Ohne meinen Zweifel glaub ich gar nichts - Katrin Faludi - E-Book

Ohne meinen Zweifel glaub ich gar nichts E-Book

Katrin Faludi

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Beschreibung

"Der Glaube ist eine feste Zuversicht auf das, was man hofft, und ein Nichtzweifeln an dem, was man nicht sieht." So steht es in der Bibel (Hebräer 11,1), und man könnte meinen, bei dieser Definition von Glauben haben Zweifel keinen Platz. Und doch gibt es sie. Sie kommen und sie nagen, sie kratzen und sie plagen. Katrin Faludi kennt dieses jahrelange Ringen mit ihren Zweifeln. An Gott. Der Welt. Und sich selbst. In ihrem Buch nimmt sie den Leser mit auf ihren ganz persönlichen Glaubens- bzw. Zweifelsweg, für den ihre Erfahrungen auf dem "Jesus Trail" in Israel ein perfektes Sinnbild wurden. Am Ende ließ sie dieser Weg endlich ankommen - bei einem Gott, für den Zweifel völlig okay sind, und einer neuen Haltung zu ihren Zweifeln. Sie hat erkannt: Wir müssen unsere Zweifel nicht verurteilen. Wir können ihnen behutsam nachspüren und entdecken, wo sie uns und unseren Glauben hinführen. Wenn wir auf diese Weise lernen, mit unseren Zweifeln konstruktiv umzugehen und das Potenzial in ihnen zu entdecken, stellen wir bald fest: Im Zweifelsfall können sie unseren Glauben sogar noch stärken und neu zum Glänzen bringen lassen. Zweifel sind nichts Neues, nichts Ungewöhnliches. Gott kennt unsere Zweifel, ihre Ursprünge und Motive nicht nur besser als wir, er kennt auch die Antworten auf unsere Fragen. Karin Faludi

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Seitenzahl: 286

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Beliebtheit




Über die Autorin

Katrin Faludi (✳1982) ist Radioredakteurin und lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern im Rhein-Main-Gebiet. Sie liebt Reisen, fremde Sprachen und Wortakrobatik jeder Art.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Kapitel 1: Hier schneit es nicht! Oder: Was man so alles zu wissen glaubt

Israel, 2. März 2012

Gott trägt Hornbrille

Weitergedacht: Das große Ganze

Kapitel 2: Bedrohliche Lage Oder: Gute Zweifel, schlechte Zweifel

Jerusalem, 2. März 2012

Unberechenbar

Weitergedacht: Der beste Freund des Menschen

Kapitel 3:Grenzzäune Oder: Wie wir uns selbst in Schach halten

Modi’in, 10. März 2012

Metallsplitter

Weitergedacht: Ritterrüstung

Kapitel 4:Ruf ins AbenteuerOder: Es muss sich etwas ändern!

Jerusalem – Nazareth, 2. März 2012

Aufbruch

Weitergedacht: Gott trifft heimlich Vorbereitungen

Kapitel 5:Auf Toilette mit bin Laden Oder: Wie Weltbilder ins Wanken geraten

Nazareth, 3. März 2012

Hey, man!

Weitergedacht: Wegbereiter

Kapitel 6:Lost in Nazareth Oder: Herumstolpern auf dem Glaubensweg

Nazareth, 3. März 2012

Armerudern für Anfänger

Weitergedacht: Einfach glauben ist oft schwer

Kapitel 7:Frostnacht Oder: Warum es sich trotzdem lohnt

Kafr Kana, 3. März 2012

Ogottogott? – Igittigitt!

Weitergedacht: Was gut ist, fühlt sich nicht immer gut an

Kapitel 8:Blasenpflaster Oder: Wenn’s mal wieder länger dauert

Ilaniya, 4. März 2012

U-Boot-Christin und Undercover-Zweiflerin

Weitergedacht: Das Fundament muss tragen

Kapitel 9:Aufgestanden in Ruinen Oder: Fühlt sich das nicht irgendwie falsch an?

Arbel, 5. März 2012

Berufspendeln

Weitergedacht: Unbemerkt auf heiligem Boden

Kapitel 10: Das tierischste Kapitel von allen Oder: Über den artgerechten Umgang mit Zweifeln

Migdal, 6. März 2012

Wird aus mir je ein Schaf?

Weitergedacht: Lass den Sittich raus!

Kapitel 11:Zum Shoppen nach Kapernaum Oder: Wenn ein Gottesbild dran glauben muss

Kfar Nahum, 7. März 2012

Konfi-Türe

Weitergedacht: Gott ist nicht der Osterhase

Kapitel 12: In den Armen des Meschuschims Oder: Wenn Krisen zum reißenden Fluss werden

Meschuschim, 8. März 2012

Ende des Schweigens

Weitergedacht: Der reißende Fluss ist Teil des Wegs

Kapitel 13:Aus dem Loch geholt Oder: Zweifler brauchen Freunde

Meschuschim, 8. März 2012

Ich bin nicht allein!

Weitergedacht: Dachabdecker

Kapitel 14: Dieser Fluss ist ein Oktopus Oder: Glaube darf sterben und warum das gar nicht schlimm ist

Meschuschim, 8. März 2012

Still

Weitergedacht: Am Ende der Hoffnung

Kapitel 15:Das Zeichen Oder: Gott bricht sein Schweigen

Meschuschim, 8. März 2012

Offenbarung

Weitergedacht: Augen auf und durch!

Kapitel 16:Geschafft! Oder: Wenn die Freiheit zu sprudeln beginnt

Yehudiya Junction, 8. März 2012

Brausetablette

Weitergedacht: Der feinfühlige Gott

Zweifelland - ein Reiseführer

Danke!

