Mutterzeit - Bärbel Schröder - E-Book

Mutterzeit E-Book

Bärbel Schröder

0,0
17,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

"Mutterzeit" ein inspirierendes Trost- und Mutmachbuch für alle, die sich um ihre Eltern sorgen und sie ins Alter begleiten wollen. Kümmer' dich um die Mamm', bittet der Vater seine Tochter auf dem Sterbebett. Sie nickt, ohne das Gewicht ihrer stummen Antwort einschätzen zu können. Die Tochter, Bärbel Schröder, weiß nicht, was auf sie zukommt, wie lange es gehen und wie viel Mutterzeit sie aufbringen wird, bis sie ihr Ziel erreicht hat, ihre Aufgabe erfüllt. Sie weiß nur, dass sie sich kümmern will, so gut es eine Tochter nur kann. Sie ahnt nicht, dass diese Aufgabe zwanzig Jahre dauern und ihr eigenes Leben immer mehr bestimmen, und sie darüber alt werden und an manche Grenzen stoßen wird, nicht zuletzt ihre eigenen. Noch weniger kann sie sich vorstellen, wie nah sie ihrer Mutter kommen wird - ja, so nah es zwischen Mutter und Tochter nur geht, am Ende in wunschloser Nähe, einem so leichten wie innigen Gefühl. "Mutterzeit" ist der sehr persönliche und berührende Bericht einer Tochter, die ihre Mutter im Prozess des Altwerdens begleitet. Wie Bärbel Schröder diese zwanzig Jahre des ständigen Kümmerns meistert und wie es ihr gelingt, trotz aller Widernisse der Mutter einen glücklichen und würdigen Lebensabend zu ermöglichen, ist ermutigend und vorbildhaft für alle, die selber vor der Situation stehen, sich um ihre alten Eltern kümmern zu müssen. "Es hat mich wirklich erstaunt, wie viel uns beiden blieb, als Mutter zuletzt die Worte nicht mehr brauchte. Frei fühlte es sich an, leicht und tröstlich, wie wir so zusammensaßen, Hand in Hand, und in die Wolken schauten oder einfach so vor uns hin." Bärbel Schröder

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 546

Veröffentlichungsjahr: 2020

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Bärbel Schröder

Mutterzeit

Vom Glück, meine Mutter in ihren letzten Jahren zu begleiten

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Kümmer’ dich um die Mamm’, bittet der Vater seine Tochter auf dem Sterbebett. Sie nickt, ohne das Gewicht ihrer stummen Antwort einschätzen zu können. Es folgen zwanzig Jahre »Mutterzeit«, wie Bärbel Schröder diese Phase ihres Lebens irgendwann ganz bewusst nennt. Sie begleitet ihre Mutter beim Altwerden und verliert auch dann nicht ihre Zuversicht, als es alles andere als leicht ist, ein Heim zu finden, wo sie ihre Mutter lassen mag. Wie Bärbel Schröder diese zwanzig Jahre des ständigen Kümmerns meistert und wie es ihr gelingt, trotz aller Hindernisse der Mutter einen glücklichen und würdigen Lebensabend zu ermöglichen, ist ermutigend und vorbildhaft für alle, die selber vor der Situation stehen, sich um ihre alten Eltern kümmern zu müssen.

Inhaltsübersicht

Esperanza

Hin und her

Tröste mich

Warten, bis es so weit ist

Eine zweite Chance

Das bin ich, frei

Mutter singt wieder

Fallen, aufstehen, laufen lernen

Die Walzerkönigin

Im Schatten des Sommers

Blätter fallen

Müde, müde

Nur geträumt

Ich hab so Heimweh, aber wonach?

Die Frau, die immer lächelt

Die Birkenzweige hängen still

Ein kleines bisschen Glück

Esperanza

span. Hoffnung

(aus Mutters Zettelkasten)

Hin und her

In diesen Tagen hätte ich angefangen, Mutters Zimmer zu dekorieren. Ich hätte Glocken und Tannenbäumchen aus Filz und glänzende Sterne an ihr Fenster geklebt, frische Tanne in die dickwandige grüne Vase gestellt und die Lichterkette mit den winzigen Birnchen um die Zweige gewickelt. So hätte ich es wieder gemacht. Wie jedes Jahr kurz vor dem ersten Advent, seit Vaters Tod. Wir hätten zusammen Weihnachtslieder gesungen, »Stille Nacht«, »Es ist für uns eine Zeit angekommen«, zweistimmig, und »Leise rieselt der Schnee«, Mutters Lieblingslied, das sie manchmal mehrmals hintereinander sang, auch noch, wenn der Winter längst vorbei war. Mit ihrer schönen Altstimme klang es ein bisschen nach Zarah Leander, wie »Der Wind hat mir ein Lied erzählt«, auch eines von Mutters Lieblingsliedern.

Im Singen sehnte sich Mutter weg, so schien es mir. Wohin, blieb mir verborgen, vielleicht dorthin, wo sie hergekommen war und seit über vierzig Jahren nicht zurückkonnte, von ein paar Besuchen mit Einreisegenehmigung zu besonderen Familienanlässen abgesehen. Zwischen ihrer Familie und unserer verlief seit meiner Kindheit eine Grenze, die Grenze. Auch deshalb waren Feste wie Weihnachten bei uns nur vordergründig fröhlich. Ein Teil der Verwandten fehlte, telefonieren war nicht möglich, unterm Baum lag ein einsames Päckchen »von drüben« mit bescheidenen Gaben, eingewickelt in raues, trotz der weihnachtlichen Motive farblos wirkendes Papier. Dennoch wurden die Dinge wertgeschätzt und lebten weiter bei uns, fast alle sind bei irgendwem untergekommen. Der Kasper mit den schlackernden Beinen gelangte nach einem Zwischenhalt bei den Enkeln, den er trotz seines Tonkopfes mit nur leichten Blessuren überstand, zurück in meinen Besitz.

Auch Ostern war nur ein halbsonniges Fest. Dann fuhren wir in den Harz, stiegen an verschiedenen Stellen aus dem Auto und schauten vorbei an grauen Wachtürmen und Schildern – »Deutschland dreigeteilt? Niemals!«, »Achtung, Demarkationslinie!« – über den Todesstreifen hinweg in den Osten, streng genommen in den Wald. Nur das Gebell der Hunde war zu hören. Ich erinnere mich nicht, dass Mutter etwas dazu sagte. Und ich bin mir nicht einmal sicher, ob es ihre Idee gewesen war oder die meines Vaters, genützt hat es ja nicht viel, ihren Eltern und Geschwistern ist Mutter dadurch kein Stück näher gekommen. Dachte ich. Tief in mir aber keimte vielleicht da schon eine Art Bestimmung meines eigenen Lebens, Mutter von ihrer Traurigkeit zu befreien, ihr beizustehen und sie über den Verlust ihrer Familie hinwegzutrösten, meine schöne stille Mutter. Auch wenn ich das lange, sehr lange Zeit nicht so gesehen habe. Vater ist es nicht gelungen, sie aufzuheitern, auch wenn es immer mal kurz den Anschein hatte, als ließe sie sich von seiner rheinischen Art ein wenig mitreißen. Deswegen war ich nicht verwundert, als er mir an einem feuchten Frühherbsttag ins Ohr hauchte: Kümmer dich um die Mamm!

Es hatte mich überrascht, dass er überhaupt sprechen konnte, so steinern und bleich wie er dalag auf der Intensivstation. Und ich weiß noch sehr genau, wie ich neben den Infusionsschläuchen in seiner Hand über einen Rest freier Haut strich und mit stillem Einverständnis nickte.

Für mich war der Tod bis zu diesem Moment kein Thema. Ich dachte, dass Vater mal wieder einen schweren Asthmaanfall erlitten hatte, von dem er sich erholen würde, was er für kurze Zeit ja auch tat. Aber Vater hatte weiter gedacht und ebenso leise, aber verständlich hinzugefügt: Die Mamm is ’n ärm Dier!

Ich fragte mich damals nicht, warum er das sagte. Dass ich mich um Mutter kümmern sollte, fand ich überflüssig zu erwähnen. Es schien mir selbstverständlich, diese Aufgabe zu übernehmen, zumal ich als einzige von uns drei Geschwistern in der Nähe wohnte. Ich fragte mich auch nicht, warum er gesagt hatte, Mutter sei ein ärm Dier, ein armes Tier, also nicht jemand, der mal in schlechter Lage ist, sondern dessen Lage schlecht ist, ganz allgemein.

Lange Zeit behielt ich seine Worte unter Verschluss. Auch als ich allmählich zu ahnen begann, was er gemeint haben könnte, erzählte ich niemandem davon, so fremd und ungeheuerlich kam mir vor, wie er Mutter bezeichnete. Bis dahin hatte ich ihn so nur über Menschen sprechen hören, die keinen haben, wie er sagte, die ganz auf sich allein gestellt sind, wie Emmi, die Kriegerwitwe mit dem stark verkürzten Bein, der wir als Kinder verlegen zuschauten, wie sie die Holzstiege rauf- und runterhumpelte. Sie war Vaters Ansicht nach ein ärm Dier. Auch die geistig behinderte Tochter eines befreundeten Kunden meines Vaters, die dem Kindesalter entwuchs und um deren Schicksal er sich immer wieder Gedanken machte. Was wird, fragte er, wenn die Eltern mal nicht mehr sind?

