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Jeder Mensch besitzt die Resilienz, schmerzhafte Erfahrungen aus der Vergangenheit zu überwinden. Wir alle haben eine Geschichte. Dies hier ist meine:
Sophie ist fünf Jahre alt, als ihre Mutter über Nacht die Familie verlässt und nicht mehr zurückkommt. Obwohl Sophie sich ihr ganzes junges Leben lang fragt, warum ihre Mutter sie alleinließ, ist sie in der Schule eine Musterschülerin und fliegt in Windeseile durch ihr Studium. Einmal erwachsen, hat sie alles, was sie sich wünschen kann: einen guten Job, ein schönes Haus, einen lieben Ehemann und zwei wunderschöne Töchter ... und doch ist da immer das Gefühl von Verlust. Erst ein Burn-Out mit Vierzig rüttelt Sophie wach, und sie beschließt, den Kontakt zu ihrer Mutter wiederherzustellen. Schmerzhafte und hoffnungsvolle neue Erkenntnisse über die Vergangenheit kommen ans Licht; es sind die Puzzleteile, die es Sophie ermöglichen, ihre Vergangenheit und sich selbst zu akzeptieren.
Der Bestseller aus den Niederlanden für Leser:innen von Elizabeth Gilbert und Brené Brown.
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Seitenzahl: 217
Veröffentlichungsjahr: 2021
Jeder Mensch besitzt die Resilienz, schmerzhafte Erfahrungen aus der Vergangenheit zu überwinden. Wir alle haben eine Geschichte. Dies hier ist meine: Sophie ist fünf Jahre alt, als ihre Mutter über Nacht die Familie verlässt und nicht mehr zurückkommt. Obwohl Sophie sich ihr ganzes junges Leben lang fragt, warum ihre Mutter sie alleinließ, ist sie in der Schule eine Musterschülerin und fliegt in Windeseile durch ihr Studium. Einmal erwachsen, hat sie alles, was sie sich wünschen kann: einen guten Job, ein schönes Haus, einen lieben Ehemann und zwei wunderschöne Töchter … und doch ist da immer das Gefühl von Verlust. Erst ein Burn-Out mit Vierzig rüttelt Sophie wach, und sie beschließt, den Kontakt zu ihrer Mutter wiederherzustellen. Schmerzhafte und hoffnungsvolle neue Erkenntnisse über die Vergangenheit kommen ans Licht; es sind die Puzzleteile, die es Sophie ermöglichen, ihre Vergangenheit und sich selbst zu akzeptieren. Der Bestseller aus den Niederlanden für Leser:innen von Elizabeth Gilbert und Brené Brown.
Sophie Zeestraten, geboren 1974, studierte Rechtswissenschaften und arbeitete viele Jahre in einer Anwaltspraxis und bei der niederländischen Regierung. Heute hat sie ihre eigene Therapie- und Coaching-Praxis. Sie hat zwei Töchter und lebt mit ihrer Familie in Den Haag.
Sophie Zeestraten
Mutterseelenallein
Meine Mutter hat mich verlassen,als ich fünf war. Eine Geschichte vonTrauma und Heilung
Aus dem Niederländischen von Simone Schroth
Vollständige E-Book-Ausgabe
des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes
Deutsche Erstausgabe
Für die Originalausgabe:
Copyright © 2020 by Sophie Zeestraten
Titel der niederländischen Originalausgabe: »Moederziel«
Originalverlag: Ambo Antos, Amsterdam
Vermittelt durch: Marianne Schönbach Literary Agency B.V.
Für die deutschsprachige Ausgabe:
Copyright © 2021 by Bastei Lübbe AG, Köln
Umschlaggestaltung: Tanja Østlyngen
Umschlagmotiv: Privatbesitz der Autorin
Autorenfoto © P.A. Hoogerbrug mit freundlicher Genehmigung
eBook-Produktion: hanseatenSatz-bremen, Bremen
ISBN 978-3-7517-1501-0
luebbe.de
lesejury.de
Ich widme dieses Buch:meinen Töchternmeiner Muttermeiner Großmutter
Abschiede sind nur für diejenigen, die mit ihren Augen lieben. Denn für diejenigen, die mit Herz und Seele lieben, gibt es keine Trennung.
