Mosaiksteine meines Lebens - Helena Neuhaus - E-Book

Mosaiksteine meines Lebens E-Book

Helena Neuhaus

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4,49 €

Beschreibung

Den Weg vom Kind, das im elterlichen Gastgewerbebetrieb in einem kleinen Dorf im Freiburgischen aufgewachsen ist, ihre abenteuerlichen Einsätze als Gästebetreuerin für ein Schweizer Tourismusunternehmen in Europa, Afrika, Südamerika und Asien während gut sieben Jahren, ihr zielstrebiger, doch schwieriger Einstieg in den Wirtschaftsjournalismus, sowie ihre 20-jährige Selbständigkeit als Moderatorin für Grossgruppenkonferenzen, Organisationsentwicklerin, Managementtrainerin und Kursleiterin für Erwerbslose, beschreibt die Autorin in zwölf Erzählsträngen, die sie als «Mosaiksteine» bezeichnet. Die Form des Buches entspricht keiner üblichen Autobiographie. Die einzelnen «Mosaiksteine» sind thematisch gegliedert und darin sind Themen wie «Feminismus», «Wirtschaftskritik», «Freundschaft und Liebe» stärker gewichtet als das chronologische Erzählen der Lebensgeschichte. Der Vorteil dieses Vorgehens: Die «Mosaiksteine» können in beliebiger Reihenfolge gelesen werden. Jede Leserin, jeder Leser kann entscheiden, welches Thema er oder sie am meisten interessiert und dort einsteigen. Der Nachteil ist eine gewisse Redundanz, die allerdings notwendig ist, damit jeder «Mosaikstein» für sich alleine bestehen kann. Der verbindende Faden durch alle «Mosaiksteine» ist das Engagement für mehr Gerechtigkeit auf dieser Welt, der Appell an ein verantwortliches Wirtschaften, das Plädoyer für Offenheit gegenüber allen Menschen, die in irgendeiner Weise nicht einer vorgeschriebenen oder vermeintlichen Norm entsprechen. Das gilt insbesondere für LGBTQIA+-Personen, für Personen jeder Hautfarbe, jeder Religion, Menschen mit besonderen körperlichen und/oder geistigen Herausforderungen. Jeder einzelne Mensch auf dieser Welt, vom Baby bis zum Greis verdient Empathie und Respekt.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 275

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für Emil

Inhalt

Vor 45 Jahren

Prolog

Geburt, Herkunft und Würdigung meiner Eltern

Schule und Berufseinstieg

Die Tourismus-Jahre, 1973–1978

Der harzige Einstieg in den Journalismus

Die Jahre der Selbständigkeit: 1997–2018

Berufsabschluss für Erwachsene

Wertvolle, lang anhaltende Freundschaften

Plädoyer für mehr Offenheit gegenüber Andersartigkeit

Meine Liebesbeziehungen

Spätes, doch lang anhaltendes Glück

Feminismus – mein Lebensthema

Körperliche Grundkompetenzen und Gesundheit

Buddhismus als Lebensphilosophie

Wirtschaft quo vadis

Lesen als Lebenselixier

Epilog

Vor 45 Jahren

Vision über meine Initialzündung des Schreibens

Schreiben! – Schreiben? – Schreiben als Lebensaufgabe? – Ja, aber nicht sofort.

Es war 1975 in einer Nacht im Busch, im nördlichen Kenia. Das Trommeln der Kikuyu und die Tänze der Frauen hatten mich nahezu in Trance versetzt. Am pechschwarzen Himmel funkelten die Sterne, und es schien mir, dass sie mir das Wort «Schreiben» zuriefen, immer und immer wieder. Ich vergass meine Umgebung und wurde erst wieder wach, als jemand an meiner Schulter rüttelte und rief: «Komm, die Show ist vorbei!»

Etwas widerwillig stand ich auf, noch ganz benommen, doch ich hatte meine Pflicht zu erfüllen. Ich sammelte die von mir betreuten Gäste ein, lief mit ihnen zum Bus, der uns in einer 1,5-stündigen Fahrt zurück zum Hotel Lawfords in Malindi führte. Die Hotelbar war bereits geschlossen, und so trottete ich zu meinem Bungalow, öffnete die Tür, machte Licht und war erfreut, heute keine dicken Regenwürmer oder Insekten mit dem Besen vor die Tür hinauskomplimentieren zu müssen. Ich legte mich aufs Bett, unter das Moskitonetz und versuchte, zu schlafen. Doch der Ruf «Schreiben» hallte weiterhin in meinen Ohren, bis ich mich entschied, aufzustehen. Ich ging ins gegenüberliegende Büro und setzte mich an meine kleine, hellgraue, mechanische Triumph und begann, zu schreiben. Ich begann bei meiner Geburt und schrieb mehrere Seiten, bis ich mich kurz vor dem Morgengrauen doch noch entschloss, ein paar Stunden zu schlafen.

Kenia war meine vierte Saison als Residentreiseleiterin (damals Hostess) für den Schweizer Touroperator Hotelplan, und ich hatte nicht die geringste Absicht, mit diesem Beruf in absehbarer Zeit aufzuhören. Asien und Südamerika standen auf meiner Wunschliste – vorher würde ich mein Leben als Vagabundin sicher nicht aufgeben. Wobei der Begriff Vagabundin nicht zutreffend ist, denn meine Aufgaben waren vielfältig sowie zeitintensiv, und ich musste viel Verantwortung tragen.

