Namibia - Einsichten und Versöhnung - Helmut Lauschke - E-Book

Namibia - Einsichten und Versöhnung E-Book

Helmut Lauschke

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Beschreibung

Nichts bewegt sich ohne das Gegenüberliegende, das Andere auf der Gegenseite anzustoßen. Alle Bewegung beruht auf der Gegenseitigkeit und gibt so den Grund und Sinn zur Kommunikation. Der Blick ist ein äußerst komplexes Gebilde, das einem aus vielen Facetten zusammengesetzten Spiegel vergleichbar ist. Der Raum wird immer größer, je länger das Schweigen dauert. Keiner macht den Mund auf, wenn jedem Mund die Gelegenheit zum Reden gegeben ist.

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Seitenzahl: 219

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Helmut Lauschke

Namibia - Einsichten und Versöhnung

Im Wandel der Wirklichkeit

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Namibia - Einsichten und Versöhnung - Im Wandel der Wirklichkeit

Im Voraus des Gegenüber

Der Blick und seine Winkel

Blick- und Händewechsel

Die Hähne krähen das fünfte Mal

Den zugezogenen Fenstern gegenüber

Mit Blick auf die Hautfarbe

Kubanische Zwischentöne

Kinder und ihre Füße

Die Sitzfleischbequemlichkeit und Attraktion des klimatisierten Büros

Die Freiheit mit dem Blick auf die Uhr

Auf dem Weg zum Speisesaal

Die Blick- und Lichtschranke zwischen mager und fett

Zwischenbilanz

Ein gewohnter Blick

Türen sind zum Öffnen

Das Telefon klingelt

Dinge, die dem Blick verborgen sind

Ein besonderer Augenblick

Im Rückblick

Eine nächtliche Wirklichkeit

Morgendämmerung

Tiefer im Sand stecken die Hinterbeine

Andere Punkte im Blickfeld

Von der chirurgischen Bürde

Was leere Kleiderhaken noch erzählen

Weiter geht’s mit Blick auf den Patienten

Die Melanozyten als Entscheidungsträger

Im Blick der Nachdenklichkeit

Von der ungleichen Melanozytenzahl und dem Exodus der weißen Nonnen

Ein Montag

Schuld und Entschulden

Der Zehenblick und von der Würde des Fußes

Im Blickkreuz von Relativität und Wirklichkeit

Nachtrag zum Blickmotiv und Koordinatenstand

Impressum neobooks

Namibia - Einsichten und Versöhnung - Im Wandel der Wirklichkeit

C’est l’enthousiasme que soulève le poids des années. C’est la supercherie qui relate la fatigue du siècle. [René Char: A la santé du serpent: 139]

Es ist die Begeisterung, die die Last der Jahre emporhebt. Es ist der Betrug, der von der Müdigkeit des Jahrhunderts spricht.

Je n’ai pas vu d’étoile s’allumer au front de ceux qui allaient mourir mais le dessin d’une persienne qui, soulevée, permettait d’entrevoir un ordre d’objets déchirants ou résignés, dans un vaste local où des servantes heureuses circulaient. [René Char: A la santé du serpent: 214]

Ich habe keinen Stern auf der Stirn derer aufleuchten sehn, denen der Tod bevorstand, dagegen sah ich das Muster einer Jalousie und, als sie hochgezogen wurde, eine Sammlung aufwühlender oder entmutigender Gegenstände in einem weiten Raum, in dem glückliche Dienerinnen umhergingen.

Im Voraus des Gegenüber

Nichts bewegt sich, ohne das Gegenüberliegende, das Andere auf der Gegenseite anzustoßen.

Die Bewegung beruht auf der Gegenseitigkeit und gibt so den Sinn zur Korrespondenz.

Gegenseitige Dinge gehören zusammen. Sie bilden in der Korrespondenz zueinander eine Einheit der übergeordneten Bedeutung.

Der Pendelschlag weist in einfacher Weise auf das Prinzip der Gegenseitigkeit hin, dem das Denken im Nach- oder Hinterherdenken folgt. So wird die Wirklichkeit der Dinge in ihrer Dialektik verständlich.

