Nur raus hier! - Jochen Brenner - E-Book

Nur raus hier! E-Book

Jochen Brenner

4,9

Beschreibung

In diesem Buch erzählen 18 Menschen von ihrer Flucht aus der DDR. Sie schwammen durch die Ostsee. Sie krochen mit einer Kugel im Rücken durch die Wälder Österreichs. Sie schwebten mit einem Ballon über den Todesstreifen. Einige schafften es. Andere büßten dafür in den Gefängnissen der Staatssicherheit. Fotograf und Pulitzer-Preisträger Andree Kaiser ist einer von ihnen. Zum ersten Mal berichtet er von seinen Jahren in Haft und zeigt nie veröffentlichte Aufnahmen aus der berüchtigten Haftanstalt Hohenschönhausen. Er porträtiert Menschen, die bereit waren, für ihre Freiheit alles zu riskieren. 18 Geschichten gegen das Vergessen.

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Seitenzahl: 302

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NUR RAUS HIER !

18 Geschichten von der Flucht aus der DDR. 18 Geschichten gegen das Vergessen.

Herausgegeben und fotografiert von Andree Kaiser.

Geschrieben von Florian Bickmeyer, Jochen Brenner & Stefan Kruecken.

Originalausgabe, 2014

Alle Rechte vorbehalten.

© 2014 by Ankerherz Verlag GmbH, Hollenstedt

Texte: Jochen Brenner, Hamburg; Stefan Kruecken, Hollenstedt; 

Florian Bickmeyer, Bochum; David Schraven, Bottrop // beide CORRECT!V –

Recherchen für die Gesellschaft – www.correctiv.org

Fotos: Andree Kaiser, Freiburg

Illustrationen, Info-Grafiken: Drushba Pankow, Berlin

Einband-, Buchgestaltung und Satz: Ana Lessing, Berlin

Lektorat: Stefan Kruecken, Hollenstedt; Philip Laubach-Kiani, Dohren

Korrektorat: Wolfgang Sand, Landsberg

Herstellung: Peter Löffelholz, Berlin

eBook: Max Dombrowski, Berlin

Ankerherz Verlag GmbH, Hollenstedt

[email protected]

www.ankerherz.de

ISBN 978-3-940138-77-4

Coverfoto: Der 18-jährige Andree Kaiser auf dem erkennungsdienstlichen Foto der Stasi, aufgenommen in Hohenschönhausen kurz nach seiner Festnahme. Die Schnürsenkel wurden den Untersuchungshäftlingen entfernt, damit sie sich nicht an ihnen erhängen konnten.

NUR RAUS HIER !

18 Geschichten von der Flucht aus der DDR.

18 Geschichten gegen das Vergessen.

Herausgegeben und

fotografiert von

Andree Kaiser

Geschrieben von

Florian Bickmeyer,

Berlin * VON DER STASI GENUTZT AB 1951

geschlossen 1990 / Berlin

2014 FOTOGRAFIERTE ANDREE KAISER DAS EHEMALIGE STASI-GEFÄNGNIS HOHENSCHÖNHAUSEN

ZELLE 108

Nach seinem Fluchtversuch war Andree Kaiser in der zentralen Untersuchungshaftanstalt der Staatssicherheit inhaftiert. Mit dieser Foto-Reportage kehrt er an den Ort seiner Gefangenschaft zurück. Für ihn ist es eine Reise in die dunkelsten Stunden seiner Jugend.

Hohenschönhausen: Knapp 40 Jahre lang war es das wichtigste Untersuchungsgefängnis des Ministeriums für Staatssicherheit. Obwohl mitten in Ost-Berlin gelegen, suchte man den Gebäudekomplex auf Stadtplänen vergeblich. Hinter seinen Mauern wurden unter dem DDR-Regime mehr als 10.000 Häftlinge vor ihren Prozessen isoliert, vernommen und gepeinigt. Oft jahrelang. Die Stasi folterte mit Schlafentzug, Fesselungen und Schlägen, um ihre Häftlinge zu brechen, und setzte Spitzel in ihre Zellen. Viele der Republikflüchtlinge, die in diesem Buch ihre Geschichten erzählen, saßen in Hohenschönhausen in Untersuchungshaft.

Heute führen ehemalige Häftlinge Besucher über das Gelände, auf dem sich seit 1994 die Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen befindet, und berichten von den Haftbedingungen und Verhörmethoden der Stasi.

Hinter Andree Kaisers Aufnahmen, entstanden im Sommer 2014, öffnen sich die Abgründe eines Unrechtsstaats.

Zellentrakt: Von hier aus ging es zu den Verhören und zum Freigang – 30 Minuten am Tag. Auf dem Weg durch den Trakt bekamen die Gefangenen nie einen Mithäftling zu Gesicht.

Zelle 108: Eine der Zellen Andree Kaisers während seiner dreijährigen Haft. Durch die Klappe wurde das Essen geschoben, mit den diversen Licht­schaltern knipsten die Wärter in der Nacht alle 20 Minuten die Zellenbeleuchtung an.

Gang zu den Vernehmungsräumen: In den Zimmern, in denen die Verhöre liefen, mochten es die Stasi-Offiziere vergleichsweise gemütlich. Gardinen und Tapeten statt nackter Kacheln und Glasbausteinen. Das Bild des Staatsratsvorsitzenden durfte nicht fehlen.

Im Haftkrankenhaus: Inhaftiert wurden hier unter anderem angeschossene Flüchtlinge, schwer erkrankte Häftlinge oder Gefangene im Hungerstreik. In den regulären Zellen gab es keine Rückzugsmöglichkeiten. Selbst die Toiletten waren von allen Seiten einsehbar.

Das »U-Boot«: So nannten Häftlinge das Kellergefängnis, das unter der sowjetischen Besatzung nach dem Zweiten Weltkrieg erbaut worden war. In den Isolierzellen gab es nichts als eine Holzpritsche und einen Kübel. Die Glühbirnen blieben Tag und Nacht eingeschaltet.

Einer der drei Wachtürme der Haftanstalt: Der Gebäude-komplex befand sich in einem militärischen Sperrbezirk, der von der Außenwelt hermetisch abgeschlossen war.