Rumi
Niemals
wird dir ein Wunsch gegeben,
ohne dass dir auch die Kraft verliehen wurde,
ihn zu verwirklichen.
Es mag allerdings sein,
dass du dich dafür anstrengen musst.
Richard Bach, Illusionen
Meiner Erfahrung nach gibt es so etwas wie »die eine Wahrheit« nicht, sondern jeder Mensch hat seine eigene Wahrheit. Das gilt auch für diese Geschichte. Hier wird wiedergegeben, wie ich mein Leben wahrgenommen habe, wie die Welt durch meine Augen aussah. Ich habe meine Erfahrungen so sorgfältig und ehrlich wie möglich zu Papier gebracht. Auf gar keinen Fall habe ich Menschen verletzen oder in irgendeiner Form beschuldigen wollen. Sollte dieser Eindruck trotzdem entstehen, so tut mir das aufrichtig leid.
Sophie
Anmerkung zur Übersetzung: Im Niederländischen werden Vornamen oft liebevoll abgekürzt – aus Sophie wird Sop oder Fie, aus Clara wird Claar. Die Übersetzung hat diese Eigenheit beibehalten.
Wenn ich an den Tag denke, an dem sie aus meinem Leben verschwand, fällt mir als Erstes ein, dass ich die Grippe hatte. Schon seit Tagen. Sie hatte beschlossen, den Nachtzug nach Dänemark erst zu nehmen, wenn meine Bauchschmerzen ganz weg wären, deswegen blieb uns noch ein Tag zusammen. Ich fand es sehr schlimm, dass sie für eine Woche wegfahren würde, aber sie versprach, die sieben kurzen Nächte wären vorbei, bevor ich es überhaupt merken würde. Nervös ging sie durchs Haus, denn sie war noch nie so lange ohne uns weg gewesen.
Mittags aßen wir in der Küche ein Brot, in derselben Küche, in der wir immer zusammen Brot und Kekse backten. Ich saß mit meiner eigenen kleinen Schürze auf dem weißen Hocker. Danach gingen wir nach oben, um ihre Tasche zu packen. Sie wählte die blaue Reisetasche, die Papa immer mitnahm, wenn er ein paar Tage zum Segeln fuhr. So viel Kleidung brauchte sie ja nicht für die paar Tage. Ganz obendrauf legte sie ihre Lieblingsjacke, ein Geschenk ihrer Schwester Valentina, die in Mailand lebte.
Am späten Nachmittag kochte sie noch für uns, und wir aßen zu viert am großen Tisch. Dann kam der Moment des Aufbruchs. Draußen war es schon dunkel. Mein Bruder und ich kletterten auf den Rücksitz des großen gelben Volvos. Am Bahnhof sagte sie, ich solle lieber im warmen Auto bleiben. Ich war ja noch krank. Wir bekamen noch eine feste Umarmung und viele Küsse.
»So, meine Schätzchen, ich wünsche euch eine wunderschöne Woche. Nur siebenmal schlafen, dann bin ich wieder da.«
So trennten sich unsere Wege. Sie ging hinaus ins Dunkel, und wir fuhren zu dritt zurück zum großen Haus. In Hannover stieg sie in den Zug nach Kopenhagen um.
Nach siebenmal schlafen war sie nicht zurück.
Sie kam nie wieder.
