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Die Autorin erinnert sich in ihrem Buch an die Jahre 1980 bis 1992, in denen sie in Kenia lebte, wohin sie ihren beiden Söhnen folgte. "Ich hatte eine Schneiderei in Afrika" ist der Leitgedanke durch zahlreiche Erzählungen über das sinnliche Erleben einer andersartigen, faszinierenden Welt. Mit viel Humor und Blick für das menschliche Dasein, nimmt sie den Leser mit auf ihre ureigene Reise durch fremde Kulturen, atemberaubende Naturlerlebnisse und spannende Begegnungen
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Seitenzahl: 367
Veröffentlichungsjahr: 2017
Für meine Kinder und Enkel
Peter, Thomas und Caroline
Ismael, Laufer, Ludwig und Johannes
Christa Sollacher
FASZINATION AFRIKA
Erzählungen
© 2017 Christa Sollacher
Umschlag, Gestaltung
Kristina Drexel
Verlag: tredition GmbH, Hamburg
978-3-7439-0045-5(Paperback)
978-3-7439-0046-2(Hardcover)
978-3-7439-0047-9(e-Book)
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Es ist wie ein bittersüßer Fluch, daß man von diesem Land nicht mehr loskommt. Es hat Schönheiten, es hat Härten, es fasziniert. Dies ging nicht nur Tania Blixen so und ihr Buch „Afrika dunkel lockende Welt“ entstand mit Sicherheit nicht nur aus der Phantasie ihrer Träume heraus.
Tania Blixen lebte im kenianischen Hochland im Feudalstil der Kolonialzeit nach der Jahrhundertwende und ihr Buch beginnt „Ich hatte eine Farm in Afrika am Fuße der Ngong Hills“.
Ich lebte an der kenianischen Küste am Ende des letzten Jahrhunderts, der Feudalstil der Kolonialzeit hing nur noch in der Luft und mein Buch beginnt...
„Ich hatte eine Schneiderei in Afrika am Rande des Indischen Ozeans“.
Neunzehnhundertdreiundsechzig wurde Kenia unabhängig, die verbliebenen Engländer leben auf ihren Besitzen und werden respektvoll toleriert. Die Inder machen immer noch den Großteil der Geschäftsleute aus. Zu diesen haben sie sich avanciert, nachdem sie um die Jahrhundertwende zum Bau der Eisenbahn von Tansania nach Uganda ins Land geholt worden waren. Geschäftstüchtige Europäer haben geholfen und helfen, den Tourismus in Gang zu bringen. Sie tragen zu dem Erfolg der Wirtschaft bei. Kenia ist ein Musterland der Wirtschaft in Afrika und kann auch als Musterland des Friedens in der Welt bezeichnet werden. Es leben hier Afrikaner, Asiaten und Europäer in beispielhafter Friedfertigkeit zusammen.
Ich lebte in Kenia von neunzehnhundertachtzig bis neunzehnhundertzweiundneunzig, nachdem ich meinen Söhnen, die dort lebten, gefolgt war.
Ich hatte eine Maßschneiderei direkt am Indischen Ozean. In dieser Zeit wurde meine Faszination geboren, die mich auch nach meiner Rückkehr nach Deutschland nicht mehr losließ. Ich wußte, ich hatte auf dem Dach der Welt gestanden und ohnmächtig blieb mir nur noch, meine Türen nach Süden zu öffnen.
Ich begann Bücher über Afrika zu lesen und startete eine Spendenaktion für einen fröhlichen Kindergarten am Strand des Indischen Ozeans. .
Ich wurde mehr und mehr erfüllt von einer Sehnsucht nach Afrika, die nur erträglich wurde, wenn ich sie sprechen ließ und ihre Worte aufschrieb. Und so fing ich zu schreiben an über das Land Afrika, über mein Leben dort, über mein Geschäft und unseren Hund, über das Zusammenleben mit meinen Söhnen und mit meiner Tochter, das Zusammenleben mit Afrikanern und europäischen Freunden, über mein Zuhause, das ich dort fand in einem indischen Haus, über die Vielfalt meiner Erlebnisse.
Das Manuskript schildert eine bunte Palette meines phantastischen Lebens dort. Es ist dies mein erstes Manuskript, das ich schreibe, obwohl ich bereits mehrere angefangen habe. Die Faszination für Afrika macht mich jedoch ungeduldig und drängt mich, meine Gedanken über das Leben dort als allererstes zu Papier zu bringen.
Ich glaube, daß durch mein Geschriebenes ein Atem geht, der die Wirklichkeit des Erlebten spüren läßt und über dem die Verklärung meiner Sehnsucht liegt.
AFRIKA
wo bist du
ich fühle dich nicht mehr
deine Wärme
die mir so gut tat
deine tropische Wärme
die mich umhüllte
wie ein warmer
feuchter Umschlag
der meine Glieder
umschmeichelte
und sie nicht
schmerzen ließ
ich spüre dich nicht
ich kann dich nicht
einmal erahnen
AFRIKA
ich schmecke dich nicht
deine Mango
die so köstlich war
sie fehlt mir
bei meinem Frühstück
das leer ist ohne sie
AFRIKA
ich genieße dich nicht
und meine Füße nicht
die sich so gerne
auf deinem weichen warmen
wohligen Sand bewegten
AFRIKA
ich sehe dich nicht
deinen Tag mit dem
verschwenderischen Licht
und mit der Fülle
Deiner Blütenpracht
und nicht deine Nacht
in ihrer südlichen Einmaligkeit
AFRIKA
ich höre nicht
das Tosen deines Meeres
und nicht
das Wispern deiner Palmen
ich rieche nicht
deine herbe, salzig feuchte Luft
die mich stärkte und beschwingte
AFRIKA
du fehlst mir
Ich hatte eine Schneiderei in Afrika am Rande des Indischen Ozeans. Und wenn die Flut kam, dann kam es vor, daß die Ausläufer jeder siebenten Welle, gemäß dem Gesetz der Natur, auf meine Terrasse kamen.
Sonst trennte mich vom Meer ein breiter, weißer Sandstreifen auf dem es eine Wohltat war, barfuß zu laufen.
Man hörte das ferne Tosen vom Riff, wo sich das Wasser tiefdunkel brach, um sich zu einer schneeweißen Gischt aufzubäumen. Vom Innenriff zum Ufer hin zauberte das Meer eine einmalige Farbpalette vom dunkelsten Grün über Türkis bis hin zu einem hellen, zarten. Die steilstehende, gleißende Sonne produzierte zusammen mit dem Wind und den Wellen ein Funkeln, wie das von Millionen Smaragden.
Das Wasser des Meeres war weich und warm und ein Bad glich einer schmeichelnden Umarmung.
Vom Ende des Meeres, wo am Morgen wie ein glühender Ball die Sonne aufging bis dorthin, wo sie am Abend hinter den Palmen wieder orangerot verschwand, erstreckte sich ein halbes Jahr lang den ganzen Tag über ein tiefblauer Himmel.