In dieser denkwürdigen Nacht kam ich zu dem Schluss, dass ich nach Abschluss meiner Tätigkeit als Reiseleiterin Journalistin werden wollte, und zwar Reisejournalistin, um über ferne Länder zu berichten. Klar war für mich, dass ich nicht nur über die Schönheit und Besonderheiten dieser Länder schreiben würde, sondern vielmehr über die Konflikte zwischen Einheimischen und Tourist*innen, über das damals noch zutiefst verankerte eurozentristische Denken, die Arroganz vieler Reisenden, von denen ich manchmal den Eindruck hatte, ihr einziger Grund zu reisen sei der Wunsch nach der Bestätigung, dass in der Schweiz sowieso alles viel besser sei.

Von da an hatte ich ein Ziel, an dem ich trotz vieler Stolpersteine festhielt, bis ich 1985 – zehn Jahre später – die blaue Tür am weissen Haus des Medienausbildungszentrums Luzern (MAZ) durchschritt. In diesem Moment fühlte ich mich wie im siebten Himmel; es war ein tranceähnlicher Zustand – wie 1975 in der Nacht im kenianischen Busch.

Prolog

Mosaiksteine meines Lebens

Den Wunsch, meine Autobiographie zu schreiben, hege ich seit Jahrzehnten, doch erst 2016, als sich meine Erwerbstätigkeit dem Ende zuneigte, wurde daraus ein Projekt. Von Anfang an war mir klar, dass es keine chronologische Geschichte mit literarischem Anspruch geben würde, dafür verlief mein Leben viel zu bruchstückhaft. Irgendwann entwickelte sich das Bild eines Mosaiks mit vielen Steinen unterschiedlicher Grösse und verschiedener Farben.

Die Aufteilung meiner Lebensthemen in «Mosaiksteine» führt zu gewissen Wiederholungen (Redundanz), bietet indes den Vorteil, dass die Leserin, der Leser, irgendwo einsteigen kann.

Ich war seit jeher ein vielseitig interessierter Mensch und hatte immer wieder Lust, zu verändern und Neues zu lernen. Als ich vor Jahren anlässlich einer Seminarübung die Aufgabe hatte, was ich tun möchte, wenn ich – bei guter Gesundheit – noch 100 Jahre zu leben hätte, fielen mir unzählige Dinge ein, die ich gern tun wollte.

Vielseitige Interessen sind indes nicht nur ein Vorteil, sie hindern oft auch, sich auf etwas zu fokussieren und in diesem Bereich erfolgreich zu werden. Ich betrachte mich zwar als zielorientierter Mensch, allerdings haben sich meine Ziele in meinen knapp 50 Berufsjahren öfter verändert, was zu häufigen Berufswechseln führte. Mein Werdegang ist das Gegenteil von geradlinig, doch jede Lebensphase hat mich in verschiedener Weise geprägt und deshalb gefällt mir das Bild eines bunten Mosaiks als Metapher für meine ungewöhnliche Biographie.

Roter Faden

Trotz der Verschiedenheit einzelner Phasen zieht sich, seit ich denken kann, ein roter Faden durch mein Leben: Der Anspruch, etwas Sinnvolles zu tun, in welcher Form auch immer. In meiner Kindheit und Jugend war es die Mitarbeit im elterlichen Gastrobetrieb, in den Tourismusjahren die Dienstleistung für die Gäste, die ich zu betreuen hatte, im Journalismus das Streben nach engagierten Artikeln, um in Theorie und anhand konkreter Beispiele aufzuzeigen, dass ein soziales und ökologisches Wirtschaften sinnvoller ist als Gewinnmaximierung, bei den diversen ehrenamtlichen Arbeiten der Wille, etwas für die Gesellschaft zu tun, und als ich mich schliesslich selbständig machte, waren es die Anregungen, die ich den Teilnehmenden von Seminaren und Teamentwicklungsprozessen vermitteln wollte, um sie in ihrer Persönlichkeitsentwicklung und in ihrer Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, ein Stück weiterzubringen. Das tat ich allerdings nie missionarisch, sondern mit Respekt für das Individuum, mit Argumenten der Vernunft bzw. der Philosophie oder ganz einfach mit Aussagen des Dalai Lamas, der für mehr Empathie für Mitmensch und Umwelt plädiert. Soweit ich es aufgrund zahlreicher Rückmeldungen von Personen aus verschiedenen Bereichen beurteilen kann, ist mir dies öfter gelungen, was mich nicht daran hindert, mich immer wieder zu fragen, ob ich genug getan habe.

Als ich vor vier Jahren an meiner Autobiographie zu schreiben begann, standen drei meines Erachtens für die Weiterentwicklung der Menschheit bedeutende Bereiche im Vordergrund, die ich – neben meinen eigenen Geschichten – thematisieren wollte: Mein Wirtschaftsverständnis, der frühe Aids-Tod eines homosexuellen Freundes und damit die Bedeutung der heutigen LGBTQIA+-Bewegung sowie der Vegetarismus. Seit 2016 zeigen sich in allen drei Bereichen einige positive Veränderungen, wobei diese bei weitem nicht ausreichen.

a) Die Wirtschaft braucht Wandel

Als frühere Wirtschaftsredaktorin beobachtete ich das Geschehen in den letzten 20 Jahren mit wachsendem Unbehagen und zum Teil mit Empörung, zum Beispiel, wenn Ewiggestrige, wie der ultraliberale Financier Tito Tettamanti, weiterhin die konsequente Gewinnmaximierung als oberstes Ziel der Unternehmensführung fordern (vgl. Interview im Tages-Anzeiger vom 07.09.2019). Und er machte sich – auf die Frage des Interviewers, Markus Diem Meier – über rund 180 Chefs von grossen US-Konzernen lustig, die sich öffentlich von der Idee verabschiedet haben, die Steigerung des Aktienwertes als einziges Ziel der unternehmerischen Tätigkeit zu betrachten, ohne Rücksicht auf Mensch und Umwelt. Offensichtlich hat der Financier nie etwas von Professor Hans Ulrich von der HSG – der frühere Name der Universität St.Gallen – gelesen, der noch bis weit in die 1980er Jahre «die soziale, ökologische Marktwirtschaft» als Ziel eines verantwortungsbewussten, unternehmerischen Handelns gelehrt hat. Doch auch andere Marktteilnehmer zeigten selbst nach der Finanzkrise von 2008 keine Bereitschaft, ihre einseitige Ausrichtung auf Gewinn zu ändern.

