Nanne - Eine Kindheit im 2. Weltkrieg und Jugend in der DDR - Marianne Heinrich - E-Book

Nanne - Eine Kindheit im 2. Weltkrieg und Jugend in der DDR E-Book

Marianne Heinrich

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Beschreibung

Nanne erlebt viel in ihrer Kindheit während des 2. Weltkrieges und später in DDR, aber sie ist mutig, schlau und meistert jede Gefahr. Nanne, geboren 1934, verlebt eine unbeschwerte Kindheit in Ebersbach in Sachsen, direkt an der Grenze zur Tschechoslowakei. Viel Zeit verbringt sie beim Spielen auf dem verwilderten Grundstück ihres Wohnhauses, ihrem verwunschenen Garten. Für Nanne ist alles in ihrem Leben ein Abenteuer. Die Auswirkungen des 2. Weltkrieges bemerkt sie in dem entlegenen Ort erst spät, nämlich als 1944 die Waffen-SS in ihren verwunschenen Garten eindringt und dort ihr Lager aufschlägt. Dann sichern Wehrmachtssoldaten die Grenze und schneiden damit die Lebensmittelversorgung der Ebersbacher ab. Durch eine List schafft es die nun 10-jährige Nanne, ihre Familie weiter mit Lebensmitteln zu versorgen. Sie freundet sich mit einem Soldaten an, der sie heimlich über die Grenze lässt. Nach einem Bombenangriff der Alliierten auf Dresden im Februar 1945 verschärft sich die Lage: Die Russen rücken immer näher an das südliche Sachsen und treiben Flüchtlingstrecks vor sich her. Auch Nanne, ihre Schwester und Mutter müssen im Mai 1945 fliehen und gelangen nach lebensgefährlicher Flucht ins sichere Böhmische Mittelgebirge, wo sie eine Familie aufnimmt. Nach der Rückkehr ins zerstörte Ebersbach und dem mühsamen Versuch, zur Normalität zurückzukommen, ziehen russische Soldaten als Besatzer nebenan ein. Nach anfänglicher Furcht gewöhnt man sich aneinander. Die jungen Russen sind harmlos, leiden auch unter der Situation und Freundschaften entstehen. Mittlerweile wird die DDR gegründet. Nanne fühlt sich immer mehr in ihrer Freiheit eingeschränkt und es wächst in ihr der Entschluss, die DDR zu verlassen. Mit 16 nimmt sie an den Welt- Jugendspielen in Ostberlin teil und nutzt den Berlin-Besuch zu einem illegalen Ausflug nach West-Berlin. Sie kehrt zurück, aber nutzt einige Jahre später als junge Frau eine gefährliche Chance zur Flucht nach Westdeutschland.

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Seitenzahl: 94

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Marianne Heinrich

Nanne

Eine Kindheit im 2. Weltkrieg und Jugend in der DDR

Autobiografische Erzählung

© 2021 Marianne Heinrich

Verlag und Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN

 

Paperback:

978-3-347-34386-3

Hardcover:

978-3-347-34387-0

e-Book:

978-3-347-34388-7

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

1. Teil

Eine zunächst unbeschwerte Kindheit

Ich heiße eigentlich Marianne, wurde aber irgendwann als Kind von meiner Mutter vorwurfsvoll Nanne genannt, nachdem ich etwas angestellt hatte. Seitdem bestand ich darauf, stets von allen Nanne genannt zu werden.

Geboren wurde ich 1934 und meine ersten Lebensjahre verbrachte ich mit meiner Mutter und meiner vier Jahre älteren Schwester Ruth in einer kleinen Wohnung inmitten eines großen, parkähnlichen Gartens, im kleinen Städtchen Ebersbach in Sachsen, direkt an der Grenze der Tschechoslowakei. Die Eigentümer dieses Parks waren Fabrikbesitzer. Meine Mutter arbeitete als Haushälterin in deren Villa.

Mein Vater war seit 1939 auf Geschäftsreise, aber wie ich erst viel später erfuhr, war er eigentlich Soldat im 2. Weltkrieg. Unsere Mutter musste uns die meiste Zeit allein großziehen und zusehen, wie sie mit uns beiden wilden Mädchen zurechtkam.