Es lohnte sich am Morgen dem Wecksingen der vielen bunten Vögel nachzugeben, um sich das Naturschauspiel „Sonnenaufgang“ anzusehen. Glutrot stieg der mächtige Sonnenball aus dem Meer und tauchte das ganze gewaltige Naß und den verblassenden Himmel der Nacht in seine Farbe. Und wenn das Meer tobte, dann glich der Anblick einem riesigen Feuerwerk. Die Dämmerung war in diesem Land nur sehr kurz und es war, als würde am Morgen nach dem Sonnenaufgang das Licht angeschaltet und am Abend nach dem Sonnenuntergang wieder ausgeschaltet werden. Und bedeutete das Anschalten am Morgen den Anfang eines strahlenden Sonnentages, den der Wind an der Küste nur noch angenehmer machte, so begann am Abend die große, geheimnisvolle Tropennacht. Nur der südliche Sternenhimmel ist von solch intensiver Leuchtkraft und Vielfalt und der Mond, der gleich der Sonne wie ein Feuerball aus dem Meer stieg, färbte sich über orangegold bis zu einem blassen Silber um dann inmitten seiner Sterne steil über dem Meer zu stehen.
Nachts huschten viele tausend Krebse über den Strand, die blitzschnell in ihren Gängen verschwanden. Sonst zeigte sich nichts und niemand und es herrschte absolute Stille.
Hinter meinem kleinen Haus, in dem die Schneiderei untergebracht war, erhoben sich majestätisch Palmen, die Könige der Bäume, und die Bougainvilleas lieferten mit ihrer verschwenderischen Pracht die Farben. Die Francipanen spendeten den Duft, der der Fülle der Blüten wegen über der ganzen Küste lag. Es gab jedoch auch Bäume mit dem lichten, zarten Laubwerk, die keine Kuppeln und Kronen haben, sondern waagerechte Schichten und als Vater der Bäume wuchs überall der Baobab, der Affenbrotbaum. Er war groß und dick und eigenwillig mit einem glatten Stamm und wenn er schlafen wollte, dann warf er alle seine Blätter ab, auch wenn alle anderen Bäume und Sträucher in voller Blüte standen und nur die Früchte hingen an ihm herab, wie Ohrringe mit tropfenden, braunen Samtsteinen.
Den Baobab verglichen die Einheimischen mit Menschen. Keiner glich dem anderen. Sie standen mächtig da, wie Rubensfiguren.
Das Gras war trocken und grob und die Blumen erschienen in den irdenen Farben der Strohblumen. Nur den Einbruch der Regenzeit eröffneten üppige blühende, leuchtende Blumen, unseren Frühlingsblumen gleich.Dort, wo die Sonne unterging, lagen die Shimba Hills, ein sanftes Gebirge, bis zu welchem sich die wilden Tiere zurückgezogen hatten, die bis vor vierzig Jahren noch an der Küste lebten.
Die Shimba Hills waren durch ihre zarte Hügelung von großer Weite und Schönheit. Die üppige Vegetation und das Vorkommen von genügend Wasser ließ die Tiere in einem Paradies leben. Große Büffelherden, die ihrer Trägheit wegen von weitem wie betonierte Skulpturen aussahen, wechselten ab mit quicklebendigen, elegant springenden Antilopen. Die Giraffen schritten majestätisch, gefolgt von ihren Jungen durch die Landschaft und wenn man die Elefanten so hintereinander, große und kleine, gehen sah, dann meinte man, vor einer langen Borte zu stehen. Hier gab es keine Löwen mehr. Ein Bewohner der Küste jedoch sagte mir, er habe einen Leoparden gesehen.
Von den Höhen der Hügel sah man das Meer und die Kette der Hotels mit ihren runden, spitzen Makutidächern, die etwa fünfzehn Kilometer östlich lagen.
Die Erde war rot und fein und wie rote Bänder zogen sich die Straßen durch das Land. Auf diesen begegnete man den anmutig schreitenden, wassertragenden Afrikanerinnen, die mit ihren farbenfrohen Tüchern bunte Tupfer in die Landschaft setzten. Auf dem Rücken trugen sie ihr Kind, das in dem gleichmäßigen Rhythmus ihrer Bewegungen schlief und trank und wuchs. Die Anmut ihres Ganges entstand durch die ständig tragende Last auf ihren Köpfen und das dadurch erforderliche Balancieren müssen.
Und war es kein Gefäß mit Wasser, dann war es ein Bündel Feuerholz das sie trugen.
Two sticks are stronger than one
Zwei Stöcke sind stärker als einer
Afrikanisches Sprichwort
Erst auf dem Rückweg vom Flughafen in Wien nach unserem Zuhause in Oberbayern wurde mir bewußt, daß etwas Entscheidendes passiert war. Meine beiden Söhne Klaus und Frank waren aus unserem Nest geflogen, einem fernen, abenteuerlichen, exotischen Ziel entgegen.
Alles was in den letzten Monaten geschehen war, war so verrückt und chaotisch gewesen und hatte Emotionen keinen Raum gelassen, nicht zuletzt dem Enthusiasmus meiner Söhne wegen, der so stark war, auch mich zerstörerisch mitzureißen.
Erst jetzt, nachdem ich allein war mit meiner Tochter Charlotte, spürte ich, daß der heftige Entschluß meiner Söhne nach Kenia zu gehen, um eine Wassersportschule zu eröffnen, bedeutete, daß ein wichtiger, wunderschöner, mich sehr erfüllender Abschnitt unseres gemeinsamen Lebens zu Ende war.
Frank hatte das Glück gehabt, seinem immerwährenden Traumberuf, dem eines Sportlehrers auf der Spur zu sein. Nun hatte er sein Studium für Sport und Englisch im sechsten Semester abgebrochen für etwas, was eine große, schimmernde Seifenblase hätte sein können. Klaus wollte Maschinenbauer werden und hatte sich dafür alle Voraussetzungen geschaffen gehabt und nun saßen sie in einem Flieger, der sie in eine andere Welt flog, zusammen mit der Ausrüstung, für das sie die schillernd sie umgebenden Dinge aufgegeben hatten, die ihre Welt gewesen waren.
Schmerzlich dachte ich daran, wie es dazu gekommen war.
Sie wollten einen Urlaub nach Korsika buchen, sie wollten mit den Motorrädern nach Korsika fahren jedoch die Fähre war ausgebucht, und scherzhaft bot ihnen die Dame im Reisebüro eine günstige Reise nach Kenia an. Diese buchten sie.
Das Hotel sollte jedoch nur romantisch sein, nicht genug für zwei sportliche, allein reisende junge Männer und mit Eigeninitiative und Kreativität, glichen sie die fehlenden Möglichkeiten für sportliche Aktivitäten aus. Vielleicht surften sie auf Balken und fuhren Wasserski auf den Fußsohlen gezogen von einheimischen Einbäumen.