SEHNSUCHT

1982 Fluchtversuch über die

tschechisch-österreichische Grenze

ANDREE KAISER

NUR RAUS HIER!

Sie frisieren Mopeds, sie lungern herum, sie lehnen sich auf gegen einen Staat, der ihnen wenig Freiraum lässt. Aus Wut wird für Andree Kaiser nach einer Familien­tragödie reine Verzweiflung. Als sein Flucht­versuch scheitert, lernt er die Willkür in den Gefängnissen der Stasi kennen. Und auch den »Roten Terror«.

Am Tag, als meine Großmutter starb, wusste ich, dass ich so nicht mehr wei­ter­leben wollte. Meine Trauer, meine Verzweiflung, meine Wut formten einen Gedanken, der sich in meinem Kopf fest­setzte: Ich wollte raus aus der DDR, diesem dreckigen Staat, weg von dieser Ungerechtigkeit, die ich nicht mehr länger ertragen konnte. Ich war 16. Mein Entschluss stand fest: Ich wollte die Flucht versuchen.

Oma war nach West-Berlin gefahren, um meinen Großonkel zu besuchen. Während der kurzen Visite hatte sie einen schweren Herzinfarkt erlitten, es sah nicht gut aus, und die Ärzte im Charlottenburger Krankenhaus alarmierten meinen Vater. Sie schrieben ein Gutachten für die DDR-Behörden, in dem sie den Zustand erklärten und im Sinne der Angehörigen darum baten, einen letzten Besuch zu genehmigen. Mit diesem Schreiben beantragte mein Vater, seine Mutter besuchen zu dürfen. Die Behörden lehnten ab. Ohne Begründung. Wenige Stunden später starb meine Großmutter. Wir hatten uns nicht von ihr verabschieden können.

Ich dachte: Wie kann ein Staat seinen Bürgern so etwas antun? Ich dachte: Wie kann man das hier aushalten?

Ich hatte ein enges Verhältnis zu meinen Großeltern. Großvater Siegfried, ein Sozialist, war während des Dritten Reichs im Widerstand aktiv gewesen; er leitete in der DDR ein Heim für Kriegswaisen. Ich erinnere mich an seine sanfte, aber zupackende Art. Opa war Ende der 1960er-Jahre aus der SED ausgetreten, weil er sich mit dem System, das er vorfand, nicht gemein machen wollte. Mit allen Konsequenzen, die das für ihn bedeutete. Man trat nicht einfach aus der Partei aus, denn das galt als klare Botschaft, die jeder verstand. Sie lautete: »Nicht mit mir.« Opa hatte an die DDR geglaubt und war tief enttäuscht, wie sich das Land entwickelte. Durch ihn kam ich zur Fotografie. Er brachte mir die Technik bei und auch das Handwerk in der Dunkelkammer. Ich habe schöne Erinnerungen daran, wie ich mit ihm Bilder entwickelte. Opa schenkte mir meine erste Kamera, eine Contax E. Ein Jahr vor Oma war er gestorben.

Zu dieser Zeit verbrachten mein Bruder Dirk und ich die Freizeit mit einer Moped-Clique in unserem Viertel, Ho-Chi-Minh-Straße, Lichtenberg, eine Plattenbau-Siedlung. Wir frisierten die Zweitakter unserer Mopeds, schraubten andere Lenker dran, wir drehten die mitgebrachten Kassettenrekorder auf: »Ramones«, »The Clash« und »Ideal«. Musik war uns wichtig, Alkohol und Zigaretten. Natürlich gab das Ärger. Es dauerte nie lange, bis ein Wagen der Volkspolizei auftauchte. Die Beamten nahmen uns die Führerscheine weg und schikanierten uns, wo sie konnten, aber dafür mussten sie uns zuerst einholen. Wir rasten davon, wenn die erste »Bullenwanne« in Sicht kam. In der Nähe unseres Treffpunkts befand sich eine Lauben­kolonie, und es galt als Mutprobe, durch die schmalen Fußwege zu entkommen. Einer von uns, er hieß Thorsten Albrecht, knallte dabei gegen einen Laternenmast. Er starb im Krankenhaus. Zu seinem Gedenken hielten wir Mahnwachen, doch auch diese wurden von der Staatsmacht verboten.

Meine Großcousine Wiebke, eine rothaarige Hamburgerin, kam zu Besuch und brachte mir einen Parka mit, mit einer Deutschland-Fahne auf dem rechten Ärmel. Ich trug ihn gerne, auch in der Schule. Als ich nach Hause ging, erwarteten mich zwei Beamte in Zivil. Sie sagten kein Wort, zückten eine Schere. Einer hielt mich fest, der andere schnitt die Flagge aus meinem Ärmel. In meinem Parka klaffte ein großes Loch. Dann fuhren die Männer davon. Ich war so fassungslos, dass ich mitten auf der Straße weinte.

Ich ging ungern zur Schule. Ich konnte mich schwer anpassen und meine Noten waren schlecht. Meinen Wunsch, eine Ausbildung zum Fotografen beginnen zu können, lehnten die Behörden wegen meiner schlechten Leistungen ab. »Keine Chance«, sagte ein Lehrer. Ich sollte Maurer werden, doch das wollte ich nicht. In den wenigen Monaten, die ich auf dem Bau zubrachte, schleppte ich Steine, mischte Beton an und wurde mit plumpen Befehlen durch die Gegend gescheucht. Meine Eltern, beide Tierärzte, konnten mich wenig unterstützen. Meine Mutter war eine typische DDR-Frau, die im Berufsleben stand und dazu noch die Kinder und den Haushalt versorgte. Eine bemerkenswerte Leistung, vor allem, wenn man bedenkt, dass sie von meinem Vater keinerlei Hilfe erwarten konnte. Mein Vater war ein stiller, in sich gekehrter Mann. Man hatte ihn in den Schlachthof von Friedrichshain versetzt. Er funktionierte, schleppte sich trotz seiner Alkohol- und Tablettenabhängigkeit zur Arbeit, die für einen Menschen, der Tiere liebt, eine tägliche Pein gewesen sein muss. Er lebte wie in einer eigenen Welt, zu der wir keinen Zugang hatten.