Die ersten Jahre der Kindheit prägen uns für den Rest des Lebens. An sich ist das keine weltbewegende oder neue psychologische Erkenntnis, aber bis ich wirklich begriff, was das bedeutete – auch für mich –, musste ich vierzig Jahre alt werden. Von einer Freundin hatte ich das Buch DieWiederentdeckung des wahren Selbst von Ingeborg Bosch bekommen. Vor allem faszinierte mich Boschs Idee, dass unser Gehirn in den ersten Lebensjahren programmiert, also von den Erfahrungen ebendieser Jahre geformt wird. Als kleines Kind lernen wir: So funktioniert die Welt, und mit diesen Strategien kann ich darin überleben. Erfahrungen, die zu schmerzlich sind, als dass wir damit leben könnten, verdrängen wir. Damit diese Verdrängung auch ganz sicher funktioniert, denkt sich unser Gehirn eine neue Geschichte über die Wirklichkeit aus, eine Variante, mit der wir als Kind leben können – also eigentlich eine Illusion. An diese Illusion glauben wir dann steif und fest, sodass wir den verdrängten Schmerz nicht spüren. Dieses Programm läuft im Wiederholungsmodus und bestimmt, wie wir während unseres weiteren Lebens die Welt wahrnehmen und wie wir uns darin bewegen – und das, obwohl wir uns selbst längst verändert haben, genauso wie sich die Welt um uns herum verändert hat.
Dieses ganze System stellt einen großartigen Überlebensmechanismus dar, wenn wir klein sind (so werden wir mit den abscheulichen Dingen fertig), aber im Erwachsenenalter verliert es seine Effektivität. Dann kann es sogar schädlich oder destruktiv werden. Das habe ich selbst erlebt … und meine Kinder leider auch.
Ich war fünf gewesen, als meine Mutter von einem Tag auf den anderen unsere Familie verlassen hatte. Natürlich war das eine schmerzliche Erfahrung gewesen, aber das Ganze lag inzwischen so lange zurück, dass ich dachte, ich hätte es mittlerweile doch hinter mir gelassen – schlimmer hätte ich mich nicht täuschen können. Das Buch von Ingeborg Bosch zeigte mir, wie häufig ich als erwachsene Frau die Welt noch durch die Augen des kleinen Mädchens betrachtete, das ich einmal gewesen war.
Zum Beispiel hatte ich als Erwachsene immer das Gefühl, alles allein schaffen zu müssen. Ich wurde oft böse, »weil mir nie irgendjemand half«. Ich war davon überzeugt, der »andere« lehne mich ab und wolle mich nicht wirklich, weil ich in meinem tiefsten Inneren glaubte, ich wäre wertlos und »man« würde mich ohne Gnade beiseiteschieben, wenn es erst einmal offenbar würde.
Diese Überzeugungen, mich selbst und die Welt betreffend, hielt ich tatsächlich für wahr, und ich fand sie in allem und in jedem Mitmenschen bestätigt. Ich hielt alle Bälle selbst in der Luft und strengte mich an wie verrückt, um die Erwartungen aller zu erfüllen (zu Hause, in meinem Sozialleben und auf der Arbeit). Und das alles, damit »sie« mich auch wirklich in ihrem Leben haben wollten: als Mutter, als Freundin, als Mitarbeiterin. Gleichzeitig fühlte ich mich ununterbrochen schuldig, hatte das Gefühl, meinen vielen Aufgaben nicht gerecht zu werden, vor allem was meine Kinder anging.
Wie reagierte ich also? Wenn mir etwas nicht perfekt gelang, gab ich entweder mir selbst die Schuld daran oder – und das oft mit großer Wut – einem anderen Menschen. Danach fraßen mich meist Schuldgefühle und Scham auf. Warum konnte ich das Leben nicht besser meistern? Warum gelang es mir nicht, eine gute Mutter zu sein? Dabei hatte ich mir doch ganz fest vorgenommen, es besser zu machen als meine eigenen Eltern.
Mit vierzig landete ich durch diesen ganzen Stress in einem massiven Burn-out. Alles, woran ich mich bis dahin festgehalten hatte, stürzte in sich zusammen. Wenn ich den Blick nach innen wandte, sah ich nichts als Leere. Auf schmerzhafte Weise begriff ich, dass meine Vergangenheit – die Tatsache, dass ich von meiner Mutter verlassen worden war, ebenso wie meine weitere Kindheit und Jugend – einen weitreichenden Einfluss auf meine Gegenwart und auch auf das Leben meiner Kinder, ja meiner ganzen Familie hatte.
Dass wir alle einen so hohen Preis bezahlten, machte mich traurig. Doch gleichzeitig war ich erleichtert darüber, dass ich nicht die Einzige war, die mit solch schwierigen Gefühlen und Gedanken zu kämpfen hatte. Ich war nicht verrückt.
