zu, wir fahren da auch immer mal wieder mit dem Velo vorbei. Es sieht sehr schön und gepflegt aus und ist bestimmt renoviert worden seit damals. Meine allererste Erinnerung ist aus der Zeit, als ich etwa drei Jahre alt war, also wohl aus dem Jahr 1941. Es waren die Kriegsjahre und wir hatten diese Mahlzeitencoupons, das heisst, wir konnten nicht einfach so einkaufen gehen. Wir hatten Marken, die man dann gegen ein Brot oder gegen etwas anders einlösen konnte. Der Hunger war in diesen Jahren unser ständiger Begleiter, da wir ja keinen eigenen Bauernhof hatten, mussten wir alles im Laden besorgen und wir hatten nicht viel Geld und auch die Marken reichten nicht weit. Mein Vater war Zimmermann von Beruf und hat auswärts gearbeitet und er war in diesen Kriegsjahren auch viel im Militär, so wie die meisten Schweizer Männer. Jedenfalls hatten wir wenig Essen zur Verfügung und eine Nachbarin aus dem Dorf hat meiner Mutter eines Tages einen Kuchenteig und Früchte geschenkt, um einen Kuchen zu machen. Diese Nachbarin war immer sehr nett zu uns und hat uns immer mal wieder etwas zugesteckt. Meine Mutter hat also den Apfelkuchen gebacken und dann zum Auskühlen auf den Tisch gestellt. Und der hat so gut geduftet, und ich hatte doch immer so Hunger. Und dann habe ich gesehen, wie ein Huhn durch die Küche lief und hatte eine gute Idee: «Es könnte doch sein, dass das Huhn vom Kuchen pickt, das wäre doch sehr gut möglich.» Also habe ich so vom Kuchen gegessen, wie ich mir vorstellte, dass das Huhn es machen würde. Und am Schluss habe ich das Huhn genommen und seine Füsse in den Kuchen gedrückt. Kurz darauf kam die Mutter in die Küche und rief: «Ja was ist denn mit unserem Apfelkuchen passiert?» Da habe ich zu ihr gesagt: «Das Huhn hat vom Apfelkuchen gegessen.» Und sie schaut mich an und sagt: «Also das nächste Mal, wenn du mir eine solche Geschichte erzählst, musst du dann vorher noch den Mund abwischen, damit ich die Resten vom Kuchen nicht mehr sehe.»
Eine andere Geschichte, die ich aus diesen frühen Jahren in Dampfwil noch weiss, ist, dass ich einmal einfach nicht nach Hause gekommen bin. Und zwar hat mir ein Nachbarsbub, mit dem ich ab und zu gespielt habe, gesagt, ich dürfe bei ihm zu Hause übernachten. Ich solle aber zuerst meine Mutter fragen gehen. Und da habe ich mir gedacht: «Wenn ich meine Mutter frage, darf ich ganz sicher nicht dort übernachten.» Deshalb habe ich gesagt, «Ja, ist gut, ich gehe fragen!» und bin dann ein Stück vom Haus meines Freundes weggelaufen und habe dort gewartet, ungefähr so lange, wie es gedauert hätte, um nach Hause zu gehen und wieder zurück. Und dann bin ich zurück und habe gesagt, «Es ist gut, ich darf bleiben.» Dabei hatte ich ein extrem schlechtes Gewissen, das weiss ich noch. Und dann am Abend, als es schon dunkel war, haben wir plötzlich draussen Stimmen gehört, die gerufen haben: «Fritzli, Fritzli!» Mit Laternen sind meine Eltern und Nachbarn im Dorf herumgelaufen und haben mich gesucht. Und dann hat die Familie meines Freundes gesagt: «Du, Fritzli, die suchen dich! Hast du denn zu Hause nichts gesagt, dass du hier schläfst?» Und da war ich ganz kleinlaut und hatte Angst. Ich war sicher, dass es jetzt ein grosses Donnerwetter geben wird. Aber ich war so lange verschollen, dass sie wirklich froh waren, dass es mich überhaupt noch gibt und niemand hat mit mir geschimpft.