Vorwort

„Du stellst meine Füße auf weiten Raum.“ (Psalm 31,9, LÜ)

Seit ich glaube, zweifle ich. Mein Weg mit Gott begann mit heftigen Zweifeln, die sich in mir festbissen und mich viele Jahre lang nicht losließen. Als ehemalige Atheistin war es für mich alles andere als leicht, diesem unsichtbaren, unantastbaren und eigentlich unglaublichen Wesen Gott in meinem Leben Raum zuzugestehen. Allzu oft stand ich kurz davor, den Glauben wieder hinzuwerfen, weil ich als rational gepolter Mensch mit „Übernatürlichem“ nicht klarkam. Obwohl ich vieles von dem befolgte, was man mir nahelegte, um Gott zu erleben, fühlte sich mein Glaube über lange Strecken an wie ein Vakuum. Gott schien abwesend. Mal fragte ich mich, was ich falsch machte, weil Gott so beharrlich schwieg. Dann wiederum fürchtete ich, nicht mehr alle Tassen im Schrank zu haben, weil ich überhaupt versuchte, an Gott zu glauben.

Mein Glaubensweg war über eine sehr weite Strecke hinweg nichts anderes als ein quälender Zweifel. Heute bin ich dankbar dafür. Dieser Zweifel hat mich immer wieder dazu gezwungen, mir neue Positionen und Perspektiven zu erarbeiten. Zweifel ist Bewegung, während das Verharren in scheinbaren Gewissheiten mich daran hindert, mich auf mein Lebensziel zuzubewegen. Das alte Sprichwort „Wer rastet, der rostet“ bewahrheitet sich auch im Glauben. Ich begann, meinen Glaubensweg aufzuschreiben, den Ursprüngen meiner Zweifel auf den Grund zu gehen und daraus Schlüsse zu ziehen.

Im März 2012 bin ich mit meinem Mann und zwei Freunden nach Israel gereist, um dort den berühmten Jesus Trail zu wandern. Dieser Pilgerweg verläuft über 65 Kilometer einmal quer durch Galiläa, von Nazareth, der Heimatstadt Jesu, bis zum See Genezareth. Als ich während der Arbeit an diesem Buch die Stationen meines Glaubenswegs Revue passieren ließ, stellte ich unerwartet erstaunliche Parallelen zwischen dieser Entwicklung und der Wanderung in Israel fest: Viele Momentaufnahmen dieser Reise bildeten ab, was ich auch auf meinem ganz persönlichen Jesus Trail erlebt hatte. Als hätte ich in dieser Woche unterwegs mein gesamtes Glaubensleben im Zeitraffer abgespult! Also beschloss ich, auch von dieser besonderen Reise zu erzählen. Jedes Kapitel dieses Buchs beginnt deshalb mit einer Episode auf dem Jesus Trail in Galiläa, auf dem ich viel Schönes, Nachdenkenswertes und Kurioses, aber auch manche Kämpfe und sogar Wunder erlebt habe. Daran knüpfe ich die Parallele aus meiner Biografie und zum Schluss einige übergeordnete Gedanken, die meine Erfahrungen mit Glauben und Zweifeln reflektieren.

Ich nehme dich, liebe Leserin, lieber Leser, aber nicht nur mit auf meine Reise ins Zweifelland. Ich möchte dich vor allem einladen, dir eine Landkarte deines eigenen Zweifellandes zu erstellen. Denn Zweifel sind nicht nur Symptom eines Glaubens in Bewegung – Zweifel verraten dir auch sehr viel über deine ureigenen Motive, Wünsche, Prägungen und Verletzungen. Ich bin sicher: Je mehr wir uns selbst besser ergründen und verstehen, desto mehr öffnen wir uns dafür, Gott zu erleben, der sich vor dem Zweifelnden scheinbar verborgen hält. Auch wenn wir es meist nicht erkennen können, ist Gott in Zweifelzeiten ein stiller und treuer Begleiter. Also – komm mit und entdecke die reichhaltige Welt unter der Oberfläche deiner Zweifel!

Kapitel 1:

Hier schneit es nicht! Oder: Was man so alles zu wissen glaubt

Israel, 2. März 2012

Klatsch! Ein dicker, nasser Schneeball landete genau vor den Spitzen meiner nagelneuen Wanderstiefel. Eiskalte Wassertropfen sprenkelten meine Hosenbeine. Nicht gerade begeistert sah ich auf, als schon das nächste Geschoss in meine Richtung flog. Diesmal patschte es gegen die hintere Glasscheibe des Wartehäuschens, unter dem ich zusammen mit meinem Mann Arndt und unseren Freunden Micha und Tobi vor dem Schneetreiben Schutz gesucht hatte. Wir warteten auf den nächsten Bus, der uns zum Busbahnhof bringen sollte. Der kam aber nicht.

Während wir so dastanden und frierend von einem Fuß auf den anderen traten, hatte uns eine Gruppe Kinder, die vor einem Wohnblock auf der gegenüberliegenden Straßenseite spielte, ins Visier genommen. Begeistert gingen die Knirpse in die Offensive. Schneeball um Schneeball zerplatzte auf dem Asphalt vor unseren Füßen, an den Wänden des Wartehäuschens und manchmal auch an den Jacken und Hosen meiner Begleiter. Jeder Treffer wurde mit Jubel quittiert. Meine Freunde ließen das natürlich nicht auf sich sitzen. Am Straßenrand klaubten sie den Schnee zusammen und feuerten zurück. So ging das minutenlang hin und her. Kopfschüttelnd beobachtete ich das Schauspiel und fühlte mich wie in dem sprichwörtlichen falschen Film. Das war doch völlig verrückt! Hätte mir das einer vor zwei Tagen erzählt, als ich meinen Wanderrucksack gepackt hatte – ich hätte ihn lauthals ausgelacht! Selbstverständlich hatte ich keine warme Jacke eingepackt. Wozu denn? Wenn etwas ins Gepäck gehörte, dann Sonnenmilch mit maximalem Lichtschutzfaktor! Und nun stand ich, den Rucksack voll Sonnenmilch und die Arme um mein dünnes Regenjäckchen geschlungen, bibbernd an dieser Bushaltestelle, weil ich im Traum nicht auf die Idee gekommen wäre, dass ich während der Reise in eine Schneeballschlacht verwickelt werden würde. Nicht in Jerusalem!