Vor allem begriff ich: Dass ich all diese Dinge in meiner Kindheit und Jugend hatte erleben müssen, war schon schlimm genug, aber dass ich als Erwachsene noch immer in dieser alten Geschichte lebte, darin lag die eigentliche Tragik.
Ich wollte im Jetzt leben. Aber um dazu in der Lage zu sein, musste ich zunächst mit meiner Vergangenheit ins Reine kommen – mit einer Vergangenheit, die ich, ohne mir dessen bewusst zu sein, gründlich verdrängt und geleugnet hatte. Ich beschloss, mich auf die Suche nach den fehlenden Teilen im Puzzle meines Lebens zu machen. Die fand ich in Gesprächen mit verschiedenen Leuten, in alten Sachen, in Fotoalben und in Karten und Briefen. Nach langem Abwägen und nachdem ich meinen ganzen Mut zusammengenommen hatte, wagte ich auch den Schritt auf meine Mutter zu. Ich bat sie, ihre Version des Geschehenen für mich aufzuschreiben. Durch den auf diese Weise entstandenen Briefwechsel, der drei Jahre dauerte und gut achtzig Briefe umfasste, konnte ich endlich den Umstand betrauern, dass ich meine Mutter fast mein ganzes Leben lang hatte entbehren müssen. Außerdem fand ich heraus, dass meine Mutter eine andere Geschichte über unsere Vergangenheit zu erzählen hatte als die mir bekannte Version meines Vaters. Das stellte meine Welt auf den Kopf.
Schließlich fügte sich alles zusammen. Ich konnte den Schmerz meiner Kindheit und Jugend sowie das, was ich damals so sehr vermisst hatte, endlich akzeptieren. Außerdem erkannte ich, dass ich all die Taktiken zur Betäubung des Schmerzes von damals auch noch als Erwachsene und Mutter einsetzte. Die Überlebensstrategie von früher war auf diese Weise zu meiner Identität als Erwachsene geworden.
Es gab nur einen gewaltigen Unterschied: Ich war nicht mehr fünf Jahre alt, ich war nicht mehr abhängig von meinen Eltern, und ich brauchte mich nicht mehr zu schützen. Allerdings saßen der Gedanke und das Gefühl, ich wäre allein auf der Welt und hätte von niemandem Hilfe zu erwarten, immer noch in meinem Kopf fest. Dennoch begriff ich endlich, dass der Ursprung dieses Gedankens und dieses Gefühls in meiner Vergangenheit lag und nichts mit meinem aktuellen Leben zu tun hatte.
Erst jetzt erkannte ich, dass sich in der Frau mit dem Burn-out noch immer ein fünfjähriges Mädchen versteckte. Dadurch vermochte ich endlich Mitgefühl für das kleine Mädchen zu empfinden, das ich einmal gewesen war – und auch für das ältere Mädchen, das immer so verzweifelt sein Bestes gegeben hatte, bis es im wahrsten Sinne des Wortes zusammengebrochen war. Die Gedanken und Gefühle über das Leben und mein Umgang damit waren »nur« veraltete Reaktionen meines Überlebensgehirns, über die ich keine bewusste Kontrolle hatte. Wie konnte ich daran eine Schuld tragen? Die Erkenntnis, dass ich unschuldig war, genau wie meine Kinder und meine Eltern und alle Generationen vor ihnen, sorgte dafür, dass mein ewiges Schuldgefühl der Erleichterung wich.
Durch meine PRI-Therapie (Past Reality Integration, wie sie in den Büchern von Ingeborg Bosch beschrieben wird) fühlte es sich außerdem endlich so an, als säße ich am Ruder und führte selbst die Regie über mein Leben, statt von meinen Emotionen, meinem Schuldgefühl, meiner Scham, meiner Wut und meinen ewigen Grübeleien gelenkt zu werden. Zu meiner großen Freude bekam ich auch mehr echten Kontakt zu meinen Kindern und zu anderen mir nahestehenden Menschen. Und obwohl dieser ganze Prozess einer des Hinfallens und Wiederaufstehens war und sein Ende noch nicht erreicht ist, lässt sich der Gewinn daraus kaum ermessen.