Mein bester Freund Thomas Popiesch spielte Eishockey. Er galt als einer der talentiertesten Nachwuchs-Stürmer, war in der Junioren-Nationalmannschaft, stand vor einer großen Karriere. Doch einige seiner Verwandten lebten im Westen und diese »West-Kontakte« genügten, um seine Laufbahn auszubremsen. Er durfte nur in kommunistischen Bruderländern spielen. Als wir an einem Samstagabend im »Lichtenberger Krug« Bier tranken, sagte ich zu ihm:

»Das macht doch alles keinen Sinn mehr.«

Er sah mich an. »Okay, wir hauen ab.«

Doch wie und wo? Die Geschichten der Maueropfer in Berlin kannten wir. Wie stark der Todesstreifen nach Westdeutschland gesichert war, wussten wir. »Über die ČSSR nach Österreich«, meinte Thomas. Klang einleuchtend, auch wenn wir dafür gleich zwei Grenzen überqueren mussten. Ich hatte meinen Ausweis verloren.

Ich fälschte die Unterschrift meiner Eltern und hob in der Bank 400 Ost-Mark ab, von denen wir Fahrkarten nach Bad Schandau kauften, dem letzten Bahnhof vor der Grenze zur ČSSR. Wir stiegen in den Zug und reisten über Dresden an unser Zwischenziel, von wo wir den Bus nach Schmilka nahmen. Wir warteten auf die Dämmerung und marschierten los. Hinter dem Ort wanderten wir durch Hügel und liefen die Elbe entlang. In der Dunkelheit stolperten wir Kinder der Stadt durch den Wald. Jedes Knacken, jeder Schrei eines Tieres ließ uns vor Schreck zusammenfahren und ausharren. Wir hatten Angst, keine Frage. Als der neue Morgen dämmerte, erreichten wir einen großen Felsen. Es ging nicht weiter. Wir wollten schon umdrehen, als wir erkannten, dass direkt dahinter ein Haus stand; ein Hotel, das sich schon auf dem Gebiet der ČSSR befand. Wir kletterten auf den Fels, sprangen hinüber aufs Dach, wo es uns gelang, eine Luke zu öffnen. Das Hotel schlief noch in den frühen Morgenstunden, nichts zu hören, als wir in den Flur traten und die Treppen hinunterliefen. Der Portier sah uns schlaftrunken an. Wir stolperten hinaus auf die Straße. Die erste Grenze hatten wir geschafft: Wir waren in der Tschechoslowakei.

Im nächsten Ort warteten wir auf den Bus und fuhren von dort in eine nahe gelegene Kleinstadt, wo wir den Zug nach Prag nahmen. Unser Fluchtplan basierte auf einem Erdkunde-Atlas für die achte Schulklasse. Eine Ansicht von Mitteleuropa; darauf konnte man erkennen, dass Bratislava nahe an der Grenze zu Österreich liegt. Bratislava also. Dort angekommen, bezogen wir ein kleines, schäbiges Hotel und bezahlten das Zimmer im Voraus mit D-Mark. Der Kerl an der Rezeption steckte den 50-Mark-Schein ein, verzichtete darauf, unsere Ausweise zu kontrollieren, und stellte keine Fragen. In einem Geschäft für Eisenwaren kauften wir eine Drahtschere, Taschenlampen und Schlafsäcke. So ausgerüstet, fuhren wir mit einem Bus Richtung Grenze. Kurz vor Einbruch der Dunkelheit brachen wir auf.

Es war Sonntag, der 31. Oktober 1982.

Die Grenzzäune, die wir aus dem Dickicht des dichten Waldes beobachteten, waren noch stärker gesichert, als wir befürchtet hatten. Ein Zaun, ungefähr zweieinhalb Meter hoch, oben mit Stacheldraht bewehrt, dazwischen ein breiter Streifen sandiges Niemandsland, das aussah wie fein geharkt. Dahinter ein zweiter Zaun, alles ausgeleuchtet von Laternen. Im kalten Licht sah die Grenze gespenstisch aus.

»Brechen wir ab?«, fragte ich.

»Auf keinen Fall«, antwortete Thomas.

Die Nacht war kalt, hatte vielleicht drei Grad, und es war feucht, doch davon spürten wir nichts. Wir beobachteten die Grenze, warteten, ob Soldaten auftauchten. Nichts geschah. Es roch intensiv nach Holz. Gegen 4:30 Uhr beschlossen wir, dass nun der Moment gekommen war, es zu wagen.

Jetzt oder nie.

Wir schlichen an den Zaun und versuchten, mit unseren Scheren die Drahtschlaufen zu durchtrennen. Doch das Material war viel zu stabil. Thomas fluchte. »Los, klettern!« Er stieg hinauf, warf den Schlafsack hinüber, zum Schutz vor dem Stacheldraht, rollte über die Kante und sprang hinab. Er stand im Land zwischen den Zäunen. Ich versuchte, ihm schnell zu folgen. Als ich oben angekommen war, hörte ich Hundegebell. Ich sprang vom Zaun. Schockstarre, ich dachte, mein Herz bleibt einfach stehen. Angst, Panik, Hilflosigkeit. Keine dreißig Sekunden später heulten Motoren auf. Zwei Jeeps rasten heran, Soldaten sprangen heraus, schrien durcheinander, richteten ihre Gewehre auf uns. Sie rissen uns zu Boden, brüllten uns an.

Das Ende unserer Flucht.

Zunächst brachte man uns in eine Kaserne, dann in die Polizeistation, irgend­wo auf dem Lande, schließlich ins Prager Staatsgefängnis. Ein altes Gebäude, Backstein, viel Stahl, lange Treppen und Gänge. Es war laut, das Knallen schwerer Türen hallte durch die Flure. Die Schreie von Insassen. Die Wärter trugen lange Knüppel. Meine Zelle war schmutzig, darin gab es einen Hocker und Pritschen, die man in der Wand verschraubt hatte. In die Schüsseln aus Metall klatschte man das Essen. Meine Zellennachbarn waren zwei stark tätowierte Roma, die keine Notiz von mir nahmen.

Zu beschreiben, welche Gedanken ein Jugendlicher in diesen Stunden hat, fällt im Rückblick schwer. Eine Mischung aus Furcht, Trotz, dem naiven Plan, eine Ausrede aufzutischen, nach der wir uns nur verlaufen hatten. Die Angst überwog, und die Ungewissheit, was nun mit mir geschehen sollte.