Eigentlich hatte ich seit unserer Ankunft in Israel nur gefroren. Das fing schon an, als ich am Flughafen von Tel Aviv frühmorgens die Nase aus dem Terminalgebäude streckte. Da ging gerade ein satter Wolkenbruch nieder. Auch bei unserer Sightseeing-Runde durch Jerusalem Stunden später marschierten wir von einem Regenguss in den nächsten. Immer wieder begegneten uns Menschen, die sich ganz pragmatisch Müllsäcke über die Kleidung gezogen hatten. Damit waren sie besser gerüstet als Arndt und ich, die wir außer dünnen Sweatjäckchen nichts Wetterfestes im Gepäck hatten. Es half nichts: Wir brauchten Regenjacken! Abends fuhr uns Schlomi, ein Freund unseres Reisegefährten Tobi, zu einem Outdoor-Geschäft. Auf dem Weg dorthin erzählten wir ihm von unseren Reiseplänen. Wir wollten eine gute Woche lang auf dem berühmten Jesus Trail durch Galiläa wandern.

„In welchen Herbergen wollt ihr unterwegs denn übernachten?“, fragte Schlomi. „Braucht ihr Tipps?“

Herbergen? Nicht doch! Wir hatten Zelte dabei und wollten wild campen. Uns voll aufs Abenteuer einlassen!

Schlomi riss die Augen auf. „Campen? Bei dem Wetter?“ Dann lachte er schallend, schüttelte den Kopf und sparte sich jeden weiteren Kommentar. Etwas kleinlaut betraten wir kurz darauf den Outdoor-Laden, um uns mit Regenjacken und Imprägnierspray einzudecken. Wer hatte denn ahnen können, dass es in diesem Wüstenland tatsächlich so etwas wie Jahreszeiten gab? Man hörte ja immer nur von Backofen-Temperaturen im Sommer. Dass es aber auch eine kühle Jahreszeit gibt, während der es ausgiebig regnet, hatte ich nicht auf dem Schirm gehabt. Jetzt hatte ich den Salat! Statt wie erwartet unter der sengenden Sonne Israels zu verglühen, schlotterte ich vor Kälte! Sollte das nun die gesamte Woche so weitergehen? Musste ich tagelang auf schlammigen Wegen dem Regen trotzen und nachts in meinen klammen Schlafsack kriechen?

„Ach, das hört schon wieder auf zu regnen!“, tröstete Micha mich.

Stimmt. Es hörte auf. Dafür begann es am nächsten Morgen zu schneien. Wir standen am Fenster unserer Unterkunft und drückten staunend die Nasen an der Scheibe platt, während dicke weiße Flocken auf die Heilige Stadt herabrieselten. Kurz darauf nebelten wir auf der Veranda sämtliche Hosen und Jacken mit zwei Dosen Imprägnierspray ein, bevor wir uns auf den Weg zum Bus machten, um nach Nazareth zu fahren, wo unsere Wanderung beginnen sollte.

Und da standen wir nun. Schneebälle prasselten auf uns ein und ich dachte mir: Verrückte Welt! Hätte mir vor dieser Reise jemand erzählt, dass ich einmal in Jerusalem in eine Schneeballschlacht verwickelt sein würde, ich hätte es nicht geglaubt. Israel ist ein Wüstenland. Dort schneit es nicht. Davon war ich fest überzeugt. Bis zu dem Augenblick, als ich die Schneeflocken mit eigenen Augen sah und auf meiner Haut spürte. Das war keine Halluzination! Das war echt! Das war kalt! Und ich stand mittendrin.

Genauso hatte ich einst meine Vorurteile und mein Halbwissen über Gott und den christlichen Glauben gepflegt. Bis ich 16 Jahre alt war, war ich fest davon überzeugt: Gott gibt es nicht. Für mich stand Gott in einer Reihe mit Osterhase, Weihnachtsmann und Zahnfee. Bis ich unerwartet auf meinen eigenen, ganz persönlichen Jesus Trail geriet. Plötzlich und unvorbereitet stolperte ich auf diesen Glaubensweg, meinen Rucksack voller Sonnenmilch, wo ich eine warme Jacke benötigt hätte.

Gott trägt Hornbrille

Im Grunde ist Opa Gotthard schuld. Opa Gotthard war mein Großonkel. Er starb, als ich noch sehr klein war. In meiner einzigen blassen Erinnerung an ihn sehe ich nur einen alten Mann mit schütterem Haar, tiefen Falten um den Mund und einer gigantischen Hornbrille auf der Nase. Ich war davon überzeugt: Er war Gott! Wie konnte es anders sein, wenn er schon so hieß? Opa Gotthards Gesicht hat meine früheste Vorstellung von Gott geprägt. Jedes Mal, wenn irgendwo von Gott die Rede war, produzierte meine Erinnerung automatisch das Bild dieses alten Mannes. Heute bin ich beeindruckt davon, wie bombenfest so eine frühkindliche Synapsen-Verschaltung im Hirn hält. Das Bild von Gott mit Hornbrille blieb hängen wie ein besonders hartnäckiger Programmierfehler.

In meiner Familie spielte Gott keine besondere Rolle. Ich kann mich nicht daran erinnern, dass wir gemeinsam gebetet hätten oder je wirklich von Gott die Rede gewesen wäre. Dabei war die Kirche für meine Mutter in ihrer Kindheit und Jugend eine Art zweites Zuhause gewesen. Sie hatte an sämtlichen Jugendangeboten ihrer Gemeinde teilgenommen und dort einen Großteil ihrer Freunde gehabt. Aber nach ihrer Hochzeit und dem Umzug von Berlin ins Rhein-Main-Gebiet brach dieser intensive Kontakt zur Kirche ab. An ihrem neuen Wohnort fand sie keinen Anschluss an die Ortsgemeinde. Die nächste evangelische Kirche lag in einem anderen Stadtteil und das Angebot an Aktivitäten für Mütter mit kleinen Kindern war überschaubar. So blieb es bei gelegentlichen Gottesdienstbesuchen ohne weiteren Kontakt zum Gemeindeleben.