Die Erkenntnis, dass es anderen mit diesem Mechanismus genauso ergeht wie mir, ließ mich den Entschluss fassen, meine Arbeit als Anwältin und Beraterin bei der Regierung aufzugeben und selbst als Coach und Therapeutin neu anzufangen. In meiner Praxis in Den Haag begleite ich inzwischen täglich Menschen, die mit denselben Lebensfragen kämpfen, wie ich es selbst jahrelang getan habe. Ich helfe ihnen dabei, alte Muster und festgefahrene Reaktionen zu ergründen und zu verändern, sodass sie das Hier und Jetzt als das sehen können, was es wirklich ist, ohne den Filter ihrer Vergangenheit.
Mit diesem Buch hoffe ich, etwas von dem weitergeben zu können, was einmal zufällig meinen Weg gekreuzt und sich für mich als großes Geschenk herausgestellt hat: die Erkenntnis, dass sich alles verändern kann – so aussichtslos eine Situation auch oft erscheint. Diese Erkenntnis hat mir viel Hoffnung geschenkt, Perspektiven eröffnet und mir auch den Mut zum Zurückblicken verliehen. Wie unendlich dankbar bin ich, dass ich das gewagt habe!
Ich hoffe, meine Geschichte erinnert meine Leserinnen und Leser daran, über welche Widerstandskräfte ein Mensch verfügt, gerade in den Momenten, in denen ihn das Leben am stärksten herausfordert. Natürlich mussten nicht alle Menschen erleben, dass ihre Mutter wegging, als sie fünf Jahre alt waren – zum Glück nicht –, aber wir alle haben eine Geschichte.
Was nun folgt, ist meine.
Am 12. November 2014 parkte ich meinen Wagen vor unserem Haus in Den Haag. Ich kam gerade von einer dreitägigen Fortbildung zurück.
Wie versteift blieb ich am Steuer sitzen und schaute zu unserer grünen Haustür. Ich wollte nicht reingehen. Hinter der Tür würde gleich der ganze Zirkus losgehen, ich würde so vieles erledigen müssen. Ich liebte meinen Mann und meine Kinder so sehr, aber ich konnte nicht mehr. Ich war so müde. So schrecklich müde …
Ich schaute zu unserem schönen Haus hinüber, das wir im Dezember 2007 bezogen hatten. Es war schmal, hoch und alt. Wir hatten es zunächst von oben bis unten renoviert, und das Ergebnis konnte sich sehen lassen. Der Umzug hatte kurz vor Weihnachten stattgefunden. Wie sich herausstellte, handelte es sich bei der Maklerin um eine alte Freundin meiner Eltern, aus der Zeit, in der wir noch alle zusammen in der Groot Hertoginnelaan – gleich hier um die Ecke – gewohnt hatten.
Schon bei der ersten Besichtigung fühlte ich mich sofort zu Hause. Ich spürte hier ganz intensiv die gleiche warme Atmosphäre, die auch das Haus meiner Großmutter ausgestrahlt hatte. Auf den ersten Blick verliebte ich mich in die Wohnküche mit dem Kamin, aber die Aussicht aus dem Dachfenster auf den Turm des Friedenspalasts entschied alles. Ich hatte fast mein ganzes Leben lang in der Nachbarschaft des Friedenspalasts gewohnt, und das hatte mir immer ein Gefühl der Ruhe vermittelt. Das Gefühl, irgendwann würde alles gut werden.
Nun saß ich da vor der Tür im Auto. Im Gegensatz zu Victor, der häufig aus beruflichen Gründen verreisen musste, war ich nicht oft weg von zu Hause, und schon gar nicht über Nacht. Ich wusste also sicher, dass mich meine Töchter in unserer gemütlichen Küche sehnsüchtig erwarteten. Sicher brannte das Feuer im Kamin, und bestimmt hatten sie auch die Kerzen schon angezündet.