Beide Menschen interessierten mich wenig, und vor allem fand ich, dass sie nichts, aber auch gar nichts mit unserer Mutter verband. Unsere Mutter war nicht behindert, sie war eine attraktive Frau, »Glaube und Schönheit« hatten die Freunde sie genannt, damals, als Vater und sie heirateten. Und sie sah immer noch gut aus, hatte eine tolle Figur, kaum ein graues Haar, jeder schätzte sie jünger. Sicher fehlte es ihr an Selbstständigkeit, wie sie heute üblich ist, sie war eine Frau ihrer Zeit. Wie viele, vielleicht die meisten Mütter ihrer Generation hatte sie ihren Beruf für die Kinder aufgegeben, war Hausfrau geworden und fällte keine wichtige Entscheidung allein, sagte, wie alle anderen auch, da frage ich erst mal meinen Mann. Es würde für Mutter also sicher schrecklich sein, ihren Mann zu verlieren, das dachte ich damals schon, aber sie war dreiundsiebzig Jahre alt, ein bisschen gezeichnet von den Jahren, in denen es Vater immer schlechter ging und sie kaum noch schlafen konnte, aber das würde vergehen. In dem Alter kann man vieles lernen, da starten andere noch mal durch. So dachte ich.

Im Rückblick war es vielleicht sogar gut, dass ich mir lange Zeit keine Gedanken um mein Versprechen machte. Ich hätte das Gewicht meiner stummen Antwort auf Vaters Bitte nicht einzuschätzen gewusst. Ich konnte damals nicht wissen, nicht einmal ahnen, dass diese Aufgabe zwanzig Jahre dauern und mein eigenes Leben immer mehr bestimmen sollte, dass ich an ihrem Ende selber alt sein und an manche Grenzen gestoßen sein würde, nicht zuletzt meine eigenen. Noch weniger hätte ich mir vorstellen können, wie nah Mutter und ich uns durch die Erfüllung meines Versprechens kommen sollten, ja, so nah, wie es zwischen Mutter und Tochter nur geht, am Ende in wunschloser Nähe, einem so leichten wie innigen Gefühl.

*

Nach Vaters Tod veränderte Mutter ihr Leben kaum, jedenfalls wirkte es von außen so. Sie schlief morgens etwas länger, weil sie nicht mehr durch Vaters Asthmaanfälle geweckt wurde. Auch ihre Körperpflege konnte sie nun in Ruhe verrichten. Nach der Hafersuppe zum Frühstück ging sie wie gewohnt schnurstracks ins Dorf. Dorf sagten nur die Alten, die, die früher noch zu Fuß hinunter in die Stadt laufen mussten, weil es keinen Bus gab und man abgeschnitten lebte wie auf dem Dorf. Als wir mit der Familie hier auf den Berg gezogen waren, hatte sich das Viertel gerade zu einer bevorzugten Bonner Wohnlage entwickelt.

Mutter hatte den Sprachgebrauch von der Schmitz übernommen, einer älteren Frau aus der Nachbarschaft, die schon seit Jahrzehnten hier wohnte. Zu uns sagte Mutter, dass sie zu Kaiser’s ginge oder zu Edeka. Aber seit Vaters Tod lief sie an den Läden vorbei zuerst zum neuen Friedhof am Hang, zündete ihm eine Kerze an und erledigte ihre Einkäufe auf dem Rückweg. Kartoffeln, Zwiebeln, Tomaten, ein bisschen Suppengemüse und ausreichend Obst hatte sie neben Brot, Käse und Milch immer im Haus. Sie kochte eine Suppe für zwei Tage, fischte abends die Kartoffeln aus dem Sud, um sich mit Zwiebeln und Öl einen kleinen Salat aus ihnen zu machen. Später beim Fernsehen gab es noch ein Käsebrot, ein Glas Rotwein dazu, mit einer Flasche kam sie die ganze Woche aus. Mutter war mehr als genügsam.

 

Ich hatte gedacht, dass sie die neue Freiheit nutzen und hinunter in die Stadt fahren würde, um ein bisschen durch die Kaufhäuser zu schlendern, so wie sie es als junge Frau gern gemacht hatte, aber Mutter blieb zu Hause, als müsste sie weiter auf Vater achtgeben. Einladungen von Nachbarinnen folgte sie eine Zeit lang mit zwiespältigem Gefühl, dann schlug sie sie aus. Ich erwarte Besuch von meiner Tochter, von meinem Sohn, meinem Enkel, entschuldigte sie sich. Zu uns sagte sie, damit fange ich gar nicht erst an. Sie wollte sich nicht revanchieren müssen, wollte keine Fremden im Haus, da blieb sie lieber allein. Einzige Ausnahme war die alte Schmitz, die vorbeischaute, wenn sie wieder Neuigkeiten aus dem Dorf zu erzählen hatte.

Fahr doch zur Kur, rieten wir Kinder, oder mach mal Urlaub. Wegen Vaters Krankheit waren die Eltern seit fast zehn Jahren nicht mehr verreist. Aber Mutter war zu nichts zu bewegen. Es blieb bei einem einzigen Besuch bei meiner Schwester Ute in Berlin. Während des Flugs hielt Mutter nicht meine Hand, sie krallte sich an ihr fest. So anhaltend groß war ihre Angst, dass sie bei meinem zweiten Versuch, sie zu einem Tochterbesuch zu überrumpeln, ihr Ticket verfallen ließ. Auch eine Zugfahrt in ihre Heimat schlug sie aus. Lasst mich doch, sagte sie, ich komme schon zurecht.

 

Die Dinge, mit denen Mutter nicht zurechtkam, übernahm ich, Vaters Part. Ich kümmerte mich um größere Anschaffungen, Reparaturen, regelte das Behördliche und Finanzielle (Mutter wusste nur mit Barem etwas anzufangen, Schecks, Überweisungen waren ihr fremd, ein Vertrag, die Steuererklärung Blätter mit sieben Siegeln). Täglich rief ich sie an, fragte, ob alles in Ordnung sei, samstags besuchte ich sie weiter wie gewohnt. Aber jetzt hatte sie mich für sich ganz allein. Und für mich war es, als lernten wir uns neu kennen, so sehr hatte Vater die Jahre vor seinem Tod dominiert. Wir tranken Kaffee und aßen mitgebrachte Hefeteilchen, Mutters Lieblingsgebäck. Bei uns zu Hause, sagte sie, wurde alles mit Hefe gemacht. Danach gingen wir zum Friedhof und an den Pferdekoppeln vorbei im großen Bogen zurück, bei schönem Wetter noch ein Stück weiter, durch den Wald. Mutter lief schnell. Der Wald war ihr nicht vertraut. Kennst du dich aus?, fragte sie jedes Mal, und wenn wir am Altenheim vorbeikamen, da, wo die Straße endete, sagte sie: Hier ziehe ich später mal ein. Ganz nüchtern kam ihr das über die Lippen, ohne jede Spur von Melancholie. Und wenn wir von Vater sprachen, sagte sie im selben Ton: Ich kann gar nicht weinen.

Dafür las sie wieder, am Nachmittag, wenn sie alles erledigt hatte. Auf dem Wohnzimmertisch wuchs ein Stapel mit Ausschnitten aus der Tageszeitung, die sie mir zeigen wollte. Wenn mein Bruder zu Besuch kam, brachte er Zeitschriften mit, für die sie niemals selbst Geld ausgegeben hätte. Ich blättere nur mal durch, sagte sie, weil sie mit den Themen des Boulevards nicht viel anfangen konnte. Ihre Heldinnen waren keine Filmsternchen, sondern Frauen wie Loki Schmidt, Rut Brandt, Katharina von Bora, die Frau Martin Luthers – Frauen also, die selbst viel mitgemacht haben, wie Mutter sagte. Nicht zu vergessen Margret Wittmer, die Schwester von Vaters Chefin. Sie war 1932 mit ihrem Mann nach Floreana ausgewandert, um die kleine Galapagosinsel urbar zu machen; ihren Erfahrungsbericht »Postlagernd Floreana« hatten wir in unserer Familie alle gelesen.

Mutter dichtete auch wieder. In allen Zimmern lagen kleine Zettel mit gereimten Versen, die ihr in den Sinn gekommen waren. Meist hatten Geburtstage oder Jubiläen sie dazu animiert. Als Jugendliche waren wir nicht eben begeistert, wenn sie loslegte: Heut zu deinem Ehrenfeste … Nein, nicht schon wieder!, fuhren wir ihr manchmal in die Parade, was sie sicher gekränkt haben muss. Andere waren mehr angetan von ihren Reimen, gaben bei ihr sogar Gedichte in Auftrag. Die alte Schmitz etwa, Leute ihrer Generation, die es mochten, wenn Mutter auf leichte Art reimte, wie früher alle zusammengehalten hatten, nach dem Krieg, als keiner was hatte und es dann besser wurde, immer besser, und sie dann alle was hatten, aber der Zusammenhalt wieder verschwand. Viele Seiten füllte so ein Gedicht von Mutter.