Mein Vater ging gar nicht zur Kirche. Für ihn war nach der Konfirmation Schluss gewesen. Er behauptete einmal, sein Pfarrer habe ihm im Konfirmandenunterricht eine Bibel an den Kopf geworfen. Das wird aber nicht der einzige Grund für ihn gewesen sein, sich von der Kirche abzuwenden. Die Bibel blieb für ihn jedenfalls zeitlebens nichts anderes als ein besseres Wurfgeschoss und in Gottesdiensten ließ er sich grundsätzlich nicht blicken.

Der Gottesdienst war das einzig Religiöse, was meine Mutter mit uns Kindern teilte. Immerhin wusste ich, dass es wegen Gott die Kirche gab. Manchmal nahm meine Mutter mich sonntags mit dorthin, aber ich begriff den Sinn dieser Veranstaltung nicht. Da musste ich eine quälend lange Stunde auf der unbequemen Kirchenbank sitzen, durfte keinen Mucks von mir geben und musste mir abwechselnd die blechern verstärkte Stimme des Pfarrers aus den Lautsprechern anhören und die donnernden Orgelklänge über mich hinwegrollen lassen. Die Musik dröhnte zu laut und Furcht einflößend in meinen Ohren und alles war mit einem unantastbaren Ernst aufgeladen, den ich als erdrückend empfand. Die gebeugten alten Leute in den Kirchenbänken wirkten auf mich, als würden sie pflichtbewusst ihre Zeit absitzen. Während ich in dieser düsteren Kirche saß, wünschte ich mir, draußen in der Sonne herumtoben und spielen zu dürfen. Aber ich musste da drinnen hocken und leise sein. So lernte ich als kleines Kind, Gottesdienste zu hassen.

Weil mir niemand wirklich von Gott erzählte, musste ich mir mein Bild von ihm selbst zusammenbasteln – und das trieb seltsame Blüten, die niemand zurechtstutzte und korrigierte, sodass sie ungehindert wuchern konnten. Als ich in die Schule kam, war die ursprüngliche Leere des Begriffs „Gott“ für mich mit einem sehr diffusen Nebel gefüllt. Gott war in meiner Vorstellung dieser alte Mann mit Hornbrille, der stoisch durch mich hindurchsah, wenn ich zu ihm zu beten versuchte. Obendrein war er für mich zum Inbegriff für gähnende Langeweile geworden. Denn wenn man die Kirchen für Gott gebaut hatte und dort diese schrecklich langweiligen, unverständlichen Gottesdienste abhielt, dann konnte das in meiner kindlichen Vorstellungswelt nur bedeuten, dass Gott es genau so haben wollte. Wenn es Gott nur gab, um mich mit Langeweile zu lähmen und mit Ernst zu erdrücken, dann wollte ich mit ihm lieber nichts zu tun haben! Ich war noch nicht fähig, zwischen Gott und seinem Bodenpersonal zu unterscheiden.

Später, im Religionsunterricht, lernte ich Bibelgeschichten kennen und das Vaterunser beten. Diese Geschichten, erfuhr ich, waren vor Tausenden von Jahren passiert. Für mich waren sie deshalb nichts weiter als Märchen aus einer längst vergangenen Zeit. Zwar besprachen wir die moralischen Aspekte der Erzählungen, aber ich konnte sie nicht wirklich in Beziehung zu meinem eigenen Leben setzen.

Im Wesentlichen blieb bei mir hängen: Die Menschen in der Bibel taten Böses und Gott bestrafte sie dafür, damit sie sich änderten. Nur Jesus machte nie etwas falsch und hatte immer recht. Das bewahrte ihn trotzdem nicht davor, ans Kreuz genagelt zu werden. Dass er am Ende von den Toten auferweckt wurde, machte ihn mir auch nicht sympathischer. Im Gegenteil, denn die Auferstehungsszene war für mich untrennbar mit einer riesenhaften Wandmalerei im Altarraum unserer Kirche verbunden, die noch zur Zeit des Dritten Reichs angefertigt worden war. Sie zeigt einen hellhäutigen, rothaarigen Jesus mit blauen Augen und hohlen Wangen, der mit todernstem Gesicht in einem strahlenden Lichtkreuz steht, während sich römische Soldaten geblendet vor ihm wegducken und aussehen, als wollten sie flüchten. Ich fand diese Szene eher furchterregend als hoffnungsspendend. Dieses Bild von Jesus war prägend für meine Kindheit. Er wirkte auf mich nicht wie ein Menschenfreund, sondern wie eine überhebliche, unantastbare Gestalt mit Alabasterhaut, an der alles abprallte.

Trotz allem blätterte ich gerne in der Kinderbibel meiner Schwester herum. „Der Größte war Jesus“, hatte sie mit ihrer rührenden Kinderhandschrift auf die erste Seite geschrieben. Es war ein dickes Buch mit vielen dramatischen, lebensecht wirkenden Illustrationen. Ich konnte mich lange in den Bildern verlieren, denn ich hatte immer schon sehr gerne gezeichnet und studierte die vielen Details genau. Besonders beeindruckend fand ich die Illustration zu der Geschichte von der Schrift an der Wand: König Belsazar und sein Hofstaat schauen verblüfft auf die Wand des Thronsaals, vor der wie aus dem Nichts eine riesige Hand erscheint und etwas an die Wand schreibt. So sah das also aus, wenn Gott ein Zeichen gab! Ein bisschen unheimlich, aber irgendwie auch faszinierend. Ich glaubte, wenn ich betete, würde Gott noch einmal seine Hand aus dem Himmel herausstrecken. Doch sosehr ich es auch versuchte, nie riss der Himmel über mir auf und keine Riesenhand schrieb etwas in die Wolken.