Auf dem großen Villengrundstück gab es etwas abgelegen Wiesen mit Schafen und Hühnern, einen Reitstall, einen Heuschober, einen verwunschenen Gartenteich, viele riesige Rhododendronbüsche, eine verborgene Gartenlaube, ausufernde Blumenbeete und viele uralte Bäume. Ich spielte in dieser wunderschönen Kulisse alle mir bekannten Märchen durch und war mal Dornröschen, Schneewittchen, Schneeweißchen oder Rosenrot, Rumpelstilzchen und Goldmarie.

Im Gartenteich suchte ich Frösche und warf massenhaft Steine hinein, in der Hoffnung einer würde auftauchen, sich vergolden und wäre dann mein Prinz und ich die Prinzessin. Daraus erwuchs meine große Vorliebe, Frösche zu fangen und mit nach Hause zu nehmen, sehr zum Entsetzen meiner Mutter, welche den Inhalt der gefüllten Wassergläser regelmäßig freiwillig in den Teich entsorgte, seit ein Frosch einmal in der Margarinedose gesessen hatte.

Ich weiß noch, dass ich mich sehr überwinden musste, aber habe trotzdem auch versucht einige Frösche zu küssen. Am allerliebsten aber war ich Genoveva, welche von ihrem Gemahl verstoßen wurde und mit ihrem Sohn im Wald lebte, wo sie irgendwann gefunden wurde. Mein Pferd war eine ausrangierte, rot lackierte hölzerne Gardinenstange, als Zügel dienten dicke Bindfäden. So ritt ich völlig versunken durch den Garten. Meine Schwester saß oft auf einem der hohen Bäume und las den ganzen Tag und wollte nichts mit mir zu tun haben.

Ich war ein wildes Kind und konnte mich richtig austoben. Für die richtige Umgebung hatte meine Mutter ja zum Glück gesorgt. Sie selbst ging mit ihren Kränzchendamen gern abends mal aus, meist ins Kino, ins Schaumburg.

In den Sommerferien durften wir Kinder bis etwa 21 Uhr draußen bleiben. Wenn Kinozeit war, leider nicht, da hieß es um 19 Uhr reinkommen, waschen, essen, nochmal waschen und ins Bett. Kaum war meine Mutter aber durch das kleine, hintere Gartentor verschwunden, kletterten wir Kinder durch ein Kellerfenster nach draußen. Aus den umliegenden Gärten stibitzten wir Erdbeeren, Äpfel, Birnen oder Pflaumen, eben was es gerade gab und blieben so lange auf der Wiese sitzen bis wir die Geräusche der heimkommenden Mutter hörten. Dann ganz schnell zurück und mit unseren klebrigen Schätzen ins Bett und unter die Bettdecke.

Leider flog die Geschichte irgendwann auf, nämlich als ich mit meinem Obst im Arm eingeschlafen war. Dies brachte mir am nächsten Morgen nicht nur den Ärger meiner Mutter, sondern auch den Zorn meiner Schwester ein, welche so eine wie sie sagte „dumme Göre“ wie mich nun nicht mehr einweihen, geschweige denn auf ihre Raubzüge mitnehmen wollte.

Wir Kinder mussten am nächsten Tag als Bestrafung früh und ohne Abendbrot ins Bett. Weil ich nachts noch mal raus musste, bekam ich mit, dass meine Mutter vor ihren Freundinnen unser gestohlenes Obst lobte und sie es gemeinsam aufaßen! So schlimm konnte es also doch nicht gewesen sein.

Ich hatte zum Glück auch andere Spielkameraden als meine Schwester. Isa zum Beispiel. Ihr Opa war der Firmeneigentümer. Sie wohnte in der Villa und hatte fürstliche Spielsachen.

Das Tollste war ein feines, großes Puppenhaus und ein richtiger Kaufmannsladen. So etwas kannte ich nicht und ich war sehr stolz, dass ich, die kleine Nanne, damit spielen durfte. Eines Tages lag in der Kaufmannsladenkasse richtiges Geld, da das Spielgeld verloren gegangen war. Als Isa nicht guckte, konnte ich der Versuchung nicht widerstehen und habe ein 2-Pfennigstück in meiner Schürzentasche verschwinden lassen. Mein Gewissen hat mich dann aber so geplagt, sodass ich das Geld in einem unbeobachteten Moment wieder zurückgelegt habe.