Einmal hatte sie eins in einem Saal verlesen, vor zweihundert Menschen beim Geschäftsjubiläum eines Kunden von Vater. Ohne Mikrofon hatte sie sich durchgesetzt mit ihrer schönen klaren Stimme, Mutter im blauen Kostüm mit weißer Bluse, es gibt ein Foto davon. Das war ihr größter Erfolg, wie sie sagte, und so war es wohl auch. Ihr Gedicht zu Vaters Sechzigstem war dagegen nicht so gut angekommen, wo sie im kleinen Kreis von den alten Zeiten sprach, aber auf einmal auch davon, wie allein, wie schrecklich allein sie sich fühlte, als Vater so oft weg war, um Geld zu verdienen, und die Kinder schon alle aus dem Haus. Ich sehe noch vor mir, wie Vater schluckte und über die Serviette strich und auch bei uns anderen die Stimmung anfing zu kippen, aber Mutter dann doch noch die Kurve kriegte und mit heiteren Versen schloss.

Jetzt sammelte sie also wieder Reime, ein großes Fest stand an zum Fünfzigsten von Karin, der ersten Frau meines Bruders. Schon lange war sie nicht mehr ihre Schwiegertochter, aber als Mutter ihrer Enkel Nico und Sonja gehörte sie weiter zur Familie. Mutter schien nicht unzufrieden mit ihrem neuen Leben, was ich kaum glauben konnte. Viel zu kümmern gab es für mich nicht.

*

Vier Jahre nach Vaters Tod beendete Mutter ihre täglichen Besuche an Vaters Grab. Es ist genug, sagte sie, mehr nicht. Von da an sahen wir dort nur noch gemeinsam nach dem Rechten, entfernten Vogelkot vom Findling, einem sofakissengroßen Rheinkiesel, den meine Schwester und ich aus der Bonner Grube geholt hatten, weil Vater doch am Rhein aufgewachsen war und etwas aus dem Rhein an ihn erinnern sollte. Drei D-Mark hatte der Arbeiter verlangt, der uns den schweren Stein mit seinem Gabelstapler in mein Auto hob. Vater wäre stolz auf seine Töchter gewesen. Mutter war es auch, schon des Geldes wegen. Im Fachhandel hätten wir locker das Hundertfache bezahlt.

Sie empfand wohl auch so etwas wie Stolz, als mein Buch erschien, »Abschied von meinem Vater«. Das Manuskript hatte sie nicht lesen wollen. Ich warte, bis es fertig ist, sagte sie. Und dann musste ich warten, bis sie es gelesen hatte, was eine Weile dauerte. Ich wurde unruhig, weil sie keinerlei Zwischenbemerkung machte, nicht ein einziges Wort, und ich begann zu fürchten, dass mein Text zu viel aufwühlte und sie traurig machen könnte, vielleicht auch, weil sie kaum vorkam darin und wenn, dann eher als Spaßbremse im Vergleich zu Vaters verschmitzter Art. Aber dann saß sie eines Samstags in ihrem Sessel, in dem sie immer saß, wenn ich sie besuchte, griff zu meinem Buch, das auf dem Tisch neben ihr lag, drückte es mit beiden Händen an ihre Brust und sagte: So war es! Und dass es jetzt auch ihr Buch wäre.

Und das wurde es auch. Die ersten Exemplare schickte sie nach Erfurt zu ihren Schwestern, über die Grenze sozusagen, die für Mutter weiter existierte, obwohl die Mauer längst gefallen war, denn durch Vaters Krankheit kam die Wiedervereinigung für meine Eltern zu spät. Nach und nach erzählte Mutter auch Nachbarn und anderen Leuten von unserem Buch, wenn sie ihr auf ihren Wegen durchs Dorf begegneten. Sie ließ sich Zeit dabei, wartete auf passende Gelegenheiten, weil sie nicht aufdringlich wirken wollte. Auf einen Artikel in der Bonner Zeitung hin erhielt sie plötzlich Anrufe von Leuten, die sich lange nicht gemeldet hatten. Es schien Bewegung zu kommen in ihre Welt.

Mir geht’s doch gut, sagte Mutter und fand wieder Vergnügen an kleinen Ausflügen so wie früher mit Vater. Sie legte Rouge auf und Vaters goldene Kette um, die Lippen schminkte sie ganz dezent. Und wenn wir nicht zum Chinesen essen gingen und anschließend am Rhein entlang, flanierten wir durch den Kurpark in Godesberg oder schlenderten durch Münstereifel, alles Orte, wo sie mit Vater öfter war. Manchmal fuhren wir einfach in der Gegend herum. Mein Samstag gehörte ihr.

*

Ein paar Jahre ging das so, bis Mutter beim Abschied immer trauriger wurde und mir an den Fingern die Tage aufzählte, die sie nun wieder auf mich warten würde. Am Telefon weinte sie öfter und sagte: Ach, wenn du hier so allein bist. Sie tat mir leid, und ohne viel zu überlegen, kam irgendwann der Mittwoch als Besuchstag dazu, dann holte ich sie schon vormittags ab, und wir fuhren in die Stadt hinunter, bummelten durch die Geschäfte. Sie bekam wieder Lust, schöne Kleidung zu kaufen, auch wenn sie kaum Gelegenheit hatte, sie zu tragen, denn außer mit mir ging sie ja nicht aus. In der Nordsee aßen wir zusammen zu Mittag. Mutter hatte ein ausgeprägtes Nachholbedürfnis an Fisch. Trinken wollte sie meistens nichts. Das Mineralwasser sei ihr zu kalt, sagte sie. Aber wenn ich den Rest in meinem Glas mit den Händen erwärmte, trank sie es gerne aus, bedankte sich und fügte stets hinzu: Du denkst immer so an mich.

Für den Kaffee suchten wir uns einen anderen Platz. Danach fuhr ich Mutter zurück, nicht immer auf dem kürzesten Weg, am Schloss und Botanischen Garten vorbei durch Poppelsdorf, Mutter durfte wählen. Manchmal wollte sie über den Venusberg, um noch bei Kaiser’s reinzuschauen – die Filiale war größer als Mutters im Dorf – oder entlang der Argelanderstraße durch die Südstadt, wo wir die Reuterstraße querten. Die war einmal eine schmale Straße mit großen Vorgärten gewesen, als Mutter und Vater dort ihre erste eigene Bleibe bezogen, eine kleine Mansarde gegenüber der Lutherkirche. Die Hauswirtin, die alte Mencke, hatte Mutter im Treppenhaus angeraunzt: »Hier können Sie den Kinderwagen nicht stehen lassen!« Mutter musste das schwere Korbgestell die Treppe hochschleppen und mit ihm den Jürgen, ihr erstes Kind. So waren die Zeiten damals, sagte sie. Aber sie hätte sich ja auch wehren können, dachte ich später, doch so war Mutter nicht und früher schon gar nicht. Als Frau »von drüben« wollte sie sicher höflich und freundlich sein und keinen schlechten Eindruck machen, auch wenn ihr die Schlepperei mächtig gestunken haben musste, sonst hätte sie nicht so oft davon erzählt.

Wird es dir nicht zu spät?, fragte sie mich unverändert höflich und freundlich, und manchmal fuhren wir dann auch rasch zurück. Aber wenn Zeit blieb, machten wir noch einen Schlenker, bogen am Spielplatz in die Blücherstraße und warfen bei dem großen Eckhaus einen Blick hinauf zu der Wohnung mit dem geräumigen Erker im zweiten Stock, in der, bevor unsere Familie einzog und wir drei Kinder dort aufwuchsen, eine Tanzschule ihr Quartier aufgeschlagen hatte. Der Balkon war abgerissen, aber die Fassade jetzt schöner denn je. Auch die mächtige Trauerweide vor dem Hutgeschäft stand nicht mehr. Ihre Zweige hingen so tief herunter, dass wir sie als Kinder fassen konnten und hin- und herschwangen, bis die Hutmacherin herauskam, dann war der Spaß vorbei. Den Laden gab es nicht mehr, auch die anderen nicht, Feinkost Falkenkötter, den Friseur Emons, der Mutters Zopf abschnitt und den verbliebenen Rest zu einem Helm toupierte, oder Hundesrügge, wo wir die Milch lose in der Kanne holten, die Zigarren- und Schreibwarenhandlung, in der die Schulhefte nach Rauch stanken, den Drogisten mit den orangenen Anisbonbons und daneben das erste Geschäft in der Gegend, in dem man sich selbst bedienen durfte, Kaffee und Dosen im Fenster und Apfelsinen, die in die Päckchen nach drüben kamen.

Ich weiß nicht, was Mutter bei unseren kleinen Fahrten durch den Kopf ging. Gesagt hat sie wenig, vielleicht dachte sie eher daran, dass sie gleich wieder allein sein würde. Meist war ich es, die fragte: Weißt du noch? Dann lächelte sie, nickte versonnen, und ich dachte, Erinnerungen bleiben wach, das zumindest, Zeit vergeht, und bis zu meinem nächsten Besuch sind es nur drei Tage.