Der Blick und seine Winkel

Von den Blicken gibt es die unterschiedlichsten Typen, vor allem wenn es zum Wechseln von Blicken kommt. Es unterscheiden sich der spontane Blick vom verzögerten Blick, der endliche Blick vom unendlichen Blick, der gerade Blick vom ungeraden oder abgewinkelten Blick, der eckige Blick vom runden Blick, der offene Blick vom verdeckten Blick, der feurige Blick vom eisigen Blick, der helle Blick vom trüben oder getrübten Blick, der Liebesblick vom Hassblick, der freie Blick vom irren oder verirrten Blick, der Freudenblick vom Trauerblick, der lebendige Blick vom toten Blick. Darüberhinaus gibt es noch Blickvariationen, von denen sich einige aufgrund der Zwischentrübungen, Aufhellungen und Abwinkelungen nicht in ein zusammenfassendes Adjektiv oder Blickwort pressen lassen. Letztendlich kommt es auf die Blickeinsichten an, um sich ein Urteil bilden zu können.

Es gibt die verschiedensten Fächer, aus denen man heraus- oder durchsehen kann, meist von innen nach außen, oder in die man hinein- oder hindurchsehen kann, meist von außen nach innen. Auch wenn der Blick sich aus vielen Elementen zusammensetzt, über die man sich bei der spontanen Vorgehens- oder Blickweise meist keine Gedanken macht, bei denen es sich um Vorausgedanken handeln sollte, so ist der Blick ein äußerst komplexes Gebilde, das einem aus vielen Facetten zusammengesetzten Auge beziehungsweise Spiegel vergleichbar ist. Dieser Spiegel hat einen Vorwärtsspiegel und mindestens einen Rückwärtsspiegel. In jedem Fach gibt es Spiegel, die an unterschiedlichen Stellen angebracht sind. In manchen Fächern sind die Spiegel sogar versteckt, dass man sie suchen muss. Das kann je nach Maß und Ausmaß der Blickerfahrungen länger dauern. Aber dass der Vorwärtsspiegel oder der Rückwärtsspiegel in dem Fach fehlen, das ist eher unwahrscheinlich, ja so gut wie ausgeschlossen, es sei denn, dass der vorher aus dem Fach Herausgeblickte oder in das Fach Hineingeblickte den einen oder anderen Spiegel mit der Halterung herausgerissen und in die Tasche gesteckt oder anderswie mitgenommen hat.

So wie es Fachspezialisten an den technischen Hochschulen oder in den geistig-geistvollen Disziplinen an den Universitäten gibt, so spezialisieren sich die Blicke für das eine oder andere Fach. Zu viele Fächer können es nicht sein, weil zu viele Vorwärts- und Rückwärtsspiegel den menschlichen Verstand, den man zu gebrauchen hat, verwirren, wenn die Blicke wie Blitze wild durcheinanderzucken. Davon einmal abgesehen, dass mit Zunahme der Zuckungen und Zuckungsgeschwindigkeiten das Anfängliche soweit verzerrt wird, dass es schließlich eine scheußliche Fratze wird, mit der verstandesmäßig nichts mehr anzufangen ist. Da bleibt nur noch der Schreck vor der Fratze zurück, wenn die Schrecksekunde, als hätte der Stromschock das Herz geschlagen oder der Meißel das Hirn gespalten, schon längst verschwunden ist. Ein Nachvibrieren oder Nachzittern nimmt die Atmung oft für eine Zeit in Mitleidenschaft. Dauert diese Zeit länger, so muss mit Komplikationen gerechnet werden, die den Tod nicht mehr ausschließen. Das macht sich mit der Atemnot und dem hypoxischen Herzflattern bemerkbar mit dem möglichen Herzstillstand und dem zentralen Tod durch den hypoxischen Hirnschaden.

Der Blick in den Vorderspiegel ist ein Spiegelblick, der nach hinten geht und sich vom Rückspiegelblick unterscheidet, das um so mehr, je weiter der Blick in die Vergangenheit zurückreicht. Es ist eine allgemeine Erfahrung, dass der Vorderspiegel- mit dem Vorwärtsblick im zunehmenden Alter immer ernster wird. Ihm ist ein Lächeln kaum noch abzugewinnen, weil dem Blickträger das Leben das Lächeln gründlich abgewöhnt hat. Auch weicht mit dem Alter der helle Optimismusblick dem glanzlosen, oft trüben Realitätsblick. Die Blickqualität ändert sich also mit dem Alter, weil dann auch durch andere Fächer geblickt wird, denen die Jugend nur geringe oder keine Aufmerksamkeit, beziehungsweise Blickbedeutung beigemessen hat.