Diese schönen Tage waren bald zu Ende, denn wir mussten umziehen, da meiner Mutter die Arbeit zu schwer geworden war. Sie fand eine Tätigkeit in einem Buchladen, aber wir konnten leider nicht in der an die Villa gebundene Wohnung bleiben. Bekannte meiner Mutter räumten unsere Wohnung leer, trugen die Möbel samt ganzem Hausrat in die hinterste Ecke des riesigen Gartens und sämtliches Umzugsgut wurde einfach über den Gartenzaun gehoben und schon waren wir auf den Wiesen des neuen Zuhauses. Dies war ein altes Oberlausitzer Umgebindehaus, was zum Glück auch in einem sehr weitläufigen, romantischen und ebenfalls verwunschenen Garten stand.

Meine Mutter wollte für uns unbedingt wieder ein Zuhause mit großem Garten und vielen Spielmöglichkeiten haben, aber so hatte sie sich wieder viel Arbeit ums Haus aufgebürdet. Sie war eine zierliche, kleine, aber unglaublich tüchtige Person, die mit ihrer Energie alles meisterte und genau wusste was sie wollte.

Unser neues Zuhause war ein Zweifamilienhaus und unsere Vermieterin, Fräulein Adler, war schon ziemlich alt. Sie hatte früher als Gouvernante in der Schweiz gearbeitet, was wir Kinder oft deutlich zu spüren bekamen.

Kriegsspiele

Nun wohnten wir also in Ebersbach in der Bahnhofstraße im letzten Haus direkt an der deutschtschechischen Grenze. Es war 1942 und meine Mutter verheimlichte vor uns Kindern, dass es einen Krieg gab. Es gab kein Fernsehen und das Radio, den Volksempfänger, schaltete sie erst spät am Abend an als wir schon im Bett lagen.

Ich war nun 8 Jahre alt und lebte ziemlich sorglos in den Tag hinein. Meine Hauptbeschäftigungen waren neben der Schule Märchen nachspielen und Geschichten ausdenken.

Doch dann passierte etwas Merkwürdiges. Direkt hinter unserem Gartenzaun fiel das Gelände in einem Hang steil ab und unten befanden sich Tümpel und Weidensträucher. Direkt dahinter war die deutsch-tschechische Grenze. Dort hatte sich auf jeder Seite jeweils eine jugendliche Bande gebildet, welche sich gegenseitig mit irgendetwas bewarf. Neugierig schaute ich mir von unserem Grundstück aus den Kampf an, denn die Rufe: „Sachsche Gaugen!“ und „Biehmsche Schweine!“ gingen lautstark hin und her. „Was spielt ihr denn ihr da?“, fragte ich einen Jungen auf der deutschen Seite. „Krieg“, erwiderte er. Ich wusste zwar nicht, was das genau bedeutete, aber wollte unbedingt mitspielen. Sie ließen mich dann mitmachen. Unsere Munition bestand aus kleinen Erdklumpen. Für die Herstellung waren ein weiteres Mädchen und ich zuständig. Wir gruben eifrig im Lehmboden des Hanges und formten mit Wasser aus den Tümpeln kleine Lehmkugeln, welche in der Sonne schnell trockneten und hart wurden. Diese packten wir dann in unsere Schürzen und brachten sie an die „Front“ auf den Hang. Die Verpflegung musste auch herangeschafft werden und so wurde durch Zaunlücken in den Nachbargärten geräubert was die Saison so hergab. Unser Kriegsspiel war nicht ungefährlich und es gab kleinere Verletzungen, aber am Ende des Tages stand dann der Sieger fest, mal auf der einen, mal auf der anderen Seite. Die Bedeutung von Krieg und dessen schreckliche Auswirkungen wurden mir erst viel später bewusst.

Anstrengende Waschtage

Wir hatten ein Waschhaus mit einer Wäschewinde, einem großen Trog und natürlich einen Waschkessel. Die Waschtage kündigten sich für uns Kinder immer durch große Hektik an: Es wurden große Wäschekörbe aus den oberen Schlafzimmern und vom Boden nach unten geschleppt, dann wurde sortiert, Kochwäsche und Buntes. Kein einziges schmutziges Wäschestück durfte liegen bleiben.

Solche Waschtage setzten Planung und Lust zum Arbeiten voraus. Sie waren Schwerstarbeit und nicht einfach so zu wiederholen, außerdem war die Einschätzung des Wetters wichtig, denn es konnte leider kein 5-Tage-Wetterbericht abgerufen werden.