*

Zu gerne wäre ich mit Mutter nach Erfurt gefahren und hätte mir dort die Orte ihrer Kindheit zeigen lassen, aber davor schreckte sie nach wie vor zurück. Doch als ich ihr von der Idee erzählte, dort meinen Fünfzigsten zu begehen, zusammen mit Gerd, meinem Mann, war ihr die Freude anzusehen. Mit für mich unbekanntem Eifer stieg sie in die Reiseplanung ein, diktierte mir eine Liste von Orten, die ich besuchen sollte. Beinahe täglich fiel ihr etwas Neues ein. Ich sollte schauen, ob das Haus in der Weidengasse noch stand und das in der Andreasstraße neben dem Blumengeschäft und das große Haus auf dem Ringelberg, an das ich mich selber noch erinnern konnte. Bis zuletzt hatte ihre Mutter mit Inge, Mutters jüngster Schwester, dort gewohnt, wo es diesen langen dunklen Flur gab und einen riesigen Garten, in dem wir mit den Cousinen gespielt hatten vor langer, langer Zeit.

Bis auf das Haus in der Weidengasse, die ganz neu bebaut und wo der Bauernhof jetzt eine staatliche Berufsschule war, haben wir alles gefunden und fotografiert. Übernachtet haben Gerd und ich im Augustinerkloster gleich nebenan, wo Mutter zum Gottesdienst gegangen war mit langem schwarzem Zopf und weißen, fein geklöppelten Handschuhen. Mehrmals sind wir die Gasse hinunter zur Gera gegangen und am Ufer entlang bis zur Krämerbrücke, was Mutter früher unheimlich fand, weil da die Betrunkenen langtorkelten, wie sie sagte, und die leichten Mädchen hausten. Aber nun war alles schick angelegt mit Blumen und Bänken, und die Studenten saßen auf der Wiese und viele Touristen in den Restaurants und Cafés. Wir sind auch zur Gutenbergschule gegangen, wo die Lehrer streng waren, wie Mutter sagte, und die damals noch eine Volksschule war und kein Gymnasium und an Amoklauf nicht zu denken. Thüringer Bratwurst sollten wir essen, so stand es auf Mutters Liste. Das haben wir im Steigerwald in Schloss Hubertus abgehakt, wo sie so oft mit der Klasse gewesen war und das schon damals kein Schloss mehr war, sondern ein Landgasthaus mit einer riesigen Wiese dahinter, wo sie als Kinder ihr Pausenbrot verzehrten.

Jeden Tag habe ich Mutter angerufen, auch oben von der Cyriaksburg, und ihr beschrieben, wo wir gerade sind und wie schön alles geworden ist und nicht mehr so stinkend und grau wie bei den Besuchen in meiner Kindheit, als die einzige Farbe das Rot der Parteibanner war, die meterlang an den Fassaden hingen. Und als ich Mutter später die Fotos zeigte, auch die im Internet, und noch einmal alles erzählte, ganz genau mit jedem Detail, da war es für sie, so sagte sie jedenfalls, als wäre sie dabei gewesen und hätte alles selbst erlebt.

Als ich ihr zur Krönung vorschlug, gemeinsam mit uns dorthin zu ziehen und die letzten Jahre in der alten Heimat zu verbringen – weil es mir wirklich gut gefallen hatte und Gerd sich das auch vorstellen konnte –, hat sie nicht eine Sekunde gezögert und abgelehnt. Zumindest ein einziges Mal mit nach Erfurt fahren, so wie ich es mir für sie gewünscht und mit meinen Reiseberichten zu erreichen gehofft hatte, wollte sie auch nicht. Vielleicht, wahrscheinlich hat sie die vielen Fotos ja anders gesehen als ich, und so war ihr sicher vieles von dem, was ich ihr gezeigt und erzählt habe, eher fremd als vertraut vorgekommen. Gesagt hat sie es nicht so, schon um mir nicht die Freude zu verderben, ich hatte mir doch so viel Mühe gemacht.

*

Die Idee, mit Mutter zusammenzuziehen, hatte sich seit dieser Reise bei mir eingenistet und wuchs langsam heran. Die Fahrten zwischen Köln und Bonn wurden mir allmählich zu viel, zudem telefonierten wir täglich, und dann weinte sie immer öfter und beklagte sich, wie allein sie sei. Lass uns ein Haus suchen und mit Mutter zusammenziehen! Dann würde vieles einfacher, dachte ich. Gerd stimmte zu.

Am Telefon wollten wir unseren Vorschlag nicht mitteilen, wir warteten bis zum nächsten Samstag, nach dem Essen beim Kaffee, dann hätten wir genügend Zeit und Ruh. Es war der Tag vor dem ersten Advent, zehn Jahre nach Vaters Tod.

Wir haben die Lösung, verkündete ich Mutter, würdest du mit uns zusammenziehen? Mit euch würde ich sofort zusammenziehen, sagte sie. Ich habe nur eine einzige Bedingung, ein eigenes Bad. Hier in der Gegend ist es zu teuer, würdest du mit uns auch woanders hinziehen? An der Gegend hänge ich nicht.

Super, dachte ich, alles wird gut.

Am nächsten Tag Mutter am Telefon: Ich habe noch einmal darüber nachgedacht. Ich konnte gar nicht einschlafen und habe mir überlegt, dann verliere ich ja alles. Was meinst du mit alles? Ja alles, zum Beispiel meinen Ohrenarzt. Aber wieso? Da kannst du doch weiter hingehen (sie geht einmal im Jahr zum Ohrenarzt). Ja, aber dann kann ich nicht mehr so einfach vorbeigehen. Und die nette Frau mit dem Hörgerät! (Sie meint ihre Hörakustikerin, zu der sie zweimal im Jahr zur Wartung ihres Hörgerätes geht, allerdings nur, wenn ich sie dorthin fahre, denn der Laden liegt in einem anderen Teil der Stadt.) Aber da fahren wir doch auch weiter hin, sage ich. Ja, ich habe nur so gedacht. Und dann … ist das auch nicht so eine Ausländersiedlung? Wo, was ist eine Ausländersiedlung? Ja, das Haus. Aber wir haben doch noch gar keins. Ich habe nur gesagt, dass wir ein Haus suchen, in das wir zusammen einziehen. Wir müssen erst mal eins finden, und dann schauen wir uns alles an. Ja, das muss man sich erst mal anschauen. Bei den Vermietern sind jetzt auch Ausländer ins Nachbarhaus gezogen. Und, leben sie noch? Ach red doch nicht so einen Blödsinn, ich meine ja nur, die kommen jetzt überall hin.

 

In der Nacht darauf liege ich wach, umringt von grässlichen Nachbarn, kläffenden Bestien und Horden gewaltbereiter Jugendlicher, die mit Luftgewehren auf uns schießen. Außerdem geht mir Mutters Satz nicht aus dem Kopf: Dann verliere ich alles! Den ganzen Tag bin ich irgendwie verstimmt und denke, wie ungerecht. Die meisten meiner Freunde würden ihre Eltern, ohne zu zögern, ins Heim stecken oder haben es bereits getan, und meine Mutter bekommt von uns das Jahrhundertangebot und sagt: Dann verliere ich alles!

Sie hat Angst, ihre Unabhängigkeit zu verlieren, einfach tun und lassen zu können, was und wie sie es will. Die gewohnten Wege, die vertrauten Gesichter beim Einkaufen. Aber da, wo sie jetzt wohnt, werden wir kein Haus finden, das können wir uns nicht leisten. Es wird nicht einfach, eher schwerer, als ich dachte. Gerd beruhigt mich, es braucht eben Zeit. An den Gedanken, unter ein Dach zu ziehen, müssen wir uns alle erst gewöhnen. Vielleicht müssen Ausflüchte auch erst einmal ausgelebt werden, dann wird man sehen.

 

Eine Woche später nehme ich den Faden wieder auf. Wir gehen zusammen essen, und ich spüre, dass ich mit ihr weiterreden will, weil mich ihre Worte irritiert haben, dass sie alles verlieren würde. So habe ich das auch nicht gemeint, sagt sie, es sind die Wege zum Lottogeschäft, zur Bäckerei, zur Sparkasse, zu Kaiser’s (genau diese vier!), aber woanders hätte man das ja vielleicht auch. Das verstehe ich, sage ich. Aber ich sage auch, dass es besser sei, Veränderungen zu wagen, solange man es noch kann.

Auf dem Rückweg beschließen wir, im nächsten Jahr ein richtiges Weihnachtsfest zu feiern (vielleicht schon im gemeinsamen Haus, denke ich), mit allen Kindern und Enkeln und einem Weihnachtsbaum, den wir seit Vaters Tod nicht mehr aufgestellt haben. Wir freuen uns über unsere Pläne (aus denen dann doch nichts wurde).

Kuck mal in die Zeitung, sagt Mutter zum Abschied, vielleicht steht ja ein Haus drin, und dann machen wir uns einen schönen Lebensabend! Na, das klingt doch schon wieder ganz anders.

Am Sonntag mache ich mich mit Gerd auf, und wir laufen am Rhein entlang von Urfeld über Widdig und Üdorf bis nach Hersel auf der Suche nach einem passenden Haus. Hersel gefällt uns gut und eine Reihe von Häuschen auch, leider sind alle bewohnt bis auf eines. Die Leute grüßen auf der Straße, das habe ich zuletzt im Urlaub erlebt oder bei Freunden auf dem Land. Auf der Rückfahrt wünsche ich mir, schon bald in eines dieser Dörfchen zu ziehen, am liebsten nach Hersel in die Nähe des kleinen natürlichen Hafens. Am Abend erzähle ich Mutter am Telefon davon.