Auch sonst hatten die biblischen Geschichten keinen Bezug zu meinem kleinen Leben in der Hochhaussiedlung am Stadtrand von Offenbach. Ich liebte zwar die Illustration, wie Daniel inmitten des Löwenrudels steht und zu Gott betet. In meiner Siedlung aber gab es keine Löwen. Da gab es nur Jugendliche wie Giovanni, der mir aus Spaß mit Prügel drohte oder mich hinterrücks überfiel und würgte, um mich zu erschrecken. Oder große Mädchen wie Steffi aus der vierten Klasse, die dafür bekannt war, kleine Kinder aus reiner Bosheit zu quälen und vom Klettergerüst zu schubsen. Offenbach-Waldhof war eine unfreundliche Betonwüste mit vielen Kindern, um die sich niemand so recht kümmerte – aber bei Weitem keine lebensgefährliche Löwengrube. Gott mochte Daniel vor den Löwen beschützt haben, ich aber musste selbst zusehen, wie ich mit den Giovannis und Steffis in meiner Welt klarkam.

Ähnlich ging es mir mit der Geschichte von David und Goliath. Der riesenhafte Goliath aus meiner Kinderbibel hatte mit seinem Bart und dem wilden Blick Ähnlichkeit mit meinem Vater, der sich ebenso vor mir aufbauen konnte, um mir Angst einzujagen. Aber ich war kein mutiger, gewitzter David, der Gott auf seiner Seite wusste und seinen Widersacher mit einem einzigen Steinwurf zur Strecke brachte. Ich war ein verschüchtertes kleines Kind, das den Drohungen und harten Händen des Riesen nichts entgegenzusetzen hatte. Gott half mir nicht, wo ich Hilfe gebraucht hätte. Der alte Mann stierte durch seine Hornbrille geradewegs durch mich hindurch, wenn ich mit ihm reden wollte. Er war nicht richtig da, ließ mich links liegen und war für mich nichts als ein greiser Langweiler, der vielleicht vor ein paar Tausend Jahren einmal kleinen Kindern im Kampf gegen die Riesen in ihrem Leben beigestanden hatte, aber jetzt keinen Finger mehr rührte. Es ergab für mich überhaupt keinen Sinn, mich weiter mit Gott zu beschäftigen. Er tat ja nichts.

Meine große Schwester erklärte mir schließlich, warum das so war: „Gott spricht nicht mehr mit den Menschen. Irgendwann hat er damit aufgehört.“ Woher sie ihr Wissen hatte, verriet sie mir nicht. Aber immerhin war sie fünf Jahre älter als ich und deshalb glaubte ich alles, was sie sagte. Doch je älter ich wurde, desto skeptischer wurde ich. Ich begann, die Aussagen meiner Schwester an der Realität zu überprüfen. Auch das, was sie von Gott behauptet hatte. Deshalb setzte ich mich eines Tages in meinem Kinderzimmer auf den Teppich, faltete die Hände, wie ich es beim Vaterunser-Beten im Religionsunterricht gelernt hatte, und rief „Hallo, Gott!“ in die Stille.

Keine Antwort.

Ich holte tief Luft und probierte es noch einmal, diesmal etwas nachdrücklicher. Vielleicht hatte ich ja zu leise gesprochen. Wenn Gott irgendwo im Himmel saß, hatte er mein Kinderstimmchen womöglich gar nicht gehört. Aber Gott antwortete immer noch nicht. Auch nicht, als ich ihn ungeduldig anmaulte, dass er ruhig reagieren könne, wenn man ihn schon ansprach! Doch ich hörte nichts als Stille.

Nach mehreren Versuchen gab ich frustriert auf. Gott redete offenbar wirklich nicht mit Menschen. Das fand ich ziemlich blöd von ihm. Aber so richtig überrascht war ich auch nicht. Schließlich hatte Gott früher schon nicht auf meine Kontaktversuche reagiert. Und was hätte er mir auch schon groß sagen sollen? Er war ja sowieso strunzlangweilig!

Ich muss dieses Experiment im Laufe meiner Grundschulzeit mehrfach wiederholt haben. Das Ergebnis war immer dasselbe: Gott ließ sich nicht zu einer Antwort herab. Irgendwann kam mir der Gedanke, dass das womöglich gar nicht an Gott selbst lag, sondern einfach an der Tatsache, dass es gar keinen Gott gab.

Ich glaubte schon lange nicht mehr, dass die Welt von Gott erschaffen worden war und Adam und Eva die ersten Menschen gewesen sein sollten. Ich besaß einen Stapel Bücher über die Urzeit der Erde. Darin las ich vom Urknall, von der Entstehung der Erde aus kosmischem Material und von der Evolution des Lebens. Das ließ Geschichten wie die von der Arche Noah nur noch wie alberne Märchen wirken. Auch die Berichte über Jesus und die Wunder, die er vollbracht hatte, verloren für mich jede Glaubwürdigkeit. Übers Wasser laufen – na klar.

So verlor ich meinen Kinderglauben. Er hatte meinem Realitätscheck nicht standgehalten. Ich hatte andere Erklärungen für den Lauf der Welt gefunden, die mir schlüssiger erschienen. Noch im Grundschulalter wurde ich sang- und klanglos zur Atheistin. Dabei nahm ich nicht bewusst von meinem Glauben an Gott Abschied. Es war vielmehr ein schleichender Prozess. Irgendwann war der Glaube einfach weg und ich vermisste ihn auch nicht. Er hatte mir ohnehin nie etwas bedeutet. Und es versuchte auch niemand ernsthaft, mich vom Gegenteil zu überzeugen. Denn Gott war in meinem Lebensumfeld so unbedeutend, dass er gar nicht erst zum Thema wurde.