Vielleicht sahen sie sich den Meeresboden ohne Hilfsgeräte an und schwärmten noch dazu davon. Vielleicht flogen sie mit Sonnenschirmen über Meer und Strand, von ihren Sprung- und Schwimmkünsten ganz abgesehen die sie als aktive Schwimmer nur zu gut beherrschten.
Sie fielen auf, nicht nur den Hotelgästen, sondern auch dem Hotelbesitzer, der ein Deutscher war und, sie kamen von dieser Reise zurück mit einem Vertrag, in dem ihnen noch dazu wohlwollend mehr Recht als Pflicht zugedacht war. Er verpflichtete und berechtigte sie, eine Wassersportschule in diesem Hotel zu führen.
Bereitwillig hatten sie sogleich ihre Porsches verkauft, die sie fuhren, denn längst schon hatte Frank auch Klaus mit seiner Porscheleidenschaft angesteckt gehabt und zudem trennte sich Frank von „dem Stück seines Herzens“, von dem er sich niemals trennen wollte, einen 356er Porsche Cabriolet, fein restauriert, woran er arg schluckte. Ich weiß nicht, ob ein Jahr reichte, in dem er in der Garage gestanden hatte neben seiner Schule und gebohrt, entrostet, geschweißt, geschraubt und geölt hatte. Das Ergebnis war ein Wunder gewesen, der 356 ER, mit neuem Dach, mit neuem Innenleben, natürlich neu gespritzt, nur die Ledersitze waren original geblieben. Nicht nur er, sondern unsere ganze Familie war schmerzlich betroffen, als der Schweizer Käufer mit dem kleinen Juwel den langen Berg aus unserem Tal hoch und davon fuhr.
Nun kauften sie ein, wozu sie die Bootsmesse in Friedrichshafen besucht hatten: viele, viele Dinge wie Surfbretter, ein Wassermotorrad, einen riesengroßen roten Fallschirm, Tauchausrüstungen und als Krönung: ein Boot, dessen hohe PS-Zahl ihnen die Porsche auf dem Meer ersetzen sollte.
Mit all den Dingen flogen sie nun durch die Nacht, nur das Boot war verschifft worden und weil damals der Suezkanal wegen Kriegseinwirkungen nicht schiffbar war, nahm es den weiten Weg um das Kap der Guten Hoffnung, der viel zu lange dauerte. Es wurde von meinen Söhnen später ungeduldig und sehnsüchtig erwartet und unvorstellbare Zollformalitäten hatten ihre Geduld auf das äußerste gesteigert gehabt. Ein Agent hatte diese Formalitäten für sie erledigt und es kam der Tag, an dem ein Lastauto das Boot endlich an die Küste brachte.
Ich werde mich immer daran erinnern, wie wir zu spät auf dem Flugplatz in Wien ankamen. Die Fracht war uns vorausgefahren und das Warten des Repräsentanten des Reiseveranstalters, mit dem Frank und Klaus lange telefonische Verhandlungen geführt hatten, galt nur noch ihnen.
Unschwer waren wir offenbar zu erkennen gewesen, als wir die schon leere Halle betraten und dieser auf uns zukam um uns zu begrüßen. Erstaunt über die große Anzahl der, meine Söhne Begleitenden regte er uns alle an, recht bald auch nach Kenia zu fliegen. Es war ein Novemberabend „und Weihnachten“, sagten sie zum Abschied, „kommen wir nach Hause“. Doch nur Klaus kam, denn es war Hochsaison in Kenia und daß nur einer kam, war bereits zu viel.
Beide wußten bis zum Schluß nicht, wer fliegen würde, denn Klaus zog erst am Vorabend des rechtzeitig gebuchten Fluges das ganze Streichholz, während für Frank das verbleibende Halbe bedeutete, Weihnachten allein in Kenia zu sein.
Ich wußte nicht, daß es so schwer sein sollte, ein Weihnachtspaket, allerdings in so kurzer Zeit nach Kenia zu schicken. Es bedurfte vieler Telefongespräche, es bedurfte vieler Erklärungen, Bitten und Versprechen und dennoch wurde es eine Sendung ins Ungewisse. Gewiß war, daß es meine Mutter nach Zürich brachte und dort auf dem Flugplatz einem Herrn Meier übergab. Es war ein großes als Geschenk verpacktes Paket, mit einer ebenso großen roten Schleife darauf. Ich hatte auf beiden Seiten in deutscher und englischer Sprache jeden, der es in die Hand bekam gebeten, mitzuhelfen, daß es auf den Flugplatz nach Mombasa komme, daß es dann weiter in den hoteleigenen Bus gebracht werden sollte und dann weiter und weiter zu Frank.
Mein Dank an jeden einzelnen waren fröhliche, fröhliche Weihnachtswünsche.
Dies war 1979...
Bald waren Charlotte und ich nach Kenia gereist. Ungeduldig hatten wir den Nachtflug hinter uns gebracht und dem ersten großartigen südlichen Sonnenaufgang im Flugzeug gar nicht genug Beachtung geschenkt. Als wir ausstiegen nahm uns die feuchtheiße Luft fast den Atem.
Beide standen sie hinter der Glasscheibe und Klaus sein durch die Sonne voll erblondetes Haar leuchtete, während Frank der dunkle, nur mit dezent aufgehellten Spitzen aufwartete. Lebhaft und freudig zeigten sie uns so vieles, was wir an diesem allerersten Tag gar nicht aufnahmen. Ich erinnerte mich später nur an die großen Elefantenzähne, dem Wahrzeichen Mombasas, durch die sie uns auch gefahren hatten. Wir drängten dem Hotel zu, dem neuen Zuhause von Frank und Klaus, die auf dem Gelände desselben, ein kleines Haus bewohnten. Nach einer viel zu langen Zeit, wegen des Aufenthalts auf der Fähre, über die wir die Insel Mombasa verließen, erreichten wir endlich nach einer Fahrt in gleißender Sonne die Südküste von Kenia.
Wir standen plötzlich in der großen, atemberaubenden Halle des Hotels, dessen Betreten übergangslos und unmerklich von den Wegen zwischen der üppigen Vegetation geschehen war. Nur die tütenspitzen Makutidächer hatten aus dieser herausgeragt, die jedoch auch übersät waren von farbenprächtigen Bougainvilleblüten.
Die Landschaft hatte das Hotel zu dem ihren gemacht, sie hatte es akzeptiert, integriert, aufgesogen. Nun standen wir unter der riesengroßen umgekehrten Tüte des Daches, wir waren umhüllt von dem gewaltigen Zauber, von samtiger, mattschimmernder Luft und von angenehmer Kühle. Wir sahen kleine Sonnenreflexe zwischen den malerischen Pflanzen, die seitlich das gewaltige Dach säumten, das von einer riesigen offenen Konstruktion von dekorativen runden Holzbalken getragen wurde. Aparte exotische Mädchen in bunter Kleidung, die Uniformen darstellten, leuchteten in dem nie erlebten Ambiente wie strahlende Tupfer und die ebenholzfarbenen Männer gaben stilvoll die Kontur. Freundlich und still war hier alles und zauberhaft.