Auf der anderen Seite wird in jüngster Zeit wieder häufiger thematisiert, dass bei unternehmerischen Entscheiden alle Stakeholder einbezogen werden sollen, zum Beispiel Mitarbeitende, Umwelt, politisches Umfeld, ethisch ausgerichtete Finanzinstitute und weitere. Von klugen Ökonomen wird nüchtern aufgezeigt, dass ein soziales und ökologisches Bewusstsein kein Gegensatz zur Marktwirtschaft ist, sondern eine Frage der Vernunft. Dass Unternehmen für ihr Handeln Verantwortung übernehmen müssen, ist gerecht, in der Schweiz und im Ausland. Es bleibt zu hoffen, dass die Konzernverantwortungsinitiative im November 2020 angenommen wird. Detaillierte Ausführungen über mein Wirtschaftsverständnis beschreibe ich im Mosaikstein «Wirtschaftskritik».

b) LGBTQIA+-Personen sind gleichwertige Mitglieder unserer Gesellschaft

Auf gesellschaftlicher Ebene staune ich über die Entwicklung, die sich in jüngster Zeit gegenüber der LGBTQIA+-Bewegung ergeben hat. Ich habe die Thematik im Kapitel über Peter Häcki ausführlich beschrieben. Die Volksabstimmung vom 9. Februar 2020 über das «Verbot der Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung» wurde mit 63,1 % der Wählerstimmen deutlich angenommen. Nichtdestotrotz sind Hassäusserungen und Gewalt gegen homosexuelle Menschen gerade jetzt (Februar 2020) wieder aktuell. Möge es eine letzte Rebellion von Ewiggestrigen sein, die partout nicht kapieren wollen, dass unsere Gesellschaft aus Vielfalt besteht und jeder Mensch, egal, welcher Herkunft und Orientierung, das Recht hat, respektiert zu werden. Selbstreflexion ist angebracht und die Bereitschaft, in Gesprächen das Anderssein zu verstehen. Mit Neugierde auf anders tickende Menschen zugehen und zu versuchen, sie zu verstehen, ist die bessere Strategie als – vielleicht aus Angst vor der eigenen Sexualität – Gewalt anzuwenden. Eine auf Frieden ausgerichtete, empathische Verhaltensweise ist übrigens auch in anderen Lebensbereichen sinnvoll.

Tatsache ist zurzeit weiterhin, dass eine gewisse Offenheit erst in Teilen der westlichen Welt existiert. Es müssen weltweit Berge versetzt werden, bis Menschen nicht mehr aufgrund einer anders gelebten Sexualität, als die Norm es vorschreibt, diskriminiert werden. Arbeiten wir alle darauf hin, dass es nicht nochmals Jahrhunderte dauert.

c) Vegetarisches und veganes Essen wird heute anerkannt

Das dritte Grundthema, das sich in jüngster Zeit in eine positive Richtung entwickelt hat, ist der Trend zu vegetarischem und veganem Essen. Ich selbst bin seit fast 30 Jahren Vegetarierin. Den Anstoss gaben mir 1989 Schulmediziner in der damaligen Heilfastenklinik Buchinger in Überlingen. Erst dort wurde mir bewusst, was ich Jahre zuvor in der Wirtschaftsgeographie gelernt hatte, wie hoch der Verschleiss von Ressourcen ist, wenn man zuerst Tiere ernähren muss, bis deren Fleisch von Menschen verzehrt werden kann. Erstmals erfuhr ich dort mit wirklich offenen Ohren über die unglaublichen Qualen, die Tiere bis zu ihrer Tötung erleiden müssen. Die drei Ärzte der Klinik waren keine Fundamentalisten, doch sie zeigten uns mit fundiertem Fakten- und Zahlenmaterial die Folgen des Fleisch- und Fischkonsums auf.

Seit wenigen Jahren haben die Medien die Thematik über den Sinn von vegetarischem und veganem Essen aufgenommen, mehrheitlich auf einer professionellen, undogmatischen Ebene. Längst müsste in der Mehrheit der Bevölkerung ein Bewusstsein vorhanden sein, dass Fleischverzicht eine Sache der Vernunft ist. Oft staune ich über die harsche Kritik in Leserbriefen, die um ihren Fleischkonsum kämpfen, als ginge es um ihr Leben. Es braucht ja nicht zwingend den vollständigen Verzicht. Die Reduktion auf drei Mal pro Woche Fleisch oder Fisch würde ausreichen, um den Nutztierbestand ganz massiv zu reduzieren – und damit die Massentierhaltung. Gleichzeitig gäbe es mehr Flächen für den Anbau von Soja und Getreide, die nicht der Tierfütterung dienen, sondern direkt zu Nahrung für Menschen verarbeitet werden.

Früher musste ich mein Essverhalten immer erklären, und ich sagte stets: Ich esse aus ökologischen, ökonomischen und ethischen Gründen weder Fleisch noch Fisch. Wenige interessierten sich dafür, genauer verstehen zu wollen, was ich damit meinte. Dank erfreulich häufiger und umfassender Berichterstattung über den Sinn der vegetarischen und veganen Ernährung ist die Information heute in all ihren Details für jede und jeden in (fast) allen Medien zugänglich.