Mein kindlicher Realitätscheck war allerdings ziemlich armselig, denn ich bin von falschen Voraussetzungen ausgegangen. Ich hatte erwartet, dass Gott mit menschlicher Stimme zu mir sprechen müsste. Als diese Erwartung unerfüllt blieb, kam ich zum Schluss, dass es Gott nicht geben konnte. So einfach war das. Zu einfach. Denn ich war damals nicht auf die Idee gekommen, dass sich Dinge auch ganz anders darstellen können, wenn man sie aus einer anderen Perspektive betrachtet.

Weitergedacht: Das große Ganze

Manchmal ist es nötig, sich von seinem Weltbild zu entfernen und eine kritische Distanz dazu einzunehmen. Denn nur so ist es möglich, das Bild auf seinen Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen. Ein Effekt, von dem wohl jeder Astronaut, der bisher im Weltall war, ein Lied singen kann. Diese knapp 600 Menschen sind die einzigen, die einen derartigen räumlichen Abstand zu unserer Welt gewonnen und sie mit eigenen Augen von außen betrachtet haben. Beneidenswert!

Die Apollo-8-Astronauten Frank Borman, Jim Lovell und Bill Anders waren vor rund 50 Jahren die ersten Menschen, die den Erdorbit verließen und Kurs auf einen anderen Himmelskörper nahmen. Dabei waren sie mit den besten Kameras ausgerüstet, um Fotos von möglichen Landeplätzen auf der Mondoberfläche zu machen. Ihre Anweisung war, so viele Bilder vom Mond nach Hause zu bringen wie möglich. Doch als sie bei einer ihrer Umrundungen aus dem Mondschatten heraustraten, bot sich ihnen ein Anblick, den noch nie ein Mensch zuvor gesehen hatte. Jeder weiß, wie ein Mondaufgang aussieht. Borman, Lovell und Anders aber wurden die ersten Augenzeugen davon, wie die Erde über dem Mondhorizont aufging. Bill Anders griff zur Kamera und schoss das Foto der Mission. Mit Earthrise gelang ihm eine Aufnahme, die heute zu den berühmtesten Bildern der Menschheitsgeschichte gehört. Es steckt schon eine gewisse Ironie in der Tatsache, dass sich diese Männer als erste Menschen Hunderttausende Kilometer von ihrem Heimatplaneten entfernten, um eine fremde Welt zu erkunden, nur um auf dieser Mission einen völlig unerwarteten, neuen Blick auf ihre Heimat zu erlangen.

Auch die übrigen Astronauten, die sich in den folgenden vier Jahren auf den Weg zum Mond machten, entdeckten dabei nicht nur unseren Trabanten, sondern auch unseren Heimatplaneten neu. Gene Cernan, der Kommandant der letzten Mondmission, erinnerte sich noch viele Jahre später an die tiefe Ergriffenheit, die ihm beim Anblick der Erde überkam. Er habe das Gefühl gehabt, auf einem Plateau irgendwo im All zu stehen. Einem Plateau, das Wissenschaft und Technologie ihm ermöglicht hatten zu erreichen. Dort habe er etwas gesehen, „worauf Wissenschaft und Technologie keine Antworten haben“. Cernan wurde klar, dass es jemanden über ihm, einen Schöpfer, geben musste, „der über all den Religionen steht, die wir uns selbst geschaffen haben, um unser Leben davon bestimmen zu lassen“1. Auch sein Kollege Jim Lovell, der die gefährliche Reise zum Mond sogar zweimal unternahm, kam durch die neue Perspektive zu einer veränderten Sicht auf die Welt. Er stellte fest, dass man vom Mond aus die ganze Welt hinter seinem Daumen verschwinden lassen konnte: „Wie unwichtig wir doch sind!“2

Ich wage zu behaupten, dass es keinen Menschen kaltlässt, wenn er die Erde zum ersten Mal aus der Distanz betrachtet. Selbst Alan Shepard, abgebrühter Marine-Pilot im Zweiten Weltkrieg und erster Amerikaner im All, ließ seinen Gefühlen beim Anblick der Erde freien Lauf: „Aber als ich dann auf dem Mond stand und zum ersten Mal zur Erde zurückschaute, habe ich geweint.“3

Der amerikanische Publizist Frank White prägte 1987 den Begriff Overview-Effect, der die veränderte Einstellung der Astronauten zur Erde beschreibt, nachdem sie unseren Heimatplaneten von außen gesehen haben. Sie äußern laut White Ehrfurcht vor der Zerbrechlichkeit der Erde, Empathie für die Menschheit und ein Gefühl der Einheit.

Der deutsche Astronaut Alexander Gerst brachte genau dies während seiner beiden Raumflüge immer wieder zum Ausdruck. Kurz vor Ende seiner zweiten Mission an Bord der ISS wandte er sich in einem emotionalen Appell an seine noch ungeborenen Enkel und entschuldigte sich im Namen der heutigen Generation für die Zerstörungen, die die Menschheit auf der Erde angerichtet habe.

Faszination, Ehrfurcht und Verantwortungsgefühl scheinen die typischen Reaktionen zu sein, die der Anblick unseres Heimatplaneten in seinen Betrachtern unweigerlich auslöst. Seine Dimensionen lassen Menschen, ihre Errungenschaften und ihre Probleme plötzlich klein und nichtig wirken. Die Menschheit hat bis heute nur zu einem Bruchteil begriffen, wie das unfassbar fein aufeinander abgestimmte Gesamtsystem Erde funktioniert, und wäre niemals in der Lage, etwas Vergleichbares zu erschaffen. Der Mensch hat eine gewisse Macht, zu zerstören, und ist geistig doch viel zu beschränkt, um sich die Dimensionen und Gesetzmäßigkeiten der Erde und des Weltalls in vollem Umfang vorstellen zu können. Der Blick aus einem gewissen Abstand ermöglicht es uns, einen größeren Bildausschnitt zu erkennen.