Tage vorher wurde Feuerholz gehackt. Dann in allen verfügbaren Wannen die schmutzige Wäsche schon mal eingeweicht. Am nächsten Morgen ging es dann richtig los, im Waschkessel wurde zuerst die Waschlauge bereitet, dann kam zunächst die weiße Wäsche hinein und während sich die Waschlauge langsam erwärmte und irgendwann zu kochen anfing, musste man kräftig mit einem Holzstock die Wäsche umherwirbeln und sehr aufpassen, dass man sich dabei nicht verbrühte. Es war sehr heiß und den Geruch der dampfenden Brühe werde ich wohl nie vergessen.

Währenddessen kam auf eine kleine Holzbank ein sogenannter Waschzuber, an diesem wurde eine Wäschewinde befestigt. Aus Sicherheitsgründen musste dann aber erst einmal die Wäsche etwas abkühlen, dazu füllte man einige Eimer kaltes Wasser nach. Stück für Stück mussten dann die einzelnen Wäschestücke aus dem Kessel gezerrt und durch die Wäschewinde gekurbelt werden. Das war nicht nur heiß, sondern auch schwer.

Dann ging es endlich aus dem stickigen Waschhaus hinaus auf die Wiese, auf die sogenannte Bleiche. Fein säuberlich wurden nun die einzelnen Wäschestücke ausgebreitet und der Sonne ausgesetzt. Wir Kinder hatten nun die Aufgabe möglichst oft mit schweren Gießkannen zwischen den ausgelegten Wäschestücken umherzubalancieren um die Wäsche zu besprengen, denn diese durfte auf gar keinen Fall zu trocken werden, denn dann gab es hässliche Flecken auf der schönen, weißen Wäsche.

Gegen Abend kam die Wäsche in die große Zinkbadewanne und in einen Holztrog. Dort wurde sie gründlich und mit viel Mühe gespült, ausgewrungen und wenn es das Wetter erlaubte im Garten, sonst aber auf dem Boden auf langen Wäscheleinen aufgehängt, dabei musste man aber auch aufpassen, dass man nur saubere Holzklammern erwischte.

Am nächsten Tag wurden große Wäschestücke wie Bettzeug und Tischtücher aussortiert und dann kam das Wäschelegen, das war fürchterlich, denn meine Mutter war dann immer sehr angespannt und ungeduldig.

Zwischen mir und meiner Mutter befand sich ein großes Wäschestück, jeder hatte zwei Enden in den Händen. Dann wurde gezogen und gezerrt, möglichst auch schräg und wenn einem so ein Ende aus den Händen flutschte, weil man als Kind nicht genug Kraft hatte, gab es Schimpfe, das war das Mindeste. Dann wurden die Wäschestücke beim aufeinander Zugehen zu zweit zusammen gelegt.

Mit endlich sauber zusammengelegter Wäsche ging es dann auf die sogenannte Rolle. Diese stand in einem Haus in der Bahnhofstraße und war ein großes, hölzernes Ungetüm was aus Rollen bestand und einen geradezu angsteinflößenden Lärm verursachte. Hier wurden dann die zusammengelegten Wäschestücke möglichst akkurat ausgebreitet und die Wäsche wurde gemangelt. Danach glänzte und duftete sie und war endlich schrankfertig.

Sonnabend war Badetag. Ich erinnere mich an die große Zinkbadewanne, welche dann aus dem Waschhaus in die Küche geschleppt wurde. Auf dem Ofen und dem Gaskocher wurden große Töpfe mit Wasser erhitzt, dann wurden die Schlüssellöcher und die Glasscheiben an den Türen mit Handtüchern verhängt. Dann begann das Baden. Einer nach dem anderen, zuerst meine Mutter, dann meine große Schwester – und zuletzt ich, die Jüngste. Meine Schwester und ich bekamen zu unserem Bad einen zusätzlichen Topf heißes Wasser in die Wanne gekippt, ansonsten blieb das Wasser der Vorbaderin drin.

Nach dem Baden ging es immer sofort ins Bett, welches im Winter immer durch eine schöne tönerne Wärmflasche vorgewärmt war.

Obwohl wir manchmal wenig zu essen hatten, war meine Mutter immer sehr einfallsreich beim Kochen. Deshalb war