Während der Spiegelblick, es trifft für die Mehrzahl dieser Blicke zu, ein Spontanblick in den Spiegel ist, ohne dem Spiegel deshalb tiefgründige Fragen hineinzublicken, ist der Blick, wenn er sich vom Spiegel löst, oft ein gespiegelter Blick. Das in dem Sinne, dass man sich etwas aufs Gesicht gespiegelt hat durch die neue Weichenstellung mit Änderung der Gesichtszüge. Das frappiert und wird mit einem Lächeln plus Bedauerungszusatz quittiert, wenn das Gespiegelte vom ursprünglichen Spiegelblick stark abweicht. Da hat sich das Künstliche oder Gekünstelte doch zu stark in das Natürliche eingemischt. Es ist der Gradierung, die bis in die Clownerie hineinreicht, beziehungsweise bis zur Verhohnepiepelung mit den Kratzspuren an der Persönlichkeit führt, wenn sich das Aufgesetzte wie die gespiegelte Fratze mit dem Boden der Wirklichkeit und Tatsache nicht verträgt und mit der Gesichtsnatur nichts mehr zu tun hat.

Bei den Blicken unterscheidet sich der Einwärtsblick, eine Art des Überkreuzblickens, vom Auswärtsblick, bei dem die Blickgeraden von rechts und links divergieren und bei extremer Auswärtsdrehung den hyperbolisch-verlorenen Blick erzeugen. Von allen Blicken ist der Rundblick, der durchaus eckige Blickelemente haben kann, der wichtigste. Dieser Blick kann ein direkter oder ein indirekter sein. Dieser Blick ist deshalb von Bedeutung, weil er um den Kern der Dinge herum blickt. Wie beim Winkelobjektiv gibt es bei den Blicken den Breitwinkel, der sich blickmäßig wohltuend gegen den Engwinkel absetzt, weil er den breiteren Raum für die großzügigere Blickweise gibt. Dagegen drückt der Engwinkel in die eingezäunte Enge hinein, die sich der Sehprozedur nach hinten anschließt.

Gegenstände kommunizieren in dem Maße miteinander, wie ihnen die Bedeutung mit dem Bedeutungsgewicht zu- und entgegengeblickt wird. Es sind Blickwinkel und Blickrichtung, die über die Bedeutung des Gegenstandes entscheiden, bevor der Rundblick den Gegenstand in seiner komplexen Abbildung um den Kern herum erfasst. Wenn Gegenstände in sich selbst verändern, dann können die Blicke verschwimmen. Da kann es blicklings zu Verflutungen und Überflutungen kommen. Dabei muss es aber nicht gleich zum Vogelsterben kommen und dem Treiben mit dem Bauch nach oben.

In vielen Gegenständen finden sich auch die Tu-Wörter. Fürs Finden kommt es darauf an, wie die Fächer aus den Gegenständen hervorgezogen werden, um den erforderlichen Facheinblick zu bekommen.

Blick- und Händewechsel

Mit der Unabhängigkeit Namibias als letztes afrikanisches Land und den ersten freien Wahlen in Südafrika wurde der Weg frei für den Ruf nach der afrikanischen Renaissance. Sie sollte den ganzen Kontinent beflügeln und den Menschen ein besseres Leben bescheren. Der Wandel war deutlich genug, um die letzten weißen Zweifel auszuräumen und zu erkennen, dass der Händewechsel an den Hebeln der Macht ein endgültiger war, der eine Umkehr von schwarz zu weiß für alle Zeiten ausschloss.

In diese Zeit hatte Dr. Ferdinand seine Füße und Gedanken gesetzt. Sollte doch die Renaissance auch für ihn gelten, der nicht in Afrika geboren und aufgewachsen war, sondern vom Gesicht und der Haut her ein Europäer war. Er hat seit über zehn Jahren sein Leben und Können für die kranken und verletzten Menschen im Norden des Landes eingesetzt, wo er als Arzt und Chirurg an einem Krankenhaus etwas mehr als dreißig Kilometer südlich der angolanischen Grenze arbeitet. Dr. Ferdinand hat die letzten Jahre der weißen Apartheid und die letzte Entscheidungsschlacht miterlebt, die die Arbeit an den schwarzen Menschen sehr erschwert hatten. Er erinnert sich an den Ausspruch des südafrikanischen Brigadiers in einer Morgenbesprechung im Dienstraum des Superintendenten, dass bei der Entscheidungsschlacht für die Weißen viel auf dem Spiel stehe. Der Brigadier sagte auch, dass er wie alle Weißen auf dem Pulverfass säßen, das jederzeit hochgehen könne.