Als wir später ausgeruht das ganze Areal erkundeten, glich dies einem Abenteuer, denn durch Jahrtausende waren Korallen interessant zu Stein geworden Die ganzen, mit so viel Gefühl, Einfühlungsvermögen, Respekt der bestehenden und somit belassenen Natur gegenüber und zudem mit viel Geschmack errichteten Einrichtungen und Häuser bewegten sich auf vielen Ebenen, die anheimelnden Treppchen, Stege und Wege verbanden. Wasser rieselte von Korallenwänden, das aufgefangen wurde in den natürlichen Becken der Natur, aus denen lediglich der Sand entfernt worden war, der sie im Laufe der vielen Jahre angefüllt hatte.
Hier rankten verschwenderisch Wasserpflanzen, in denen exotische Vögel sangen und bunte Fische schillerten in glitzerndem Naß. Nach verheißungsvollen Stufen eröffneten sich jeweils andere Überraschungen. Sei es die Diskothek in einer Korallenschale mit so üppiger Flora, die den Himmel nur noch erahnen ließ, sei es der Swimmingpool, der wie ein Nest inmitten von exotisch bewachsenen natürlichen Wänden auch abends und nachts eine herrliche Oase der Wärme war, nicht nur weil die schützenden Wände dem aufkommenden Wind trotzten, sondern auch ihre am Tag aufgespeicherte Wärme abwarfen.
Durch zwei enge Felsen, zwischen denen Stufen wieder weiter nach unten führten, erreichte man die Wassersportschule meiner Söhne und hier begrüßten uns Saidi, Ali und Mtoto, ihre damaligen, allerersten Mitarbeiter.
Saidi war ein Mzee, was alter Mann heißt oder besser, es hatte ein Alter angefangen, ab dem ihm unbedingter Respekt gebührt. Mtoto heißt Kind und Bakari, so hieß er wirklich, war noch jung und wurde scherzhaft von den beiden anderen Kind genannt. Ali war ein junger Mann mit Familie.
In dem großen, erhaben angeordneten Speisesaal mit einem riesengroßen eigenen Dach, herrschte ein unbeschreiblicher tropischer Zauber. Er schien überfüllt mit leuchtenden Blüten und die Räume zwischen den Balken unter dem Dach gewährten einen umwerfenden Ausblick auf den Indischen Ozean, der sich hier türkisfarben mit kleinen weißen tanzenden Schaumkronen ausbreitete. Hier stand ein Tisch für uns bereit mit einem Kärtchen, auf dem „Welcome Franks Family“ stand. Wir waren Gäste des Hauses. Daß nur Frank erwähnt war, drückte den Respekt dieses Landes dem Älteren gegenüber aus. Sogleich war ich auch für die Angestellten, die uns so freundlich umsorgten, die „Mama Frank“. Diese Betitelung erscheint uns sehr fremd. Schnell erkennt man jedoch, daß dies die Respektsbezeichnung für die Frau eines Mannes oder der Mutter eines Sohnes ist, wobei die „Mama Kenyatta“ bis zu uns hin bekannt war.
Weiter auf unserer Erkundungstour fanden wir eine Grotte, eigentlich ein bizarres Loch im Korallenuntergrund, dessen oberer Abschluß wieder von einem Meer von Blüten gesäumt war, durch das Stufen nach unten führten und in dem unter dem eindrucksvollen Himmel des Südens für diese, die immer zahlreicher wurden. Hier gab es nun eigenes Personal für diese mit eigener Küche. Heute gibt es das alte Haus nicht mehr. Hier ragen jetzt zwei mächtige spitze Schirme in den Himmel, die Häuser von Frank und Klaus, die Appartementanlage ist in ein stimmungsvolles Divers Village umgebaut worden, dies ist ein kleines exklusives Individualhotel für ebensolche Tauchreisen, das umgebaute Cottage ist für private Besucher bestimmt, die europäischen Mitarbeiter wohnen in anderen angemieteten Häusern.
Die Schulen sind getrennt, wobei Frank die Surf- und Klaus die Tauschulen führt. Die erforderlichen Schiffe zum Tauchen und für Exkursionen baut Klaus selbst.
Frank surfte als Individualist und später auch als Oldie dieser Szene, die sich jetzt weitgehend aufgelöst hat, im World Cup mit in eigener Werkstatt hergestellten Segeln.
Eine anfangs kometenhaft aufgestiegene „ Watersports Pro Wear“-Herstellung sollte an ihrem eigenen Erfolg scheitern. Sie schlug mit attraktiven „Surf-Quickdry“, Hosen und Westen, deren äußerst geschmackvolle Designs von Frank stammten, auch auf deutschen Messen so sehr ein, daß die Herstellung in der eigenen Schneiderei mit immerhin 40 Schneidern nicht mehr gewährleistet war. Zudem ergaben sich unüberwindbare Export- und Zollprobleme.
Die Weiterführung hätte eine zu große Konzentration erfordert, die beide nach Überlegungen ihren Wassersportunternehmen widmen wollten. Die Idee hierzu war entstanden damals, am Anfang in dem Hotel mit dem ersten Vertrag, in dem sie noch selbst Surf- und Tauchlehrer gewesen waren und als diese arbeiteten.
Sie fühlten sich in den Badehosen, die damals auf dem Markt waren und von denen viele und in allen Farben in meinem allerersten Weihnachtspaket waren zusammen mit dem Meerwasser nicht wohl. Hamisi, der Chef der Hotelschneiderei, der die Segel zusammengeflickt hatte, ein Vorkommnis, das ich später beschreibe, fing an, ihnen Baumwollshorts zu nähen. Die Baumwolle war zwar sehr hautverträglich, trocknete aber nur langsam. Aus diesen Erfahrungen fanden sie einen Stoff bei den Händlern in Mombasa, der hautverträglich war, sehr schnell trocknete und naß wie trocken einen guten Stand behielt. Eine Westenherstellung, die ich erst kürzlich noch auf einem Bild einer Strandszene von Hawaii erkennen konnte folgte der Herstellung der Hosen.
Ich kam für immer länger werdende Aufenthalte nach Kenia. Ich liebte es vom ersten Moment, spätestens von da, als ich das Hotel betreten hatte.
Ich eröffnete mein Geschäft, eine Schneiderei im Anschluß an eine Modenschau, die ich eigentlich nur aus Spaß veranstaltet hatte.
Trotz meiner Aufgaben in Afrika verbrachte ich immer wieder lange Zeiten in Deutschland.