Ehrfurcht empfinden Menschen gegenüber dem, was ihre Begrenztheit übersteigt. Faszination gegenüber den Dingen, die sie nicht voll und ganz erfassen. Und Verantwortungsgefühl deutet darauf hin, dass sie sich einer höheren Moral gegenüber verpflichtet fühlen. Welcher Moral aber sollte man sich als Mensch verpflichtet fühlen, wenn man gleichzeitig die Erde hinter seinem Daumen verstecken kann? Woher kommt das Gefühl der Verantwortung, wenn die Existenz dieses Planeten und seiner Lebewesen scheinbar zufällig und damit sinnlos ist?

Ehrfurcht und Verantwortungsgefühl sind kein Beweis für einen Schöpfer, der über alldem steht und dem gegenüber sich der Mensch moralisch verpflichtet fühlt. Aber sie können ein Hinweis sein. Denn der Mensch ist das einzige bekannte Wesen, das einen Sinn hat für den Sinn seiner Existenz und in der Lage ist, ebendiese als winzigen Ausschnitt eines Bildes zu erfassen, das die Kapazität seiner Vorstellungskraft in unermesslicher Weise übertrifft.

Wir leben mit unserer Erde, erforschen sie und stehen doch vor vielen Rätseln, die selbst mit heutigen wissenschaftlichen Mitteln nicht zu lösen sind. Aus der Ferne betrachtet sehen wir ihre Gestalt, aber auch das trägt nicht dazu bei, ihr Wesen und ihren unglaublichen Detailreichtum zu erfassen.

Ähnlich ist es mit der Vorstellung, die wir Menschen uns von Gott machen. Wir erkennen ihn nur ausschnittsweise, aber nie in seiner gesamten Gestalt. Welches Bild wir uns auch immer von Gott machen – es wird nur auf einen Teil seines gesamten Wesens zutreffen. Unsere Vorstellung von Gott ist nur eine Reflexion, ein Bild, das uns vom Original zurückgeworfen wird. Das Original ist für den menschlichen Geist unfassbar. Deshalb ist jedes Gottesbild, das wir uns machen, nur ein winziges Fragment des Großen und Ganzen. Und allzu oft stellt sich heraus, dass dieses Fragment noch nicht einmal zutreffend ist. Unsere eigene Wahrnehmung, unsere eigenen Annahmen darüber, wie dieser Gott eigentlich ist, bedürfen immer wieder der Korrektur.

Wenn wir unsere Annahmen nie aus einer kritischen Distanz heraus betrachten – weil wir nicht in der Lage oder nicht willens sind, die Perspektive zu wechseln – , ist die Gefahr groß, dass wir nur an unser Bild von Gott glauben. Nicht aber an Gott selbst, dessen Vielfalt, Größe und Detailreichtum den menschlichen Verstand immer wieder bereichern und herausfordern.

1 Gene Cernan, Dokumentationsfilm „Im Schatten des Mondes“ (In The Shadow Of The Moon, USA 2007). Regie: David Sington, Produktion: Discovery Films, FilmFour, Passion Pictures.

2 Jim Lovell, ebd.

3 Alan Shepard, zitiert nach Niels Boeing: Macht Raumfahrt links? In: Zeit Online, 28. 03. 2019/Zeit Wissen Nr. 2 / 2019, 12. 02. 2019. https://www.zeit.de/zeit-wissen/2019/02/astronauten-overview-effekt-bewusstsein-empathie-raumfahrt/seite-2 (abgerufen am 21. 10. 2019).

Kapitel 2:

Bedrohliche Lage Oder: Gute Zweifel, schlechte Zweifel

Jerusalem, 2. März 2012

Unser Bus kam nicht. Vielleicht war der Fahrer genauso beeindruckt vom Schnee gewesen wie wir. Oder der Bus hatte schlicht und ergreifend keine Winterreifen. Ich fragte mich, ob man hier im Nahen Osten überhaupt Winterreifen kannte. Anscheinend nicht, wenn bei drei Flocken schon der öffentliche Nahverkehr zusammenbrach.

Wir mussten uns ein Taxi nehmen und dann in einem Affenzahn zum Busbahnhof brettern. Wir hatten nämlich ein Problem: Der Sabbat nahte. Es war Freitagmittag und ab dem Nachmittag würde kein Überlandbus mehr fahren. Um unseren Zeitplan nicht zu gefährden, mussten wir aber bis zum Abend im rund 150 Kilometer entfernten Nazareth sein. Also feuerten wir den Taxifahrer an, der für uns über den Schneematsch schlitterte.

Doch all die Eile schien vergebens, als wir am Busbahnhof eintrafen. Schon von Weitem sahen wir die Menschentraube, die sich vor den schmalen Eingangstüren des Gebäudes drängte und darauf wartete, von den Sicherheitsbeamten abgefertigt zu werden. Tobis Information, dass unser Bus in zwei Minuten abfahren würde, sorgte nicht gerade für Zuversicht. Ziemlich hoffnungslos stellten wir uns hinten an. Dutzende Leute warteten vor uns auf Einlass. Im Geiste sah ich unseren Bus schon ohne uns wegfahren. Dann wäre der Jesus Trail für uns gestorben. Micha und Tobi sprachen ein kurzes Stoßgebet.

Da sahen wir, wie einer der Sicherheitsbeamten plötzlich auf uns zeigte und uns vier zu sich winkte. Verwundert umrundeten wir die Menschentraube. Er würde doch wohl nicht …? Und tatsächlich: Der Mann trat einen Schritt zur Seite, gab den Weg durch den Metalldetektor frei und winkte uns vier wortlos hindurch. Dann stellte er sich wieder vor die Sperre und die strenge Kontrolle der übrigen Reisenden ging weiter wie gehabt. Verdutzt über diese unverhoffte Extrawurst rannten wir durch die Halle zu unserem Bus Richtung Nazareth, den wir buchstäblich auf den letzten Drücker erreichten. Unsere Wanderung war gerettet! Als wir im Bus auf die Kunstledersitze plumpsten, feierten meine drei Reisegefährten lautstark Gottes direktes Eingreifen.