Erst nach zwei Tagen schwang die Tür auf und zwei Männer in dunklen Anzügen traten ein. Staatssicherheit. Man fesselte mich mit Handschellen, die man an einen Gürtel band. Die Fahrt ging zum Flughafen, wo eine Ilju­schin bereits wartete. Ein Flugzeug für knapp hundert Passagiere, doch dieser Flug nach Ost-Berlin war nur für Thomas und mich reserviert. »Im Falle eines Fluchtversuchs werden wir ohne Vorwarnung schießen«, verkündete ein Anzugträger. Wir landeten am frühen Abend; in der engen Zelle einer »Minna«, einem Sammeltransporter, fuhr man mich in ein Gebäude, von dem ich später erfahren sollte, dass es sich um das geheime Stasi-Gefängnis Hohenschönhausen handelte. Ein Raum mit gelben Tapeten an den Wänden, roter Sisal-Teppich, ich sah lange Gänge und überall Wachposten. Man händigte mir einen blauen Trainingsanzug aus, dazu ein blau-weißes Hemd, wie für einen Ostseefischer. Und braune Pantoffeln, tatsächlich: karierte Puschen. Es erschien alles so absurd.

Zelle 108. Ein kleiner Raum ohne Fenster, nur mit einigen Glasbausteinen, durch die tagsüber diffuses Licht drang, darin eine Holzpritsche, eine dünne Matratze, ein Hocker, ein Waschbecken, ein Klo. Licht aus Neonröhren. Sie ließen mich warten bis zum ersten Verhör. Stunde um Stunde verging. Es fühlte sich unendlich lang an. Am zweiten Tag breitete sich Unwohlsein in mir aus. Man wird zurückgeworfen auf sich selbst, man entdeckt sein tiefstes Inneres. Am Nachmittag des zweiten Tages holten mich zwei Wärter aus der Zelle.

Ich konnte nun feststellen, wie groß der Gebäudekomplex war. Man brachte mich in einen anderen Trakt. Ich ging durch lange Flure, stoppte immer wieder vor Stahltüren und Sicherheitsschleusen. »Stehenbleiben!« »Weitergehen!« Bis zum Verhörzimmer hörte ich diese Befehle Dutzende Male. Ein rothaariger Mann mit einem rosigen Gesicht, das mich an ein Schweinchen erinnerte, erwartete mich hinter einem Schreibtisch. Er trug einen grauen Anzug und ein hellgelbes Hemd. Hinter ihm standen zwei Uniformierte, die mich mit verschränkten Armen grimmig ansahen. Der Vernehmer trug vor, dass mir zweifacher illegaler Grenzübertritt vorgeworfen wurde und Republikflucht. Zunächst blieb ich bei meiner Version, dass wir uns beim Wandern in den Wäldern verlaufen hatten. Der Stasi-Mann erhöhte den Druck. Meine Eltern, meine Freunde, die ganze Clique hatte man bereits auf der Suche nach Mitwissern befragt. Tatsächlich wusste einer unserer Kumpel, Bodo, von unserem Plan. »Jetzt hör aber mal auf! Wir ziehen uns die Hosen hier nicht mit der Kneifzange an«, brüllte einer der Uniformierten und näherte sich bedrohlich. Knapp zwei Stunden hielt ich durch, dann brach meine Ausrede zusammen wie ein Kartenhaus im Wind.

Ich kam in Einzelhaft. Meine Zelle: 2.20 Meter breit, 3.50 Meter lang. Keine Abwechslung, kein Kontakt mit anderen Häftlingen, kein Gespräch. Nur Verhöre, immer wieder die gleichen Fragen. Morgens um 10 Uhr brachte man mich in den »Tigerkäfig«, einen kleinen Platz vor einer meterhohen Mauer, mit Maschendraht eingespannt, den man im Gefängnisjargon so nannte, weil man für eine halbe Stunde hin und her tigern konnte. Diese halbe Stunde war der Höhepunkt meines Tages. Zweimal in der Woche durfte ich unter Aufsicht duschen. Nachts galt die Vorschrift, Hände und Gesicht über der Decke zu halten. Alle zwanzig Minuten wurde das Neonlicht zur Kontrolle eingeschaltet. Wenn ich davon nicht wach wurde, schlugen manche Wärter mit dem Knüppel gegen die Stahltür. Niemand sprach ein Wort mit mir, wochenlang, kein einziges Wort.

Es war der Versuch, mich durch Isolation zu brechen.

Für das Maß an Einsamkeit und Verzweiflung, das ich durchlitt, gibt es kaum eine Beschreibung. Selbsttod war keine Option, weil es nicht möglich war, an die Heizungsrohre heranzukommen oder sich mit dem Plastikgeschirr die Pulsadern zu öffnen. Besonders nachts war der Gedanke, dieses Dasein zu beenden, stark. Es war eine furchtbare Zeit, unterbrochen nur von Besuchen meiner Mutter, einmal im Monat, für die ich in die Stasi-Zentrale an der Magdalenenstraße verlegt wurde. Über die Haftbedingungen durfte ich ebenso wenig sprechen wie über den Fluchtversuch. Es blieben kurze, traurige Begegnungen.

Nach zwei Monaten Einzelhaft wechselte ich in eine andere Zelle und bekam Gesellschaft. Einen Medizinstudenten, der sehr viel weinte, weil nicht nur seine Flucht im Kofferraum eines Schleuserautos missglückt war, sondern obendrein seine Freundin mit ihm gebrochen hatte. Zwei Pritschen gab es in der Zelle, die rechte hieß »1«, die linke »2«. Ich schlief auf der »1« und wurde von den Wächtern fortan so angesprochen. Als Zahl, nicht als Individuum. Ein weiterer Versuch der Entmenschlichung.