Unsere gemeinsame Sprache
würde der Wind sein
und die Seiten des Buches
würden die Segel der dahinfliegenden Schiffe sein
gehört von Frank
Kenia bietet ein kosmopolitisches Ambiente und gerade dieses macht dieses Land interessant und liebenswert. Es ist zweimal so groß wie Deutschland, ist jedoch nur mit einem Viertel so vielen Menschen besiedelt.
Amerika ist das Paradebeispiel für Kosmopolitismus, es ist das Land der vielen Völker. Trotzdem ist die Vorstellung, die man von einem Amerikaner hat, ein weißer Mann. Als ich erst kürzlich durch New York ging, sah ich sie alle, Chinesen, Inder, Israelis, Indianer und Schwarze. Ich sah sie in den Trachten ihrer Abstammungsländer. Diese müssen mich irritiert haben, denn ich stellte mir in diesem Gemisch, das die Szene beherrschte, plötzlich die Frage „und wo sind die Amerikaner” und lachend gab ich mir selbst die Antwort „es sind sie alle, es sind sie alle”. Wenn man in Amerika also von der Vorherrschaft der Indianer absieht, die es nicht mehr gibt dann braucht niemand von niemandem toleriert zu werden, denn „es sind sie alle“. Das Gemisch an Kulturen in Kenia wird jedoch bewundernswert von den Afrikanern toleriert und sie leben beispielhaft eine Vielvölkerschaft vor, die allein auf deren Friedfertigkeit beruht.
Sie selbst setzen sich zusammen aus ehemaligen Nomadenstämmen, die sich in dem fruchtbaren Land Kenias seßhaft machten. Der letzte umherziehende Hirtenstamm ist der der Massai, der zwar immer noch umherwandert, jedoch nur noch in Kenia. Natürlich gab es auch hier Urstämme und immer wieder welche, die hier einfielen und blieben, denn Wandern ist von jeher der Menschen Fluch oder Segen. Es waren jedoch alle Afrikaner. Ein halbes Jahrtausend zurück hinterließen hier als erste weiße Portugiesen nicht nur ihre kulturellen Denkmäler, die heute noch vorhanden sind, nein es gibt auch noch exotisch gewordene Nachkommen von ihnen.
Hauptsächlich waren es jedoch Araber, die sich hier ansiedelten, deren Baustil heute noch die Küste von Sansibar bis Lamu beherrscht. Es war eine Hochzeit des osmanischen Reiches entstanden, von denen die Herrscherpaläste in Lamu, Malindi und Sansibar heute noch aussagen. Auch die in der Antike ausgegrabene Stadt Gedi zeigt von Glanz und Reichtum. Auch die Altstadt von Mombasa ist ihrem Stil nach keine afrikanische, sondern eine arabische. Aus der späteren Vermischung der Araber mit den Einheimischen entstand der Suaheli Tribe.
Im neunzehnten Jahrhundert setzten sich die Engländer diesem Land als Kolonialherrscher vor. Um die Jahrhundertwende holten sie Inder zum Bau der Eisenbahn von Tansania nach Uganda ins Land, was bereits eine Gastarbeiter-Politik war. Interessant ist, daß die handelstalentierten Inder die werdende Bahnstrecke mit kleinen Verkaufskiosken übersäten und dies die Anfänge des kaufmännischen Übergewichts dieser des Landes waren, das bis heute so besteht. Sie brachten dem Land entscheidende wirtschaftliche Vorteile, wovon auch die Kolonialherrschaft profitierte. Durch das Privileg der handelnden Oberklasse wurden die Inder weitgehend aus der Knechtschaft der afrikanischen Kenianer durch die Kolonialherren ausgeschlossen. Denn Kenianer waren die Inder in der Zwischenzeit auch geworden, die jedoch weise ihre Duldung mit ihren Geschäften nutzten und niemals versuchten, sich politisch zu bestätigen.
In dieser Zeit entwickelte sich die sogenannte Feudalherrschaft der Engländer in Kenia, die Tania Blixen in ihrem Buch „Jenseits von Afrika“ so treffend beschreibt. Die Großwildjagd in Kenias unbeschreiblicher, atemberaubender Weite kam in Mode, das Golfspiel und die Pferderennen in Nairobi wurden legendär. Das Herrschaftsleben mit den einheimischen Bediensteten auf den Farmen im Hochland und in den Residenzen an der Küste erlebten ihren Höhepunkt.
Als es zu den Aufständen der Einheimischen gegen dieses System in den Fünfziger Jahren kam, nagte an der Kolonialherrschaft schon der Zerfall. Die afrikanischen Kenianer begannen mehr und mehr gegen den Kolonialismus zu rebellieren und 1963 gelang es ihnen die Freiheit und Unabhängigkeit in ihrem eigenen Land. Ihr Präsident Yomo Kenyatta erreichte große Beliebtheit und Popularität.
In unserem Haus verkehrten immer schon viele italienische Gäste, die alle interessant und schillernd waren, nicht zuletzt auch wegen Gabriela, Klaus italienischer Freundin. Sie liebte und kümmerte sich sehr um unsere 3 Hunde, die wir später hatten und band sich in unsere Aufmerksamkeit für sie mit ein, daß die Hunde regelmäßig ihr Fressen bekamen. Sie hörte in diesem Zusammen viel über „Fressen“. Mit ihr sprachen wir alle englisch, da sie kein deutsch sprach.
Zu der Geburtstagsfeier des deutschen Konsuls, zu der wir eingeladen waren, hatte sie sich für uns alle eine besondere Überraschung ausgedacht, indem sie sich ganz für sich alleine den Dank für diese Einladung in deutscher Sprache zurechtgelegt hatte. Als wir uns nach der Feier verabschiedeten, sagte sie „Vielen Dank, ich habe sehr gut gefressen“ und sie blickte süß zu dem großen, korpulenten Mann auf, vor dem sie so grazil stand. Natürlich löste diese reizende Aussage viel wohlwollendes Gelächter aus.
Das Glück kommt zu denen, die gern lachen
japanisches Sprichwort
Ich hatte einen verregneten Sommer, es war 1981, hier in Bayern, wo ich jetzt wieder bin, angefangen zu nähen. Eigentlich setzte ich fort, was ich in Kenia angefangen hatte, als ich in der Regenzeit auf Urlaub im Haus meiner Söhne war und mich so sehr langweilte.
Zu diesem Zeitpunkt kreierten die Italiener eine bezaubernde Minimode, in den schönsten, zartesten Pastellfarben. Ich nähte und merkte zuerst gar nicht, daß ich nicht für mich nähte, sondern was mir gefiel. Ich nähte Bikinis, Kleider, Hosen, Jacken, Blusen, doch ich erkannte, daß nicht alles dieses für mich war. Es war wirklich eine sehr junge Mode. Ich nannte dann diese Dinge ganz einfach „Kollektion“ und hängte sie an eine Stange und diese Stange wurde immer voller. Franks Freundin Isabella, die schöne Römerin und Mannequin eines bekannten italienischen Designers, die zu uns gekommen war, in Franks und Klaus Haus, besuchte mich in Deutschland. Sie war von der Kollektion begeistert, was mich beflügelte, imschönsten Hotel in Kenia eine Modenschau zu veranstalten.