Geburt, Herkunft und Würdigung meiner Eltern

Ich verdanke meine Geburt der ‹Chilbi›

Als ich im Juli 1952 geboren wurde, erfüllte sich der Wunsch meiner Eltern nach einem vierten Kind. Mein Bruder wurde im April 1941, meine Schwestern im Februar 1946 und im Januar 1949 geboren. Ich war für den Frühling 1952 geplant, nur: Die Schwangerschaft liess auf sich warten. Meine Mutter war im Mai 1951 bereits 39 Jahre alt geworden. Fast wollten sie sich mit den drei Kindern zufriedengeben, doch dann kamen die Vorbereitungen für die ‹Chilbi›, die Fribourger Variante eines Festes, vergleichbar mit dem Erntedankfest. Für unseren Gastgewerbebetrieb hiess dies: Unzählige aufwendige Vorbereitungen für den zweiten und dritten Oktobersonntag, an denen das Schlemmerfest stattfand. Das traditionelle Chilbi-Menü bestand aus mindestens fünf bis sechs Gängen. Zuvor gab es gesalzene Brezeln, die zum Apéro mit feinem Weisswein serviert wurden, während die süssen Brezeln und die Chüechli beim Kaffee auf den Tisch kamen.

Anfang Oktober war also der traditionelle Chüechli-Abend – an dem ich später selbst Jahr für Jahr mit Vergnügen mitwirkte –, und obwohl mindestens sechs bis acht Personen engagiert arbeiteten, ging es immer locker und fröhlich zu und her. Und wenn gegen 22:00 Uhr die rund 300 Chüechli gebacken waren, setzten sich alle an den grossen Tisch im Office und freuten sich nach der stundenlangen ‹Süsse› auf etwas Gesalzenes. Es gab Wurst, Käse, Brot und viel Wein, alle waren in Hochstimmung.

Gut gelaunt legten sich meine Eltern in ihrem ‹Guggerli› ins Bett, ein winziges Kämmerlein, das sich eingeklemmt zwischen dem alten und dem neuen, noch nicht fertig gebauten Gasthof befand. Meine Eltern waren bis zu ihrem Tod felsenfest davon überzeugt, dass ich in dieser Nacht gezeugt wurde, zumal meine Mutter kurz darauf mit den üblichen Anzeichen schwanger war. Neun Monate später wurde ich geboren. Der 4. Juli 1952 war ein aussergewöhnlich heisser Sommertag, als sich meine Geburt mit unglaublicher Langsamkeit ankündigte. Und obwohl meine Mutter jedes Mal eine schwere Geburt hatte, litt sie diesmal mehr unter der Hitze, zumindest hat sie mir mehr als einmal folgende Anekdote erzählt: Die Krankenpflegerin fragte: «Avez-vous mal, Madame?» Und meine Mutter antwortete: «Je n’ai pas trop mal, mais chaud, chaud, chaud!!!» Doch es gab keinen Ventilator, und sie musste neben den Geburtsschmerzen auch noch diese Hitze ertragen.

Ich hatte das enorme Glück, als Kind in einem kleinen Dorf aufzuwachsen. Ich konnte mich mit meinen Dorfkameradinnen und kameraden stundenlang in den Wäldern austoben, am Fluss spielen, verrückte Streiche ausdenken und verüben. Danach luden wir die Dorfgemeinschaft zur Versöhnung zu einer selbst inszenierten Zirkusveranstaltung ein.

Unabhängigkeitsstreben in die Wiege gelegt

Was das Geburtsdatum – der 4. Juli – anbelangt, so war ich mein Leben lang stolz darauf, handelt es sich doch um den Unabhängigkeitstag der USA und eine grösstmögliche Unabhängigkeit war und ist mir mein gesamtes Leben lang sehr, sehr wichtig gewesen. Kaum hatte ich Sprechen gelernt, reagierte ich ‹bockig›, wenn mir jemand unnötigerweise helfen wollte. «Säübe!!!» (= selber), schrie ich meine Schwestern an – zumindest haben sie mir das bis ins Erwachsenenalter vorgehalten.

In der Tat spürte ich seit meiner Kindheit einen unbändigen Drang nach Selbständigkeit. Als Teenager und junge Erwachsene verkündete ich meiner Familie immer wieder, dass ich niemals heiraten, mich keinem Mann unterordnen und auch keine Kinder haben würde. Ein Teil meiner Verweigerung lässt sich mit den unzähligen Hochzeitsmessen erklären, an denen ich in unserer Dorfkirche teilgenommen hatte. Jedes Mal wurde dem Hochzeitspaar gesagt, dass sich die Frau dem Mann unterordnen müsse, und beide mussten sich ewige Liebe schwören, «bis dass der Tod euch scheidet». Die Frau verlor ihren Familiennamen und ihr Bürgerrecht und durfte nur dann erwerbstätig sein, wenn der Ehemann einwilligte. Diese Art von Abhängigkeit wollte ich auf gar keinen Fall akzeptieren. Es macht mich bis heute wütend, wenn ich an diese Ungerechtigkeit zurückdenke. Im Alter von 54 Jahren habe ich dann doch geheiratet, aber nur, weil es mein langjähriger Lebensgefährte so sehr wünschte. Meinen Familiennamen und mein Bürgerrecht habe ich behalten – und im Schweizer Eherecht ist die Gleichstellung von Ehepartnern inzwischen geregelt.