Ich holte tief Luft. »Auf geht’s, raus aus dem Auto!«, sagte ich ein paarmal zu mir selbst, aber es passierte nichts. Ich blieb sitzen. Es war, als wäre mein Körper nicht mehr in der Lage, den Befehlen meines Gehirns zu folgen.
Mit aller Willenskraft, die ich aufbringen konnte, gelang es mir endlich, die Autotür zu öffnen und auszusteigen. Schließlich konnte ich kaum die ganze Nacht im Auto sitzen bleiben.
Als ich die Haustür aufschloss, wurde ich von Victor und unseren beiden Töchtern fröhlich und liebevoll begrüßt. Die Mädchen rannten auf mich zu und umarmten mich so fest, als hinge ihr Leben davon ab.
»Mama! Wie schön, dass du wieder zu Hause bist!«
Vom Rest dieses Abends weiß ich nicht mehr viel.
Am nächsten Morgen schaffte ich es kaum aus dem Bett. Ich ging zu meiner Hausärztin, und die riet mir, ich solle mich ausruhen. Sie vermutete ein Burn-out-Syndrom.
Die Tage vergingen. Ich fühlte mich erschöpft, obwohl ich kaum etwas tat. Schlafen konnte ich nicht. Stundenlang starrte ich an die Decke, mein Körper war steif vor Anspannung und mein Kopf voll mit Gedanken. Tagsüber war ich todmüde, dennoch tobte das Adrenalin durch meinen Körper.
Jeden Morgen stand ich früh auf und absolvierte ein fanatisches Work-out. Dann hatte ich das schon mal hinter mir, bevor die Kinder – die dreizehnjährige Anna und die elfjährige Julia – aufwachten. Wenn ich mir einen gesunden Körper zurückholte, so die Überlegung, würde sich der gesunde Geist von selbst einstellen. Man las doch überall, dass Bewegung bei einem Burn-out guttat? Ich würde mich von dem Ganzen nicht unterkriegen lassen, schließlich hatte ich schon schwierigere Situationen gemeistert.
Tagsüber ging ich so viel wie möglich aus dem Haus und machte Spaziergänge. So würde ich die Kontrolle wiederbekommen. Das war einfach eine Frage der Zeit und eines gesunden Körpers.
Ich schämte mich schrecklich dafür, dass ich zu Hause bleiben musste und nicht mehr arbeiten konnte. Was für eine Versagerin ich doch war! Ich fühlte mich nutz- und wertlos.
Mein Chef schickte mich zur Betriebsärztin. Die war entsetzlich lieb und verständnisvoll und außerdem fest davon überzeugt, dass alles gut werden würde. Wenn ich meinen eigenen Bedürfnissen Rechnung trug, mir bewusst machte, dass dieser Prozess Zeit in Anspruch nehmen würde, und mich auf den ersten Schritt konzentrierte: Akzeptanz.
Aber wie sollte ich es akzeptieren? Ich hatte versagt. Ich fühlte mich wertlos und sagte so wenigen Menschen wie möglich die Wahrheit. Ich tat, als wäre nichts, und verspürte Erleichterung, wenn ich in Gesprächen der Frage ausweichen konnte, wie es mir eigentlich gehe. Schließlich wollte niemand einen Loser um sich haben. Loser ließ man links liegen, und das wollte ich um jeden Preis verhindern.
Victor sprach ebenfalls mit niemandem darüber, und auch wir beide redeten nicht wirklich. Es schien, als hätte er dieselben Schwierigkeiten damit wie ich. Ihm war als Kind ebenfalls beigebracht worden, dass man bei einem schweren Schlag einfach die Schultern straffte und weitermachte. Er tat sein Bestes, aber ich glaube nicht, dass er wirklich begriff, was ich durchmachte, und ich vermute, er dachte sogar manchmal heimlich: Los jetzt, stell dich nicht so an, go, go, go! Das tat mir weh und bestätigte mir umso mehr, was für eine schreckliche Versagerin ich war.
Ich fragte mich auch ständig: Übertreibe ich vielleicht die ganze Zeit nur maßlos?
Währenddessen wurde die Müdigkeit immer schlimmer. Offensichtlich tat ich immer noch zu viel, aber ich konnte einfach nicht stillsitzen.