Ich träume von »unserem Haus«, sehe uns zusammen in der Küche werkeln, Mutter backt einen Pflaumenkuchen, wie früher, ihr Paradestück, dann sitzen wir im Garten. Manchmal sehe ich sie aber auch verschreckt in »ihr Zimmer« huschen, weil ich sie angebrüllt habe wegen irgendetwas oder weil ich etwas schnell selbst gemacht habe, weil es mir mit ihr zu lange gedauert hat oder weil sie wieder das Hörgerät nicht im Ohr hat. Vielleicht sollten wir Zeiten vereinbaren, in denen sie es unbedingt tragen muss, jeden Tag, vielleicht zum Tee am Nachmittag, sonst wird es schwierig mit der Verständigung.

Angst kommt auf, dass wir doch keine Gelegenheit finden werden, uns von früher zu erzählen, weil der Alltag zu schwierig wird und uns aufreibt, dann wieder freue ich mich auf die neue Zeit. Es ist ja nicht für die Ewigkeit. Aber zehn Jahre können es schon werden. Seltsames Gefühl, mit dem Lebensalter zu rechnen, ich bin fünfzig, und da denkt man nach hinten hin noch offen.

Mutter scheint es eher zu gefallen, dass wir kein passendes Haus finden, dass alle Bemühungen im Sande verlaufen. Vermutlich will sie, dass einfach alles weitergeht wie gewohnt, so groß ist die Einsamkeit noch nicht. Der Wunsch, im Vertrauten selbstständig zu bleiben, ist größer. Erst wenn sie nicht mehr laufen kann, wird sie für Veränderungen bereit sein. Ja, ich glaube, das ist ihre heimliche Deadline. Doch dann könnten wir auch nicht mehr viel für sie tun.

*

Ein paar Monate haben wir nicht mehr über Umzug gesprochen, Mutter wohnt weiter allein. Die Sonne scheint auf ihrer Seite, sie hat bei Super 6 gewonnen mit den letzten vier Zahlen: 2345. Mein Geburtsjahr ist 23, und 45 bin ich hierhergekommen, erklärt sie ihre Glückszahlen.

Sie wird immer fitter, seit ich sie zweimal die Woche besuche. Wie ein Wiesel flitzt sie durch die Stadt, probiert am liebsten Blusen oder Polohemden an, Rolltreppen sind auf einmal kein Thema mehr, wenn ich dabei bin. Sie würdigt Entwicklungen der Zeit. Ach, ohne Handy und Internet (Mutter spricht es Interneeed aus) ist man heute doch out, seufzte sie einmal vor sich hin.

Im Auto können wir uns besonders gut unterhalten. Auf einer Fahrt zum Chinesen erzählte ich ihr, dass ich einer Freundin die Freundschaft aufgekündigt habe in einem Brief. Mutter war sehr aufmerksam, wollte wissen, warum, und als ich bei der Einfahrt in die Tiefgarage noch nicht fertig war, sagte sie: Warte, als ich die Tür öffnen wollte, erzähl mal zu Ende, wir haben ja noch ein bisschen Zeit.

Nachdem ich ihr die Gründe erklärt hatte, sagte sie: Jetzt hast du dich schon zum dritten Mal in einer Freundin getäuscht. Nach einer kleinen Pause sprach sie weiter: Deswegen wollte ich auch nie eine nähere Beziehung, weil man dann nicht enttäuscht wird. (Mutter hatte wirklich nie eine Freundin, solange ich denken kann. Cobi aus Tilburg kam am ehesten in die Nähe von Freundschaft, Ende der Fünfziger lernten sich unsere Familien in Holland an der See kennen. Mit Cobi konnte ich alles bereden, erzählte mir Mutter mal, alles, was einen so angeht als Frau. Ich habe mich immer gefragt, wie diese Gespräche verliefen. Cobi sprach kaum Deutsch und Mutter kein Niederländisch. Nach ein paar Jahren, Cobis Mann war sehr früh gestorben, endete ihre Freundschaft, und Mutter ging nie wieder eine neue ein.)

Ich erwiderte, dass ich lieber das Risiko einginge und jemanden zum Reden habe. Ich habe ja dich, sagte sie. Aber was ist, wenn ich übermorgen von einem Auto erwischt werde? Na, ich bin ein Typ, der kämpft, der sich zwingt und sich sagt, das musst du jetzt schaffen! Außerdem habe ich immer ein bisschen Glück.

Abends am Telefon berichtet sie stolz, den Fernseher mittels Inges Ferndiagnose (Das liegt nicht am Gerät, das sind die Batterien in der Fernbedienung!) alleine repariert zu haben. Ich bin auch stolz und lobe sie.

*

»Ich hätte sie gerne noch vieles gefragt …« So etwas will ich nicht sagen müssen, wenn Mutter stirbt. Deswegen habe ich seit geraumer Zeit, ich glaube seit ihrem achtzigsten Geburtstag, angefangen, ihr alles zu sagen oder sie zu fragen, was immer ich von ihr wissen will. Und nach anfänglicher Skepsis spricht sie mit mir über Gefühle, über Situationen, die kränkend waren, aber die sie niemandem erzählt hat, die sie mit sich herumtrug, wie den Brief einer Verehrerin, den Vater nach einem Kuraufenthalt bekam und der auf Umwegen bei ihr gelandet war (aus meiner Sicht eine harmlose Sache, aber für Mutter ein schwerer Vertrauensbruch). Auch die Frage meines Vaters vor der Hochzeit, ob sie gesund sei, hat sie nie wirklich verdaut. Man war sich im Grunde fremd, sagte sie einmal über den Beginn ihrer Ehezeit.

Wir sprechen also klare Worte an manchen Tagen. Wo willst du mich beerdigen, wenn ich tot bin? Es scheint ihr egal zu sein, jedenfalls verspüre ich keine Erleichterung, als ich ihr sage: Neben Papa, was hast du denn gedacht? Es ist ein Urnengrab, und gleich nach Vaters Tod hat sie immer wieder gesagt, verbrannt zu werden wäre ihr ein schrecklicher Gedanke. Heute über zehn Jahre später spricht sie nicht mehr davon. Ich habe ihr auch gesagt, dass ich die Grabrede halten werde, den Pfarrer holen wir nicht dazu, der hat schon einmal Unpassendes gesagt. Wer will, kann weitere Reden halten. Der Gedanke gefällt ihr, auch weil es dann weniger kostet.

 

Wenn es die Grenze nicht gegeben hätte, wäre ich zurückgegangen, aber es ging ja nicht. Den Satz habe ich oft von Mutter gehört. Doch zum ersten Mal frage ich sie: Warum bist du überhaupt hierhergekommen, ganz allein, nur weil Vater dir schrieb, komm jetzt? Nur weil ihr mal Hand in Hand gegangen seid in Aachen, am Hangeweiher, du im Landjahr, Vater im Arbeitsdienst, nur wegen so einer kleinen Flirterei oder weil er dich während des Krieges einmal in Erfurt besucht hat. Nimm ihn nicht, diesen Rheinländer, hat doch deine Mutter gesagt.

Da gehst du in dein Schlafzimmer, öffnest eine Schublade der Frisierkommode und ziehst so ein zusammengeklapptes Stück graues Papier aus einer Brieftasche, einen Feldpostbrief, über sechzig Jahre alt, älter als ich, und du faltest ihn auseinander. Ich erkenne Vaters Schrift, fange an zu lesen: »Ich habe das Liebste zurückgelassen …«, und gleich schießen mir Tränen in die Augen, ich will aber nicht weinen, ich will nie weinen, wenn wir zusammen sind, dabei steigt mir oft das Wasser in die Augen, aber ich lasse es nicht zu, richtig zu weinen, wegen dir, wegen mir, ich habe viele Antworten, aber nie ist es die einzige und richtige.

Auf jeden Fall verstehe ich in dem Moment, was dich angezogen hat, was dir den Mut gegeben hat, einfach abzuhauen. Niemand wusste von deinen Plänen, du bist einfach nicht mehr zur Arbeit in den Kindergarten gegangen, nur deiner Mutter hast du es gesagt und sie heulend zurückgelassen, hast dich in den Zug gesetzt mit deinem kleinen Koffer (da müssen die Fotos drin gewesen sein, die du mir immer wieder zeigst, die von dir als Maid beim Arbeitsdienst, mit der weißen Schürze, und die aus Prag) und bist zu Onkel Willi gefahren, um in der Nacht schwarz, wie es damals hieß, über die Grenze zu gehen durch den Wald bei Nordhausen. Onkel Willi hat dich noch ein Stück gebracht, gegen seinen Willen. Bleib hier, Gerdchen, hat auch er dich ein letztes Mal versucht zurückzuhalten, geh nicht zu den jecken Rheinländern, das ist nichts für dich.

Ja, und es war auch nichts. Im November fünfundvierzig kam dein Zug in Bonn an. Schlimmer hätte es für eine junge Frau aus Thüringen nicht kommen können. Die Stadt in Trümmern, auch Vaters Elternhaus dem Erdboden gleich, in der Notwohnung zusammen mit Schwester und Schwiegermutter, die Bönnsch miteinander reden und du verstehst kein Wort. Wie allein musst du dich gefühlt haben, wie allein?

Aber zurück ging ja nicht, die Falle war zugeschnappt.

Die Angst, sagst du immer wieder, diese Angst, ich würde es nicht noch einmal machen, wenn ich nur daran denke, was ich meiner Mutter angetan habe.