Die Entscheidungsschlacht war vorüber, und das weiße Kommandoschiff war gesunken. Das neue Schiff mit den schwarzen Masten und der schwarzen Besatzung hatte angelegt. Ob im Bauch dieses Schiffes alles aufgeräumt war, ließ sich nicht sagen. Es sind die Aussagen ehemaliger Freiheitskämpfer, die an Bord des Schiffes zurückgekehrt waren. Sie sagten, dass da noch manches herumlag. Es sind jene Kämpfer, die im Exil waren und aus dem Exil heraus die Freiheit Quadratmeter für Quadratmeter ins Land gekämpft hatten. Dr. Ferdinand hat die letzte Entscheidungsschlacht durch die verschmierten, eingeschlagenen und sonstwie aus den Rahmen gesprungenen Scheiben des Hospitals verfolgt. Er hatte die Schlacht mit allen Vibrationen und größeren Erschütterungen aus nächster Nähe mitbekommen, wenn er an den Krankenbetten stand und nach den Patienten sah oder bei den Operationen war, als ihm nicht nur einmal ein mächtiger Knall auf die Trommelfelle schlug. Dabei fielen ihm die Instrumente aus der Hand, und der Instrumententisch rollte mit den klappernden, auf- und abspringenden Instrumenten vom OP-Tisch davon.

Die Nähe zum Geschehen bei der täglichen Arbeit blieb, als die neue Mannschaft an Land gegangen und in die Zentren der Macht geeilt war. Sie nahm die Entscheidungshebel schnell aus den weißen Händen und hat sie seitdem fest im Griff. Viele, die da auf dem Weg zur Macht und den hohen Positionen waren, unterbrachen für kurze Zeit die Fahrt mit dem Auto und statteten dem Hospital einen Erkundungsbesuch ab. Dort wurden sie vom ärztlichen Direktor und dem Superintendenten, beide vom Übermaß an Melanozyten gesegnet, brüderlich begrüßt und über den neuesten Stand der Dinge informiert. Der Wunsch nach einer afrikanischen Renaissance im Sinne der schwarzen Wiedergeburt war zu spüren. Dem Beobachter der Besuche fiel die Zielstrebigkeit und Zielsicherheit jener Männer und Frauen auf, die auf ihrer Fahrt zur Machtzentrale den Abstecher zum Hospital machten.

Bei der Betrachtung ihrer Gesichter gab es keine Zweifel, dass es ihnen um Macht und ein besseres Leben ging. Ob sie beim Trachten nach dem besseren Leben auch an die Menschen im Lande dachten, die nicht im Exil waren, dafür aber die Armut und das grenzenlose Leid im Lande erlebt und durchlitten hatten, das war ihren Gesichtern weder anzusehen noch aus ihren Worten herauszuhören.

Dr. Ferdinand verschließt die Bauchdecke eines Mannes, der nicht alt war, aber von einem Tumor verzehrt wird, der vom Magen ausgeht und den angrenzenden Querdarm befallen hat. Wie schon so vielen Patienten davor würde ihm das Schicksal in naher Zukunft den Schlussstrich seines Lebens ziehen. Da konnte man chirurgisch nicht gegen ankommen. So ist die Operation nicht mehr als ein Öffnen und Schließen der Bauchdecke. Beim Schließen der Bauchdecke geht ihm der alte Mann mit dem fortgeschrittenen Magenkarzinom durch den Kopf, der nach der Operation mit der Hand über den Bauch streicht und spürt, dass sich nichts verändert hat. Von diesem Moment an hat der alte Mann mit dem Leben abgeschlossen und hält die Augen geschlossen. Er will sich am Ende seines Lebens von niemandem mehr stören lassen, auch nicht vom Arzt, dem er sich vergeblich anvertraut hatte.