Parallel zum Drang nach Selbständigkeit und Unabhängigkeit habe ich seit jeher ein ausgeprägtes Verantwortungsgefühl für andere und für mich selbst eine konsequente Haltung von Selbstverantwortung. Dazu zählt auch meine Gewohnheit, den Fehler zuerst bei mir selbst zu suchen und nicht bei anderen, wenn etwas schiefgeht. Dies tat ich damals spontan, später lernte ich in einem Seminar zum Thema Persönlichkeitsentwicklung, dass dies die ‹richtige› Strategie ist. Warum: Wenn ich selbst die Verantwortung übernehme, kann ich etwas verändern; wenn ich anderen die Schuld gebe, bin ich machtlos, denn eigenes Verhalten lässt sich einfacher als das anderer verändern. Im NLP gibt es den Grundsatz: «Es gibt keine Fehler, nur Feedback», was bedeutet: Wenn ich mit einem Resultat, einer Wirkung nicht zufrieden bin und selbst dafür die Verantwortung übernehme, dann kann ich mir überlegen, was ich selbst anders machen muss, um das gewünschte Resultat zu erzielen. Als ich – sehr viel später – das Buch «Prinzip Selbstverantwortung» von Reinhard Sprenger las, fühlte ich mich nochmals bestätigt. Für das eigene Tun und deren Resultate selbst die Verantwortung zu übernehmen, macht frei. Wenn ich andere beschuldige, mache ich mich abhängig.

Meine Kindheit verlief harmonisch und unkompliziert, meine Eltern förderten meinen Drang nach Selbständigkeit, indem sie mir schon früh Aufgaben übertrugen, für die ich zuständig war. In unserem Gastgewerbebetrieb in einem kleinen Dorf war es üblich, dass alle Familienmitglieder mitwirkten, vor allem an Wochenenden und in den Ferien der Angestellten. Ausserordentlich war, dass Papa uns Kindern Stundenlohn zahlte. Sobald ich schreiben und rechnen konnte, musste ich über meine Einkünfte Buch führen. Sein weiser Rat, den ich mein Leben lang befolgte: «Du darfst nie mehr ausgeben, als du eingenommen hast.»

Ein übliches Sackgeld, über das ich frei verfügen konnte, erhielt ich ebenfalls. Ich ging mit meinen Einnahmen sehr sparsam um und gab sie nicht für Unnützes aus. Meine grösste Ausgabe waren Bücher. Den grössten Teil meines Geldes hortete ich auf der Sparkasse des Dorfes, wo es damals noch mit guten Zinsen sicher aufgehoben war.

Und noch etwas ist seit meiner Kindheit ein wichtiger Grundsatz: Irgendwann erhielt ich von irgendwem den Rat: «Was du nicht willst, das man dir tu, das füg’ auch keinem anderen zu.» Das schien mir fair und sinnvoll und prägte mich stärker als die vielen Ver- und Gebote, die ich vom Dorfpfarrer als Vorbereitung zur Erstkommunion lernen musste und als Sünde beichten sollte. Von einigen verstand ich nicht einmal deren Bedeutung. Als ich während des Religionsunterrichts in der Vorbereitung zur ersten Kommunion war und den Pfarrer fragte: «Was heisst unkeusch?», wurde er wütend, und ich musste vor der Tür stehen. Eine Antwort erhielt ich nicht. Als ich die Frage am Mittagstisch (vor Eltern, Geschwistern und Angestellten) nochmals stellte, herrschte betretenes Schweigen. Meine Mutter versprach, es mir abends vor dem Einschlafen zu erklären. Ich erinnere mich nicht, welche Worte sie dafür gefunden hat. Beim Pfarrer kam es mehrmals vor, dass ich wegen einer Frage vor die Tür musste, auch dann, als ich wissen wollte, warum er so sicher sei, dass nur Katholiken in den Himmel kämen, wo es doch auf der ganzen Welt so viele andere Religionen gebe. Das schien mir höchst ungerecht. In meiner kindlichen Annahme, dass Erwachsene von der Vernunft geleitet werden, glaubte ich, sie würden doch sicher (zum Katholizismus) konvertieren, wenn sie in den Himmel kommen wollten.

Die Erfahrung, bestraft zu werden, wenn man einer Autorität eine Frage stellt, hat sich indes noch Jahrzehnte in meinem Gehirn festgesetzt. Selbst während meiner Zeit im Journalismus getraute ich mich nicht immer, eine – für mich – brennende Frage zu stellen, aus Angst, es könnte eine dumme oder beleidigende Frage sein. Freude an der Fragerei und sogar die Aufforderung dazu erhielt ich erst wieder in meinem Nachdiplomstudium ‹Philosophie und Management› im Alter von 50 Jahren.

Mein Streben nach frühem Erwachsensein

Trotz meines im Verhältnis zu meinen Schulkameradinnen und kameraden relativ grossen Spielraums, der vertrauensvollen Beziehung zu meinen Eltern und dem weitgehend konfliktfreien Umgang mit meinen Geschwistern ging mir die Kind- und Jugendzeit viel zu langsam vorüber. Ich war sehr ungeduldig und wünschte mir nichts sehnlicher, als sehr schnell erwachsen zu werden. Der Zufall wollte es, dass mir zu dem Zeitpunkt, als ich diesen Text bereits als ersten Entwurf geschrieben hatte, das Buch «Die Freundschaft» von Connie Palmen in die Hände fiel. Auf Seite 347 las ich einen Satz, der mir direkt aus dem Herzen sprach: «Jungsein fand ich mühsam, Erwachsenensein nicht …» Ja, genauso empfand ich es auch. Als Kind und noch als Jugendliche war ich überzeugt davon, dass es ausreiche, erwachsen zu werden, und dass Erwachsene – per definitionem – vernunftgesteuerte Wesen seien. Ich war auch lange davon überzeugt, dass sich (schulisch) gebildete Menschen eher von der Vernunft leiten lassen und kluge Entscheidungen treffen.