Alles, was ich genäht hatte, waren meine ureigensten Ideen, nur Valentinos Ballonrock war kopiert an einem Kleid aus türkisfarbenem Taftmoire. Das Programm meiner Kollektion reichte von der Strandmode bis hin zur festlichen Abendgarderobe. Auch die Regenzeit hatte ich nicht vergessen und nicht das Lieblingskind der Afrikaurlauber, die Safarimode. Die Kollektion war von meiner Mutter, die zu meiner Abreise gekommen war, sorgfältig verpackt worden und übrig blieb nur die Stange, die heute noch in meinem Zimmer hängt und immer noch sehe ich an ihr meine allererste, unwiederbringliche Kollektion hängen, denn ich hatte keine Schnitte angefertigt. Wir flogen also los und der raschelnde, glitzernde und farbenprächtige Inhalt meiner Koffer, meine gute, zuverlässige Nähmaschine und Isabellas Schönheit gaben mir sehr viel Sicherheit.
Die Kulisse für meine Modenschau konnte nicht bezaubernder sein als auf dem Areal dieses tropischen Hotels am Indischen Ozean. Es war das Hotel für welches Frank und Klaus bei ihrem Aufenthalt in Florida die Zusage für die Eröffnung der Wassersportschulen erhalten hatten. Der volle Mond stand hinter den Palmen und eine exotische Kapelle produzierte Rhythmen, wie nur sie sie zustande bringt. Ein Steg war für meine Show über den Swimmingpool gebaut worden und auch die Beleuchtung war perfekt.
Am Rande des Pools, hinter einer Gruppe von Bäumen, war das Umkleidezelt aufgestellt. All die Schönen waren da, die ich gefunden hatte, um meine Mode darzustellen. Es waren Afrikanerinnen, Inderinnen und Europäerinnen und natürlich Isabella, die schönste Römerin, wie es später in der Süddeutschen Zeitung stand. Wochenlang hatte sie die Show mit den Mädchen auf der großen Terrasse einstudiert. Sie hatte die Musik auf Band geschnitten, sie hatte alle Schritte immer wieder geübt und die Generalprobe mit den Originalkleidern, Hüten und Accessoires hatte eigentlich ganz gut geklappt.
Um die Kollektion noch besser zur Geltung zu bringen und die Show noch interessanter zu gestalten, waren auch einige afrikanische Männer eingeplant worden, die gleichzeitig die PRO WEAR Mode von Frank und Klaus präsentierten und für die noch ergänzende Garderobe von Mohamed, meinem späteren Schneider, genäht worden war.
Der Abschluß der Show sollte nach alter klassischer Sitte das Hochzeitskleid sein, vorgetragen natürlich von Isabella und begleitet von Hamisi, der in der Surfschule arbeitete. Dem Hochzeitskleid Isabellas hatte meine ganze Hingabe gegolten. Es hatte einen halblangen, weiten, Chiffonballonrock, und das Oberteil bestand aus, aus der Taille kommenden, nach oben sich öffnenden Blütenblättern aus weißem Satin, die ihm das Aussehen eines halbgeöffneten Blütenkelches gaben. Nachdem dieses Werk daran zu scheitern drohte, daß es in Kenia für das Innenleben desselben zur Festigung keine Materialien gab, griff ich einfach zu einem Surfsegel, das eingearbeitet, dem Blütenkelch die erforderliche Stabilität gab. Dasselbe tat ich für den Stand des Rockes. Dies sollte meine erste Improvisation in Afrika sein. Ein Stück indische Spitze über den Kopf gelegt, deutete den Schleier an und den Kranz aus weißen Francipanen hatte ich auch selbst gebunden. Mein schönstes Kompliment für dieses spezielle Werk war, daß Isabella sagte „so möchte ich wirklich als Braut aussehen“.
Wer sich den totalen Wahnsinn vorstellen möchte, der stelle sich das viel zu kleine Umkleidezelt einer Modenschau vor, die nicht professionell abläuft. Natürlich hatte ich alles nach meinen Vorstellungen koordiniert. So hatte jedes Modell einen eigenen Ständer, mit den nach der Reihe aufgehängten Kleidern und je einem Mädchen als Hilfe beim Umziehen. Auch Ann, Friseuse und Visagistin war überall.
Dennoch suchten wir Gürtel, Ketten, Tücher, Schuhe, die wir wieder verwenden mußten und die in dem Haufen der bereits vorgetragenen Modelle am Boden lagen, die Shaban tagelang gebügelt hatte. Ich mußte darauf achten, daß die richtigen Gruppen zum richtigen Zeitpunkt und Musikeinsatz mit der richtigen Kleidung und dem richtigen Beiwerk das Zelt verließen. Ich glaubte, noch nie so konzentriert gearbeitet zu haben. Ich wurde von allen Seiten angerufen und gefragt und überall hatte ich meine Hände dazwischen. Ich sah Ann kämmen, toupieren, Haare auftürmen, wieder öffnen und herunterfallen lassen, schminken, pudern und Hüte aufsetzen. In dem Zelt war eine unvorstellbare Hitze entstanden und zudem war ich so naiv gewesen, mir mein eigenes Galakleid schon vor dieser Prozedur anzuziehen, es war golden und von Mohamed genäht. Das Kleid und meine Frisur schienen sich an mir aufgelöst zu haben. Mein Wunsch war, daß draußen alles einigermaßen abliefe. Es war gar kein Gedanke, daß ich selbst hätte einen Blick auf meine Show werfen können, so wie ich mir das vorgestellt und weshalb ich das Kleid schon angezogen hatte. Ich hörte nur Franks Ansage in zwei Sprachen.
Ein positiver Impuls, den ich aber gar nicht in seiner Wichtigkeit aufnahm, war der lachende, klatschende Manager, der in unser Zelt kam und „wonderful“ rief. Den laufenden Beifall des Publikums, der natürlich auch bis in unser Zelt drang, hatte ich bis dahin ebenfalls nicht wahrgenommen.
Das letzte Bild, das Hochzeitspaar, sah ich mir nun doch selbst von draußen an, denn es galt ja niemanden mehr anzuziehen. Wegen meiner demolierten Aufmachung stand ich unter einem Baum. Zu Flash Dance kamen die beiden und sie sahen hinreißend aus. Mein Gott, war Isabella schön. Ich bewunderte nicht nur mein Modell, ich bewunderte die Ganzheit, zu der auch der ebenholzfarbene Hamisi gehörte. Der Gegensatz der Rassen erhöhte den Effekt ganz entschieden. Hamisi trug ein weites, weißes Seidenhemd mit vielen, vielen kleinen Biesen und eine kornblaue Seidenschleife, sowie aus dem gleichen Material und der gleichen Farbe einen Kummerbund, zu einer weiten, schwarzen Bundfaltenhose. Während sie nach dieser Musík tanzend und übersprühend die Bühne betraten, schritten sie auch gemessenen Schrittes nach dem Hochzeitsmarsch, der plötzlich einsetzte.