“Haben Sie mal etwas von dem freundlichen Kollegen gehört, der hier in Leutnantsuniform der südafrikanischen Armee seinen Dienst getan hatte?” Das fragt die Schwester hinter dem Instrumententisch, als Dr. Ferdinand den Nähfaden nach Verschluss der Muskelblätter der Bauchdecke knüpft. “Meinen Sie Dr. van der Merwe?” Es ist ein Name, den Dr. Ferdinand nicht vergessen sollte. Hinter diesem Namen verbirgt sich ein hervorragender junger Mensch und Arzt, der auf seine Uniform keine Rücksicht nahm, wenn er am Patienten arbeitete. Dazu kommt, dass Dr. van der Merwe wie ein Freund gewesen war, als Dr. Ferdinand unsicher die Füße auf den afrikanischen Boden setzte. Oft hat er seine Hilfe angeboten, damit Dr. Ferdinand als Neuling der afrikanischen Verhältnisse keine weichen Knie bekam. Es war der schonungslos wütende Krieg mit der Vielzahl von Verletzten und die internen Querelen und Intrigen, die die Sicht des Dr. Ferdinand getrübt hatten. An manchen Tagen war die Trübung so stark, dass ihn die Depression erdrückte und er nicht wusste, wo vorn und hinten war. “Dr. van der Merwe ist kurz vor dem Abschluss der Spezialisierung als orthopädischer Chirurg. Er ist glücklich verheiratet mit seiner lieben Frau, mit der er inzwischen zwei Kinder hat. In seinen Briefen erwähnt er jedes Mal das Hospital, in dem er so viel gelernt habe, und richtet Grüße an die Schwestern aus, mit denen er zusammengearbeitet hat.” Ein Lächeln glättet das Gesicht der Schwester, die diesen Arzt in guter Erinnerung behalten hat, weil er für die Menschen in der schweren Zeit des Krieges ein Arzt mit menschlichem Antlitz war. “Dieser Arzt war anders als die anderen Ärzte in Uniform. Alle haben ihn geachtet, weil er ein gutes Herz für die Menschen hatte und voll in der Arbeit an ihnen aufging. Bei ihm störte es nicht, dass er die Uniform der Besatzer trug, weil unter der Uniform der gute Mensch zu spüren war.” Das sagt die Schwester hinter dem Instrumententisch, bevor sie Pinzette und Nadelhalter mit Nadel entgegennimmt.

Als Dr. Ferdinand das ‘theatre’ verlässt, war Mitternacht überschritten. Er zieht sich die verschwitzte OP-Kleidung vom Körper, reibt sich den Schweiß mit einem trockenen OP-Hemd ab, zieht das Zivile an, fährt sich mit den Fingern durchs nasse Haar und macht sich auf den Rückweg zur Wohnstelle. Er hofft, für die letzten Stunden noch etwas Schlaf zu finden.

Die Hähne krähen das fünfte Mal

Es ist halb sechs, als die Hähne das fünfte Mal krähen. Ferdinand stellt sich unter die Brause und wäscht sich den Schlaf aus dem Gesicht. An diesem Morgen will er früh im Hospital sein, um die Patienten noch vor der Morgenbesprechung zu sehen. Überhaupt will er am Arbeitsstil festhalten, wie er ihn vor der Unabhängigkeit hatte. Doch spürt er die Zeichen der Schwäche, die sich durch die jahrelange Überforderung an ihn gehängt hat. So vermisst er seit über einem Jahr das Gefühl des Frischseins beim Aufwachen, das Gefühl, wirklich ausgeschlafen und erholt zu sein. Stets sind Reste der vorangegangenen Tage im Denken übrig, die sich, wenn sich die Ladungen ballen, bis zum Kopfschmerz am frühen Morgen zusammendrücken. An manchen Morgen muss er eine Schmerztablette nehmen.

Nach der Tasse Kaffee macht er sich auf den Weg zum Hospital. An diesem Mittwochmorgen nimmt er den kürzeren Weg zwischen dem zerfledderten Lattenzaun und dem ausgerollten Stacheldraht, ein Weg, den er nach beiden Richtungen einige tausend Male gegangen war. Von den fünf aufgestelzten Caravan-Häusern links des Weges stehen nur noch zwei leer. Drei Caravan-Häuser, die dem Hospital am nächsten stehen, sind von Schwestern bewohnt. Im letzten Haus, das dem Hospital gegenübersteht, wohnt Schwester Sarah, die bei der Bombenexplosion am 19. Februar 1988 in der Barclay’s Bank schwere Verbrennungen erlitten und das rechte Bein verloren hat. Sie wohnt mit ihren zwei kleinen Kindern und muss nur die Straße mit den vielen Schlaglöchern überqueren, wenn sie zum Hospital geht. Ihr Arbeitsplatz ist in der CSD (Central Sterilisation and Disinfection), die sich am Ende des Operationstraktes befindet.