Die Hauptfigur im Buch von Palmen berührt mich, weil ich als Kind viele Anteile ihrer Persönlichkeit selbst erlebt habe. So empfand ich es zum Beispiel als gerecht, dass ich als jüngstes Kind erst an vierter und nicht an erster Stelle kam. Ich spürte immer Verantwortung für die anderen, vor allem auch für meine Eltern und mein grösstes Ziel war es, ihnen keine Sorgen zu bereiten und so schnell wie möglich finanziell von ihnen unabhängig zu werden. Ich fühlte mich stark und verfügte vermutlich – obwohl ich den Begriff damals nicht kannte – über eine ausgeprägte Resilienz. Jungs interessierten mich kaum und – wie oben erwähnt – wollte ich weder heiraten noch Kinder bekommen.

Die nur drei Jahre jüngere niederländische Autorin Connie Palmen hat – im Gegensatz zu mir – Philosophie und Literatur studiert und konnte als Dozentin an der Universität ihren Lebensunterhalt verdienen, während man mich in der Zeit der Berufswahl warnte, ich würde mit einem schöngeistigen Studium mein Leben lang am Hungertuch nagen. Ich glaubte den Eltern und der Berufsberaterin, denn sie waren ja schliesslich erwachsen, ergo vernünftig. Das im Alter zwischen 18 und 20 Jahren (1970–1972) selbst finanzierte Französischstudium war ein kleiner, wenn auch wichtiger Trost, und das erworbene Diplom ging annähernd in die richtige Richtung meiner Interessen. Inhaltlich begeisterte mich der Existenzialismus, und die offene Beziehung ohne Trauring zwischen Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre nahm ich mir als Vorbild. Die Gleichberechtigung der Frauen war damals in weiter Ferne, doch ich wollte mich auf keinen Fall auf weibliche Muster einlassen. Ich wollte ein freies und unabhängiges Leben führen – wie Männer – und für mich selbst sorgen.

Meine Begeisterung über das zum grossen Teil autobiographische Buch von Connie Palmen wurde getrübt, als ich mich später über ihr reales Leben informierte. Trotz ihres gelungenen Starts als Akademikerin, Universitätsdozentin und ihrer Erfolge als Autorin kämpft sie seit Jahren gegen ihren übermässigen Alkoholkonsum; es gelingt ihr nicht, die Sucht einzudämmen – ein Problem, das ich glücklicherweise nicht kenne. Weder ich noch irgendjemand in meiner Familie hat ein Suchtproblem. Meine Vermutung: In einem Gastrobetrieb – vor allem in der Westschweiz – gehört ein Glas Wein zu einem guten Essen. Wir Kinder erhielten, wie die Erwachsenen, die gleichen Mahlzeiten wie die Gäste im Restaurant. Wir wurden nie gezwungen, etwas zu essen, das wir nicht mochten, und meistens siegte die Neugierde, etwas auszuprobieren. Meine Mutter war über die Qualität und Quantität von gesundem Essen bestens informiert. Wir erlebten keinen Mangel und durften schon früh am Sonntag zum Mittagessen etwas Wein kosten, in Jahresabständen vom Schluck zum halben und dann zum ganzen Glas. Damit lernten wir den sorgfältigen Umgang mit Wein, es ging immer ums Geniessen, nicht ums Betrinken. Und – vielleicht, weil im Restaurant genug geraucht wurde – wurden weder unsere Eltern noch wir Kinder zu Rauchern. Ich weiss, die Thematik ist weitaus komplexer, dennoch gehe ich davon aus, dass dieser Hintergrund – für mich – prägend war.

Würdigung meiner Eltern

Mein Vater war als ältestes Kind von elf Geschwistern auf einem kleinen Bauernhof aufgewachsen, der nicht einmal genügend hergab, um alle Kinder zu ernähren. Als 11-Jähriger wurde er als Verdingbub in ein Nachbardorf geschickt, wo er zwar die Grundschule besuchte, doch bei mangelhafter Ernährung frühmorgens und oft bis in den späten Abend auf dem Hof hart arbeiten musste. Die Besuche bei seinen Eltern waren selten, weil das Geld für ein Busticket fehlte und der Fussmarsch drei Stunden hin und drei zurück beansprucht hätte – Zeit, die nicht einmal an einem Sonntag zur Verfügung stand. Es mangelte ihm an allem Materiellen und ganz besonders an Liebe und Geborgenheit. Seine Mutter, die er über alles liebte, starb früh, und er konnte es fast sein ganzes Leben lang nicht verschmerzen, dass er sie wegen seiner Abwesenheit nicht vor der harten Arbeit hatte entlasten können. Er schwor sich: Niemals sollten seine künftige Ehefrau und seine Kinder ein derart entbehrungsreiches Leben führen müssen.