*

Einmal, es ist Vollmond, sitzen wir im Restaurant und die Tränen kommen, ich glaube, wir sind beide anfällig. Da erzählt Mutter von Fräulein Mühlefeld, einer pensionierten Handarbeitslehrerin, die für den Bauern in der Weidengasse Strümpfe stopfte und dafür täglich eine warme Mahlzeit bekam, die du ihr nach der Schule zusammen mit einem Sack kaputter Socken vorbeibrachtest. Komm, Gerdchen, iss mit, das reicht für zwei. Das hat so lecker geschmeckt, ich habe meiner Mutter dann immer gesagt, ich gehe noch bei Fräulein Mühlefeld vorbei.

Langsam trocknen die Tränen. Irgendwie siehst du blass aus heute, Ringe um die Augen, oder ist es die Kaufhausbeleuchtung? Am Nebentisch nimmt ein älteres Paar Platz, sie bringt ihm das Essen, Nudeln mit Fleischsoße, er freut sich. Schön, ne?, sagst du und siehst mich an. Ich kenne diesen Blick, er heißt: Die haben es gut, die zwei, die sind noch zusammen, schön, wenn man sich versteht, wenn einer für den anderen da ist, es ist einfach schöner, wenn man nicht allein ist, wenn man noch was zusammen unternehmen kann …, aber der Papa hätte das ja nicht mehr gekonnt.

Ich verweise auf die Parkgebühr, wir wollen doch keine dritte Stunde anbrechen, Mutter trinkt schnell aus, und dann geht’s auch schon die Rolltreppe hinunter. Du lässt mich aber nicht allein durch den Bahnhof?! Nein, natürlich nicht. Wir müssen zwischen den Pennern durch im Bonner Loch, die Stadt wollte da längst was machen, ich achte auf dich, auf deine Tasche, in der vierhundert Euro sind, die du am Morgen abgehoben hast.

Später habe ich ein blödes Gefühl, weil ich Mutters Erzählung abgewürgt habe, um eins sechzig zu sparen. Ich rufe sie noch mal an, doch sie ist kein bisschen verstimmt und sagt: Das war sehr, sehr gut, eine Mark haben oder nicht haben, das ist schon ein Unterschied.

*

Seit einiger Zeit hortet Mutter Gläser, Dosen mit Lebensmitteln in der Küche gleich neben der Tür und neuerdings auch noch zwischen Kühlschrank und Tisch. Dabei hat sie im Keller Vorratsregale, aber die sind fast leer. Lass mich, sagt sie, ich habe das lieber hier oben, wenn ich mal nicht laufen kann, und du bist ja auch nicht immer hier.

Die Vorratsecken wachsen an, und ich mache mir eher Sorgen, dass sie über das Zeug stolpert und hinfällt und dann wirklich nicht mehr laufen kann. Aber sie lässt sich nicht reinreden. Starker Wille oder Altersstarrsinn, wo ist die Grenze, ich denke oft darüber nach. Ich will sie nicht bevormunden, das liegt mir fern, aber vielleicht kommt der Moment, an dem sie vor sich selbst beschützt werden muss. Keiner weiß, wann das ist.

 

Gestern am Dreikönigstag habe ich Mutter wieder angesprochen, was nun wird aus unserem Plan, zusammenzuziehen, jetzt, wo es bei ihrer Schwester in Erfurt so schiefgelaufen ist, vom Krankenhaus direkt ins Heim. Aussuchen ging nicht mehr, weil alles besetzt war.

Schrecklich, sagt sie, warten, dass jemand stirbt, um an ein Zimmer zu kommen. Ja, so ist das eben, sage ich. Aber so muss es nicht kommen, wenn man sich rechtzeitig kümmert.

Mutter bemerkt die Parallele schnell und sagt wie immer in der letzten Zeit: Ich kann ja noch laufen, das ist was anderes. Aber das kann sich ja mal eben von heute auf morgen ändern. Sie wirft mir einen entsetzten Blick zu, sagt, mal den Teufel nicht an die Wand.

Später auf der Rückfahrt vom Restaurant – die nette Chinesin war wieder da, sie hat uns ihren Sohn gezeigt, neunzehn Monate, wir haben beide sein Händchen gehalten, ein Zukunftskind, deutsch-chinesisch, zwei Sprachen, ohne sie mühsam lernen zu müssen, sage ich zu der Chinesin, die lacht, ohne zu verstehen – erzähle ich Mutter von unserer Idee, gemeinsam zu Maria zu ziehen. Das ist meine alte Schulfreundin, eine gelernte Altenpflegerin, die jetzt einen großen Ziegenhof an der Flensburger Förde betreibt mit abgeschlossenen Wohnungen, also Platz genug für uns alle. Das wäre doch eine einmalige Gelegenheit, sage ich. Ja, die Maria, sagt Mutter und sieht in die Ferne. Möglicherweise erinnert sie sich in dem Moment an Maria, die meinen Eltern fast wie eine dritte Tochter war, die mit uns in die Ferien fuhr, Maria, die liebe. Und als es mir für eine Antwort schon fast zu lange dauert, fragt sie: Was soll ich da? Wenn ihr mal weg seid, bin ich da völlig allein. Aber das bist du doch jetzt auch, keine Menschenseele, sagst du immer, kein Mensch weit und breit. Ja, aber hier ist es doch etwas anderes.

Ich bin lieber mit Gleichaltrigen zusammen, sagt sie auf einmal, du sagst hü und ich sage hott, das siehst du doch immer wieder, ja, und dann wäre das auch keine Lösung. Und nach einer kleinen Pause, in der sie weiter zu überlegen scheint, fragt sie: Kannst du mich denn überhaupt pflegen? Also sollen wir nicht zusammenziehen?, frage ich und merke, wie auch ich mich um eine Antwort drücke. Bei Frau Kohl ist es doch auch so schön gegangen, sagt sie. Wie meinst du das? Die hat Selbstmord begangen, die war unheilbar krank. Bei dir geht es ums Alter. Außerdem würdest du das nie machen. Das weißt du doch gar nicht. Doch, das weiß ich, ich kenne dich. (Später, als ich allein im Auto sitze, bin ich für einen Moment unsicher, ob sie es nicht vielleicht doch machen würde. Weil sie niemandem zur Last fallen will. Das hat sie oft gesagt: Ich will niemandem zur Last fallen.) Also dann suche ich jetzt nicht mehr nach einem Haus, und du bleibst so lange in deiner Wohnung, bis es nicht mehr geht, und dann ziehst du in ein Heim, irgendeins, das ein Zimmer frei hat, aussuchen kann man auf die Schnelle ja meist nicht, das hast du ja bei Inge gesehen.

Mutter sagt nichts, weder Ja noch Nein. Und ich wiederhole, dass es mir darum geht, es ihr recht zu machen. Ich möchte, dass du glücklich bist, sage ich. Sie erwidert immer noch nichts, aber so ist sie eben, ich habe nichts gesagt, sagt sie oft, wenn ich finde, dass sie etwas hätte sagen müssen, aber sie will keinen Disput, nirgendwo anecken. Vielleicht denkt sie auch, Glück ist nicht das richtige Wort. Was soll das, Glück? Mit knapp vierundachtzig, wenn man keinen Partner mehr hat und der Weg kaum noch weiterführt, sondern immer mehr bergab. Vielleicht sollte ich Glück gegen Zufriedenheit tauschen, denke ich später, aber in dem Moment lasse ich es so stehen.

Also, dann suche ich jetzt kein Haus mehr, okay? Mutters Blick geht in Richtung Seitenfenster. Irgendwann, sagt sie, wirst du denken, ich vermisse was. Vielleicht dachte sie dabei an unsere zweisamen Ausflüge, vielleicht meinte sie aber auch sich selbst.

 

Als wir wieder in ihrer Wohnung sind, zeigt Mutter mir einen Umschlag mit kleinen Fotos von früher, sie beim Arbeitsdienst auf einer Bank sitzend vor einer Baracke, mit einer anderen Maid, wie sie sagt, beim Flötespielen.

Weiße Blusen habt ihr an, graue Röcke (soweit man das bei Schwarz-Weiß-Fotos sagen kann) und über den derben Schuhen weiße umgeschlagene Socken. Ihr habt beide die Haare hochgesteckt, aber nicht sehr streng, kleine Locken umspielen dein Gesicht. Auf einem anderen Foto stehst du mit zwei Maiden im Schnee auf Skiern. Auf einem weiteren stehst du mit Hut auf der Karlsbrücke in Prag, im Hintergrund der Hradschin. Zwei Fotos sind aus einem anderen Papier, dünner, richtig schwarzweiß ohne Gelbstich, auf einem gibst du einem Pferd Zucker, oder vielleicht streichelst du auch nur seine weiche Schnauze. Zwei Pferde im Geschirr, die einen Schlitten ziehen, den man aber nicht mehr sehen kann, nur die Kufen noch am Bildrand. Auf dem anderen stehst du in weißer Tracht mit bestickter Schürze und Kopftuch vor einem Lattenzaun, dahinter ein geöffnetes Fenster, du strahlst in die Kamera, auf dem Busen eine riesige dunkle Schleife, die von einer Brosche gehalten wird, es muss Sommer sein, unter den kurzen Pluderärmeln braun gebrannte Arme, Mittel-, Ring- und kleiner Finger ein bisschen angewinkelt, so sieht deine Hand auch heute noch auf Fotos aus.