Ferdinand geht durch die Hospitaleinfahrt, deren Torflügel und Pfosten seit Jahren verbeult sind. Der rechte Flügel mit dem verknickten Pfosten steht offen. Dahinter sitzt zurückgesetzt auf einem Stuhl der Pförtner, der sein Morgenei entpellt und die Schalenstücke mit dem linken Schuh in den Sand reibt. Er stopft das Ei in dem Moment in den Mund, als Ferdinand das Tor passiert und ihm einen guten Morgen wünscht. Der Pförtner nickt mit dem Kopf, während er das Ei zerkaut.

Der Vorplatz riecht nach Urin. Das findet Ferdinand normal, weil es duch all die Jahre so riecht. Nur als die britische Königin mit Prinz Philip dem Hospital einen Höflichkeitsbesuch abstattete, war der stechende Geruch zwei Tage vor ihrem Besuch bis drei Tage nach ihrem Besuch verschwunden. Da wurde der Vorplatz mit viel Wasser jeden Morgen und jeden Abend abgespritzt und geschrubbt. Die kleine namibische Flagge ist noch nicht an der überhohen Fahnenstange auf dem für den königlichen Besuch gemauerten Podest des Vorplatzes hochgezogen worden. Ferdinand betritt die ‘Intensiv’-Station, die den anspruchsvollen Namen der vielen Mängel wegen nicht verdient, und sieht nach den Risikopatienten. Die klinischen Befunde trägt er in die Krankenblätter ein. Zwei Schwestern aus der Nachtschicht begleiten ihn und berichten von ihrer Arbeit. Ferdinand hört es heraus, dass die Seele der Krankenpflege, wie sie vor der Unabhängigkeit so mitfühlsam zu spüren war, nach der Unabhängigkeit verkümmerte. Von der Höhe und Größe des Berufes mit der hohen Verantwortung war beim Großteil der Schwestern und bei den Matronen nichts mehr zu spüren. Der Krankenpflegeberuf ist zur Mussroutine abgesunken und seelisch verwelkt.

Als ein Symptom der Unabhängigkeit versteht Ferdinand die abnehmende Zahl der an den Patienten arbeitenden Schwestern. Dafür nimmt die Zahl der sitzenden Funktionärsschwestern in den klimatisierten Büros mit den höheren Gehältern kontinuierlich zu. Die Schwestern in kleinerer Zahl verrichten die Arbeit weiter am Patienten, manche von ihnen mit menschlicher Hingabe, ohne dabei auf die Uhr für die Tee-, Kaffee- und die Mittagspause zu sehen. Das aber tut die größere Zahl der ‘gehobenen’ und vom Patienten weggehobenen Schwestern und Matronen nicht, die sich das vorbildliche Verhalten nach der Unabhängigkeit angewöhnt haben.

Die Blume der pflegerischen Nächstenliebe ist vertrocknet, die den ganzen Menschen fordert und vor der Unabhängigkeit so großartig tätig war. Den Verlust dieser wunderbaren Blume versteht Ferdinand als Ausdruck der Erschöpfung im Zusammengehen mit der inneren Leere und Orientierungslosigkeit. Das Verlustsyndrom hat auch mit dem Bildungsdefizit zu tun, denn praktizierte Menschlichkeit setzt ein Grundmaß an Herzensbildung voraus.

Eine rühmliche Ausnahme ist der Engel bei den Kinderschwestern. Sie ist sich auch nach der Unabhängigkeit in der Arbeit treu geblieben. Diese Schwester arbeitet mit Herz und selbstloser Hingabe an den kranken Kindern. Sie schaut auf die kleine Armbanduhr mit dem schlichten Armband nicht für ihre Teepause, sondern damit die Kinder zur rechten Zeit gewaschen und gefüttert und die Verbände gewechselt werden. Diese Vorbildlichkeit hat zur Folge, dass diese Schwester sich körperlich verzehrt und bei der verantwortungsvollen Arbeit an Körpergewicht verliert, während viele der anderen Schwestern und die Matronen durch das viele Sitzen an Gewicht zunehmen. Kein Wunder, dass die Kinder den Engel lieben und ihm an den Kittelzipfeln hängen.