Als ich einige Wochen später wieder bei der Hausärztin war, schluchzte ich wie ein kleines Kind. Ich hätte das Gefühl, meine Vergangenheit hole mich ein, erzählte ich ihr. Dabei hatte ich keine Ahnung, was das genau bedeutete. Wenn diese Schlangengrube sich einmal auftäte, so meine größte Angst, würde meine Vergangenheit gnadenlos zuschlagen und mich verschlingen. Dann würde nichts, aber auch gar nichts von mir übrig bleiben. Am allerschlimmsten fand ich, dass ich mich an diese Vergangenheit kaum erinnern konnte …
Ich fühlte mich wie eine tickende Zeitbombe kurz vor der Explosion. Das reinste Grauen erfüllte mich bei dem Gedanken daran, was geschehen würde, wenn sich diese Explosion tatsächlich ereignete.
Wie war es nur so weit gekommen? Warum war ich nicht in der Lage gewesen, mir selbst Einhalt zu gebieten?
Während einem meiner täglichen Spaziergänge in der Umgebung landete ich in der Buchhandlung Paagman. Ich stöberte ein wenig herum, bis mein Blick auf den Roman Komm her und lassdich küssen von Griet op de Beeck fiel. Ahnungslos nahm ich das Buch in die Hand und las im Klappentext, dass es von Eltern und Kindern handelte, von kaputten Menschen und davon, wie sie, ohne es zu wollen, andere ebenfalls kaputtmachen. Davon, wo Verantwortung endet und Schuld beginnt. Von Geheimnissen und Einsamkeit, von Krankheit und Schweigen, von den Gefahren des Starkseins, vom Vergessen und Nichtvergessenkönnen, vom Wagnis, sich selbst zu retten. Und natürlich auch von der Liebe. Weil das alles ist, was wir haben, oder zumindest beinahe alles.
Jeder einzelne dieser Sätze schien ganz allein von mir zu handeln. Dadurch brach in meinem Inneren etwas auf. In diesem Augenblick begriff ich mit einem Schlag: Sosehr ich es auch versuchte, ich konnte es nicht mehr leugnen – ich war kaputt.
Bevor ich krank zu Hause landete, hatte ich mich ordentlich durchs Leben geschlagen, fand ich. Ich hatte immer mit einer positiven Zukunftsvision vor Augen gelebt. Bereits als Studentin hatte ich mich im Businessoutfit, mit teurer Aktentasche und schickem Leasingwagen gesehen. Wenn ich das erst mal geschafft habe, dachte ich, dann bin ich glücklich. Mit diesem Bild im Kopf arbeitete ich unermüdlich auf mein Ziel hin. Ich war hartnäckig und packte alles Nötige an, und das erfüllte mich mit Stolz. Das waren meine besten Eigenschaften. Sie hatten mir schon viel Gutes gebracht. Ich hatte im ersten Anlauf das Gymnasium geschafft und mein Jurastudium in weniger als vier Jahren abgeschlossen, hatte meine Anwaltszulassung in der Tasche, eine gute und attraktive Stelle, ein schönes Haus und mit Victor und unseren lieben Töchtern eine wunderbare Familie. Manchmal musste ich auf Dinge verzichten, doch das war eben der Preis, den ich für das »Glück« zu bezahlen hatte.
Aber wenn ich dann das angestrebte Ziel erreichte, fühlte sich mein Erfolg jedes Mal schal an, inhaltslos. Die erhoffte Zufriedenheit blieb aus. Also entwarf ich die nächste Zukunftsvision und machte mich frischen Mutes wieder an die Arbeit.
Ich hatte keine Zeit zu verlieren, deswegen hatte ich es auf dem Weg immer eilig. Jede Minute des Tages und des Abends musste mit etwas Nützlichem verbracht werden. So hatte ich es bisher immer gehalten. Ich arbeitete in Vollzeit, und Victors und mein Arbeitsalltag war so organisiert, dass wir einander zu Hause mit größtmöglicher Effizienz ablösen konnten.