*

Dein vierundachtzigster Geburtstag ist auf einen Samstag gefallen, ich habe alle eingeladen, und alle sind gekommen, alle Enkel, deine Kinder und Schwiegerkinder, von überall her. Wird dir das nicht zu viel?, hast du mich vorher mindestens zwanzig Mal gefragt, und ich habe jedes Mal Nein geantwortet, es macht mir Spaß. Ich habe den Schreibtisch von der Wand gerückt und den Küchentisch ausgezogen und von der Nachbarin noch Stühle geliehen und in meinem Arbeitszimmer eine lange Tafel gemacht.

Ja, und dann hat es wirklich Spaß gemacht. Du hast dich gefreut, dass wir mal alle zusammen sind, das ist doch nicht der Fünfundachtzigste, hast du gesagt, weil alles so schön dekoriert war mit Blumen und einer ganzen Wand voll Fotos von dir aus deinem langen Leben, und die Enkel haben gestaunt, wie toll Oma einmal ausgesehen hat. Und das Essen hat wieder super geschmeckt, dein Lieblingsessen, Kabeljau auf Porreebett und diese Kartoffeln, es geht doch nichts über eine anständige Kartoffel. Und auf der Rückfahrt hast du noch geschwärmt, und dann habe ich dich nach Hause gebracht, und du hast mir vom Fenster aus nachgewunken, und später habe ich noch angerufen, und du hast gesagt: Schön, wenn man dann auch mal wieder die Beine hochlegen kann, es ist ja doch anstrengend.

 

Eine Woche später stehst du mit Tränen in den Augen im Flur und sagst, du möchtest nicht mehr leben. Okay, sage ich amüsiert, jedenfalls um den Ausdruck von Amüsiertsein bemüht, wir können das ja zusammen machen, aber vorher gießen wir uns noch einen hinter die Binde und gehen dann gemeinsam über den Jordan. Aber erst warten wir noch heute Abend die Lottozahlen ab, entgegnest du, ebenfalls um Amüsiertheit bemüht.

Geld, viel Geld würde unsere Probleme lösen, denkt Mutter, ein großes Haus, wo jeder genügend Raum hat, das wäre es, daran klammert sie sich fest und kreuzt jede Woche ihre Zahlen an.

Vielleicht gibt es keine Lösung, mit der sie glücklich wäre, und das muss ich aushalten – viel für die Mutter zu tun und sie doch nicht glücklich zu sehen, von kleinen beglückten Momenten abgesehen. Gestern zum Beispiel, als ich ihr von dem Baby einer Freundin erzählt habe, wie ich es auf dem Arm halte und es jedes Mal lächelt, wenn ich so einen kleinen Pfeifton von mir gebe, hat Mutter so gelacht wie lange nicht. Sie war Kindergärtnerin, bevor sie über die Grenze gegangen ist, sie liebt kleine Kinder, und Kinder lieben sie, kein Augenpaar, das sich nicht zu ihr dreht, wenn sie an einem Kinderwagen vorbeigeht, auch heute noch.

Weißt du, was das Schönste wäre, hat sie nach Vaters Tod zu mir gesagt. Wenn ihr noch einmal klein wärt …

*

Ich nenne sie neuerdings Schneckchen, das gefällt Mutter, sie antwortet mit Schnecke, dann müssen wir beide lachen.

Das Springen und das Singen, das ist nicht zu erzwingen, trällert sie nach dem Essen auf dem Weg zum Parkhaus vor sich hin, als ich mich immer wieder nach ihr umdrehe, ob sie mir noch folgen kann. Wir lachen, bis wir am Auto sind, und auf der Fahrt lachen wir weiter. Sie freut sich so über ihren Einfall, wahrscheinlich auch, weil es mich so amüsiert. Es gibt ihr richtig neuen Schwung, der für ein paar Tage reichen wird, in denen ihr alles leichtfällt.

Als wir den Berg hochfahren, sagt sie: Ich habe eine Idee, wie wir meinen fünfundachtzigsten Geburtstag feiern (sie denkt weit voraus). Es ist ein Montag, und du weißt ja, Montag ist immer schlecht mit Einkaufen und so, da holen wir für jeden, der kommen will, ein halbes Hähnchen bei meinem Hähnchenmann, der aus dem Iran, nette Leute und so sauber, die mussten ja fliehen, sie ist eigentlich Lehrerin, wirklich sympathische Leute. Wer kommt, kommt, und wer nicht, der lässt es bleiben. Am Samstag können wir ja dann zum Chinesen gehen für alle, die in der Woche nicht können.

Tolle Idee, sage ich nach einer winzigen Pause, die ich brauche, um in mir ein »Du spinnst ja wohl, halbe Hähnchen von der Bude zum fünfundachtzigsten Geburtstag« abzuwürgen. Auch mein Lächeln kommt verspätet, aber das fällt ihr nicht auf, weil ich nach vorne sehe und auf den Verkehr achten muss.

Zum Abschied nehme ich sie ein bisschen zu stürmisch in den Arm. Du brichst mir das Genick, beschwert sie sich mit rotem Kopf. Wäre doch ein schöner Tod, denke ich, in den Armen der Tochter.

*

Über die Karnevalstage sind Gerd und ich mit unseren Freunden auf Mallorca. Ich rufe Mutter täglich an, um mich zu vergewissern, dass es ihr gut geht. Ja, sagt sie jedes Mal, wünscht uns noch eine schöne Zeit. Genießt mal eure Freiheit.

Zurück in Köln, erfahre ich, dass Inge gestorben ist, ihre jüngste Schwester. Mir graut vor der Nacht, habe Inge als Letztes zu Mutter gesagt. Es wird schon gut gehen, habe sie erwidert, aber es ging nicht gut. Mutter wollte uns den Urlaub nicht verderben und hat deshalb am Telefon nichts davon erzählt.

Doch seitdem geht es mit ihr bergab. Ihre Aufgabe, sich um die schwer kranke bettlägerige Inge zu kümmern, war plötzlich weg. Jeden Tag hatte Mutter ihre Schwester angerufen, versucht, sie aufzuheitern oder zu beruhigen, wenn der Blutdruck wieder anstieg oder der Zucker. Sie haben per Telefon zusammen »Wer wird Millionär?« geguckt, gemeinsam die Antworten überlegt und quasi zusammen mitgespielt. Sie waren immer in Kontakt, die Krankenhauszeiten ausgenommen. Jahrelang ging das gut, zum Schluss war es Mutter ein bisschen viel geworden, weil Inge nur noch weinte und nicht mehr aufzuheitern war.

 

Mutter hüpft noch im Unterhemd herum, als ich komme. Sei nicht böse, sagt sie beschämt, ich habe herumgetrödelt. Später sagt sie, dass es ihr schlecht gehe in den letzten Tagen. Sie habe fast nichts gegessen, nur Wasser getrunken, alles, was im Kühlschrank war, habe sie weggeschmissen. Der Schinken, der Käse, das kam mir komisch vor, sagt sie. Ihr sei auch so heiß geworden, alles mache sie nervös. Ich frage, ob sie wirklich in die Stadt fahren will und Fisch essen. Ja, sagt sie, ich muss auch mal an die Luft.

Wenn ich jetzt einen Schlag kriegen würde, wäre es gut, sagt sie auf der Fahrt. Du kannst den anderen sagen, dass es für mich gut wäre. Die Telefongespräche mit Inge fehlen mir, jetzt ist da nichts. Tod und Leben, so dicht beieinander, sagt sie.

Ich spüre, wie Mutter kleiner wird, anfängt zu verschwinden. Jedenfalls kommt es mir so vor. Sie bringt Sätze nicht zu Ende, spricht manche Wörter nur halb aus, ärgert sich, wenn ich sie nicht richtig vollende, verstehe. Du weißt doch, was ich meine, sagt sie dann. Ihre Einsamkeit tut mir leid, aber sie hat es nicht anders gewollt. Sie will sich auch kein Altenheim mehr ansehen, so wie in den Tagen vor meiner Reise vereinbart. Was ist, wenn mir das Essen nicht schmeckt, sagt sie. Und dann das viele Geld, das gebe ich lieber meinen Kindern. Früher habe ich von der Krankenkasse noch jedes Quartal zwanzig Mark bekommen, wenn ich beim Arzt war. Ja, sage ich, da waren die Kassen noch voll. Ja, sagt sie, wo sind wir hingekommen?

»Hansjörg Felmy: Schön in den Tod geschlafen«, titelt das Heftchen auf dem Tisch neben ihrem Sessel. Sie sieht, dass ich dorthin schaue. Schön in den Tod schlafen, sagt sie, das wünsche ich mir auch. Beim Abschied schmiegt sie sich lange an mich. Und ich bekomme wieder diese Wasseraugen. Auf dem Rückweg denke ich: Es ist immer zu wenig, zu selten, zu kurz.

*

Wir holen kein Hähnchen von der Bude, essen zusammen mit Gerd im Kaufhof zu Mittag, auf Gutschein, den Mutter aus der Zeitung ausgeschnitten hat.