Schwund und Mangel an pflegerischer Hingabe ist eine bestürzende Erkenntnis nach dem Sturz der weißen Apartheid mit dem Aufkommen der namibischen Unabhängigkeit. Die Entfremdung vom Patienten als Folge der sitzenden Schreibtätigkeit mit der ‘Meetings’ in den klimatisierten Räumen hat deutlich zugenommen. In diesen ‘Meetings’ erfreuten sich die sandwichbeladenen Teller in den Tee- und Kaffeepausen der Beliebtheit. Die Folge war die Gewichtszunahme der zuhörenden und mitschreibenden Teilnehmer. Je mehr palavert wurde, je länger dauerten die Sitzungen mit dem Sitzen. So blieb es nicht aus, dass auch mehr gegessen und getrunken wurde. Die weitere Folge war die Verkürzung mit Verbreiterung der Hälse und die Schwergängigkeit mit den Auswölbungen der Gesäße. Die Gewichtszunahmen erstaunten, denn solange war Namibia noch nicht unabhängig. Das Verfettungssyndrom der Sitzenden ging mit der Abmagerung der in ständiger Bewegung Verbliebenen einher, die in der Krankenpflege aktiv waren. Es war eine Art seelischer ‘Kwashiorkor’, bedingt durch das rasche ‘Aufblühen’ der Gesundheitsfunktionäre mit der dort verbundenen Übergewichtigkeit. Es bestand kein Zweifel, dass die Gesichter der Funktionäre die Züge der besonderen Wichtigkeit angenommen haben. Nun gingen Wichtigkeit und Übergewichtigkeit Hand in Hand, oder Hand und Fuß, oder anders gesagt, sie gingen in einer Person. Die Gesichter der Wichtigkeit haben sich auch mondartig gerundet. Da sich beides nicht so ohne weiteres vertrug, kam es zur ungewollten Komik im Ausdruck der Gesichter innerhalb dieser Umkreise, was gelegentlich und ebenso ungewollt ein Schmunzeln der Betrachter freisetzte.

Das seelische ‘Kwashiokor’ war ein Erwachsenensyndrom mit dem Mangel an Bildung und vielleicht auch dem Mangel an Ethik. Dagegen war das körperliche Kwashiokor das Syndrom der malignen Unterernährung bei Kindern durch den chronischen Eiweißmangel. Es wurde bei Kindern auffällig durch die ausladenden Wasserbäuche auf den dünnen Stelzbeinen. Diese Kinder hielten es mit dem Leben nicht lange durch. Sie fielen um und starrten aus großen Augen in den Himmel, wenn der letzte Atemzug verwehte. Die Rippen ihrer Brustkörbe wölbten sich weit heraus. Das tiefe Mitgefühl galt den Kindern:

Ist das Wasser in den Kinderbäuchen,

schreit die Seele auf vor Schmerz.

Große Augen trüben sich zum Ende,

früh zieht der Tod ins Kinderherz.

Den zugezogenen Fenstern gegenüber

Nachdem er die Patienten in den anderen Sälen gesehen und mit kurzen Notizen in den Krankenblättern versehen hatte, geht Dr. Ferdinand zur Morgenbesprechung in das Büro des Superintendenten. Er setzt sich den zugezogenen Fenstern gegenüber. Die Klimaanlage rattert und bewegt die verbrauchte Luft des Vortages. Der Superintendent hat die schwarze Hautfarbe und ist nur wenig über die Lebensmitte hinaus. Er sitzt hinter dem großen Schreibtisch, hinter dem andere schon gesessen haben, und drückt den Telefonhörer mit der linken Hand ans linke Ohr. Er spricht englisch mit einigen Oshivambo-Zwischenbemerkungen. Es wird ein längeres Telefonat, bei dem sich die Gesichtszüge des Superintendenten spannen und wieder entspannen. Mit der rechten Hand macht er Notizen in eine Kladde vom DIN-A3-Format.

Der Superintendent ist der vierte mit der schwarzen Haut. Er folgt dem Kollegen, der im Exil in Moskau studiert hatte und nun auf dem Stuhl des ärztlichen Direktors sitzt, der als vorheriger Superintendent der schwarzhäutigen Kollegin auf dem Superintendentenstuhl gefolgt war, deren Exilsprache ebenfalls das Russische war. Diese stand nach der ersten Exilstation mit Schwangerschaft in Sambia an einem Moskauer Hospital, das der Lumumba-Universität angeschlossen war, in der gynäkologischen Ausbildung. Diese Ausbildung wurde wie bei anderen Exil-Namibiern vorzeitig abgebrochen, um nach Namibia zurückzukehren und an den von der UN überwachten Wahlen im Jahr 1989 teilzunehmen und für die SWAPO zu stimmen.