Kaum hatte er die obligatorische Schule abgeschlossen, versuchte er sein Glück mit verschiedenen Stellen in der Hotellerie von Kurorten. Sein erstes Monatsgehalt betrug – nebst schlechter Kost und einem schäbigen Zimmer, das er mit drei anderen jungen Männern teilen musste – 30 Franken. Davon schickte er einen Teil nach Hause, um seinen jüngsten Geschwistern eine Berufslehre zu ermöglichen. Nach vielen Jahren der harten Arbeit, der zahlreichen Entbehrungen und des selbständigen Lernens getraute er sich, das damals obligatorische Wirtepatent zu absolvieren, und mit ein bisschen Glück gelang es ihm, in seinem Heimatdorf Giffers im Freiburgischen die Pacht des ‹Gasthofs zum roten Kreuz› zu erwerben. Er heiratete eine um zwei Jahre jüngere Frau, Louise, die ebenfalls aus seinem Dorf stammte. Als Tochter des Metzgers und Älteste von fünf Geschwistern war sie bereit und mutig genug, um in einem Gastgewerbebetrieb tatkräftig mitzuwirken. Meine Eltern trauten sich, diesen mittelgrossen Landgasthof (mit Gästezimmern und einem riesigen Saal für Hochzeiten und weiteren Grossanlässen) in unserem Dorf mithilfe von drei Festangestellten und vielen Extras (für die Bankette) zu leiten. Beide arbeiteten sehr hart und erzogen gleichzeitig vier Kinder. Den Sinn ihres Tuns sahen sie primär in ihrem Ziel, ihren Kindern ein besseres Leben zu bieten, als sie selbst hatten. Beiden war aufgrund ihrer Vergangenheit klar, dass eine gute Ausbildung die beste Voraussetzung dafür sei. Trotz des täglichen Einsatzes von 07:00 bis 24:00 Uhr im Betrieb nahm mein Vater viele Funktionen zum Wohle der Gemeinde ein, zum Beispiel in der Feuerwehr, der Wasserversorgung, dem Schützenverein, als Gemeindeschreiber und und und.

Wegen des Geschäfts waren meine Eltern froh, wenn wir Kinder grösstenteils ‹von selbst funktionierten›. Das gab uns viel Freiheit. Vorgeschrieben war nur, dass wir die Essenszeiten einhielten, die Schulaufgaben machten und abends beim Abendläuten der Kirche nach Hause kamen. Dennoch vermochten sie uns ganz stark das Gefühl zu vermitteln, wie sehr sie uns liebten. Dazu ein kleines Beispiel: Kam ich mit zerschundenem und blutendem Knie während des Mittagsservices heulend zu meiner Mutter gelaufen, hatte der Gast im Restaurant auf sein Essen zu warten. Sie schloss mich zuerst in die Arme, tröstete mich, reinigte und verband die Wunde, sodass ich mit neuem Elan hinausrennen konnte. Meine Eltern sind keine gebildeten Leute, aber beide haben ein gesundes Selbstbewusstsein, können selbständig denken und sind nicht autoritätsgläubig, was zur damaligen Zeit mit einem überaus gestrengen Dorfpfarrer gar nicht so einfach war. Sie erzogen auch mich sehr früh zur Selbständigkeit. Sie sagten etwa: «Du muss selbst wissen, was Du tust, aber wenn es Dir schlecht geht, sind wir immer für Dich da.»

Die regelmässige Mitarbeit von uns Kindern im Familienbetrieb war selbstverständlich. Das Wichtigste jedoch war, dass die Eltern uns Kindern ihre Liebe zeigten und uns ein tiefes Gefühl der Geborgenheit vermittelten. Dank gutem Wirtschaften und sparsamer Lebensführung – selbst als wir Kinder längst im Berufsleben standen – gelang es unseren Eltern nach ihrer Pensionierung, ein einfaches kleines Haus zu kaufen, mit dem Ziel, es später an uns Kinder zu vererben. 1993, als mein Vater 83 und meine Mutter 81 Jahre waren, erkrankten sie beide im Abstand von wenigen Wochen an Krebs und mussten ins Spital. Ein halbes Jahr später starben sie innerhalb von zwei Wochen. Fast könnte man vermuten, sie hätten selbst die Erfüllung ihres letzten Ziels bewusst gesteuert: Sie hatten sich seit Jahren vorgenommen, ihren Kindern im Alter auf keinen Fall zur Last fallen zu wollen. Uns Kindern blieb die Gewissheit, dass unsere Eltern ein arbeitsreiches, ehrliches und sinnerfülltes Leben geführt hatten und in ihrer Liebesfähigkeit, Güte und Grosszügigkeit Vorbilder waren und sind.

Die Haltung meiner Eltern gab mir ein gewisses Urvertrauen. Wo auch immer ich war, all die vielen Jahre im Ausland mit Tätigkeiten, die mich manchmal in nicht ganz ungefährliche Situationen brachte, oder als ich während dreier Monate mutterseelenallein durch alle Länder Südamerikas zog: Ich hatte keine Angst. Ich respektierte zwar die notwendigsten Vorsichtsmassnahmen, ansonsten reiste ich neugierig und frohgemut durch die Länder. Ich hatte damals die ziemlich naive Gewissheit in mir: Wenn mir etwas Schlimmes passiert, werden mich meine Eltern da rausholen.

Schule und Berufseinstieg

Viel Spass am Lernen

Als lernbegieriges Kind freute ich mich riesig auf den ersten Schultag. Mein immer noch vorhandenes Schulzeugnis der Primarschule bestätigt meine Erinnerung, dass ich die Schule ohne Sorgen bewältigte. Die Noten 1 und 1–2, später 6 und 5–6 füllen das Zeugnis. Die schlechteste Note hatte ich in der Schrift. An nennenswerte Konflikte mit meinen Mitschüler*innen kann ich mich nicht erinnern. Mit einem Mädchen namens Rita fühlte ich mich freundschaftlich eng verbunden. Wir gingen oft einen Teil des Schulwegs zusammen, und ich mochte sie mehr als alle anderen, wollte mehr Zeit mir ihr verbringen, doch eines Tages verkündete sie mir, dass sie mit ihrer Familie in die Westschweiz zügeln werde. Ich habe sie nie weder noch einmal gesehen, noch von ihr gehört, was ich bis heute bedauere.