Ich fand mich in der Haft nun besser zurecht; mein Trotz kehrte zurück und eine Haltung, sich nicht unterkriegen zu lassen. Noch immer gab es schwarze Stunden, in denen die Situation ausweglos erschien, auch angesichts der Haftstrafe, die ich nach Darstellung des Vernehmers zu erwarten hatte: Angeblich drohten mir bis zu sechs Jahre Haft, unvorstellbar. Doch ich ließ mich nicht mehr allzu sehr beeindrucken. Einmal fragte er mich, scheinbar fürsorglich, was ich denn nach Verbüßung meiner Strafe zu tun gedenke, um ein nützliches Mitglied der sozialistischen Gesellschaft zu werden.

»Ich würde mich gerne zum Dienst in der Nationalen Volksarmee melden«, antwortete ich.

Er stutzte. »Was? Wie meinen Sie?«

»Na ja, zu den Grenztruppen, mit der Waffe in der Hand.«

Daraufhin wütete er, schrie mich erbost an und ließ mich in die Zelle abführen. Mein kleines Scharmützel brachte mir wieder einige Tage Einzelhaft ein, aber das war es mir wert.

Der Prozess fand im Gericht von Lichtenberg statt, eine nichtöffentliche Sitzung in Anwesenheit eines Lehrgangs von Stasi-Offizieren. In ihrem Plädoyer redete sich die Staatsanwältin, eine Frau mit der Physiognomie einer Krähe, dermaßen in Rage, dass man um ihren Blutdruck fürchten musste. Hysterisch schrie sie, dass wir nicht nur alle Chancen des sozialistischen Systems ignoriert hätten. Wir hatten Unschuldige (sie meinte die Grenzsoldaten) in Gefahr gebracht. Wir hatten, jawohl: sogar den Weltfrieden gefährdet. Mein Verteidiger schwieg lange und faselte dann etwas von Milde, angesichts meines jugendlichen Alters. Thomas, den das Gericht als Rädelsführer ausgemacht hatte, wurde zu vier Jahren verurteilt. Ich bekam drei Jahre. Bodo, der arme Kerl, wurde wegen »Mitwisserschaft« zu zwei Jahren abgeurteilt. Sie wollten ein Exempel statuieren.

Frankfurt an der Oder, ein Stasi-Knast, einige Wochen später. Das Gefängnis, in das man mich verlegt hatte, war ein Neubau, und ich stellte erfreut fest, dass es in der Zelle einen Lautsprecher gab. Was allerdings herausdrang, war wenig erfreulich. Jeden Tag um 13 Uhr übertrug man live den Aufzug des Wachbataillons Feliks Dzierżyński am Mahnmal für die Opfer des Faschismus in Ost-Berlin. Das Getrappel von Stiefeln auf Asphalt war zu hören, dann militärisches Gebrülle, »Gewehr hoch«, »Gewehr runter«, anschließend Blasmusik. Eine Stunde lang Blasmusik, ausschalten konnte man nicht, bis der Lautsprecher wieder verstummte.

Bei einem der Besuche meiner Mutter erfuhr ich, dass mein jüngerer Bruder ebenfalls einen Fluchtversuch unternommen hatte, an der Grenze von Bulgarien nach Jugoslawien. Dirk saß seine Strafe im Jugendgefängnis Halle ab; für meine Mutter muss es eine furchtbare Zeit gewesen sein, ihre Kinder in unterschiedlichen Gefängnissen zu besuchen. Ich durfte Bücher aus der Anstaltsbibliothek entleihen, eines pro Woche. Ich entschied mich für die russischen Klassiker, Tolstoi, Dostojewski, monumentale Werke von knapp 900 Seiten, die ich mir so einteilte, dass sie die Tage optimal verkürzten. Die Monate vergingen. Meine Zellennachbarn wechselten. Oft taten sie mir leid, beispielsweise der Direktor eines volkseigenen Betriebs, den man bei einem Fluchtversuch aufgegriffen hatte. Er hatte Familie und weinte viel. Ich hoffte darauf, von der BRD freigekauft zu werden, wie so viele andere, und rechnete mir gute Chancen aus. Doch nichts geschah. Wie ich später erfuhr, nahm die Stasi meinem Eishockey-Freund Thomas die Republikflucht deshalb besonders übel, weil man keinen gut ausgebildeten Sportler in den Westen ziehen lassen wollte. Als Partner dieses Fluchtversuchs durfte ich auch gleich bleiben, das war die Logik.

Wovor ich mich fürchtete, war die Verlegung in ein Gefängnis mit normalen »Krimis«, wie wir die Kriminellen nannten. Brandenburg zum Beispiel: Mithäftlinge erzählten Geschichten von Gewalt und Vergewaltigung und »Frischlingen«, die schon nach dem ersten Gang über den Flur fürs »Aufbocken« verkauft wurden. Ich mochte mir nicht ausmalen, was mich erwartete. »Du musst dem ersten, der kommt, gleich voll eine reinhauen«, riet man mir. Wir übten diesen Schlag. Ich wurde nach Cottbus verlegt, das für politische Gefangene einen recht guten Ruf hatte.

Es war Sommer, es war heiß, und man pferchte uns zu viert in das enge Kabuff eines Transportwaggons. Wenn man als Insasse Pech hatte und das Ziel nicht in einem Tag erreicht werden konnte, wurden die Waggons abends einfach in irgendeinem Bahnhof abgekoppelt. Wir landeten auf dem Abstellgleis und erreichten Cottbus erst am nächsten Tag. Wärter in blauen Uniformen trieben uns aus dem Waggon. Das Gefängnisgebäude war um die Jahrhundertwende aus rotem Backstein gemauert worden, im Hof gab es eine Rattenplage. Ich kam in eine Großzelle mit 17 Männern. Als Neuling und Jüngstem wies man mir einen Schlafplatz in der obersten Lage des dreistockigen Bettes zu; was das bedeutete, wurde mir am ersten Abend klar. Der Qualm unzähliger Zigaretten hing unter der Decke, dazu der Geruch von Schweiß und Fäkalien. In der Mitte des Raums befanden sich die Toiletten, aus jedem Winkel der Zelle einsehbar.