Gefeiert wird ihr Fünfundachtzigster am Samstag drauf in großer Runde bei mir. Mutter ist die ganze Woche aufgeregt wegen des Verdi-Streiks. Busse und Bahnen fahren nicht, Flüge sind gestrichen. Aber dann haut doch alles hin, sogar das Wetter spielt mit, blauer Himmel, Sonnenschein, elf Grad. Am Tisch wirkt sie ein bisschen verloren, obwohl sie sichtbar bemüht ist, einen aufmerksamen Eindruck zu machen, aber sie versteht ja kaum, was gesprochen wird und warum manchmal alle plötzlich lachen. Nach dem Essen singt Ute ihr ein Ständchen mit schönen Weisen vom Mittelmeer. Die Jungs albern herum, finden es komisch. Dann fängt Mutter selbst an zu singen: »Aber heidschi bumbeidschi schlaf lange …« Bei »kommt nimmer heim« laufen ihr Tränen über die Wangen, aber sie singt bis zum Schluss weiter, beinahe trotzig klopft sie im Takt auf ihren Oberschenkel bis zum letzten »bumbeidschi bumbum«.

 

Ich verstehe mich selbst nicht mehr, sagt Mutter auf der Rückfahrt, ich habe nur noch Angst. Vor Angst, dass ein Zahn von ihrer Prothese bricht (nicht unberechtigt, eine Ecke ist schon weg, die hat sie verschluckt), isst sie kaum noch etwas, was sie kauen muss, bekommt Verstopfung, nimmt Abführmittel, die sie schwächen. Dann drückt der Darm wieder, und sie trinkt Tee zur Beruhigung, die Wärmflasche auf dem Bauch hilft ihr nicht mehr.

Mach doch alles wie früher, rate ich ihr, kehr zu deinen alten Gewohnheiten zurück. Aber sie nimmt nichts an. Das ist so, wenn man den ganzen Tag alleine ist, sagt sie. So begründet sie alles, was sie nicht mag, nicht will, nicht kann.

Dann erzählt sie mir aus heiterem Himmel von Tante Friedas Tochter. Von der Tante hat sie mir schon oft erzählt, aber von einer Tochter wusste ich bislang nichts, auch nicht, dass sie zwei Söhne hatte, die in den Westen geflüchtet sind. Und schon gar nicht, dass sie, die Tochter von Tante Frieda, die in der DDR zurückgeblieben war, aus Angst vor Repressionen ihrem Leben ein Ende setzte und aus dem Fenster sprang. Ist das nicht furchtbar?, fragt Mutter.

*

In ihrer Not war Mutter endlich beim Arzt, ihre Probleme hatten sich zugespitzt. Er hat mich vermisst, sagt sie am Telefon, das hätte er zu ihr gesagt und auch, dass sie das schon wieder hinkriegen würden. Aber dann hätte sie – wohl vor Freude darüber oder vielleicht auch aus Erschöpfung, weil sie drei Stunden warten musste – einen Fehler gemacht und den wichtigsten Teil ihrer Beschwerden vergessen.

Damit ihr das nicht wieder passiert, haben wir schnell aufgeschrieben, wo es überall schmerzt und drückt, und mit der Liste ist sie wieder zu ihm, und da sah die Sache schon ganz anders aus. Koprostase, Harnwegsinfekt, Hypertonie, Diabetes mellitus, steht auf dem Überweisungsschein, der in der Diele liegt, gleich neben Schlüssel und Telefon. Inges Krankheiten, ich fasse es nicht. Ich bin gekommen, um Mutter beim Packen zu helfen und zu besorgen, was noch fehlt. Da sie immer noch nackt herumläuft, bitte ich sie, kurz auf die Waage zu steigen. Sie hat abgenommen. Später bei der Aufnahme im Krankenhaus sagt sie zu dem Arzt: Ich habe meine Schwester mitgebracht!

Wie kommt so was?, fragt sie mich ein paar Tage später, wieder zu Hause an ihrem Küchentisch. Jeden Tag im Krankenhaus hat sie mich das gefragt. Wir sitzen da und schauen auf acht verschiedene Medikamente und ein schmales Merkblatt. In meinem ganzen Leben hab ich nie Pillen geschluckt, sagt sie. Nie war sie ernsthaft krank, hat alle Wehwehchen selbst kuriert, mit Wärme, Schlaf und Tee. Müde greift sie nach dem Merkblatt, das sie ihr im Krankenhaus gegeben haben: Ernährung bei Diabetes, und schiebt es mir zu. Ich weiß überhaupt nicht mehr, was ich essen darf, sagt sie. Was ihr ein Leben lang gesund erschien, soll auf einmal verboten sein. Ihr dröhnt der Kopf, sagt sie, und dass sie nicht mehr wisse, wie es weitergeht. Ich weiß es auch nicht, nicht in diesem Moment.

 

Ich habe Mutter wieder auf das Heim angesprochen. Zuerst sagte sie, sie stelle sich gedanklich schon darauf ein, dann schob sie nach: Das können wir (!) machen, wenn wir alt sind.

Tröste mich

Kurz nach acht ruft Mutter an, zwei Tage vor Heiligabend, spricht aufgeregt ins Telefon: Ich wollte dir nur sagen, der Krankenwagen holt mich gleich ab. Du brauchst nicht zu kommen, ich habe die Tasche schon gepackt. Der Arzt war eben da.

Er muss wohl ein Einsehen gehabt haben. Am Vormittag war Mutter noch in seiner Praxis, da war von Krankenhaus keine Rede.

Sie fühlt sich schwach, denke ich, fürchtet sich vor der Stille, vor dem Alleinsein an den Feiertagen. Seit Wochen kann sie kaum essen, die Reparatur der Zahnprothese war misslungen, eine neue lehnt sie ab. Sie weiß nicht mehr weiter.

 

Mutter liegt im hinteren Bett am Fenster, auf dem Nachttisch ihre piepsenden Hörgeräte, eine Pillenbox und ein Schälchen mit rosafarbenem Pudding. Den kannst du essen, sagt Mutter, der schmeckt gut. »Der schmeckt gut« heißt »den mag ich nicht«, und ich mag ihn auch nicht. Was gab es denn zu Mittag?, frage ich Mutter, sie ist ja hierhergekommen, um versorgt zu werden. Möhrensuppe, sagt sie, was sich in den nächsten Tagen wiederholen wird. Suppe und Pudding, mehr fällt ihnen für eine alte Frau ohne Zähne nicht ein. Du musst was essen, sage ich, sonst wirst du ganz schlapp. Ja, ja, sagt sie, ich schlafe mich mal richtig aus.

 

Jeden Tag fuhr ich nach Bonn, sah nach ihr. Am ersten Feiertag neben dem Pudding eine rote Kerze, ein Geschenk der Nonnen. So hatte ich mir Weihnachten nicht vorgestellt. Vielleicht war es für Mutter weniger schlimm, jedenfalls beschwerte sie sich nicht. Sorge machten ihr andere Dinge. Sie bat mich, ihr dringend Schlafanzüge zu besorgen, Nachthemden trage man hier nicht. Ich dachte, ich höre nicht richtig, ein Leben lang wollte sie nichts anderes tragen als wallende Blümchen in blassen Farben, nur so kenne ich sie. Aber dann begriff ich, dass sie nicht auffallen wollte, und so lief ich gleich nach den Feiertagen los, machte mich auch in der Apotheke kundig und kaufte ein Dutzend Flaschen hochkalorischer Zusatzkost, die Mutter nicht wirklich schmeckte und die sie nur in meinem Beisein trank.

Die Schlafanzüge gefielen ihr, das Frottee fand sie schön weich. Die Schwestern mochten Mutter, und die Ärzte waren nett zu ihr. Außerdem habe sie jemand getroffen, sagte Mutter, die hätte ihr von einem Heim erzählt, ganz in der Nähe, keine fünf Minuten von hier. Wir sind so eine richtige Clique, hätte die Frau geschwärmt, wir essen und spielen zusammen, uns geht es gut dort, richtig gut. Mutter bat mich: Hör doch mal nach, ob da was frei ist.

Mutters überraschende Wende kam mir vor wie ein Sechser im Lotto. Und das neu renovierte Haus am Hang mit schönem Blick über Bonn entpuppte sich als die richtige Zusatzzahl. Es lag nicht weit vom Schloss und Botanischen Garten, wo wir früher gewohnt hatten, und kaum zu fassen: Es hatte ein Zimmer frei mit großem Bad und Fenstern bis zum Boden, durch die man in einen kleinen Park hinaustreten konnte. Willst du es dir ansehen?, fragte ich Mutter, aber das wollte sie nicht. Ist gut so, sagte sie, ich vertraue dir. Vielleicht war es die Aussicht auf eine muntere Clique, jedenfalls unterschrieb Mutter den Vertrag, und ich fuhr damit zurück ins Heim. Mir war leicht flau, als ich die Fragen des Heimleiters beantwortete, was er mir anmerkte. Wie zur Beruhigung sagte er: Ihre Mutter hat selbst bestimmt, das ist die halbe Miete!

*

Es hatte den ganzen Tag geschneit, deswegen blieb ich in Bonn. Morgen war der große Tag. Ich sollte Mutter im Krankenhaus abholen und in ihr neues Zuhause begleiten. Sie war immer noch schwach auf den Beinen, ein Krankenwagen war bestellt. Ich schlief in Mutters Wohnung, um falls nötig den kurzen Weg mit dem Taxi zu fahren.