Weil in unserem Dorf nur die Grundschule angeboten wurde und der tägliche Weg in die Stadt Fribourg zu kompliziert gewesen wäre, besuchte ich – wie meine beiden Schwestern zuvor – die erste und die zweite Sekundarschule im Internat «St. Joseph de la Gouglera». Die Besonderheit dieser Schule war die Zweisprachigkeit. So besuchten wir im ersten Jahr am Vormittag die erste Sekundarschule (Sek) auf Deutsch und nachmittags auf Französisch. Im zweiten Jahr kam die zweite Sek auf Deutsch und nochmals die erste auf Französisch. In der Woche mussten die deutschsprachigen Kinder zwingend Französisch sprechen, die Westschweizerinnen Deutsch. Das gab uns allen eine solide Basis für die Zweisprachigkeit.

Auch hier machte mir das Lernen Spass, und im Zeugnis dominierten die Noten 5–6 und 6. Die Ingenboler Nonnen waren übermässig streng, und wir Kinder standen von früh bis spät unter Aufsicht, doch im zarten Alter von 13 bis 15 Jahren rebellierten wir kaum. Körperliche Strafen oder gar Übergriffe habe ich persönlich nie erlebt und bei anderen nie gesehen. Trotz geringer Möglichkeiten, Freundschaften einzugehen, ergab sich eines Tages – ich weiss nicht mehr, wie – eine Freundschaft mit Pia. Wir beide mochten Musik, gingen in den Klavierunterricht, lasen und lernten gern. Auf den (überwachten) Sonntagsspaziergängen versuchten wir nach Möglichkeit, miteinander zu laufen. Wir sind beide im Gastgewerbe aufgewachsen, was uns verband, weil diese Familiensituation (mit früher Mithilfe im elterlichen Betrieb) von anderen Kindern, die das nicht kannten, nicht nachvollziehbar war. Pia war ein Jahr älter als ich, sodass sie das Internat ein Jahr vor mir verliess.

Die dritte Sekundarschule besuchte ich in Fribourg, während Pia bereits im Lehrerinnenseminar war. Wir setzten unsere Freundschaft einige Jahre fort, obwohl wir uns nur selten sehen konnten, doch zeitweise bestand ein reger Briefwechsel. Pia war musisch ausserordentlich begabt, hatte konkrete Pläne in Bezug auf Studium und Beruf und Lust, diese umzusetzen. Sie gab alles auf, als sie Leo traf, in den sie sich – aus meiner Sicht – ‹kopflos verknallte› und innert kürzester Zeit beschloss, ihn zu heiraten. Ich war empört! «Pia, wie kannst du nur!!!» Ich versuchte mit grossem Engagement, ihr diese viel zu frühe Ehe auszureden, was mir jedoch nicht gelang. Sie nahm mir meinen Widerstand übel, glaubte, ich sei eifersüchtig, weil sie einen Freund hatte und ich nicht, doch das stimmte nicht. Zu diesem Zeitpunkt war ich schon viel zu sehr vom Existenzialismus beeinflusst und war überzeugt, dass eine Beziehung, wie Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre sie führten, das einzig Richtige sei. «Niemals heiraten!», lautete mein überzeugtes Credo. Wir hatten zahlreiche Gespräche, doch es nützte alles nichts. Sie heiratete, ich ging nicht zu ihrer Hochzeit, und das war das Ende unserer Freundschaft.

Ich schloss die dritte Sekundarstufe mit der Durchschnittsnote 5,5 ab, doch das Gymnasium kam nicht in Frage. Zu diesen Zeiten, 1967, und in meinem ländlichen Heimatdorf gingen Mädchen nicht studieren und Lehrerin wollte ich auf keinen Fall werden.

Es folgte ein Jahr ‹École Bénédict›, damals eine kaufmännische Schnellbleiche für den Einstieg in die Bürowelt. Vom ersten Tag an faszinierte mich eine junge Frau, kann sein, dass sie Barbara hiess, doch ich habe keine Unterlagen, die diesen Namen bestätigen würden. Sie war – anders als ich – lang, sehr schlank und stammte aus Basel, was ich spannend fand. Sie wohnte in einer WG – damals geradezu revolutionär –, was mich, die als 16-Jährige selbstverständlich bei den Eltern wohnte, etwas ganz Besonderes war. Wir verbrachten alle Pausen gemeinsam und lernten teilweise zusammen. Ich habe keine Ahnung, wer sonst noch in diesem Jahreskurs war. Wir erreichten beide ein gutes Zertifikat und konnten sofort in die Berufswelt einsteigen – ich in Fribourg bei der kanadischen Firma Polysar SA als ‹Steno-Dactylo›, während sie nach Basel zurückkehrte.

Drei Monate in Bournemouth

Noch vor dem Start ins Erwerbsleben reiste ich für einen intensiven Englischkurs für drei Monate in das hübsche südenglische Städtchen Bournemouth. In derselben Klasse wie ich war Pierre, ein waadtländischer Bankangestellter, mit dem ich mich rasch anfreundete. Wir lernten fleissig, genossen aber auch die Freizeit mit Spazieren, Ausgängen am Wochenende und – das war wohl das Wichtigste – wir reisten mehrmals mit dem Bus für ein Wochenende nach London, wo wir die damals berühmtesten Musicals wie «Hair» oder «The Fiddler on the Roof» besuchten. Beim ersten Ausflug buchten wir sogar ein billiges Hotel, und Pierre, der fünf Jahre älter war als ich, hätte mich gern entjungfert. Doch ich lehnte kategorisch ab, weil ich ihn nur als guten Freund mochte, denn ich war nicht in ihn verliebt. Er akzeptierte meine konsequente Haltung ohne Wenn und Aber. Bei den beiden nächsten Reisen nach London sparten wir das Hotel und übernachteten in einer kleinen Parkanlage (nicht im etwas berüchtigten Hyde-Park), wo wir uns sicher fühlten. Es war noch nicht kalt und die mitgebrachte Decke reichte uns. Am nächsten Morgen fuhren wir mit dem ersten Bus zurück nach Bournemouth.