Allen Insassen waren die Haare kurz geschnitten worden, wir trugen Häftlingsanzüge, gelb gestreift, mit einer Kappe, die wie ein Schiffchen aussah. Zehn Stunden am Tag mussten wir zwangsweise arbeiten. Ich stanzte und schliff Metallgehäuse für die Kameras von Pentacon. Eine monotone Arbeit; man musste aufpassen, sich nicht vor Langeweile zu verletzen. Regelmäßig bekam ich Ärger, weil ich mein vorgegebenes Plansoll nicht erfüllt hatte. Ich erreichte es mit Absicht nicht. Knapp 50 bis 70 Ost-Mark gab es für die Zwangsarbeit monatlich, für die wir uns Zigaretten oder Schokolade kaufen konnten, oder ein wenig Obst. Das Essen verdiente nur einen Begriff: miserabel. Dreimal in der Woche gab es etwas, das an eine Suppe erinnerte; nur an Weihnachten bekamen wir ein Festessen, ein halbes Hähnchen.

Die Gefahr von Übergriffen durch Mitinsassen war in Cottbus gering. In meiner Zelle saßen politische Gefangene, Ingenieure, Lehrer, gebildete Leute. Von Solidarität möchte ich nicht sprechen, aber man lernte, sich miteinander in der Enge und Hitze und dem Gestank zu arrangieren. Manche Charaktereigenschaften zeigen sich in extremen Situationen: Geiz, Opportunismus, Cholerik. Einige ließen sich in ihrem Leid gehen. Es kam zu mehreren Suizidversuchen. Obwohl ich der Jüngste war, wurde ich einer der Insassen mit der längsten Haftzeit. Einer nach dem anderen wurde von der BRD freigekauft. Ich musste bleiben. Damit klarzukommen, fiel mir an manchen Tagen nicht leicht.

Gewalt ging von den Wärtern aus, Willkür, Niederträchtigkeit. »Roter Terror« nannten wir den Wärter Hubert Schulze, einen großen, kantigen Typen mit dem Kopf eines Pferdes. Saß eine Kappe schief, stand ein Knopf offen oder war die Zahnbürste nicht richtig aufgestellt, schlug er mit dem Gummi­knüppel zu. Ins Gesicht. Auf den Mund. Nach der Maueröffnung erfuhr ich, dass er Gefangene grundlos für Stunden mit erhobenen Händen an die Gitter fesselte, ihnen in den Unterleib trat oder Insassen in Eiswasser sitzen ließ. Der »Rote Terror« war ein Sadist. Ebenso wie ein dicklicher Schließer mit dunklen Augenringen und wirrem Blick, den wir »Arafat« tauften.

Die Monate vergingen. Ich saß meine komplette Strafe ab, bis zum letzten Tag. Als ich freikam, zog ich wieder bei meinen Eltern in Ost-Berlin ein. Ich war frei, und doch fühlte ich mich noch immer wie ein Gefangener. Ich wollte in diesem System nicht leben, lehnte jeden Versuch der »Wiedereingliederung« ab und weigerte mich, der mir zugewiesenen Arbeit am Fließband in einem volkseigenen Betrieb nachzukommen. »Ich rede nur noch mit der Stasi«, schnauzte ich Beamte an, wenn sie mich sprechen wollten. Die Aussicht auf ein Gefängnis machte mir keine Angst mehr.

Durch Bekannte hörte ich von den Kaufmanns in Berlin-Pankow, einer christlichen Familie, die einen Fotoladen betrieb und junge Menschen, die mit der Staatsmacht angeeckt waren, bei sich aufnahm. Ich durfte dort in der Dunkelkammer arbeiten. Dass die Stasi das Haus der Kaufmanns überwachte, war allen klar; es machte aber niemandem etwas aus. In der Szene am Prenzlauer Berg tat sich vieles zu dieser Zeit. Ich besuchte Konzerte und Lesungen, traf auf Gleichgesinnte, mit denen ich Gedanken teilen konnte; meine Lockenfrisur kam in Kombination mit meiner sperrigen Geschichte bei der Damenwelt gut an. Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte ich mich wieder wohl. Das Fotogeschäft und das Haus der Kaufmanns wurden zu einer Art zweiter Familie.

Eines Tages aber dann der Bescheid: Meinen wiederholten Ausreiseanträgen war nicht nur stattgegeben worden, man hatte mir die Staatsbürgerschaft aberkannt. Innerhalb von 24 Stunden hatte ich die DDR nun zu verlassen. Mit einer kleinen Reisetasche, in der ein paar Kleidungsstücke und eine Zahnbürste steckten, stand ich auf der Friedrichsstraße in West-Berlin, am 27. November 1986, einem kalten Donnerstag im Winter.

Im Gefängnis hatte ich Robert kennengelernt, der nun in Kreuzberg wohnte und mir anbot, bei ihm einzuziehen. Die Tage vergingen auf den Fluren von Behörden, Versicherungen und Geheimdiensten, die mich genau befragten. Es war ein grauer, ein trister Winter in Berlin, und die Stimmung in Roberts Zweieinhalbzimmerwohnung, die wir uns zu viert teilten, passte sich dem Wetter an. Abends gingen wir in die »Pupille«, einen düsteren Laden in der Forsterstraße. Aus der Musikbox plärrte die Ost-Musik von »Zitty«, es wurde gesoffen, ein Joint machte die Runde, wir spielten Billard. Ich verbrachte viele Abende in der »Pupille«, die Stimmung wurde immer depressiver. War es das, wonach ich mich gesehnt hatte? Sah so der bunte Westen aus? Eines Nachts brach ich nach einem heftigen Joint auf dem Herrenklo zusammen. Alles, was man uns im Osten stets prophezeit hatte, schien eingetreten zu sein: Drogen, Hoffnungslosigkeit, Zusammenbruch im Kapitalismus. Ich lag in einer Urinpfütze. Ich wusste, dass es so nicht mehr weitergehen konnte.

»Ich lege los«, sagte ich, stand auf und wankte hinaus.

Sechs Jahre später, 1992, Banja Luka. Mit Roy Gutman, einem Reporter der New Yorker Tageszeitung »Newsday« berichte ich über den Krieg auf dem Balkan. Wir haben von serbischen Tötungslagern erfahren. An Bord eines Hilfskonvois des Roten Kreuzes sind wir ins umkämpfte Gebiet gelangt. Roy befragt den Bürgermeister von Banja Luka, der die Existenz der Todeslager abstreitet: »Das ist eine Sammelstelle für Gefangene«. Mit einem Bus und in Begleitung zweier Kamerateams fahren wir raus aus der Stadt. Der Bürgermeister will die Situation für seine Propaganda nutzen.