Der derzeitige und vierte schwarze Superintendent war nicht im Exil, sondern hatte an einer südafrikanischen Universität die gynäkologische Ausbildung gemacht, die er aus persönlichen Gründen, die auch mit der Politik zu tun hatten, nicht abgeschlossen hatte. Er reserviert den Dienstagnachmittag für seine Patienten mit dem privaten Untersuchungsraum im Flachbau neben der ‘Intensiv’-Station. Viele dieser Patienten kommen als Privatpatientinnen und zahlen anstandslos ihren Obulus. Von den Nacht- und Wochenenddiensten für die Patienten mit den leeren Händen, die sich das Private nicht leisten können, hatte sich dieser Superintendent ausgenommen. Damit folgte er in seiner Dienstabstinenz an der Allgemeinheit der Armen-Klasse seinem schwarzen Vorgänger.

Der Superintendent legt den Telefonhörer zurück und macht weitere Notizen. Die Zeit, wann die Morgenbesprechung beginnen sollte, ist überschritten. Einige Nachzügler treffen ein und besetzen die leeren Stühle. Es sind die kubanischen Kollegen, die die Zeit karibisch verstehen und sich regelmäßig verspäten. Sie sind die größte Gruppe und machen mehr als die Hälfte der Ärzte am Hospital aus. Die schwarze Kollegin, die vor der Unabhängigkeit sporadisch und über lange Strecken gar nicht zu den Besprechungen kam, erscheint auch nach der Unabhängigkeit nur gelegentlich und kommt dann meistens viel zu spät. Sie hat sich vom Stationsdienst im pädiatrischen Kindersaal abgesetzt und füllt nun den Posten eines Managers in der Malariabekämpfung in der Region aus. Das tut sie vom bequemen Sessel hinter dem Schreibtisch mit Telefon in einem gut klimatisierten Büro aus.

Die Gesichter der Anwesenden, die ihre Plätze eingenommen haben, sehen müde oder gelangweilt aus. Einige gähnen in den Besprechungsraum hinein, ohne sich die Hand vor den Mund zu halten. Es sind vorwiegend die kubanischen Kollegen, die so mundoffen gähnen. Der stumpfe oder satte Ausdruck in den Gesichtern steht im krassen Gegensatz zu den gespannten Gesichtern, die im selben Raum saßen, als die Granaten krachten und der Brigadegeneral von der letzten Entscheidungsschlacht sprach, in der für alle viel auf dem Spiele stand.

Davon und von den nächtlichen Ruhestörungen durch die Koevoet (Spezialeinheit der Polizei mit dem symbolträchtigen Namen ‘Brecheisen’), die das Hospital nach versteckten SWAPO-Kämpfern vergeblich absuchte, ist den verschlafenen Gesichtern jetzt nichts mehr anzusehen. Das Feuer der Angst und des Schreckens, von der Granate in Stücke gerissen zu werden, war erloschen. Damit war auch der große Geist der Hilfsbereitschaft erloschen, den es damals gab, als sich die wenigen Ärzte mit ihrem Leben Tag und Nacht für die Kranken und Verletzten einsetzten und sich bis zur physischen Erschöpfung in der Behandlung der schwarzen Bevölkerung forderten. Dr. Ferdinand erinnert sich an die müden Gesichter mit den geröteten Augen, wie sie sich in den letzten Jahren der Apartheid bei den morgendlichen Besprechungen gegenübersaßen und sich gegenseitig in die sorgenvollen Gesichter sahen.

Die Granatlöcher, Schießgräben und Inspektionsgruben an den Kontrollstellen der beiden Zugänge zum Dorf waren zugeschüttet und die Sandsäcke von den ehemaligen MG-Stellungen auf den Wassertürmen waren entfernt worden. Nur der ausgerollte Stacheldraht auf dem schmalen Weg zwischen Dorf und Hospital ist geblieben. Auch steckt noch die Holztafel mit der Aufschrift “For Whites Only” am schiefen Stock nach Passieren der fünf Caravan-Häuser am Dorfeingang neben dem Pfad. Die Löcher der Vergangenheit sind mit Geröll und Sand zugeschüttet worden. Es war unordentlich gemacht, so dass die Merkmale des Provisorischen erkennbar blieben.