In diesem Punkt war Israel jedenfalls haargenau so, wie ich es mir vorgestellt hatte: Das Land ist ein einziger Hochsicherheitstrakt. Sicherheitsschleusen, Wachpersonal, Zäune, Hubschrauberpatrouillen, ja sogar wackelnde Minipanzer auf Kinderspielplätzen – an fast jeder Ecke wird selbst der unaufmerksame Tourist daran erinnert, dass die allgegenwärtige Bedrohung wie eine dunkle Wolke über diesem Staat schwebt. Als wir am Abend unserer Abreise bei Schlomi zu Hause zu Gast waren, erzählte er uns mit stoischer Gelassenheit, dass 20 Kilometer südlich seines Wohnorts schon mal Raketen aus dem Gazastreifen einschlagen würden. Tja, aber was sollte man machen?

Die Menschen in Israel scheinen sich mit der stetigen Bedrohung arrangiert zu haben. Es geht ja auch gar nicht anders. Jeder, der sich permanenter Bedrohung ausgesetzt sieht, braucht Strategien, um damit umzugehen, damit er nicht wahnsinnig wird. Ich kenne das aus meinem eigenen Leben.

Unberechenbar

Ich rannte in mein Kinderzimmer, warf die Tür hinter mir zu, kauerte mich in die Ecke neben meinem Kleiderschrank und erstarrte. Dabei wusste ich genau, dass es keinen Zweck hatte, mich zu verstecken. Nur Sekunden später würde die Tür auffliegen. Mein Vater würde hereingestürzt kommen und auf mich einschlagen. Weil ich seinen Zorn gereizt hatte, mit irgendeiner Kleinigkeit. Ein falsches Wort oder ein unaufgeräumtes Zimmer genügten.

Mal verwandelte er sich in einen rasenden Goliath, der mich quer durch die Ferienwohnung jagte, weil ich die Katze unserer Vermieter falsch hochgehoben hatte. Oft aber zitierte er mich in aller Ruhe zu sich. Dann musste ich mich neben dem Couchtisch aufstellen, er legte seine brennende Zigarette in den Aschenbecher, nahm mit kühlem Blick Maß und ließ seine Pranke, die so groß wie mein ganzer Kopf war, auf mein Gesicht niedersausen. Der Knall fühlte sich jedes Mal an wie eine Explosion in meinem Ohr, auf die ein lautes Rauschen folgte, während sich der Schmerz in Wellen auf meinem Gesicht ausbreitete. Wenn ich anschließend davonlief, äffte mein Vater mein Weinen nach und rief mir hinterher: „Du hast gar keinen Grund zum Heulen!“

Nein, hatte ich nicht. In seinen Augen hatte ich weder Grund zum Heulen noch Grund, überhaupt da zu sein. Er hatte nie Kinder gewollt und war doch zweimal Vater geworden. Noch dazu von zwei Mädchen. Aber es war nicht nur die Tatsache, dass ich ein Mädchen war, die ihn störte. Es war die Tatsache, dass es mich überhaupt gab. Es war der Frust darüber, dass er, statt seinen Lebenstraum, als Kapitän zur See zu fahren, zu verwirklichen, nun als kleiner Angestellter und Familienvater in einer freudlosen Ehe sein Dasein fristete.

Zeit seines Lebens musste er sich fremdbestimmt gefühlt haben. Seine Mutter hatte zu Hause die Hosen angehabt. Sein Vater hatte ihm seine Träume ausgeredet. Seine Frau hatte Kinder bekommen, die er sich nie gewünscht hatte. Nun saß er mit der Verpflichtung da, eine Familie durchzufüttern, während alles, wovon er geträumt hatte, sich in Wohlgefallen aufgelöst hatte. Viele Jahre ertränkte er seinen Frust darüber im Schnaps. Zur Zeit meiner Geburt machte er einen Entzug und rührte danach jahrzehntelang keinen Tropfen Alkohol mehr an. Dafür wurde er umso schwermütiger und reizbarer und qualmte wie ein Kaminschlot. Alles drehte sich um seine Launen, seine Meinung, seine Wünsche, die er oft von uns „Scheißweibern“, wie er uns zuweilen nannte, sabotiert sah.

Es fällt mir schwer, Gutes über ihn zu sagen. Meine eigenen Worte über ihn fühlen sich hart und anklagend an, aber tatsächlich hat mein Vater mit mir nicht ein einziges Mal ein freundliches Gespräch geführt oder echte anerkennende Worte für mich gefunden. Heute weiß ich aus einigen wenigen Erzählfragmenten von ihm und dem, was meine Mutter über seine Eltern erzählte, was ihn zu diesem Menschen gemacht hat, der nach außen friedlich und umgänglich auftrat, aber hinter verschlossenen Türen seiner Aggression ungehemmt freien Lauf ließ. Als Kind hätte mir dieses Wissen nicht geholfen. Ich hatte große Angst vor meinem Vater, weil seine Wutausbrüche oft unberechenbar waren. Weil es ihm Spaß machte, meine Schwester und mich auf verschiedenste Weise zu demütigen. Er brüllte mich nieder, wenn ich es wagte, anderer Ansicht zu sein als er (und das wagte ich durchaus). Er machte sich über Menschen und Dinge lustig, die mir etwas bedeuteten, traute mir kein Urteil zu und redete meine Erfolge klein. Er tat nichts, um mein Selbstbewusstsein aufzubauen. Stattdessen tat er alles, um die zarten Pflänzchen zu zertreten, sobald sie sich aus der Erde hervorwagten.