Spätestens nach diesem Auftritt war ich mir sicher, meine Modenschau war ein Erfolg. Bevor Isabella und Hamisi mich hinter dem Baum hervorholten, hatte Ann noch versucht gehabt das Beste, zumindest aus meiner Frisur herauszuholen. Ich weiß bis heute nicht wirklich, ob ihr dies gelungen war. Ich fand mich an den Händen von Isabella und Hamisi auf dem Steg über dem Pool, ich wurde fotografiert und interviewt, denn auch Reporter waren hier. Boutiquenbesitzer wollten Bestellungen aufgeben und von einer „nur Show“ konnte keine Rede mehr sein. Wenn ich in dieser Zeit schon von Noris‛ Stern in meiner Hand gewußt hätte, dann hätte ich geglaubt, er würde übertreiben.
Nun stellte sich mir ein Herr mit seiner Frau vor, dies war ein Botschaftsangehöriger, der an der Küste Urlaub machte und mich allen Ernstes bat, nachdem ich bereits lachend abgewehrt hatte, Dinge für sie zu nähen.
„Ich arbeite schon so lange im Ausland und habe so schöne Sachen schon lange nicht gesehen“, sagte er. Da er selbst sehr modebewußt schien, sprach er auch gleich von einem Hemd, das nur für ihn genäht werden sollte und prompt stellte ich es mir selbst schon in der Farbe seiner dominierenden blauen Augen vor. Er hatte also schon halb gewonnen und er sollte ganz gewinnen. Es wurde eine Bestellung, die mich noch in arge Bedrängnis bringen sollte nach dem Motto „wenn man jemand den kleinen Finger gibt .....“. Erschwerend hinzu kamen noch seine französischen Freunde, die er von seinem langjährigen Aufenthalt in Frankreich her kannte, die auch dabei waren und auch „Einiges“ haben wollten.
Nachdem ich tagelang in den indischen Bazaren nach Stoffen gesucht hatte, saß ich nun selbst, da ich so schnell keine Schneider finden konnte, jede Nacht in der Schneiderwerkstatt meiner Söhne an der Maschine. Die Zeit war jedoch zu kurz und als ich einsah, daß ich dies niemals schaffen konnten, gab ich zumindest Hosen und Röcke in eine indisches Schneiderwerkstatt zum nähen. Diese harte und noch dazu erste Terminarbeit war nach der Euphorie, die ich bei meiner Modenschau erlebt hatte, wie eine kalte Dusche.
Dieses Mal legte ich die fertigen Dinge in einen großen alten Safarikoffer ein Stück aus der Kolonialzeit und jetzt erst merkte ich, wieviel ich wirklich nähte denn der Koffer wurde immer voller. Mein äußerster Termin war ein Sonntagabend, zehn Uhr an der Poolbar des Hotels, in dem sie abgestiegen waren. Es sollte so kommen, daß ich meine Frist voll ausschöpfte. Ich hatte wahrlich mit der heißen Nadel gearbeitet. Da der Mond so hell schien und das Hotel über den Strand nur sieben entfernt war entschloß ich mich, den Weg zu Fuß zu gehen, zumal ich einige Kleider über dem Arm trug. Unser Nachtwächter begleitete mich und trug nach afrikanischer Sitte den Koffer auf dem Kopf, während ich mit den wehenden Kleidern hinter ihm herging.
Von weitem hörte man schon die Klänge der Band am Swimmingpool. Und tatsächlich da standen sie schon und noch viel mehr, auch die, denen sie davon erzählt hatten. Es wurde auch noch alles anprobiert und es entstand eine neue Modenschau die zur Folge hatte, daß am nächsten Morgen viele Leute in unser Haus kamen, um die Kollektion zu sehen und Bestellungen aufzugeben.
Nun stand für mich fest, ich eröffne eine Schneiderei. Ich bemühte mich, schnellstens Mohamed zu engagieren und auch noch mehr Schneider. Neben unserem Grundstück, direkt am Strand war ein geeignetes kleines Haus, das ich mieten konnte.
Dieses war das Njumba Ndogo.
„Nie hatte ich Afrika so schön gesehen“
Tania Blixen
Njumba heißt Haus und Ndogo heißt klein und in dem kleinen Haus, direkt am Strand war unsere Schneiderei untergebracht. Es war weiß angestrichen und hatte ein Makutidach, das Dach aus den getrockneten Palmenblättern und man betrat es über die vorgelagerte Terrasse. Unser Ausstellungsraum, in dem die Kollektion hing, die ich immer auf dem aktuellsten Stand hielt, war auch unser Verkaufs-, Anprobe- und Zuschneide Raum. Unsere Kunden waren in der Hauptsache Touristen, die in den Hotels Urlaub machten, wir hatten aber auch afrikanische und indische Kunden und natürlich auch englische. In dem anschließenden Raum nähten Shaban, Hifadhi, Rhama und Ali alles, was sich die Kunden gewünscht hatten. Zwei große Doppeltüren machten uns die Sicht zum Meer frei und der Wind brachte uns Kühlung. Eigentlich war unser Arbeitsplatz mehr zum Träumen als zum arbeiten geeignet.
Mohamed war der Star unseres Teams, der Chef des Zuschneidens und des Nähens. Josef kümmerte sich um alle anderen Dinge wie Einkaufen, das Haus, das Auto und die Terrasse zu pflegen und er bügelte und nähte auch Knöpfe an. Später kamen noch Mädchen für die Handarbeiten dazu, speziell auch für die Muschelarbeiten, Wir hatten aber auch noch eine kleine Küche und einen Koch und das war Juma. Juma ging am frühen Morgen schon vor unserem Haus im Meer zum Fischen, um dann von seinem Fang ein Mittagessen zu kochen. Eigentlich sollte er nur für die Schneider kochen, aber zu gern aß ich auch von seinen afrikanischen Kochkünsten. Es gab die verschiedenartigsten tropischen Fische und wenn er einen Oktopus brachte, gab es ein besonderes Hallo. Dazu kochte er Ugalli, den aus Mais zubereiteten Brei und exotische Salate aus Früchten und Gemüse, die er mit geheimnisvollen Gewürzen abschmeckte.