Ich plante alles minutiös. Wenn etwas schiefzugehen drohte, strengte ich mich einfach noch ein bisschen mehr an. Ich rannte von einer Verpflichtung zur nächsten und schnaufte erleichtert, wenn es mir gelang, eine weitere Krise abzuwenden. In meinem Kopf hatten alle Aufgaben die gleiche Priorität. Alles musste sofort erledigt werden. Faulenzen oder einfach ein bisschen Zeit vergammeln? Das kam nicht infrage, so etwas konnte ich mir nicht leisten.
Ich nahm mir nie Zeit für mich selbst, denn das wäre auf Kosten der Kinder gegangen. Ich musste immer für sie da sein. Das war neben dem unerreichbaren letzten Ziel ein weiterer nicht verhandelbarer Punkt auf meiner Liste. Es ging schließlich um die gute Sache, darum, das Glück zu finden.
Dabei fühlte ich mich rund um die Uhr gestresst – das begriff ich, nachdem ich erst einmal zum Stillstand gekommen war. Ganz tief in meinem Inneren hatte sich eine klagende Stimme Gehör zu verschaffen versucht, das spürte ich jetzt. Immer »jemandem zu Diensten zu sein« erschöpfte mich. Wann würde endlich meine Zeit kommen?, fragte ich mich zuweilen voller Selbstmitleid.
In gewisser Weise verübelte ich es also meiner Familie, dass ich immer für sie bereit sein »musste«. Das war verrückt. Insgeheim wünschte ich mir auch manchmal Zeit für mich, ganz für mich allein, ohne Verpflichtungen gegenüber anderen. Aber wenn sich dieses Gefühl meldete, unterdrückte ich es sofort, denn allein schon bei dem Gedanken fühlte ich mich schuldig, wie eine unglaubliche Egoistin.
Ich erinnere mich, dass wir einmal zu zweit ausgingen und die Kinder bei Freunden übernachten ließen. Wahnsinnige Schuldgefühle nagten an mir, und ich geriet in Panik, weil ich Angst hatte, es würde etwas passieren und sie wären allein, ohne eine Mutter, die sie trösten konnte. Natürlich wusste ich, dass es so nicht war, aber ich spürte die Angst in meinem ganzen Körper. Von da an blieb ich lieber daheim.
Aber auch damit ist noch lange nicht die ganze Geschichte erzählt. Zu Hause wurde ich oft böse, wenn die Mädchen nicht gut oder schnell genug auf mich hörten oder weil sie sich nie für all das bedankten, was ich Tag und Nacht für sie tat. Dafür, dass ich immer für sie da war, während Victor regelmäßig beruflich verreiste.
Ich hatte das Gefühl, alles allein schaffen zu müssen. Das empfand ich als schwierig und oft auch als zu viel, dann befürchtete ich, gleich unter der Last der Aufgaben zusammenzubrechen. Traurig, böse und einsam fühlte ich mich am Ende eines solchen Tages.
Manchmal keifte ich meine Töchter wie von Sinnen an, und das machte alles noch schlimmer. Welche Mutter tat denn so etwas? Eine Mutter schrie doch ihre Kinder nicht dermaßen an! Kein Zweifel, mit mir war wirklich etwas ganz und gar nicht in Ordnung.
Ich hatte keine Ahnung, wie ich dieser Wut ein Ende bereiten könnte. Es war, als hätte ich das Steuer nicht selbst in der Hand. Als hätte ich überhaupt kein Steuer. Victor und ich waren der Überzeugung, dass unsere Kinder »nicht gut hörten«, sei vor allem ihre Schuld. Sehr lange hatte ich eine Broschüre bei mir, die ich mir in der Apotheke so unauffällig wie möglich in die Tasche gesteckt hatte: Was tun, wenn die eigenen Kinder Angst vor einem haben?
Was für eine Pfuscherin ich doch war! Meinen kostbarsten Besitz – eine wunderbare Familie – zerstörte ich selbst. Ich las in Büchern und Zeitschriften alles über Erziehung, was ich in die Finger bekommen konnte, und besuchte auch einen Kurs, doch es half nicht viel.