Ich habe mich in den Krieg hineingearbeitet, zuerst als Tellerwäscher, um die Kameraausrüstung zu verdienen. Dann fotografierte ich in West-Berlin Proteste gegen den Internationalen Währungsfonds, meine erste Veröffentlichung, gedruckt von der »taz«. Ich besorgte für bekannte Magazine wie den »Stern« Bilder aus der DDR und erhielt einen Vertrag bei der Agentur »Reuters«. Meine Bilder vom Mauerfall sorgten für Aufsehen; emotional bedeuteten mir die Ereignisse kaum etwas, es war seltsam. Ich dachte, dass ich mich freuen konnte, doch ich spürte nichts. Die DDR war nie meine Heimat. Mit einem gemieteten 3er-BMW fuhr ich von Berlin auf den Balkan, als schwere Kämpfe zwischen Kroaten und Serben ausbrachen; das war naiv und lebensbedrohlich, aber auch der erste Schritt in eine internationale Laufbahn als Magazin-Fotograf. Vor meiner Reise mit Roy hatte ich schon einige Erfahrung in Kriegsgebieten gesammelt.

Als wir im Bus des Bürgermeisters vor dem Lager aussteigen, sehen wir Stacheldraht, Wachtürme und viele Soldaten. Schilder warnen vor Minen. Man präsentiert uns fünf Gefangene in Camouflage-Kleidung, mit denen sich Roy unterhält. Irgendetwas aber stimmt hier nicht, das spüre ich. Im Hintergrund sind Lastwagen zu erkennen, offene Pritsche, auf denen Männer in Zivilkleidung sitzen. Ich beobachte, wie man sie mit Knüppeln in Baracken treibt. Mit langer Brennweite, mit einem Teleobjektiv könnte ich die Aufnahmen machen, aber die serbischen Militärs beobachten jede Bewegung. Wie soll ich die Kamera mit dem großen Objektiv heben, ohne dass sie es bemerken? Die Situation kann in jeder Sekunde bedrohlich werden. Dann sind Roy und ich in großer Gefahr.

Ich biete den Soldaten Zigaretten an. Ich spreche kurz mit einem, stelle mich dann etwas abseits. Ich passe den Moment ab. Die Bilder, die ich aus Banja Luka mitbringe, sind der erste Fotobeweis für ein Tötungslager. Nachdem sie erscheinen, werden sich die Fernsehteams von CNN, von ABC und aller großer Nachrichtensender auf den Weg machen. Roy und ich erhalten für unsere Reportage den Pulitzer-Preis, aber was mir wichtiger ist: Die Geschichte hat möglicherweise vielen hundert Männern das Leben gerettet, denn das Lager musste wegen des Drucks der Weltöffentlichkeit schließen.

Ich bin ziemlich sicher, dass ich diese Aufnahmen nur deshalb machen konnte, weil ich es gelernt hatte, die Psyche von Wächtern zu lesen und zu verstehen. Ohne meine Jahre in den Gefängnissen wären mir diese Aufnahmen vermutlich nicht unbeobachtet gelungen. Ich hatte, ohne es zu wollen, gelernt, unsichtbar zu werden.

Viele Jahre lang habe ich nicht über meine Geschichte in der DDR gesprochen. Ich hielt sie nicht für relevant, nicht für wichtig genug, weil es andere, viel schwerwiegendere Schicksale gab. Doch nun habe ich mich dazu entschlossen, sie zu erzählen und dieses Buch zu fotografieren. Denn mir scheint es so zu sein, als verwässere die Erinnerung an das DDR-Unrecht schon 25 Jahre nach dem Fall der Mauer. Für die Generation meines Sohnes, 1998 geboren, ist das Geschehene schon weit weg. Für mich unvorstellbar, dass es so schnell gehen konnte. Dieses Buch soll auch gegen das Vergessen sein. Und sich gegen eine »Ostalgie« richten, die ich immer stärker spüre – und die ich in Gesprächen kaum ertrage.

Nur raus hier! soll zeigen, wie der Unrechtsstaat DDR mit seinen Bürgern umsprang. Wie er sie wegsperrte, misshandelte und verkaufte. Es zeigt die persönlichen Schicksale von 17 Menschen, die alles gewagt haben, um zu entkommen.

Ihren Drang nach Freiheit, ihren Mut und ihre Sehnsucht.

Andree Kaiser (Fotograf), Jahrgang 1964, geboren in Ost-Berlin. Für seine Foto-Arbeiten wurde er mit diversen Ehrungen ausgezeichnet. Kaiser fotografiert für internationale und nationale Magazine. Er lebt mit seiner Familie in Freiburg.

Thomas Popiesch, Jahrgang 1965, saß seine Haftstrafe im Stasi-Gefängnis Bautzen ab. Im Frühjahr 1989 flüchtete er über Ungarn in die Bundesrepublik. Er spielte in der höchsten deutschen Eishockey-Liga für renommierte Klubs und trainiert seit einigen Jahren den Zweitliga-Verein in Dresden.

Anmerkung: Hubert Schulze, der »Rote Terror«, wurde 1997 vom Landgericht Cottbus wegen vorsätzlicher Körperverletzung in 26 Fällen zu einer Haftstrafe von zwei Jahren und acht Monaten verurteilt. Er bestritt die Vorwürfe bis zuletzt.

1980 Fluchtversuch über

die bulgarisch-griechische Grenze

GERD ZIMMERMANN

DER HIPPIE VON BABELSBERG

Inspiriert von Mick Jagger kommt der Filmstudent nur noch barfuß in die Uni. Das geht nicht lange gut. Der Flucht­versuch mit einem Freund über Bulgariens Berge endet auf Umwegen in Los Angeles und auf dem »Traumschiff«. Die verrückte Geschichte von Gerd Zimmermann.