Er hatte eine Kappe mit einem langen Schild auf, was diebestehende liebenswerte Ähnlichkeit mit Goofy verstärkte, ebenso seine Reihe vorstehender Zähne. Dieses Aussehen paßte zu seinem schalkhaften Humor. Zwischendurch brachte er uns Tee und das Geheimnis dessen war absolut seines. Besonders stolz war er, wenn er diesen unseren Kunden anbot und dafür immer wieder und immer noch größeres Lob und auch Trinkgeld bekam. Ich selbst habe nie mehr so einen köstlichen Tee getrunken. Aber ich habe den Verdacht, daß der Tee die Kombination Indischer Ozean, weißer Sand, Sonne, Palmen und natürlich auch Njumba Ndogo braucht.
Wir hatten auch einen Nachtwächter. Er hieß Saruni und war ein Massai. Er sah sehr wirkungsvoll aus, wenn er hochbeinig, verhüllt mit einem leuchtenden Tuch, geschmückt mit vielen bunten Glasperlen mit einem langen Speer unser Haus umschritt und der helle Mond ihn beleuchtete. Es belustigte die Leute, die zu uns kamen, wenn ich gerade nicht da war und Juma oder Josef mich rufen mußten und ich mich irgendwo aus dem Sand erhob oder aus dem Meer kam, um mit ihnen zu sprechen und ihnen meine Sachen zu verkaufen.
Wir waren konfessionell ein gemischtes Team. Ich war die weiße Mama, eine Christin und Josef war ein schwarzer Christ, während alle Schneider und auch Juma Moslems waren und Saruni, der Nachtwächter glaubte an die Naturgötter der Massai. Wir waren uns jedoch alle einig darüber, daß unser aller Gott derselbe sei und sein muß, weil keine in Konkurrenz lebenden Wesen, auch wenn es Götter sind, die wunderbare Einheit und Vollkommenheit, die wir in unserer Natur erleben mit dem phantastisch ineinandergreifenden Gesamtbild Erde, dies zustandebringen könnten. Dies sei Aussage einer unumschränkten Einigkeit. Wir waren uns auch einig darüber, daß es Gott oder die einigen Götter verwundert, ja belustigt, mit welcher Vehemenz die Menschen sich nicht in dieser wunderbaren Eintracht wiegen wollen, sondern rechthaberische, sich bekämpfende Gruppen bilden, die sie Religionen nennen. Ich bewunderte jedoch immer wieder die absolute Toleranz, die die Moslems den Touristinnen gegenüber entgegenbrachten, die im Bikini in unser Geschäft kamen, ja sich sogar Maß nehmen ließen, während sich ihre eigenen Frauen neue Kleider nach den Maßen alter Kleider anfertigen ließen, wenn der Schneider ein Mann war. Mohamed verstand es jedoch, diese Frauen aus Respektsgründen während des Maßnehmens nicht im geringsten zu berühren. Ich beobachtete also nicht nur äußerste Toleranz, sondern auch äußersten Respekt.
„Während sich die westlichen Frauen berufen fühlen, die uralten Sitten und Gebräuche, die uralte Kultur der Moslems zu stören, sie nicht zu respektieren, sie nicht zu tolerieren. und ihre eigene Freiheit im Besuch von Diskotheken, im Genuß von Alkohol und freizügigster Kleidung sehen, entgeht es ihnen, daß dies mit Glücklichsein nichts zu tun hat“ sagte Fatuma, Klaus Sekretärin und sie erklärte mir auch was ein Bui Bui, der schwarze Schleier, sei. „In einem Bui Bui kann man leben und frei atmen, sagte sie. er ist dein Haus, wenn du nicht zu Hause bist und dein Schutz. zudem macht er dich äußerst geheimnisvoll, setzte sie verschmitzt hinzu. Wir hüllen uns in unser eigenes Geheimnis. Die europäischen Frauen zeigen jedem Alles, fuhr sie fort. Sie sind bereits nackt, sie können sich nichts mehr ausziehen Und hier fiel mir ein, was Mohamedi einmal sagte. „wenn du ein Geschenk bekommst, ist es dir lieber, es ist verpackt oder unverpackt?“. und auch er lächelte tiefsinnig hierbei.
Juma war die Seele unseres Ladens und eines Tages kam er nicht und es hieß, er habe einen Unfall gehabt. Bevor ich jedoch nach ihm sehen konnte, sah ich eine Gruppe von Männern auf unser Haus zukommen, die einen, in ihrer Mitte, stützten. Es war Juma, der sich das Bein gebrochen hatte. Sie ließen ihn vor unserer Tür auf den Boden nieder und er strömte so viel unendliche Traurigkeit aus, daß es herzzerreißend war. Er hatte sich um sein geschwollenes Bein eine Holzkonstruktion gebaut, die wie ein Gitterzaun aussah. Seine Mütze umschattete sein bekümmertes Gesicht und ich wünschte mir selbst nichts mehr, als daß er wieder fröhlich sei. Ich sah ihn im Geist mit der Mütze mit seinem glänzenden, drahtigen Körper, barfuß, die Harpune in der Hand auf das schwappende Meer zum Fischfang zugehen. Ich gab ihm was er brauchte um zum Medizinmann zu gehen und fuhr ihn nach Hause und all meine guten Wünsche waren bei ihm. Bald schon kam er wieder mit einem schlanken Bein, mit der Mütze und der Harpune und er kochte wieder, auch den wunderbaren Tee. Wir waren alle froh, daß er wieder da war, denn nicht nur er kam zurück, sondern auch seine immerwährende Fröhlichkeit.
Ich schnitt einmal etwas zu, als Naishi unser Hund in die Schneiderei kam. Dies liebten die Schneider ganz und gar nicht, die als Moslems Hunde und Schweine als unrein ablehnen. Ich lief ihm entgegen, um ihn davon abzuhalten, hereinzukommen. Naishi freute sich sprang mich freudig an Ich wollte die Schere, die ich noch in der Hand hielt, Mohamed geben, denn ich hatte vor, Naishi nach Hause zu bringen. Mohamed weigerte sich jedoch diese anzunehmen, da ich nun auch unrein sei und er von mir nichts mehr annehmen könne. Ich fragte ihn nun, was zu tun sei. Er überlegte zuerst, um dann zu sagen, ich müsse entweder einmal im Meer baden oder siebenmal duschen, um wieder rein zu sein.
Zu dieser Zeit wohnte ich im Johari House, dies war etwas erhaben zwar, aber hinter dem Njumba Ndogo und Naishi tanzte in dieser Zeit auf drei Hochzeiten, dem Wilsonhouse, das Haus meiner Söhne, dem Joharihouse und dem Njumba Ndogo.
Wegen dem frühen Hereinbrechen der Nacht in diesem Land war es meist dunkel, wenn wir das Njumba verließen. Dekorativ stand dann schon Saruni, der Nachtwächter am Hauseck um später jedoch, statt irgendwo auf dem Terrain, wie es die meisten Nachtwächter taten, einzuschlafen, im Njumba auf einer Matratze direkt hinter der Tür zu schlafen.
Das Leben besteht aus vielen kleinen Muscheln
und wer sie aufzuheben weiß, hat ein Vermögen (geändert)
Jean Amoisilh