Im Grunde ist Mick Jagger schuld, dass alles so kam. Sein Auftritt mit den »Rolling Stones« im West-Fernsehen hat mich verändert. Ich war gerade nach Babelsberg gezogen, um Schauspiel an der Hochschule für Film und Fernsehen zu studieren. Ich stamme aus Dresden, eine Ecke der DDR, die man nicht umsonst das »Tal der Ahnungslosen« nannte. Wir konnten dort keine West-Sender empfangen und waren noch viel verklärter als der Rest des Landes. Nun sah ich erstmals die »Rolling Stones« in der Sendung »Musikladen«. Jagger trug sein Hemd tief aufgeknöpft, die Haare waren verschwitzt, er sang »Jumpin’ Jack Flash«. Jede Faser an ihm verkörperte Lässigkeit. Ich war fassungslos. Ich wollte so sein wie Jagger. Also wusch ich mich nur noch alle paar Tage, ließ mir die Haare wachsen und ging barfuß zur Vorlesung. Ein Hippie in der DDR, oder das, was ich für einen Hippie hielt.

In der Universität kam diese Interpretation von Mick Jagger nicht ganz so gut an. Ich flog mehrfach aus Vorlesungen. »Ziehen Sie sich mal anständig an!«, hieß es. Ich sammelte einen Verweis nach dem anderen, weil ich gegen die sozialistische Lebensweise verstieß. Der Rausschmiss drohte, und ich durfte nicht in unserer Inszenierung von Maxim Gorkis Roman »Die Mutter« mitspielen. ›Prima‹, dachte ich, ›ein paar Wochen länger Semester­ferien.‹ Leider sahen meine Professoren das anders. Ich musste mich in jede Probe setzen, von früh morgens bis zum Abend. Als Strafe: zuschauen, wie die anderen etwas bewegen. Doch genau dabei entdeckte ich meine Begabung.

In unserer Gorki-Inszenierung gab es nur einen Regisseur, einen echten Künstler, der sich im Nebel des Ästhetischen verlor. Keiner kümmerte sich um die echten Probleme einer Inszenierung und regelte die Dinge im wirklichen Leben, keiner hielt den Laden am Laufen, schrieb Probenpläne, organisierte Kostüme oder das Szenenbild. Bevor ich mich langweilte, koordinierte ich also das Drumherum. Und wurde so Produzent.

Heute lebe ich die eine Hälfte des Jahres in Berlin und die andere in Los Angeles, in einem Apartment direkt am Strand, mit Blick auf den Pazifik. 15 Jahre lang habe ich für »Das Traumschiff« gearbeitet und die Produktion für die Folgen aus Nordamerika, aus der Südsee und aus Südostasien betreut. Papua-Neuguinea mochte ich sehr. Samoa war auch toll. Und Vietnam erst. Dies alles konnte ich nur schaffen, weil ich in der DDR ein Hippie sein wollte. Das Leben kann verrückt sein.

Aber der Reihe nach.

Ich wuchs am Stadtrand von Dresden auf, in Coschütz. Mein Vater war Schneidermeister, meine Mutter arbeitete als Verkäuferin. Was praktisch war, weil sie manchmal Sachen schon kaufen konnte, bevor sie ins Regal geräumt wurden. So kam es, dass wir oft Mangelwaren hatten: Ölsardinen zum Beispiel, Bananen oder Apfelsinen. Dinge, die es selten in die Läden schafften.

Mit zehn Jahren las ich eine Annonce in unserer Zeitung: Das Staats­theater Dresden suchte Kinderdarsteller. Ich wollte das unbedingt machen. Schauspieler sein. Ich ging mit meiner Mutter zu den Proben, um vorzusprechen. Ich bekam die Rolle als Anton in einem Stück, das »Irkutsker Geschichten« hieß. Ich spielte auch in ein paar Brecht-Inszenierungen mit. Mit 15 ging meine Karriere als Kinderdarsteller zwar zu Ende, doch ich blieb am Theater, übernahm kleine Nebenrollen oder machte hinter den Kulissen den Garderobier.

Nach acht Schuljahren durfte ich auf die Erweiterte Oberschule wechseln; aus meiner Klasse von 30 Schülern war dies nur noch drei anderen vorbehalten. Der Rest war nicht dazu auserkoren, das Abitur zu machen.

Ich wollte Schauspieler werden, doch an der Berliner »Ernst Busch«-Hochschule fiel ich durch die Aufnahmeprüfung. In Babelsberg nahmen sie mich. Dass mir der Job nicht passte, merkte ich bald: Ich war gerne Schauspieler, aber wenn man davon leben möchte, muss man immer warten und hoffen und lebt furchtbar abhängig. Man hangelt sich von Engagement zu Engagement. Das war nicht mein Ding, wobei es damals in der DDR noch einfacher zuging als in der Kulturszene des Westens. Wir lebten in einer Planwirtschaft. Es wurden nur so viele Schauspieler ausgebildet, wie tatsächlich gebraucht wurden. Man bekam einen Job an irgendeinem Theater zugeteilt. Das war garantiert.

Die Strafarbeit für mein Hippie-Dasein machte ich gar so gut, dass ich nach der Inszenierung als Einziger eine Prämie bekam: 500 Ost-Mark, ein Vermögen! Das war damals fast so viel, wie mein Vater im Monat verdiente.

Ich schloss mein Schauspielstudium ab und ich schrieb mich gleich wieder ein, um Produktionsleitung zu studieren.

Es waren wilde Zeiten. Meine Kommilitonen und ich lebten in alten Villen, die nach dem Zweiten Weltkrieg beschlagnahmt worden waren und allmählich verfielen. Die Hochschule nutzte sie als Internate. Ich wohnte im ersten Stock. Als sie im Erdgeschoss einen Studentenclub eröffneten, war an Schlaf nicht mehr zu denken. Ich weilte mehr an der halbmondförmigen Bar als in meiner eigenen Bude. Ich legte auch eine ganze Weile Musik vom Tonband auf. Dass wir mehr Ost-Musik als West-Musik spielen mussten, interessierte uns nicht. Ich holte natürlich immer die »Rolling Stones« raus. Einen Verweis bekam ich für das, was von einer Party übrig blieb. Wir saßen im Seminar, waren vom Vorabend lädiert und so daneben, dass man unsere Räume durchsuchte. Überall leere Flaschen und Becher, der Boden klebte und es stank nach altem Alkohol. Natürlich bedeutete auch dies einen Verstoß gegen die sozialistische Lebensweise.